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13 (30.5.1931) 123
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Nr. 123.

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13. Jahrgang.

Freigebig ist nicht, wer nur gibt, Wo ihm kein Mangel droht; Freigebig ist, wer Hunger hat, Und teilt mit dir sein Brot.

Rückert.

Munuin ggiiiin

Vatikan und Faschismus.

Vor 2 Jahren haben Vatikan und Faschismus Frie­den geschlossen im sogenannten Lateranvertrag. Damals und desgleichen bei der 1. und 2. Wiederkehr dieses Tages wurde das Ereignis von beiden Seiten hoch gefeiert. Und doch ist es ein eigen Ding um diesen Frieden. Gar man­cher hat sich seitdem gefragt, wer denn nun eigentlich bei diesem Friedensschluß der Sieger, wer der Besiegte war. Da man der Schlauheit beider Partner allerhand zu­trauen kann, muß die Frage wohl noch offen bleiben, und es wird der Geschichte überlassen bleiben müssen, später darüber ihr Urteil zu fällen. Jedenfalls ist's mit dem wirklichen Frieden nicht so ganz weit her, und da beide Seiten höchst empfindlich sind, gibt's der Reibungsflächen gar viele. So vor kurzem gelegentlich des 40. Jahres­tages der Enzyklika„Rerum novarum“, der katholi­scherseits besonders in Rom mit höchstem Pomp began­gen wurde. Bei dieser Gelegenheit hielt Papst Pius XI. eine bedeutsame Ansprache, die in faschistischen Kreisen arg verschnupft hat. Er appellierte zugunsten der Be­drückten an das soziale Gewissen und pries die vierzig­jährige Enzyklika als Grundlage alles sozialen Denkens, betonte dagegen andererseits die absolute Unvereinbar­keit von kirchlichem Katholizismus und politischem So­zialismus. Wenn der Faschismus auch gegen den 2. Teil nichts einzuwenden hat, so hat ihn der 1. Teil um so mehr gereizt.

Der Grund des Aergers ist, daß der Faschismus die Praxis sozialer Betätigung für sich in Anspruch nimmt und auf sein eigenes Ruhmeskonto zu buchen wünscht, während er der Kirche nur die blasse Theorie zubilligt. Daher denn das vielseitige, ziemlich polemische Echo in der italienischen Presse. Auch Arnaldo Mussolini, der Bruder des Duce, läßt sich vernehmen und widmet der Sache einen längeren Leitartikel, den er„Positionen“ überschreibt.

„Wir wissen wirklich, was die soziale Frage ist und welch schweres Problem damit die moderne Menschheit peinigt. Die Welt glauben zu machen,„Rerum novarum“ sei die„Magna Charta“ für alle wirtschaftlichen Verhält­nisse der Gegenwart, das bedeutet einen Irrtum in der Perspektive und eine ostentative Anmaßung, die, abge­sehen davon, daß sie die ganze Zwecksetzung faschistischen Gemeinschaftslebens verwischt, auch in Voraussetzungen und Folgerungen vorbeischießt. Man kann die Verdienste von Leos Enzyklika wohl anerkennen; man darf aber nicht behaupten, sie sei die Magna Charta für die Welt­wirtschaft. Die Enzyklika und die ganze Aktion der Kirche atmet ein patriarchalisches Christentum, das gut sein mag in seinen Absichten und in der Lehre, das aber gefährlich und nicht zu verwirklichen ist im praktischen Leben des einzelnen Tages und im wechselnden Wirt­schaftsleben jedes einzelnen Landes.“

