Saverländisches Volksblatt
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119. Jahrgang— Nr. 168
Freitag, den 23. Juli 1954
Einzelverkaufspreis 15 Pf
Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz
Dr. John verschwunden
Flucht oder Entführung?
Er soll mit einem Arzt in den Sowjetsektor gegangen sein
Berlin.(dpa). Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Otto John, ist am Dienstagabend in den Berliner Sowjetsektor gegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Wie die Westberliner Polizei gestern mitteilte, heißt es in einem Brief, den ein Dr. John begleitender Westberliner Arzt an eine Angestellte seiner Praxis geschrieben hat, daß Dr. John nicht mehr nach Westberlin zurückkehren wolle.
Der 44jährige Dr. John hielt sich seit Mitte Juli zu den Gedenkfeiern für die Opfer des 20. Juli 1944, zu denen auch sein Bruder gehörte, in Westberlin auf. Die Ehefrau Dr. Johns, die ihn nach Westberlin begleitet hatte und sich noch dort aufhält, glaubt, daß der Grund für die Handlungsweise ihres Mannes nur in seelischer Depression zu suchen sein kann. Personen, die sowohl Dr. John wie auch den betreffenden Arzt, Dr. Wohlgemuth. noch am Dienstagabend gesehen und gesprochen haben, wollen bei keinem von beiden eine besondere Gemütserregung wahrgenommen haben. Bei Dr. John sei auch kein Anzeichen von Depression bemerkt worden.
Die bisherigen Ermittlungen ergaben, daß Dr. John sich am 20. Juli von seinem Hotel in Grunewald mit dem Mietwagen des Hauses zum„Maison de France“ am Kurfürstendamm fahren ließ. Von dort ging er in das naheliegende Haus Uhlandstraße 175, wo der ihm seit Jahren bekannte 48jährige Dr. Wohlgemuth, ein Chirurg und Geburtshelfer. seine Praxis ausübte. Auf welchem Weg Dr. John und der Arzt dann den Sowjetsektor aufsuchten, ist noch nicht geklärt.
Der Westberliner Polizeivizepräsident Dr. Urban erklärte gestern abend, die in Bonn geäußerte Vermutung, Dr. John sei entführt worden, sei durch die Ermittlungen der Polizei überholt. Ursprünglich sei unbekannt gewesen, wo der Fahrer und das Taxi, in dem Dr. John von seinem Hotel zu Dr. Wohlgemuth fuhr, geblieben waren. Da der Fahrer nicht zu finden war, sei zunächst auf eine Entführung geschlossen worden. Inzwischen sei jedoch der Fahrer gefunden worden.
Der Inhalt des Briefes
Der Inhalt des auf dem Schreibtisch des Ordinationszimmers von Dr. Wohlgemuth hinterlegten Briefes wurde von der Polizei unter Auslassung der darin enthaltenen Namen bekanntgegeben. Er lautet!
Liebe X, ein bestimmter Vorfall, der eventuell einen falschen Verdacht auf mich lenken könnte, veranlaßt mich, heute in die Charité zu gehen. Der Rechtsanwalt Y erhält hiermit die Vollmacht über mein Eigentum. Ich bitte um Bestandsaufnahme meiner Praxis und Wohnung. Setz Dich mit Z in Verbindung. Es handelt sich darum, daß Herr John nicht mehr nach dem Westsektor zurückkehren will. Er hatte in der Charité anläßlich einer Be
sichtigung ein Gespräch mit Östberliner Kollegen geführt. Nun könnte ich dadurch in den Verdacht geraten, ich hätte ihn beeinflußt. Bis zur Klärung werde ich abwarten. Auf Wiedersehen eventuell in der Charité. Unterschrift: Wohlgemuth.
Nachsatz: O bringt Sachen mit rüber, wird alles berichten, hat nichts mit allem zu tun.“
Der mit Dr. John zusammen verschwundene Arzt Dr. Wolfgang Wohlgemuth hatte sich, wie ergänzend bekannt wird, um eine Tätigkeit an der Charité in Ostberlin beworben. Er beabsichtigte auch, sich an der Östberliner HumboldtUniversität zu habilitieren.
