Ausgabe 
13 (15.3.1931) 62
Seite
130
 
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Bethel.

Bezugspreis:

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Nr. 62.

mit den Beilagen„Für Herz und Haus“, „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“

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13. Jahrgang.

Vater! Denn so sprachst du nun,

O vergib es ihnen,

Die nicht wissen, was sie tun Und an mir verdienen.—

Bittet so der Sohn zu Gott, Für die ärgsten Feinde,

Was wird er nicht in der Not Thun für seine Freunde!

(Gerhard Walter Molanus 1633—1722.)

Migihiisiihigishisiiiiasgishiiihi

Blutschuld.

Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.

Matth. 27, 25.

In der ganzen Passionsgeschichte ist dieses grausige Wort vielleicht das furchtbarste. Der gräßliche Fluch ist wahr geworden. Ahnte das Volk in Jerusalem über­haupt, was es sagte? Vielleicht dämmerte es manchem, der 40 Jahre später es miterlebte, als das römische Schwert bei der Eroberung Jerusalems Ströme von Blut unter den Kindern und Kindeskindern jener leichtfertigen Menge vergoß.

Am Kreuz klebt Blutschuld der Menschheit, der Strom des unschuldig vergossenen Menschenblutes, der sich noch heute mit ungehinderter Kraft über die Erde wälzt, von der fernen Insel der Kannibalen bis zu den Städten höchster Intelligenz und feinster Moral in Europa und Amerika. Auch in unserem Vaterlande vergeht kein Tag, an dem nicht auf den Straßen der Städte und Dörfer unschuldiges Brüderblut fließt, in unseligem Parteihader und fanatischem Haß von Volksgenossen vergossen. Es nützt nichts, daß wir die Hände über dem Kopf zusammen­schlagen und sagen: das ist furchtbar in unserer aufge­klärten Zeit! Nein, es ist heilsam, wenn wir endlich er­kennen, wie die Welt, in der wir tatsächlich leben, aus­sieht, anstatt daß wir von der erträumten Welt schwär­men, in der wir gerne leben möchten, diese Welt, in der neben Stätten der Barmherzigkeit die Gransamkeit wohnt, neben feiner Sitte und Kultur grobe Unsittlich­keit und Unkultur, neben der holden Unschuld unserer Kinder die gräßliche Verschuldung der Erwachsenen, die Welt, die zwar noch immer von dem segnenden und hel­senden Gott getragen wird, auf der aber auch der ganze Fluch des Erdendaseins lastet: der Fluch des unschuldig vergossenen Blutes.

An dieser Menschheitsschuld haben wir Anteil. Wir können uns nicht von unserem Volke und unseren Zeit­genossen lösen und sagen: Wir sind rein und Ihr seio schuldig. Wir sind in diese Blutschuld unserer Zeit mit hinein verstrickt. Darum gibt es für uns keine Rettung, etwa durch Aufklärung. Es sei denn, daß wir uns über, die Liebe dessen aufklären lassen, der auch die Blutschuld seines Volkes willig mit hinaufnahm auf sein Kreuz. Der Fluch der Menschheit liegt auf uns, und keiner kann sie von uns nehmen, am wenigsten die, die in hochgespann­tem Menschheitsidealismus vom Fluch nichts hören möch­ten— als allein der, der selbst den Fluch der Blutschuld an seinem Leibe auf das Kreuz trug. Solche Vergehun­gen der Menschen an ihren Brüdern werden nicht ge­tilgt durch die Werke der Barmherzigkeit, nicht gesühnt durch die Anstalten hingebender Liebe, sondern Blut wird nur durch Blut gesühnt. Nur das Blut des heiligen und gerechten Gottessohnes besitzt hinreichend sühnende Kraft für die durch Jahrtausende mit Blutschuld befleckte Menschheit.

Wir verstehen die Geschichte nicht, wir begreifen nicht, was um uns her vorgeht, wenn wir nicht fest im Auge behalten: Wir sind ein Volk von Brüdern von Adam her, aber ihre Hände sind durch Kains furchtbare Tat mit Blut befleckt. Der Menschheit Schuld ist unsere Schuld. Darum gibt es keine Rettung für sie als allein die von Jesus Christus auf Golgatha vollbrachte Sühne. Nur wer dahin blickt in festem Vertrauen, wird frei von dem Fluch und los von der Schuld, in die hinein wir ge­voren werden..: Siman.

Was

„Australien und besonders Neusüdwales ist seit Jahr­zehnten ein gewerkschaftlich regierter sozialer Wohl­fahrtsstaat auf den glückseligen Inseln, wo es an Land und Sonne nicht fehlt.„Prosperity“ ist der überseeische Ausdruck für Wohlfahrt und Sozialismus. Hohe Preise

hohe Löhne sind die gegenseitige Sozialversicherung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer; und hoher Sozial­standard ist der gerechte Anspruch, den die Masse der Bewohner der glückseligen Inseln als Konsument an das Leben erhebt.

