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Nr. 265.
Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Donnerstag, den 12. November 1931.
13. Jahrgang.
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Will in trüben Kummertagen Dir das müde Herz verzagen,
Steht dir Trost und Hilfe fern:
Flücht' in deine stille Kammer Und vertraue deinen Jammer Deinem Gott und deinem Herrn!
Laß die heißen Tränen fließen Und die Klagen sich ergießen In ein kindliches Gebet;
Vaterohr ist immer offen,
Wenn ein Kind, vom Schmerz getroffen,
Fromm und gläubig zu ihm fleht.
Julius Sturm.
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Die Bevölkerungszunahme
Japans.
Die wirtschaftliche Lage eines Volkes wird vor allem bestimmt durch das Verhältnis der Volkszahl zu dem für die Volkszahl vorhandenen volkseigenen Grund und Boden. Für uns Deutsche ist dieses Verhältnis von jeher ungünstig gewesen. Seit Jahrhunderten haben wir eine schmale Ernährungsbasis.
In früheren Zeiten, als unser Volk noch vom Pazifismus angekränkelt war, haben wir die Ostmarken mit Schwert und Pflug erobert und besiedelt. Später, als des Reiches Macht und Herrlichkeit brüchig wurde, haben wir den Weg des Menschenexports beschritten. Tausende und aber Tausende sind hinausgezogen und haben eine neue Heimat gegründet und erarbeitet. Das gesunde Blut ist den jungen Ueberseeländern sehr zustatten gekommen. Uns sind aber diese Glieder unseres Volkes verloren gegangen. Erst nach dem Kriege 1870/71 haben wir den Weg des Menschenexportes verlassen und den Weg des Warenexports beschritten. Tausende und aber Tausende von Fabriken wurden gegründet und ausgebaut. Deutschland wurde industrialisiert. Viele Volksgenossen, die hätten auswandern müssen, fanden in diesen Fabriken Arbeit und Brot. Der Versailler Vertrag hat die deutsche Industrie zerschlagen. Wertvolle Teile kamen an Polen und Frankreich. Die Tributzahlungen haben dem Rest den Todesstoß gegeben. Der Warenexport wird deshalb bald abebben. Nachdem der Erwerb von Grund und Boden nicht möglich ist, bleibt nur der Weg des Menschenexportes übrig. Der deutsch=französische Ausschuß scheint Mittel suchen zu wollen, um die Auswanderung zu erleichtern.
Nicht nur das unterlegene Deutschland befindet sich in einer schwierigen Lage, sondern auch der Siegerstaat Japan. In Japan wächst die Bevölkerung ständig. Vom Jahre 1920 bis 1925 ist die Bevölkerung um rd. 3770000, also um 6,7 Prozent, vom Jahre 1925 bis 1930 um rund 4714000, also um 7,9 Prozent gewachsen.„Wenn die Zunahme Japans weiter wie bisher anhalten wird,“ schreibt die„Times“.„dann wird die Welt, sofern die Bevölkerungsabnahme Europas andauert, im Jahre 1960 nur aus 3 großen Staaten bestehen: die Vereinigt. Staaten, Rußland und Japan.“(Weshalb die„Times“ China und Indien vergißt, ist nicht klar.)
Wenn auch die Bevölkerungszahl heute nicht mehr die gleiche Bedeutung wie in früherer Zeit hat,(das Volkstum ist durch das Gold entthront worden), so wird sich der Druck, den sie ausübt, doch spürbar machen.
Wie Deutschland, so hat auch Japan eine schmale Ernährungsbasis. Es kann wie unser Vaterland nur drei Wege beschreiten, um die Schwierigkeiten zu beheben: Erwerb von Grund und Boden, Waren= und Menschenexport.
Kein Friedensvertrag hemmt einen etwaigen japanischen Erwerb von Grund und Boden. Dennoch stehen einem solchen Erwerb ernste Schwierigkeiten im Wege. Amerika wacht nämlich eifersüchtig darüber, daß Japan nicht größer wird.
