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Handels=Nachrichten.

swerte, 19. März 1879.

Abonnements=Preis: pro Quartal mit„Familienfreund“ 1 Mark 20 Pfg. Erscheint Mittwochs und Samstags.

200 Pf2.

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In

pr. Pfd. —11 Stück.

ortmund, 19. März.

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Redaction, Druck und Verlag von Carl Braus in Schwerte.

Anzeigen und Bekanntmachungen aller Art werden mit 10 Pfg. die sechsspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet.

M. 25.

Mittwoch, 26. März 1879.

12. Jahrgang.

—80

decke, den 17. März 1879.

Zum Abonnement auf das II. Quartal 1879 der

„Schaere Jeilung“

laden wir Jedermann in Stadt und Land freund­Rlich ein. Das ganze Quartal kostet mit„Familien= freund“ nur 1 Mark 20 Pfg.

Wir treten in ein für die innere Wohlfahrt des deutschen Volkes entscheidendes Vierteljahr ein Im April legt Fürst Bismarck dem Reichs­#tage sein großes Programm vor zum [Schutz und zur Hebung der Landwirth= schaft und der Industrie, für Getreide­nzölle, Eisenzölle u. s. w., für Mehrung der Finanzen des Reichs und zur Minde #rung der Matvikularbeiträge der Einzel­Astaaten. Im Reichstage wird sich nach allen Anzeichen ein schwerer Kampf erheben, dem wir Alle in Stadt und Land mit gespanntem Interesse folgen werden.

Wir werden fortfahren, den Lesern einfach, kernig, #kurz und klar ein treues Bilo der Tagesereignisse zu geben, sowie den Interessen der Landwirthschaft, des Handels und der Gewerbe immer größere Beachtung zu widmen.

Den westfälischen Angelegenheiten, namentlich aus den Kreisen Dortmund und Iserlohn, werden wir be­sondere Aufmerksamkeit widmen und bitten wir die Leser, uns dabei zu unterstützen.

Für das Feuilleton unserer Zeitung haben wir die höchst spannenden Erzählungen:„Ein stolzes Herz“ und„Auf falscher Bahn“ erworben. Wir glauben Freunde einer fesselnden und gediegenen Unterhaltungslektüre darauf besonders hinweisen zu sollen. Der bereits erschienene Theil dieser Erzählungen wird, soweit der Vorrath reicht, um

Neuß, 20. März 1879.

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irthieen v. 100 Ctr. #l per 100 Kilo faßw. inigt. Oel p. 100 K. irk höher als Rüböl kuchen per 1000 K. en=Vorschuß 00

à 100 Kilo in 50 Kilo 1 5 20

dagen, 15. März. Die vor­ige Getreidebörse zeigte bei fester denz ruhigen Verkehr. Preise blie­gegen die vorwöchentlichen Noti­sen ziemlich unverändert, bis auf zenvorschuß, der einen Preisauf­g von 50—75 Pfg. aufweist. Wir ren: Weizen M. 20,25. Roggen, scher M. 12,75—14, westf. und ost­ß. M. 15. Hafer M. 13,50—15. I, Weizenvorschuß M. 26,75—28,50. genvorschuß M. 19,75—20,50. Alles 100 Klgr. frachtfrei Hagen.

Viehmärkte.

Dortmund, 19. März. Auf heutigen sogenannten Schüppen­ieß=Viehmarkte war der Auftrieb

Zugleich bemerken wir, daß bei der stets zunehmen­den Auflage

Inserate

von nachzuweisender Wirksamkeit sind.

Verlag der„Schwerter Zeitung“.

A. C. Der deutsche Reichstag

genehmigte in seiner 20. Sitzung vom 15. März zunächst in #dritter Lesung die internationale Convention, die Maßre­Ageln gegen die Reblaus betreffend Sodann nahm er die ##erste Berathung des Gesetzentwurfes, betreffend den Schutz nützlicher Vögel, vor. In derselben hob besonders der Abg.

