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Nr. 226(Erstes Blatt)

Schwerte(Ruhr), Freitag, den 26. September 1930.

63. Jahrgang

Kabinett Schober zurückgetreten

Vor einem Kabinett Baugoin?- Dr. Seipel nach Wien berufen

wtb. Wien, 25. Sept. Der Ministerrat hat um 5 Uhr nachmittags nach halbstündiger Bera­tung die Gesamtdemission des Kabinetts be­schlossen. Bundeskanzler Schober begab sich so­gleich zum Bundespräsidenten Miklas, um ihm das Enthebungsgesuch zu unterbreiten.

Kabinett Schober mit der Fortführung der Geschäfte beauftragt.

wtb Wien, 26. Sept.(Funkspruch.) Nach dem Ministerrat erschien Bundeskanzler Dr. Schober gegen 6 Uhr abends beim Bundespräsidenten und überreichte ihm die Gesamtdemission des Kabinetts. Der Bundespräsident nahm die Demission an und beauftragte den Bundeskanzler sowie die übrigen Mitglieder der Bundesregie­rung mit der einstweiligen Fortführung der Geschäfte.

Kurz darauf erschien auf Einladung des Bundespräsidenten der Präsident des National­rates, Dr. Gürtler, mit dem der Bundespräsident längere Zeit konferierte. Für Freitag früh ist eine Einladung zunächst an den Obmann des Christlich=Nationalen Klubs im Nationalrat, Abg. Dr. Buresch, ergangen.

wtb. Wien, 26. Sept.(Funkspruch.) Der durch Extrablätter der Oeffentlichkeit bekannt­gewordene Rücktritt des Kabinetts Schober kam nach den Spannungen der letzten Tage nunmehr doch überraschend. Fast allgemein besteht die Ansicht, daß nach Erledigung der bei einem Ka­binettswechsel üblichen Gebräuche schließlich der Obmann der Christlich=Sozialen Partei, der bis­herige Vizekanzler Vaugoin, mit der Bildung der neuen Regierung betraut werden wird. Ueber die Stellungnahme der beiden anderen bürgerlichen Parteien, Landbund und Groß­deutsche, zu einer von den Christlich=Sozialen zu bildenden Regierung verlautet noch nichts, doch glaubt man, daß sich bei der Regierungsbildung erhebliche Schwierigkeiten ergeben werden.

wtb. Oslo, 26. Sept.(Funkspruch.) Der frü­here österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel, der gestern hier eintraf, um Vorträge über die

Verhältnisse in Oesterreich zu halten, erhielt Donnerstag nachmittag ein Telegramm über den Rücktritt der österreichischen Regierung. Dr. Seipel wurde aufgefordert, sofort zurückzu­kehren, um an Verhandlungen über die Neubil­dung des Kabinetts teilzunehmen. Er hat alle Vorträge abgesagt, da er Oslo sofort verlassen muß.

Die kuomenkvesprechung

enb. Berlin, 25. Sept.(Eigene Meldung.) Das Reichskabinett hat heute den ganzen Tag über mit Ausnahme einer Mittagspause die Be­ratung seiner Vorlagen fortgesetzt. Die Ver­handlungen gehen morgen vormittag weiter. Ob sie morgen zu Ende geführt werden können, steht noch nicht fest; vielmehr rechnet man in unterrichteten Kreisen mit der Möglichkeit, daß ein Abschluß und die dafür angekündigte Mit­

teilung an die Oeffentlichkeit erst am Samstag treffend.

möglich sein wird. Ueber den Inhalt der heu­tigen Beratungen wird strengstes Stillschweigen bewahrt.

Keine Kürzung von Beamtengehältern in Preußen

wtb Berlin, 25. Sept.(Tel.) Wie der Amt­liche preußische Pressedienst erfährt, ist die von einigen Zeitungen übernommene Meldung einer Korrespondenz, wonach im preußischen Finanz­ministerium ein Gesetzentwurf über die Kürzung von Beamtengehältern vorbereitet werde, unzu­

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wehroffizler.