Jedoch genau so wie bei uns hat dieses sozialistische Prosperity=Gemeinwesen eine besondere Schwärmerei für Kapitalismus in der Form der Auslandskredite. Sozialisten, nachdem sie Minister oder Stadtverwalter ge­worden sind, gehen hemmungslos an das kapitalistische Wucher=Instrument Zins wie Mäuse an den Speck, wenn es sich um politisches Schuldenmachen von Ländern und Gemeinden handelt. Das ist Kollektivismus. Niemand ist schneller bereit, die kollektivierte Arbeitskraft eines fleißigen Volkes auf Generationen hinaus an fremde Fi­nanzmänner zu verkaufen, z. B. in Gestalt von Verpfän­dung der Reichsbahn oder des Zündholz=Bedarfes der ärmsten Familien, als die Wohlfahrts= oder Prosperity­Politiker, welche Schulen, Bäder, Licht= und Kraftwerke, Stadthallen von fremdem Gelde gebaut haben. Der Flie­genstaat will von Zucker leben: der Zucker ist das fremde Finanzkapital; und wenn der Zeitpunkt kommt, wo kein neues Borgkapital mehr dasteht, so sterben eben die Fliegen.“

Das sind die beiden Anfangsabschnitte des letzten „Naumburger Briefes“ von Dr. Schiele. Sie kamen uns recht zu dem Stoß Akten, der vor uns liegt, über den so­genannten Schenker=Vertrag, den die Deutsche Reichs­bahngesellschaft mit der Firma Schenker geschlossen hat. Durch diesen Vertrag wird der Firma Schenker das Mo­nopol des ganzen Bahn=Speditionsgeschäftes übertragen. Unser Mitarbeiter F. V. A. hat sich in Nr. 57 eingehender damit beschäftigt. Andere Artikel liegen darüber noch vor. Leider ist es nicht möglich, in weiteren, längeren Artikeln auf die Sache einzugehen. Als wir nun die Be­trachtungen von Dr. Schiele lasen, gewannen wir den Eindruck, daß der Vorgang, der der Firma Schenker dieses Monopol in die Hände spielt, jener Politik gleichzusetzen ist, die in Australien getrieben wird. Von einer deutschen Regierung, in der sich sozialistische Einflüsse so weitgehend geltend machen, wie das tatsäch­lich der Fall ist, müßte man etwas ganz anderes erwar­ten.

Einzelheiten des Vertrages, an denen die betroffenen Privatspediteure am stärksten interessiert sind, können hier nicht erörtert werden. Es liegen uns aber Zeitungs­artikel vor, die ganz wüste Behauptungen aufstellen. Da wird berichtet, Schenker habe sschon im Jahre 1926 einen ungedeckten Frachtenkredit bei der Verkehrskredit­bank in Höhe von 29 Millionen Reichsmark genommen. Vermutlich erfolge die Verrechnung über die Verkehrs­bank der Schenker=Gruppe, Unter den Linden 39. Der Direktor dieser Schenker=Bank sei der Schwieger­sohn des Präsidenten, Herrn Scheven, von der Ver­kehrskreditbank. Auch sonst werden allerlei Mitteilun­gen gemacht über geschäftliche und persönliche Schiebun­gen, bei denen Menschen, die sich den Wirtschaftsprozeß vom Standpunkt des ehrlichen Staatsbürgers aus vor­stellen, das Grausen bekommen. Uns interessiert hier mehr die Frage, wie gerade eine sozialistisch beeinflußte Regierung oder Parlament dazu kommen, Staatsbetriebe in immer stärkerem Maße an fremde Finanzmänner zu verkaufen, wie Dr. Schiele sagt. Wir sind durchaus da­für, daß der Staat wirklich monopolreife Gebiete in eigene Verwaltung übernimmt. Der Bismarcksche Staat hatte damit einen sehr erfolgreichen Anfang gemacht. Aber der neue Staat, der nach den Ankündigungen vom 9. November 1918 der sozialistische Zukunftsstaat der Freiheit und des Glückes werden sollte, liefert nun die Produktionsmittel, die nach alter marxistischer Lehre dem Staate, der Allgemeinheit gehören, an internatio­nale Finanzgruppen aus. Die Gewinne, die früher der preußische Staat aus den verstaatlichten Verkehrsbetrie­ben, Post und Eisenbahn, für sich einzog, fließen jetzt in die Taschen der Bankaktionäre, die auch jetzt hinter der Schenker=Firma stehen. Es ist einfach nicht zu verstehen, weshalb nicht die Reichsbahn, wenn das Speditionsge­werbe vereinheitlicht werden soll, die Sache nicht ganz in eigene Verwaltung übernimmt. Weshalb kann der Gewinn, den die Firma Schenker u. Co. machen will und machen wird, nicht gleich in die Staatskasse fließen. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, daß die Sozialisten

die allerschlechtesten Sachwalter einer Sozialisierung sind, die wirklich für die Allgemeinheit von Nutzen wäre. Allmählich vollzieht sich ein Prozeß, bei dem jede produktive Arbeit von einem internationalen Geldmono­vol beherrscht wird, das die Existenz= und Lebensbedin­gungen des Einzelnen und ganzer Völker bestimmt. Wie sich unser Wirtschaftsleben in der Zukunft gestalten wird, läßt sich nicht im Voraus sagen. Entwickeln sich die Dinge aber weiter in der Weise, von der der Schenkervertrag und tausenderlei Korruptionserscheinungen und wirt­schaftliche Zusammenbrüche, zunehmende Arbeitslosig­keit und Armut Zeugnis geben, dann kann es leicht je­dem klar sein, daß kein Paradies unserer wartet.

