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Nr. 51

Mittwoch, 1. März 1922

55. Jahrgang

Zum Geleit.

Tief verächtlich machen wir uns dem Aus­lande, wenn wir vor den Ohren desselben uns, einer den andern, deutsche Stämme, Stände, Personen über unser gemeinschaftliches Schicksal anklagen und einander gegenseitige bittere und leidenschaftliche Vorwürfe machen. Diese gegen­seitigen Vorwürfe sind, so wie sie ungerecht sind, und unnütz, zugleich äußerst unklug und müssen uns tief herabsetzen in den Augen des Auslan­des, dem wir zum Ueberflusse die Kunde der­selben auf alle Weise erleichtern und aufdringen.

Fichte.

Für eilige

Neuigkeiten aus Nah und Fern.

Bei der Mainüberfahrt bei Frankfurt schlug ein Fährboot in der Strömung um. Ein Arbeiter ertrank.

Die Lage in Portugal erscheint endgültig wie­der hergestellt. Die Regierung erhielt in der Kam­mer ein Vertrauensvotum.

Die Eisenbahnarbeiter Schulmeyer und Sper­ling aus Mörfelden wurden auf der Niederräder­Eisenbahnstrecke von einem Zuge überfahren und getötet.

*

Die nächste Sitzung des Preußischen Landtages findet erst am 6. März statt.

In Mainz ist ein Hauptwerbeamt der Fremden­legion laut der„Cologne Post“ eröffnet worden, ohne Angabe, daß es nur für nichtdeutsche Werber gelte!

*

Der englische Funkdienst im Rheinlande soll wegen der 35000 Pfund hohen Jahreskosten einge­stellt werden.

*

Die Voruntersuchung gegen den Rittergutsbe­sitzer Kähne soll keinen hinreichenden Tatverdacht gegen ihn ergeben haben.

Gegen den Führer der bayerischen Einwohner­wehr, Sanitätsrat Pittinger, wurde nunmehr ein Ermittelungsverfahren wegen Verdacht des Hoch­verrats eingeleitet.

Den bayerische Metallarbeiterstreik dehnte sich abermals aus. Es streiken jetzt über 8000 Ar­beiter.

Am 6. März sollen die alliierten Sachverständi­gen wegen der Genueser Konferenz in London zu­sammenkommen.

*

Der Unterwachtmeister der Berliner Schutzpoli­zei, Willi Zeidler, der bei der Polizeihauptkasse 860000 Mark unterschlug, wurde in Leipzig ver­haftet.

*

Die Rostocker Frühjahrswoche für Kunst, Wissenschaft, Landwirtschaft und Sport ist er­öffnet.

Die Beratungen über die Ausgabe einer Zwangsanleihe sind soweit gediehen, daß Sachver­ständige aus den verschiedenen Wirtschaftsgebieten gehört werden können. Die Zwangsanleihe soll ein

Opfer des Besitzes werden.

*

Der Reichskanzler hat wissen lassen, daß er in den nächsten Tagen mit den Parteiführern wegen der Wahl des Reichspräsidenten Fühlung zu nehmen beabsichtige.

In der Berliner Presse ist man einmütig in dem Urteil, daß Lloyd George einen neuen Um­fall in Boulogne vollzogen hat. Verschiedentlich wird geäußert, daß es eigentlich gar keinen Zweck hat, noch na“, Genua zu gehen.

*„ 1

Die Konferenz der alliierten Finanzminister, die sich mit der Verteilung der deutschen Zahlung.n und mit den Besatzungskosten beschäftigen soll, wird am 8. März in Paris stattfinden.

Wieber einmar ungesauen!

Was von den Erfahrungen der letzten Zeit ge­witzigte Skeptiler voraussahen, ist jetzt in Bou­

logne tatsächlich eingetreten, Lloyd George ist wieder einmal glatt umgefallen. Er hat auf der ganzen Linie den Wünschen Poincarees nachgegeben.

Poincaree hat seit seinem Amtsantritt einen zielbewußten hartt äckigen Kampf gegen die Kon­ferenz in Genua geführt, denn wenn die Konferenz tatsächlich in dem Sinne arbeiten würde, wie sich Lloyd George es dachte und wie er es in Cannes ausführte, so hätte das zum Zusammenbruch des Versailler Vertrages führen müssen, der Grund­ursache der großen Wirtschaftskrise, unter der ganz Europa, ju die ganze Welt gegenwärtig leidet.

