Schützer des Mittelstandes. Daß die Bündler und die Conser­vativen ein Haupthinderniß dieser Sammlung bilden, wird sie wohl nicht zugeben wollen. Damit schweben aber ihre Betrachtungen in der Luft.

e Gegenüber der anscheinend officiösen Ankündigung einer neuen Umsturzvorlage will die„Nat.=Ztg. zuverlässig erfahren haben, es sei innerhalb der Regierung von keinem anderen gesetz­geberischen Plane die Rede gewesen, als von einer Verschärfung der Bestimmungen der Gewerbeordnung zum Schutze der Arbeits­willigen gegen den Striketerrorismus. Der im Reichsamt des Innern ausgearbeitete Entwurf liege nunmehr dem preußischen Staatsministerium vor. Aber neulich hieß es doch bestimmt, zum Schutz der Arbeitswilligen solle nicht die Gewerbeordnung, sondern das Strafgesetzbuch abgeändert werden.

* Und doch ein„Reichsfeind"! Der Köln.Vztg.“ wird ge­schrieben: Auf dem Berge Zion hat der Kaiser dem Pater Schmidt für seine Ansprache seinen besonderen Dank ausge­sprochen. Nun aber zählt Pater Schmidt officiell noch immer zu den schlimmsten Feinden des deutschen Reiches, da er Mitglied des Lazaristen=Ordens ist, der neben den Damen von Sacré Coeur nach dem Jesuitengesetze in Deutschland weder Niederlassungen haben, noch eine Ordensthätigkeit ausüben darf. Nun kann man doch füglich fragen: Wenn der Kaiser selbst dem Verein vom hl. Lande zu Händen des Pater Schmidt die hochherzige Schenkung machte und mit den ehrendsten Worten die Thätigkeit eben dieses Lazaristen und seines Ordens hervorhob, läßt sich dann noch mit irgend welchem Grunde die Ausschließung einer solchen geistlichen Genossenschaft aus dem Vaterlande rechtfertigen? Liegt nicht vielmehr ein schneidender Hohn darin, die Lazaristen noch immer unter das Jesuitengesetz zu stellen?

* Zu der Palästina=Reise des Kaisers schreibt das christ­lich=sociale„Volk“:

Mit der Reise scheine auch, nach den bekannten Depeschen an deutsche Fürsten zu urtheilen, ein so zu sagen inner=evangelischer Plan verbunden zu werden, eine Absicht, Deutschland von Jerusalem aus gewissermaßen kirchlich zu einigen. Die Antwort des Großherzogs von Baden auf das bezügliche Kaiser=Telegramm spreche schon, wenn es kein Druckfehler sei, von einer„evangelischen Landeskirche" (statt Landeskirchen) Deutschlands.„Wenn solche Pläne wirklich vor­handen wären, so glauben wir fest, daß sie niemals Erfüllung finden werden.“ Gerade diese Jerusalems=Reise habe es ja deutlich gezeigt, wie unvereinbar das Amt des weltlichen Herrschers mit dem des Ober=Bischofs einer„Landeskirche" sei.

Die Einheit ist bekanntlich ein wesentliches Zeichen der wahren Kirche Christi. Wo ist diese?

* Der Herausgeber des„Simplicissimus“, Herr Albert Langen, und der Schriftsteller Wedekind sind, wie aus München gemeldet wird, geflüchtet, weil ihnen wegen des im„Sim­plicissimus erschienenen Gedichtes„Palästinafahrt“ eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung droht. Der Zeichner Th. Heine, der ein Gespräch zwischen Gottfried von Bouillon und Barbarossa über die Kreuzzüge illustrirte, ist in Leipzig verhaftet worden. Er soll ebenfalls wegen Majestätsbeleidigung unter Anklage gestellt werden.

11 Canal Herne=Emden.

Wie uns von zuständiger Seite berichtet wird, findet auf der Durch­gangsstrecke Herne=Emden schon ein regelmäßiger und ziemlich leb­hafter Güterverkehr statt. Hauptsächlich sind es Ziegelsteine, Sand, Schneidehölzer, Gru, ilzer, Schwellen und andere Holzarten, welche von Emden aus is herauf und herunter mit Canalschiffen, sog.

