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Amtliches Organ für den Landgerichtsbezirk Vortmund.

Redaktion, Druck und Verlag

Nro. 86.

Erscheitnt Baimochs und Ganhags und hoster vierteljährlich in der Expedition 1 Mark, durch Betm Mark 1,10.— Illustr. Blätter 50 Pfg.

— Gerechtigkeit.— Gemeinwohl.

Samstag 27. Oktober 1888.

von Ph. Culbart in Castrop.

Politische Aebersicht.

Deutschland.

Kaiser Wilhelm II. unternahm am Dienstag Vormittag kurz vor 9 Uhr vom Marmorpalais aus einen Spazierritt in die nächste Umgebung von Potsdam und begab sich nach dem Kasernenhofe des Leib Garde=Husaren=Regiments um da­selbst den Uebungen des Regimentes beizuwohnen. Von dort zurückgekehrt, nahm der Kaiser im Marmorpalais die Vor­träge des Admirals Grafen Monts und des Chefs des Mili tärkabinets entgegen und arbeitete später längere Zeit allein. Vor dem Diner unternahmen beide Majestäten noch eine Aus fahrt. Das Befinden des Kaisers und der Kaiserin ist sehr zufriedenstellend.

Am Mittwoch Morgen unternahm der Kaiser einen ein­stündigen Spazierritt in der Umgebung von Potsdam. Nach der Rückkehr empfing der Monarch den Oberstallmeister Rauch und arbeitete mit dem Chef des Zivilkabinets und dem Grafen Herbert Bismarck. Zur Tafel waren die Professoren von Bergmann und Gerhardt geladen, es ist das eine offenbare Auszeichnung gegenüber den Anschuldigungen, welche Mackenzie in seiner Broschüre gegen beide Aerzte erhebt. Donnerstag Nachmittag reiste der Kaiser zur Jagd nach Blankenburg am Harz. Samstag Mittag wird der Kaiser im Berliner Schloß die Deputation der dortigen städtischen Behörden, welche den Kaiser zur Rückkehr in die Heimath begrüßen will, empfangen.

Kaiser Wilhelm und seine Gemahlin waren am Mittwoch Nachmittag nach Berlin gekommen, statteten der Kaiserin Friedrich einen Besuch ab und verweilten noch im Schloß. Um 5 Uhr Abends fuhren beide Majestäten nach Potsdam zurück.

Samstag kommt der Kaiser von Potsdam nach Berlin, um der an diesem Tage erfolgenden feierlichen Einweihung der neuen Kirche„Zum h. Kreuz“ am Johannistisch beizu­wohnen.

Auf seiner Reise nach Hamburg zu den dort am Mon­tag stattfindenden Zollanschlußfeierlichkeiten reist Kaisr Wil­helm am Sonntag nach Friedrichsruh zum Reichskanzler, übernachtet daselbst und trifft mittelst Sonderzuges am 29. in Hamburg ein. Es ist wahrscheinlich, daß Fürst Bismarck den Kaiser nach Hamburg begleitet.

Die Eröffnung des neuen Freihafengebietes in Bremen hat am Sonntag Mittag unter Betheiligung des Senats, der Bürgerschaft, der Handels= und Gewerbekammer=Mitglieder, der Spitzen der Militär=, Zoll=, Post= und Telegraphenbe­hörden und der Bevölkerung stattgefunden.

Der greise Feldmarschall Graf Moltke feiert heute, Freitag, seinen 88. Geburtstag. Er tritt nunmehr in sein neunund­achtzigstes Lebensjahr in voller geistiger Kraft und Frische, die ihn befähigt, auch noch fernerhin der Stärkung der deutschen Verteidigungskraft in seiner Stellung als Präses der Landes­

Die Seirathsvermittelung.

Es ist die einzige Heirath, die ich gestiftet habe. Ich schwöre es feierlich.