Hohenlohe=Langenburg die hohe Bedeutung dieses Gesetzes ###für Land= und Forstwirthschaft, sowie für den Gartenbau

hervor und betonte die dringende Nothwendigkeit einer reichs­gesetzlichen Regelung dieses Gegenstandes, um, daran an­knüpfend, auch andere Länder, besonders die Staaten am Mittelländischen Meere, wohin bekanntlich diemeisten unserer Zugvögel sich alljährlich begeben, zu Gesetzen für den Schutz Ader nützlichen Vögel bewegen zu können. Das Haus beschloß, #entgegen einem Antrag des Abg. Windthorst auf Commissi­onsberathung, den Entwurf auch in zweiter Lesung im Ple­num zu berathen. Dann ging dasselbe zum Etat. Das

Capitel„Zölle und Verbrauchssteuern“ bot wiederum dem Abg. Richter=Hagen Veranlassung, gegen die Zollpolitik Reichskanzlers eine längere Rede zu halten, in der er be­sonders wieder gegen die Kornzölle in's Zeug ging, die man zwar einführen, aber nicht lange werde erhalten können, da sie eine Vertheuerung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse seien und selbst dem Landmann, auf den eine allgemeine Vertheuerung der Consumtion ebenfalls falle, nothwendiger­weise schaden müßten. Redner meinte nicht, wie der Abg. Windthorst dies thun wolle, die Zollvorlagen des Reichs­kanzlers erst abwarten zu dürfen, sondern hielt sich schon jetzt für verpflichtet, seine Stimme gegen die Einführung der Kornzölle zu erheben, da die Agitation dafür einen Appell an den Egoismus enthalte, aus welchem die Soci­aldemokratie eine Kraft ziehen werde, welche alle Gesetze gegen die Socialdemokratie wie Fäden zerreißen werde.— Abg. v Kardorff bekämpfte die Ansichten des Vorredners und sprich seine Ueberzeugung aus, daß die Einführung von Zöllen, ein­schließlich der Getreibezölle, die nothwendigsten Lebensbedürf­nisse nicht vertheuern, sondern im Gegentheil den Arbeitern ein Aequivalent bringen würde, das in der vermehrten Nach­frage nach Arbeitskräften bestehen würde. Gegen den ge­genwärtigen Nothstand müsse etwas geschehen. Er erinnerte unter dem Gelächter der Linken an die Zustände Frankreichs im vorigen Jahrhundert, wo der Wohlstand durch den Frei­handel vernichtet worden und von den rothen Republikanern Marat und Robespierre der Schutzzoll wieder eingeführt worden.— Abg Delbrück versuchte, die Ansichten des Vor­redners zu widerlegen, insbesondere die, daß die Kornzölle voraussichtlich die Landwirthe zu vermehrter Bebauung ihrer Ländereien mit Getreide veranlassen würden. Aba. Sonne­mann exemplificirte auf Frankreich, wo Schutzzölle bestehen und wo trotz dieser Zölle die Lage der Webereien und Spin­nereien durchaus nicht günstig sei. Auch die Baumwollen­industrie Englands habe in den letzten Jahren stetig abge­nommen. Wenn Deutschland Eingangszölle auf Rohstoffe erhebe, wenn es seine Lebensmittel vertheuere, dann werde die deutsche Coukurrenzfähigkeit mit andern Ländern zurück­gehen. Die Schutzzölle würden das Land in Geldverlegen­heiten bringen, es würde bald im Lande an circulirendem Metallgeld fehlen und dann werde die Schutzzollpartei zur Notenpresse greifen. Redner verurtheilte alle gegenwärtigen Enqueten als verfehlt, weil sie alle darauf berechnet seien, Propaganda für indirekte Steuern zu machen. Diese Pro­paganda sei eben so gefährlich und verderblich wie die Agi­tation der Socialdemokratie, und da er ein„guter Patriot“, so protestire er gegen die neue Zoll= und Handelspolitik des Reichskanzlers.— Abg. Richter=Meißen glaubte von der Ein­führung der Zölle weder für die Erhöhung der Preise der landwirthschaftlichen Producte, noch für die Einnahmen des Reiches wesentliche Erfolge erwarten zu dürfen und möchte lieber den großen Landwirthen durch Beseitigung der Dif­ferenzialtarife helfen, den kleinen aber dadurch, daß man ihren Credit sicher fundire. Redner rieth beiden Seiten Mäßigung, dann werde eine Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse herbeigeführt werden. Abg. von Unruh(Mag­deburg) wies darauf hin, daß unsere Industrie unter dem Einflusse der Handelspolitik von 1865 geblüht habe. Der Schutzzoll vertheure die Erzeugnisse der Industrie und ver­hindere den Export. Wie sollten da wohl die Arbeiter, wie Herr von Kardorff behauptet, mehr Beschäftigung finden? Die Arbeit würde im Gegentheil billiger werden. Auch die gegenwärtige Unruhe und Unsicherheit seien Schuld, daß die Industrie darniederliege.

