Weißt, wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt? Wo eins dem andern dient, weil eins das andre liebt.
Rückert.
Reichskanzler Brüning
am Scheidewege.
Die Kampftage im Reichstag sind vorüber. Das mit ungeheurer Spannung erwartete Resultat ist der Sieg Dr. Brünings. Die Volksvertreter, de an den vier Tagen fast vollzählig im Hause versammelt waren, sind mit ihren Führern, die mit mehr oder weniger Geschick die Entscheidung beeinflußten, in die Heimat zurückgekehrt, teils froh davüber, daß eine Krise vermieden wurde, teils mit dem Vorsatz, den Kampf draußen im Lande gegen das Kabinett Brüning fortzusetzen, bis es gefallen ist.
Nachdem uns nunmehr einige Tage von dem kurzen Gastspiel, das sich die Volksboten im Reichstag gaben, trennen, kommen die Stunden stillen Nachdenkens über die Geschehnisse, die unser Volk, aber auch das Ausland in wachsender Spannung hielten. Wenn in den nachfolgenden Zeilen zu den einzelnen Vorgängen Stellung genommen wird, dann sei vorweg bemerkt, daß es nicht Absicht des Artikelschreibers ist, bei Nennung dieser oder jener Partei den Stab darüber zu brechen, sondern das Gesagte hat den Zweck, die Dinge so zu kennzeichnen, wie man sie aus eigener Beobachtung sieht und daraus dann die Schlußfolgerungen zu ziehen, die uns vor dem Untergang bewahren könnten, wenn, wie der Reichskanzler am Freitag in seiner Rede sagte, doch wenigstens für einige Monate vier Fünftel des„Hohen Hauses" alle Parteiinteressen und=Gegensätze beiseitestellen möchten, um den Weg dafür frei zu machen, alle Kräfte gemeinsam einzusetzen, damit die Schwere des kommenden Winters überwunden wird. Aber wie weit sind wir, trotz dieser eindringlichen Mahnung, davon entfernt. Die Rechtsopposition verläßt, nachdem sie Brünings Sturz nicht erreicht hat, den Saal und erklärt, draußen im Lande den Kampf fortsetzen zu wollen. Sozialdemokraten, die soeben noch für das Kabinett Brüning stimmten, und Kommunisten haben infolgedessen es leicht, Anträge gegen Fürstenabfindung und Panzerkreuzerbau durchzudrücken, was auch nicht zur Glättung der Wogen beiträgt und außerdem der Regierung Brüning neue Schwierigkeiten bereitet. Statt Einigung Schaffung neuer Gegensätze! Das ist die Lage, wie sie seit der letzten Schlußabstimmung sich ergibt, während das Volk weiter hungert und immer mehr zusammenbricht.
Man möchte fragen, wie so etwas möglich ist bei einem Volke, das zwar seit jeher im Zeichen der Uneinigkeit steht, aber selbst in einer Zeit größter Not sich nicht zusammenfinden kann zu gemeinsamer Abwehr und gemeinsamem Wiederaufbau. Die Antwort kann nur lauten, daß in den letzten Wochen die Verfechtung materieller Interessen und wirtschaftlicher Machtfragen derart in den Vordergrund getreten sind, daß eine Verständigung fast unmöglich erscheint. Seit Jahr und Tag hat die Regierung sich der unpopulären Aufgabe unterzogen, zur Verbilligung der Produktionskosten sich für einen Lohnund Gehaltsabbau bei Arbeitern und Angestellten einzusetzen. Davon ist, wie wir kürzlich im„Aufwärts“ schon nachgewiesen haben, in weitgehendem Maße Gebrauch gemacht worden. Auch die Beamten in Reich, Staat und Kommune mußten wiederholt beachtliche Gehaltsabzüge über sich ergehen lassen. Die Kaufkraft der Arbeitnehmer vermindert sich, was den Warenabsatz merklich beeinträchtigte. Trotzdem