„Die Lippische Landes=Zeitunge=
erscheint mit Ausnahme der Sonn= und Festtage täglich und werden in derselben die amtlichen Bekanntmachungen des Amtsblattes für das Fürstenthum Lippe in besonderer Rubrik veröffentlicht.
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Freitag, 12. Januar.
1803.
Deutsches Reich.
* Berlin, 11. Januar. Die Mitglieder des Reichstags,
welche an der vom Reichskanzler veranstalteten Besprechung über die Verwendung der kaiserlichen Spende zu Gunsten der Ueberschwemmten theilgenommen haben, wissen nicht genug von der praktischen und energischen Weise zu rühmen, wie Fürst Bismarck die Angelegenheit in die Hand genommen. Immer aufs Neue betonte er, daß es der ausdrückliche Wille des Kaisers sei, so rasch wie nur irgend möglich zu helfen. Demgemäß wurde denn auch aufs Bündigste angeordnet, daß die für die einzelnen Ueberschwemmungsgebiete ausgeworfenen Summen sofort am nächsten Tage, also am 10. Januar, expedirt würden. Dabei erfuhr man denn auch noch einen Umstand, welcher die Beweggründe der kaiserlichen Entschließung aufs Schönste beleuchtet. Der Kanzler hatte eine Gesammtsumme von 500,000 M vorgeschlagen. Der Kaiser aber machte eigenhändig aus der 5 eine 6. Er äußerte, es sei ihm ein unerträglicher Gedanke, daß, während er im warmen Zimmer sitze, die so schwer
Heimgesuchten frieren und hungern müßten. Sei er auch nicht im Stande, das Unglück an sich zu heben, so wolle er wenigstens sein Möglichstes thun, die Armen vor Frost und Hunger zu schützen. Wir zweifeln nicht, daß dies leuchtende Beispiel menschlicher Theilnahme, welches der erhabene Monarch gegeben, überall im deutschen Volke Nachahmung finden wird.
*— Aus der heutigen Sitzung der Budgetkommission des Reichstags ist hervorzuheben, daß bei Berathung des Militäretats auf eine Anfrage des Abg. Rickert der Kriegsminister erklärte, daß eine Vermehrung der Artillerie nicht beabsichtigt und die Kriegsverwaltung bei der Entstehung der betreffenden Gerüchte in der Presse nicht betheiligt sei. Bei der Naturalverpflegung wurden mit Rücksicht auf die billigeren Einkaufspreise für Getreide 3 Millionen Mark abgesetzt.
*— Auf Anregung des preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten wurde hier am 3. d. M. eine Konferenz von Vertretern der preußischen Staats= und unter Staatsverwaltung stehenden Privatbahnen, so wie einiger größerer Privatbahnverwaltungen eröffnet, um die neuerdings gesammelten Erfahrungen zu Gunsten der Sicherheit des Eisenbahnbetriebes auszutauschen, Mittheilungen
über Sicherheitsmaßregeln zu machen und weitere auf die Sicherheit des Betriebes zielende Vorschläge zur Erörterung zu bringen. Dem Vernehmen nach ist auf der Konferenz u. A. die Frage wegen Einführung der sogenannten kontinuirlichen Bremsen zur Sprache gekommen. Diese Bremsen bieten die Möglichkeit, den Eisenbahnzug durch einen Handgriff des Lokomotiv= führers in kürzester Zeit zum Stillstand zu bringen, ohne von der Mitwirkung einer Anzahl von Bremsern abhängig zu sein. Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat bereits mit den verschiedenen Systemen kontinuirlicher Bremsen Versuche anstellen lassen, die ein günstiges Resultat ergeben haben sollen. Vorausgesetzt, daß die kontinuirlichen Bremsen sich bewährten, würde durch Einführung derselben auf allen Bahnen die Sicherheit des Eisenbahnbetriebs bedeutend erhöht werden.
*— Das Schicksal der sozialpolitischen Gesetzentwürfe ist in der am 9. Januar beim Reichskanzler stattgehabten Abgeordnetenkonferenz, nachdem die eigentlichen Geschäfte derselben erledigt waren, zur Sprache gekommen. Fürst Bismarck machte, so berichtet die „Nat.=Lib.=Korresp.“, kein Hehl daraus, daß er auf das Unfallversicherungsgesetz das Hauptgewicht lege, daß er das Zustandekommen desselben mit einer gewissen Ungeduld herbeisehne. Doch zeigte er sich den Vorstellungen über die aus der allgemeinen Geschäftslage hervorgehenden Schwierigkeiten keineswegs unzugänglich. Er brach die Erörterung mit dem Bonmot ab:„Wenn ich auch noch so hungrig bin, so esse ich schließlich doch nur, was ich habe. Daraus wird man zum mindesten entnehmen können, daß er durchaus nicht gewillt ist, aus dem Nichtzustandekommen des Unfallversicherungsgesetzes in der gegenwärtigen Session einen Konfliktsfall zu machen. Voraussetzung dabei ist natürlich, daß das Krankenkassengesetz zu einem positiven Abschlusse gelangt, wozu die besten Aussichten vorhanden sind, und daß auch der Unfallversicherungsentwurf, soweit die Zeit reicht, wenigstens in der Kommission einer grügdlichen Prüfung unterzogen wird.
