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Denn so sprachst du nun, O vergib es ihnen, Die nicht wissen, was sie tun Und an mir verdienen.— Bittet so der Sohn zu Gott, Für die ärgsten Feinde, Was wird er nicht in der Not Thun für seine Freunde! (Gerhard Walter Molanus 1633—1722.) Migihiisiihigishisiiiiasgishiiihi Blutschuld. Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder. Matth. 27, 25. In der ganzen Passionsgeschichte ist dieses grausige Wort vielleicht das furchtbarste. Der gräßliche Fluch ist wahr geworden. Ahnte das Volk in Jerusalem überhaupt, was es sagte? Vielleicht dämmerte es manchem, der 40 Jahre später es miterlebte, als das römische Schwert bei der Eroberung Jerusalems Ströme von Blut unter den Kindern und Kindeskindern jener leichtfertigen Menge vergoß. Am Kreuz klebt Blutschuld der Menschheit, der Strom des unschuldig vergossenen Menschenblutes, der sich noch heute mit ungehinderter Kraft über die Erde wälzt, von der fernen Insel der Kannibalen bis zu den Städten höchster Intelligenz und feinster Moral in Europa und Amerika. Auch in unserem Vaterlande vergeht kein Tag, an dem nicht auf den Straßen der Städte und Dörfer unschuldiges Brüderblut fließt, in unseligem Parteihader und fanatischem Haß von Volksgenossen vergossen. Es nützt nichts, daß wir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: das ist furchtbar in unserer aufgeklärten Zeit! Nein, es ist heilsam, wenn wir endlich erkennen, wie die Welt, in der wir tatsächlich leben, aussieht, anstatt daß wir von der erträumten Welt schwärmen, in der wir gerne leben möchten, diese Welt, in der neben Stätten der Barmherzigkeit die Gransamkeit wohnt, neben feiner Sitte und Kultur grobe Unsittlichkeit und Unkultur, neben der holden Unschuld unserer Kinder die gräßliche Verschuldung der Erwachsenen, die Welt, die zwar noch immer von dem segnenden und helsenden Gott getragen wird, auf der aber auch der ganze Fluch des Erdendaseins lastet: der Fluch des unschuldig vergossenen Blutes. An dieser Menschheitsschuld haben wir Anteil. Wir können uns nicht von unserem Volke und unseren Zeitgenossen lösen und sagen: Wir sind rein und Ihr seio schuldig. Wir sind in diese Blutschuld unserer Zeit mit hinein verstrickt. Darum gibt es für uns keine Rettung, etwa durch Aufklärung. Es sei denn, daß wir uns über, die Liebe dessen aufklären lassen, der auch die Blutschuld seines Volkes willig mit hinaufnahm auf sein Kreuz. Der Fluch der Menschheit liegt auf uns, und keiner kann sie von uns nehmen, am wenigsten die, die in hochgespanntem Menschheitsidealismus vom Fluch nichts hören möchten— als allein der, der selbst den Fluch der Blutschuld an seinem Leibe auf das Kreuz trug. Solche Vergehungen der Menschen an ihren Brüdern werden nicht getilgt durch die Werke der Barmherzigkeit, nicht gesühnt durch die Anstalten hingebender Liebe, sondern Blut wird nur durch Blut gesühnt. Nur das Blut des heiligen und gerechten Gottessohnes besitzt hinreichend sühnende Kraft für die durch Jahrtausende mit Blutschuld befleckte Menschheit. Wir verstehen die Geschichte nicht, wir begreifen nicht, was um uns her vorgeht, wenn wir nicht fest im Auge behalten: Wir sind ein Volk von Brüdern von Adam her, aber ihre Hände sind durch Kains furchtbare Tat mit Blut befleckt. Der Menschheit Schuld ist unsere Schuld. Darum gibt es keine Rettung für sie als allein die von Jesus Christus auf Golgatha vollbrachte Sühne. Nur wer dahin blickt in festem Vertrauen, wird frei von dem Fluch und los von der Schuld, in die hinein wir gevoren werden..: Siman. Was „Australien und besonders Neusüdwales ist seit Jahrzehnten ein gewerkschaftlich regierter sozialer Wohlfahrtsstaat auf den glückseligen Inseln, wo es an Land und Sonne nicht fehlt.„Prosperity“ ist der überseeische Ausdruck für Wohlfahrt und Sozialismus. Hohe Preise hohe Löhne sind die gegenseitige Sozialversicherung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer; und hoher Sozialstandard ist der gerechte Anspruch, den die Masse der Bewohner der glückseligen Inseln als Konsument an das Leben erhebt. Jedoch genau so wie bei uns hat dieses sozialistische Prosperity=Gemeinwesen eine besondere Schwärmerei für Kapitalismus in der Form der Auslandskredite. Sozialisten, nachdem sie Minister oder Stadtverwalter geworden sind, gehen hemmungslos an das kapitalistische Wucher=Instrument Zins wie Mäuse an den Speck, wenn es sich um politisches Schuldenmachen von Ländern und Gemeinden handelt. Das ist Kollektivismus. Niemand ist schneller bereit, die kollektivierte Arbeitskraft eines fleißigen Volkes auf Generationen hinaus an fremde Finanzmänner zu verkaufen, z. B. in Gestalt von Verpfändung der Reichsbahn oder des Zündholz=Bedarfes der ärmsten Familien, als die Wohlfahrts= oder ProsperityPolitiker, welche Schulen, Bäder, Licht= und Kraftwerke, Stadthallen von fremdem Gelde gebaut haben. Der Fliegenstaat will von Zucker leben: der Zucker ist das fremde Finanzkapital; und wenn der Zeitpunkt kommt, wo kein neues Borgkapital mehr dasteht, so sterben eben die Fliegen.