Bezugspreis:
Erscheint wöchentlich sechsmal.— Preis monatlich.25 und .36 Bestellgebühr, beim eigenen Postamt bestellt.— Fürs Ausland unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67877.
tliches Tageblatt
mit den Beilagen„Für Herz und Haus“ „Rdenggbe! zund„DAusen
Anzeigenpreis:
Nr. 287.
Vielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 7. Dezember 1932.
14. Jahrgang.
1—
Vom Elend und vom Bösen
Wirst du befreien die Welt, wenn aus dir selbst
Des Unheils Macht du bannst.
Salvator Rosa.
IMNMLE M M M MINMMNIMNN MMMME M MMM MMMMMMMNMMNMNG
Das Ende der Regierungskrise.
Es wirkte wie eine Erlösung, als am Freitag mittag der Rundfunk mitteilte:„ Der Herr Reichspräsident hat den Herrn Reichswehrminister Schleicher mit der Kabinettsbildung beauftragt.“ Die Regierungskrise, wohl die schwerste seit langer Zeit, glich einer Tragödie, die in so und soviel Akten über die Bühne ging. Nach dem 6. November setzte verstärktes Trommelfeuer gegen das Verbleiben des Reichskanzlers von Pawen ein, der nicht einmal 10 Prozent des wahlberechtigten Volkes hinter sich habe. Papen muß weg! So forderten es, wenn auch aus verschiedenen Motiven, die Sozialisten aller Art, das Zentrum, die bürgerlichen Demokraten und wirtschaftlichen Verbände von rechts bis links. Das Kabinett wich diesem Druck und demissionierte. Adolf Hitler wurde vom Reichspräsidenten ersucht, festzustellen, ob man unter Führung Hitlers ein Kabinett mit einer sicheren, tragfähigen Mehrheit im Reichstag rechnen könne. Hitlers platonische Bemühungen blieben ohne Resulat. Ebenso scheiterte nach ihm Prälat Kaas vom Zentrum. Der Reichspräsident griff nunmehr auf seinen ersten Plan der Bildung eines Präsidialkabinetts zurück, nachdem sich eine Mehrheitsbildung im Reichstag als unmöglich erwiesen hatte. Was nun folgte an Spiel und Zwischenspiel, an Kulissenarbeit und Sabotage durch Gerüchtemacherei, wird wohl größtenteils der Oeffentlichkeit verborgen bleiben. Die Siluationen wechselten, und in den letzten Tagen war bald von Schleicher, bald von Papen oben. Beide verhandelten und suchten im Auftrage des Reichspräsidenten nach Lösungen, die einen Konflikt mit dem Reichstag vermeidbar erscheinen ließen. Die Oeffentlichkeit, d. h. hauptsächlich wohl die leicht erregbaren Zeitungsschreiber, wurden nevvös, wenn aus Morgen und Abend der andere Tag wurde, ohne daß die gewünschte Klärung eingetreten wäre, wobei allerdings fast jeder die Klärung so erwartete, wie„er sie auffaßte". Ruhig, wie ein Fels im Meer, umbrandet von entfesselten Parteistürmen, Warnungen und Drohungen, stand unser alter ehrwürdiger Greis, der Reichspräsident von Hindenburg, unbeirrbar, nur das eine Ziel im Auge behaltend, erst alle Möglichkeiten zu erschöpfen, bis er seine schicksalschweren Entscheidungen traf. Es war bei Hindenburg nicht Entschlußlofigkeit, erst recht nicht Furcht vor der Verantwortung, sondern einzig und allein Erfüllung seiner Gewissenspflicht, die bei ihm immer an erster Stelle stand, wenn er seine Entscheidungen um Tage verschob. Der Reichspräsident war und ist sich bewußt, daß bei der heutigen innerpolitischen Lage seine Entschlüsse von weittragender, im Augenblick nicht absehbarer Bedeutung werden können. Angesichts dessen, was kommen kann, wollte Hindenburg vor seinem Gewissen, vor Gott und dem deutschen Volke frei sein von der etwaigen Schuld, nicht das Letzte versucht zu haben, um den offenen Konflikt mit dem Reichstag, dessen Auswirkung im Kampf aller gegen alle bestehen kann, zu vermeiden. Aus dieser, man möchte sagen, Gewissensnot, sind bis in die letzten Stunden Lösungen versucht, die nicht gefunden wurden, aber zur Folge hatten, daß bald Schleicher, bald Papen die meiste Anwartschaft auf den Kanzlerposten hatte. Das blieb bis Freitag mittag so. Um 10½ Uhr stand Papens Berufung fast 100prozentig fest; um 12 Uhr wurde der Reichswehrminister von Schleicher beauftragt und damit die Tragödie zu Ende geführt.