*— Die„Nordd. Allg. Ztz.“ richtet bei Wiederbeginn der Sitzungen des Abgeordnetenhauses wieder einmal eine dringende Mahnung an die konservative Partei, der Regierung energische Unterstützung bei ihren Plänen, insbesondere der Steuerreform, zu gewähren.
„Wenn jetzt die Konservativen im Landtage sich gern bereit erklären, der Politik des Königs folgen zu wollen — nur nicht auf dem von der Regierung des Königs betretenen Wege, wenn sie sich als Reformpartei bekennen, aber verlangen, daß die Steuerreform an einem Punkte einsetzen müsse, der ihnen als dazu geeignet erscheint, so unterscheiden sie sich von den Liberalen in keiner Weise, auch nicht in der Neigung— die Regierung an die Führung des Parlaments zu binden.“ Schließlich wird auch den Konservativen mit der Volksstimme bei künftigen Wahlen gedroht. Daß die Ergebenheit der konservativen Partei an die Reformpolitik des Reichskanzlers bis zur Annahme der Lizenzsteuerprojekte gehen wird, darf noch bezweifelt werden. Aber auch wenn sie so weit geht, ist eine Mehrheit im Abgeordnetenhause noch lange nicht gesichert.
*— Vorgestern Abend fand eine von etwa 2500 Personen, zumeist Sozialdemokraten, besuchte Arbeiterversammlung statt. Es waren Hofprediger Stöcker, Dr. Henrici und Eugen Richter dazu eingeladen. Nachdem Vergolder Ewald die Angriffe Eugen Richters, daß er die Arbeiterversammlung in die Hände Stöckers leiten wolle, widerlegt hatte, erschien Hofprediger Stöcker der mit Zischen empfangen und vielfach durch Lärmen und Schlußrufe unterbrochen wurde und nur mühsam seinen Standpunkt klarlegen konnte. Es sprach alsdann, mit stürmischem nicht endenwollendem Beifall, begrüßt, der sozialdemokratische Abgeordnete Kayser, der sich in vielen Punkten mit den Ausführungen Stöckers und Ewalds einverstanden erklärte: Er könne nicht gleich Herrn Stöcker von der Leber wegsprechen, da er auf Schritt und Tritt von den obwaltenden beschränkten Verhältnissen verfolgt werde. Hierauf erklärte der beaussichtigende Polizeioffizier die Versammlung auf Grund des§ 9 des Sozialistengesetzes für aufgelöst. Die Versammlung beantwortele diese Erklärung mit lauten „Pfuirufenn und trennte sich nur langsam unter vielfachen Hochrufen auf KKayser und die Sozialdemokratie. Auf der Straße fanden noch große Ansammlungen von Arbeitermassen statt, und zahlreiche Schutzleute zu
und zu Pferde hatten alle Mühe, dieselben zu zerstreuen.
* Hildesheim, 8. Januar. Der dritte hannoversche Bauerntag wurde gestern hier in Anwesenheit von circa 200 Personen abgehalten. Hofbesitzer Laubinger hielt
Die wilde
Novelle von Ad. Streckfuß.
(Fortsetzung.) 69
VIII.
Heinrich war von dem Schlage, der so jäh ihn getroffen und seine süßesten Hoffnungen im Keime erstickt hatte, völlig betäubt,— rathlos schaute er Antonien nach, er wagte es nicht, ihr zu folgen. Seines Bleibens konnte jetzt in Schernitz nicht länger sein, er war hier weniger sicher, als an irgend einem andern Ort. Da Autonie, Lottchen und die Rendantin seinen wahren Namen wußten, mußte ihn bald auch der Major von Simmering erfahren, und wenn dieser auch nicht durch den Haß gegen den Grafen Vienburg zu einem Verrath bewegt wurde, so konnte er bei seiner konservativen Gesinnung doch sicher einen von der Staatsbehörde gesuchten Flüchtling nicht verbergen und in seinem Dienste behalten.