forderten die großen Organisationen in Handel und Industrie in einer Eingabe an den eichskanzler nicht nur weiteren Lohnabbau, sondern auch abschaffung des Tarifrechts der Arbeitnehmer. Die Rechtsopposition machte sich auf ihrer Harzburger Tagung diese Forderungen zu eigen und ihre Wortführer im Reichstag griffen Dr. Brüning an, daß er nur von einer lockeren Handhabung des Tarifrechts gesprochen, nicht aber die Aufhebung desselben zugestanden habe. Natürlich hieß es sofort, den Sozialdemokraten zuliebe. Vergißt man denn in diesem Lager, daß es Millionen nicht sozialdemokratischer Arbeiter gibt, die ebenfalls durch ein Tarifrecht ihre wirtschaftlichen Belange schützen wollen? Es ist besonders von der nationalsozialistischen Arbeiterpartei nicht zu verstehen, daß sie führend in einer Front mitwirkt, die solche sozialrückschrittliche Forderungen erhebt. Auch der Führer der Deutschen Volkspartei, Herr Abgeordn. Dingeldey, blies kräftig in dasselbe Horn, so daß Otto Rippel, der Sprecher des Christlich=sozialen Vokksdienstes, recht hatte, wenn er sagte:„Die Rede des Abge
ordneten Dingeldey begann mit der Notwendigkeit der Senkung der Löhne und endete mit der Notwendigkeit der Senkung der Löhne"; und wenn er weiter sagte:„Ich habe weder bei Herrn Dingeldey noch bei Dr. Oberfohren eine klare Stellungnahme dazu gehört, in wieweit sie auf die Zwangsbewirtschaftung der Wirtschaft und der Produktion durch die Kartelle, Syndikate und Konzernpolitik der Groß= und Schwerindustrie ihren Einfluß ausüben wollen. Die wirtschaftlichen Fragen müssen durch eine lückenlose Arbeitsgemeinschaft in Ordnung gebracht werden. Wir machen eine Politik, die die Schwachen heranzieht und die Starken laufen läßt, nicht mit.“ Und was ist nun mit dem ganzen sozialreaktionären Vorstoß erreicht? Daß die Gewerkschaften aller Richtungen eine gemeinsame Abwehrfront gebildet haben und eine große Verschärfung der Gegensätze zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Folge ist. Es ist im„Aufwärts“ öfter zum Ausdruck gebracht worden, daß in der heutigen Zeit auch von dem Arbeitnehmer Opfer verlangt werden müssen. Das berechtigt uns nun aber auch zu sagen, daß es so nicht weiter gehen kann. Darum ist es erfreulich und sehr zu begrüßen, daß in Uebereinstimmung Reichspräsident und Reichskanzler einen Wirtschaftsbeirat schaffen, in dem auch die Arbeitnehmer vertreten sind, und der die Aufgabe haben wird, das schon längst erwartete Wirtschaftsprogramm zu schaffen und das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und=nehmer zu regeln. Wir können und dürfen uns den Luxus gegenseitiger Bekämpfung nicht mehr gestatten, sondern Verständigung muß die Parole sein. Diesem Gedanken gab auch der Kanzler Ausdruck mit den Worten:„Ich halte es für unmöglich, einen Weg zu gehen, der uns über diesen schweren Winter hinweghelfen soll, der von vornherein eine scharfe und geschlossene Front gegen die Arbeiterschaft bedeutet. Wer das will, wird binnen ganz kurzer Zeit versagen. Aber hinter diesem Versagen steckt diesmal etwas anderes.“ Darum vertritt Brüning die Linie des Ausgleichs und nicht der Unterdrückung nach der einen oder anderen Seite hin. Daß der Reichskanzler auch in dieser Frage die tatkräftige Unterstützung des Herrn Reichspräsidenten hat, ist bekannt und besonders zu würdigen.
