Eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann. Erscheint jeden Sonntag und kostet bei den Fürstl. Thurn= und Taxischen Postämtern vierteljährlich 11 ¼/ Sgr., in den Expeditionen in Lemgo und Detmold 10 Sgr. Ne 14. Lemgo, 5. April 1857. Anzeigen werden berechnet: unter 5 Zeilen mit 2 Sgr. 6 Pf. von—10 Zeilen 5 Sgr. über 10 Zeilen jede Zeile 6 Pf. An die geehrten Leser! Indem mit der heutigen Nummer die Redaktion dieses Blattes auf mich übergeht, erlaube ich mir einige Bemerkungen vorauszuschicken. Da die„Sonntagspost“ weder ein ausschließlich politisches, noch ein Parteiblatt, sondern ein Organ zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann sein soll, so stehen ihre Spalten Mittheilungen jeder Art, die sich dafür eignen, offen. Die Landesangelegenheiten sind es vor Allem, denen darin Raum verstattet wird; Aufsätze über Handel und Gewerbe, Landwirthschaft u. dgl. werden besonders willkommen sein. Außerdem kann Alles, was wissenswürdig oder unterhaltend ist, selbst Scherzhaftes Aufnahme darin finden. Die Weltbegebenheiten werden jedesmal in einer wöchentlichen Uebersicht mitgetheilt werden; damit wird Denen, welche keine andere Zeitung lesen oder nicht genau den Lauf der Ereignisse verfolgen, vielleicht auch Andern der Erinnerung wegen gedient sein. Ich ersuche, unter Zusicherung strengster Verschwiegenheit, wo es verlangt wird, die bisherigen Correspondenten, so wie Alle, die Fähigkeit und Neigung dazu haben, mich mit Aufsätzen und Correspondenzen kräftig zu unterstützen, damit dieses Blatt ein für das ganze Land nützliches und seinen Zwecken völlig entsprechendes werde. Vor zehn Jahren. I. Im Jahre 1847 herrschte in den Gemüthern der europäischen Bevölkerung eine innere Erregung, die tief eingriff in die Geschichte des folgendes Jahres; ja, sie hat vorbereitend auf die Ereignisse eingewirkt und einerseits ebenso diese gefördert, wie sie andererseits, richtig verstanden und in rechtem Sinne benutzt, zu segensreicheren Früchten hätte führen können, als es in Wirklichkeit geschah. In den weitgreifenden Ereignissen, die in Europa eine Spannung der Gemüther erzeugten, spielten eine ganze Reihe von Vorgängen eine Rolle, deren Zusammentreffen in der That alle Schichten der Bevölkerung und alle Richtungen des Geistes lebendig anregen mußten. Es strömten die nationalen, die politischen, die sozialen und die religiösen Regungen und Bewegungen sehr merkwürdig zusammen und erzeugten auf allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit, sowohl des geistigen und materiellen Strebens unbestimmte, aber deshalb überschwengliche Hoffnungen auf kommende neue Zeiten, die prophetisch ausgesprochen wurden und auch deshalb prophetisch wirkten. Es erwies sich auch hier, daß Propheten auch ohne Absicht Agitatoren ihrer Prophezeihungen waren. Gegenwärtig wäre wohl die rechte Zeit, jener Stimmung ein Denkmal zu setzen. Wir leben jetzt nicht mehr in den Tagen, wo Ueberschwenglichkeit das Urtheil trübt; aber auch nicht unter Eindrücken, die gegen ernste Anregungen eine Gleichgültigkeit erzeugt. Die Parteien haben ihre Leidenschaftlichkeit abgelegt und mehr und mehr verliert das Urtheil den persönlichen Charakter und macht einer historischen Auffassung Platz, die richtend und schlichtend die Anschauungen läutert. Es wäre eine würdige Aufgabe eines begabten Mannes, eine Geschichte des Jahres 1847 jetzt zu schreiben, ohne Rücksicht auf Partei=Interessen und rein vom Material aus, das die Ereignisse ihm reichhaltig bieten; sie würde, richtig aufgefaßt, nicht für eine Partei, sondern für alle lehrreich sein. Wir unsererseits müssen uns auf Andeutungen beschränken, und wir thun dies auch nur, um von