Die Konferenz von Genua— so hieß es damals in Cannes— soll rein wirtschaftlich eingestellt sein. Ihr Zweck und Ziel sollte sein, Mittel und Wege zu finden zur Beseitigung der Weltwirt­schaftskrisis. Die Wege zu diesem Ziele sah Lloyd George bereits sehr richtig im Wiederaufbau Mit­tel= und Osteuropas, in der Hauptsache also Deutschlands und Rußlands. Ohne eine grund­stürzende Neuregelung der gesamten Reparations­fragen ist irgend eine ersprießliche Wiederaufbau­arbeit völlig unmöglich. Immer mehr drang diese Erkenntnis auch in alliierten Kreisen, besonders in England, durch. In Genua hätte man dieses Problem zweifellos angeschnitten, zwangsläufig anschneiden müssen, sollte die Konferenz ihrem Ziel auch annähernd näher kommen.

Das aber wollte Poincaree um jeden Preis verhindern. Ihm und der chauvinistischen Gruppe, die gegenwärtig Frankreich beherrscht, ist es ja nicht um Wiederaufbau zu tun, sie verfolgen ja lediglich reine Machtziele: Die restlose Vernichtung Deutsch= lands und die unbestrittene polit. u. militär. schaft in Europa und im nahen Orient. Hierzu gibt der Versoiller Vertrag und die anderen Frie­densverträge Frankreich alle Mittel in die Hand und die Staaten, die durch die„Friedensverträge" berührt werden, sind Frankreich durch den Völker­bund in die Hand gegeben.

Darum fordert Poincaree, daß weder die Frie­densver#äge irgendwie in Genua berührt würden, insbesondere, daß die Reparationsfragen überhaupt nicht zur Diskussion gestellt würden, und daß dem Völkerbund keine„Konkurrenz“ durch Genua ge­macht würde.

Die Forderungen hatten die Franzosen in einer Note festgelegt, die sie an alle nach Genua einge­ladenen Mächte absandten. In England erkannte die Presse und die Oeffentlichkeit zum großen Teil die französischen Forderungen sehr wohl und man beurteilte sie dementsprechend ablehnend. Die Regierung ließ mehr als einmal verlauten, daß alle Mächte in Genua völlig freie Hand ha­ben müßten, man sich also in keiner Weise vor­her über das Programm der Konferenz binden dürse. Der Zwiespalt zwischen der englisch=fran­zösischen Auffassung wurde immer schärfer, und da Frankreich immer energischer eine Antwort auf seine Note forderte, schlug Lloyd George schließlich eine französische Unterredung der beiden leitenden Staatsmänner vor.

In Boulogne hat diese Besprechung jetzt statt­gefunden mit dem Ergebnis, daß Poincaree von Lloyd George die fast restlose Zustimmung zu allen seinen Forderungen erhalten hat. Er hat also sein Ziel erreicht: Die Konferenz von Genua ist so gut wie zwecklos geworden. Für den Wieder­aufbau Europas vermag sie nichts mehr zu tun. Die recht brüchig gewordene Entente aber ist wie­der einmal geleimt. Auf Kosten Deutschlands.

Wirklich nur auf kosten Deutschlands? Lloyd Georges neuer Umfall wird seinem eigenen Lande gleschfalls erheblich teuer zu stehen kommen.

Nachwuchspflege im

In den Zeitungen mehren sich die Anzeigen, in denen Handwerkslehrlinge gesucht wer­den. Möchten die Eltern junger Menschen diese

Rufe recht beachten. Handwerk hat noch immer goldenen Boden.

Im Handwerk sind erfreuliche Anzeichen zu be­obachten, welche erkennen lassen, daß man der Er­ziehung des Nachwuchses steigende Beachtung und Förderung zuteil werden läßt. Die Einsicht, daß von der Lehrlingserziehung es abhängt, ob das Handwerk demnächst gute Gesellen und Meister haben wird oder nicht, ist gewachsen. Zeugnis hier­für legen die mannigfachen Veranstaltungen ab, die neuerdings von den Innungen zur Hebung des Nachwuchses getätigt werden.