In der 21. Sitzung am 17. März stand zunächst der Rechenschaftsbericht über die Verhängung des kleinen Bela­gerungszustandes über Berlin zur Berathung, in Verbi dung mit einem Petitionsbericht über Petitionen, betr. die Wie­deraufhebung dieses Zustandes. Der Socialist Abg. Lieb­knecht, der zuerst zum Wort gelangte, bestritt die Stichhal­

): Ein stolzes Herz.

Roman von Dr. Th. Küster.

(Fortsetzung.)

V.

Einige Tage nach der Abreise Edda's von Schloß Reichen­bach befanden sich Baron Hans' Mutter und seine Schwester Friederike in dem kleinen eleganten Empfangssalon des Schlosses. Baronesse Friederike saß bleich, mit stark ge­#rötheten Augen, auf die sie zuweilen ein seines Battisttuch #drückte, in einem Fauteuil, während ihre Mutter heftig auf­geregt durch das Zimmer schritt.

„Ich glaube, ich stürbe lieber, ehe ich die Frau dieses alten, mir widerwärtigen Mannes würde!— Nein, Mama, nich kann mich nicht opfern und alle meine schönen Zukunfts­

rief Friederike, und begann

Sträume zertrümmert sehen!“ krampfhaft zu schluchzen.

Frau von Reichenbach blieb vor ihr stehen und blickte Viehma.: der Auftrig Sihre Tochter mitleidsvoll an, doch nichtsdestoweniger sagte

so bedeutender, wie dies schon seir#sie nach einer Weile fest und bestimmt:„Es muß sein,

zerer Zeit nicht mehr der Fall war. Friederike, Du hast keine Wahl, oder“...— fuhr sie

flüsternd fort

getrieben waren über 600 Stück dvieh, annähernd 200 Pferde und a 700 Stück Borstenvieh. Dem ßen Auftriebe entsprechend, gestaltete auch das Geschäft zu einem äußerst saften und wurden besonders Milch­e mit den höchsten Preisen bezahlt. kosteten frischmilchende Kühe 300 360 M., in kürzester Zeit milchend dende 240—300 M. Von Pferden ren besonders Acker= und Wagen­rde gesucht und wurden solche mit —600 M. bezahlt. Schweine(Fer­

erzielten pr. Lebenswoche 1,60 bis 0 M.

Dortmund, 19. März. Während den letzten Wochenvichmärkten sich Geschäft zu einem sehr lebhaften taltete, war dasselbe gestern etwas leppend, was wohl seinen Grund in n heute stattfindenden großen Vieh­irkte haben mochte. An Großvieh ren 150 Stück, an Kälber annähernd 0 Stück, an Schweine etwa 60 Stück d an Hammel 20 Stück aufgetrieben, eise: Prima Waare Großvieh 59 bis M., geringere Waare 10—57 M., hweine 45—51 M. pro 100 Pfund hlachtgewicht. Kälber erzielten 40 bis Pfg und Hammel 55—65 Pfg. pro Pfd. Schlachtgewicht,

„willst Du, daß Dein Bruder erfährt, was Du jetzt weißt?... Er würde in seinem empörten Rechtsgefühl uns als Bettler von seiner Schwelle jagen; er würde die ganze Erbschaft den Verhaßten zuweisen lassen. Und was willst Du dann thun?— Als Stickerin uns ernähren und trockenes Brod essen?"