“ Das sind die beiden Anfangsabschnitte des letzten „Naumburger Briefes“ von Dr. Schiele. Sie kamen uns recht zu dem Stoß Akten, der vor uns liegt, über den sogenannten Schenker=Vertrag, den die Deutsche Reichsbahngesellschaft mit der Firma Schenker geschlossen hat. Durch diesen Vertrag wird der Firma Schenker das Monopol des ganzen Bahn=Speditionsgeschäftes übertragen. Unser Mitarbeiter F. V. A. hat sich in Nr. 57 eingehender damit beschäftigt. Andere Artikel liegen darüber noch vor. Leider ist es nicht möglich, in weiteren, längeren Artikeln auf die Sache einzugehen. Als wir nun die Betrachtungen von Dr. Schiele lasen, gewannen wir den Eindruck, daß der Vorgang, der der Firma Schenker dieses Monopol in die Hände spielt, jener Politik gleichzusetzen ist, die in Australien getrieben wird. Von einer deutschen Regierung, in der sich sozialistische Einflüsse so weitgehend geltend machen, wie das tatsächlich der Fall ist, müßte man etwas ganz anderes erwarten. Einzelheiten des Vertrages, an denen die betroffenen Privatspediteure am stärksten interessiert sind, können hier nicht erörtert werden. Es liegen uns aber Zeitungsartikel vor, die ganz wüste Behauptungen aufstellen. Da wird berichtet, Schenker habe sschon im Jahre 1926 einen ungedeckten Frachtenkredit bei der Verkehrskreditbank in Höhe von 29 Millionen Reichsmark genommen. Vermutlich erfolge die Verrechnung über die Verkehrsbank der Schenker=Gruppe, Unter den Linden 39. Der Direktor dieser Schenker=Bank sei der Schwiegersohn des Präsidenten, Herrn Scheven, von der Verkehrskreditbank. Auch sonst werden allerlei Mitteilungen gemacht über geschäftliche und persönliche Schiebungen, bei denen Menschen, die sich den Wirtschaftsprozeß vom Standpunkt des ehrlichen Staatsbürgers aus vorstellen, das Grausen bekommen. Uns interessiert hier mehr die Frage, wie gerade eine sozialistisch beeinflußte Regierung oder Parlament dazu kommen, Staatsbetriebe in immer stärkerem Maße an fremde Finanzmänner zu verkaufen, wie Dr. Schiele sagt. Wir sind durchaus dafür, daß der Staat wirklich monopolreife Gebiete in eigene Verwaltung übernimmt. Der Bismarcksche Staat hatte damit einen sehr erfolgreichen Anfang gemacht. Aber der neue Staat, der nach den Ankündigungen vom 9. November 1918 der sozialistische Zukunftsstaat der Freiheit und des Glückes werden sollte, liefert nun die Produktionsmittel, die nach alter marxistischer Lehre dem Staate, der Allgemeinheit gehören, an internationale Finanzgruppen aus. Die Gewinne, die früher der preußische Staat aus den verstaatlichten Verkehrsbetrieben, Post und Eisenbahn, für sich einzog, fließen jetzt in die Taschen der Bankaktionäre, die auch jetzt hinter der Schenker=Firma stehen. Es ist einfach nicht zu verstehen, weshalb nicht die Reichsbahn, wenn das Speditionsgewerbe vereinheitlicht werden soll, die Sache nicht ganz in eigene Verwaltung übernimmt. Weshalb kann der Gewinn, den die Firma Schenker u. Co. machen will und machen wird, nicht gleich in die Staatskasse fließen. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, daß die Sozialisten die allerschlechtesten Sachwalter einer Sozialisierung sind, die wirklich für die Allgemeinheit von Nutzen wäre. Allmählich vollzieht sich ein Prozeß, bei dem jede produktive Arbeit von einem internationalen Geldmonovol beherrscht wird, das die Existenz= und Lebensbedingungen des Einzelnen und ganzer Völker bestimmt. Wie sich unser Wirtschaftsleben in der Zukunft gestalten wird, läßt sich nicht im Voraus sagen. Entwickeln sich die Dinge aber weiter in der Weise, von der der Schenkervertrag und tausenderlei Korruptionserscheinungen und wirtschaftliche Zusammenbrüche, zunehmende Arbeitslosigkeit und Armut Zeugnis geben, dann kann es leicht jedem klar sein, daß kein Paradies unserer wartet. Gerade auch in diesem