Ein wertvolles Mittel, die Lehrlinge zum Fleiß und zur gewissenhaften Arbeit anzuspornen, ist die Ausstellung von Lehrlingsarbeiten. In verschiede­nen Städten haben solche bereits stattgefunden oder sind für die nächste Zeit geplant. Erfreulich ist, daß die Lehrmeister großen Eifer für die Aus­stellugen beweisen. Das ist ganz natürlich, denn gute Leistungen der Lehrlinge bekunden auch gleichzeitig den Ruhm der ausbildenden Lehr­meister. Der Wettbewerb unter den Lehrlingen um die beste Leistung bringt gute Früchte hervor, wofern die Regeln, die von der Berufsorgani­sation aufgestellt worden sind, für die Anfertigung der Lehrlingsarbeiten genau befolgt werden. Die bisherigen Ausstellungen haben ein durchweg gün­stiges Ergebnis aufzuweisen, so z. B. die vom In­nungsausschuß Gelsenkirchen veranstaltete Aus­stellung. Dort fand gleichzeitig eine Feier statt für die Innungsmitglieder, die Lehrlinge und deren Eltern. Auch solche Zusammenkünfte sind ungemein wertvoll für die Lehrlingserziehung.

Manche Innungen veranstalten eine besondere Feier für die Aufnahme der Lehrlinge in die Ständesgemeinschaft unter Beteiligung der Eltern. Hier ist Gelegenheit geboten, das Wesen der Lehr­lingserziehung allen Beteiligten vor Augen zu führen, und insbesondere den Lehrmeistern ans Herz zu legen, daß sie an den Lehrlingen Vater­stelle zu vertreten haben. Die Eltern können bei dieser Gelegenheit auch manche Anregung emp­fangen. Sie sollen z. B. mit dem Lehrmeister ein vertrauensvolles Verhältnis unterhalten und nicht gleich zu irgendwelchen berufsfremden Ratgebern hinlaufen, wenn bei ihrem Sohn irgend etwas nicht stimmt.

Im Handwerk muß sich immer mehr die Er­kenntnis ausbreiten, daß die Erziehung des Nach­wuchses nicht bloß eine sachlich wirtschaftliche An­gelegenheit ist, sondern daß es sich hier um sitt­liche Jugendbildung überhaupt handelt. Wenn der Lehrmeister Vaterstelle an dem jungen Menschen vertreten soll, so muß er stets auch der Verant­wortung eingedenk sein, die ein Vater seinem Sohne gegenüber zu tragen hat. Ist die Er­ziehung des Nachwuchses in sittlicher Beziehung einwandfrei, dann wird sie auch in fachtechnischer und wirtschaftlicher Beziehung gute Früchte tragen.

das Reichsmietengesetz.

Das Schicksal des Reichsmietengesetzes scheint dunkel zu sein. Bekanntlich stand es kürzlich im Reichstag zur 2. und 3. Lesung. Bevor die Ab­stimmung in letzter Lesung vorgenommen werden konnte, stellte das Zentrum den Antrag, sie bis auf weiteres zu vertagen. Man muß sich dabei die parlamentarische Lage vor Augen halten. Die beiden Rechtsparteien lehnten den Entwurs rest­los ab. Die Demokraten sind gleichfalls in ihrer Mehrheit dagegen. Der Vertagungsantrag des Zentrums zeigte, daß auch diese Partei schweigt, ob sie für oder wider den Entwurf stimmen soll. Es müßten also die sozialistischen Parteien ge­schlossen bis auf den letzten Mann aufmarschieren und die Besetzung des übrigen Teiles des Hauses müßte recht unzulänglich sein, wenn das Gesetz für die Mieterschaft gerettet werden soll. Die De­

batte im Reichstag hat gezeigt, daß von ihm eigent­lich niemand begeistert ist. Nicht nur die Hausbe­sitzer, sondern auch die Mieterschaft ist vollkommen unbefriedigt. Die Hausbesitzer erklären, die Rechte, die den Mieterräten zugestanden werden sollen, gingen viel zu weit. Sie bedeuteten ferner einen verfassungswidrigen Eingriff in das private Eigentumsrecht und sind ferner darüber empört, daß die Miete vom 1. 8. 1914 zur Grundlage für die Berechnung der neuen„gesetzlichen Miete" ge­