Drei Tatsachen müssen noch kurz erörtert werden. Erstens ist es unverständlich, daß die Nationalsozialisten einer Front angehören, die nicht nur sozialreaktionär ist, sondern eine Schutztruppe der Bank= und Börsenfürsten darstellt. In der Agitation lernte man bisher eine andere Stellungnahme kennen. Warum zeigen die Nationalsozialisten, daß sie auch anders können? Oder ist alles nur Taktik, zu dem Zweck, eine Mehrheit gegen Brüning zu bekommen? Darüber tut Klarheit dringend not. Zweitens hat der Absprung der Landvolkpartei nicht nur den Reichskanzler enttäuscht, wie er am Freitag selber sagte, sondern jeden der weiß, daß wir seit dem Kriege keinen Kanzler hatten, der so warm für die Landwirtschaft eingetreten ist schon zu der Zeit, als er noch an sehr exponierter Stelle in der Arbeitnehmerbewegung, also in Kreisen der Konsumenten stand, die ihm, das kann hier bezeugt werden, seine landwirtschaftsfreundliche Stellung oft krumm genommen haben. Bei aller Wertschätzung dieses Berufsstandes muß den Landwirten doch gesagt werden, daß sie nicht allein in Deutschland Not leiden. Man sollte doch anerkennen, daß die christlich=nationalen Arbeitervertreter im Reichstag eine weitgehende Agrarpolitik mitgemacht haben, daß Brüning im Kabinett dem Reichsernährungsminister Dr. Schiele eine starke Stütze war und daß der deutsche Gewerkschaftsbund kürzlich auf seiner großen Ausschußtagung in einer Entschließung von der Regierung eine stärkere Förderung der landwirtschaftlichen Edelproduktion forderte. Die Unterstützung der Rechtsopposition von seiten der Landvolkpartei war ein schlechter Dank an Brüning.
Drittens: Unser verehrter Herr Reichspräsident hat bei den Ereignissen in den letzten vierzehn Tagen eine starke Initiative entfaltet. Die in der Verfassung verbrieften Rechte des Reichspräsidenten sind minimal. Er ernennt den Reichskanzler und die Reichsminister, er hat auch ein bescheidenes Vetorecht. Damit hört's so ziemlich auf. Daß Herr von Hindenburg einen Einfluß auf den Gang der Regierungsmaschine hat, wie ihn die Schöpfer der Weimarer Verfassung sich nicht haben träumen lassen; liegt an der ungewöhnlichen Persönlichkeit des gegenwärtigen Reichspräsidenten. Das ist unser Trost in diesen Tagen. Gott möge uns ihn noch lange erhalten.
Auch an Brüning wird die Zeitgeschichte nicht spurlos vorübergehen können. Brüning ist mit seinen Aufgaben gewachsen. Das hat uns besonders die letzte Woche gezeigt, die ihm im Reichstag einen starken, in dem Maße nicht erwarteten persönlichen und fachlichen Erfolg
brachte. Eine Reihe Parteiführer und Zeitungen zollten ihm unbegrenzte Hochachtung, wie es bisher keinem Reichskanzler der Neuzeit beschert war. Seine tiefe religiöse Einstellung wird selbst in demokratischen Blättern hervorgehoben. Aber der Reichskanzler steht am Scheidewege. Der Parteien Gunst ist wandelbar. Was heute Dingeldey für nötig befand, kann morgen auch die Wirtschaftspartei tun, oder umgekehrt. Die Sozialdemokraten lassen sich trotz hundert Bedenken viel von Brüning gefallen. Eines Tages kann das Maß aber voll sein, und die Sozialdemokratie geht den Weg der Seydewitze und Rosenfelds. Die Rechtsopposition ist unerbittlich, sie ruht nicht eher, bis Brüning gestürzt ist. Das ist keine rosige Lage. Und wenn der Kanzler auch eine große bahnbefreiende Arbeit geleistet hat, so ist ihm doch zu wünschen, daß sich bis zum Frühjahr Erfolge zeigen, die dem Volke erkennbar werden, und nicht nur Eingeweihten bekannt sind. Viel Vorbereitungsarbeit ist, wie schon gesagt, getan worden. Daß sie sich zum Wohl des Volkes auswirken möge, ist der Wunsch eines jeden verantwortungsbewußten Deutschen.— Aber auch das Volk, vertreten durch die Parteien, steht am Scheidewege. Wird Haß und Zwiespalt weiter so genährt, wie in letzter Zeit, dann sind wir verloren. Der Zerfleischungsprozeß hat seinen Höhepunkt erreicht. Lassen wir ab davon!
