Ausgabe 
14 (16.11.1932) 270
Seite
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Nr. 270.

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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Mittwoch, den 16. November 1932.

14. Jahrgang.

Ach Gott, wenn mir das kommet ein,

Was ich mein Tag begangen,

So fällt mir auf das Herz ein Stein Und bin mit Furcht umfangen.

Ja, ich weiß weder aus noch ein Und müßte stracks verloren sein, Wenn ich dein Wort nicht hätte.

Barth. Ringwaldt.

UMMM MMMNMNEIN NMNMINAMMMMNMMMNMMMNMMMMN

Landes=Buß= und Beitag.

Wir haben gesündigt und unrecht getan, sind gottlos und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten gewichen. Dan. 9, 5.

„Da unser Meister und Herr spricht„Tut Buße!“, will er, daß das ganze Leben dieser Gläubigen auf Erden eine stete oder unaufhörliche Buße sein solle.“ So lautet die berühmte erste These Dr. Martin Luthers. Also jeder Tag, nicht irgendein besonderer im Jahr soll für den Christen ein Bußtag sein? Und dennoch feiern wir Buß= und Bet­tag? Ja, wer allerdings meint, es sei genug, wenn er am Bußtage einmal an seine Sünde denke, sein Unrecht vor Gott von ganzem Herzen bereue, auch wohl ernstliche Vor­sätze der Besserung fasse und dann doch wieder am näch­sten Tage in dem alten Leben untertauche, der hat jeden­falls nicht im Sinne der Väter gehandelt, die diese Ord­nung für unser Land schufen. Denn beim Bußtag handelt es sich— wenigstens in einem großen Teil von Mittel­und Norddeutschland— um einen Landesbuß= und bettag, und dabei sollen wir, wie es in einer alten württember­gischen Verordnung zum Bußtag heißt, auch die bestimm­ten Sünden in Land und Gemeinde namhaft machen. Das Bewußtsein, daß wir gemeinsam für alles verantwortlich sind, was im Volke geschieht, sollte am Bußtage geweckt werden. Wer das will, der lese für sich und sein Volk be­tend, wie Daniel für sein Volk gefleht hat.

Geklagt wird heute genug, gescholten auf die Behör­den, die Regierungen, die Parteien. Der eine schiebt dem andern die Schuld an den Nöten der Gegenwart zu. Wir haben uns nachgerade daran gewöhnt, aber wer denkt an seine Mitschuld? Wer sagt wie Daniel:„Ja, Herr, wir, unsere Könige, unsere Fürsten und unsere Väter müssen uns schämen, daß wir uns an dir versündigt ha­ben. Wir beteten auch nicht, Herr, unser Gott, damit wir uns von unseren Sünden bekehrten und Deine Wahrheit vernähmen!"

Wir bleiben bei dem„Wir", stellen uns als schuldig mit in diesen Kreis der Verantwortlichen hinein und fra­gen uns: Haben wir an dem Platz, den Gott uns zuge­wiesen, in dem Beruf, in dem wir stehen, bei den Aufga­ben, die uns im Haus, in der Gemeinde, im Staat zuge­teilt sind, getan, was wir vor Gott zu tun verpflichtet waren? Haben wir der Unwahrhaftigkeit widerstanden, der Gerechtigkeit geholfen, soviel wir konnten? Haben wir allen unseren Volksgenossen die