den allgemeinen europäischen Erinnerungen aus jener Zeit auf die der eigenen Heimat zu kommen. Wir thun dies besonders jetzt, weil eben der Monat April des Jahres 1847 der anregendste dieses Jahres war, so daß man ihn als den Gipfelpunkt vieler Hoffnungen bezeichnen darf. Von Weltereignissen war diesem Jahre viel vorangegangen. Die Eisenbahnen hatten die Unternehmungslust in höherem Grade angeregt als je. Ein Bürgerthum, das sonst kaum den Blick über die Grenzen der Stadtmauern hinausschweifen ließ, sah die Früchte eines Assoziationsgeistes, einer Verbindung geistiger und materieller Kräfte durch Erfolge unglaublicher Art belohnt und begann über weite Länder hinaus den Gesichtspunkt zu erheben.— Ein Jahr vorher hatte die Freihandelspartei in England gesiegt und ein SchutzSystem zu Falle gebracht, das ehedem als vollkommen unerschütterlich galt. Die Apostel des freien Handels zündeten mit der Orthodoxie— ein Stück Orthodoxie hat jede englische Partei an sich— den Glauben an das Weltheil dieses Prinzips in allen Ländern an, und wie alles Neue überschätzte man auch diese Wahrheit sehr leicht. Von Frankreich aus hatte Jahre vorher schon eine sozialistische Literatur dem geistigen Streben eine neue Richtung angewiesen. Die Arbeiterfrage, von der arbeitenden Bevölkerung zwar überhört und unverstanden, wurde ein Gegenstand unzähliger Schriften und Systeme. Die Mißernte des Jahres 1846 drängte diese Frage aber auch in die Kreise des Bürgerthums hinein, die sonst gerade nicht für Theorien einen feinen aufmerkenden Sinn hatte. Die Theuerung auf der einen, Freihandel und soziale Schriften auf der andern Seite erzeugten jene unbestimmte Mischung der Vorstellungen, in welchen man Kommunismus und Sozialismus gar nicht mehr unterscheiden konnte, trotzdem sie prinzipiell zwei ganz entschiedene Gegensätze sind. Die Politik hatte zwar seit der ägyptischen Angelegenheit, der orientalischen Frage des Jahres 1841, einen Stillstand erfahren; aber es begannen dafür nationale Regungen lebendig zu werden. Das Rheinland war abgenutzt; aber seitdem im Jahre 1846 sogar der deutsche Bund SchleswigHolstein's Rechte vertreten wollte, und es gestattet war, „meerumschlungenen und„stammverwandte“ Begeisterung unter deutscher Zensur zu hegen, gerieth die Nationalitäts 54 frage in Aufschwung und bildete einen Gährungsstoff, der der bürgerlichen Welt in nie gehörtem Grade ein Interesse für neu auftauchende Fragen der Schweiz und Italiens einflößte. Mitten in dieses Zusammentreffen hinein spielte aber bei weitem mächtiger noch die religiöse Frage eine ungewöhnlich große Rolle. Deutschland, das vornehmlich für religiöse Fragen ein reges Gemüth hat, empfing auch hier von innen und außen die Veranlassung. Sie lag eigentlich tiefer vorbereitet in den sogenannten kölner Wirren, die zehn Jahre vorher begonnen hatten, sie pflanzte sich fort in dem Streit zwischen Staat und Kirche, der seinen höchsten Punkt in der Gefangennehmung des Erzbischofs, von Köln und der fpätern des Erzbischofs von Posen hatte. Im Volke wurde die Spannung unterhalten durch die Jesuiten=Romane von Eugen Sue, die wahrhaft verschlungen wurden. Die Spannung wurde aber auch in höheren Kreisen mit Bewußtsein wach gehalten. Die uhistorisch=politischen Blättern in Baiern, die eine ultramontane Demagogie trieben, der heilige Rock von Trier, die Gustav=Adolfs=Vereine, die evangelische Kirchenzeitung, Ronge's Protest und die Begünstigung des Deutschkatholizismus, die Maßregelungen der Universitäten, die köthener Versammlungen, die Angriffe auf die Union, die Proteste der„Freien", die Adresse der Magistrate, die Berufung der Generalsynode, die Entstehung der Dissidenten und das