Nr. 204.
(1. Blatt.)
Mittwoch, den 3. September 1913.
45. Jahrgang.
Anzeiger.)
Blatt aller Behörden
weziell für die Orte Wattenscheid, Gelsenkirchen=Aeckendorf, Leithe, Günnigfeld, Hordel,
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gegründet 1868
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(Neueste Nachrichten.)
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Wetteraussichten.
Wetter für Donnerstag:
Veränderlich, wenn Regen, gering, andauernd kühl.
Aus Stadt, Amt und Kreis.
* Wattenscheid, 3. Sept.
Clöffnung der St. Marien=Kinderbewahranstalt.
* Unter recht zahlreicher Beteiligung fand gestern die
Eröffnungsfeier der von der hiesigen kath. Kirchen=Gemeinde errichteten neuen Kinderbewahranstalt in der Wasserstraße statt. Unter den Klängen des Knaben=Trommler=Korps des hiesigen Waisenhauses marschierte die Schar der Kleinen unter Leitung der Schwestern von ihrer bisherigen Schulstätte in der Schulstraße zum neuen Schulgebäude, wo Domkapitular Propstdechant Hausmann die Kleinen und deren Mütter in herzlichen Worten willkommen hieß. Er machte den Kleinen klar, wozu sie in die Schule gingen und was man dort alles lernen soll. Den Eltern der Kinder führte er die Aufgaben der Kinderbewahrschule vor Augen und hat sie, die Kinder stets und pünktlich in die Schule zu schicken, denn hier, wo die Kinder stets unter Aufsicht ständen, sei es möglich, diese zum Gehorsam zu erziehen und sie in mancherlei Hinsicht zu belehren. Die Einsegnung der neuen Schule sei schon am Vormittag erfolgt, da dieses bei dem zahlreichen Besuche am Nachmittag nicht gut angängig gewesen sei. Domkapitular Hausmann schloß seine Ausführungen mit den Worten:„Möge Gott dieses Haus segnen, daß alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen". Nun trat ein Kranz von 12 kleinen Mädchen hervor, von denen eins in einem Prolog dem hochwürdigen Domkapitular für die Erbauung der Anstalt dankte. Hierauf folgte ein Reigen der kleinen weißgekleideten Mädchen mit Gesang, der großen Anklang fand. Ein weiterer Prolog, ebenfalls von einem Mädchen vorgetragen, schloß sich an. Große Heiterkeit erregte das Erscheinen eines kleinen Negerpaares aus Afrika, welches von einem Knaben und einem Mädchen dargestellt wurde und durch Deklamationen, Musik und Tanz die Lachmuskeln in Bewegung setzte. Nicht minder gut wirkte das Auftreten einer von den Waisenhausknaben gebildeten Musikkapelle aus Breinen, die mit Flöte, Trommel, Geige, Orgel und sonstigen Instrumenten einige Musikstücke trefflich zu Gehör brachte. Hiermit fand die sinnige Feier ihr Ende und die Kleinen gingen, nachdem sie noch mit Kuchen und Limonade bewirtet worden waren, hochbefriedigt nach Hause. Mit dieser neuen Kinderbewahrschule, welche den Namen„St. Marienbewahrschule", trägt, sind die gemeinnützigen und Wohltätigkeitsanstalten der kath. Kirchengemeinde um eine vermehrt worden, welche namentlich von den Eltern freudig begrüßt wird. Der von dem Architekten Simshäuser von hier entworfene Bau präsentiert sich in schmucker Form und ist auch, seinem Zweck entsprechend überaus praktisch einge
richtet. Er enthält im Erdgeschoß einen 66 Quadratmeter großen Schulraum mit den üblichen Nebenräumen, in der 1. Etage u. a. eine Wohnung, welche vorläufig von einem geistlichen Herrn bezogen wird. Ferner befindet sich in der 1. Etage ein Versammlungsraum, 32,50 Quadratmeter groß, der hauptsächlich den Frauenvereinen zu ihren Versammlungen dienen soll. Auch die Ausstattung ist eine ansprechende und gediegene. Draußen an der Hausfront hat man Reliefbilder, Märchenszenen darstellend, angebracht, ebenso zeigen die Wände des Schulraumes hübsche Malereien, gleichfalls Kindermotive. Die Arbeiten wurden ausgeführt von Bauunternehmer Ricken, Bauunternehmer Vennebusch, Dachdeckermeister Krings und Anstreichermeister Hölscher. Die Kosten beziffern sich auf etwa 22000 M. Die hiesige kath. Kirchengemeinde besitzt jetzt 3 Kinderbewahr=Anstalten, nämlich die St. Gertrudis=Kinderbewahrschule an der Propsteikirche, die St. Joseph=Kinderbewahranstalt an der Bochumerstraße und die neue St. Marienkinderbewahrschule.