Emepäulen, die Tonnen Ladung fassen, nach den Zwischen­

stationen und Ir Endstation Herne befördert werden. Von diesen

Emspunten sollen nnähernd neunzig Stück auf der ganzen Ems heute vorhanden sein. Leider haben die Schiffer, weil es bis jetzt an Massen­gütern für die Rückfahrt fehlte, meist leer nach Emden zurückkehren müssen, was unter diesen Leuten große Unzufriedenheit hervorgerufen hat. Diesem Uebelstande kann nun baldigst abgeholfen werden, denn die an der Durch­

gaugslinie Herne=Emden belegenen Zechen: sind eifrig beschäftigt, Verlade­Einenihtungen zu treffen, damit der Versandt von Kohlen und Koaks über den Caual so schnell wie möglich vor sich gehen kann. So ist in erster Linie die Zeche=König Ludwig= zu Bruch bei Reckliughausen auf einen besonders großen Canalverkehr eingerichtet. Dieselbe hat einen eigenen Hafen von 6 Morgen Wasserfläche angelegt, der mit einem hydraulischen Waggonkipper neuesten Systems von der Firma Friedr. Krupp=Gruson­wert ausgestattet ist. Mit diesem Kipper können stündlich 10 bis 12 Wagen von 10 bis 15 Tonnen Ladefähigkeit gestürzt werden. Der Hasen ist mit der Zeche durch eine eigene, normalspurige Eisenbahn von 2 Kmtr. Länge verbunden, auf welcher der Betrieb mittels eigener Locomotiven und Wagen stattfindet. Diese sämmtlichen Anlagen und Einrichtungen werden bis Schluß dieses Monats fertig gestellt, so daß ab 1. December d. J. von der Zeche„König Ludwig" und nach Bedarf auch von den übrigen an Station Bruch an­geschlossenen Bergwerken der Versandt von Kohlen und Coaks nach der ganzen Canalstrecke von Herne=Emden, sowie auch in die Seitencanäle hinein nach Oldenburg und Holland in größerem Umfange wird aufge­genommen werden können. Außerdem richtet die unmittelbar am Canal gelegene Zeche„Friedrich der Große bei Herne sich darauf ein, mittelst Dampfkrähnen Kohlen und Coaks in die Canalschiffe zu überladen, während die Zeche„Victor“ bei Rauxel zwar einen geräumigen Hasen am Canal ausgeschachtet, jedoch noch keine weiteren Vorkehrungen zu Beförderung von Kohlen dahin und zur Ueberladung derselben in Canalschiffe ge­troffen hat. Weitere Kohlenzechen und Coalereien sind an der durchgehen­den Canalstrecke Herne=Emden nicht direct angeschlossen. An der Strecke Henrichenburg=Dortmund sind keine Zechen direct, sondern durch die kgl. preußische Staats= bezw. die Stadt Dortmunder Hafenbahn und die Dortmund=Gronau=Enscheder Bahn angeschlossen. Das Kohlen= wie auch das Coaks=Syndicat sind somit schon recht bald im Stande, die Händler und Werke der von vorbezeichneten Canälen berührten Gebiete und darüber hinaus mit Bergwerksproducten beliefern zu können. Dadurch ist den kleinen Emsschiffern reiche Gelegenheit geboten zur Uebernahme von Massentransporten, und es steht zu erwarten, daß die Emsschifffahrt bald einen lebhaften Aufschwung nehmen und für alle Betheiligten wieder eine Quelle lohnenden Verdienstes werden wird. Schon heute hat der kleine Localverkehr am Canal für verschiedene Pro­ducte, wie Ziegelsteine, Sand und Holz, ganz ungeahnte, neue Absatz­gebiete eröffnet. Wenn erst Massengüter, wie Kohlen uni Coaks, und sei es für den Anfang auch nur in bescheidenem Umfange, Beförderung finden, so wird der allmählich lebhafter sich gestaltende Schiffsverkehr immer neue Producte zum Transport heranziehen, fortwährend wieder neue günstige Absatzgebiete dafür erschließen und die neue Schifffahrts­straße bald den Interessenten überraschende wirthschaftliche Vortheile dar­bieten, welche man gar nicht voraussehen konnte. Die Emspünten scheinen ganz besonders geeignet als Pioniere für die Anbahnung des Verkehrs, weil sie alle Seitencanäle des Canals befahren können, weil ferner eine Ladung von 80—100 Tonnen mehr den Bedürfnissen des Einzelnen ange­paßt ist und leichter damit ein Versuch gemacht wird, als wie mit einer größeren Ladung von 600—800 Tonnen, und weil endlich die Emspünten wegen der geringen Bedienung, die sie erfordern, sehr billig zu fahren im Stande sind.