Wirft man nun die Frage auf, ob die getroffene Entscheidung als die richtige anzusehen ist, so stehen wir auf dem Standpunkt, daß die ehrfurchtgebietende Persönlichkeit Hindenburgs es uns nahe legt, an seinen gewissenhaft geprüften Entscheidungen wenn überhaupt, dann nur mit äußerster Zurückhaltung Kritik zu üben. Wenn man aber die Möglichkeit hatte, aus nächster Nähe die Vorgänge zu beobachten, dann kann man verstehen, wenn der Herr Reichspräsident Herrn von Papen, der heute noch sein volles Vertrauen besitzt, auf seinen dringenden Wunsch im letzten Augenblick nicht mit der Kabinettsbildung beauftragte. Reichskanzler von Papen, über den die Geschichte hoffentlich einst ein gerechteres Urteil fällen wird, als es in diesen aufgeregten Tagen politischen Kampfes möglich ist, hat ganz gewiß die Parteien und die Presse, bis auf wenige Ausnahmen, gegen sich. Wir haben früher schon im„Aufwärts“ angedeutet, warum Papen derart angefeindet wird und welches die Motive sind. Sie liegen auf dem Gebiet jeglicher Verneinung bei den Parteien, die grundsätzlich nur sich, nicht aber andere
anerkennen wollen. Bei anderen Parteien sind parteidisziplinarische Rücksichten oder die Angst um den Verlust demokratischer Errungenschaften maßgebend. Aber alles das würde auf die getroffenen Entscheidungen wohl kaum einen maßgeblichen Einfluß ausgeübt haben, wenn innerhalb des bisherigen Kabinetts über die Fortführung der bisherigen Politik Uebereinstimmung bestanden hätte. Das war aber nicht der Fall, so daß Herr von Papen den Reichspräsidenten selbst bat, von seiner Berufung abzusehen und Herrn von Schleicher zu beauftragen, das Kabinett zu bilden.
General von Schleicher hat den Auftrag angenommen und durchgeführt. Es bleibt nun abzuwarten, ob Schleicher im Reichstag eine freundlichere Aufnahme finden wird. Dem„Kampfkabinett“ Papen war von fast allen Parteien der Krieg bis zur Vernichtung angekündigt. Wird es dem„Versöhnungskabinett“ Schleicher anders ergehen? Das ist die große Frage. Gewiß ist, daß Schleicher Voraussetzungen mitbringt, die seinem Amtsvorgänger von Papen nicht in dem Maße zur Verfügung standen. Schleicher ist ein ungewöhnlich befähigter Verhandlungstaktiker, der die Menschen zu nehmen weiß und die Grenzen für Mögliches und Unmögliches klar sieht und sich danach einzustellen vermag. Es klingt paradox, wenn man von einem preußischen General sagen würde, er sei eine Kompromißnatur; das dürfte aber bei Schleicher. dann richtig sein, wenn er durch einen Kompromiß weitergehende Ziele verfolgen und erreichen kann. Aber nur in diesem Falle, da im übrigen v. Schleicher ein Mann ist, der mit Entschlossenheit durchgreift da, wo es erofrderlich ist. Aus dieser Charakterisierung sind auch seine bisherigen Maßnahmen zu verstehen. Sein Ziel ist, einen Konflikt mit dem Reichstag zu vermeiden, was sich absolut mit den Wünschen und Absichten des Reichspräsidenten deckt. Daher seine wiederholten Versuche, zu den Parteien Brücken zu schlagen und zu den Gewerkschaften in ein freundlicheres Verhältnis zu kommen. Die Pflege guter Beziehungen zu den Gewerkschaften war schon in den letzten Jahren seine Spezialität. Und wenn er mit den Gewerkschaftsführern Leipart und Otte verhandelt und ihre Wünsche entgegennimmt, dann ist das nicht nur als ein taktisches Manöver zu bewerten, sondern von Schleicher hat von jeher auf dem Standpunkt gestanden, daß einzelne Bestimmungen der Notverordnung vom 4. und 5. September hart und ungerecht seien. In