Der Wirte=Zonentag in Wattenscheid.
* Heute findet bekanntlich der Delegiertentag der west
fälisch=lippischen Zone des deutschen Gastwirteverbandes in unseren Mauern statt. Nicht nur der hiesige Wirteverein hat den zahlreichen, heute früh aus allen Teilen unserer Heimatprovinz und Lippe eingetroffenen Delegierten eine herzliche Begrüßung zuteil werden lassen, sondern auch die übrige Bürgerschaft hat es sich nicht nehmen lassen, durch reichen Flaggenschmuck den auswärtigen Gästen einen Willkommengruß zu entbieten. Die Verhandlungen des Zonentages, wozu
sich mehrere Hundert Delegierte eingefunden hatten, begannen um 11 Uhr im„Kaisersaal(Koch) unter der Leituzig des Zonenvorsitzenden Dervenich=Hagen. Als Vertreter der
Sas bestnstend anr diegenste Bishersiagen
schienen. Hoffen wir, daß die auswärtigen Gäste sich in unserer Stadt wohlfühlen und daß die Verhandlungen sich fruchtbringend gestalten. Mit Rücksicht auf den zum ersten Male hier tagenden Zonentag sei nachstehend einiges aus der Geschichte des Wattenscheider Wirtevereins mitgeteilt, der heute abend im Saale des Restaurants H. Voortmann sein Stiftungsfest feiert.
Die Wirtevereinigung von Wattenscheid und Umgegend wurde im Jahre 1891 gegründet und zunächst von einem Vorstand geleitet, der sich aus nachstehend genannten Kollegen zusammensetzte: Heinrich Beckmann 1. Vorsitzender, Wilhelm Mai 2. Vorsitzender, Wilhelm Kesten Kassierer, August Rodermund Schriftführer. Mit Ausnahme des Kollegen Wilhelm Kesten, der noch jetzt das arbeitsreiche Amt des Kassierers mit Umsicht und Fleiß verwaltet, wurden leider alle übrigen Kollegen, welche den ersten Vorstand bildeten, im Laufe der Jahre vom Tode dahingerafft. Nachdem im Jahre 1893 der erste Vorsitzende Heinrich Beckmann gestorben war, wurde im März 1894 der jetzt ebenfalls verstorbene Kollege Th. Ahlmann sen. zum 1. Vorsitzenden gewählt. Im März 1904 legte er sein Mandat freiwillig nieder, das nunmehr auf den Kollegen Johann Breckling= haus überging. Auch dieser war leider gezwungen, im März wegen eines schweren Augenleidens von seinem Posten zurückzutreten; er wurde in Anerkennung seiner Verdienste um den Verein zum Ehrenvorsitzenden gewählt. An seine Stelle trat der noch jetzt im Amt befindliche 1. Vorsitzende Heinrich Voortmann. Für den im Jahre 1908 verstorbenen Schriftführer August Rodermund erkor der Verein den Kollegen Heinrich Langensiepen, der diesen Posten noch heute bekleidet. Zur Zeit wird der Verein von folgendem Vorstand geleitet: Heinrich Voortmann 1. Vorsitzender, Wilhelm Walter, 2. Vorsitzender, Heinrich Langensiepen 1. Schriftführer, Karl Pütz 2. Schriftführer, Wilhelm Kesten Kassierer, Bernh. Harras, Friedr. Löbbert, Karl Meier, Moritz Wiesmann und Fritz Erlenkämpfer als Beisitzer. Der Verein zählt sämtliche Kollegen des hiefigen Bezirks zu seinen Mitgliedern und hat durch Pflege der Kollegialität und eifrige Vertretung der Standesinteressen schon schöne Erfolge erzielt.
Ausstellung,
* Anläßlich des Wirte=Zonentages hat die Firma H. Wiese=Wattenscheid, Atelier für Porträtmalerei Essen (Ruhr) im kleinen Saale des Restaurateurs G. Koch eine Ausstellung von Bildern in Oelmalerei arrangiert. Unter verschiedene Porträts bekannter Persönlichkeiten bemerkten wir ein schönes Bismarck=Bild und ein Porträt des Kaisers, hergestellt nach der neuesten Aufnahme am Regierungs=Jubiläum in der Uniform der Königsjäger zu Pferde. Die Gemälde=Ausstellung ist bis heute Abend 9 Uhr im obengenannten Saale unentgeltlich zu besichtigen.