Zusammenhang möchten wir wenigstens unseve Leser besonders aufmerksam machen auf die Fortsetzung des Abdrucks der Rede Vater Bodelschwinghs, die heute und noch in zwei weiteren Sonntagsnummern erscheinen wird. Das, was dieser Mann vor Jahrzehnten über praktische Politik gesagt hat, gilt heute noch in viel stärkerem Maße. In Bielefeld allein sollen noch fast 2000 Verlobte und Ehepaare sein, die schon seit Jahren auf eine eigene Wohnung warten. Wenn seinerzeit die Instanzen, die es in erster Linie anging, nicht auf das Wort Vater Bodelschwinghs hörten, so ist es heute auch nicht anders. An Vorschlägen und Anregungen mannigfachster Art, das Wirtschaftsleben umzugestalten, fehlt es nicht. Es ist aber auch jetzt keine Instanz da, die den Entschluß findet zu praktischer Tat. Ungehindert läßt man weiter die Menschen in den großen Städten zusammenströmen. Niemand denkt daran, das Freizügigkeitsgesetz zu ändern oder sonst eine Maßnahme zu treffen, durch die es verhindert wird, daß sich immer mehr Zentren bilden für bolschewistische Propaganda. Finanzpolitische Experimente, zu denen man auch den Schenkervertrag zählen kann, haben in unserem Staate weitesten Spielraum. Kommen aber Leute wie Bodelschwingh, Damaschke, Professor Schöpke oder die Landeskulturtechnik und wollen die Dinge in einer Weise angreifen, daß Geist und Hand arbeitswilliger, von Heimatliebe und Heimatsehnsucht erfüllter Menschen in Bewegung kommen und neue Werte schaffen, dann hört sie niemand und es ist, als seien Politiker, Parlamentarier, Regierungsleute, Nationalökonomen von allen guten Geistern verlassen. Oder ist Deutschland wirklich so aller Rechte und aller Souveränität beraubt, daß es seinen eigenen Volksgenossen auf dem deutschen Heimatboden keine Wohnungen mehr bauen darf oder kann aus eigenem deutschen Material, mit eigenem, deutschem Gelde. Mit Flammenschrift möchte man es gerne Volk und Regierungen ins Herz schreiben, daß es ein Unsinn und ein Verbrechen ist, wenn in Deutschland die Familien schlecht wohnen müssen, sich nicht ordentlich kleiden und nicht ordentlich essen können. Für alle wäre alles in Hülle und Fülle da, es fehlt nur an den Organen, die so verständige Ordnungen schaffen, daß alle Gutwilligen zu ihrem Rechte kommen und den Schlechten und Böswilligen die nötigen Schranken gesetzt werden. Die Leser müssen es schon verzeihen, wenn man bei dem Grübeln über diese Probleme, von deren glücklicher Lösung tatsächlich das irdische Glück unserer Nachkommen, die Zukunft unseres geliebten deutschen Vaterlandes abhängt, im Geiste etwas weit nach Utopien reist. Wenn man sich aber tagtäglich beschäftigt mit den inneren und äußeren Nöten, die unser Volk und Land quälen, dann kommt es einem zuletzt weniger mehr darauf an, in welcher Form man das zum Ausdruck bringt, was man zu sagen hat. Es ist unsere volle Ueberzeugung, daß trotz aller politischen äußeren Knechtung unseres Vaterlandes noch alle Voraussetzungen bei uns dafür gegeben sind, durch eine vernünftige Innenpolitik dem Bolschewismus und jedem schrankenlosen materialistischen Machtkapitalismus den Boden zu entziehen. Ob aber unsere jetzige Regierung, die leider auch noch andere Interessen hat als die Schaffung eines gesunden und starken Deutschlands in seinen heutigen Grenzen und seiner völkischen Zusammensetzung, Deutschland der von uns für möglich gehaltenen glücklicheren Zukunft entgegen zu führen vermag, wagen wir nicht zu glauben. Was ist es für ein trauriger Zustand, wenn ein Land von der Größe Deutschlands mit einem Volke fortgeschrittenster Bildung und Intelligenz stillschweigend zusieht und zusehen muß, daß die Rechte seiner Volksgenossen, die als Minderheiten in Nachbarstaaten leben, so mißachtet und zertreten werden, wie das jetzt wieder in Lettland geschieht. Der Dom zu Riga, der 700 Jahre lang deutsch ist und jetzt einer deutschen Gemeinde von 12.000 Seelen als Gottescheus dient, soll plötzlich dieser Ge meinde genommen und der lettischen Garnisongemeinde übereignet werden, die keine 2000 Seelen zählt und der bisher von den Deutschen in weitgehendem Maße Gastrecht im Dom eingeräumt war. Wenn man das Material studiert, das über den Fall vorliegt, kommt einem die schreckliche Lage, in die ein Volk sich bringt, das sich selbst entwaffnet, so richtig zum Bewußtsein. Einem souveränen Deutschland gegenüber würde man sich in Lettland hüten, solche Ansprüche zu stellen. Und zwischen den anderen„Kultur"staaten