Ausgabe 
13 (29.4.1931) 98
Seite
288
 
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Nr. 98.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bieleseld), Mittwoch, den 29. April 1931.

13. Jahrgang.

Das sei dir unverloren: Fest, tapfer alle Zeit Verdien' dir deine Sporen Im Dienst der Menschlichkeit!

Rundum der Kampf aufs Messer—

Lern du zu jeder Frist,

Daß Wunden heilen besser Als Wunden schlagen ist.

Ferd. Freiligrath.

iiisisiiiiia

Pan=Europa.

Ein Für und Wider.

Paneuropa— der Traum der Menschheitsbeglücker, die dem Ziele nachjagen, die Erde so umzugestalten, daß sie zum Paradies wird. Paneuropa— die Idee der Him­melsstürmer, die mit einem Paneuropa den Grundstein zu einem„Turmbau zu Babel“ legen möchten, um den sich alle Völker und Nationen sammeln, die Schöpfungsge­danken und metaphysische Gesetze ablehnen und vernei­nen und die Menschheit durch sich selber erlösen wollen. Paneuropa— das Ziel kühler und nüchterner Zweck­mäßigkeitsmenschen, die durch einfache Addition der Pro­duktions= und Konsumtionsziffern das Problem der euro­päischen Wirtschaftsnot glauben beseitigen zu können und das Wesentliche dabei übersehen, daß die unwägbaren und börsenmäßig nicht kurswertigen Kräfte des Volks­tums letzten Endes die Geschichte gestalten.

Um Briand und Stresemann gruppieren sich jene Idealisten wie jene Materialisten und der Paneuropa­Gedanke war es, der die deutsche Sozialdemokratie zur Gefolgschaftstreue gegenüber der Außenpolitik des Volksparteilers zwang.

Ich will im nachstehenden einen bescheidenen Versuch machen, das„Für" und das„Wider" abzuwägen. Ein Thema, über das von gescheiten, studierten Männern so viel geredet und geschrieben wurde, kann naturgemäß nicht in einem Zeitungsartikel erschöpft werden.

Wir müssen uns zunächst einmal die Entwicklung der Dinge klar machen, bevor wir an das eigentliche Thema herangehen: Beginnen wir mit Amerika, denn im ameri­kanischen Dollarimperialismus liegt die Schlüsselstellung. Die Vereinigten Staaten, in der überaus glücklichen Lage, über geschlossene Wirtschaftsräume zu verfügen, haben in Jahren des Friedens ihre kontinentale Macht­bildung vollendet. Sie wurden in einer sehr kurzen Zeit­spanne mit Hilfe einer hochentwickelten Technik zum Beherrscher ihres Raumes. Und, während sie noch jähr­lich viele tausend Einwanderer aufnehmen, deren Bedürf­nisse zu befriedigen an sich schon eine Aufgabe ist, greifen sie über die politischen Grenzen ihres Raumes hinaus. Britisch=Nordamerika, die mittelamerikanischen Staaten mit Mexiko und Südamerika sind Ziele der Expansion. Kapital wird dort importiert, investiert, es schafft Neu­anlagen, Produktions=, Handels= und Zinsgewinne flie­ßen in das Ursprungsland zurück, um von neuem An­lage zu suchen. Nicht immer ist die Durchdringung fried­lich. Man erinnere sich an das Vorgehen in Haiti, an die Intriguen in Habanna und Nicaragua.

Zwei Friedensjahre mit ins Ungemessene gesteigerten Heereslieferungen, während die übrige Welt auf den Kriegsschauplätzen Europas sich zerfleischte, zwei Kriegs­jahre, in denen Amerika weit vom Schuß saß und die ihm erlaubten, seine Expansionspolitik mit Hilfe des Dollarstromes nach den Ententeländern fortzusetzen, sicherten Amerika den stärksten Einfluß auf Europa, den der sogenannte Friedensvertrag abrundete.