Die Besitzergreifung eines Teils der Mandschurei ist im letzten Grund zweifellos die Auswirkung der Bevölkerungszunahme. Die Bemühungen des Völkerbundes, Japan zu bewegen, das Land zu räumen, sind nicht zu letzt auf das Betreiben Amerikas und der Amerika gefälligen Staaten zurückzuführen. Wenn auch Japan zum Nachgeben gezwungen wird, so soll man ja nicht glauben, daß seine Bestrebungen, Land für seinen Bevölkerungsüberschuß zu erwerben, endgültig aufgegeben werden.
Den zweiten Weg— Warenexport— beschreitet Japan mit Erfolg. Mit Riesenschritten wächst seine Industrialisierung. Durch Subventionen werden schwache Industriezweige hochgezüchtet. Seit dem Kriege hat bei
spielsweise die Produktion von Baumwolltuchen, Kunstseide und Zement um 83 Prozent zugenommen. Auch die Eisenindustrie dehnt sich aus. Im nahen Orient hat sie schon z. T. die deutsche Industrie verdrängt. Wird aber der Ertrag aus dem Warenexport genügen, um den Mangel an volkseigenem Grund und Boden auszugleichen? Wird dieser Export auch nicht bald auf Zollmauern stoßen?
„Auf den ersten Blick“, schreibt die„Times",„scheint die Auswanderung das beste Mittel zu sein.“ Doch auch hier sind die Schwierigkeiten nicht gering. Der Japaner ist wie der Franzose im allgemeinen nicht auswanderungslustig. Wenn er sein Auskommen hat, so hat er kein Bedürfnis, seine Heimat zu verlassen. Außerdem haben Amerika und die Dominions Gesetze gegen die japanische Einwanderung erlassen. Europa und Afrika bieten den Japanern im allgemeinen keine großen Erwerbsmöglichkeiten.
Und so sehen wir, daß die Bevölkerungszunahme Japans ein Quell zukünftiger Schwierigkeiten sein wird. Die japanische Regierung glaubt diese Schwierigkeiten durch eine rasche Industrialisierung des Landes zu bannen. Verfällt sie dabei nicht dem gleichen Fehler, den wir vor dem Kriege begangen haben?
Wie kommt es aber, daß in Japan die Bevölkerung wächst, während in Europa(mit Ausnahme Italiens vielleicht) eine steigende Abnahme festzustellen ist?
Die Gründe sind nicht, wie irrtümlich angenommen wird, in den wirtschaftlichen Verhältnissen, sondern vor allem in den moralischen Begriffen zu suchen. In Japan hat die Bevölkerung die gleiche Moral wie vor dem Kriege. In Europa machen sich dagegen krasser Egoismus und der Wunsch, sich das Leben so angenehm zu gestalten wie möglich, geltend. Das Einkommen, das vor dem Kriege dazu genügte, 5 und 6 Kinder anständig zu erziehen, wird heute als ungenügend bezeichnet, um ein oder gar zwei Kinder groß zu ziehen. Dieser Zug ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ländern festzustellen, die bis jetzt nicht so sehr zu leiden gehabt haben. Die Genußsucht hat in Europa Wurzel gefaßt. Genußsüchtige Menschen sind aber schwache Menschen. Werden sie der fast unausbleiblichen gelben Welle dereinst widerstehen können? E. F. K.
Nationale Verantwortung.
Unter obiger Ueberschrift veröffentlicht Herr Amtsgerichtsrat Dr. Heppe, Gütersloh, in Nr. 260 des„Aufwärts“ einen Artikel, in dem er sich mit einem Artikel des Herrn Reichstagsabgeordneten D. Reinhard Mumm und mit meinen Ausführungen über:„Reichskanzler Brüning am Scheidewege“, beschäftigt. Wenn ich im Nachfolgenden zu der Erwiderung des Herrn Dr. Heppe, den ich als alten Bekannten auf diesem Wege verbindlichst grüße, Stellung nehme, dann bitte ich zunächst die Leser um Nachsicht, wenn die geplagte Aufwärtsredaktion uns die Möglichkeit gibt, bei aller Uebereinstimmung über das Endziel, Meinungsverschiedenheiten über die zu gehenden Wege zur Zielerreichung im„Aufwärts“ zu erörtern. Solche Aussprachen bringen uns vielleicht näher und können der Klärung dienen.