Toleranz=Edikt vom 30. März 1847, alles das gab eine große merkwürdige Grundlage, in welche das Erscheinen eines liberalisirenden politisch=nationalen Papstes in Rom eine totale Verwirrung brachte, so daß der April 1847, der speziell für Preußen eine neue Epoche herbeiführen sollte, mit wunderbar überschwenglichen Hoffnungen und unter höchst verwirrenden Thatsachen auftrat. Wir wollen Diesem eine kurze Erinnerung widmen. Was ist von dem zu erwartenden Cometen und dem damit zusammenhangen sollenden Weltuntergange zu halten? Nachdem mehrere Astronomen, unter andern Hind in London und Gauß in Göttingen, es als wahrscheinlich hingestellt haben, daß der 1556 erschienene Comet in den nächsten Jahren, etwa zwischen 1857 und 1860 wieder erscheinen werde, hat es in der neuesten Zeit einem müssigen Kopfe beliebt, der Sache erhöhtes Interesse dadurch gewinnen zu wollen, daß er, was an sich Unsinn ist, einen bestimmten Tag, den 13. Juni d.., für die Wiedererscheinung des Cometen angab und zugleich pikante Voraussetzungen von Weltuntergang 2c. damit in Verbindung brachte. Leider bietet das 19. Jahrhundert trotz seiner vielgerühmten Aufklärung noch sehr empfänglichen Boden für solche Saat. Der falsche Prophet fand gläubige Zuhörer und rief, was übler ist, unberufene Tröster hervor. In dieser zweiten Beziehung nun ist in wenigen Worten das Folgende zu sagen: Aus Thatsachen, die glücklicherweise des Physikers Babinot schwankende Beweise überflüssig machen, geht unwiderleglich hervor, daß die Materie der Cometen ein äußerst lockeres Gewebe hat, daß dieselben gar keine eigentlich zusammenhangenden Massen, sondern bloße Anhäufungen von kleinen Körperchen bilden, die durch große Zwischenräume von einander getrennt sind. Selbst in dem außerordentlich unwahrscheinlichen, weil nur durch ein kaum denkbares Zusammentreffen von Umständen möglicher Fall eines wirklichen Aufeinanderstoßens der Erde und des Kerns eines Kometen würde deshalb das Ereigniß, weit entfernt, einen Weltuntergang nach sich zu ziehen, etwa höchstens einem Meteorsteinfalle zu vergleichen sein und an Wirkung kaum unsere Gewitter und Orkane erreichen. Ein bloßes Durchgehen der Erde durch den Lichtschweif eines dieser Körper, das allerdings viel leichter vorkommen kann, würde aber vollends ohne allen schädlichen Erfolg bleiben, da der Stoff der Cometen eben überhaupt kein zusammenhangender, also auch keine Luftart ist, die wir etwa nicht athmen könnten. Was insbesondere den Cometen von 1556 betrifft, so liegt seine Bahn so, daß er der Erde sich höchstens auf etwa eine Million deutscher Meilen nähern kann, daß er also in seiner möglichsten Annäherung immer noch beiläufig 19mal weiter von uns entfernt ist, als der Mond. Es ist somit zum wenigsten eitles, wenn nicht auf die Leichtgläubigkeit Unwissender berechnetes Gerede, diesem unschuldigsten unter den Unschuldigen irgend böse Absichten auf unsere Erde zuzutrauen. Schließlich sei bei dieser Gelegenheit zur Berichtigung von Zeitungsnachrichten noch erwähnt, daßider vom Professor'Arrest in Leipzig letztlich entdeckte und gegenwärtig sichtbare Comet ein von dem Cometen des Jahres 1556 völlig verschiedener Himmelskörper ist, daß Kaiser Karl V. lange vor dem Erscheinen jenes Cometen von 1556 den Entschluß, auf seine Krone zu resigniren, gefaßt hatte, und eben das Gerücht davon von den Astrologen jener Zeit schon benutzt wurde, um das zu erwartende Ereigniß mit dem Cometen in Zusammenhang zu bringen, daß natürlich bei jedem in den letzten Jahren erschienenen Cometen untersucht wurde, ob er mit dem von 1556 etwas gemein habe, daß aber bisher bei keinem derselben sich hinreichende Uebereinstimmung gezeigt hat. Correspendenzen. Lemgo, 3. April. Am Dienstag, den 31. v. Mts, wurde zu Octtern, unweit Detmold, ein sehr schönes Fest gefeiert. Der Herr Lehrer Knöner daselbst feierte nämlich sein 50jähriges Amtsjubiläum. Morgens gegen 11½ Uhr versammelten sich circa 50 Lehrer im Hause des Jubilars und begrüßten denselben mit einigen Chorälen, welche Astimmig unter Direction des Herrn Küster Winter aus Heiden schön gesungen wurden.