Einige Zahlen dieses Dollarimperialismus: Es schulden: Europa an USA. 15 Milliarden Mark; Asien 4,2 Milliar­den; Kanada 12,5 Milliarden; Zentralamerika 6,7 Mil­llarden; Südamerika 11,5 Milliarden; Australien ½ Milliarde. Die Kriegskredite an die Entente sind nicht mit eingerechnet. Mit amerikanischem Gelde wird die zerstörte Wirtschaft wieder aufgebaut, während die Wäh­kung gefestigt ist.(Die Dawesanleihe schuf in Deutsch­land eine an den Dollar gekettete Währung). Und es war noch immer so, daß der Schuldner in jeder Beziehung ab­hängig ist vom Gläubiger.

Es hat in Deutschland Zeiten gegeben, da es als der Veisheit höchster Schluß galt, zu bedauern, daß nicht Leutschland Anleihen von Amerika aufgenommen habe, dann wäre der Krieg bestimmt anders ausgegangen. Aus volitischer Knechtschaft gibt es einen Ausweg. Und es ist ehrenhaft, die Freiheit aus solcher anzustreben. Aus kom­merziellen Verpflichtungen löst nur die Tilgung der Schuld mit Zins und Zinseszins bis zum letzten roten Deller und eine gewaltsame Lösung aus solchen Verpflich­engen ist mit dem Makel der Unehrlichkeit behaftet, ob­

wohl es eine bestimmte Lagerung des Falles geben kann, in der man sich zur Rettung eines Volkes aus langer Versklavung und Frohnarbeit nur durch Aufladung dieses Makels befreien kann und befreien muß.­

Amerika als in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet ist unabhängig von der Rohstoffzufuhr. Seinen Bedarf an Agrargütern befriedigt es aus Eigenem. Es ist in der glücklichen Lage, gegen alle anderen Staaten eine Schutz­zollpolitik durchführen zu können, die dem Schutze seiner eigenen Industrie entspricht, ohne genötigt zu sein, um je­den Preis Konzessionen zu machen. Auf den Kalkula­tionsfehler des Dollarimperialismus, dessen Folge 8 Mil­lionen Arbeitsloser in den USA. sind, kommen wir noch zurück. Es ist die Frage der Konsumkraft der Schuldner­staaten. Die Stoßrichtung der amerikanischen Expansion ist zunächst naturgemäß Europa, da in dessen Gebieten die Höchstsumme invenstiert ist. Das Bestreben des Dol­larimperialismus, Europa in amerikanische Wirtschafts­provinzen umzuwandeln, zeigt sich in Deutschland, dessen Zusammenbruch und politische Fesselung den am besten geeigneten Boden bot.

Erinnern wir uns doch des zielbewußten Vorgehens Amerikas. Anleihen, die dem Reiche und Ländern wie auch Kommunen gegeben wurden, sicherten den nötigen Einfluß und die Abhängigkeit des ganzen Staatsgefüges vom Dollarimperialismus. Es mag doch niemand mehr bestreiten, daß selbst die angeblich kapitalistenfeindliche deutsche Sozialdemokratie noch in der Lage wäre, gegen diesen Einfluß zu regieren. Das wäre nur möglich Seite an Seite mit Rußland oder Seite an Seite mit den Na­tionalisten. Merkwürdig genug, daß die deutsche Sozial­demokratie erbitterte Feindin beider Richtungen ist. Sie dokumentiert damit eindeutig, daß sie auf Befreiung der deutschen Arbeiterklasse wie auf Befreiung des deutschen Volkes aus den Klauen des Dollarimperialismus ver­zichtet hat und sich daran genügen läßt, Machtpositionen zu halten. Gegen das Interesse der von ihr vertretenen Arbeiterschaft. Da, wo Monopolwerke in Deutschland be­standen, deren Produkte durch amerikanische Konkur­renz nicht vom Markte zu vertreiben waren, verschaffte sich Amerika die Aktienmehrheit oder wenigstens einen starken Einfluß. Da, wo es zweckmäßig im Interesse amerikanischer Produktions= und Handelsinteressen war, wurde die Erwerbung der Besitzrechte dazu benutzt, um Werke stillzulegen. Die Arbeitslosen, die Opfer dieses

Imperialismus, ernährte ja nicht Amerika, sondern——

Deutschland selbst. Da, wo es möglich war, in Deutsch­land bessere Produktionsbedingungen auszunutzen— sei es durch Lohndruck, sei es auf andere Weise— wurden die deutschen Unternehmungen gepflegt.