„Die nationalsozialistische Partei will ihre Ziele nur mit legalen Mitteln erstreben“

Stansserreiur Dr. Zweigert veriaßt den Gerichtesaut

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wtb Leipzig, 25. Sept. Der Verhandlungs­saal ist am dritten Tage der Verhandlung gegen die nationalsozialistischen Reichswehroffiziere bis auf den letzten Platz besetzt. Der diensttuende Polizeioffizier ermahnt die Zuhörer, beim Er­scheinen Hitlers alle Kundgebungen zu unterlassen, widrigenfalls der Vor­sitzende den Saal unnachsichtlich räumen lassen werde. Vom Reichsgerichtsplatz herauf hört man im Saal die laute Kundgebung, die Hitler und seiner Begleitung bei der Ankunft darge­bracht wird und die in dreifaches Heil ausklingt.

Als Hitler den Saal betritt, herrscht Stille. Auf dem Platz vor dem Reichsgericht hat sich die Unruhe noch nicht gelegt und man hört„Deutsch­land erwache“, herauftönen. Der Vorsitzende, Reichsgerichtsrat Baumgarten, eröffnet die Sitzung. Reichsanwalt Nagel beantragt als Gegenzeugen gegen Hitler den Staatssekretär Zweigert vom Reichsministerium des Innern zu laden und ihn darüber zu vernehmen, daß und welches Material im Reichsministerium des Innern über umstürzlerische Unternehmungen der NSDAP. vorhanden sei.

Vernehnung= Hillere

Nachdem der Vorsitzende den Senatsbeschluß verkündet hat, daß die Entscheidung über die Vernehmung des Staatssekretärs Dr. Zweigert bis nach der Vernehmung Hitlers auszusetzen ist, wird

Hitler als Zeuge aufgerufen.

Neue Seatschenhehe in Prus

Zahlreiche Verhaftungen

enb. Berlin, 25. Sept.(Eig. Meldung.) Zu den antideutschen Demonstrationen in Prag, die hauptsächlich von Kreisen der Nationaldemokratischen Partei ausgehen, hören wir von unterrichteter Seite, daß es sich anschei­nend weniger um Kundgebungen gegen Deutsch­land, als gegen das Deutschtum in der Tschechoslowakei handelt. Die National­demokratische Partei führt mit den schärfsten Mitteln einen teilweise geradezu kindischen Kampf gegen alles Deutsche, gleichgültig, ob es sich um deutsche Aufschriften bei Häusern, deut­sche Speisekarten oder ähnliches handelt. In politischen Kreisen nimmt man an, daß die tschechoslowakische Regierung diese Kundgebun­gen. heprn zus Ernischlum dicht billigt; es

en gegen das Deutschtum nicht billigt;

scheint aber, daß der Bürgermeister von Prag, der Mitglied der Nationaldemokratischen Partei ist, nicht mit der nötigen Schärfe aufgetreten ist.

wtb. Prag, 26. Sept.(Funkspruch.) Die deutsch­feindlichen Ausschreitungen sind in verstärk­tem Maße fortgesetzt worden. Obwohl die Po­lizeidirektion Ansammlungen verboten hatte, strömten auf dem Wenzelplatz ungeheure Men­schenmassen zusammen, die sich zunächst in Joh­len und Schmährufen gegen die Deutschen Luft machten. Ein Teil der Menge versuchte auch am Donnerstag gegen das deutsche Theater vor­zudringen, konnte aber die Polizeikette nicht durchbrechen. Die Menge zog zum Deutschen Haus auf dem Graben, wo etwa 70 Fen­sterscheiben zertrümmert und einige Schüsse in das Innere des Hauses abgegeben wurden. Die vor dem Deutschen Haus postier­ten Wachleute wurden von der Menge nieder­geschlagen. Bei dem entstandenen Handgemenge wurden viele Personen verletzt. Auch kam es zu einigen Verhaftungen. Die Demonstrationen dauern noch an. Die Polizei hat Militärverstärkungen angefordert.