Locales und Provinzielles.

Münster, 8. November.

r. e. Lortzing=Theater. Die gestrige Aufführung von Wagner's „Tannhäuser“ gestaltete sich— wenn auch nicht zu einer muster­haften und vollendeten, so doch immerhin unter Berücksichtigung der hiesigen Theaterverhältnisse— zu einer befriedigenden. Um das Letzte zuerst vorwegzunehmen, wollen wir auf die Mangelhaftigkeit der Deco­rationen hinweisen, die sich aber vorerst wohl nicht verbessern lassen wird.

Sbezschen, von der primtiven Venusgrotte, war auch die Sängerhalle auf etburg recht ärmlich ausstaffirt; das entspricht doch nicht der Wohlhabenheit eines Landgrafen. Nun zur Aufführung selbst. Vom Hof­theater in Dresden waren die Herren Höpfl und Jäger als Gäste herübergekommen. Ersterer gab den Wolfram von Eschenbach, Letzterer den Walther von der Vogelweide. Herr Höpfl verfügt über einen wohl­klingenden Bariton; sein Preislied„Blick ich umher“ und das Lied an den Abendstern erwarben ihm vielen Beifall; nach der schauspielerischen Seite ist ja noch manche Unebenheit auszuglätten, so müßte z. B. der allzu ungestüme Empfang Tannhäuser's bedeutend gemildert werden. Recht wirkungsvoll war sein Anftreten im 8. Act, die Begegnung mit Elisabeth und die Rettung Tannhäuser's vor der Venus. Herr Jäger sang den Walther von der Vogelweide zur Befriedigung: wir müssen uns jedoch eines weiteren Urtheils über seine gesanglichen Leistungen ent­halten, da, abgesehen von dem Preisliede, die Oper ihm wenig Gelegen­heit aot, mehr hervorzutreten; der Sänger dürfte aber mehr Werth auf die Darstellungskunst legen, zumal bezüglich des Harsenschlagens.

Eine gute Venus war Frl. Krausbeck nach jeder Richtung hin. Die kleineren Rollen waren gut besetzt, so sang Frl. Schäfer den Hirten­knaben ganz vortrefflich. Die beiden Hauptpersonen der Oper waren

Frl. Rolland in der Rolle der Elisabeth, welche uns recht gefallen

hat. Ihre ausgiebige und umfangreiche Stimme hat sie sehr in der Gewalt und versteht es, die verschiedenen Stimmungen durch richtige Anwendung der Klangfarben der Töne zum richtigen Ausdruck zu

bringen, so ihren Willkommensgruß an Tannhäuser und ihr Gebet vor dem Muttergottesbilde. Herr Brandenberger war sichtlich in­disponirt, daher blieb sein Tannhäuser anfangs wohl etwas matt, besserte sich aber zusehends und befriedigte vollends im dritten Acte,

seine Erzählung von der Pilgerfahrt war recht erfreulich. Es ist zu hoffen, daß der Sänger mit der Zeit auch noch den ganzen Part des Tannhäuser gerecht werden wird. Daß Herr Bassin wie immer den Landgrafen prächtig sang und wiedergab, sei hier nochmals ausdrücklich hervor­gehoben. Der Chor befriedigte im Allgemeinen; wenn er manchmal de­tonirte, so ist das wohl dem hinter der Bühne begleitenden Harmonium zuzuschreiben, das mit dem Orchester nicht dieselbe Stimmung hat. Letz­teres entledigte sich unter der energischen Direction des Herrn Capell­meisters Dr. Kunwald seiner Aufgabe mit voller Hingebung, und dieser Umstand ließ auch eine kleine Entgleisung in der Ouvertüre schnell ver­gessen. Das Haus war gut besucht.— Nächsten Mittwoch gelangt Weber's „Freischütz" zur Aufführung.