Die Gefahren, die sich hier für die deutsche Arbeiter­schaft ergeben, wären des Kampfes der deutschen Ge­werkschaften wert gewesen. Die deutschen Gewerkschaf­ten haben hier vollkommen versagt. Ihre Stoßrichtung ging. nach alten, aber darum nicht immer bewährten Grundsätzen gegen die bedenständige deutsche Industrie, gegen den„Kapitalismus im eigenen Lande“, gegen den „Feind rechts“, der etwas von diesen Gefahren instinkt­mäßig erfaßt hatte.

Es wäre an der Zeit, daß die sozialistischen Minister, anstatt immer noch die alte Walze vom„fluchbeladenen System“(heute, nach 10 Jahren) zu drehen, endlich ein­mal die Massen zu einer anderen, den zwischenzeitlichen Ereignissen angepaßten Frontstellung nötigten. Die Welt ist nämlich am 8. November 1918 nicht stehen geblieben. Und die Erfüllung der Republik mit sozialem Inhalt als Aufgabe der Sozialdemokratie findet ihre Grenzen am— in dieser oder jener Form verherrlichten— Dollarkapi­talismus.

Auslandsanleihen sind ein notwendiges Uebel, nicht aber ein erstrebenswertes Ziel. Wer das Ausbleiben des Dollarstromes nach den Wahlen vom 14. September als Unglück ansieht, verherrlicht den Dollarimperialismus. Und das sollte am wenigsten von einer SPD erwartet werden dürfen, deren Programm auf seine Bekämpfung eingestellt ist. Die Gefahr des Dollarimperialismus ist in Europa erkannt. Deutschland allein macht eine Aus­nahme. Das bewegliche und bei allem„Esprit“ doch kalt­blütig seinen Vorteil errechnende Frankreich sieht seinen Weizen blühn. Europa seufzt unter dem Dollarkapitalis­mus. Frankreich hat die kleineren Nationen Europas, insbesondere die, denen es mit dem Friedensvertrag von Versailles zur nationalen Selbständigkeit verhalf, am Gängelband. Nichts liegt seiner Wesensgesetzlichkeit nä­her, als die Ausübung der Hegemonie in Europa. Die Vereinigten Staaten von Europa unter Führung Frank­reichs. Als Gegenpol gegen die Vereinigten Staaten von Amerika. Welch ein großes und einen Franzosen be­reicherndes Ziel. Nach Paris fließt der Goldstrom deut­

scher Tributzahlungen. Es staut sich in den Kellern der Banken, sucht Anlage. Und findet sie zunächst bei der Rüstungsindustrie des eigenen Landes und der Vasallen­staaten. Deutschland, das auch nach 1918 in der Außen­politik den englischen Händlergeist vermissen läßt, braucht man— das weiß Frankreich— nur bei seinen Idealen zu packen, um es der Idee eines Paneuropa dienstbar zu machen. In Paris weiß man die Saiten zu stimmen. Man kennt dort die Psyche des Michels. An­dere Staaten würden sich schon die Annäherung an einen paneuropäischen Gedanken abkaufen lassen. Deutschland, das Land des Idealismus, trotz weit fortgeschrittener Amerikanisierung, zahlt noch ein Draufgeld in Form von Verzichten, damit es mittun darf. Obwohl Deutschland die Schlüsselstellung zu einem Paneuropa hat. Obwohl ein Paneuropa ohne Deutschland unmöglich wäre. Denn Deutschlands Mittellage, die es zur Brücke zwischen Ost und West bestimmt, ist Schlüsselstellung.

