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Ansseiger!
Amtliches Ergan für drn Landgrrichtsbesten Vortmund.
Redaktion, Druck und Verlag
** Wahrheit.— Gerechtigkeit.— Gemeinwohl.
von Ph. Culbart in Castrop.
Nro. 38.
Erichen Bütmadt und Santant und deitel vierteljährlich in der Expedition 1 Mark, durch Boten Mark 1,10.— Illustr. Blätter 50 Pfg.
Samstag, 12. Mai 1888.
Jnfertiens- Gebahe:
für die einspaltige Zeile oder deren Raum 10 Pfennige. Reclamen per Zeile 30 Pfennige.
14. Jahrg.
Hom Kaiser.
Aus dem Charlottenburger Schlosse erhielt das„Deutsche Tageblatt“ Mittwoch Abend folgenden Bericht:
Se. Majestät fühlte sich Nachmittags leidlich wohl, nachdem er Mittags kurze Zeit das Bett verlassen hatte. Die am Vormittag staitgehabte Einführung einer neuen Kanüle ist kein besonderes Ereigniß. Es findet ein Wechsel der Kanüle in jeder Woche statt. Das Fieber stand Nachmittags auf 38,4 bis 38,5. Der Appetit und die Kräfte nehmen langsam zu. Die von Professor Lyden vorgenommene Untersuchung der Lungen ergab deren vollständige Gesundheit. Husten und Auswurf sind unverändert. Die Eiterung war Abends etwas stärker als am Tage. Das neue Zelt, welches aufgeschlagen ist, wurde verändert, weil es zu groß ist. Das Zelt ist gleichzeitig auch für die Kaiserliche Familie bestimmt. Mackenzie denkt daran, auf einige Tage nach London zu gehen. Der Kaiser bleibt vorläufig in Charlottenburg. Um 1 Uhr 5 Minuten kam der Erbprinz von Sachsen-Meiningen mit dem Prinzen Heinrich im Schlosse an. Um halb zwei Uhr sprengte der Kronprinz in den Schloßvorhof, er unterhielt sich eine Zeitlang mit dem Prinzen Heinrich, ohne abzusteigen. 2 Uhr 15 Min. kam Prinz Leopold an und erkundigte sich nach dem Befinden des hohen Patienten. 2 Uhr 35 Min. kam der Herzog von Ujest an. 3 Uhr 45 Min. fuhr Prinz Heinrich nach Spandau zur Jagd in Begleitung des Baron v. Usedom.
Aebersicht.
Deutschland.
Am 6. Mai hatte Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sein 6. Jahr vollendet.„Hurrah, der vierte König!" telegraphierte am Tag der Geburt Kaiser Wilhelm, der Urgroßvater, an die glücklichen Eltern.— Am 6. Mai hatte Minister v. Puttkamer seinen 60. Geburtstag begangen, nicht grade gefeiert; denn er hatte ein paar Tage zuvor ein paar Schlachten im Landtag verloren.
Dr. Mackenzie hat vielmals angesetzt, auf kurze Zeit nach England zu reisen, jetzt aber hat er seinen Entschluß für die nächste Zeit ganz aufgegeben, weil ihm der Zustand des Kaisers Friedrich zu schwankend ist. Bei dem Jahresbankeit der Akademie in London sagte Lord Salisbury, ganz Europa stehe schweigend am Krankenbett seines mächtigsten und bewundertsten Herrschers, des Kaisers Friedrich. Und der Prinz von Wales sprach die.deutsamen Worte:„Ich wünschte, es wäre mir möglich, bei dieser Gelegenheit größere Hoffnung auf Erhaltung des Lebens eines Mannes zu geben, der mir so nahe steht und mir so theuer ist, und dessen Leben nicht allein für sein eigenes Land, sondern, wie ich zu behaupten wage, für die Welt im Großen so werthvoll ist.“
In den Zeitungen macht augenblicklich eine in voriger Nr. auch von uns gebrachte Notiz des„Frankfurter General=