Vorweg will ich bemerken, daß mein Artikel Herrn Dr. Heppe wohl kaum berechtigen dürfte, das Wort des Alten Fritzen„Niedriger hängen“ anzuführen; ich habe in der deutschnationalen Presse manche Artikel gelesen, auf die dieser Ausspruch eher hätte Anwendung finden dürfen. Doch das nur nebenbei. Herr Dr. Heppe beschäftigt sich in seiner Antwort, soweit sie meine Ausführungen betrifft
1. mit meiner Stellung zu dem Gedanken der Unabdingbarkeit des Tarifrechts, mit der ich meiner Sache einen schlechten Dienst erwiesen habe;
2. mit den„Schlagworten“ sozialreaktionär, Schutztruppe der Bank= und Börsenfürsten und
3. mit meiner Auffassung, daß der Reichskanzler Dr. Brüning gegen die anstürmende nationale Opposition gestützt werden mußte.
Im übrigen betont Dr. Heppe, daß die Erfüllungspolitik Dr. Brünings als Ergebnis die totale Verelendungskrise unserer Wirtschaft und unseres Volkes gezeitigt habe und daß Herr Hugenberg sofort von der Unmöglichkeit der Brüningschen Pläne überzeugt gewesen sei.
Dazu in aller Sachlichkeit folgendes: Hätte Herr Dr. Heppe nicht einzelne Sätze, sondern die Gesamttendenz des Artikels in Verbindung mit anderen von mir im „Aufwärts“ veröffentlichten Abhandlungen auf sich wirken lassen, würde er vielleicht verschiedene Sätze in seinem Artikel anders formuliert haben. Ich habe im„Aufwärts" stets den Standpunkt vertreten, daß, wenn es
sich um die Errettung von Volk, Vaterland und Wirtschaft handelt, auch von den Arbeitnehmern die schwersten Opfer verlangt werden müssen. Gerade die wirtschaftsschwache Arbeitnehmerschicht hat das stärkste Interesse an dem schützenden Dach einer starken Nation und einem gesunden Wirtschaftsleben, das Brot und Arbeit verbürgt.## Nur fragt es sich, wenn wir vor dem Zusammenbruch stehen, welche Vorbeugungs= bezw. Verhinderungsmaß### nahmen erfolgversprechend sind und in ihrer Auswirkung den Grundsatz der Gerechtigkeit nicht vermissen lassen.
Als die„Gewerkschaftler“ Reichskanzler Brüning und Reichsarbeitsminister Stegerwald schon vor Jahresfrist zur Verbilligung der Produktionskosten eine Senkung der Gehälter und Löhne für notwendig hielten, habe ich, obwohl Gewerkschaftler, wie Dr. Heppe ganz richtig ver mutete, im„Aufwärts“ mich im Sinne der diesbezüglichen Maßnahmen ausgesprochen. Bei den Arbeitgebern fand dieser Regierungskurs ein freudiges Echo. Die Löhne wurden wiederholt beachtlich gesenkt, bei der fortschreitenden Krise die Entlassungen aber in steigendem Maße fortgesetzt. Die Arbeitnehmer haben sich, wenn auch mit einer kleinen Verstimmung, die, menschlich gedacht, zu verstehen ist, gefügt; die Beamten in Reich, Ländern und Kommunen haben die Gehaltskürzungen auch nicht widerspruchslos hingenommen. Im weiteren Verlauf dieser Entwicklung glaubten die Arbeitgeber, daß die Wirtschaft eine Befreiung von den durch die Schlichtungsverordnung gegebenen Einschränkungen notwendig habe. Sie ließen durch ihre Organisationen Anträge auf Aufhebung des Tarifrechts, Beseitigung des Schieds= und Schlichtungswesens ausarbeiten und dem Reichskanzler überreichen.