Es war aber auch nicht länger mit anzusehen. Die kleine, allerliebste Emmy grämte sich schier zu Tode, das heißt, so arg war es wohl nicht, sie erfreute sich einer guten Ge­sundheit und ihre Wangen prangten alle Zeit in appetitlichstem Pfirsichroth, aber— sie grämte sich immerhin in bedenklichem Maße, denn sie vernachlässigte ihre seidenweiche Angorakatze naschte kaum eine halbe Düte Bonbons und blickte oft so zer­streut zum Himmel empor, daß sie dabei über jedes Kiesel­steinchen im Parke stolperte. Es war ein rechter Jammer und der Sache mußte um jeden Preis ein Ende gemacht werden. Ich nahm daher Emmy eines Tages ernsthaft in's Gebet. Als die um viele Jahre ältere Koufine, die Gesell­schafterin, das Faktotum im Hause, konnte ich mir schon einen Eingriff in die Herzensgeheimnisse des Mädchens erlauben. Ich sagte also meinem Kousinchen auf den Kopf zu, sie sei verliebt, und zwar in niemand Anderen, als in den abscheu­lichen, alten Rittmeister van der Slooten. Sie erschrak nicht, sie erbleichte nicht, sie sah mich ruhig an.

„Verliebt? In den Rittmeister? Nun ja— aber das bin ich jetzt schon gewöhnt.“

Der Ton schnitt mir tief in die Seele, denn das klang wie eine Resignation, die über das Stadium schmerzhafter Empfindung hinaus ist.

„Emmy, er hat es vielleicht nicht bemerkt, daß Du ihm gut bist.“

„Ich kann doch nicht um seine Hand anhalten? Das macht sich auf der Bühne recht gut, im Leben sieht es albern aus. Auch eine regelrechte Liebeserklärung kann ich ihm nicht machen. Und sonst habe ich wahrlich alles gethan, um die Aufmerksamkeit dieses Herrn zu erregen.“

verteidigungskommission seine Sorge zu widmen; noch steht er seinem Kaiser, dessen vollsten Vertraueus er sich erfreut, als treuer Berater zur Seite. Deutschland aber, Volk und Heer, werden seiner an diesem Tage mit tiefer Dankbarkeit und unbegrenzter Verehrung gedenken. Und diesem dankbaren Gedanken schließt sich der warme Wunsch an, daß Gottes Gnade noch lange dem großen Mann seine Kräfte und seine Gesundheit erhalten, und daß sein Kennerauge noch lange freudig auf die weitere Entwicklung des deutschen Heerwesens blicken möge, das, in den gewaltigsten Kämpfen erprobt, unter seiner Leitung für ganz Europa ein unerreichtes Vorbild ge­worden.

Ueber die Unruhen in Ostafrika sind dem auswärtigen Amte Berichte des kaiserlichen Generalkonsuls in Zansibar zugegen, die heute Abend im„Reichs= und Staatsanz.“ abgedruckt werden. Aus diesen Berichten geht hervor, daß die arabische Aristokratie mit ihren sklavenhändlerischen In­teressen der eigentliche Gegner Deutschlands in Ostafrika ist. — Die Erwägungen, welche anläßlich der Vorgänge an der ostafrikanischen Küste im Schoße der Reichsregierung stattge­funden, sollen zu dem Beschlusse geführt haben, daß eine größere Flottenmacht in den Gewässern Ostafrika's zusammen­gezogen werden soll.

Aus Neubreisach wird berichtet, daß die dort neu errichtete Unteroffizier=Vorschule mit der vollen Zahl von 300 Schülern eröffnet sworden ist. Von den Schülern sind zu­nächst nur 20 aus Elsaß Lothringen, die übrigen aus anderen Landestheilen. Hoffentlich wird in diesem Zahlenverhältniß in wenigen Jahren eine Verschiebung eintreten.

Die russischen Blätter schlagen wieder den denkbar ge­hässigsten Ton gegen Deutschland und Oesterreich an. Bezüg­lich der Reise des Kaisers Wilhelm wird alles hervorgeholt, an dessen Hand den Lesern vorgespiegelt werden kann, daß der Empfang in Italien Vielskochen habe und daß ol=

gerabezu

drohende Haltung nimmt das amtliche Warschauer Blatt gegen Deutschland und noch mehr gegen Oesterreich, welchem es Bulgariens wegen mit dem Kriege droht.