Arnaldo Mussolini streift geschichtliche Tatsachen: Die Jahrzehnte nach der Enzyklika bis 1920 waren wahrhaf­tig kein schmeichelhafter Erfolg für sie. Wirtschaftliche und politische Kämpfe erfüllten das Land, das von Par­keikampf zersplittert war; ein willenskräftiges Bürger­lum war nicht da, eine Führerschicht kaum im Entstehen. Liberale und Reformsozialisten schienen das Monopol für den Aufstieg der Arbeitermassen gepachtet zu haben. Viel it über diesen„Aufstieg“ geredet und geschrieben, noch mehr aber spintisiert worden. In keinem Parteipro­gramm fehlte dieser„Aufstieg". Nur mußte der gute Wille immer haltmachen vor Möglichkeit bezw. Unmöglichkeit, an die schönen Ziele methodisch in die Tat umzusetzen. Wer objektiv urteile, sagt Arnaldo, müsse zugeben, daß erst der Faschismus es gewesen sei, der mit der Gesamt­heit seines Wollens, seiner Gesetze und Verordnungen die Arbeiterklasse in das nationale Leben eingereiht und sie behoben habe mit Erfüllung von Pflichten und Anerken­nung ihrer Rechte. Jetzt handele es sich nicht mehr um lebevolle patriarchalische Gedanken, sondern um aner­kannte Rechte. Die ganze Politik des Faschismus ziele darauf hin, den großen Massen ihren Wert zu geben und ihnen zum Aufstieg zu helfen. Insgesamt lasse sich die fa­schistische Kritik gegenüber der Enzyklika=Diskussion fol­gendermaßen zusammenfassen:

1. Die Enzyklika Leos aus dem Jahre 1891, d. h. ein dahr vor Gründung der sozialistischen Partei Italiens, Aite vor allem die Aufgabe, gegen die Ausbreitung miß­

verstandener sozialpolitischer Ideen zu wirken. Es han­delte sich mehr um eine Verteidigung des Alten, als um ein Schaffen neuer Grundsätze. Sie hatte das Verdienst, dem törichten Klassenhaß Harmonie und Gerechtigkeit entgegenzusetzen. Diese idealen Worte blieben ziemlich im Abstrakten. Immerhin hatten sie wertvolle geschicht­liche Bedeutung, wenn sie auch heute überholt sind von anderen Erfahrungen und neuen Problemen.

2. In der Folgezeit, sonderlich unter dem Pontifikat von Pius X. und Benedikt XV. fand Leos Enzyklika Ausleger, die sie entstellten. Italiens„soziale Demokra­tie“ und die Christlichsozialen jenseits der Grenze bilde­ten in der modernen Welt mehr ein Element der Dis­orientierung als der Orientierung. Die in der Nach­kriegszeit gegründete Partei der„Popolari“ wollte die Bewegung von„Christlicher Liebe“ aus meistern, ge­langte aber durch demagogische Ausschweifungen zum Klassenhaß. Also: Leos Enzyklika ist ideenmäßig sehr schön, aber in Praxis hat sie keine aufbauende Elemente zur Verfügung, um ihren christlichen Geist unversehrt zu erhalten.

3. Endlich— auch wenn es künstlich verschwiegen wird— erklang nach der Enzyklika ein ganz neues Wort, das die Verbrüderung der Klassen wahrhaft in die Tat umsetzte, durch regelnden Eingriff der Staates, durch Ordnung und Disziplin, die sich gründeten auf ein gut­römisches und christliches Prinzip nationaler und mensch­

licher Solidarität. Faschistische Gemeinschaft ist nicht ein einfacher theoretischer Ausdruck, sondern eine Wahrheit, deren Studium sich heute vielen anderen Nationen ge­radezu aufdrängt. Alte Ideologien sind damit verlassen; man muß an die Wahrheiten glauben, die in sich die Mög­Schkeit ihrer Verwirklichung tragen. Unsere Carta del Lavoro"(Arbeitsgesetz) enthält in Kürze manches, was viel handfester und konkreter ist, als alle Programm­punkte der buntfarbigen Demokratien, die Italien von 1900—1920 beherrscht haben.