Freundlichkeit, das Entgegenkommen, die Hilfsbereit­schaft gezeigt, für sie willig die Opfer gebracht, die die Not des Tages von uns forderte? Ihr Familienväter, eure Familie ist ein Teil des Volkes, und zwar der Teil, der euch anvertraut ist. Ihr Lehrer, Euch ist ein Stück von dem kleinen Volke übergeben, was habt ihr für es ge­tan? Und wie war es bei denen, denen eine ganze Ge­meinde, eine Stadt, eine Menge von Arbeitnehmern, Hel­fern und Gesellen, Kranken und Gesunden anvertraut war? Haben alle diese Menschen in dieser schweren Zeit ermunternde, stärkende Worte gehört? Oder habt Ihr den Mißmut, der aus dem Unglauben unseres Herzens stammt, weitergegeben und damit wer weiß wieviel Un­heil gestiftet?. Wohin wir den Blick wenden, wir haben illen Grund, den Landesbußtag— jeder für sich und sein Volk— betend zu begehen. Wir haben alle das verge­bende Erbarmen unseres Herrn Christi, die aufhelfende Hand Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes bitter sölg damit durch diesen Bußtag wirklich ein Neues in uns und um uns geschaffen werde. Simon.

Gegensätzen Trotz dieser nach außen eine Mehr­

Die Tage eine Woche nach der

In dem Artikel„Die Bilanz des 6. Novembers“ ist im „Aufwärts“ schon zum Ausdruck gebracht worden, daß die Wahl uns statt einer Klärung wiederum einen ar­beitsunfähigen Reichstag gebracht habe. Dieser Auffas­sung hat die weitere Entwicklung in der verflossenen Woche recht gegeben. Der negative Wahlsieg der Reichs­regierung, bestehend in der unmöglich gewordenen

schwarz=braunen Mehrheitsbildung, hat die Lage nur noch verworrener gemacht. Die Todfeindschaft zwischen, um die langen Parteinamen zu vermeiden, Hitler und Hu­genberg einerseits und der Sozialdemokratie anderer­seits lassen in Verbindung mit den weltanschau­

lichen, wirtschaftlichen und sozialen

andere Koalitionen wohl schwerlich zu. angedeuteten Schwierigkeiten wurden,

kaum sichtbar, Fäden gesponnen, um heitsbildung zu ermöglichen. Gregor Strasser, wohl der bedeutendste, wenn nicht alleinige staatsmännische Kopf in der Hitlerpartei, zeigte sich geneigt, in ein„Kabi­nett der nationalen Konzentration“ ohne Herrn von Pa­pen als Reichskanzler einzutreten. Von anderer Seite, die enge Verbindung zu den Christlichen Gewerkschaften hat, wurde stark die Möglichkeit erwogen, mit den Na­tionalsozialisten und den kleinen Gruppen die Ausschal­tung Hugenbergs zu ermöglichen. Man nahm dabei an, daß, wenn Koalitions= und Arbeitsrecht gesichert würden, mit einer Tolerierung durch die Sozialdemokratie viel­leicht, um„Schlimmeres zu verhüten“, gerechnet werden könnte. Alle diese zarten Hoffnungen sind grausam durch Adolf Hitler zerstört worden, der am Freitag nicht nur für sich jede Teilnahme an einer Regierung mit anderer Führung und jede Verhandlung ablehnte, sondern auch seinen Unterführern in schärfster Form beides verbot. Da­durch ist die Lage dahin geklärt, daß jegliche Mehrheits­bildung nach menschlichem Ermessen unmöglich geworden ist bis auf ein taktisches Zusammengehen der Radikalen von rechts und links. Diese negative Klärung hat jedoch eine undurchsichtige Nebelschicht aufziehen lassen. Kein Mensch weiß heute, genau eine Woche nach der Wahl, ob und wie es ein Entrinnen aus dieser Sackgasse gibt. Zwar ist in verschärfter Form noch sichtbarer geworden, daß der Reichskanzler von Papen fast neun Zehntel der Reichs­tagsmitglieder als unversöhnliche Gegner gegen sich hat. Die Zentrumsparteien lehnen den„Renegaten“ Papen ab. Die Nationalsozialisten bekämpfen ihn und jeden an­deren Reichskanzler, der nicht Adolf Hitler heißt. Die Sozialdemokraten fordern Papens Entfernung, weil ih­nen Koalitions= und Arbeitsrecht und noch einiges ge­fährdet erscheint, während die Kommunisten ihre Un­gnade jeden fühlen lassen, der nicht auf den Sowjetstern geschworen hat. Bei dieser Lage gehört kein Propheten­talent dazu, vorauszusagen, daß der Reichskanzler bei seinen Verhandlungen, die er im Auftrage des Reichs­präsidenten mit den Parteihäuptlingen führt, ohne Er­folg bleiben wird, Papen hat abzutreten! Das ist die Forderung von den Kommunisten bis zum Deutschnatio­nalen Handlungsgehilfenverband.

