Beungenret.=1 Christliches Tageblatt
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Nr. 259.
13.
Dein wahrer Freund ist nicht, wer Dir den Spiegel hält Der Schmeichelei, worin Dein Bild Dir selbst gefällt,— Dein wahrer Freund ist, wer Dich sehen läßt die Flecken Und sie Dir tilgen hilft, eh' Feinde sie entdecken.
Rückert
Umschau.
— 30 Milliarden Auslandsschuld.— Das Stillhalteproblem.— Vor einem zweiten Versailles?— Vernunft wider Unvernunft!— Tschechisch=österreichische Zoll
union?— Konservativer Wahlsieg in England.—
Der Bericht des Baseler Sachverständigen=Ausschusses (Layton=Bericht) bezifferte in seinem Anhang die kurzfristige Verschuldung Deutschlands auf acht Milliarden und die langfristige auf 9 Milliarden Goldmark. Beide Zahlen stützten sich auf amtliches deutsches Material. Daraufhin hielt es der ehemalige Reichsbankpräsident Dr. Schacht für seine Pflicht, in seiner bekannten Harzburger Rede vor aller Welt zu erklären, daß die deutsche Auslandsverschuldung wesentlich höher sei. Prompt setzte ein gewaltiger Sturm der Entrüstung gegen Schacht ein, der in der gesamten Presse seine Kreise zog. Man entsinnt sich noch lebhaft der ungemein scharfen Polemik, mit der auch der Reichsfinanzminister Dr. Dietrich gegen Schacht zu Felde zog. Nunmehr verbreitet der Handelsdienst des amtlichen Wolffschen Telegraphenbüros die Meldung, daß die kurzfristige Verschuldung Deutschlands nicht weniger als 12 Milliarden und die langfristige 11,5 Milliarden Goldmark betrage. Wozu also der geräuschvolle Lärm gegen Dr. Schacht, wenn man hinterher die Richtigkeit seiner Angaben doch amtlich bestätigen muß?
— Es stärkt das Vertrauen des Volkes zur gegenwärtigen Staatsführung keineswegs, wenn die amtlichen Angaben über unsere Auslandsverschuldung in kürzester Frist eine Korrektur zu unseren Ungunsten von 6,5 Milliaden Goldmark erfahren.
Aber das ändert nun leider alles nichts an der erschütternden Tatsache, daß eine Auslandsverschuldung von insgesamt 29 bis 30 Milliarden auf dem Rücken des deutschen Volkes lastet. Das ist das Facit einer Erfüllungspolitik, wie sie all die letzten zwölf Jahre hindurch hemmungsloser nicht betrieben werden konnte. Nicht nur verantwortungsbewußte Kreise des deutschen Volkes, sondern auch namhafte ausländische Wirtschaftskenner und Nationalökonomen haben immer wieder darauf hingewiesen, daß unsere Tributverpflichtungen letzten Endes nur durch eine entsprechend erhöhte deutsche Ausfuhr unter gleichzeitiger scharfer Einfuhrdrosselung abgegolten werden könnten. Beides wäre natürlich den Handelsinteressen des Auslandes schnurstracks zuwider gelaufen. Indem nun die deutschen Staatsmänner der Nachkriegszeit mehr Rücksicht auf diese Geschäftsinteressen der ausländischen Lieferanten als auf die Belange des deutschen Volkes nahmen und Milliarden um Milliarden pumpten, um den Tributdiktaten gerecht zu werden, hat sich jener Schuldenberg von 29 bis 30 Milliarden aufgetürmt, deren Verzinsung allein das deutsche Volk schon viel brutaler belastet als die Tribute selbst. Und wenn sich die gegenwärtige deutsche Reichsregierung rühmt, die erste Regierung zu sein, die ohne neue Auslandsschulden das Tributproblem zu lösen versucht habe, so ist demgegenüber festzustellen, daß eine Hereinnahme neuer Auslandsschulden einfach unmöglich war, weil allmählich auch der kurzsichtigste ausländische Geldbesitzer eingesehen hat, daß ein derartig mit Lasten bepacktes Volk unweigerlich dem Zusammenbruch entgegengeht. Lediglich aus diesem Grunde und der damit verbundenen Gefahr der Bolschewisierung Deutschlands ist das Hooverjahr Ereignis geworden, und nur aus diesem Grunde wird„still gehalten", d. h. haben sich die ausländischen Gläubiger bereit erklärt, ihre Guthaben in Deutschland bis zum Februar des kommenden Jahres stehen zu lassen. Was aber dann? Unabsehbar wären die