Von minutenlangem Beifall begrüßt
Mendès-France vor der Nationalversammlung
Zum Genfer Ergebnis:„Dies ist das Ende eines Alptraumes“
Paris.(Korr.). Von minutenlangem Beifall fast aller Abgeordneten begrüßt, gab der französische Ministerpräsident MendesFrance gestern in der Nationalversammlung einen Rechenschaftsbericht über seine Verhandlungen in Genf. Presse- und Zuhörertribünen waren überfüllt. Tausende fanden keinen Einlaß mehr.
DR. OTTO JOHN
Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der Dienstagabend angeblich in den Berliner Sowjetsektor gegangen und seitdem nicht zurückgekehrt ist.
Nach einem feierlichen Gedenken für die Gefallenen in Indochina, bei dem sich auch die Kommunisten von ihren Sitzen erhoben, erklärte Mendès-France die Genfer Abmachungen.
Auf europäische Probleme ging er nur senr kurz ein. Er versicherte ausdrücklich, die europäische Politik Frankreichs sei bei den Genfer Verhandlungen in keiner Weise vorbelastet worden.
Grausam, aber unabänderlich Zum Genfer Abkommen sagte der Regierungschef:„Dies ist das Ende eines Alptraums.“ Er warnte vor Illusionen über die Tragweite der Waffenstillstandsbedingungen, die zuweilen grausam, jedoch unabänderlich seien. Den Kritikern am Genfer Abkommen hielt er entgegen,
daß die Kommunisten anfänglich eine viel weiter südlich, etwa am dreizehnten Breitengrad gelegene Demarkationslinie gefordert hätten, deren Annahme zwei Drittel Vietnams ihrer Kontrolle ausgeliefert hätte.
Mendès-France teilte mit, daß der französische Oberbefehlshaber und Generalkommissar in Indochina. Ely, angewiesen worden sei, den vietnamesischen Behörden bis zum 31. Juli präzise Pläne für die Übergabe aller jener Funktionen an Vietnam vorzulegen, die noch von Frankreich ausgeübt werden. Der Ministerpräsident betonte, daß die Mission Frankreichs in Indochina keinesfalls beendet sei.
Dringlichkeitsstufen für die Heimkehrer
Entwurf der Bundesregierung an den Bundesrat— Gesetz berücksichtigt alle Umstände
Bonn.(dpa) Die Bundesregierung hat dem Bundesrat den Entwurf einer zweiten Verordnung zum Kriegsgefangenen-Entschädigungsgesetz vorgelegt, der Dringichkeitsstufen für die Auszahlung der Entschädigungsbeiträge festlegt. Die Dringlichkeitsstufen ergeben sich aus dem Gesundheitszustand und dem Familieneinkommen des Heimkehrers, der Größe und der besonderen Lebensumstände seiner Familie sowie aus dem Zeitpunkt seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft.
Sie werden nach einer Punktetabelle errechnet. Wem mehr als 120 Punkte angerechnet werden können, gehört zur zweiten Dringlichkeitsstufe. Die Punktzahlen 120 und niedriger werden in Dringlichkeitsstufen zu je fünf Punktzahlen zusammengefaßt.
Wieviele Punkte werden angerechnet?
Bei monatlichen Familieneinkommen bis zu einhundert Mark werden 45 Punkte angerechnet, bis zu 150 Mark 40 Punkte, bis zu 200 Mark 35 Punkte, bis zu 300 Mark 30 Punkte, bis zu 400 Mark 25 Punkte und bis zu 500 Mark 20 Punkte. Bei Monatseinkommen bis zu 600 Mark gibt es nur noch 15 Punkte, bis zu 700 Mark zehn Punkte, bis zu 800 Mark fünf Punkte und über 800 Mark einen Punkt. Wer erst nach dem 31. Dezember 1948 entlassen wurde, erhält für jedes spätereJahr in der Gefangenschaft fünf Punkte angerechnet.