Gerade auch in diesem Zusammenhang möchten wir wenigstens unseve Leser besonders aufmerksam machen auf die Fortsetzung des Abdrucks der Rede Vater Bo­delschwinghs, die heute und noch in zwei weiteren Sonn­tagsnummern erscheinen wird. Das, was dieser Mann vor Jahrzehnten über praktische Politik gesagt hat, gilt heute noch in viel stärkerem Maße. In Bielefeld allein sollen noch fast 2000 Verlobte und Ehepaare sein, die schon seit Jahren auf eine eigene Wohnung warten. Wenn seinerzeit die Instanzen, die es in erster Linie an­ging, nicht auf das Wort Vater Bodelschwinghs hörten, so ist es heute auch nicht anders. An Vorschlägen und Anregungen mannigfachster Art, das Wirtschaftsleben umzugestalten, fehlt es nicht. Es ist aber auch jetzt keine Instanz da, die den Entschluß findet zu praktischer Tat. Ungehindert läßt man weiter die Menschen in den gro­ßen Städten zusammenströmen. Niemand denkt daran, das Freizügigkeitsgesetz zu ändern oder sonst eine Maß­nahme zu treffen, durch die es verhindert wird, daß sich immer mehr Zentren bilden für bolschewistische Propa­ganda. Finanzpolitische Experimente, zu denen man auch den Schenkervertrag zählen kann, haben in unserem Staate weitesten Spielraum. Kommen aber Leute wie Bodelschwingh, Damaschke, Professor Schöpke oder die Landeskulturtechnik und wollen die Dinge in einer Weise angreifen, daß Geist und Hand arbeitswilliger, von Heimatliebe und Heimatsehnsucht erfüllter Menschen in Bewegung kommen und neue Werte schaf­fen, dann hört sie niemand und es ist, als seien Politi­ker, Parlamentarier, Regierungsleute, Nationalökono­men von allen guten Geistern verlassen.

Oder ist Deutschland wirklich so aller Rechte und aller Souveränität beraubt, daß es seinen eigenen Volksgenossen auf dem deutschen Heimatboden keine Wohnungen mehr bauen darf oder kann aus eige­nem deutschen Material, mit eigenem, deutschem Gelde. Mit Flammenschrift möchte man es gerne Volk und Re­gierungen ins Herz schreiben, daß es ein Unsinn und ein Verbrechen ist, wenn in Deutschland die Familien schlecht wohnen müssen, sich nicht ordentlich kleiden und nicht ordentlich essen können. Für alle wäre alles in Hülle und Fülle da, es fehlt nur an den Organen, die so ver­ständige Ordnungen schaffen, daß alle Gutwilligen zu ih­rem Rechte kommen und den Schlechten und Böswilligen die nötigen Schranken gesetzt werden.

Die Leser müssen es schon verzeihen, wenn man bei dem Grübeln über diese Probleme, von deren glücklicher Lösung tatsächlich das irdische Glück unserer Nachkom­men, die Zukunft unseres geliebten deutschen Vaterlan­des abhängt, im Geiste etwas weit nach Utopien reist. Wenn man sich aber tagtäglich beschäftigt mit den in­neren und äußeren Nöten, die unser Volk und Land quä­len, dann kommt es einem zuletzt weniger mehr darauf an, in welcher Form man das zum Ausdruck bringt, was man zu sagen hat. Es ist unsere volle Ueberzeugung, daß trotz aller politischen äußeren Knechtung unseres Vaterlandes noch alle Voraussetzungen bei uns dafür ge­geben sind, durch eine vernünftige Innenpolitik dem Bolschewismus und jedem schrankenlosen materialisti­schen Machtkapitalismus den Boden zu entziehen. Ob aber unsere jetzige Regierung, die leider auch noch an­dere Interessen hat als die Schaffung eines gesunden und starken Deutschlands in seinen heutigen Grenzen und seiner völkischen Zusammensetzung, Deutschland der von uns für möglich gehaltenen glücklicheren Zu­kunft entgegen zu führen vermag, wagen wir nicht zu glauben.

Was ist es für ein trauriger Zustand, wenn ein Land von der Größe Deutschlands mit einem Volke fortge­schrittenster Bildung und Intelligenz stillschweigend zu­sieht und zusehen muß, daß die Rechte seiner Volksge­nossen, die als Minderheiten in Nachbarstaaten leben, so mißachtet und zertreten werden, wie das jetzt wieder in Lettland geschieht. Der Dom zu Riga, der 700 Jahre lang deutsch ist und jetzt einer deutschen Gemeinde von 12.000 Seelen als Gottescheus dient, soll plötzlich dieser Ge­