Friederike richtete sich auf; mit fest zusammengepreßten lippen starrte sie hinaus in das grüne Laubwerk des Gar­tens: das Tuch in ihren Händen zerrte sie hin und her, sis es zerriß. Ihre Erscheinung war in diesem Augenblick dahrhaft abschreckend, sie bot ein Bild wildester, zügellose­ster Leidenschaft. Plötzlich wandte sie sich ihrer Mutter zu, ind mit funkelnden Augen knirschte sie zwischen den kaum sich iffnenden Zähnen hervor:„Nun wohl, wenn ich nicht anders kann, soll es sein!— Doch wehe ihm!— Das Leben soll ihm zur Hölle werden, ich will ihn martern und quälen, bis ich von ihm befreit bin!— Diese beiden Heuch­Verinnen, diese Aventurièren sollten reiche Erbinnen werden, damit die ganze Männerwelt zu ihren Füßen schmachtet, mehr noch, als sie es jetzt schon um die schönen Larven willen thut?!— Nein, lieber will ich mich opfern; doch zur Teufelin will ich werden— für ihn und für sie!“ Erschöpft warf sie sich wieder in ihren Fauteuil. Die schlanken weißen Finger bebten und zerrissen den kostbaren Spitzenbesatz ihres Kleides. Hätte Herr von Lossau seine begehrte Braut so sehen können, er hätte sich wohl anders esonnen.

„Beruhige Dich, mein Kind,“ nahm Frau von Reichen­bach das Wort,„Du bekommst die Macht in die Hand, dich zu rächen.— Doch nun raffe Dich auf, Friederike,

und mach andere Toilette: Lossau wird bald kommen: zeig' Dich ihm ruhig, reize ihn jetzt nicht; erst laß uns die Beweise vernichtet haben, dann kannst Du thun, wie es Dir um's Herz ist.“

Bleich, wie geknickt nach dem leidenschaftlichen Ausbruch, erhob sich Friederike und ging ohne ein weiteres Wort an ihre Mutter nach ihrem Zimmer.

*„*

*

einem anderen Theile des Schlosses stand Baron Hans am Fenster. Auch er war hoch und schlank gewachsen, doch zeugten seine Bewegungen trotz ihrer Eleganz von frischer, nerviger Kraft und sein Körper von Elasticität Sein edel geschnittenes, leicht blasses Gesicht war von einem dunkelblonden Vollbart umgeben, das volle, leicht gelockte Haar um eine Nuance dunkler. Sinnender Ernst lag auf den geistreichen Zügen, nur die tiefdunkelblauen Augen waren lebhaft und blickten scharf.

Er schien irgend Etwas mit ganz besonderer Aufmerk­samkeit zu beobachten. In der That hatte sein Auge dort unter schattenreichen Bäumen die Gestalt Mary's erkannt. Graziös lag sie in einem Schaukelstuhl, der schöne Kopf war zurückgelehnt und sich leise hin und her wiegend, sah sie träumerisch in die hohen, dichten Baumkronen. Ein Zug liefer Wehmuth lag auf dem lieblichen Gesicht und Thränen füllten die Augen des jungen Mädchens; die kleinen schönen Hände hatte sie wie betend gefaltet— es war ein Bild stillen, resignirten Schmerzes.

„Mary!“ murmelte Hans.„Sie ist eben so schön, wie sie, nur zu sanft, zu duldend. Ich liebe nicht diese Frauen, welche Alles über sich ergehen lassen mit einem ergebenen:

„Wie Gott will!“ Edda— wie anders ist sie! Wie stolz selbstbewußt, erhaben, unnahbar— bald zu stolz für ihre Jugend...."

Sinnend hielt er inne.—„Und doch hätte ich nicht anders gehandelt an ihrer Stelle. Ja, so muß das Weib handeln, wie es mein Jdeal ist!— Wie beneidenswerth ist der Mann, der sich die volle, hingebende Liebe eines solchen Weibes zu erringen vermag!—— Ich will hinab zu Mary,“ fuhr er nach kurzem Bedenken laut sprechend fort „sie muß mir von ihr erzählen. Ich weiß noch nicht ein­mal, wo sie ist, und Mary hat gestern schon briefliche Nach­richt von ihr erhalten, doch ich vermochte nicht, in Gegen­wart meiner Mutter und Friederiken's von ihr zu spre­chen.“

Nachdenklich durchschritt er das Zimmer.„Warum sie die guten, schönen Mädchen nur so hassen mögen?— Neid, nur erbärmlicher, kleinlicher Neid kann es sein!“— Und Hans von Reichenbach nahm seinen Hut, um seine Cousine Mary Liebenstein aufzusuchen.