* Bocholt, 7. Nov. Die Unsicherheit nimmt in Bocholt

immer mehr zu, Fälle von schweren Körperverletzungen gehören hier leider gar nicht mehr zu den Seltenheiten. So wurde noch am Samstag Abend ein Monteur von drei Arbeitern durch 5 Messerstiche schwer ver­letzt, und auch im Laufe des gestrigen Tages ereigneten sich verschiedene Fälle leichterer Körperverletzungen. Geradezu grauenvoll aber ist der Vorfall, der sich, wie bereits drahtlich berichtet, gestern Abend zwischen 11 und 12 Uhr auf der Werther Chaussee abspielte. Das„Bocholter Volksbl.“ schreibt darüber: Zwei bei dem Neubau der Spinnerei„Rothe Erde" beschäftigte Arbeiter, der Tischler Peter Liedel aus Cochem und der Zimmermann Wilhelm Rohrbach, geriethen in Streit. Im Verlaufe des­selben zog der Letztgenannte einen Dolch und stieß denselben dem Liedel in die Brust. Der tödtlich Verletzte konnte sich noch bis zu seiner nahen Wohnung hinschleppen, die er von hinten betreten wollte. Hinter dem Hause brach er dann plötzlich todt zusammen. Als der Ausführer der blutigen That bemerkte, daß der von ihm Gestochene gestorben war, er­faßte er, so wird wenigstens erzählt, eine Hand des Todten mit den

Worten:„Verzeihe mir, Peter, ich habe Dich erstochen!“ Dann begab er sich in seine Wohnung und ergriff, ehe die Polizei verständigt war, die Flucht. Den Dolch, mit welchem die That ausgeführt sein soll, fand man heute Morgen in einem in der Nähe des Bahnhofs stehenden Transportwagen. Vermuthlich hat der Mörder die Nacht über in

dem Wagen zugebracht und ist dann mit dem ersten Zuge nach Holland gefahren.

* Plettenberg, 7. Nov. Am Donnerstag Nachmittag war der

Gärtner Philipp Romer in Oesterau mit Fällen von Bäumen

beschäftigt. Beim Umreißen eines derselben strauchelte er und stieß sich die in der seitlichen Rocktasche befindliche Rosenscheere, welche offen gewesen sein muß, in die Herzgegend. Der schleunigst herbeigerufene Arzt ordnete die sofortige Ueberführung ins hiesige Krankenhaus an, wo der Verletzte nach wenigen Minuten verstarb. Die Hauptschlagader war durchschnitten und mußte in Folge dessen wegen innerer Verblutung der Tod erfolgen.

* Essen, 5. Nov. Folgende Wahlschnurre erzählt ein hiesiges Blatt. In der ersten Abtheilung eines Bezirks wählte nur Einer, der sich selbst und einem andern seine Stimme gab. Am Schlusse des Wahl­actes fragte pflichtgemäß der Wahlvorsteher die Erwählten, ob sie die Wahl annehmen; weil er es für selbstverständlich hielt, richtete er diese Frage nicht an den Herrn N., der sich selbst gewählt hatte. Die Namen wurden auf das vorliegende Formular geschrieben und ein anwesender Polizeisergeant beauftragt, das Ergebniß der Wahl der Behörde zu über­mitteln. Da erhob sich Herr N. und sagte in ganz ernstem Tone, warum man ihn wegen der Annahme nicht frage, und bemerkte, als der Wahl­vorsteher ziemlich verblüfft die Frage an ihn richtete, daß er die Wahl zu seinem Bedauern nicht aunehmen könne. Allgemeines Erstaunen und Kopfschütteln des Wahlvorstandes. Ter Wahlact der ersten Abtheilung muß zum zweiten Male vorgenommen werden. Herr N., der einzige so hoch Besteuerte, nennt dieselben Wahlmanner und erwidert auf die Frage des Wahlvorstehers, daß er die Wahl nicht annehme. Es folgt der durch das Gesetz erlaubte dritte Wahlact und Herr N. giebt sich und seinem Freunde zum dritten Male seine Stimme. Der ganze Wahlvorstand steht vor einem Räthsel und erwartet mit Spannung, was nun folgen dürfte. Der Wahlvorsteher etwas pikirt, daß man das Ansehen der gesetzlichen

Bestimmungen so wenig beachtet, fragt Herrn N. zum letzten Mal, ob er nunmehr die Wahl annehme oder wieder ablehne. In ruhiger Weise be­giebt sich Herr N. vor den Wahltisch und sagt unter großer Heiterkeit in würdevoller Haltung: Nachdem ich zum dritten Mal durch das Vertrauen meiner zahlreichen Freunde einstimmig gewählt bin, erkläre ich, daß ich die Wahl unter dem Ausdruck herzlichen Dankes annehme.