Anzeigers“ die Runde, welche über eine angebliche Unterhaltung des Fürsten Bismarck mit„zwei hervorragenden Persönlichkeiten des Auslandes" Bericht erstattet. Danach hätte der Kanzler sich dahin ausgesprochen, daß keinerlei Friedensstörung ig nächster Zeit zu befürchten sei. Ec sei vollständig über die Absichten des Zaren unterrichtet und wisse, daß den Bogdanowitsch, Ignatiew und sonstigen panslavistischen Führern kein Einfluß auf die auswärtige Politik zugestanden werde. Den Boulangismus aber hätte unser Reichskanzler mit der Bemerkung abgefertigt, daß derselbe für Deutschland ohne Bedeutung sei. Dieser Bericht wird in der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" entschieden dementirt. Das Blatt bemerkt:„Es werden dem Reichskanzler verschiedene Aeußerungen über die politische Lage in den Mund gelegt, die vollständig aus der Luft gegriffen sind. Ein Blatt schreibt, wenn die bezügliche Reporternotiz nicht wahr sei, so sei sie immerhin gut erfunden. Nicht einmal diese Stütze bleibt; die Erfindung ist in dem vorliegenden Falle für jeden anderen als den Unwissenden widersinnig und schlecht. Es ist nicht die Art des Fürsten Bismarck, seine Meinung auf Schleichwegen zum Markte der Oeffentlichkeit zu tragen. Wem ehrlich daran liegt, die Ansichten des deutschen Reichskanzlers über die heutige Lage kennen zu lernen, der suche sie in seiner Rede vom 6. Februar, aber nicht in unverbürgten, zu unlauteren Zwecken ausgebeuteten Zeitungsnetizen“.
Aus Karlsruhe wird gemeldet: der Großherzog leidet an einer katarrhalischen Entzündung der Luftröhre, verbunden mit einem allgemeinen Erkältungszustand, welcher ihn nöthigt, zeitweise zu Bett zu bleiben, jedenfalls aber das Zimmer nicht zu verlassen.
Die Königin der Niederlande hat für die Ueberschwemmten in Nord= und Ostdeutschland eine Gabe von 1000 Gulden, der Kronprinz von Dänemark den Betrag von 500 Kronen gespendet. Vom dänischen Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten sind dem Hilfskomitee 200 Kronen zugegangen.
Auch die Schlesische Feuerversicherungs=Gesellschaft hat an die Ueberschwemmten gedachk und dem Oberpräsidenten v. Seydewitz 15000 Mark zur Verfügung gestellt. Herr Rudolf Hertzog in Berlin aber, der bereits 100000 Mark zur Vertheilung unter die Ueberschwemmten dem Kronprinzen Wilhelm zur Verfügung gestellt hatte, hat neuerdings dem Reichskanzler die Summe von 3000 Mk. übergeben, damit diese unter jene Soldaten vertheilt werde, die sich bei den Rettungsarbeiten in den Ueberschwemmungsgebieten besonders hervorgethan haben.
Es wird einem ganz warm ums Herz, wenn man, wie neulich, im Londoner„Standard“ liest, wie das englische Volk voll von Bewunderung und Liebe für die deutsche Nation und seine Regierung ist. Dieser Umschwuag muß sich aber erst vor kurzem vollzogen haben. Im Jahr 1864 stand England auf Seite der Dänen und im Jahr 1866 auf Seite der Oesterreicher und machte aus beidem gar kein Hehl. 1870 stand zwar der englische Hof auf Seite Deutschlands, aber das eng
lische Volk entschieden auf Seiten der Franzosen, denen es auch Waffen lieferte. Wenn also inzwischen eine Besserung in der Haltung unserer englischen Vettern Deutschland gegenüber stattgefunden hat, so ist das sehr anerkennenswerth, thatsächliche Beweise aber hat Deutschland noch keine erhalten. Vielleicht kommt es noch! Zahlreiche Artikel, die von Zeit zu Zeit in englischen Zeitungen auftauchen und vor deutschen Kommis und Lehrern warnen, von welchen England überfluthet werde, liefern den Beweis, daß es mit der Versicherung des„Standard“, unsere deutschen Landsleute würden alle mit offenen Armen in England aufgenommen, nicht so weit her ist, als glauben gemacht wird. Wir Deutsche wollen gern gute Freundschaft halten, möge aber das gute Einverständniß mit uns bei den Engländern eine etwas praktischere und handgreiflichere Form annehmen als seither.