Ein kleines Lob hat der Faschismus bei der Festes­feier bekommen. Der Präsident des katholischen Insti­tuts für soziale Arbeit hat gesagt, die Arbeit des Faschis­mus sei insosern lobenswert, als er sich eingesetzt habe für die Verwirklichung einiger Grundsätze, um die ka­tholischerseits schon immer gekämpft sei! Nein! Der Fa­schismus hat im Namen seiner Vollmacht, mit einer Kraft, die aus seiner geschichtlichen Notwendigkeit ent­sprang, diese Gerechtigkeit und diese soziale Harmonie geschaffen. Dergleichen läßt sich nicht schaffen nur mit dem vollendeten Latein einer Enzyklika, sondern ver­langt die Wirklichkeitsgrundlage eines mächtigen Staa­tes, einer mit modernem Geist erneuerten Wirtschaft einer weisen, wahrhaft römischen Gesetzgebung.

So sieht der„Friede" des Lateranvertrages aus!

br.

Im Kampf für Volkstum und Glauben.

Wir sind heute in Gefahr, über der immer drückender werdenden Not im eigenen Lande zu vergessen, was un­sere Brüder jenseits der Grenzen, vor allem in den durch den Versailler Vertrag abgetrennten Gebieten zu leiden haben. Und doch, wenn wir sie vergessen, unsere Brüder, die um ihre höchsten und heiligsten Güter, um ihre Hei­mat, ihr Volkstum und ihren Glauben, ringen, dann ent­schwindet ihnen jeder Rückhalt. Darum ist's notwendig, daß immer wieder darauf hingewiesen wird, was sie ge­litten haben und noch leiden, aber auch darauf, wie sie alles einsetzen und ganze Treue bewähren. Das kann uns im Vaterlande ein Anreiz zu gleicher Treue sein. Und der Treue winkt die Hoffnung endlichen Sieges. Diesen Dienst möchte uns die kleine, im Eckart=Verlag erschienene Schrift„Brennende Wunden" tun. Es sind„Tatsachenberichte über die Notlage der evangeli­schen Deutschen in Polen“, herausgegeben von Gottfried Martin, mit einem Geleitwort von D. Dr. Dibelius. Nur Tatsachen sollen berichtet werden, oft mit der durch die Lage der Dinge notwendigen Zurückhaltung ohne An­gabe aller äußeren Daten. Dennoch: Tatsachen, die ohne Kommentar wirken.

Der Wanderstrom der Deutschen galt lange Zeit dem Osten. So kommt es, daß im jetzigen Polen bis vor einem halben Menschenalter noch 2 Millionen Deutsche wohn­ten. Besonders stark war die deutsche Bevölkerung na­turgemäß in den Gebieten, die bis 1918 fast ein Jahr­hundert zu Deutschland gehörten: Posen, Westpreußen und Oberschlesien. Heute ist die deutsche Minderheit in Polen dank der polnischen Gewaltpolitik um fast eine Million zurückgegangen.

Denn die polnische Intoleranz gegen jedes fremde Volkstum ist sehr alt. Wohl nimmt Polen den Ruhm der Duldsamkeit in besonderem Maße für sich in An­spruch, wohl hat es auch Zeiten gegeben, wo es in groß­zügiger Weise den Fremden Heimatrecht bei sich gewährt. Aber das geschah immer nur periodenweise und dann stets im Interesse einer geschickten Politik. So ist Polen durch eine kluge Siedlungs= und Kolonisationspolitik durch die Ausländer, vor allem durch die deutschen Einwanderer wirtschaftlich und kutlurell auf die Höhe gekommen. Der Dank dafür waren dann immer neue Versuche, die frem­den Nationen zu unterdrücken und sie zur Aufgabe ihrer

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Dabei muß noch erwaynt werden, waß sen vem 16. Jahrhundert zum nationalen ein religiöser Gegensatz trat. Die Reformation fand frühzeitig auch in Polen Ein­gang, aber im wesentlichen nur bei der deutschen Bevöl­kerung. Der polnische Adel und die polnische Landbevöl­kerung, die sich eine Weile der Lehre Calvins zuwandten, fielen bald in großen Scharen zur katholischen Kirche wieder ab. Damit war die Kluft zwischen polnischer und deutscher Einwohnerschaft wesentlich vertieft. Denn was es bedeutet, unter einem fremden Volke zu leben, von dem einen nicht nur Sprache und Volkstum, sondern auch

Glaube und Bekenntnis trennt, das ahnen wir alle wohl kaum im entferntesten.