Kehren wir um, ehe es zu spät ist. Das sei auch besonders denen gesagt, die glauben, die nationale Gesinnung für sich in Erbpacht genommen zu haben. Ist es nicht manchmal so, daß die nationale Gesinnung vorgeschoben wird, um den materiellen Interessenkampf dahinter verbergen zu können? Weg damit!
Zeigen wir doch alle, daß verantwortungsbereit sein heißt, die Pflicht restlos zu erfüllen, die in der Stunde größter Not das Vaterland von uns fordert. Von Jedem! Nicht von einer Schicht, sondern von allen. Erfüllen wir diese Pflicht, dann kann uns noch Rettung zuteil werden. Wehe aber dem, von dem die Geschichte später zu schreiben weiß:„Gewogen und zu leicht befunden. W. W.
Blut oder Geist.
Der Versuch einer Erwiderung zum Artikel des Herrn Regierungsassessor Z. von Bernuth(Aufwärts Nr. 234)
von Pastor Herbert Plesch, Barzwitz, Pommern.
Es ist ja nicht nur so, wie Herr von Bernuth schreibt, daß die Kirchensprache von vielen nicht mehr verstanden wird, sondern daß heute die Sprache des einen Menschen dem andern unverständlich ist. Es ist also möglich, daß Herr von Bernuth zu dem, was ich ihm erwidere, mir antworten muß:„Sie haben mich ja gar nicht verstanden.“ Daher nenne ich diese meine Zeilen den„Versuch einer Erwiderung", zugleich appellierend an uns beide und an die geehrte Leserschaft:„Geduld, und noch einmal Geduld!" und richte diesen Appell auch als Bitte an die schon überaus geduldige Aufwärts=Schriftleitung. Denn nur Geduld mit einander kann uns dem Ziel näher bringen, daß wir uns verstehen. Und das muß unbedingt erreicht werden.
Aus den Zeilen des Herrn von Bernuth höre ich einen doppelten Ruf:
1.„Evangelische Kirche, die Seelen Unzähliger hungern nach Gott; zeige ihnen den Weg zu Gott, damit sie nicht verhungern!“
2.„Wir sind schicksalsmäßig in den Kampf um unser Volkstum, um unser Deutschtum, um ein neues Deutsches Reich hineingezwungen. Evangelische Kirche, dein Wirken hat überirdische Ziele. Verstoß uns nicht, weil wir in unserem politischen Kampfe uns ein irdisches Ziel gesteckt haben.“
Herr von Bernuth kritisiert unsere Predigtweise. In der Tat ist es eine Not, Pfingstpredigten derart zu hören: „Möge das Wunder der Ausgießung des Heiligen Geistes ständig sich erneuern, daß mit ihm eine neue Lebenskraft in uns wirksam werde usw.!". Man fragt:„Wie soll das nun bei mir Tatsache, wie soll dieses Wunder bei mir lebendig werden?“ Ein herrliches Ziel wird vor die Augen gestellt; aber der Weg zum Ziel wird nicht gezeigt. Woran liegt das? Ist dieses Ziel wirklich nicht gezeigt worden? Oder hatte der Pfarrer es zeigen wollen, und der Zuhörer hat es nicht verstanden? Hat der Zuhörer es nicht übers Herz gebracht, zum Prediger in die Wohnung zu gehen und ihn um diesen Weg noch einmal zu fragen? Oder hat er ihn gefragt und eine unbefriedigende Antwort erhalten? Liegt die Ursache des Unbefriedigtseine bei dem Pfarrer oder bei dem, der zu ihm kam, oder bei beiden? Diese Fragen bewegen mich beim Lesen der Zeilen des Herrn von Bernuth. Diese Zeilen legen uns Pfar
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