Die Polizei meldet... wtb Prag, 26. Sept.(Funkspruch.) Die Poli­zeikorrespondenz meldet u. a.: Vor 12 Uhr nachts sammelte sich am Donnerstag in der Englischen Straße in Weinberge eine große Menge von

Demonstranten an, die in Richtung gegen den Friedensplatz ziehen wollte, jedoch von der Wache zerstreut wurde. Bei den Demonstrationen am Donnerstag wurde an einigen Stellen vom Gummiknüppel Gebrauch gemacht. Andere Waffen kamen nicht zur Anwendung. Im ganzen wurden 60 Personen festgenommen. Bei den Zwischenfällen wurden zwei Gendarmen und einige Wachleute verletzt, von denen einer ins Krankenhaus gebracht wurde.

Auch in Kattowitz

wtb. Kattowitz, 26. Sept.(Funkspruch.) Vor den Geschäftsräumen der Kattowitzer Zeitung rotteten sich Donnerstag abend gegen ½11 Uhr Aufständische zusammen und schlugen die Fen­sterscheiben ein. Die Täter sind Angehörige der Sanacja=Partei, die kurz vorher eine Versamm­lung abgehalten hatten, an der etwa 20 Perso­nen teilgenommen hatten. Anscheinend wurde bei dieser Versammlung auch die Tat besprochen. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Die sofort benachrichtigte Polizei konnte lediglich die Neugierigen zurückdrängen und weitere Sicher­hitsmaßnahmen treffen.

Zur Person gibt er an, er sei 1889 in Brau­nau am Inn geboren und jetzt staatenlos. Der Vorsitzende gibt das Beweisthema bekannt. Sie sollen als Zeuge dafür vernommen werden, daß die NSDAP ihre Ziele ausschließlich auf legalem Wege verfolgt und den gewaltsamen Umsturz der Verfassung nicht beabsichtigt, daß die Partei ihre Mitglieder und Anhänger auch nicht dazu auffordert und aufgefordert hat, einen gewalt­samen Umsturz der Verfassung herbeizuführen, auch nicht im Jahre 1929. Aeußern Sie sich zu­nächst in großen Zügen über die Entstehung und den Werdegang der Partei. Der Zeuge wird auf§ 55 der Strafprozeßordnung aufmerksam gemacht, wonach er die Aussage verweigern kann, wenn er glaubt, daß er sich durch seine Aussage der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung aussest.„„ Kerhst 4944 ti.

Zeuge Hitter: Ich war vom Herost 1914 bis zum Herbst 1918 als deutscher Frontsoldat an der Westfront. Durch diese vierjährige Tätig­keit habe ich meine frühere Staatsbürgerschaft verloren. 1918, beim Zusammenbruch, lag ich in einem Lazarett schwer gasvergiftet. Der Zusammenbruch mußte nach meinem politischen Wissen kommen. Ich habe die Erschütterungen mitgefühlt, die jeder einzelne Deutsche damals fühlen mußte. Es war mir auch bewußt, daß mit den damaligen politischen Organisationen die durch den Zusammenbruch bedingten Nieder­gangserscheinungen nicht überwunden werden könnte. Drei Punkte find es, die das Fundament für diese Ueberzeugung abgegeben haben:

1. Die Ablehnung der einzelnen Volkskraft; der Verzicht auf diese Kraft; das Huldigen frem­den Einflüssen im allgemeinen; die internatio­nale Gesinnung und Einstellung;

2. die Beseitigung der Autorität der Per­

Großer Versicherungsschwindel

Wie im Fall Tetzner Selbstverbrennung vorgetäuscht?

enb. Berlin, 26. Sept.(Eig. Rundfunk­meld.) Im Zusammenhang mit einem Brande, der in der Wahlnacht im Kaufhaus Platz in Rastenburg entstand, glaubt man jetzt, wie dem Verl. Lokalanzeiger aus Rastenburg(Ostpreu­ßen) gemeldet wird, einem großangelegten Ver­sicherungsschwindel auf die Spur gekommen zu sein. Am Tage nach dem Feuer, das auf Brand­stiftung zurückzuführen war, wurde der Schwie­gersohn des Hausbesitzers, Saffrau, vermißt. Zu­nächst nahm man an, daß er in den Flammen umgekommen sei. Dann aber stellte sich ein­wandfrei heraus, daß Gaffrau erhebliche

Schwindeleien und Versicherungsbetrügereien begangen hatte und geflohen war.