Die Reichsregierung erkannte die darin liegenden Gefahren für die Arbeitnehmer und bekannte sich nur zu der Auffassung, daß die anormale Wirtschaftslage wohl eine lockere Handhabung des bestehenden Rechts berechtigt erscheinen lasse, niemals aber eine völlige Beseitigung desselben. Aus der bisherigen Liebe zur Regierung Brüning wurde über Nacht kalte Abneigung und, wie die Harzburger Tagung zeigte, offene Gegnerschaft auch in den Kreisen der Industrie. Die Stellungnahme der Regierung wurde von Arbeitgeberseite mit Massenkündigungen der Tarifverträge, besonders in der Metall= und Textilindustrie, beantwortet, von denen annähernd 3 Mil lionen Arbeitnehmer betroffen werden. Das Ziel ist: weitere Lohn= und Gehaltssenkungen in Höhe von 10 bis 20 Proz. Um in der Lohnfrage freie Hand zu haben, soll Tarifrecht und Schlichtungswesen verschwinden, wodurch der Willkür Tür und Tor geöffnet worden wäre, was dem Teil der Arbeitgeberschaft, welcher sich seiner Pflichten gegenüber den Arbeitnehmern nicht bewußt ist, die Möglichkeit zu untragbaren Maßnahmen gegeben hätte.
Nun betrachte man doch einmal diese Fragen grundsätzlich und in ihrer Auswirkung für den Arbeitnehmer. Grundsätzlich ist zu sagen, daß die Arbeitnehmer als gleichwertiger Faktor im Produktionsprozeß wie in der Wirtschaft überhaupt, nicht nur gesetzlich, sondern auf Grund ihrer Arbeitsleistung, als den einen Teil der Produzierenden, ein Anrecht auf den sie schützenden Kollektivarbeitsvertrag haben. Wert und Bedeutung der Arbeit wird dadurch sichergestellt. Genau so verhält es sich mit dem Schieds= und Schlichtungswesen. Nun denke man an die Auswirkung dieses manchesterlichen Standpunktes vom freien Spiel der Kräfte, d. h. daß der Stärkere zum Nachteil des wirtschaftlich schwächeren Arbeitnehmers schalten und walten kann wie er will. Es sind Lohnund Gehaltssenkungen, wie schon hervorgehoben wurde, von 10 bis 20 Prozent geplant. Was weiter kommen wird und welche Senkungen bei einer ausgesprochenen Freiheit noch in Aussicht stehen, weiß man heute noch nicht. Aber das sollte man wissen, daß solche Lohnsenkungen bei dem an und für sich niedrigeren Einkommen eines Durchschnittsarbeiters oder Angestellten sich anders auswirken als gleichhohe oder prozentual höhere Abzüge bei der höheren Beamtenschaft oder den Angestellten, welche durch Einzelverträge sich in einer geschützteren Lage befinden. Hier bedingen Abzüge vielleicht gesellschaftliche oder ähnliche Einschränkungen, während die Masse der Arbeiter und kleinen Angestellten, wie auch die untere Beamtenschaft, nahe davor steht, den wirklichen Hunger von der Familie nicht mehr fernhalten zu können. Trotzdem habe ich, obwohl Gewerkschaftler, mich längst auf den Standpunkt gestellt, daß, wenn andere Mittel nicht mehr vorhanden sind und der Zusammenbruch nur durch weitere Lohnsenkungen vermieden werden kann, auch das noch hingenommen werden muß, aber nur dann, wenn dem anderen Teil der Wirtschaft dieselben Opfer zugemutet und von diesem gebracht werden. Daran vermag ich aber einstweilen noch nicht zu glauben. Darum bin ich gegen