Von 144 Millionen Einwohnern Mitteleuropas hat Deutschland mit Oesterreich etwa die Hälfte. Seine wirt­schaftliche Vormachtstellung gegenüber den übrigen mit­teleuropäischen Staaten gibt ihm das Recht, der Mittel­punkt eines Paneuropas zu sein. Und dieses Recht der „Erstgeburt“ verkauft es um ein Linsengericht. Um eine schönen Traumes vom„Völkerfrieden“ willen, dessen Kosten es zu tragen hat. Briand war es, der das Ziel Frankreichs aussprach, das es mit einem Paneuropa verknüpft: Unterordnung der Wirtschaftsprobleme unter die politischen. Die Vorherrschaft der politischen Pro­bleme ist an Machtbesitz geknüpft und die Macht hat in Europa, sehen wir von Rußland ab, das nur halb zu Europa zu rechnen ist, Frankreich. Schluß folgt.

Der Deutsche

und seine öffentliche Tätigkeit.

Als der Krieg 1918 das unglückliche Ende nahm, unter dem wir wirtschaftlich und politisch leiden, wurden auch für die Arbeitgeber= und Arbeitnehmerorganisationen neue Formen in Gestalt festeren Zusammenschlusses ge­schaffen. Im christlich=nationalen Arbeitnehmerlager konnten sich in den Wirren der damaligen Zeit die ein­zelnen Verbandsgruppen nicht genügend zur Geltung bringen und sich allein gegenüber dem sozialistischen Ter­ror jener Zeit nicht mehr behaupten. Man suchte des­halb schon gleich nach der Revolution eine Zusammensas­sung aller nichtsozialistischen Verbände herbeizuführen, die den Namen„Deutsch=demokratischer Gewerkschafts­bund“ erhielt, dessen Vorsitzender Adam Stegerwald wurde. Wenngleich der Deutsch=demokratische Gewerk­schaftsbund durch sein zielbewußtes Vorgehen gegen die wilde Betriebs= und Arbeiterräteherrschaft sich einige Verdienste erworben hat, so war auf die Dauer ein Zu­sammenarbeiten dieser zum Teil weltanschaulich getrenn­ten Gruppen nicht möglich. Schon nach einem Jahr schie­den die freiheitlich=nationalen„Hirsch=Dunkerschen Ge­werkschaften“ und die zu ihnen gehörenden Angestellt­tenorganisationen aus. Die verbleibenden Verbände, die sich in grundsätzlichen und in den Fragen der Weltan­schauung näher standen, wurden nunmehr im„Deutschen Gewerkschaftsbund“ straff zusammengefaßt. Mitglieder wurden die drei Spitzenorganisationen:

1. Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands;

2. Gesamtverband deutscher Angestelltengewerkschaf­ten.

3. Gesamtverband deutscher Verkehrs= und Staats­

bediensteter. 6 17 Aut76.

Der Spitzenverband Nr. 1 zahlt 17 untervervände, Nr. 2 umfaßt 14 Angestelltenverbände, während dem Ge­samtverband Nr. 3 12 Verbände angehören. Sämtliche dem Deutschen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Ver­bände haben heute eine Mitgliederzahl von 1 350 200. Da­mit ist der..B. ein Machtfaktor geworden, mit dem gerechnet werden muß.

Die Aufgaben des..B. dürfen als bekannt voraus­gesetzt werden. Die Durchführung dieser Aufgaben wird in folgenden Ausschüssen vorbereitet:

1. Sozialpolitischer Ausschuß; Vorsitzender Bernhard Otte.

2. Finanzpolitischer Ausschuß; Vorsitzender Heinrich Kreil.

3. Ausschuß für Verkehrswesen; Vorsitzender Oskar Rümmele.

4. Ausschuß für Wohnungswesen; Vorsitzender Peter Tremmel.