Eine bemerkenswerte Rede hielt in der Deputierten­kammer der Abg. Roche. Er sagte in derselben:„Auf ganz Europa lastet ein grauenhaftes Verhängnis, dessen gleichen man im Altertum nicht findet. Die Menschheit geht durch einen schrecklichen Entwicklungsabschnitt hindurch. Europa ist in ein ungeheures Heerlager umgewandelt, und wird einst ein Schlachtfeld bieten, wie es die Barbarei des Mittelalters nie­mals geträumt hat. So wachsen herum die Ausgaben, nicht zur Verbesserung des Menschendaseins, zur Linderung der Menschenleiden, sondern für eine künftige Metzelei. Auch Frankreich ist ein Gefangener der unerbittlichen Nothwendig­

„Aber, das ist ja unerhört. Du ein so hübsches, reiches, engelsgutes—“

Sie zuckte lächelnd die Achseln.„Er wird eben ein noch hübscheres, noch reicheres, noch engelsgütigeres Geschöpf be­reits im Herzen sitzen haben.“

„Der? Bewahre! Der ist überhaupt nicht zur Liebe geschaffen; der kennt nur sein geheiligtes Ich, feine theure Bequemlichkeit, seine lieben Gewohnheiten. Weißt Du, Emmy, daß ich nicht begreife, wie Du Dein Herz gerade an diesen alten, stützköpfigen Soldaten hängen konntest.?“

„Alt? Er ist bloß um elf Jahre älter als ich. Stutz­köpfig? Ja, aber es ist Charakter dabei und ein weiches Herz birgt sich dahinter. Was willst Du? Er gefällt mir, so wie er eben ist. Aber lassen wir das.“

„Nein, Emmy, ich lasse die Sache nicht ruhen, es kann nicht so bleiben, dieser hartgesottene Junggeselle muß irgend eine verwundbare Stelle haben und die werde ich aus­spähen.“

Sie lächelte wieder und zuckte die Achseln.

Wenige Tage darauf traf sich eine prächtige Gelegenheit, dem abscheulichen Menschen so recht ins Gewissen zu reden. In großer Gesellschaft war eine Landparthie unternommen worden, und als der Weg ziemlich steil einen Bergabhang emporstieg, fand ich mich, natürlich ganz zufällig, mit dem Herrn Rittmeister an der Quelle der Kolonne zusammen. Er setzte gemächlich einen Fuß vor dem anderen und stützte sich auf den Säbel, den er losgeschnallt wie einen leichten Spa­zierstock in der Hand trug. Ich seufzte einigemale tief und schmerzlich auf. Er mißverstand mich. „Sie haben enge Schuhe?“

„Nein!“ rief ich erbost. Dann blieb ich stehen und sah. ihm voll ins Gesicht.

„Rittmeister, haben Sie ein Herz?“

„Benöthigen Sie eines?“

„Haben Sie eines zu bieten?“

„Ich? Nein.“

Pesiea. S oie. Late m Ssungu. m 14, Jahrg.

Leit. Wir müssen thun wie die übrigen, namentlich jetzt, wo

anonisse, geschlossen werden, welche das Dasein des Vater­

randes selos bedrohen.“ Man sieht, eine genaue Kenntniß der Lage hat man in Paris schon, nur die Erkenntniß fehlt. Was ist es denn, das Europa unter Waffen hält, ihm ko­lossale Lasten auferlegt? Nur die Unbeständigkeit der fran­zösischen Politik und des französischen Volkes. Träte hier ein Wechsel ein, so würde ganz Europa im Nu aus anderen Augen schauen. Leider ist daran nur nicht leicht zu denken.

„Im Verfassungs=Revisions=Ausschusse regte Bonapartist Jolivois den Gedanken an, erst durch eine Volks=Urabstim­mung(Plebiszit) von dem Lande zu erfahren, welcher Staats­

form es den Vorzug geben würde, Republik, Kaiserreich oder

Monarchie, und dann die Revision in entsprechendem Sinne vorzunehmen.