“ Nach Beendigung des Gesanges hielt der Herr Pastor Jacobi aus Heiden eine aus dem Herzen kommende Rede, die sowohl bei dem Jubelgreise als auch bei den übrigen Anwesenden(fast die ganze Schulgemeinde nahm Antheil am Feste) ihre Wirkung nicht verfehlte. Sodann trat derselbe unserm Jubilare näher und theilte ihm mit, daß auch Se. Durchlaucht, unser regierender Fürst, seiner huldreichst an diesem Tage gedacht habe und er beauftragt sei, ihm die von der seligen Fürstin Paulina gestiftete Verdienstmedaille zu überreichen. Seligkeit leuchtete auf dem Antlitze des alten Schulmeisters, als ihm nun die Medaille auf die tiefbewegte, klopfende Brust geheftet wurde. Hiernach trug der Redner ein Schreiben Hoch=Fürstl. Consistoriums an den Jubilar vor, dessen Inhalt die anwesenden Lehrer tief ergreifen mußte. Der Inhalt desselben war so schön, daß wir den Wunsch nicht zurückhalten konnten, jeder Lehrer möchte eine Abschrift davon in Händen haben. Muth und wahre Freude an seinem Berufe wird der treue fleißige Lehrer daraus schöpfen und ein tiefdringender Sporn wird es für den Lehrer sein, der eines solchen bedarf. Wir hoffen, daß uns Gelegenheit gegeben wird, es in einer der nächsten Nummern d. Bl. abdrucken lassen zu kännen. Dem Jubilare wurden dann mehrere Geschenke überreicht: eins von seiner Schulgemeinde, ein anderes von zwei anderen Schulgemeinden und ein drittes von den Lehrern. Nachdem der Herr Lehrer Nieländer aus Detmold, von vier der ältesten Lehrer unseres Landes umgeben, sich längere Zeit auf eine höchst gemüthliche Weise mit dem Jubilare von jener Zeit unterhalten hatte, wo sie zusammen auf den Bänken im Seminar gesessen, begab sich die Menge unter Musik in das Festzelt. Weit über hundert Personen nahmen an dem Festessen Theil. Ernste und heitere Trinksprüche wechselten mit einander ab. Vocal= u. Instrumentalmusik verherrlichte das Fest. Ein munteres Tänzchen machte den Beschluß. Herr Lehrer Knöner steht seit 50 Jahren als Lehrer in Oettern und ist stets als ein wackerer, treuer Arbeiter im Weinberge des Herrn erfunden worden. Mit Recht verdient er nun auch die Auszeichnung, welche ihm zu Theil geworden. 1. April. Der hiesige landwirthschaftliche Zweigverein war hier am heutigen Tage versammelt. Der Vorsitzende zeigte, nachdem die Rechnung des vergangenen Jahres abgelegt worden war, der Versammlung an, daß das in der Donoper Zusammenkunft beschlossene Schreiben an Hochfürstl. Regierung bezüglich eines zu erlassenden Verkoppelungsgesetzes und eines Wiesen=Culturgesetzes, sowie wegen schärferer Beohachtung des Gesetzes betreffs des zu frühen Ziegeleigehens der jungen Burschen abgegeben sei, und verlas dasselbe. Eine Ant wort sei noch nicht erfolgt.— Gutsbesitzer Paulsen von Nassengrund machte hiernach die Gesellschaft mit den Resultaten seiner Versuche in Bezug auf die Ertragsfähigkeit von 6 Sorten Kartoffeln bekannt, von welchen derselbe den Ertrag pro Schffl. in Pfunden, sowohl im nassen wie im trocknen Zustande, mit Hinzufügung der Prozentverhältnisse angegeben hatte. Herr Paul= sen versprach, seine Untersuchungen auch in diesem Jahre fortzusetzen.