Sanerländisches Volksblatt

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119. Jahrgang— Nummer 253

Samstag, den 30. Oktober 1954

Einzelverkaufspreis 15 Pf

Trauer um Dr. Ehlers

Bundeskanzler kehrt vorzeitig aus Amerika zurück— Bonner Staatsakt am Dienstag

Bonn.(dpa) Über dem Bundeshaus in Bonn, der Stätte seines Wir­kens, und auf allen öffentlichen Gebäuden des Bundesgebiets wehten ge­stern aus Anlaß des Ablebens des Bundestagspräsidenten Dr. Ehlers die Fahnen auf halbmast. Aus dem In- und Ausland gehen immer neue Bei­leidskundgebungen zum Tode des zweithöchsten Mannes der Bundesrepu­blik ein.

Die tiefe Trauer in der ganzen Bundes­republik über den Tod des Bundestags­präsidenten Dr. Ehlers faßte Bundes­präsident Heuß gestern abend in einer Rundfunk-Gedenksendung mit den Wor­ten zusammen:„Wir trauern vor diesem Toten um ein Stück deutscher Zukunft.“

In einem Schreiben an das Bundestagsprä­sidium bezeichnete Heuß den frühen Heimgang Dr. Ehlers als ein„Symbol der nicht fragenden Hingabe an die vaterlän­dischen Sorgen“.

Bundeskanzler Dr. Adenauer hat der Witwe des Bundestagspräsidenten tele­fonisch aus Washington sein Beileid aus­gesprochen. Dr. Adenauer wird seine Amerikareise vorzeitig abbrechen, um am Mittwoch an der kirchlichen Trauerfeier in Oldenburg teilnehmen zu können.

Die Trauerrede bei dem Staatsakt im Bonner Bundeshaus am Dienstag wird Bundespräsident Heuß halten.

Das Beileid Englands

Die Trauer des deutschen Volkes um den Verlust einer überragenden politischen Persönlichkeit wird auch vom befreunde­

ten Ausland geteilt. Der britische Außen­minister Eden und der Sprecher des Un­terhauses. Morrison: übermittelten Beileidsbotschaften. In dem Telegramm Edens heißt es:„Dr. Ehlers Leistungen als

Heftige Saar-Reaktion der FDP

Euler:„Eine stümperhafte Regelung“— Koalitionsfrage nicht berührt

Frankfurt(Main) dpa. Der Vorsitzende der hessischen FDP, Bundestagsabgeordne­ter Euler, nannte gestern in Frankfurt das Saarabkommen„eine stümper­hafte Regelung“, die nicht dazu füh­ren könne, Mißhelligkeiten in den deutsch­französischen Beziehungen zu beseitigen. Das äußerst flüchtig und übereilt ausge­arbeitete Abkommen sei im Gegenteil ge­eignet, neue Mißverständnisse und Span­nungen zwischen Frankreich und Deutsch­land hervorzurufen. Die FDP müsse das Saarabkommen ablehnen, doch werde damit die Koalitionsfrage nicht berührt.

Die FDP müsse besonders bemängeln, so sagte Euler, daß in der Form des Saarab­kommens auch von deutscher Seite das Saargebiet als ein provisorisches Staats­wesen auf unbestimmte Zeit bis zum Ab­

schluß eines Friedensvertrages anerkannt werde.„Wenn dieses Abkommen durch den Bundestag und in Form der vorge­sehenen Volksbefragung auch von der Saarbevölkerung bestätigt wird, dann wer­den die Franzosen beim Abschluß eines Friedensvertrages die Fortführung dieses Provisoriums damit be­gründen, daß es am Anfang von der deut­schen Regierung und dem Parlament und der saarländischen Bevölkerung auch an­erkannt worden sei.“

Es sei ferner zu kritisieren, daß das Ab­kommen nicht als Staatsvertrag, sondern als ein Regierungsabkommen ge­kennzeichnet sei, das nicht der Ratifizie­rung unterliegen solle. Die FDP halte ein so wichtiges Abkommen unbedingt für ratifikationsbedürftig.

Präsident des Bundestages haben immer meine größte Bewunderung ausgelöst.“

Zahllose Beileidstelegramme

In Beileidstelegrammen würdigten die führenden Persönlichkeiten des öffent­lichen Lebens des Bundes und der Länder die Verdienste des Verstorbenen um das politisch-parlamentarische Leben der Bun­desrepublik und sein Wirken für die Evangelische Kirche. Auch die Opposition zollte Dr. Ehlers uneingeschränkte Aner­kennung. SPD-Führer Ollenhauer nannte ihn eine der hervorragendsten politischen Persönlichkeiten. Der Berliner Bürger­meister Dr. Schreiber hob den leiden­schaftlichen Kampf Dr. Ehlers für die deutsche Wiedervereinigung hervor. Das Berliner Abgeordnetenhaus ist für Don­nerstag zu einer Gedenkfeier einberufen worden.

