Eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann.
Erscheint jeden Sonntag und kostet bei den Fürstl. Thurn= und Taxischen Postämtern vierteljährlich 11 ¼/ Sgr., in den Expeditionen in Lemgo und Detmold 10 Sgr.
Ne 14.
Lemgo, 5. April 1857.
Anzeigen werden berechnet: unter 5 Zeilen mit 2 Sgr. 6 Pf. von—10 Zeilen 5 Sgr. über 10 Zeilen jede Zeile 6 Pf.
An die geehrten Leser!
Indem mit der heutigen Nummer die Redaktion dieses Blattes auf mich übergeht, erlaube ich mir einige Bemerkungen vorauszuschicken. Da die„Sonntagspost“ weder ein ausschließlich politisches, noch ein Parteiblatt, sondern ein Organ zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann sein soll, so stehen ihre Spalten Mittheilungen jeder Art, die sich dafür eignen, offen. Die Landesangelegenheiten sind es vor Allem, denen darin Raum verstattet wird; Aufsätze über Handel und Gewerbe, Landwirthschaft u. dgl. werden besonders willkommen sein. Außerdem kann Alles, was wissenswürdig oder unterhaltend ist, selbst Scherzhaftes Aufnahme darin finden. Die Weltbegebenheiten werden jedesmal in einer wöchentlichen Uebersicht mitgetheilt werden; damit wird Denen, welche keine andere Zeitung lesen oder nicht genau den Lauf der Ereignisse verfolgen, vielleicht auch Andern der Erinnerung wegen gedient sein. Ich ersuche, unter Zusicherung strengster Verschwiegenheit, wo es verlangt wird, die bisherigen Correspondenten, so wie Alle, die Fähigkeit und Neigung dazu haben, mich mit Aufsätzen und Correspondenzen kräftig zu unterstützen, damit dieses Blatt ein für das ganze Land nützliches und seinen Zwecken völlig entsprechendes werde.
Vor zehn Jahren.
I.
Im Jahre 1847 herrschte in den Gemüthern der europäischen Bevölkerung eine innere Erregung, die tief eingriff in die Geschichte des folgendes Jahres; ja, sie hat vorbereitend auf die Ereignisse eingewirkt und einerseits ebenso diese gefördert, wie sie andererseits, richtig verstanden und in rechtem Sinne benutzt, zu segensreicheren Früchten hätte führen können, als es in Wirklichkeit geschah.
In den weitgreifenden Ereignissen, die in Europa eine Spannung der Gemüther erzeugten, spielten eine ganze Reihe von Vorgängen eine Rolle, deren Zusammentreffen in der That alle Schichten der Bevölkerung und alle Richtungen des Geistes lebendig anregen mußten. Es strömten die nationalen, die politischen, die sozialen und die religiösen Regungen und Bewegungen sehr merkwürdig zusammen und erzeugten auf allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit, sowohl des geistigen und materiellen Strebens unbestimmte, aber deshalb überschwengliche Hoffnungen auf kommende neue Zeiten, die prophetisch ausgesprochen wurden und auch deshalb prophetisch wirkten. Es erwies sich auch hier, daß Propheten auch ohne Absicht Agitatoren ihrer Prophezeihungen waren.
Gegenwärtig wäre wohl die rechte Zeit, jener Stimmung ein Denkmal zu setzen. Wir leben jetzt nicht mehr in den Tagen, wo Ueberschwenglichkeit das Urtheil trübt; aber auch nicht unter Eindrücken, die gegen ernste Anregungen eine Gleichgültigkeit erzeugt. Die Parteien haben ihre Leidenschaftlichkeit abgelegt und mehr und mehr verliert das Urtheil den persönlichen Charakter und macht einer historischen Auffassung Platz, die richtend und schlichtend die Anschauungen läutert.
Es wäre eine würdige Aufgabe eines begabten Mannes, eine Geschichte des Jahres 1847 jetzt zu schreiben, ohne Rücksicht auf Partei=Interessen und rein vom Material aus, das die Ereignisse ihm reichhaltig bieten; sie würde, richtig aufgefaßt, nicht für eine Partei, sondern für alle lehrreich sein.
Wir unsererseits müssen uns auf Andeutungen beschränken, und wir thun dies auch nur, um von den allgemeinen
europäischen Erinnerungen aus jener Zeit auf die der eigenen Heimat zu kommen. Wir thun dies besonders jetzt, weil eben der Monat April des Jahres 1847 der anregendste dieses Jahres war, so daß man ihn als den Gipfelpunkt vieler Hoffnungen bezeichnen darf.
Von Weltereignissen war diesem Jahre viel vorangegangen. Die Eisenbahnen hatten die Unternehmungslust in höherem Grade angeregt als je. Ein Bürgerthum, das sonst kaum den Blick über die Grenzen der Stadtmauern hinausschweifen ließ, sah die Früchte eines Assoziationsgeistes, einer Verbindung geistiger und materieller Kräfte durch Erfolge unglaublicher Art belohnt und begann über weite Länder hinaus den Gesichtspunkt zu erheben.— Ein Jahr vorher hatte die Freihandelspartei in England gesiegt und ein SchutzSystem zu Falle gebracht, das ehedem als vollkommen unerschütterlich galt. Die Apostel des freien Handels zündeten mit der Orthodoxie— ein Stück Orthodoxie hat jede englische Partei an sich— den Glauben an das Weltheil dieses Prinzips in allen Ländern an, und wie alles Neue überschätzte man auch diese Wahrheit sehr leicht.
Von Frankreich aus hatte Jahre vorher schon eine sozialistische Literatur dem geistigen Streben eine neue Richtung angewiesen. Die Arbeiterfrage, von der arbeitenden Bevölkerung zwar überhört und unverstanden, wurde ein Gegenstand unzähliger Schriften und Systeme. Die Mißernte des Jahres 1846 drängte diese Frage aber auch in die Kreise des Bürgerthums hinein, die sonst gerade nicht für Theorien einen feinen aufmerkenden Sinn hatte. Die Theuerung auf der einen, Freihandel und soziale Schriften auf der andern Seite erzeugten jene unbestimmte Mischung der Vorstellungen, in welchen man Kommunismus und Sozialismus gar nicht mehr unterscheiden konnte, trotzdem sie prinzipiell zwei ganz entschiedene Gegensätze sind.
Die Politik hatte zwar seit der ägyptischen Angelegenheit, der orientalischen Frage des Jahres 1841, einen Stillstand erfahren; aber es begannen dafür nationale Regungen lebendig zu werden. Das Rheinland war abgenutzt; aber seitdem im Jahre 1846 sogar der deutsche Bund SchleswigHolstein's Rechte vertreten wollte, und es gestattet war, „meerumschlungenen und„stammverwandte“ Begeisterung unter deutscher Zensur zu hegen, gerieth die Nationalitäts