* Elberfeld, 6. November. Gegen die Großbazare, das Ge­schäftsfilialenunwesen und den sogen. Firmenwucher nahm der Detaillistenverband von Rheinland und Westfalen in seiner heutigen, hier im Hotel Monopol abgehaltenen General=Ver­sammlung Stellung. Ein im Juni gewählter, aus 14 hervorragenden Vertretern des Textil=Kleinhandels in Rheinland und Westfalen wählter Ausschuß zur Ermittelung geeigneter Maßnahmen gegen vorher genannten Auswüchse im Geschäftsverkehr hatte gegen das Zweiggeschäftsunwesen und den Firmenwucher folgende drei Thesen vorgeschlagen:

1.„Erfolgt die Uebertragung eines Geschäftes, das noch nicht sechs Jahre besteht, so ist die alte Firma zu löschen. Die neu ein­zutragende Firma muß den Namen des neuen Inhabers führen. Nimmt die Firma einen oder mehrere Theilhaber auf, so muß der Name des oder der hinzutretenden Theilhaber in der Firma zum Ausdruck kommen. Ausgenommen sind in beiden Fällen Firmen, die an directe Erben übergehen. Jede Bezeichnung, die sich auf die frühere Firma bezieht, ist verboten. Sterbefall oder Arbeitsunfähig­keit des Geschäftsinhabers oder solcher Familienangehörigen, deren Fehlen die Fortführung des Geschäftes erschweren würde, heben diese Bestimmung auf.“ 2.„Wenn Jemand in einer Stadt außer seinem Hauptgeschäft Zweiggeschäfte errichtet, so sollen diese von der Gemeinde mit einer progressiven Steuer belegt werden.“ 8.„Zweigstellen auswärtiger Detailgeschäfte sollen ebenfalls von der Gemeinde mit einer Sondersteuer belegt werden. Es ist wünschenswerth, diese Steuer nach der Anzahl der im Lande be­stehenden Zweigstellen des Mutterhauses progressiv zu gestalten.“

These 1 wurde nach längerer Discussion in der vorgeschlagenen Fassung mit großer Majorität angenommen. Ein Vorschlag des„Schutz­vereins“ in Hagen, statt 6 Jahre 10 Jahre zu setzen, wurde als eine Härte angesehen und deshalb abgelehnt. These 2 erfuhr eine Aenderung insoweit, als das Wort„progressiv“ gestrichen wurde. Sie erhielt nach einem Vorschlage des Vertreters von Arnsberg=Menden folgende Kossung:

„Wenn Jemand in einer Stadt außer seinem Hauptgeschäft Zweiggeschäfte errichtet, so soll jedes einzelne von der Gemeinde mit einer Steuer belegt werden.“

These 3 endlich wurde ganz wesentlich geändert. Es wurde beschlossen, ihr folgenden Wortlaut zu geben:

„Bei den Filial=Detailgeschäften auswärtiger Inhaber oder bei commanditirten Detailgeschäften muß stets der volle Geschäftsertrag ohne Abzug der Kapitalzinsen oder irgendwelcher Vergütung dei von dem Commanditisten ausbedungenen Antheils derjenigen Com­mune, in welcher das Geschäft besteht, zur Besteuerung überwiesen werden. Falls nachweisbar kein Ertrag vorhanden ist, soll es der Commune gestattet sein, diese Geschäfte nach der Höhe des Betriebs­capitals mit einer Sondersteuer zu belegen, unter Berücksichtigung aller vorliegenden Umstände.“

Bei der Stellungnahme gegen die Großbazare kam es zu einer längeren Debatte über die Frage: Was sind Großbazare? Es zeigte sich dabei wieder, daß es äußerst schwierig ist, eine Grenze zu ziehen, an der das gewöhnliche Detailgeschäft aufhört und der Groß­bazar anfängt. Die Versammlung gelangte schließlich zu der Ueber­zeugung, daß die von dem Ausschusse entworfenen Thesen wohl die trefsendsten seien, und erhob dieselben zum Beschluß. Sie lauten:

1. Großbazare sollen mit einer Steuer belegt werden.

2. Unter Großbazare sind Geschäfte zu verstehen, die alle mög­lichen, nicht zusammengehörenden Artikel führen, z. B. Manusactur=, Kurz=, Emaille=, Korb=, Porzellan= und Glaswaaren, Schuhe und Stiefel, Möbel, Bücher, Musikalien, Küchenartikel, Christbaumschmuck, Lebens= und Genußmittel 2c., und die durch die Anzahl ihrer An­gestellten und den Umfang ihrer Verkaufsräume die Merkmale eines Großbazars an sich tragen. Führt Jemand zwar einzelne dieser, jedoch ihrem Wesen nach einen verwandten Waarenzweig dar­stellende Artikel, so ist darin noch nicht das Merkmal eines Groß­bazars zu erblicken.“

Diese Beschlüsse, sowie diejenigen, die der Verband am 9. Juni in Düsseldorf saßte und in denen er sich namentlich gegen jede Umsatz­steuer und gegen jede den Detailhandel im Allgemeinen belastende Sonderbesteuerung erklärte, sollen dem Abgeordnetenhause in Form einer Petition unterbreitet werden.— Der Landtagsabgeordnete von

Elberfeld=Barmen, Herr von Knapp, der der Verhandlung beiwohnt­bat, ihm mit erschöpfendem Material zur Hand zu gehen und versprach sich der Sache warm und nach besten Kräften bei der Berathung im Landtage anzunehmen.

(.) Düsseldorf, 7. Nov. Der Ausschuß des Kunstvereine r die Rheinlande und Westfalen hat in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, für die bildnerische Ausschmückung des großen Sitzungs, saales im Kreistagsgebäude zu Cleve, für welche der dortige Kreisausschuß Zweidrittel der auf 10000 Mark veranschlagten Kosten bereit gestellt hat das noch fehlende Drittel dieser Kosten zu gewähren, und zum Zwecke der Erlangung geeigneter Entwürfe eine Concurrenz für in Düsseldorf an­sässige Künstler zu eröffnen. Hierzu wurden 1000 Mark für einen zweiten und 500 Mark für einen dritten Preis bewilligt, während der erste Preis in der Uebertragung der Arbeit bestehen soll. In derselben Sitzung fand die alljährlich nach dem Statut vorzunehmende Ergänzung des Verwal­tungsrathes statt. Es wurden gewählt bezw. wiedergewählt die Herren Akademie=Director Professor Jaussen=Düsseldorf, Professor Schill=Düssel­dorf, Commercienrath Quack=M.=Gladbach, Kaufmann C. W. Cronz­Krefeld und Rentner Werner Dahl=Düsseldorf. Das Amt des ersten Vorsitzenden, welches Herr Justizrath Linhoff lange Jahre in verdienst­voller Weise verwaltet, aus Gesundheits=Rücksichten aber schon im Lause des Sommers niedergelegt hat, wurde Herrn. Regierungsrath a. D. v. Wätjen übertragen; stellvertretender Vorsitzender wurde Herr Com­mercienrath Quack=M.=Gladbach, während die Aemter des Secretärs und des Schatzmeisters wiederum den bewährten Händen der Herren Com­mercienrath Bagel und Fabrikbesitzer Gustav Bloem anvertraut wurden.

Vermischtes.

