Ausgabe 
13 (30.8.1931) 202
Seite
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Nr. 202.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonntag, den 30. August 1931.

13. Jahrgang.

Jesus ist kommen, nun springen die Banden: Stricke des Todes, sie reißen entzwei!

Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden;

Er, der Sohn Gottes, er machet recht frei,

Bringet zu Ehren aus Sünden und Schanden: Jesus ist kommen, nun springen die Banden.

J. L. Conrad Allendorf.

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In der Gewalt Jesu.

Spricht zu ihnen Nikodemus, der bei der Nacht zu ihm kam, welcher einer unter ihnen war: Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhört, und erkennt, was er tut?

Joh. 7, 50. 51.

Eine Sitzung des Hohen Rates war in Jerusalem an­beraumt. Auf der Tagesordnung stand: Jesus von Naza­reth. Man ist sich in der Versammlung schlüssig: niemand von uns glaubt an ihn, aber um des einfältigen Volkes willen ist es Zeit, daß er gefangen genommen und besei­tigt wird. Einer nur ist anderer Ansicht: Nikodemus, er nimmt das Wort zu einer kurzen Rede:„Verfahrt nicht ungesetzlich, sondern verhört ihn erst!" Das war nicht nur Gerechtigkeitsgefühl, sondern mehr: Dieser eine stand unter der inneren Gewalt Jesu. Sind es in unseren Ta­gen viele, die auch so unter einem starken Einfluß Jesu stehen, daß sie, wo immer auf ihn die Rede kommt, für ihn eintreten?

Wir wissen, seit wann Nikodemus unter die Gewalt Jesu gekommen war: seit jenem nächtlichen Gespräche, das er, ein Pharisäer und tonangebender Mann, mit Jesus gehabt hatte. Was immer es gewesen sein mag, das ihn zum Herrn getrieben hatte, ein ernstes Nachdenken über die Worte Jesu oder die Ueberzeugung, daß von ihm wirklich Kräfte ausgehen, oder ein tiefes Unbefriedigtsein von dem, was er selbst bis dahin erstrebt hatte, er will sich mit dem unbestreitbar von Gott Gesandten ausein­ander setzen. Und Jesus nahm ihn ernst, wie er jeden ernst nimmt, der als aufrichtig Suchender kommt. Wir wissen, wie er ihn ausgenommen hat und was er ihm in jener Nacht gesagt hat, das Wort von einer gänzlichen Umwandlung, einem Neuwerden, das er aber von sich aus nie erreichen könne. Tief getroffen ist der Mann von Jesu Worten, sie haben einen Stachel in sein Herz ge­senkt, den er nie wieder los wurde. Er stand von da an unter der Gewalt Jesu.

Es ist etwas ganz Großes unter der Gewalt Jesu zu stehen. Mancher dünkt sich in seiner Seele gesund und stark, aber zu Zeiten kann er nicht leugnen, daß in sei­nem Innern etwas wohnt, was nicht Gesundheit und Glück ist, was ihn peinigt und zu dem Geständnis nö­tigt: Du hast recht, Jesus, wenn du dich als den Arzt der Kranken preisest. Die Menschheit hat edle Vertreter, die beweisen, was der sich selbst überlassene Menschengeist von sich aus in religiöser und sittlicher Beziehung leisten kann, aber wenn diese Menschen in ihrem tiefsten In­nern wirklich zu Hause und keine Fremdlinge sind, dann finden sie im entscheidenden Punkte so viel Hemmung und Versagen, daß sie dem größten Zeugen Jesu recht geben:„ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ und sie beginnen zu ahnen, daß Kräfte der wirklichen Erneuerung nur„von oben“, aus einer andern Welt kommen können. Solche Men­schen sind schon in der Gewalt Jesu.

Es ist wahr: wir haben von Nikodemus kein Wort des ausdrücklichen Glaubens. Er ist nicht gleich ein Jün­ger Jesu geworden. Aber am Karfreitag abend tritt er heraus aus Zurückhaltung und Verborgenheit und bie­tet für das Begräbnis des Herrn seine Hilfe an. War das nur Trauer um den Geschiedenen? Es war Dank an den, der ihn einst in seine Gewalt genommen hatte, wer aber dankt, der glaubt. Es war der Dank für die Errettung aus Gebundenheit und Zweifel, der Dank für die Gene­sung seiner Seele. Die größte Gewalt Jesu ist seine Liebe. Möchte sie uns immer mehr bezwingen!

Cremer.

Was

Während Deutschland sich krümmt und windet in der Lage, die durch die außergewöhnliche Finanzkrise herbei­geführt ist, fährt Frankreich fort mit seiner Politik der Einkreisung Deutschlands. Es ist hier von den verschie­densten Seiten darüber geschrieben worden, wie Frank­reich jetzt seine finanzielle Macht, die es sich durch eine geschickte Finanzpolitik erobert hat, dazu benutzt, um alle die Staaten, die durch die Versailler Grenzregulie­rungen und Mandatsübertragungen zu Deutschland in ein Verhältnis gekommen sind, das so ziemlich von aller Welt als revisionsbedürftig angesehen wird, durch irgend­welche Verträge an sich zu fesseln. Dazu dienen ihm die reichen finanziellen Mittel, die ihm durch die deutschen Tributzahlungen, die geschickte und tatkräftige Finanz­politik Poincarés und die für Frankreich günstige Gestal­tung des Kriegsschuldenproblems zugeflossen sind.