Mary hörte die nahenden Schritte. Sie erhob sich rasch aus ihrer nachlässigen Lage: ein leichtes Roth überflog ihr

jedes braven Deutschen.“ Das Haus ließ hiermit den Ge­genstand fallen und nahm den Antrag der Petitionskom­mission an, daß die Petitionen wegen Aufhebung des kleinen Belagerungszustandes mit der Vorlegung des Rechenschafts­berichts als erledigt zu betrachten seien.— Es folgte darauf die Forts. der 2. Berathung des Reichshaushaltsetats und die Position Zölle und Verbrauchssteuern gab wiederum die willkommene Veranlassung zur Behandlung der jetzt überall besprochenen Frage von Schutzzoll und Freihandel.— Abg. Stumm nahm dabei Gelegenheit, gegen die vielfachen An­griffe zu protestiren, welche die Thätigkeit der verschiedenen Enquete Commissionen erfahren.— Ihm erwiderte Abg. Bamberger, daß die Zusammensetzung der Sachverständigen­Commissionen eine mangelhafte zu nennen und daß den Verhandlungen die nothwendige Oeffentlichkeit gefehlt habe.

Abg. Rickert trat für die Interessen der Rheder ein und erzählte u. A., ein Rheder habe ihm gesagt, bei Verwirkli­chung der Pläne des Reichskanzlers müsse er nach England auswandern. Der Ein= und Ausgangszoll, sagte der Red­ner, ruinire den Küstenhandel auf jeden Fall und schädige auch die Conkurrenzfähigkeit der Kleineisenindustrie, welche noch mehr Arbeiter ernähre, als die Großindustrie. Auch gegen den Getreidezoll sprach er sich aus, der die Landwirth= schaft auf's Empfindlichste schädigen werde.— Staatsmi­nister Hofmann gab die beruhigende Erklärung ab, daß die Regierung die Interessen der Rhederei und Schifffahrt stets im Auge behalten werde. Der Reichskanzler habe sich mit der Frage bereits eingehender beschäftigt, als der Abgeordnete vielleicht glaube.

Der Reichstag setzte in der 22. Sitzung, am 19. März, die Berathung des Etats fort und nahm eine ganze Reihe von Positionen an: Rübenzuckersteuer, Salz­steuer, Tabaksteuer, Branntweinsteuer, Brausteuer und Aversa für die außerhalb der Zollgrenze liegenden Gebiets­theile des Reiches. Bei der Rübenzuckersteuer bemerkte der Abg. Richter(Hagen), daß die Annahme, 12½2 Ctr. Rüben seien zur Herstellung eines Centners Rohzucker nöthig, falsch sei; gewöhnlich gehörten nur 11½ Ctr. dazu, und hier könnte die Regierung eine Steuererhöhung eintreten lassen; aber, sagte derselbe weiter, dieselbe hüte sich, dies zu thun, weil es sich um die Großfabrikanten handle, während bei der zu besteuernden Tabakindustrie nur Klein­fabrikanten in Betracht kämen. Auch tadelte der Abgeord­nete, daß die Ausfuhrvergütungen für Zucker zu reinen Exportprämien würden. Der Bundescommissar bestritt beide Aufstellungen, und der conservatide Abg. Dr. Lucius erhob sich gegen die Art der Richter'schen Etatberathung, indem er äußerte, wer da meine, daß Groß= und Klein­besitz verschiedene Interessen habe, der zeige, daß es ihm am Verständniß oder etwas Anderem fehle Man möge sich nach dem Beispiele der Nachbarländer richten und möge nicht nach Theorien, sondern nach den materiellen Interes­sen des Landes entscheiden. Auch die Position der Salz­steuer benutzte Hr. Richter, um der Regierung einen guten Rath zu geben, den er in die Anfrage kleidete, ob man bei den zu erwartenden Steuerhöhungen von vielleicht 200 Millionen Mark nicht darauf Bedacht nehmen werde, Steuern zu erlassen. Zu diesem Erlaß eigne sich am besten die Salzsteuer. Der Präsident des Reichskanzleramts Staatsminister Hofmann gab Herrn Rich er die Auskunft, wenn die demnächst an den Reichstag kommenden Vorlagen bezüglich der Vermehrung der indirecten Steuern des Reiches den gehofften Erfolg haben würden, dann könne vielleicht auch an die Verringeruug der Salzsteuer gedacht zur Epidemie gewordenen politischen Morden und dem werden.— Bei dem Titel Branntweinsteuer klagte der handensein von vielen Drohbriefen die Nothwendigkeit lelsässische Abgeordnete Schneegans über die Einfuhrung