40 Jahre Buße, fern vom Vaterland in Australien, man sollte meinen, in so langer Zeit müsse auch ein Steckbrief verjährt und verbüßt sein, der Steckbrief nämlich wider den ehemaligen Premierlieutenant Techow, der 1848 den Hauptmann von Natzmer überredet hat, das Zeughaus dem„Volke“ auszuliefern. Wie vieles ist in dieser langen, schicksalsreichen Zeit vergessen und vergeben worden! Es scheint auch nach Gerüchten, daß der Steckbrief zurückgezogen ist oder wird und daß Techow kein Hinderniß bereitet wird, in sein Vaterland zurückzukehren und Abschied zu nehmen.
Oesterreich=Ungarn.
Der Abg. Ritter v. Schönerer, das Haupt der antisemitischen Partei in Oesterreich, ist tief in die Tinte gerathen. Er hatte mit mehreren seiner Anhänger auf die erste Kunde vom Tod Kaiser Wilhelms, die allerdings falsch war, die Redaktion des„Wiener Tageblatts“ gestürmt, um dort„unter den Juden“ ein großes Strafgericht zu halten. Bei dieser Gelegenheit hat er sich ferner der Beleidigung der Wachmannschaften schuldig gemacht und für all die Frevel ist er nun zu 4 Monaten schweren Kerkers mit zwei Fasttagen im Monat und zum Verlust des Adels verurtheilt worden. Geistgrasser, sein einer Genosse, hat zwei Monate schweren Kerkers erhalten. Das Publikum demonstrierte nach der Verurtheilung für Schönerer und sang und spielte„die Wacht am
Rhein.“
Italien.
Der zweite deutsche Pilgerzug, etwa 250 Theilnehmer unter Führung des Fürsten Löwenstein, traf Mittwoch Abend von Asisi kommend in Rom ein. Die Pilger werden am Sonntag einer Messe beiwohnen, welche der Papst celebrirt. Nachmittags wird der Papst die Pilger empfangen.
Rußland.
Die Regierung in Rußland hat einen großen Schrecken gehabt. Von der Grenze wurde ihr gemildet, es gehen seit Jahr und Tag große Massen von Schriften ein, die kein Beamter und kein Zensor lesen kann. Was für gefährliche Ideen kann das Volapük in das heilige Rußland einschmug
Die Ebenholzkiste.
Erzählung
von
Jr. G. v. Wickede.
Nachdruck verboten.
Der„Polarstern war ein schönes Schiff, und jeder, der es sah, als es mit vollen Segeln in den Hafen von Madeira einlief, mußte seinen Bau und die Leichtigkeit, mit der es sich regieren ließ, bewundern. Es hatte eine schwere Reise von Rio de Janeiro gehabt, und die Reparaturen an der Schanzkleidung und am Bug machten einen Aufenthalt von mehreren Tagen nöthig. Der„Polarstern“ fuhr unter Hamburger Flagge und war eigentlich nicht auf Passagiere eingerichtet, doch nahm Kapitän Meyer, ein biederer, geselliger Mann, gern einige derselben an Bord, um eine bessere Fracht zu machen und„Jemanden um sich zu haben, mit dem er auch ein Wort sprechen könnte,“ wie er zu sagen pflegte.: Von Rio hatte er einen einzelnen Herrn mit seinem Diener mitgebracht, in Madeira nahm er noch, obgleich der Platz ein wenig knapp wurde, einen Herrn Namens Heger mit Frau und zwei jüngeren Damen in die Kajüte. Die Gesellschaft kam erst kurze Zeit vor der Abfahrt an Bord, und wie es meistens der Fall ist, herrschte in diesem Augenblick einige Verwirrung an Deck. Herr Heger hatte sich nur ungern dazu entschlossen, Passage auf einem Segelschiffe zu nehmen, indessen die im Verhältniß zu den englischen Dampfern billige Forderung des Kapitäns hatte ihn umsomehr dazu veranlaßt, da er bei kleinen Mitteln gezwungen war zu sparen.
„Nicht dorthin!“ rief der Kajütenjunge, dem die Pflicht obzuliegen schien, in seinem Departement Ordnung zu halten, den Damen zu,„das ist dem Don seine Kambüse, und er mag es nicht, wenn man hineingeht.“
„Wer ist der Don?“ fragte eine der jungen Damen,
etwas verletzt darüber, daß ein Herr mehr Recht beanspruchte als sie.