Bei der herrschenden Einstellung fast der ganzen Menschheit, die auf die Formel Rathenaus schwört, daß die Wirtschaft das Schicksal der Völker sei und damit die Wirtschaftsmacht oder deutlicher noch die Geldmacht als alleinigen Herrn und Gebieter der Menschheit anerkennt, ist die Gefahr sehr groß, daß solche Staaten durch die von Frankreich gegebenen Anleihen ganz in die Gewalt die­ses Landes kommen. Auch wenn dann die Zeit käme, wo Polen oder Oesterreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Spanien oder Rußland die Einsicht gewönne, daß eine andere Regelung ihres Verhältnisses zu Deutschland als die, die in Versailles oder St. Germain getroffen ist, in ihrem Interesse läge, will Frankreichs Geld dafür ge­sorgt haben, daß jedes selbständige Vorgehen dieser Staa­ten unmöglich sei. Daß es freilich auch anders kommen kann, als Frankreich denkt, haben Erfahrungen der Ver­gangenheit schon gezeigt. Es wird heute noch manchen französischen Bürger geben, der den Schrecken nicht ver­gessen hat, den ihm die Gewißheit brachte, daß die fran­zösischen Milliarden, die Frankreich vor dem Kriege nach Rußland gegeben hatte, um den Angriff auf Deutschland durch den Bau strategischer Eisenbahnen gründlich vorzu­bereiten, verloren seien. Wenn Frankreich jetzt, nachdem es sich die übrigen Staaten erst durch Anleihen, dann durch politische Verträge weitgehend verpflichtet hat, nun auch dazu übergeht, mit Rußland wieder ähnliche Ver­träge zu machen, wo es doch bisher noch immer die Hoff­nung hatte, die Sowjetregierung beseitigen zu können, um dann auch die Vorkriegsverluste noch wieder herein­zubringen, so scheint es jetzt mit neuen Verträgen mit der Sowjetregierung ein besseres Geschäft machen zu wollen.

Daß Frankreich seine ganze politische, militärische und finanzielle Macht aufbietet, um Deutschland in dem Ohnmachtszustand zu erhalten, in den es versetzt werden sollte und versetzt worden ist, daran kann niemand zwei­feln, der die Vorgänge der letzten Wochen aufmerksam beobachtet hat. Es zeigt sich hier ganz deutlich, daß Frankreich auch ein lebhaftes Interesse daran hat, ein gespanntes Verhältnis zwischen Deutschland und seinen Nachbarstaaten aufrecht zu erhalten. Mit all dem Gerede im Völkerbund von internationaler Verständigung, ge­rechtem Ausgleich und Selbstbestimmungsrecht der Völ­ker reimt sich das schlecht zusammen. Wer weiß, was heute noch dabei herauskäme, wenn man die Grenz­gebiete, einschließlich Elsaß=Lothringen, ganz frei und unbeeinflußt über ihr staatspolitisches Schicksal abstim­men ließe.

Die vielumstrittene Politik unseres Reichskanzlers Dr. Brüning soll als außenpolitisches Ziel haben, durch die konsequente Durchführung seiner Sanierungsmaß­nahmen, die ganz Deutschland in die tiefste Armut füh­ren und das ganze Staatsgefüge in die schwere Revolu­tionsgefahr bringen, der Welt und auch Frankreich zu be­weisen, daß die Versailler Bestimmungen und daß der Youngplan unmöglich sind und für Deutschland und die Welt Verhältnisse geschaffen haben, die sich allenthalben als ungesund erweisen. Wenn es aber wahr ist, wie aller­wärts behauptet wird, daß Frankreichs Finanzpolitik die hauptsächlichste Ursache der wirtschaftlichen und po­litischen Schwierigkeiten ist, in denen England jetzt drin­steckt, und wenn es wahr ist, daß Frankreich die Möglich­keit hat, auch Amerikas Wirtschaft und Politik in eine ähnliche Lage hineinzubringen, dann fürchten wir, wird Dr. Brüning noch sehr lange darauf warten können, bis ihm Frankreichs Einsicht und Entgegenkommen soviel Atemraum gewährt, daß er die Gefahren bannen kann, die auf innerpolitischem Gebiet immer drohender wer­den. Bis jetzt hat Frankreich noch gar nichts getan, das die Behauptung, es wolle die weitgehendste Schwächung Deutschlands, widerlegen Könnte. Das

ganze Verhalten auch der jetzigen französischen Regierung in den letzten Wochen muß die Auffas­sung bestätigen, daß Frankreich an dem Versailler Gesetz festhalten will, obgleich ihm die ganze Welt heute entge­genhält, daß hier die Hauptursache der jetzigen Weltnot liegt und daß dieser Vertrag unhaltbar sei.