Jetzt fand man an der Brandstelle Leichen­teile, und es ist anzunehmen, daß die Brand­stifter eine Leiche dorthin geschafft haben, um den Anschein zu erwecken, daß Saffran ums Le­ben gekommen sei. Die Ermittlungen gehen weiter.

Der Fall erinnert stark an das Verbrechen des Kaufmanns Tetzner, der bekanntlich mit sei­nem Auto einen Mann verbrannte, um so sei­nen eigenen Tod vorzutäuschen.

sönlichkeit und die Einführung der Demokratie und des demokratisch=parlamentarischen Systems

und„ 664### 5

3. schließlich die Vergifrung des deutschen Volkes mit pazifistischem Denken und pazifi­stischem Geiste. 828

Diese drei Erscheinungen sino meiner Ueber­zeugung nach die Ursache des deutschen Zusam­menbruchs gewesen, und es war für mich selbst­verständlich, daß nur eine Bewegung diesen Zusammenbruch überwinden konnte, die zu diesen drei Erscheinungen Stellung nimmt und von ihnen frei ist. 6

Das konnte nur eine ganz junge neue Be­wegung sein, besonders aus der Ueberzeugung heraus, daß sämtliche alte Parteien den freien geistigen Kampf auf ihre Fahnen geschrieben hatten, 1918 aber die Faust den Kampf ent­schieden habe. Ich war 1918 überzeugt, daß die alten Parteien nicht in der Lage sein würden, den Terror zu brechen und daß man eine neue Partei schaffen müsse mit den Grundtendenzen des fanatischen Deutschtums, einer absoluten Führerautorität und eines unbedingten Kampf­willens. 4948249 Me.. 2.4

Der Zustand 1918/19 war so, daß nicht der Geist entschied, sondern derjenige, der die Straße für sich hatte. Vom ersten Tage an war der Zweck der Sturmabteilungen nicht der, gegen den Staat Front zumachen, sondern die geistige Bewegung vor dem Terror illegaler Kräfte zu schützen. m

Der Gedanke der Begründung dieser„Sturm­abteilungen“ getauften Organisationen war, der Bewegung einen Schutz gegenüber der Linken zu geben. Das war umso notwendiger, als der Staat für den Schutz zu spät in die Erscheinung

5.

Zu keiner Stunde war der Zweck unserer Organisation der Kampf gegen den Staat, denn wir sind der Ueberzeugung, daß, wenn eine Idee gesund ist, sie den Staat ganz allein er­obert, und daß heute 30 Millionen Deutsche eben nur noch nicht wissen, was wir wollen. Es ist selbstverständlich, daß eine Bewegung, die Zehn­tausende junge, temperamentvolle Mitglieder umfaßt, nicht verantwortlich gemacht werden kann für vereinzelte Ausschreitungen ihrer Mitglieder.

Der Vorsitzende unterbricht Hitler, um fest­zustellen, was der Zeuge unter dem„Zwang“ verstanden wissen wolle, der zu den Vorgängen des November 1923 geführt habe. Hitler erklärt, daß es ihm zweifelhaft erscheine, ob es richtig sei, hierüber öffentlich zu sprechen.

Der Vorsitzende

hält ihm daraufhin das Urteil des Münchener Volksgerichts vom April 1924 vor, durch das Hitler zu fünf Jahren Festungshaft wegen Hochverrats verurteilt wurde. Es werden diejenigen Punkte des Urteil=Tenors verlesen, die besagen,

daß das Programm der Hitlerbewegung die Vernichtung der Weimarer Ver­fassung, die Austreibung des pazifistischen Gedankens und so weiter sei. Es werden Aeußerungen Hitlers aus November und Oktober 1923 aus dem Urteil zitiert, die als Ziel der Bewegung die Ausrufung Großdeutschlands, die Schaffung einer Direktoriums, auch mit brachialer Gewalt feststellen. Als Instrument hierfür sollte

nach Auffassung des Münchener Urteils