Beisetzung in einem Heidedorf

Das Totenbett Dr. Ehlers im Oldenbur­ger Krankenhaus ist mit weißen und roten Nelken und Efeuranken geschmückt. Dr. Ehlers wird am Mittwoch oder Donnerstag in dem Heidedorf Suelze bei Celle bei­gesetzt werden, wo auch seine Eltern ruhen.

Die letzten Tage und Stunden

Über die letzten Tage von Dr. Hermann Ehlers wird bekannt, daß der Bundestags­präsident am Dienstag auf der Konferenz der Parlamentspräsidenten der Bundes­länder in Hannover plötzlich Beschwer­den infolge einer seit mehreren Jahren bestehenden Mandelerkrankung bekam. Mit 40 Grad Fieber traf Dr. Ehlers am Mittwoch in Oldenburg ein. Die Arzte ver­anlaßten seine sofortige Überführung in das Evangelische Krankenhaus, wo am Mittwoch ein Mandelabszeß geöffnet wurde. Darauf trat eine wesentliche Bes­serung ein. Am Donnerstag hatte der Patient erneut Atembeschwerden, so daß

ZERSTÖRTE HÄUSER IN SALERNO Durch stundenlange Wolkenbrüche wurden im Gebiet von Salerno, wie berichtet, die Grundmauern vieler Häuser unterspült, so daß sie zusammenstürzten. Unser Bild zeigt eines dieser zerstörten Häuser in Salerno.

Schuman soll nach Washington

Mendès-France bietet Botschafterposten an

An unsere Leser!

Da Montag, der 1. November(Aller­heiligen), gesetzlicher Feiertag ist, erscheint an diesem Tage keine Zei­tung. Unsere nächste Nummer kommt am Dienstag, dem 2. Novem­ber 1954, zur gewohnten Stunde.

Verlag und Redaktion

Moslem-Bruderschaft verboten

Attentäter Latif beschuldigt die Bruderschaft der Mordanstiftung

zum Zuge kommen

Kairo(Reuter). Die ägyptische Regierung hat gestern abend die Moslem-Bru­derschaft, die stärkste ägyptische Oppositionsgruppe, aurgelöst. Die Po­lizel hat das Hauptquartier und alle Ne­benbüros der Bruderschaft, etwa 200 in ganz Agypten, geschlossen und versiegelt. Über 500 Personen wurden verhaftet.

Das gesamte Eigentum der Moslem­Bruderschaft, einschließlich Bankguthaben, wurde konfisziert. Die ärztlichen und sozialen Hilfsstellen der Bruderschaft wur­den einer Regierungsorganisation über­geben.

Der Attentäter Latif, der am Dienstag acht Pistolenschüsse auf Ministerpräsident Nasser abgegeben hatte, hat gestanden, daß eine geheime Zelle der Moslem-Bru­derschaft ihm befohlen habe. Nasser zu erschießen. Der ägyptische Staatsminister Anwar Sadat, der schärfste Gegner der Moslem-Bruderschaft im ägyptischen Kabinett, hat am Donnerstag erklärt, die Regierung habe endgültig beschlossen, ihre Gegner nach dem Attentat auf Nas­

Wie wied das Wetter?

Unbeständig

Ausläufer eines Island­tiefs schwenken über die britischen Inseln und die Nordsee nord­ostwärts und beein­flussen auch West­deutschland. Vorhersage für Samstag: Meist starke Bewölkung und zeit­weise leichter Regen. Bei schwachen bis mäßigen Winden aus Südwest bis West geringer Temperaturrückgang. Weitere Aussichten: Wech­selnd bewölkt und gelegentlich Schauer. Kühler.

ser nicht mehr lassen.

zu

ein Luftröhrenschnitt vorgenommen wer­den mußte, der zunächst wieder Erleich­terung brachte. Dr. Ehlers hat sich nach der Operation noch mit dem behandelnden Arzt unterhalten. Gegen Mitternacht tra­ten plötzlich Herzbeschwerden ein, die 15 Minuten später zum Tode führten.