Heinrich war entschlossen, noch an demselben Tage Schernitz zu verlassen, wohin er sich wenden wollte, das wußte er noch nicht, vielleicht nach seinem Gute Trübensee, vielleicht nach““ selbst, wo er bei Romenau wenigstens für ein paar Tage ein sicheres Asyl finden konnte, jedenfalls mußte er fort. Er ritt zu den ArIistern zurück und gab ihnen die nöthigen Befehle, denn Augenbsigs.““mmene Pflicht wollte er auch im letzten
nach Schernig zurug dann ritt er langsam
Lottchen stand am Fenster der Wohnstube, sie sah Heinrich auf den Hof reiten. So früh hatte sie ihn nicht erwartet. Sie hatte sich schon alle möglichen schönen Worte, mit denen sie ihn empfangen, ihm nach Antonieas Weisung den Brief übergeben wollte, ausgedacht, als sie ihn nun aber sah, war mit einem Male Alles wieder vergessen.— Sie zitterte bei dem
Gedanken, daß sie vor ihn treten und durch Rückgabe des Briefes ein Geständniß ihrer Neugier ablegen sollte, aber sie hatte es versprochen und einmal mußte es doch geschehen; sie konnte den Brief ja nicht behalten, nachdem sie Antonien mitgetheilt hatte, daß sie ihn gefunden habe.
Sie wollte dem Herrn Müller entgegengehen, ihm auf dem Flur den Brief überreichen, als sie aber den Entschluß zur Ausführung bringen wollte, fehlte ihr der Muth dazu, zitternd blieb sie an der Thür, die sie nicht zu öffnen wagte, stehen.— Aber die Thür wurde von außen geöffnet, Heinrich trat in das Wohnzimmer. Er begrüßte Lottchen mit einer kaum höflichen Verneigung; gar nicht freundlich und recht ernst sagte er in einem Ton, der sehr von dem vertraulichen, den er sonst immer im Gespräch mit Lottchen gebraucht hatte, verschieden war:—„Mein Fräulein, Sie haben, wie mir mitgetheilt worden ist, einen an mich gerichteten Brief an sich genommen. Ich darf Sie wohl um die sofortige Rückgabe bitten.“
Lottchen wurde dunkelroth vor Scham und Aerger.
— Sie hatte den schlechten Menschen durch die Uebergabe des Briefes recht tief beschämen wollen, und jetzt stand sie vor ihm, wie eine Angeklagte! Er selbst forderte den Brief zurück mit einer Miene, als sei er im vollsten Rechte und sie im Unrechte. Sie wollte Etwas eewiedern, aber die Worte fehlten ihr, nichts von dem, was sie sich ausgesonnen, paßte in diesem Augenblicke,
— am Liebsten hätte sie weinen mögen!— Schweigend griff sie in die Tasche und holte den zerknitterten Brief vor, sie wagte nicht einmal aufzuschauen, so verlegen war sie.
Heinrich nahm den Brief, sein erster Blick fiel auf die von einer zierlichen Mädchenhand geschriebene Adresse: „An den Unteroffizier Herrn Heinrich Müller zu Berlin, Kaserne des** Regiments.“— Er kannte diese Hand und diese Adresse, er hatte sie gesehen am ersten Tage seiner Ankunft in Schernitz, damals, als er die an
Heinrich Müller gerichteten Liebesbriefe der Kousine Minchen zusammengepackt und an den Direktor Liebelt geschickt hatte.
Wie kam aber Lottchen in den Besitz dieses Schreibens?— Er hatte doch die Briefe sämmtlich fortgeschickt! Da erinnerte er sich des kleinen Unfalles beim Herausnehmen aus dem Koffer, des Zugwindes, der die Papiere auseinander gewirbelt und im Zimmer umhergejagt hatte.— Er glaubte sie sämmtlich aufgelesen zu haben, aber diesen einen hatte er gewiß übersehen, ihn hatte Lottchen gefunden, gelesen und seinen Antonie mitgetheilt.
Konnte aber Antonie ihm dieses harmlosen Briefes wegen so bitter zürnen?— Er mußte wissen, was das Schreiben enthielt. Schon hatte er es geöffnet, da gedachte er seines Heinrich Müller gegebenen Versprechens, und schnell schloß er den Brief wieder.
„Diesen Brief haben Sie gelesen und seinen Inhalt Fräulein Autonie mitgetheilt, keinem Anderen?" fragte er viel freundlicher als vorher.
Lottchen faßte wieder Muth, sie erwiederte vorwurfsvoll:„Ja, dieser Brief von Ihrer heimlichen Braut, ist der nicht genug?“
Ein hellleuchtendes Licht in dunkler Nacht!— Ex hätte laut aufjubeln, Loitchen, die Freudenspenderin umarmen mögen vor wonniger Lust!— Durch den Liebesbrief hatte Antonie erfahren, daß Heinrich Müller heimlich verlobt sei,— sie sah ihre Liebe verrathen, sich getäuscht von dem, den sie liebte. Die Eifersucht war die Ursache ihres Zornes und der beste Beweis für ihre Liebe.
„Fräulein Lottchen, Sie wissen gar nicht, wie glücklich Sie mich gemacht haben!“ rief Heinrich froh. Er ergriff ihre Hand, küßte sie und stürmte aus dem Zimmer. Lottchen blieb allein, ganz verwirrt über die sonderbare unerklärliche Freude des Herr Müller. Es kam doch Alles ganz anders, als sie erwartet hatte.
(Fortsetzung folgt.)