„Die Lippische Landes=Zeitung=

erscheint mit Ausnahme der Sonn= und Festtage täglich und werden in derselben die amtlichen Bekanntmachungen des Amtsblattes für das Fürstenthum Lippe in besonderer Rubrik veröffentlicht.

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Verantwortlicher Redacteur August Klingenberg. Druck und Verlag der Meyer'schen Hofbuchdruckerei(Gebr. Klingenberg) in Detmold.

US 295. Freitag, 14. Dezemver. 1885.

Zum Borgwesen.

Die Nachtheile unseres verwerflichen Borgwesens drücken unsere Handwerker und den„kleinen" Geschäfts­mann ganz empfindlich und namentlich werden mit Be­ginn des Winters die Klagen über das lange Kreditnehmen immer lauter. Sehr oft muß der Handwerker viele Monate, meist sogar ein volles Jahr warten, bis seine Arbeit bezahlt wird, und so verliert er nicht nur die Zinsen des auf sein Erzeugniß verwendeten Kapitals, sondern er kommt auch nicht selten in die Gefahr, durch die inzwischen eingetretenen Vermögensverschlechterungen seiner Kunden seine wohlerworbene Forderung ganz oder theilweise zu verlieren. Auch sind die Fälle durchaus keine Seltenheiten, wo der Kunde nach so langer Zeit den Empfang der Waare überhaupt fortleugnet und bestreitet. Der Gewerbetreibende braucht aber beständig Baargeld, um die nothwendigen Rohmaterialien für seinen Geschäftsbetrieb einzukaufen, die Löhnungen für seine Arbeiter zu bestreiten, die laufenden Steuern und Auslagen zu berichtigen und endlich den Unterhalt für sich und seine Familie zu besorgen. Fast bei allen kleineren Geschäftsleuten besteht die Unfitte, daß erst mit Schluß des Jahres die Rechnungen für die geleisteten Arbeiten den Kunden eingesendet werden, und gerade durch diese längere Borgfrist kommt der Handwerker nur zu oft selbst in die Verlegenheit, seine eigenen Zahlungsverbindlichkeiten nicht pünktlich erfüllen zu können. Er ist genöthigt, mit namhaften Opfern sich anderwärts Gelder für den Betrieb seines Geschäftes zu verschaffen, während er seinen Kunden das weiter kreditirte, was er längst von ihnen hätte fordern können, und da ihm meist das nöthige Baargeld mangelt, ent­geht ihm der Vortheil, günstige Geschäftskonjunkturen auszunutzen und insbesondere seine Vortheile zu genießen, welche bei Baarzahlung und beim Einkauf von Materialien en gros gewährt werden. Der Handwerker hat eben nur Forderungen in seinem Kontobuche, aber nur selten Baargeld in seiner Kasse. Durch das Aufgeben dieses langen, in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung schädlichen Borgens aber würde die Gesammtzahl der Konsumenten nur gewinnen, denn derjenige Kunde, welcher den Kredit des Kaufmanns oder des Gewerbtreibenden in Anspruch nimmt, muß in der Regel die Waare theurer bezahlen, da der Kreditgeber die Zinsen seines Kapitals auf den Preis der Waare schlagen muß. Der kredit­bedürftige Konfument wird also abhängig vom Kredit­

Novelle von Hermine Schiebel.

(8. Fortsetzung.)

Sarden zuckte die Achseln.

„Meiner Ansicht nach ist es der Wunsch, Dich bald unsere Stadt verlassen zu sehen, Du mußt ihm aus irgend einem Grunde unbequem sein, vielleicht ist es die Erinnerung an Euer letztes Zusammensein, vielleicht mahnt ihn Dein Erscheinen an den Tod, Du bist sein einziger Erbe—.

„Das sieht ihm ähnlich“, unterbrach ihn der Baron bitter.

„Du siehst, ich habe die Augen für Dich offen ge­halten“, nahm der Assessor nach einer längeren Pause wieder das Wort, nich bin über Alles genau orientirt, wir dürfen die Hände nicht ferner müssig in den Schooß legen,u

Aber was soll ich denn thun?“ fiel der Baron

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„Mich anhören“, sagte der Assessor ernst, nerst mußt Du alle Einzelheiten kennen und dann wollen wir ja sehen, ob Du meiner Ansicht bist.“

Sarden schwieg einen Augenblick, er hatte den Hut abgenommen, träumend glitt seine Hand durch das dunkellockige Haar.

„Daß Dein Onkel seine Wohnung aufgegeben und zu dem Förster Werner gezogen ist, weißt Du bereits“, begann er wieder.

Der Baron verneinte.

„Förster Werner?“ wiederholte er sinnend.