Abriß aus seinem Leben

Hermann Ehlers, der nur 50 Jahre alt Landessynode gegen Atomwatfen wurde, war nicht nur Politiker, sondern

Paris,(Korr.) Der französische Minister­prasident Mendès-France hat dem ehemaligen Außenminister Robert Schuman, dem Initiator der Montan­union, den Botschafterposten in Washing­ton angeboten. Schuman bat sich mehrere Tage Bedenkzeit aus und will das Angebot mit seinen volksrepublikanischen Partei­freunden gründlich durchsprechen.

Eine Neubesetzung des Postens in Washington ist notwendig, da der dort sehr angesehene Botschafter Bonnet bald in den Ruhestand versetzt werden soll. Mendès-France verspricht sich von einer Entsendung Robert Schumans sehr günstige diplomatische und psychologische Auswirkungen auf die USA. Nach Ansicht politischer Kreise könnte die dortige Tä­tigkeit Schumans, der als„Vater des Eu­ropagedankens“ bei den amtlichen Stellen Washingtons höchstes Ansehen genießt, zu einer weiteren Festigung der amerika­nisch-französischen Bande beitragen.

dem eigenen Lande und vor aller Welt, daß der Friede ernstlich gefährdet ist, so­lange das Wettrüsten anhält. Eine wesent­liche Voraussetzung für einen echten Frie­den in der Welt ist das Verbot aller der Massenvernichtung dienenden Waffen, be­sonders der Atom- und Wasserstoffbom­ben, sowie der Waffen der bakteriologi­schen und chemischen Kriegsführung.“

Die von der Landessynode erlassene Kundgebung schließt mit einem Appell an die Glieder der Westfälischen Kirche, „ihre politische Verantwortung zu erken­nen und sich zum gemeinsamen Dienst an der Versöhnung zu verbinden“.

Gummiwerk in Brand

München(dpa). Bei den Metzler­Gummiwerken in München brach gestern ein Großbrand aus, Seit Stunden kämpfen die Rettungsmannschaften darum, zwei im Lift des Reifenlagers eingeschlossene Belegschaftsmitglieder zu retten.

auch ein führender Sprecher des deutschen Protestantismus. Während der national­sozialistischen Zeit übernahm er die juristi­sche Vertretung der Bekennenden Kirche in Preußen. Wegen dieser Tätigkeit wurde er wiederholt verhaftet. Während des Krieges war Ehlers Flak-Offizier. 1945 wurde er juristischer Oberkirchenrat in Oldenburg.

Bethel.(epd) Die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen machte sich auf ihrer Tagung in Bethel angesichts der internationalen Spannun­gen den Aufruf der Weltkirchenkonferenz von Evanston zu Frieden und Gerechtig­keit zu eigen.

Mit dieser Erklärung, so heißt es in der Entschließung,„bezeugt die Landessynode

Der Preis für die Wiedervereinigung

Adenauer ist„relativ optimistisch“— Moskau die Furcht vor einem Angriff nehmen

Washington.(Korr.) Bundeskanzler Dr. Adenauer erklärte in Washington zu den Möglichkeiten für eine Wiedervereinigung Deutschlands, er sei nicht skeptisch, sondern relativ optimistisch. Man müsse allerdings davon ausgehen, daß die Sowjetunion ihr Pfand nicht herausgebe, ohne dafür etwas einsuhan­deln.

Nach sowjetischer Ansicht, so sagte der Kanzler, sei die Wiedervereinigung jetzt vielleicht möglich, wenn Deutschland völlig neutralisiert würde und wenn die Be­satzungstruppen zurückgezogen würden. Doch würden dann 70 gut gerüstete Divi­sionen östlich der Oder-Neiße stehen, wäh­rend die andere Seite nur wenige Divi­sionen in Westeuropa hätte. Es wäre un­sinnig gewesen, im Stadium der Uneinig­keit und der Schwäche des Westens mit einem so kaltblütigen Gegner wie die Sowjetunion zu verhandeln.

Adenauer sagte weiter, es werde sich mit der Sowjetunion vernünftig verhan­deln lassen, wenn es ihr nicht gelinge, die Vereinigung Europas zu verhindern. Wenn man überhaupt von einem Preis sprechen wolle, der Moskau für die Wiedervereini­gung gezahlt werden könne, dann würde der Preis sein, daß man der Sowjetunion die Furcht vor einem Angriff nehme. Adenauer fügte hinzu, daß die Sowjetzone,

von ihren Uranerzen abgesehen, nicht sehr wertvoll für die Sowjetunion sei, da sie bereits ausgeplündert worden sei.