Diese innerpolitischen Schwierigkeiten werden noch verschärft durch die gegensätzliche Einstellung der Länder­regierungen gegen die Pläne der Reichsregierung, die durch eine Reform der Reichsverfassung eine autoritäre Staatsführung sicherstellen will. Die Länder, insbeson­dere Bayern, fürchten um ihre Reservatrechte, wobei man nicht ganz den Gedanken unterdrücken kann, daß man Länderrechte sagt, nebenbei aber auch an parteipolitische Interessen denkt. Die leitenden Ministerpräsidenten sind ja nicht nur Staatsmänner, die über den Parteien stehen, sondern sie sind die Auserwählten ihrer Parteien. Alles das hat die Lage so besorgniserregend gestaltet, daß man nur mit Bangen an die nächste Zukunft denken kann.

Angesichts dieser Lage entsteht die Frage, ob, bei aller Wertschätzung der Persönlichkeit Papens, es ein glück­licher Gedanke des Reichspräsidenten war, in seiner vor­nehmen und edlen Denkart dem Reichskanzler die Ver­handlungen mit den Parteiführern zu übertragen. Wir haben Verständnis dafür, daß der Reichspräsident v. Hin­denburg keine große Neigung verspürt, nach den Erfah­rungen vom 13. August selbst mit Hitler zu verhandeln, besonders dann nicht, wenn Hauptmann Röhm sich in seiner Begleitung befindet. Aber wenn Papens Bemü­hungen scheitern, dann wird Hindenburg doch eingreifen müssen, da er sicher gewillt ist, alle Möglichkeiten zu er­schöpfen, ehe er seine schweren und einschneidenden Maß­nahmen trifft. Allerdings kann man dann die Frage auf­werfen, ob es noch einen Sinn hat, daß der Reichspräsi­dent selber eingreift, wenn von vornherein feststeht, daß

Hitler ablehnt. Kann man Hindenburg einen solchen Schritt zumuten? Es ist ein Elend mit dem Starrsinn der Parteien und dem Ehrgeiz einzelner Führer, die eher Deutschland zugrunde oder durch ein Meer von Blut und Tränen gehen lassen, wenn nur ihrer persönlichen Eitelkeit Rechnung getragen wird. Ob solchen Führern nie der Gedanke kommt, daß dasselbe Volk, das heute „Hosianna“ ruft, morgen„Kreuzige ihn“ schreien kann? Wenn die Parteien nicht zur Vernunft kommen, wenn ihre Führer nicht endlich sich zu dem Willen aufraffen, des Volkes Wohl, des Vaterlandes Bestes über ihren Par­teienklüngel zu stellen, dann stehen wir jetzt nahe dem Zeitpunkt, wo nur durch eine einzige Handlung, die anzu deuten schon eine schwere Verantwortung bedeutet, der allerletzte Rettungsversuch gemacht werden kann.