Alles aber, was unsere deutsch=evangelischen Glau­bens= und Volksgenossen in Polen im Laufe des Jahr­hunderts gelitten und ertragen haben, steht in kaum einem Vergleich zu dem, was sie nunmehr seit 12 Jahren erdulden. Das neue, durch den Versailler Vertrag wieder erstandene Polen betreibt bewußt und systematisch eine Entdeutschungspolitik in den ihm wieder zugefallenen Gebieten, die in der Geschichte wohl ihresgleichen sucht. Wir nannten bereits die Zahl von einer Million, um die im Laufe dieser Jahre die deutsche Minderheit in Polen bereits zurückgegangen ist. Polen ersinnt immer neue Mittel, um dieses Ziel der Unterdrückung und Verdrän­gung des ihm lästigen, ja, verhaßten Deutschland zu er­reichen.

Viele Wege führen nach Rom. Das weiß Polen und handelt danach und erreicht damit langsam, aber sicher sein Ziel: die fortschreitende Entdeutschung der von ihm besetzten Gebiete. Einer von diesen verschiedenen Wegen ist das sogen. Annullationsverfahren. Das polnische Annullationsgesetz vom 14. Juli 1920 erklärt allen deutschen Besitz, soweit er nicht schon vor dem 11. November 1918 auf den Namen des deutschen Besitzers eingetragen war, für enteignet. Das Gesetz hatte zur Folge, daß 3964 deutsche Familien ihres Besitzes verlu­stig gingen und ohne jede Entschädigung ihre Heimat ver­lassen mußten.

Ein zweiter, noch schwererer Schlag gegen die deutsche Bevölkerung nannte sich Liquidation. In den von Polen abgetrennten Gebieten Posen und Westpreußen verloren alle, die an ihrer deutschen Staatsangehörigkeit festhielten, ihren Besitz. Im ganzen verloren die Deut­schen über 20000 Hektar Grundbesitz. Wohl sollten die Besitzer wertgemäß entschädigt werden, aber der Wert wurde von den Polen abgeschätzt, selbstverständlich nicht allzu hoch. Wenn zudem noch Lasten auf dem Besitz ruh­ten, wurden diese von der Entschädigungssumme abgezo­gen. So ist es nicht selten vorgekommen, daß der Eigen­tümer für den Verlust seines Besitzes zuzahlen mußte.

Polen weiß noch andere Mittel, um zum Ziel zu kom­men. Alle Domänenpächter hatten ihre Pachtungen zu ver­lassen, da Polen wohl den Besitz und die Rechte des preu­ßischen Staates übernahm, nicht aber seine Pflichten und Lasten.

Die Enteignung deutschen Besitzes dauert heute noch fort. Bei jedem Besitzwechsel behält sich der polnische Staat das Ver= und Wiederkaufsrecht vor. Die Entschä­digung ist sehr minimal. Von der Enteignung werden nicht nur Einzelpersonen sondern auch Genossenschaften und andere gemeinnützige Unternehmungen betroffen.

Nicht nur durch Enteignung deutschen Bodens, auch in jeder anderen Weise sucht Polen das Deutschtum zu ver­drängen. Deutsche Beamte werden fristlos und ohne Entschädigung entlassen, deutsche Arbeiter werden brot­los, um den Polen Platz zu machen. Ja, Polen versteht