Folgen, wenn nach Ablauf der Stillhaltefrist im Februar der größte Teil unserer 30 Milliardenschuld an das Ausland zurückgezahlt werden müßte. Wir würden nicht nur am Ende der unseligen Erfüllungspolitik, sondern zugleich am Grabe Deutschlands stehen! Und Moskau feierte einen seiner höchsten Triumphe! Man kann also die Sorgen unserer Reichsregierung sehr wohl verstehen, mit denen sie dem Februar entgegensieht. Und man wird sich der schweren Verantwortung bewußt, die auf den Beratungen des Stillhalteausschusses lastet. Aber auch der Stillhalteausschuß wird nichts anderes vermögen, als bestenfalls einen Abzahlungsplan auszuarbeiten, der die Zurückzahlung der Schulden auf eine Reihe von Jahren verteilt. Selbst die Lösung dieser Aufgabe bereitet die
denkbar größten Schwierigkeiten, da hierbei als einer der wichtigsten Faktoren die künftige Entwicklung der weltwirtschaftlichen Lage in Betracht zu ziehen ist. Ein reichlich unsicheres Beginnen!
Eins jedenfalls steht fest: daß wir im Februar den sich aus unserer Auslandsverschuldung ergebenden Verpflichtungen genau so wenig gerecht werden können wie den politischen Tributforderungen, die nach Ablauf des Hooverjahrs im kommenden Juli— rein theoretisch wenigstens— wieder wirksam werden. Bis dahin wird Deutschland noch manche Kämpfe, hauptsächlich mit Frankreich, auszustehen haben. Und es wird sich zeigen, ob die deutsche Regierung stark genug bleibt, um dem französischen Druck gegenüber das nackte Lebensinteresse des deutschen Volkes erfolgreich zu verteidigen— oder ob das hochdramatische Wettrennen zwischen dem zügellosen französischen Machtwillen und den letzten Resten deutschen Lebenswillens durch das tragische Versagen der deutschen Staatsführung zugunsten Frankreichs entschieden wird. Die Verlautbarungen aus Paris, wonach Frankreich einen etwaigen deutschen Schritt zwecks Einberufung einer neuen Tributkonferenz nur unter der Bedingung gutheißen und unterstützen würde, wenn Deutschland auf dieser Konferenz„tatsächliche Garantien“ für die Erhaltung des Versailler status quo geben und außerdem der französischen Abrüstungsthese zustimmen würde, zeigen deutlich genug, wohin die Reise Lavals auch nach seinem Besuch in Berlin und Washington geht. Auch Frankreich weiß, daß eine Wiederaufnahme der Tributzahlungen, wie sie das Youngdiktat vorsieht. nach Ablauf des Hooverjahres für Deutschland eine Unmöglichkeit ist. Gleichwohl widersetzt es sich mit aller Leidenschaft einer Verlängerung des Hoovermoratoriums. Es will eben in brutalster Weise die deutsche Tributkrise auf die Spitze treiben, um uns endgültig auf die Knie zu zwingen und seinen imperialistischen Wünschen genau so gefügig zu machen, wie ihm das mit Oesterreich geglückt ist. Deutschland aber braucht trotz allem nicht den Weg Oesterreichs zu gehen, wenn es sich seiner Schlüsselstellung mitten im Herzen Europas bewußt wird und endlich statt der hundertprozentig gescheiterten frankophilen Illusionspolitik eine nüchterne Realpolitik betreibt, die einzig und allein in der wachsenden Front der Vernunft wider die Unvernunft von Versailles zu suchen und zu finden ist. Auch die bereits in der letzten „Umschau“ zitierte Neapeler Rede Mussolinis ist ja nichts anderes als eine einzige Demonstration gegen die Friedensdiktate und gegen den unhaltbaren europäischen status quo, wie ihn fanatischer Haß und sadistische Verblendung in Versailles geschaffen haben. Es wäre zu wünschen, daß Grandis Reise nach Berlin fruchtbarer gewesen ist, als seinerzeit die Reise Brünings und Curtius' nach Rom und eine weitere Verbesserung der deutschitalienischen Beziehungen ergeben hat. Dieser Wunsch ist um so herzlicher, als Deutschland nach Lage der Dinge der diplomatischen Unterstützung durch Italien sowohl im Kampf gegen Versailles als auch gegen die französische Rüstungsthese sicher sein darf.