würde ein solcher Fall zu den ernstesten Konflikten führen. Was wird nun werden? Der evangelische Pressedienst teilt mit, daß die Führer der Kirchengemeinschaften aller Nationalitäten ihre Stimme erhoben haben gegen diesen Akt der Gewalt. Bisher ist noch immer behauptet worden, in Lettland herrsche dem Deutschtum gegenüber große Achtung. Weshalb gerade auf dem Gebiete des kirchlichen Lebens solche ins politische übergreifende Differenzen geschaffen werden, hat vielleicht auch noch andere Gründe. Es wäre zu wünschen, daß die lettische Regierung die Domfrage im Sinn der deutschen Wünsche erledigte, nachdem durch die Fortnahme der Jacobikirche im Jahre 1923 schon einmal ein Unrecht geschah, das böse Erbitterung auslöste. Möchte aber auch das deutsche Volk aus solchen Fällen wieder erkennen, was ein Staat braucht, der seine Volksgenossen im Ausland nicht jeder ungerechten Willkür preisgeben will. Kr. Mei TäfhnichEichtundeindeigene=Schone Vortrag, gehalten auf dem ersten evang.=sozialen Kongreß zu Berlin am 28. Mai 1890 von F. v. Bodelschwingh. II. Grundsätzlich wird jedermann einräumen, daß es nicht Gottes Wille sein kann, daß ein so großer Teil unserer Bevölkerung in den Großstädten auch das allernötigste Maß von Licht und Luft entbehrt, und daß es ein armseliges Auskunftsmittel ist, wenn man in jedem Sommer einer verschwindend kleinen Zahl blasser, verkümmerter Kinder, etwa für einen Monat, diese Wohltat gewährt, um sie dann wieder in dasselbe Elend zurückzuschicken. Und hat nicht unser deutsches Vaterland, ebenso, wie es zehntausendfach genug Licht und Luft für jede arme Familie hätte, so auch wenigstens hundertfach genügend Grund und Boden, um jeder Fabrikarbeiterfamilie ihr eigenes, ausreichendes Gärtchen zu gewähren? Ich weiß nicht, ob es irgend jemand so geht wie mir: So oft ich mit der Eisenbahn durchs Land fahre, richtet sich sofort mein Auge auf die Felder, Wiesen und Wälder, die unsere Großstädte umgeben, und es ergreift mich allemal ein tiefer Schmerz und Unwille, wenn ich bis hart an die Grenzen solcher weiten unbebauten Landstriche himmelanstrebende, kasernenartige Häuser stehen sehe. Wie die Entziehung von Luft und Licht eine so überaus unbarmherzige und unwirtschaftliche Torheit ist, so ist es auch der Fall in bezug auf den Grund und Boden. Man hat wohl keine Ahnung davon, daß es, abgesehen von dem Werte der Bauplätze selber, gar keine Verwendung des Grundbesitzes gibt, die so hohe Zinsen trägt, wie das Gärtchen des kleinen Mannes. Und auch davon hat man keine Ahnung, was für ein Kapital von Heimatliebe und Heimatluft noch in der deutschen Brust wohnt, ganz besonders von Liebe zur eigenen Scholle, ein Kapital, welches nur angelegt zu werden braucht, um die reichsten Zinsen zu tragen.— Da bildet man sich z. B. ein, daß ein Boden, auf dem man Zuckerrüben zieht, zu schade sei, um ihn dem kleinen Mann zu Gartenland anzuweisen. Aber angenommen, daß solcher Boden Mk. 40,— bis 50.— Reinertrag pro Morgen bringt, was schon das Allerhöchste sein möchte, so ist er für den Familienvater. der ihn mit den eigenen Kräften und denen von Weib und Kind in seinen Freistunden bebaut, das Vierfache wert, wenn man die darauf verwendete Arbeitskraft nicht berechnet. Und das braucht man in der Tat nicht; denn gerade der letztere Umstand, die freie Zeit im eigenen Garten verwandt, bietet abermals einen Gewinn. der mindestens ebenso hoch und höher ist, als der erste. „Wo bringt Ihr Mann seine freien Stunden zu?“ fragte ein französischer Minister eine Mühlhauser Fabrikarbeiterfrau.„Seit wir unseren eigenen Garten haben, stets in diesem,“ war die Antwort. Und die gleiche Erfahrung kann man überall machen. Der selbstgepflegte Obstbaum, die selbstgezogene Laube, die wachsenden und gedeihenden Früchte des Gartens, die eigener Fleiß gepflanzt hat, sind ein noch viel kräftigeres Erziehungsmittel zur Häuslichkeit, als eine eigene freundliche Wohnung. Es gibt auch keine Sparkasse, die so mächtig zu Fleiß und Sparsamkeit ermuntert und so hohe Zinsen trägt, wie die eigene Scholle des kleinen Mannes. Man braucht dem Arbeiter gar nichts zu schenken, braucht ihm keine Staatsalmosen hinzuwerfen. Es liegt gar nicht so, daß im allgemeinen der Arbeiter zu wenig verdient, sondern da liegt die Not, daß er von seinem Verdienst keinerlei Frucht sieht, daß er hoffnungslos arbeitet auf diese Welt gesehen, daß er für seine Kinder auch kein besseres Los als für