* Berlin, 7. Nov. Ein Heirathsvermittelungs=Proceß. Unter dieser Spitzmarke berichteten wir in Nr. 551 über eine Klage, welche der Hei­rathsvermittler L. v. Pokorny gegen den Grafen Paul v. Hoensbroech angestrengt hatte, und welche vom 14. Civilsenat des königl. Kammer­gerichts abgewiesen worden war. Gegen die Darstellung der Proceßver­handlung in der Presse wandte sich Herr v. Hoensbroech in einer Berich­tigung, in welcher es u. A. als unwahr bezeichnet wird, daß v. Pokorny mit verschiedenen oder auch nur mit einer einzigen reichen Familie seine (Hoensbroech's) Bekanntschaft vermittelt habe. Dieser Berichtigung war in der„Täglichen Rundschau" eine Erklärung Hoensbroech's hinzugefügt worden, an deren Schluß es heißt:„Ueber die Vorgeschichte— von der ich nicht behaupten will, daß mein formaler Proceßgegner sie kennt— bin ich aus Gründen, die in meiner religiösen Vergangenheit liegen, die mit dem religiös=katholischen Beichtsiegel zusammenhängen, das ich auch jetzt noch für unverletzlich halte, zu absolutem Schweigen verpflichtet.“ Demgegenüber weist die„Germania“ darauf hin, daß die Heirathsannonce des Grafen Hoensbroech am 9. September 1894 im„Berliner Tagebl.“ veröffentlicht wurde, also zu einer Zeit, wo Paul v. Hoensbroech schon längst aus der katholischen Kirche ausgetreten war und nicht mehr Beichte hören konnte, daß in der Annonce eine Heirath mit einer in religiöser Beziehung vorurtheilsfreien Dame, gleichviel welcher Confession, gesucht wurde. Den weiteren Berichtigungen Hoensbroech's gegenüber veröffent­licht die„Germania" Autogramme zweier Schreiben Hoensbroechs an Pokorny, in denen es heißt:„Einliegend schicke ich Ihnen den Revers, wie Sie ihn aufgesetzt haben, und ersuche Sie, die Angelegenheit weiter zu betreiben... Meine Schriften könnten Sie dem Vater zeigen. Ich spreche flüssig Französisch und Englisch und bin sehr musikalisch. Diesen Herbst werde ich auf directen Befehl des Kaisers im diplomati­schen Dienste angestellt. Diesen letzteren Umstand bitte ich äußerst discret zu behandeln, da ein vorzeitiges Bekanntwberden desselben mich in die größten Unannehmlichkeiten bringen könnte!“— Verschiedene liberale Blätter schütteln nunmehr den Exjesuiten energisch von den Rock­schößen ab.

* Kiel, 7. Nov. Mittheilung des kaiserlichen Canal= amts: An der Unfallstelle des Dampfers„Tryg“ wird die Fahrrinne durch Baggerungen verbreitert. Nach dem heutigen Stande der Arbeiten ist anzunehmen, daß die Verbreiterung morgen früh so weit geführt ist, daß die neue Fahrrinne eine Wassertiefe von 8 Meter hat, also auch ganz tiefgehende Schiffe die Unfallstelle ungefährdet passiren können.

* Dirschau, 7. Nov. Der Gutsbesitzer Prohl in Käsemark, Land­

kreis Danzig, erschoß am Samstag nach erfolgter Ehescheidung seine Frau und dann sich selbst. m I, Gasag-g. ker vam Mute.

: Reims, 8. Nov. Der Bahnhossvorsteher von Berheniville ist gestern Nachmittag von dem nach Challerange fahrenden Personenzuge Nr. 81 überfahren und getödtet worden. Der Körper wurde in zwei Stücke zerschnitten.

Die Palästinafahrt des Kaiserpaares.

Bairut, 6. Nov. Nachdem Kaiser Wilhelm die Spitzen der türkischen Behörden an Bord der Hohenzollern“ empfangen hatte, begab er sich mit der Kaiserin, von dem unmittelbaren Dienst und dem Staatssecretär v. Bülow begleitet, an Land. Der Hafen und die Straßen waren prachtvoll geschmückt und von einer zahl­losen Menschenmenge besetzt, welche dem Kaiserpaar mit Hochrufen und Händeklatschen einen überaus enthusiastischen Empfang bereitete. Die Majestäten besichtigten zunächst das Hospital des preußischen Johanniterordens. Während dann die Kaiserin das Waisenhaus und die Pension des Kaiserswerther Diaconissenhauses mit ihrem Besuche beehrte, begab sich Se. Majestät in die Kaserne des Jocofbey­Bataillons. Nachdem ihm daselbst ein wohlgelungener Parade­marsch vorgeführt worden war, besichtigte der Kaiser die Fune­retier(2)=Kaserne, wo namentlich die gut eingerichteten Unterkunfts­räume für durchreisende Officiere die allerhöchste Anerkennung fanden. Den Tag beschloß eine gemeinsame Spazierfahrt beidet Majestäten nach den Pinien, einer beliebten Promenade der Bairuter, mit schönem Ausblick auf Berge und Meer.