Wie gefährlich sich die imperialistischen Machenschaften Frankreichs auch in Mitteleuropa auszuwirken beginnen, beweist der zwar amtlich dementierte, aber von anderer Seite bestätigte französisch=tschechische Plan, nach dem kläglischen Scheitern des deutsch=österreichischen Zollplanes eine tschechisch=österreichische Zollunion ins Leben zu rufen, die nicht nur den wirtschaftlichen Untergang Oesterreichs, sondern auch eine weitere bedeutsame Etappe in dem französischen Eroberungszug gegen Mitteleuropa bedeuten würde. Hinzukommt, daß die Gerüchte über österreichische Verhandlungen in Paris hinsichtlich einer Verpachtung oder gar eines Verkaufes der österreichischen Bundesbahn an Frankreich nicht verstummen wollen. So beginnt das Briandsche Paneuropa immer greifbarere Gestalt anzunehmen und über die Schienenstränge urdeutschen Landes gegen das Herz Europas vorzustoßen. Es ist selbstverständlich, daß sich durch diese alles andere als friedliche Paneuropapolitik auch Italien in wachsendem Maße nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch bedroht fühlt. Aber auch England dürfte allmählich eingesehen haben, was die Stunde geschlagen hat. Der überwältigende Wahlsieg der englischen Konservativen ist ja eigentlich nichts anderes als die Frucht der Erkenntnis, daß sich das englische Staatsschiff in höchster Not befindet und daß es der Anspannung aller nationalen Kräfte bedarf, um der so jäh auch über England hereingebrochenen Krise Herr zu werden. Es ist nicht zu bestreiten, daß die konservativen Kreise Englands von jeher stark zu Frankreich hinüberneigten. Und es ist nicht verwunderlich, daß Frankreich nach dem Sieg der englischen Konservativen sich wieder starke Hoffnungen hinsichtlich einer Neuauflage der„entente cordiale“ macht.
Aber wir glauben dennoch, daß die Ereignisse der letzten Monate gerade auch die englischen Tories davon überzeugt haben, wo der große Schädling Europas sitzt und daß es auch dem britischen Weltreich zum Verhängnis gereichen würde, wenn man diesen Schädling weiter wie bisher seine wahnwitzigen Machtinteressen verfolgen ließe, ohne ihm— wenn auch„in aller Freundschaft“— in den Arm zu fallen. Aus diesem Grunde halten wir die französischen Hoffnungen auf einen bevorstehenden Kurswechsel der englischen Außen politik zumindest für verfrüht. Aber wie dem auch sei, Deutschland hat in jedem Falle— zumal nach den letzten Auslassungen des von Amerika zurückgekehrten Laval— alle Veranlassung, auf der Hut zu sein. Wir stehen dicht vor einem zweiten Versailles! H.
Diener des Staates!
„Der König ist der erste Diener des Staates“, sagte ein preußischer König einst von sich und ich glaube, daß in unserer Zeit der Beamte nichts mehr sei, als damals der König. Dieser Glaube müßte erschüttert werden, wenn man annehmen könnte, hinter den Ausführunger von Herrn Obersteuerinspektor Eggers in Nr. 248 d. Zeitung unter dem Titel„Um die Kaufkraft des Beamten“ stände mehr als nur ein Bruchteil der Beamtenschaft.