sich selbst sieht; daß ihm ein freudenloses Alter bevorsteht, vor welchem ihn selbst die Altersversicherung nicht retten wird; daß er darum auch in guten Zeiten seine Ersparnisse vergeudet, um wenigstens eine kleine Zeit das armselige irdische Dasein nach seinem erniedrigten Gesichtskreise zu genießen. Ich habe es oft gesagt und wiederhole es, daß es, auf den einzelnen Arbeiter berechnet, der Regel nach keine große Summe ist, was die Arbeitgeber ihren Arbeitern dadurch zu Gute tun können, daß sie bei der Teilung des Gewinnes diesen einen größeren Anteil zumessen. In vielen Fällen ist der Arbeitgeber selbst weit übler daran, als der Arbeiter und muß mit größeren Sorgen sein Brot essen, wenn er vielleicht auch in einem besseren Hause wohnt und besser ißt und trinkt als seine Arbeiter. Es sind namentlich heutzutage in einem großen Teil unseres Vaterlandes die ländlichen Besitzer schwerer belastet als ihre Tagelöhner. So außerordentlich wichtig es in ethischer Hinsicht, und so vorteilhaft es auch für den Geldbeutel des Besitzenden ist, allen unnötigen, auffallenden, verbitternden Luxus zu meiden und sich in den Grenzen desjenigen Aufwandes zu halten, welchen ihr Beruf und Stand notwendig mit sich bringt, so wird doch das, was durch Vermeidung aller überflüssigen Ausgaben des Arbeitgebers dem einzelnen Arbeiter zufal*) Stehe auch den Artikel in Nr. 55. In noch zwei weiteren Artikeln wird der ganze Vortrag folgen. len kann, nur ein sehr Kleines sein; und es ist viel wichtiger und einträglicher für beide Teile, wenn der Arbeitgeber seinen Arbeitern seine volle Teilnahme, seinen Rat, seine Liebe und seine geistigen Kräfte leiht, um ihnen ihr Los zu verbessern. Der Arbeiter muß merken, daß bei dem ganzen Betriebe dem Arbeitgeber das Los seiner Mitmenschen, die für ihn arbeiten, ebenso wichtig ist wie das Seine.— Nicht sowohl, sage ich nochmals, der Mangel an ausreichendem Arbeitsverdienste, als vielmehr die unvorteilhafte Verwendung des Verdienstes ist die Hauptnot des kleinen Mannes, und zu dieser richtigen Verwendung bedarf er der stärkeren Hand des Arbeitgebers. Worauf es ankommt, ist dieses: Man zeige und gewähre dem Arbeiter eine fröhliche irdische Hoffnung, man gebe ihm Gelegenheit, wenn er sparsam und fleißig ist, allmählich ein eigenes Heim und auf eigener Scholle zu erwerben, von welcher ihn niemand vertreiben kann; man unterstütze ihn bei solchem Bestreben mit Kredit und gutem Rat und man wird sehen, daß eine allmählich immer wachsende Zahl tapferer Familienväter sich herausarbeitet aus einem hoffnungslosen verbitterten, zu einem hoffnungsreichen und fröhlichen irdischen Dasein; und was größer ist, es wird ein Familienleben gepflanzt werden, in welchem auch Gottes Wort und echtes Christentum eine heimatliche Stätte finden kann, in welchem die heranwachsenden Kinder bei ihren Eltern eine geistig und leiblich gesunde Heimat behalten, in welcher die alternden Eltern, irdischer Sorgen frei, sich an dem selbst erworbenen Herde eines stillen Feierabends freuen und auf eine gute Heimfahrt rüsten können. Die Hauptsache aber ist, daß die Kinder, welche zur Erwerbung des Heims mitgeholfen haben, auch diejenigen, welche nicht dauernd in demselben bleiben können, hier doch eine heimatliche Stätte behalten. Dem über alle Maßen verderblichen Zustand, an dem unser Vaterland schnell zugrunde zu gehen droht, der Heimatlosigkeit und Verwilderung der jungen Leute, wird ein Ziel gesetzt; und sie werden, anstatt in ihren jungen Jahren ihr Geld zu vergeuden, das Vorbild der Eltern nachahmen und sich selbst durch Nüchternheit, Sparsamkeit und Fleiß ein eigenes Heim zu gründen suchen. Nüchternheit, Sparsamkeit, Fleiß, mit diesen drei Worten widerlege ich das ungläubige Kopfschütteln derer, die mir zurufen: Wo soll das Kapital herkommen? Woher sollen die schon so schwer belasteten Arbeitgeber auch noch die kolossalen Summen hernehmen, welche deine unmäßigen Wünsche für die Arbeiter erfordern? Nüchternheit, Sparsamkeit und Fleiß, zusammen mit der Heimatliebe und der Heimatlust in der Brust des deutschen Mannes sind das Kapital, welchem nur Gelegenheit gegeben werden muß, seine Zinsen zu tragen. Wenn mir von dem Direktor einer Fabrik, welche 1200 big Arbeiter beschäftigt, durch genaue Untersuchungen nach, gewiesen wurde, daß bei den jetzigen Verführungen des öffentlichen Lebens und den Forderungen, welche die Parteiinteressen an den kleinen Mann