Damaskus, 7. Nov. Der Kaiser und die Kaiserin sind nach 5 Uhr Nachmittags unter geradezu frenetischem Jubel der Bevölke­rung bei prachtvoller Illumination hier eingetroffen. Die Eisen­bahnfahrt über den Libanon war höchst genußreich und die Berg­luft sehr erfrischend. Es befindet sich Alles wohl. Die Illumina­tion ist allgemein; Gassterne, Lampions und Laternen leuchten überall, selbst von den Bäumen. Das Wetter ist schön. Im Militär­serail findet um 7 Uhr das Mahl statt.

Allerlei.

(.) Das Capitol in Washington. Das imposanteste unter den öffentlichen Gebäuden Washingtons ist das Capitol, das den Mittelpunkt der Stadt bilden sollte. Das schöne Gebäude, in welchem, wie wir tele­graphisch meldeten, Sonntag Abend Feuer ausbrach, ist auf den Trüm­mern des von den Engländern 1814 verbrannten alten Capitols aus Sandsteinquadern und weißem Marmor erbaut, bedeckt eine Grundfläche von 15 060 Quadratmeter, ist 229 Meter lang und 42,6 Meter tief. Das Mittelgebäude wird von einem 1862 vollendeten Dom überwölbt, gekrönt mit einer Statue der Freiheit, deren Scheitel 93,5 Meter über der Grund­fläche des Gebäudes liegt. Drei korinthische Portiken zieren die östliche Hauptfront. Die zu ihnen hinanführenden Freitreppen sind mit den Statuen des Friedens, des Kriegs, der Civilisation und des Columbu## geziert. Vor dem Gebäude selbst steht eine Reitersäule Washington (von Greenough). Eine erzene Thur(von Randolph Rogers modellirt, von Miller in München gegossen) führt in die vom Dom überwölbt Rotunde, die 29,2 Meter im Durchmesser, 54,9 Meter in der Höhe mißt und mit historischen Fresken und Reliefs geziert ist. Die Thür dem Haupteingang gegenüber führt in die Bibliothek des Congresses(1851 bis auf 20 000 Bände durch Feuer zerstört, jetzt aber auf 565 000 Bände an­gewachsen). Südlich von der Rotunde liegen die alte Halle der Reprasen­

tanten, in welcher Statuen berühmter Amerikaner aufgestellt sind, und die ne

Halle derselben, die 42 Meter lang, 28 Meter breit ist, aber nur 11 Metet Höhe hat. Im nördlichen Flügel befinden sich der Senatssaal(384,8 Me lang, 24,/4 Meter breit, 11 Meter hoch), der oberste Gerichtshof der Vereinig Staaten und unter letzterm eine Rechtsbibliothek von 30000 Bänden, die du das gemeldete Feuer stark beschädigt wurde. Die Baukosten des Captss! einschließlich der 1851—62 ausgeführten Neubauten, belaufen sich 52 Millionen Mark. Pennsylvania Avenue, die Hauptstraße der Stadt verbindet das Capitol mit dem 2 Kilometer entfernten Lasayette Sau (mit Mill's Reiterbildniß des Generals Jackson); an dessen Südseite, mitten eines Parks, befindet sich das=weiße Haus=, die Wohnung Präsidenten, ein einfacher, weiß angestrichener ,Bau(daher der Name sonischem Portikus, dicht daneben das 1836 eroaute, 1855 erweiterte Eiz;;

amt(Treauur), 177 Meter lang, 91 Meter tiel, mit ,Agchyeze, lange, Säulenhalle, und das seit 1871 aus Oron,iniszeriente eg Auswärtigen, 104 Meter tiese Gebäude, in welchem die

des Kriegs und der Marine ihren Sitz haben. Nördlich von der Pegun, vania Avenue liegt das Patent Office(auch Sitz des steriums des Innern), ein Marmor und Sandsteighggz, g immer in

lang, 84 Meter tief, mit vier dorischen Portiken(das Mor#####— obern Stock wurde mit seinen reichen Sammlungen 1844 ein Raub g Flammen), daneben das Generalpostamt, ein weißer Marmorbau, und

der andern Seite von Pennsylvania Avenue das Ackerhaum.

landwirthschaftlichem Museum, Herbarium und Pflanzschur­