In Stuttgart tagte in dieser Woche die Reichstags­fraktion des deutschen Zentrums. Daß diese Tagung in Süddeutschland stattfand, hatte auch vielleicht seine Gründe. Die Reichsreformpläne, welche in letzter Zeit wieder stark diskutiert werden, geben dem Zentrum sicher mit Anlaß, nach Süddeutschland Fühlung zu neh­men. Es ist sehr schade, daß auch in der Frage der zu­künftigen Gestaltung des deutschen Reiches mit Impon­derabilien gerechnet werden muß, die keinen anderen Staat so belasten wie den deutschen. Davon soll aber hier nicht weiter die Rede sein. Der Herr Reichskanzler hat nun in Stuttgart auch wieder eine Rede gehalten, in der er sich mit der politischen Lage Deutschlands beschäftigte und mit dem Verhalten des deutschen Volkes in dieser Lage. Er rühmte die ruhige Haltung des Volkes in den Tagen der großen Finanzkrisis und meinte, es gebe keine größere Erhöhung der Achtung vor Deutschland und des Prestiges, als daß das deutsche Volk in den Wo­chen, wo die Banken und Sparkassen vorübergehend auf Geheiß der Regierung ihre Zahlungen einstellen mußten, es nicht zu Ausschreitungen und Tumulten kommen ließ. und die kritischsten Ausländer hätten festgestellt, daß das deutsche Volk noch nie so ruhig gewesen sei, als in jenen Augenblicken höchster Not. Die Botschaft des Präsiden­ten Hoover, auch wenn sie ihre Auswirkungen noch nicht in voller Tragweite zeigen konnte, sei doch die erste Grundlage für eine dauernde Besserung. Damit aber allein sei es nicht geschafft, und viele internationale Be­sprechungen und Vereinbarungen müßten noch folgen, wenn die Völker der Welt diese ungeheuerste aller Wirt. schaftskrisen überstehen solle. Er betonte das ausdrück lich, um zu zeigen, wo die Grenzen unserer Möglichkeiten liegen. Aber gerade, weil wir uns dessen klar seien; daß wir trotz aller Opferfreudigkeit und Opferwilligkeit der gutgesinnten Mehrheit des deutschen Volkes nicht allein in der Lage sind, uns und allen zu helfen, müßten wir um so klarer sehen, daß es nötig sei, das deutsche Voll trotz aller Leiden, trotz aller furchtbaren Entbehrungen durchzubringen durch die nächsten Monate.

Es ist nun nicht das erstemal in der langen Leidens­zeit, die das deutsche Volk in zwei Jahrzehnten durchge­macht hat, daß ein Staatsminister nach internationalen Konferenzen und Besprechungen und nach Vorgängen wie den gegenwärtigen, in ähnlicher Weise wie jetzt der Reichskanzler vor die Oeffentlichkeit getreten ist und versucht hat, neue Hoffnungen zu wecken. Das ist dann auch gelungen. Das deutsche Volk stellte sich immer wie­der auf die neue Lage ein und versuchte mit allen mög­lichen Mitteln den ihm auferlegten Verpflichtungen ge recht zu werden, in der Hoffnung, entweder dieses Ziel, oder wenn das nicht, dann doch zu erreichen, daß die Einsicht der Gegner nun eine Regelung nach neuen internationalen Grundsätzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit brin­gen würde. Denken wir an die entsetzlichen Inflations­monate des Sommers 1923, dem die„Hilfsaktion“ des Dawesplans folgte, und an den Selbsthilfeversuch durch die Rentenmark, dann kommen wir auch jetzt wie­der in Versuchung, der Hoffnungsfreudigkeit des Reichs­kanzlers in bezug auf die internationale Hilfsbe­reitschaft das gleiche Schicksal zu prophezeien, das dem Silberstreifen des vergangenen Außenministers Dr. Stre­semann beschieden war. Wenn unsere innerpolitische Lage es verträgt, abzuwarten, welche Wirkungen der jet­zige Verzweiflungsakt der Sanierung der deutschen Fi­nanzen in außenpolitischer Hinsicht haben wird, ist er vielleicht besser, mit Maßnahmen der Selbsthilfe zu­rückzuhalten und zu sehen, ob nicht doch Wandlungen eintreten, die der Selbsthilfe eine sichere Grundlage geben.

Inzwischen sollte man wünschen, daß der Reichskanz­ler nichts unversucht lasse, im deutschen Volke eine Basis zu schaffen für Maßnahmen, die das Vater­land vor völligem Zusammenbruch bewahren. Das wäre die Einigung einer größeren Mehr­

heit des Volkes um ein Programm des

Aufbaues, das sich mit oder ohne die Genehmigung der internationalen Mächte durchführen ließe. Für Donners­tag nachmittag war eine Besprechung des Reichskanzlers mit dem Führer der Deutschnationalen Partei, Geheim­rat Hugenberg, vorgesehen. Ueber das Ergebnis dieser Besprechung ist in dem Augenblick, wo wir unsere Be­trachtungen abschließen müssen, nicht viel bekannt. In