stellen, durchschnittlich ein Drittel des Lohnes nicht mit nach Hause bracht wurde, dem Familienleben nicht zugute kamwenn man die ungeheuren Summen bedenkt, welche jetzt namentlich von den nicht verheirateten jungen Arbeitern in Völlerei verschlungen werden, während diese in guten Zeiten mit der Hälfte ihres Lohnes auskommen und den Rest für die Zukunft zurücklegen könnten: so will ich eben nichts, als diese verschleuderten Gelder richtig angelegt wissen. In manchen Gegenden, namentlich in den Kohlenre, vieren, ist es in den vergangenen verdienstreichen Jahrzehnten nicht wenigen fleißigen Leuten gelungen, ganz auf eigene Hand ihr obengenanntes Kapital: Nüchternheit, Fleiß, Sparsamkeit zur richtigen Anlage zu bringen,— besonders da, wo auch noch Gottesfurcht wohnte. — und sich ein eigenes Heim auf eigener Scholle zu erwerben. Allein dem bei weitem größten Teil der Arbeiter ist dies doch ohne eine stärkere Hand nicht möglich. Weder ist ein so kleines Grundstück, wie der Arbeiter es braucht, für sich verkäuflich, noch kann er mit seinen Ersparnissen von 300, 400, 500 Mark selbständig bauen. Er muß hohe Zinsen zahlen, fällt Unternehmern in die Hand, welche wieder nur auf Kredit arbeiten, und so verliert er nur zu oft seine Ersparnisse. Für den Arbeitgeber ist das etwas ganz anderes. Für Grund und Boden und zum Bau massiver kleiner Häuser kann er viel leichter Kapital bekommen, als für unsichere industrielle Unternehmungen. Hier ist außer den angesammelten Sparpfennigen des Arbeiters meist nur ein geringes Opfer seitens des Arbeitgebers erforderlich. Er hat nur seinen Kredit und seinen verständigen guten Rat herzugeben. Er behält auch als Unterlage des gewähr. ten Kredits so lange Eigentumsrecht des Bodens und der Baulichkeiten, bis der Arbeiter selbst durch die genannten drei Mittel: Nüchternheit, Sparsamkeit, Fleiß, eine genügende Bürgschaft für das angeliehene Kapital beschafft hat. Und wo die Arbeitgeber nicht selbst eintreten können oder wollen, da sollten es gemeinnützige Vereine tun, bestehend aus solchen Männern, welchen die Augen für die Not ihrer Brüder aufgegangen sind. Aber die Arbeitgeber sollten immerhin bedenken, daß sie ihr Geld gar nicht zu höheren Zinsen anlegen können, als wenn sie ihren Arbeiter Prämien bewilligen, ausdrücklich zur Beschaffung eines eigenen Heims. Dadurch werden sie sich auf die sicherste Weise einen treuen, zu verlässigen Arbeiterstamm erziehen, der den Mächten der Verführung Trotz zu bieten weiß. Und ein solcher Stamm wird ihnen erst recht erwachsen, wenn man den Arbeiter wohl an seine Scholle, nicht aber an die eigene Fabrs bindet. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich be haupte, daß mit der Hälfte des jetzt von hoffnungslosen Arbeitern zum Schaden der Gesundheit in Bier und Branntwein vergeudeten Verdienstes die nötigen Zinsen nebst Amortisation des Kapitals für das mir am Herzen liegende Werk reichlich vorhanden ist. Wer mithelfen will, den vorstehenden Gedanken unseres Vaters Schritt um Schritt neue Geltung zu verschaffen, der ist freundlich gebeten, dem Verein„Heimat hülfe“, Dünne, Kreis Herford, als Mitglied beizutreten oder ihm einmalige Beihülfen zuzuwenden(Postscheckkonto Hannover 48273 Pastor G. v. Bodelschwingh, Dünne Kr. Herford oder Hannover 1904 Pastor F. v. Bodelschwingh, Bethel bei Bielefeld). G. v. Bodelschwingh, Dünne, Kreis Herford. F. v. Bodelschwingh, Bethel bei Bielefeld. wird aus dem Arbeitsdienst? gleichlich bedeutsame Angelegenheit einmal wieder zur Behandlung käme, oder richtiger, sie sollte nicht einmal wieder zur Behandlung kommen, sondern immer wieder angefaßt werden, bis endlich eine Lösung, ein Anfangspunkt wirklicher umfassender und durchgreifender Neugestaltung gefunden. Es war daher geradezu eine Wohltat, daß in Nr. 41 endlich mal wieder jemand auf diesen Punkt zu sprechen kam, obwohl die Ausführungen für uns Deutsche nicht gerade ermunternd schlossen. Denn was hilft es uns zu hören, daß die Schweiz und andere Länder den Gedanken vom freiwilligen Arbeitsdienst tatkräftig ausgenommen und gestaltet haben, es andererseits im Blick auf Deutschland aber heißen mußte: hier geht man auch in dieser Lebensfrage einer klaren, festen Entscheidung aus dem Wege und zwar mit dem Randvermerk:„Zu teuer!". Liegt es nicht wirklich so, daß man bald fürchten muß, daß es bei uns hoffnungslos zu spät geworden ist, weil gewisse verantwortliche Kreise und Persönlichkeiten aus