Der Bundeskanzler sagte, nach der Ab­lehnung der EVG durch die französische Nationalversammlung sei die Gefahr des Abzugs amerikanischer Truppen groß ge­wesen. Moskau sei nicht so sehr über die Aufstellung von zwölf deutschen Divisio­nen beunruhigt, sondern vielmehr dar­über, daß es die europäische Vereinigung nicht habe verhindern können und daß die Pariser Abkommen das Verbleiben ameri­kanischer Truppen auf dem Kontinent sicherten.

Die Vereinigung Europas und die Schließung einer Verteidigungslücke durch die Wiederbewaffnung Deutschlands seien wesentlich, bevor mit Moskau verhandelt werde. Die Sowjetunion müsse jetzt ein­sehen, daß es nicht möglich sei, Amerika von Europa zu trennen.

Zum Saar-Abkommen erklärte der Bun­deskanzler, Vertriebene aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie hätten ihm gesagt, sie würden froh sein, wenn bei einer Grenzregelung im Östen einmal etwas Ähnliches wie das Saar-Abkommen herauskomme.

Sicherheit für alle vorgeschlagen

In einer Rede vor dem National Press Club in Washington schlug Adenauer ge­stern ein Vertragssystem zwischen dem Westen und dem Ostblock vor, das allen Beteiligten Sicherheit vor einer Aggression bieten soll. Als Voraussetzungen für ein solches Vertragssystem nannte der Bun­deskanzler: Sicherung der Freiheit und des Friedens der westlichen Völker durch einen Zusammenschluß zu gemeinsamer Vertel­digung, Schaffung stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse und Gewährleistung mensch­licher Freiheit und sozialer Sicherheit. Nach Erfüllung dieser Bedingungen soll­ten die Völker des Westens„dann schließ­lich, gemeinsam als eine regionale Gruppe, wie sie die Charta der Vereinten Natio­nen vorsieht, in eine vertraglich zu regelnde Beziehung zum Ostblock treten, die allen Beteiligten Sicherheit vor einer Aggression bietet“.

Olvertrag in Kraft

Der Schah von Persien hat gestern das Öl-Abkommen unterzeichnet. Es ist damit rechtskräftig geworden. Die Raffinerie von Abadan wird am Montag ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Der Bruder des Schahs wird vermißt. Er war am Mittwoch mit einer eigenen Maschine von der 300 Kilometer nordöst­lich Teheran gelegenen Stadt Gorgan ab­geflogen, um sich nach Teheran zu be­geben. Bis gestern abend ist er dort nicht eingetroffen.

Churchill, der Ende November 80 Jahre alt wird, blickte gestern auf eine dreißig­jährige ununterbrochene Tätigkeit als Abgeordneter für den gleichen Wahlbezirk zurück.

Das Wrack des seit Sonntag zwischen Rom und Lyon vermißten amerikanischen Militärflugzeugs mit 21 Insassen ist wahr­scheinlich aufgefunden worden. Ein Such­flugzeug sichtete in den Bergen nördlich von Nizza ein Flugzeugwrack gesuchten Typs. Ein Hubschrauber ist zur Absturz­stelle gesandt worden.

Der Negus Haile Selassie war am Don­nerstag im Elysee-Palast Gast des fran­zösischen Staatspräsidenten Coty.

Der Saarlandtag ist zum 4. November einberufen worden.

Die belgische Landesverteidigung kostet im kommenden Jahr 1,5 Milliarden Mark. Dieser Betrag ist ein Fünftel des gesam­ten belgischen Haushalts.

Zusammengestoßen sind im Salzburger Land zwei Güterzüge. Zwei Bahnbeamte wurden verletzt. Der Sachschaden geht in die Millionen, da der Ober- und Un­terbau der Strecke aufgerissen wurden.

Die französische Regierung beschloß ge­stern auf Wunsch des Ministerpräsiden­ten, daß die Minister vom 12. November an keine offiziellen Reisen mehr unter­nehmen sollen. Durch diese Maßnahme sollen Ministerreden in der Provinz ver­mieden werden, die den Zusammenhalt der Regierung gefährden könnten.

Mehrere Batterlen neuer amerikanischer Atom-Raketen werden in den nächsten Monaten zur Verstärkung der NATO­Streitkräfte nach Europa geschickt wer­den. Die Atom-Raketen haben eine ge­naue Zielweite bis zu 15 Kilometer und sind nicht lenkbar.

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