Familiare, wirtschaftliche und gesundheitliche Umstände
Für jeden zum Haushalt des Heimkehrers gehörenden und von ihm überwiegend unterhaltenen Familienangehörigen
werden fünf Punkte angeschrieben, für das vierte und jedes andere Kind zusatzlich fünf Punkte. Kriegsbeschädigte Heimkehrer erhalten bei fünfzigprozentiger Beschädigung fünf Zusatzpunkte, bei 60 Prozent sieben Punkte, bei 70 Prozent zehn Punkte und bei anerkannter Erwerbsunfähigkeit fünfzehn Punkte. In Fällen besonderer wirtschaftlicher Notlage kann ein Zuschlag bis zu 25 Prozent der Gesamtpunktzahl gewährt werden. Dies kommt vor allem für Heimkehrer in Frage, die Vertriebene, Sowjetzonenflüchtlinge oder Krlegssachgeschädigte sind oder längere Zeit krank oder arbeitslos waren.
Für jeden Monat Gefangenschaft
Nach dem Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz erhalten Heimkehrer, die frühestens am 1. Januar 1947 aus der Gefangenschaft entlassen wurden, für jeden Kalendermonat, den sie in der Gefangenschaft verbrachten, 30 Mark als
Entschädigung für Freiheitsentziehung und Arbeitsleistung im ausländischen Gewahrsam. Der Betrag erhöht sich für jeden Kalendermonat in der Gefangenschaft nach dem 1. Januar 1949 auf 60 Mark. Die Entschädigung der ehemaligen Kriegsgefangenen soll bis zum 3. Februar 1959 vollzogen sein.
Churchill
verteidigt Prinzessin Margaret
London.(Korr.) Premierminister Sir Winston Churchill teilte gestern auf die Anfrage des Labour-Abgeordneten Lipton im Unterhaus mit, daß alle Reden, die Prinzessin Margaret bei ihrem Deutschland-Besuch gehalten habe, vorher vom Foreign Office gebilligt worden seien. Churchill nahm damit zu dem in England diskutierten Satz Prinzessin Margarets Stellung, in dem sie erklärt hatte, sie freue sich, besonders zu einer Zeit nach Bonn zu kommen, in der sich ein neues Verhältnis zwischen Großbritannien und Deutschlanc entwickle.
SPD für Wehrbeitrag unter Bedingungen
Außenpolitische Entschließung des SPD-Parteitages in Berlin
Berlin.(dpa) Für den Fall. daß wirksame Vereinbarungen zwischen östlicher und westlicher Welt für die deutsche Wiedervereinigung nicnt zu erzielen sind, ist die SPD unter bestimmten Bedingungen bereit, auch mit militärischen Maßnahmen an gemeinsamen Anstrengungen zur Sicherung des Friedens teilzunehmen. Das ist der Kernsatz einer Entschließung, zu der sich die Delegierten des Berliner Parteitages der SPD gestern nachmittag mit überwältigender Mehrheit bekannten. Die Bundesrepublik wird aufgefordert, beharrlich für künftige Verhandlungen der Großmächte einzutreten.
Straßenbahnunglück in Stuttgart- 2Tote
Belgrader Stadtrat proklamierte anwesenden Negus zum Ehrenbürger
Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Lastwagen und einem Straßenbahnzug in Stuttgart forderte zwei Todesopfer. Acht Menschen wurden schwer und fünfzehn leicht verletzt.
Die Stadt Belgrad hat gestern Kaiser Haile Selassie von Abessinien in einer feierlichen Stadtratssitzung, an der der Negus teilnahm, zu ihrem Ehrenbürger proklamiert.
Der vietnamesische Außenminister Tran van Do ist in Genf von seinem Posten zurückgetreten.