parteipolitischer Beengtheit staats= und volkspolitischen Notwendigkeiten das Ohr verschließen? Immerhin, das möchte man doch wenigstens wissen, wie die Dinge mit allen Einzelheiten nun tatsächlich liegen. Hier und da sind wohl ein paar Bemerkungen über die stattgehabten Verhandlungen laut geworden, aber ein klares Bild war daraus nicht zu gewinnen, es blieb lediglich eine dunkle Hoffnung, daß vielleicht irgendwann noch einmal irgendwas in dieser Sache unternommen werden könnte, wenn erst mal völlige Klarheit über alle einschlägigen Fragen hergestellt sein würde, worüber wieweiterhin vergehen. Daß die Dienst pflicht zur Zeit nicht durchführbat, muß leider wohl zugegeben werden, obwohl es natürlich Unfug ist, bei Behandlung der Kostenfrage Tariflöhne füt die Arbeitspflichtigen in Rechnung zu stellen. Will man sich an Vergangenheitliches vielfach auch nicht gern ernnern lassen, so sollte man in der furchtbaren Notlage, in der wir uns gegenwärtig befinden, doch ruhig einmal die 22=Pfennig=Löhnung der ehemaligen Heerespflichtigen ins Gedächtnis zurückrufen und darüber hinaus bedenken, welche andren unwägbaren und unbezahlbaren Dinge wie Gewöhnung an Arbeit, Zucht und Ordnung bei die ser Sache in Betracht kommen. Aber immerhin zugegeben, daß die Arbeitsdienstpflicht augenblicklich bei und tatsächlich nicht durchgeführt werden kann. Warum abet wird, damit erst mal ein Anfang kommt, nicht auch bei uns der freiwillige Arbeitsdienst ernster angefaßt, stan daß man immer wieder erwägt und kritisiert und Ein wendungen registriert? Gibt es vielleicht bei uns noch zu viele Leute, die wohl Reden halten und Bücher schre“ ben, denen es aber im übrigen noch zu gut geht, als dab sie diese Sache mit ganzem unerbittlichem Ernst in vollet aufopfernder Hingabe anzufassen bereit wären? Feyn es uns wohlgeschulten und hochstudierten Deutschen vie“ leicht überhaupt zu sehr an Menschen der Tat und de“ Praxis? Mitreden und mithandeln kann und darf hier natur lich nur, wer diese Zusammenhänge wirklich behertsch und wer selbst auf diesem Gebiet Hand angelegt und e“ fahrung gesammelt hat. Nach wie vor scheint mit“ Schöpke zu verdienen, daß er mit an erster Steut zenannt wird. Freilich sein vorzügliches, aus praktischer Erprobung geborenes Buch vom deutschen Arbeitsdienstjahr statt Arbeitslosenwirrwarr, kann unter den gewandelten, nicht rechtzeitig angepackten Umständen leider nicht ohne weiteres mehr genannt werden, während es im rechten Augenblick ohne weiteres Richtschnur hätte geben können. Aber auch für die Gestaltung des freiwilligen Arbeitsdienstes ist seine Erfahrung doch auszuwerten. Unbedingt wünschenswert wäre, daß Schöpke selbst sich einmal äußere, wie sich das ganze ausnehmen würde, wenn wenigstens zunächst Freiwilligkeit an Stelle von Dienstpflicht zu treten hat. Da mir Schöpkes Anschrift nicht bekannt, schrieb ich schon vor Wochen an seinen Verleger mit dem Ersuchen um Weiterbeförderung meines Schreibens, worin ich Schöpke bat, bei der veränderten Sachlage seine nunmehrige Stellungnahme zum Ausdruck zu bringen. Leider erhielt ich bisher keine Antwort. Ich wiederhole darum diese Bitte hiermit öffentlich in der Hoffnung, daß sie auf diesem Wege Schöpke zu Gesicht kommt, obwohl auch ich bald fürchten muß, daß alle Bemühungen, irgendwie durch Arbeitsdienst aus dem Elend herauszuwachsen, allmählich wirklich zu spät kommen und damit fruchtlos bleiben. Wo kann dann freilich noch irgendwelche Hoffnung geschöpft werden??— es sei denn, daß Schuldfrage, Versailles und Young endlich doch ins Rollen, ins Wanken gebracht werden. Ernst Fricke, Scharnebeck bei Lüneburg. Auf einer Tagung der deutschen Landeskulturverbände„Anfang Februar hat Professor Schöpke einen Vortrag über die Frage des Arbeitsdienstes gehalten. Wir nehmen an, daß er dort gesagt hat, was er zur Zeit darüber zu sagen wußte und geben nachfolgend einen Auszug aus seinem Vortrag, wie ihn die Zeitschrift des Verbandes deutscher Kulturtechniker in Heft 2 bringt. Soviel wir wissen, hat Pastor v. Bodelschwingh noch in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, vor den höchsten Behörden seine Gedanken über die wichtigen und ernsten Fragen vorzutragen und über die gemachten Erfahrungen zu berichten. Auch die genannten Verbände, die am besten Bescheid wissen über die weitgehendsten Arbeitsmöglichkeiten durch Meliorationen und Urbarmachung und Verbesserung von Gelände, sind mit praktischen Vorschlägen