Aus der Harmonie.
* Bei günstigem Wetter unternahm am vergangenen Sonntag eine kleine Schar des jüd. Jugendvereins„Harmonie" einen Ausflug nach Hattingen—Schulenburg—Blankenstein. Nach 4½ stündiger Wanderung durch Wälder und Felder traf man gegen 7 Uhr in Blankenstein ein. Der hier einsetzende Regen vermochte nicht die Stimmung der Wanderer zu trüben und unter frohen Wanderliedern gings weiter. Etwa 8,30 Uhr trat man die Rückfahrt nach Höntrop an und traf gegen 10,30 Uhr in Wattenscheid ein.
Vom St. Antonius=Knappen=Verein.
* Unter dem Vorsitze des Vikars Vertrams hielt der St. Antonius=Knappen=Verein am Sonntag eine Versammlung ab, in welcher folgendes beschlossen wurde: Die Versammlung wählte als Delegierte für den Diözesandelegiertentag in Herne die Mitglieder Füßgen, Müller, Ruhrmann, Kurr und Oeker, als Kassenrevisoren Faust, Derse und Görres. Am 28. Sept.
soll eine Rekruten=Abschiedsfeier und im Oktober eine Frauenversammlung veranstaltet werden. Nach dem Kassenbericht von den Monaten Juli=August beträgt der Bestand vom Juni 176,40 Mt. Eingenommen wurden 228,35 Mk., ausgegeben 121,10 Mk., so daß 283,65 Mk. verbleiben. Auf der Sparkasse sind 1454,49 Mk. zinsbar angelegt. Die Weihnachtsfeier ist auf den zweiten Weihnachtstag festgelegt.
Handwerker=Fachschulwesen.
Unter sehr zahlreicher Beteiligung wurde in Paderborn der 1. Westfälische Fachlehrer=Vertretertag deutscher Barbier=, Friseur= und Perückenmacher=Innungen abgehalten. Zu der Tagung hatten 23 Innungen Vertreter entsandt. Die Wattenscheider Innung war durch Obermeister Plato und Fachschullehrer, Friseur Schattschneider vertreten. Als Vertreter des Westfälischen Provinzialverbandes war dessen Vorsitzender Lattekamp=Münster erschienen; im Auftrage der Handwerkskammer Bielefeld wohnte Syndikus Sackmann den Verhandlungen bei. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war ein Antrag der Innung Gelsenkirchen auf Einführung eines einheitlichen Lehrplans für sämtliche Fachschulen der Provinz Westfalen. Ueber den Antrag entspann sich eine sehr eingehende und lebhafte Aussprache. Man beschäftigte sich in 1. Linie mit der Frage, ob in den Fachschulen auch im Zeichnen, sowie im Haarschneiden und Rasieren zu unterrichten sei. Es kam schließlich eine Einigung dahin zustande, die Entscheidung über die Aufnahme des Rasierens und Haar
schneidens in den Lehrplan der Fachschule den örtlichen Innungen zu überlassen; der Zeichenunterricht soll beibehalten bezw. überall eingeführt werden. Es wurde beschlossen, eine besondere Kommission mit der Ausarbeitung des Lehrplanes zu beauftragen. Es wurde sodann die Frage aufgeworfen, ob man die Fachlehrertagungen als selbständige Veranstaltungen oder als Veranstaltungen des Provinzialverbandes zu betrachten habe. Die Meinung der Vertreterversammlung ging dahin, daß die Tagungen Sache des Provinzialverbandes seien. Es folgte noch eine kurze Besprechung über die Einrichtung von Fachkursen; die Angelegenheit soll weiter verfolgt werden. Nachmittags unternahmen die Teilnehmer an der Vertreterversamn lung Ausflüge zum Sennelager und in die Umgebung Paderborns.
Sport.