— Der Lehrer Bornemeyer zu Barntrup verlas einen Aufsatz über die Gründung einer Ackerbau= oder landwirthschaftlichen Fortbildungsschule. Es wurde beschlossen, diese Arbeit dem Hauptvereine in Detmold mitzutheilen. Zum Schlusse stellte Herr Conductor Treviranus die Frage auf: Woher kommt es, daß bei der zunehmenden Bevölkerung unsers Landes ein wirklicher Mangel an Arbeitskräften für die Landwirthschaft entstanden ist, welches sind die Folgen davon und wie kann dem Uebelstande abgeholfen werden? Man beschloß, die Berathung dieses höchst wichtigen Gegenstandes auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung zu setzen.— Weltbegebenheiten. Zwischen Oestreich und Piemont(Sardinien) hat sich ein kleiner Streit erhoben über die in diesem Lande der Preßfreiheit kund gewordene beleidigende und feindselige Sprache gegen ersteres; jedoch ist bis jetzt weiter kein Schritt geschehen, als daß die beiderseitigen Gesandten abgerufen worden sind. Der Pantograph des Abbate Caselli in Florenz, der die zeitherigen Methoden der elektrisch=magnetischen Telegraphie zu verdrängen bestimmt scheint, ist in seiner innern Construction zwar noch unbekannt; äußerlich wahrnehmbar aber ist ein Pendel, der sich unter dem Sprühen des electrischen Feuers bewegt, wodurch ein Metallzünglein auf der andern Station die Worte auf ein chemisch präparirtes Papier niederschreibt, welche in der meldenden Station aufgezeichnet werden. Während jetzt in der Minute nur 84 Buchstaben telegraphirt werden, befördert Caselli deren 500. Aus Australien ist ein großes Stück goldhaltigen Quarzes nach London gebracht, welches 500 Pfund wiegt und im Innern Gold zum Werth von 140,000 Thlr. enthalten soll. Nach Privatbriefen aus Palermo lassen die Behörden dieser Stadt die Verwandten der gerichtlich verfolgten Personen foltern, um von ihnen herauszubringen, wo sich dieselben aufhalten. Dabei wird ein Instrument gebraucht, das die Gefolterten am Schreien verhindert(tortura del silencio). Dieses besteht aus zwei kreuzweis den Kopf von der Stirn bis zum Nacken und vom Hals bis zum Scheitel umspannenden Stahlbändern, die, vermittelst einer Schraube zusammengezogen, dem Patienten den Athem benehmen. . Es. bereitek sich ein neuer Krieg der Russen gegen die Tscherressen vor; diese haben sich neuerdings unter der Anführung des Mehemed Bey(Bangya) zu einer militärischen Organisation erhoben, die alle früheren Anstrengungen weit überstrahlt, und der Enthusiasmus ist so groß, daß Fürsten, Adel und Deputirten des Volks unter Entfaltung der heil. Fahne auf den Koran geschworen haben, für ihre Unabhängigkeit bis zum letzten Mann einzustehn. Von China hören wir noch nichts Neues; die Nachricht, daß sich der Friede mit England vorbereite, ist vielleicht nur ein Wahlpuff; es gehn wenigstens von England fortwährend Truppen dahin ab, und bald werden wir von den vereinten englischen und französischen Geschwadern den Kampf gegen das eingebildete Chinesenvolk beginnen sehn, wenn sich dieses nicht bei Zeiten fügt. Ein furchtbarer Unfall hat sich am 12. März auf der Canadischen Eisenbahn in Nordamerika begeben. Zwischen Torento und Hamilton hart vor der Kanalbrücke gerieth der Zug aus dem Geleise, zerstörte das Bollmerk der Brücke und stürzte, Sack und Pack, 40 Fuß tief hinab ins Wasser. Von 97 Passagieren wurden 70 auf der Stelle zermalmt und ertränkt. In der preußischen zweiten Kammer ist die Häufersteuer verworfen, aber die erhöhte Salzsteuer(die doch grade den geringen Mann drückt) angenommen.