In Frankreich ist ein neuer Verein, zur körperlichen Erziehung der Jugend, gegründet worden. Vorsitzen­der ist Berthelot; im Ausschusse sitzen Brisson, Clemenceau und andere als heißblütig bekannte politische Größen. Zweck ist, Frankreich ein kräftiges Geschlecht zu erziehen; Mittel: die Einführung von Spielen in freier Luft und kräftigen L ibesübungen in allen Elementar=, Mittel= und hohen Schulen; auch soll jedes Jahr ein großes Fest zum Wettstreit in Leibes­kraft und Gewandtheit abgehalten werden, eine französische Nachahmung der olympischen Spiele der Geiechen. Die Pa­triotenliga hat eine Anzahl von Turnanstalten gegründet; die französischen Aerzte finden, daß der französische Körper zu lange einseitig auf Kosten des Geistes vernachlässigt und miß­handelt worden sei.

Italien.

—. Der Papst empfing vor einigen Tagen den General von Winterfeldt, ehemaligen Adjutanten des Kaisers Friedr######

Dus Amtsblalt veroffentlicht eine Erklarung des griechischen Metropoliten(Erzbischofs) Theodosius, wonach die am 5. October 1875 geschlossene Ehe des serbischen Königspaares aufgelöst ist.

und Westfälisch-Rheinisches.

Castrop, 26. Okt. Der Wagenmangel auf Zeche Erin hat einen Umfang angenommen, wie er sonst in den schlimmsten Wintermonaten nicht zu Tage getreten ist. Die Kokesproduktion ist auf den Ladeplätzen aufgestapelt und ein großer Theil der Förderung wird seit zwei Tagen auf dem Zechenbahnhofe abgestürzt. Wie uns mitgetheilt wird beab­sichtigt die Verwaltung morgen zu feiern, wenn der Wagen­zulauf sich nicht günstiger gestaltet. Im Interesse der Berg­leute wünschen wir daß es hierza nicht kommen möge.

„Für Niemanden?“

„Für Niemanden.“

Ich maß ihn mit gebührender Mißachtung. Er schritt gleichmüthig weiter.

„Und Sie fühlen sich wohl im Leben, so ganz ohne Herz?“

„Außerordentlich.“

„Ihnen fehlt nie Etwas? Sie vermissen gar Nichts?“

Er klopfte erschreckt seine Taschen ab, ob Uhr, Porto­monai, Federmesser und Notizbuch darinnen seien.

„Nein, gar Nichts“, sagte er dann beruhigt.

Ich hatte die größte Lust gehabt, ihn keines weiteren Wortes zu würdigen, aber ich dachte an Emmy——

„Wissen Sie, Rittmeister, daß ich Sie aus vollster Seele bedaure?“

„Mich? Weshalb?“

„Sie kennen das Glück einer Herzensregung nicht.“

„Und Sie? Sie kennen es?“

Mir stieg das Blut in die Wangen.„Gewiß, ich kenne es.“ Ich log natürlich, denn ich habe nie geliebt, das heißt — doch das gehört nicht zur Sache.

Er sah mich mitleidig an.„Es muß ein erbärmliches Gefühl sein,“ sagte er dann. Nun befand ich mich doch in einiger Verlegenheit. Sollte ich ihm von dem beseeligenden Gefühl der Liebe vorschwärmen— ihm? Unmöglich. Des­halb änderte ich meine Angriffsfront.

„Haben Sie jemals an das Alter gedacht? Haben Sie jemals erwogen, was es heißt, einsam zu sein, wenn man einer pflegenden Hand, einer aufopfernden Theilnahme dringend bedarf?"(Fortsetzung folgt.)

* Kasernenhofblüthe. Unteroffizier:„Müller, jehen Sie man ja nich mal in den Zoolog'schen Jarten, sonst sieht Ihnen da das olle Rhinozeros un reklamirt Sie als unje­rathenes Glied der Familie.“