einer neuen Notverordnung ist mit einer starken Revision zu rechnen, vielleicht sogar ganz im Sinne der Gewerkschaftsforderungen, die man wohl als bekannt voraussetzen darf. Ebenso sieht Schleicher die von Papen stark forcierten Pläne auf Aenderung der Reichsverfassung nicht so dringlich an, um es deswegen zu einem Konflikt kommen zu lassen. Aus all diesen Gründen wittert ein Teil der deutschen Presse Morgenluft u. schreibt von Kursänderung usw. Das dürfte aber nicht entscheidend sein. Wichtiger ist die Haltung der einzelnen Parteien Schleicher gegenüber. Und da kann man bei Prüfung dieser Frage nicht zu der Auffassung kommen, daß der neue Reichskanzler im Reichstag eine stärkere Rückendeckung haben wird, als es bei v. Papen der Fall gewesen wäre. Etwas versöhnlicher scheint das Zentrum dem Kabinett Schleicher gegenüber, während die Deutschnationalen von der Wendung am Freitag, Schleicher statt Papen, wenig entzückt sind. Dagegen haben die Nationalsozialisten, die früher in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Schleicher standen, diesem schärfsten Kampf angesagt. Die KPD. und die SPD. ebenfalls, so daß das Kabinett Schleicher statt 90 Prozent bei Papen, etwa 70 Prozent der Abgeordneten gegen sich haben wird. Damit sind die Aussichten auf„Waffenruhe“ während der Wintermonate sehr schlecht geworden. Das Ergebnis der 14tägigen Krise dürfte demnach sein, daß zwar mit der Berufung Schleichers die Spannung nicht bis zur Siedehitze getrieben wurde, aber nach eingetretener Beruhigung als Endergebnis der Konflikt mit dem Reichstag doch nicht zu vermeiden sein wird. Schleicher bringt viele Voraussetzungen mit. Es wird ihm auch zunächst leicht sein, einige gemachte Fehler seines Vorgängers wieder gutzumachen. Aber dann beginnen die Schwierigkeiten, wenn es notwendig wird, rechtzeitig denen Halt zu gebieten, die mit der Berufung Schleichers an eine Rückkehr der Zeiten glauben, in denen uferlose Forderungen im Handumdrehen bewilligt wurden. Die beiden radikalen Parteien rechts und links haben allein die Möglichkeit, Beschlüsse zu fassen, Notverordnungen aufzuheben, Mißtrauensvoten zu erteilen, um die Regierung Schleicher aus dem Sattel zu heben. Daß solche Beschlüsse kommen, ist todsicher. Dann wird es sich zeigen, wo Verantwortungsbewußtsein vorhanden ist. Der Reichspräsident ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen.
Der neue Reichskanzler wird ebenfalls alles tun, um die Parteien dahin zu bringen, ihm, was eigentlich selbstverständlich ist, erst einige Monate Bewährungsfrist zu geben, damit das Kabinett zeigt, was es will und was es kann. Erkennen die Parteien ihre Verantwortung nicht, dann wird Hindenburg mit Maßnahmen antworten, die bisher nicht in seiner Absicht lagen, seinem Wesen auch widersprechen, aber nicht mehr zu umgehen sind, wenn die Auserwählten des Volkes es nicht anders wollen. Aber persönliche Eitelkeit, Herrschsucht, Neid= und Rachegelüste sind Eigenschaften, die sich während der 13 Jahre Parteienherrschaft zu höchster, aber übelriechender Blüte entwickelt haben, daß der Verstand für die Lebensfragen des Volkes stark darunter gelitten hat. Möge der Lenker aller Dinge in diesen entscheidungsvollen Wochen vor Weihnachten uns den Frieden im Volk und unter den Parteien bringen, um mit vereintem Willen die große Volksnot, die in diesem Winter ihren Höhepunkt erreichen wird, zu mildern, wie das der größte Wunsch unseres Reichspräsidenten von Hindenburg ist. W. W.