Der Beamte ist des Staates wegen da. Wenn man den vorgenannten Artikel liest, muß man glauben, es sei umgekehrt. Und das Schlimmste, jeder, der nicht der Beamtenschaft selbst angehört, gewinnt den Eindruck, daß hier eine lebensfremde und wirtschaftsfeindliche Kaste um ihr Wohlergehen, das möglichst durch keine Maßnahme eingeschränkt werden möchte, kämpft.
Es liegt mir fern, die Verdienste der Beamtenschaft um den Staat verkleinern, oder ihre Rechte schmälern zu wollen. Eins aber müssen wir Arbeiter, wir Angestellten und freien Berufe verlangen, daß die Beamten, wenn es uns allen schlecht geht, sich auch eine Einschränkung auferlegen lassen, ohne in Gedanken mit der„Waffe des Streikrechts“ zu spielen. Anscheinend gibt es Beamte, die die privaten Arbeitnehmer um diese zweischneidige Waffe beneiden. Recht gut ist es, wenn die Organisation gegen die Notverordnung nichts erreichte, denn eine Staatsbeamten=Organisation ist überflüssig, um nicht zu sagen gegen Treu und Glauben. Bietet der Staat Gehalt, Pension, soziale Zulagen, geregelte Aufstiegsmöglichkeiten, Schutz gegen Arbeitslosigkeit, so verlangt er dagegen nur„Pflichterfüllung“ bis ins Kleinste. Es liegt also ein für alle Teile feststehendes, geregeltes Vertragsverhältnis vor. Wozu Organisation? Wir wissen alle, daß von jedem Arbeiter und Angestellten Pflichterfüllung bis ins Kleinste zumeist in einem schärferen Arbeitstempo als bei der Behörde heute verlangt wird. Dagegen wird ihm bei Weitem nicht das geboten, wie dem Beamten.
Um kurz auf die Minderung der Kaufkraft durch Gehaltskürzung einzugehen, so muß ich sagen, daß der Reallohn nicht in demselben Maße gesunken ist, denn der Lebenshaltungsindex ist vom Juli 1930 bis Juli 1931 um ca. 10 Prozent herabgegangen.
Es geht nicht an, mit der Notlage der Beamtenbanken und der Beamtenwirtschaftsunternehmungen die Not der Beamten begründen zu wollen. Wenn, wie Herr Eggers schreibt, die Beamten schon in den letzten Jahren gezwungen waren, Kredite aufzunehmen, um„angemessen“ leben zu können, so bin ich der Ueberzeugung, daß es besser gewesen wäre, man hätte sein Lebenshaltungsniveau bei Zeiten herabgesetzt und nicht hartnäckig auf diesem„unangemessenen“ Stande beharrt. Durch Kredite kann man seinen Lebensstandard nicht finanzieren. Diese Erscheinung ist nicht vereinzelt in der Hauswirtschaft aufgetreten, nein, fast die gesamte Privat= und Staatswirtschaft leidet an demselben Krebsschaden. Das „Ueber die Verhältnisse", leben war in Deutschland Mode geworden und es konnte gar nicht anders sein, nur eine autoritative Stelle mußte mit dem Sparen anfangen. Und das ist das Wichtigste, nicht die Millionen, die durch die Beamtengehälter=Kürzung im Effekt erspart werden, sondern die psychologische Wirkung der Tatsache, daß der Staat spart, ist ausschlaggebend. Dienen und haushalten! — Dienen soll der Staat dem ganzen Volke und mit seinem Vermögen muß er haushalten in dieser ernsten Zeit.
An der Beamtenschaft ist es, diese notwendige begonnene Maßnahme erfolgreich durchführen zu helfen, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die dem Staat eine große Zukunkt verheißen und wahre Diener des Staates zu sein. W. K.
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