„Es ist der Onkel Fräulein Waldens, erklärte der Assessor gleichgültig, ner verkehrt täglich im Hause der Majorin, seit seine Nichte dort anwesend.

geber, und so werden unsere Geschäftsleute endlich begreiflicherweise dazu verleitet, ihre Ansätze in den Jahresrechnungen höher zu stellen, als sie nach den normalen Verhältnissen betragen würden, weil sie eben die entgangenen Zinsen in Folge ihres langen Wartens auf diese Weise ausgleichen wollen.

Das lange und leichtsinnige Kreditgeben ist aber auch für den Konsumenten mit den verwerflichsten Folgen begleitet, da er durch dieses von allen Seiten in so ausgedehntem Maße gewährte Kreditiren leichtsinnig und geradezu verleitet wird, mehr zu kaufen und zu kon­sumiren, als er nach Maßgabe seiner Verhältnisse über­haupt nöthig hätte. Wenn dann zu Beginn des Neujahrs die zahlreichen Rechnungen kommen, stellen sich bei ihm sehr oft Geldverlegenheiten ein, da seine Mittel zur sofortigen Begleichung derselben nicht ausreichend find, und der Gewerbtreibende muß weiter warten. Wie viele Buchforderungen verliert der kleine Geschäftsmann in Folge dieser langen Kreditgewährung, weil mittler­weile seine Schuldner entweder starben oder verschwanden.

Leider läßt sich aber nun nicht verkennen, daß an dem berührten Uebelstande sehr häufig die Geschäfts­leute selbst mit einen großen Theil der Schuld tragen, indem sie nach ihren Begriffen die Höflichkeit gegenüber den Kunden nicht gern verletzen möchten und in Folge dessen mit der Ueberreichung der Rechnungen monate­und jahrelang warten. Und gerade die wohlhabenden Klassen beanspruchen der hergebrachten Sitte gemäß gewöhnlich den allerlängsten Kredit und betrachten es als etwas ganz Selbstverständliches, daß sie jenen kleinen Gewerbtreibenden, denen sie Arbeit gegeben, die Rechnungen erst mit Schluß des Jahres und vielleicht auch wohl noch später bezahlen. Es kommt aber auch sehr oft vor, daß der Kunde von den Geschäftsleuten die Rechnungen nicht erhält, obwohl er sie mehrfach fordert. Die bedauerliche Indolenz der kleinen Gewerb­treibenden läßt die großen Vortheile einer raschen Baar­zahlung ihrer Arbeit nur zu oft verkennen, und endlich wird erfahrungsmäßig in den meisten Fällen der baar­zahlende Kunde nicht besser bedient, als jener, welcher den Kredit des Geschäftsmannes in Anspruch nimmt, ja der letztere erfreut sich meist noch einer viel sorg­sameren und höflicheren Bedienung. Unter solchen Um­ständen darf es wohl nicht Wunder nehmen, wenn das konsumirende Publikum der althergebrachten Gepflogen­heit huldigt und, statt seine Einkäufe baar zu bezahlen, sorglos weiter borgt. Daß aber durch solche Miß­

„Fräulein Walden ist ja wohl mit dem Oberförster verlobt?“ fragte Düren weiter.

„Ja“, sagte der Assessor kurz, während Minuten lang ein feindlicher Zug seinen Mund umspielte.

„Fräulein Erika soll schön sein, examinirte der Baron mit einer ihm sonst ganz fremden Neugier,„findest Du das auch, Bernhard?“

Der Gefragte lachte gezwungen auf.

„Eine schwarzlockige Puppe mit großen, träumerischen Augen, aber ohne Herz und Gemüthn, gab er verächt­lich zurück.

Dürens Auge hatte flüchtig das Gesicht des Freun­des gestreift, er hatte das aufsteigende Roth bemerkt, er sah, wie die festgeschlossenen Lippen zuckten, während er zoraig einige Zweige herniederriß, die leicht seine Stirn berührt.

„Aber ich muß Dich bitten, mich nicht fortwährend zu unterbrechen“, sagte der Assessor gereizt,„dies Alles ist wirklich zu nebensächlich und gehört nicht hierher.“

Der Baron entgegnete nichts, er sah ernst zu Sarden hinüber.

Sarden begann seine Unterhaltung mit dem Baron aufs Neue:

„Also von dem Förster Werner erfuhr ich, was für Dich und mich wissenswerth— er theilte mir mit, daß Walther täglich im Hause Deines Onkels verkehrt, daß Letzterer Alles daran setzt, eine Verbindung seines Freundes mit Fräulein v. Werden herbeizuführen."

„Und den Grund? Welcher Beweggrund kann ihn nur leiten?“ fiel der Baron ungeduldig ein.