tigkeit der Anwendung des§ 28 des Socialistengesetzes auf Berlin, da alle Bedingungen dafür fehlten; denn nirgends habe sich eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit be­merkbar gemacht. Die Behauptungen einer geheimen Pro­paganda, in geschlossenen Parteiversammlungen, Verbindungen mit Nihilisten u. dergl. seien durchaus unerwiesen und für den Zusammenhang des Socialismus mit den vorjährigen Attentaten seien keine Beweise erbracht worden. Es sei in besonderer Weise Stimmung für den Belagerungszustan gemacht worden, indem man Nachrichten über Drohbriefe an die Kaiser von Deutschland, Rußland und Oesterreich verbreitet hätte; wer aber ein Verbrechen begehen wolle, pflege das doch nicht in Briefen erst anzuzeigen. Die Or­sinibomben, welche die Hamburger Polizei gefunden haben sollte, waren von der Sittenpolizei mit Beschlag belegte Gum­miartikel, auf welche der Fabrikant Orsinibomben geschrieben hatte. Mit dem Socialistengesetz könne man die Socialde= mokratie nicht vernichten; das Bürgerthum werde noch ein­sehen, daß die Socialdemokratie nicht das rothe Gespenst sei, für das man sie gehalten. Der Reichstag möge urtheilen, wo diejenigen seien, welche den Frieden der Nation störten Als der Redner dann noch die Angelegenheit zur Sprache brachte, daß man es den Socialisten als Ungezogenheit aus­gelegt habe, daß sie bei den Hochrufen auf den Kaiser sitzen geblieben, und hinzufügte: das sollte keine Beleidigung sein, sondern eine Pflicht, die uns durch unsere politischen Grund­sätze auferlegt ist", erwiderte ihm der Präsident von For­ckenbeck: daß das Sitzenbleiben bei einem Hoch auf den Kaiser allerdings die monarchischen Gefühle des Reichstages und des ganzen Volks auf eine so arge Weise verletze, wie die­selbe ärger nicht gedacht werden könne. Abg. Liebknecht aber fuhr fort:„Ich habe gesagt, daß mir die Absicht einer Majestätsbeleidigung ferngelegen hat. Wenn in Deutschlan je Republik proklamirt wäre, so würde ich auch von Ihnen (rechts) nicht verlangen“ und der Präsident unterbrach ihn mit den Worten:„Wenn der Redner jetzt nicht die Tribüne verläßt, so mache ich, da ich in schon vorher zweimal zur Sache gerufen habe, von dem mir zustehenden Rechte Ge­brauch und lasse das Haus darüber abstimmen, ob ich ihm das Wort entziehen soll. Der Abg. wollte fortfahren zu reden, wurde aber durch die lauten Rufe von der rechten Seite:„Herunter“ unterbrochen und verließ die Tribüne. — Darauf nahm der Bundesbevollmächtigte Staatsminister Graf zu Eulenburg das Wort, um die exceptionelle Anwen­dung des Socialistengesetzes auf Berlin zu begründen und zu beweisen, daß die Socialdemokratie nicht so ungefährlich sei, wie der Herr Liebknecht es dargestellt habe Dabei las der Redner einige Stellen aus der letzten Nummer der „Freiheit“ vor, die roth gedruckt zur Erinnerung an den 18. März 1848 erschienen ist und sich als Agitationsnummer bezeichnet. Einer der Sätze, die der Socialist Most verfaßt hat, lautet:„Wir nahmen die altbewährte Werbetrommel des gedruckten Wortes zur Hand und schlugen den Wirbel der Revolution, auf daß er hineintönen möchte in die Hütten wie in die Paläste, dem Einen zum Trost und zur Ermu­thigung, dem Andern zum Entietzen. Nach bestem Wissen und Können predigten wir die rothe Republik, den radicalen Socialismus; kurzum, der Refrain unserer Appellation au das Volk lautet kurz und bündig:„die ganze Rebellion, die neue Rebellion!"— Wie stimmt das, sagte der Mi­nister, mit der friedlichen Uuterwerfung unter das Gesetz und die Ordnung des Staates überein? Der Redner suchte ferner den Zusammenhang der hiesigen Socialisten mit der Internationale und den Nihilisten nachzuweisen und bei den