„Der Herr dort mit dem hellen Strohhut,“ entgegnete der Knabe mit einer bezeichnenden Kopfbewegung nach der Seite des Quarterdecks hin.„Der ist so reich, wie der
reichste Mann in Hamburg, und was er hier an Bord sagt, ist so gut als ob es der Kapitän selbst gesagt hätte. Auch wenn ich nichts von seinen Schätzen hätte wie die kleine Kiste von Ebenholz, die in seinem Raume steht, hätte ich schon genug, denn die ist mit lauter Gold und Diamanten gefüllt.“
Trotz des Hochmuths, den die junge Dame in reichlichem Maße zu besitzen schien, konnte sie doch nicht umhin, einen neugierigen Blick in der angedeuteten Richtung zu werfen und den nachlässig über die Schanzkleidung lehnenden großen hageren Mann mit dem ausdrucksvollen Gesicht und den dunklen schwärmerischen Augen zu betrachten.
„Er ist mit uns aus Rio gekommen,“ fuhr der geschwätzige kleine Steward fort, als er so bereite Zuhörer fand, denen er sich von Anfang an gefällig zeigen wollte, um ihnen seine Ansprüche auf ein gutes Trinkgeld zu dokumentiren,„er muß ein Engländer sein— aber die Kiste sollten sie einmal sehen; die ist ganz von schwarzem Ebenholz und mit Silber beschlagen.“
„Weshalb nennt Ihr ihn den Don, wenn er ein Engländer ist?“
„Ich habe ihm den Namen nicht gegeben, die Matrosen nennen ihn eben so— vermuthlich, weil er so sehr reich ist. Er hat lange in Brasilien gelebt und dort Frau und Kind verloren— die Frau soll eine Spanierin gewesen und am gelben Fieber gestorben sein. Ob es sich aber so verhält, weiß ich auch nicht— die Matrosen munkeln so allerlei, was man nicht recht sagen kann. Zwei Leute, denen es gruselich war, sind schon von Bord gelaufen; aber der Kapitän—“
In diesem Augenblick begann der Kapitän in Gesellschaft des Herrn aus Brasilien den unterbrochenen Spaziergang von
neuem, und als er der Damen ansichtig wurde, hielt er seine Schritte an.
„Erlauben Sie mir, Fräulein Heger, daß ich Ihnen Ihren Reisegefährten, Herrn von Holsten, vorstelle,“ sagte er, nachdem er die Damen willkommen geheißen hatte. Auch sein Begleiter lüftete den Strohhut und sagte etwas wie:„sehr angenehm.“
„Ich heiße Frau von Kühlewein, Herr Kapitän,“" verbesserte die junge Dame mit einer auffallenden Betonung.
„Ah so,“ entgegnete der Seemann,„bitte zu entschuldigen, ich glaubte, Sie seien Herrn Hegers Tochter.“
Ohne eine Erklärung über das Mißverständniß zu geben, schickte sich die junge Dame an, in die Kajüte zu treten, um sich mit ihren Reisegefährten über die Wahl der Kojen zu einigen. Ehe sie indessen die Schwelle des eleganten Gesellschaftsraumes überschritt, konnte sie nicht umhin, noch einen Blick in das ernste, dabei höchst gewinnende Gesicht des neuen Reisegefährten zu werfen, gleichsam, als ob sie sich dasselbe dauernd einprägen wollte.
„Welche von den Kojen ziehst Du vor, liebe Cölestine?“ fragte die andere jüngere Dame.
„Welche ist am bequemsten?“ lautete die Frage zurück.
„Ich denke, diese hier ist die luftigere und größere.“
„So will ich mich für dieselbe entscheiden, Marie,“ entz gegnete die gnädige Frau, indem sie es Mariens Sorge überließ, daß die Effekten alle zur Stelle kamen.
Vom besten Wetter begünstigt, stach das Schiff in See, und Tage lang sahen die Damen Herrn von Holsten nur bei den Mahlzeiten; die übrige Zeit verbrachte er in seiner Kambüse oder auf dem Verdeck. Je weniger sie indessen von ihm sahen, desto mehr sprachen sie von ihm und seiner Kiste, die er hinter den Vorhängen der oberen Koje seines meist verschlossenen Kabinets aufbewahrte.
Die Hegers waren vor einem Jahre aus Schlesien nach Madeira gegangen, um womöglich das Leben eines brustkranken Sohnes zu retten, welcher demnächst Mitglied eines nicht