Damit kommen wir zu dem großen Rätselraten: Was wird Hindenburg tun, wenn alle Bemühungen, eine Lö­sung zu finden, scheitern? Gerüchte durchschwirren die Luft, bezw. füllen die Spalten der Sensationspresse. Ob der Reichstag schon vor seinem Zesammentritt aufgelöst wird? Ob die Verfassungsreform mit einer erheblichen Aenderung des Wahlrechts durch Notverordnung erlassen und damit ein kleiner Staatsstreich inszeniert wird? Diese und ähnliche Fragen werden immer wieder gestellt. Wir wollen an diesem Raten nicht teilnehmen, sondern daran erinnern, daß wir als Staatsoberhaupt einen Mann ha­ben, der sich weder durch Drohungen noch von sonst was beeinflussen läßt, sondern nur handelt, wie er es vor sei­nem Gewissen, vor Gott und dem deutschen Volke ver­antworten kann. Hindenburg wird seine Entscheidungen treffen, wenn die Parteien sich seiner Mitarbeit versagen. Nur möge die Opposition von heute dann nicht heulen, wenn ein eiserner Wille ihr den Weg vorschreibt, den sie, wenn auch widerwillig, wird gehen müssen." W. W.

Brief aus Baden.

Ueber kein noch immer unbekannt Ding wird ti#chdem soviel geredet und geschrieben wie über unser badisches Konkordat. Wie eine Bombe schlug ja die Nachricht ein, im Bodenseekloster zu Hegne sei unter Mitwirkung des einstigen Nuntius und Konkordatsfachmanns Pacelli zwischen ihm als dem Vertreter des päpstlichen Stuhles und dem badischen Staatspräsidenten der vorläufige Ab­schluß erfolgt und das Konkordat, wie man das heißt: paraphiert worden. Begreiflicherweise hätte das niemand erfahren sollen. Ein findiger Zeitungsschreiber erfuhr aber doch davon, und so kam die Geschichte in die Oeffent­lichkeit. Sehr richtig hatte der Landesführer der badischen Deutschnationalen, Geh. Oberkirchenrat D. Mayer, dieser Tage geschrieben, dem Manne gehöre eine öffentliche Anerkennung! Denn von der Stunde des Bekanntwer­dens an wandte sich das Blatt und wie welke Herbstblät­ter fallen die schönen Wunschträume vom Baum der Zen­trumshoffnung, vom Baum aber auch der katholischen Kirche selber. Herbe Klagen meinte darauf der badische Erzbischof anstimmen zu müssen, der in dem nunmehrigen Verlauf der Angelegenheit so etwas wie eine Treulosig­keit der staatlichen Seite und politischen Verhandlungs­führer erblickt. Als sei der doch gut in der Wolle ge­färbte derzeitige badische Staatspräsident daran schuld, mußten sich die Landtagssozialisten einem Parteibefehl beugen und wollten sie nun trotz ursprünglich gegenteili­ger Einstellung mit einemmal nichtsmehr von einem Kon­kordatsabschluß wissen! Und ebenso fiel auch der andere Motor aus: die freilich der Zahl nach weniger bedeutungs­volle Deutsche Volkspartei. Innerlich hatte sie sich ohne­hin schon immer freie Hand vorbehalten, und ihr Vertre­ter in der Regierung, Finanzminister Dr. Mattes, behan­delt die Konkordatsfrage überhaupt nicht nur politisch, sondern auch von seinem eigenen evangelischen Empfin­den her.(Nebenbei: eine sehr erfreuliche Tatsache, einen bewußt evangelischen Minister in der badischen Regierung zu wissen!) So hat sich also seit unserem letzten Brief das Blatt gewandelt, und dem Landtag, der mehr als einmal zu hören bekam, es könne bloß„Ja!“ oder„Nein!“ ge­sagt, aber nichts mehr im einzelnen geändert werden, wird aller Wahrscheinlichkeit nach vorerst überhaupt kein Entwurf mehr vorgelegt werden. Die katholische Kirche kann freilich warten und sie wird zu einer günstigeren Stunde wieder auf dem Posten sein!

Unter diesen Umständen brauchen wir uns auch nicht mehr den Kopf über den so geheim gehaltenen Inhalt zu zerbrechen. Hier wollen so viele immer wieder etwas Neues wissen. Und abermals ist es nicht mehr vonnöten, die Lage der Evangelischen Kirche mit dem Konkopdat in Zusammenhang zu bringen. Gewiß: bei einem Abschluß mit der katholischen Kirche hätte ganz

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