macht werden soll. Die Mieterschaft betrachtet den

Entwurf als ein Schutzgesetz im einseitigen Inter­

esse der Hauseigentümer. Die vorgesehenen erheb­lichen Zuschläge, die zur Instandhaltung der Häu­ser benutzt werden sollen, sind nach Anschauung der Mieter nur als sichere Mittel anzusehen, dem Hausbesitzer die Häuser wieder in guten Zustand zu versetzen und den Hypothekengläubigern erhöhte Einnahmen zu garantieren. Weiter wird in dem Entwurf von„fremden Verwaltungskosten" ge­sprochen und die Mieterschaft glaubt, daß das eine „Vetternwirtschaft“ der Hausbesitzer herbeiführen wird, die bedürftige Verwandte oder Günstlinge als Verwalter auf Kosten der Mieter zu einem ansehnlichen Verdienst verhelfen werden. Daher verlangen die Mieter weitergehende Rechte, im be­sonderen das Recht, mitzustimmen und mitzu­sprechen, wenn über die Notwendigkeit und den Umfang einer vorgeschlagenen Reparatur zu be­raten ist. Schließlich richtet sich der Widerstand dagegen, daß das Gesetz nur auf 4 Jahre befristet wird, nach Ablauf welcher Zeit die Mieter dann ihre Häuser, die inzwischen wieder in guten Zu­stand versetzt worden sind, zu einem hohen Speku­lationssatz zu verkaufen oder, wenn inzwischen die freie Wirtschaft eingeführt werden sollte, den gu­ten Zustand ihres Besitzes zu Mietsteigerungen zu mißbrauchen. Man könnte noch weitere Gründe und Gegengründe in Hülle und Fülle anführen. Beide Parteien sind jedenfalls bereit, auf Anfra­gen in jedem Umfange zu dienen und es ist daher vielleicht begreiflicher als sonst, daß die politischen Parteien, die so oder so die Verantwortung für Ablehnung oder Annahme des Entwurfes tragen sollen, schwankend sind, und daß im besonderen das Zentrum sich Bedenkzeit erbeten hat. Es ist des­halb auch leicht möglich, daß der Entwurf fällt, wenn ihn der Druck von links nicht noch im letzten genblick davor rettet, nach einem Wort des Avg. Schulz=Bromberg als Scheusal in die Wolfsschlucht geworfen zu werden. Jedenfalls wird es außer­ordentlich interessant sein, das Ergebnis der 3. Le­sung zu erleben, die wahrscheinlich im Laufe die­ser oder zu Beginn der nächsten Woche vorgenom­men werden wird. Wieder einmal ist das Zen­

trum das Zünglein an der Wage und der Ver­tagungsantrag zeigt, daß der Widerstand gegen den Entwurf in der Reichstagsfraktion des Zentrums doch recht stark ist und im Verlauf der letzten Verhandlungen kaum abgeschwächt werden dürfe.

Aus Stadt und Land.

Schwerte, den 1. März.

Erinnerungen.

522 Der Astronom Joost Bürgi, der Erfinder der Pendeluhr, in Lichtensteig(f 1632). 1812 Der Schriftsteller Berthold Auerbach zu

Nordsteiten i. Württ.(f 1882).

1813 Vertrag von Kalisch zwischen Preußen und Rußland gegen Frankreich.

1833 Der Rechtslehrer und Ethiker Karl Hilty in Werdenberg(f 1909).

** Der Frühlingsmonat März ist da! Wir heißen ihn Frühlingsmonat, wenn auch der Ka­lender ihn noch zu zwei Dritteln zum Winter rech­net, aber die Sonne wirkt doch in ihm so kräftig, daß wir ihn tatsächlich dem Frühling zuschreiben können, der am 21. März beginnt. An etlichem Nachtfroft wird es nicht ganz fehlen, aber nachdem der Winter mit kurzen Unterbrechungen seit dem 10. November gehaust hat, wird er sich auch marode regiert haben. Jedenfalls ist der letzte volle Win­termonat Februar mit so lächelndem freundlichen