„Wahrscheinlich erinnert er sich, daß er etwas wie Verpflichtung gegen die Dame hat“, sagte Sarden langsam,„die hört aber auf, wenn er sie durch einen reichen Mann entschädigt; ebenso kann er mit Bestimmt­heit annehmen, daß Du dann wieder die Ruhe in der Ferne suchst— kurz, er ist jede Erinnerung an einen

stände das Volkswohl nach und nach bis tief ins Mark erschüttert wird, ist klar, und wenn nicht auf diesem Gebiete eine Aenderung durch einheitliches Vor­gehen seitens der Gewerbtreibenden, der Innungen, Genossenschaften rc. eintritt, müssen sachgewäß die Leistungen der einzelnen Arbeiter von Jahr zu Jahr geringere werden.

Es findet aber diese Borgwirthschaft mit all' ihren verderblichen Folgen gläcklicherweise nicht in allen Ge­werben statt, und am wenigsten wird der Kredit von denjenigen Geschäftsleuten beansprucht, die sich mit dem Vertrieb von Nahrungs= und Genußmitteln beschäftigen. Bei der Textilindustrie aber und bei den Bekleidungs­gewerben ist das Kreditnehmen zur wahren Epidemie geworden. Der Schneider und Schuhmacher leiden am meisten, und in ihren Kontobüchern sind fast auf jeder Seite Verlufte verzeichnet, so daß es dadurch erklärlich wird, daß namentlich diese beiden Gewerbe den größten Prozentsatz zu den Konkarsen stellen. Selbstverständlich wirken diese Konkurse wieder zurück auf die Lieferanten des Schneiders und Schuhmachers, auf die Tuch= und Lederhändler, und wenn durch Konkurse der ersteren die letzteren auch nicht gerade gezwungen werden, selbst den Konkurs zu eröffnen, vertheuern sie doch die Waaren im Allgemeinen, und der Konsument zahlt das mit, was durch das leichtsinnige Borgen verloren gegangen ist. Wird aber endlich einem der beiden genannten Gewerbtreibenden, Schneider sowohl als Schuhmacher, von einem Konsumenten die Alternative gestellt, ent­weder sich bei Baarzahlung einen Skontoabzug von zwei Prozent gefallen zu lassen oder ein sechsmonatliches Ziel zu geben, so werden in den häufigsten Fällen diese lieber das Letztere wählen, ohne daß sie bedenken, daß sie damit wirthschaftlich weit schlechter fahren. Eine Aenderung und Besserung dieser wirthschaftlichen Erb­krankheit aber ist nur allmählich und durch gemeinschaft­liches Vorgehen zu erreichen und namentlich den In­nungen und Gewerbevereinen ist es vorbehalten, bahn­brechend und belehrend auf diesem Gebiete vorwärts zu schreiten.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus. Sitzung vom 13. Dezember.

Präsident v. Köller eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 20 Minuten. Am Ministertische v. Puttkamer, Dr. Friedberg und mehrere Kommissarien. Die Besprechung der Interpellation Stengel, betreffend die Vorlegun

Tag los, wo er aus Liebe zu seinem Mammon das Lebensglück zweier Menschen opferte."

Düren schwieg, er fühlte nur zu gut, wie recht der Freund hatte, und doch konnte er augenblicklich in dieser Sache nichts thun; er hatte sich zu verschiedenen Malen Camilla genähert, aber vergebens. Die Malerin hatte noch immer nicht vergessen, daß er sie einst der Eltern wegen verlassen, er wußte, ihre Liebe stand unter ihrem Stolz.

„Seitdem Dein Onkel weiß, daß der Förster in dem Hause der Majorin verkehrte, begann der Assessor von Neuem,„nimmt er jede Gelegenheit wahr, um diesem die Vorzüge seines neuen Freundes zu rühmen, den unermeßlichen Reichthum Walthers zu schildern— er giebt es natürlich nur auf die Post und hofft, der Förster wird es an die richtige Adresse befördern.“

Der Baron schwieg noch immer, er hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt, ein Ausdruck tödtlichen Hasses brach aus seinem Auge.

„Ich werde diesen Herrn Walther zu finden wissen“, stieß er endlich hervor,„eine Beleidigung ist bald provo­zirt; ob er satisfaktionsfähig ist oder nicht, die Kugel soll zwischen uns Beiden entscheiden.“

Der Afsessor schüttelte den Kopf.

„Nicht doch", beschwichtigte er,„wenn Du meinen Rath befolgen willst, suchst Du etwas über seine Ver­gangenheit zu erfahren. Der Mann gefällt mir vicht, ich begegne ihm öfter, wenn ich den Förster besuche, das kleine zugekniffene Auge irrt zu scheu umher, als wenn aus ihm das böse Gewissen blickt.

„Ich werde morgen nach der Residenz, dem früheren Wirkungskreise Walthers, reisen, erklärte der Baron, „vielleicht hast Du recht gesehen, dann verlasse Dich darauf, ich werde alle mir zu Gebote stehenden Waffen zu gebrauchen wissen.“

(Fortsetzung folgt.)