Clement Attlee, der Führer der LabourOpposition, und die ausländischen Gäste des SPD-Parteitages, legten gestern mittag am Grabe Ernst Reuters auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof einen Kranz nieder.
Alle Verschiffungen von Kriegsmaterial
nach Indochina sind in Washington nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes sofort gestoppt, weitere Verladungen unterbunden worden.
Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Schwarzarbeit verabschiedet, der Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten und Geldstrafen oder eine der beiden Strafen vorsieht.
Der allgemeine Studentenausschuß der Universität Tübingen hat sich dafür ausgesprochen, die seit 1949 abgebrochenen Beziehungen zu den mitteldeutschen Kommilitonen wieder aufzunehmen,
1500 Studenten der Universität Bonn brachten dem Bundespräsidenten aus Anlaß seiner Wiederwahl einen Fackelzug dar.
Im Karlsruher Hochverratsprozeß legte der Verteidiger der kommunistischen Funktionäre, Rechtsanwalt Dr. Böhmer, Düsseldorf, sein Mandat nieder, weil die Angeklagten sich in ihrer Verteidigung behindert sehen.
Der britische Transportminister teilte im Unterhaus mit, daß die Einwände gegen den Bau eines Tunnels unter dem Armelkanal noch nicht hätten entkräftet werden können.
Bundeskanzler Dr. Adenauer ist gestern
nachmittag nach Bühler Höhe im Schwarzwald abgereist, um dort seinen diesjährigen Urlaub zu verbringen.
In der südschwedischen Stadt Malmö wurde gestern vormittag die„Hanseatische Woche“ eröffnet, die an die historische Verbindung Schwedens mit den norddeutschen Hansestädten erinnern soll.
Europäische Sicherheit und Wiedervereinigung müßten als zusammengehörige Aufgabe angesehen werden. Der Außenpolitik der Bundesregierung wird vorgeworfen, sie habe die Gefahr erhöht, daß das geteilte Deutschland im kalten Krieg der Großmächte zum Faustpfand werde. An die Besatzungsmächte wird in der Entschließung die Mahnung gerichtet, dem deutschen Volk nicht länger den Friedensvertrag vorzuenthalten.
Der Donnerstag stand außerdem im Zeichen der Diskussion über die innere Situation der SPD, die Willi Eichler in einem Grundsatzreferat dargelegt hat. Die Empfehlungen des Parteivorstandes zur Ergänzung des Dortmunder Aktionsprogramms wurden von der überwiegenden Zahl der Diskussionsredner gebilligt.
KAISER HAILE SELASSIE IN BELGRAD Kaiser Haile Selassie von Abessinien traf mit seiner Begleitung zu einem Staatsbesuch in Jugoslawien auf dem Flugplatz von Belgrad ein. Er kam in einem Sonderflugzeug aus Nizza. Auf dem Flugplatz wurde er von Präsident Tito und anderen führenden jugoslawischen Staatsmännern begrüßt. Auf dem Wege durch die Stadt bereitete die Bevölkerung dem Monarchen herzliche Ovationen. Unser Bild zeigt Kaiser Haile Selassie und Marschall Tito beim Abschreiten der Front der Ehrenkompanle.
Acht Tote bei Unruhen indischer Studenten
Indore.(Reuter) Als demonstrierende Studenten gestern die Wiedereinstellung ihres Schulleiters verlangten, wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei acht Personen getötet und dreißig verletzt. Bereits am Dienstag waren 75 Studenten, Polizisten und Feuerwehrleute verletzt und 200 Personen vernaftet worden. Für 72 Stunden wurde eine Ausgangssperre über die Stadt verhängt.
Wie wied das Wetter?
Wolkig und mäßig warm
Der Zustrom kühler Meeresluft läßt langsam nach, doch lockert in der Luftmasse über Westdeutschland die Bewölkung nur langsam auf.
Vorhersage für Freitag: Schwache Winde um West, wolkig, teils aufheiternd und im ganzen trokken.
Weitere Aussichten: Noch nicht störungsfrel.
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