fast zur Epideinie gewordenen politischen Mord

Vorhgreangen, ven viten Sirgriitsen die Nothwendigkeit von Schutzmaßregeln darzuthun, wobei er Berlin eine ganz exceptionelle Stellung beilegte; denn, so schloß der Minister unter lebhaftem Beifall,„was hier zu schützen ist, das brauche ich nicht näher anzugeben, das lebt in dem Kopfe und Herzen

dieser Steuer in den Reichslanden, wo die Kleinbrenner auf's Empfindlichste geschädigt würden und über die Art, wie die Steuerunterbeamten die Steuern von den Bauern eintrieben. Der Titel Aversa für die außerhalb der

liebes Gesicht, als Baron Hans mit freundlichem Gruß zu ihr trat.

„Immer allein, träumend und schwärmend, liebe Cou­sine?— Wollen Sie mit mir eine Inspectionstour durch Feld und Wald machen?— Aber zu Fuß!“— Munter und freundlich hatte der Baron diese Frage gestellt.

„Von Herzen gern, lieber Vetter, ich will nur Hut und Sonnenschirm holen und bin im Augenblick wieder zurück.

Bald kehrte Mary für den Spaziergang gerüstet, zurück, Baron Hans bot ihr den Arm und sie legte ihre Hand leicht darauf. Es war ein schönes Paar, diese beiden jugendlichen Gestalten— das edle, ernste Gesicht des jungen Mannes und die lieblich befangenen Züge des Mädchens mit den sanften Taubenaugen.

Zwei zornfunkelnde Augen folgten den Ahnungslosen und zwischen den verbissenen Zähnen hervor zischte die hinter einer Gardine den Vorgang bebachtende Friederike: „Die Schlange! Ihn sucht sie zu umwinden; doch es soll ihr nicht gelingen, das schwöre ich!“

Schnell und bereitwillig war Mary auf die Frage ihres Begleiters eingegangen, die er in Betreffs Edda an sie rich­tete; war sie doch glücklich von der vergötterten Schwester sprechen zu können, nach der sie schon jetzt sich sehnte, um die sie sich grämte und härmte. Wie viel, wie unendlich viel wußte sie von ihr zu erzählen!— Sie theilte Hans Episoden aus der frühen Jugend Edda's mit, welche von dem stolzen energischen Character derselben Zeugniß gaben, der ihr schon im Kindesalter eigen war. In der Begeiste­rung, mit welcher Mary sprach, vemerkte sie nicht, wie das Auge des Barons an ihrer Seite erglänzte, wie eine jähe Röthe auch sein Gesicht überzog und wie sein Herz stür­misch pochte. Es jubelte in ihm, er hätte es hinausruten mögen in Wald und Feld:„Ja, so habe ich sie mir gedacht, so mußte sie sein!“