— Bei Berathung des Sundzollvertrags(welcher genehmigt wurde, sagte der Abgeordnete Harkort: Dem Vertrage kann ich kein überschwängliches Lob schenken. Der Sundzoll war ein durchaus ungerechtfertigter. Wir haben ihn nicht mit Eisen gelöst, sondern mit Geld, und haben dadurch seine Rechtsbeständigkeit eigentlich anerkannt. Allein es lastet noch eine andere Schmach auf dem Vaterlande, die nicht mit Geld zu lösen ist: das ist die Mißhandlung der deutschen Herzogthümer durch die Dänen. Wir haben allerdings im Jahre 1848 den Dänenwall mit den Waffen in der Hand siegreich überstiegen, allein damals traten wir einen Schritt zurück, wir schlugen den Oestreichern die Brücke, deren Fahnen seit Wallenstein zum ersten Male in Norddeutschland erschienen, und da begann jene berüchtigte Klassifikation, die uns noch heute das jämmerliche Bild der deutschen Einigkeit darstellt. Deutsche Männer wurden durch deutsche Frauen beschämt, die wenigstens die zarte Arbeit ihrer Hände und deren Betrag den Verbannten zuwendeten. Heute hören wir einen ängstlichen Hülferuf aus Lauenburg, und die schlauen Diplomaten sind in großer Verlegenheit, wie der Krone Dänemark zum Gesammtstaat gratulirt werde. Der Bundestag hat die Sache in der Hand; daß er aber eilen werde, bezweifle ich. Der Kaiser Barbarossa schläft noch, aber ich glaube, daß diese Gelegenheit benutzt werden muß, indem wir diesen Vertrag abschließen, daß wir gegen diese Uebergriffe in den Herzogthümern protestiren. Dann haben wir wenigstens das Unsrige gethan.— Der Ministerpräsident v. Manteuffel gab darauf die Versicherung, daß der angeregte Gegenstand die ernsteste Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nehme und daß Preußen mit dem gesammten Deutschland in dieser Sache einig und fest vorgehn zu können allen Grund habe. Zum zweiten Landtagsdeputirten der Stadt Detmold ist der Justiz=Canzleirath Rosen erwählt worden, die Stadt Blomberg hat den Syndicus Schröter und die Stadt Horn den Bürgermeister Schierenberg dazu gewählt, Vermischtes. Ein Französischer Hofball. (Schluß.) Auf dem ersten diesjährigen Hofballe, welcher am 15. Januar stattfand, trug der Kaiser, sowie sein ganzes männliches Gefolge, mit Einschluß der Ordonnanzoffiziere und Adjutanten, kurze Beinkleider, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe. Selbst unter den fremden Botschaftern und Gesandten war Alles, mit Ausnahme des russischen und türkischen Botschafters, in kurzen Beinkleidern, erschiener; ja, man bemerkte sogar, daß alle anwesenden Offiziere der kaiserlichen Garde=Infanterie ohne Unterschied des Ranges weiße Kurzhosen mit seidenen Strümpfen trugen, was, das muß man gestehen, in einem Salon, namentlich jungen Ofsizieren sehr gut steht. Es darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß die ächte Pariferin nur höchst ungern mit Militärpersonen in Uniform tanzt, weil, besonders bei den jetzigen Damen=Moden, die Militairuniform mehr oder weniger die Toiletten verdirbt. Um diesen Widerwillen der Damen zu heben, wurden möglichst auch bei den Offizieren bei Hoffesten die kurzen Beinkleider mit seidenen Strämpfen und Schnallschuhzen eingeführt. Die Kaiserin trug an jenem Abende ein weißes, bouillonirtes, Tüllkleid, worüber eine bis zum Knie reichende Tunika aus grünem Tüll mit einer Einfassung aus grünen Sammtblättern geworfen war. Die Aermel, ebenfalls bouillonirt, waren mit köstbaren Diamanten=Agraffen geziert. Die Brust war mit einer Resille aus Brillanten und Smarägden bedeckt. Der Kopfputz bestand ans einem Kranze von grünen Sammtblättern, aus denen zahireiche Diamanttropfen, gleich dem Thau in der Morgensonne, hervorblitzten. Dieser Anzug entlockte allen Damen in den Tuilerien einen Ruf beifälliger Verwunderung; er konnte auch nicht besser berechnet sein, um die mitde Schönheit der Kaiserin hervorzuheben. 