Zwei neue Wirtschaftspläne zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit.
Von Bürgermeister i. R. Bleicken, Kuxhaven.
(Schluß.)
Auf ein ganz anderes Ziel geht. Mahrauns„Großer Plan“ los: Mahraun sieht im Gegensatz zu Burchard nicht nur in der Weltwirtschaft eine grundlegende Aenderung vor sich gehen, sondern auch in unserer deutschen Binnenwirtschaft: Eine Verlagerung des Schwerpunktes von der Industrie weg wieder mehr zur Landwirtschaft, von der Großstadt wieder mehr zur Kleinstadt u. zum Lande. Mahraun erklärt:„Wir sind kein Volk ohne Raum. Wir sind ein Volk ohne die richtige Organisation unseres Raumes und unserer Menschen.„Durch Neuordnung des deutschen Raumes wird 1 Million deutscher Bauernhöfe Auf ihnen finden 4 Millionen Menschen Beschäftigung. Hiervon muß nahezu 1 Million abgezogen werden, welche heute vom Großgrundbesitz beschäftigt werden. Der Arbeitslosigkeit werden also rund 3 Millionen Menschen entrissen. Die neugeschaffenen Dörfer geben rund einer halben Million Menschen in Handwerk, Gewerbe, Verwaltung und Verkehr neue Arbeitsplätze. Damit sind 3½ Millionen der Arbeitslosigkeit entrissen, Die Einführung der allgemeinen Volksdienstpflicht nimmt 800 000 Jugendliche vom Arbeitsmarkt weg.... die Hiermit verbundene Senkung der Lasten führt der Wirtschaft das nötige Kapital zu. Die Durchführung des riesenhaften Kolonisationswerkes kurbelt die gesamte Wirtschaft von unten her an. Der Rest der Arbeitslosen wird bis auf die nötige Arbeitsreserve von der Wirtschaft aufgesogen.“ Mahraun geht also auch im Gegensatz zu Burchard davon aus, daß Millionen Arbeitsloser nie wieder in Industrie und Handel beschäftigt werden können. Für sie will er Raum schaffen durch Enteignung des Großgrundbesitzes (von über 100 Hektar), durch Oedlandkultur und Waldverringerung. Neugewinnung von Land in unseren Nordseewatten— die er nicht erwähnt— würde weitere Bodenflächen bringen. Neben solcher Bauernsiedlung soll die Stadtrandsiedlung(zum Nebenerwerb für städtische Arbeiter) in starkem Umfang betrieben werden, damit diese Arbeiter krisenfester werden. Die Ba irnsiedlung im Osten gibt zugleich erheblich stärkeren Schutz gegen das Andrängen der polnisch=slawischen Flut. Die Bauernsiedlung soll in Dorfform vor sich gehen. Sie belebt in den vorhandenen Kleinstädten wie in den neuen Dörfern Handwerk und Handel, mittelbar auch die eigentliche Industrie. Die Vorarbeiten für die Siedlung sollen im weiten Ausmaß durch die Siedler selbst und im freiwilligen Arbeitsdienst geleistet werden, um die Siedlungen möglichst zu verbilligen. Der freiwillige Arbeitsdienst soll zugleich einen erheblichen Teil der künftigen Siedler auch aus der Stadtbevölkerung neben Landarbeitern u. Bauernsöhnen heranbilden. Das Land soll zunächst in Erbpacht vergeben werden, die aber zum Eigentum führen kann. Die Wirtschaftlichkeit muß durch angemessene Schutzzölle gesichert werden. Die Lasten, die dadurch den Verbrauchern erwachsen können, werden durch den Wegfall der Lasten aus der Arbeitslosigkeit, durch die Senkung der Steuern usw. ausgeglichen. Mahraun gibt zu, daß der zu enteignende Großbesitz mehr Brotkorn liefert als der Bauer, meint aber, die Erzeugnisse der Bauernwirtschaft, Vieh, Milch, Butter, Käse, Gemüse usw. stellten größere Werte dar als der Kornbau des Großbesitzes, so daß einzuführendes Brotkorn nicht so viel koste wie die Einführung bäuerlicher Erzeugnisse. Uebrigens sei der Plan
.*