Als dann Mary ihm erzählte, daß Edda sich nicht glücklich fühle in ihrem neuen Heim, da sagte er heftiger, freudiger, als er es wohl selbst gewollt:„Dann wird sie bald zurückkommen zu uns!— Doch Mary schüttelte trau­rig das Köpfchen:„Nein, das wird sie so bald nicht, denn das liebe Mädchen mit den braunen Locken und den Veil­chenaugen hält sie dort fest. Fast möchte ich diesem Mäd­chen zurnen, denn es raubt mir einen Theil ihrer Liebe—“ „Bis einst ein Anderer“, fiel Hans ihr ins Wort,„die ganze Liebe Ihrer Schwester für sich in Anspruch nimmt!“

Er hatte diese Worte wie zu sich selbst gesprochen, doch laut und verständlich genug, daß Mary sie gehört. Aengst­lich fragend richtete sie den Blick auf d.n Vetter, doch er sah es nicht und so schwiegen sie Beide.

Als sie später nach dem Schloß zurückkehrten, trat hnen Herr von Lossau entgegen. Hans' Stirn faltete sich finster — er fühlte mehr als Antipathie gegen diesen Mann.

Lossau hielt förmlich bei ihm um die Hand Friederiken's an, mit dem Hinzufügen, daß er deren und Frau von Reichenbach's Einwilligung bereits habe. Befremdet, mit nahezu beleidigendem Erstaunen blickte der junge Baron ihn an; verschiedene Gedanken mochten sich wohl in seinem Kopfe kreuzen.— Doch was sollte, was konnte er anders thun, als das einmal Geschehene gutheißen?— Auch mit der Höhe der verlangten Mitgift mußte er sich einverstan­den erklären, obgleich er mit nicht zu erschütternder Festig­keit dabei blieb, vor der Hand nicht das Capital, sondern nur die Zinsen desselben anweisen zu wollen, betrachtete er sich selbst doch nur als den Verwalter seiner Besitzungen und seines sonstigen Vermögens.

Einige Wochen stäter fand die Vermählung des Herrn von Lossau mit Baronesse Friederike Reichenbach statt. Un­endlich viel ward über diese Verbindung in der Residenz gesprochen, gelächelt und gespöttelt, auch anscheinend sehr theilnehmend der Braut Glück gewünscht. Man konnte es ja eigentlich kaum glauben, daß das Fräulein von Reichen­bach, welches so stolz nach der Erbschaft aufgetreten war, nun sich dazu verstand, die Gemahlin dieses lächerlichen Gecken zu werden.

Und die kurze Zeit des Brautstandes, welche Qualen hatte sie für Hans' Schwester gebracht!— Das Einzige, was sie ihren Gram und Schmerz vergessen machte, war die hochwichtige Wahl der verschiedenen, unvermeidlicher Weise zu beschaffenden Toiletten Von Modistinnen und Putzmacherinnen wimmelte es auf Reichenbach, denn Eins wenigstens wollte Friederike an ihrem Hochzeitstage haben: eine kostbare, überreiche Brauttoilette. Mit einem Eifer, als gelte es ihr ganzes Lebensglück, berieth sie sich mit zahlreichen Lieferanten; die kostbaren Toiletten sollten ja die Blicke ablenken von dem Manne an ihrer Seite.

Auch Frau von Reichenbach befand sich in fieberhafter Aufregung; sie konnte kaum die Zeit erwarten, die ihr jene unselige Beweise in die Hände liefern würde, welche sie selbst vernichten mußte, um ihre gewohnte Ruhe wieder zu erlangen. Endlich war der Hochzeitsmorgen da. Geschmückt wie eine Fürstin war Friederike anzusehen; bleich, doch mit blitzenden Augen und fest zusammengepreßten Lippen, welche sich kaum öffneten, um das verhängnißvolle:„Ja!“ heraus­zustoßen, als koste sie dies Wort eine Gewaltanstrengung.

Die Hochzeit war glänzend, die Gesellschaft zahlreich, denn man war gezwungen gewesen, eine Menge Einladun­gen aus verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Rück­sichten zu erlassen. Friederike schien munter und heiter, sie unterhielt sich viel ind zwanglos, ein genauer Beobach­ter jedoch würde zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß ihr ganzes Wesen den Stempel der Verbissenheit trug und ihr Frohsinn ein erzwungener war.— Der Reisewagen hielt vor der Thür, die Neuvermählten erwartend; Friede­