* Der Wattenscheider Sportverein beteiligte sich am Sonntage an den auf dem Gelände des Rennplatzes Castrop abgehaltenen 4. Olympischen Wettkämpfen, die seit 1910 alljährlich vom Castroper Sportverein veranstaltet werden. Insgesamt waren 30 Vereine mit 150 Mitgliedern vertreten. Diese große Konkurrenz zeitigte dann auch interessante Kämpfe, welche von den vielen sportlustigen Zuschauern mit Eifer verfolgt wurden. Es gab in rascher Folge
800= und 1500=Meter=Läufe für die verschiedenen Altersstusen, ferner Weitsprung, Hochsprung, Stabhochsprung, Diskus=, Speerwerfen und Stafettenlaufen. Das Hauptereignis des Tages bildete der Geländelauf über die 3500 Meter lange Strecke der Rennbahn um den seinerzeit vom Castroper Rennverein gestifteten Wander=Ehrenpreis, eine Hermes=Figur in Silber. Der F.=C.„Rhenania“=Krefeld hatte als Sieger vom vorigen Jahre den kostbaren Preis zu verteidigen gegen Düsseldorfer Sportklub„Athen“, Verein für Bewegungsspiele=Krefeld, F.=C.„Viktoria"=Recklinghausen, Dortmunder Sportfreunde, Sportverein„Union“=Hamborn und Castroper Sportverein. Der Startordner schickte 50 der besten Einzelläufer auf die Reise. Als erster Einzelläuferging Bartkowiak=Castrop durchs Ziel. Die Zeitdauer lag zwischen 14 und 15 Minuten. Gegen 9 Uhr fand im Festsaale beim Wirt Th. Sinder die Preisverteilung statt. Das Preisgericht fällte den Spruch, daß der Wanderehrenpreis von den beiden Vereinen„Rhenania"=Krefeld und vom Sportverein Castrop erstitten sei, daß daher im nächsten Jahre ein neuer Wettkampf stattfinde um die endgültige Entscheidung. Bis dahin behält der Castroper Sportverein die Siegesstatue in Verwahr.
Zivilsitzung.
* Am hiesigen Kgl. Amtsgericht fand heute vormittag eine Zivilsitzung statt, in der über 24 Sachen verhandelt wurden. Als Richter fungierte Assessor Eckart.
Viehmarkt in Wattenscheid.
* Der heutige Viehmarkt, welcher in der üblichen Weise auf dem alten Marktplatz und auf dem Kaiserplatz stattfand, war zahlreich beschickt. Aufgetrieben waren über 1000 Schweine und ca. 100 Pferde. Die Kauflust muß als rege und der Umsatz, besonders in Schweinen als befriedigend bezeichnet werden. Die Preise bewegten sich auf der mittleren Linie.
Schulpersonalien.
* Präparandenlehrer Hilberg in Paderborn wurde von der Königlichen Regierung zu Arnsberg zum Rektor ernannt; es wurde ihm vom 1. Oktober ab die Leitung einer Volksschule in Lünen übertragen.
Wohnungs=Wechsel.
* Der September=Umzug war in diesem Jahre sehr gering. Nur wenige Familien sind umgezogen und meist nur solche, deren Ernährer einen Wechsel in der Arbeit vorgenommen hatten.
Schlägerei.
* An der Hedwigstraße im benachbarten Hamme tam es zwischen mehreren jungen Burschen zu einer bösen Schlägerei, wobei Messer und Revolver die Hauptrolle spielten. Die Polizei wurde tätlich angegriffen und mußte von der Waffe Gebrauch machen. Zwei der Beteiligten trugen erhebliche Verletzungen davon. Die Haupttäter wurden zur Anzeige gebracht.
Folgenschwerer Streit.
* Munscheid, 3. Sept. Am 22. Aug. war in der Wohnung des Koksmeisters Michalak hierselbst ein Trinkgelage. Bei Ausübung von allerlei Kraftübungen ließ der Koksarbeiter Johann Bartkowiak den Brikettarbeiter Franz Priotr von dem Stand herunterfallen. Dies gab die Veranlassung zu einer Rauferei, bei der Bartkowiak mit einem Messer gestochen und mit einer Schaufel geschlagen wurde. Bartkowiak, der die erhaltenen Verletzungen wenig achtete, mußte am Freitag vor. Woche ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Er kam ins Krankenhaus, in dem er gestern an den Folgen der Verletzung gestorben ist. Die Täter, Priotr, Joh. Lepa von Linden und Johann Scoda aus Munscheid, wurden, verhaftet.
* Hordel, 3. Sept. In der Kruppschen Kolonie entstand in einem Hause ein Brand. Das Feuer wurde bald bemerkt, jedoch brannte die Treppe ab. Das Feuer ist anscheinend darch Funken aus dem Schornstein entstanden.
(Weitere Lokalnachrichten siehe 2.
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