56 Der Kaiser und die Kaiserin schreiten nun sehr langsam durch die Staats=Appartements, indem sie bei jedem Schritt stehen bleiben, um an bekannte Gesichter einige freundliche Worte zu richten. Beim Eintreten in den großen Tanzsaal ruft ein Thürsteher mit lauter Stimme: Der Kaiser! worauf das Orchester die franfranzösiche Nationalhymne spielt. Der Ball wird der Etiquette zufolge mit der sogenannten kaiserlichen Quadrille eröffnet. An jenem Abend tanzte der Kaiser mit der Prinzessin Mathilde, die Kaiserin mit dem Prinzen Napoleon, Lord Cowley mit der Marquise Strozzi, Freiherr von Hübner mit der Prinzessin Joachim Mürat, Marschall Pelissier mit der Gemahlin des spanischen Botschafters, Marschall Magnan mit der Gemahlin des sächsischen Gesandten 2c. Der russische Botschafter, Graf Kisselef, welcher in der nämlichen Quadrille figuriren sollte, entschuldigte sich damit, daß er als alter Haudegen des Tanzes unkundig wäre. Während die kaiserliche Quadrille getanzt wird, bleibt der Saal des Maréchaux der Brennpunkt des Festes; denn da nach dem Willen des Kaisers für die kaiserliche Quadrille nur absolut so viel Raum reservirt bleibt, als für die freie Bewegung nothwendig ist, drängen sich um dieselbe die übrigen Glieder und besonders die Fremden, ohne Unterschied des Ranges. Mit Ausnahme des diplomatischen Körpers und der Minister, welchen die Ehrenplätze neben der Estrade des Kaiserpaars vorbehalten sind, werden alle Geladenen in den Tuilerien als ebenbürtig betrachtet und behandelt. Nachdem die kaiserliche Quadrille, in welcher die fremden Botschafter tanzen, beendet und damit der Etiquette Genüge geleistet ist, mischen sich der Kaiser und die Kaiserin gern unter die übrigen Tänzer. Schon in der zweiten Quadrille, welche der Kaiser mit der Gräfin Walewska tanzte, sah man junge Auditeure des Staatsraths und Zöglinge der polytechnischen Schule figuriren. Gegen 11 Uhr verlassen der Kaiser und die Kaiserin die Estrade des Saales des Maréchaux, um einen Gang durch die Appartements zu machen, wobei sie sich fortwährend mit ihren Gästen ohne Unterschied des Ranges unterhalten. Sie nehmen dann mitten unter den übrigen Geladenen einige Erfrischungen am Buffet ein, welches am Eingang des Theaters errichtet steht und an welchem 50 maitres’hôtel in schwarzer Kleidung, kurzen Hosen und Stahldegen serviren. Ungeachtet auf dem ersten Hofballe über 4000 Personen geladen waren, konnte man sich eben so leicht in den Appartements bewegen, als nach Belieben dem Buffet nähern, was vorzüglich daher rührt, daß den Offizieren eingeschärft ist, jedem Civilisten, der eine Dame am Arme hat, Platz zu machen. Der Kaiser will auf solche Art unter dem Officier=Corps die alte galanterie française zu Gunsten der Damen erwecken. Uebrigens wird jeder Fremde durch die Artigkeit der französischen Offiziere bei den Hoffesten in den Tuilerien höchst angenehm berührt. Ein feinerer Ton läßt sich nicht denken. Das Souper wird nach Mitternacht in der Gallerie du diner servirt. Mit Ausnahme des Kaisers sitzen nur Damen an der Tafel der Kaiserin, zu welcher die Gemahlinnen der fremden Botschafter und Gesandten, so wie die der Minister gezogen werden. Die Herren stellen sich hinter dem Sitze ihrer Damen während des Soupers. Auch bei den folgenden Services werden Herreu in den Speisesaal nur in sofern eingelassen, als die Damen schon soupirt haben. Das schöne Geschlecht hat an und für sich immer den Vortritt am Hofe Napoleons III. Frische, Anmuth und Grazie müssen in den Tuilerien die Ahnenprobe ersetzen. Briefkasten. Zur Eisenbahnfrage(Entgegnung auf den Artikel Nr. 10—12 d. Bl.) Desgl.: Ueber die Nothwendigkeit eines Wiesenculturgesetzes— nächstes Mal.— Kopernikus: später. Für die Redaktion: Ph. Kotzenberg. Aelteste Kölnische Poudrette(Staubdünger) Fabrik. 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