an die Regierung herangetreten. Hoffentlich geschieht bald etwas Durchgreifendes. Herr Professor Schöpke hat folgendes ausgeführt: „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Mittel: Niemand wird darüber im Zweifel sein, daß eine Arbeitslosigkeit von rd. 5 Millionen Unterstützter ein Symtom ganz außergewöhnlicher Verhältnisse darstellt. Dabei machen sich die wenigsten klar, daß man die tatsächliche Wirkung der Erwerbslosigkeit nur dann richtig beurteilt, wenn man diese Ziffer mindestens mit 3 multipliziert, d.., wenn man die von diesen Unterstützten wirtschaftlich abhängigen Angehörigen usw. mit betrachtet. Dann kommt man zu mindestens 15 Millionen von der Erwerbslosigkeit betroffenen Personen. Dabei sind alle diejenigen tatsächlich Erwerbslosen noch nicht erfaßt, welche bei den Arbeitsämtern aus irgend einem Grunde nicht als„Arbeitssuchende“ gemeldet sind. Auch ihre Ziffer geht in die Millionen. Als eines der Mittel, dieser gewaltigen Arbeitslosenkatastrophe zu begegnen, wird seit Jahren auch in Deutschland die Arbeitsdienstpflicht genannt. Aber diese Angelegenheit steht nicht auf der Tagesordnung, weder dieser Kundgebung noch der augenblicklichen Zeitlage überhaupt. Ganz anders der Freiwillige Arbeitsdienst. Wir wissen ganz genau, daß durch ihn im Verhältnis zu der Riesenarbeitslosigkeit nur eine geringe Anzahl von Menschen in Arbeit gesetzt werden kann. Aber darauf kommt es in der heutigen verzweifelten Lage des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft nicht allein an: In solchen Lagen bedeuten Beispiele und praktische Versuche auch im kleinsten Maßstabe schon sehr viel. Mit dem Erfinden und Erproben einer neuen„Type“ auf volkswirtschaftlichem Gebiete liegt es ganz ähnlich wie auf dem bauwirtschaftlichen. Eine einzige praktische„Type“ kann Beispiel und Muster werden für Hunderttausende von Neubauten! Die Bewegung für den freiwilligen Arbeitsdienst ist wohl zuerst in der Schweiz entstanden. Dort haben sich bereits im Jahre 1922 Studenten der Technischen Hochschulen zu Freiwilligen Arbeitsgruppen zusammengetan, welche Bergstürze beseitigten, Bodenverbesserungen vornahmen, Straßen und Brücken bauten. Die Schweizer Studenten=Kolonien arbeiteten derart gut, daß die von ihnen geschaffenen Werte die Kosten des Arbeitsdienstes stark übertreffen. In Deutschland ist es seit dem Jahre 1924 die Artamanen=Bewegung, welche alljährlich viele Hunderte von jungen Leuten in die landwirtschaftlichen Betriebe sendet, wo sie jede vorkommende Arbeit leisten. Der Idealismus dieser jungen Menschen ist bewundernswert.— In etwas anderer Richtung läuft das von dem Vortragenden im Jahre 1925 begründete Landwerk. Diese Organisation hat von vornherein den Gedanken einer intensiven Umschulung praktisch durchgeführt, der sich seitdem beim gesamten Freiwilligen Arbeitsdienst Bahn gebrochen hat. Auch das von der Deutschen Arbeiterzentrale ins Leben gerufene Umschulungsunternehmen Fliegerhorst kann man noch zum freiwilligen Arbeitsdienst rechnen, wenn es auch in der Freiheit der Auswahl seiner Schüler stark eingeengt ist.— Ferner haben einige christliche Organisationen, insbesondere des Pastors von Bodelschwingh, ferner das Johannesstift im Lause der letzten Jahre sehr gute Umschulungsbetriebe eingerichtet, welche freiwillige Arbeitsgruppen auf das Land bringen. Man sieht also, die Bewegung für den Freiwilligen Arbeitsdienst ist im lebhaften Gange. Es wird nun darauf ankommen, daß die Regierung und der Reichstag durch ein Rahmengesetz für den Freiwilligen Arbeitsdienst die Wege ebnet. Man wird dabei auf keinen Fall das Prinzip der Freiwilligkeit durchbrechen dürfen. Man wird also alle Organisationen, welche sich bereit erklären, den sachlichen und wirtschaftlichen Anforderungen nachzukommen, die eine Gewähr für das Gelingen der Angelegenheit geben, durch dieses Gesetz schützen und fördern müssen. In dem Freiwilligen Arbeitsdienst hat man eines der seltenen Gebiete vor sich, auf welchem man weder nach links noch nach rechts zu sehen braucht, sondern lediglich„geradeaus“! Denn hier tut sich ein Weg auf, der aus dem Massenelend der Arbeitslosigkeit doch einmal herausführen wird in eine bessere Zukunft!“ Ausbau der deutsch=russischen Beziehungen. Geheimer Kommerzienrat Reinecker über die Aussichten des Rußlandsgeschäfts. — Chemnitz, 14. März. Geheimer Kommerzienrat Dr. Reinecker schilderte in einer Unterredung mit einem Vertreter des„Chemnitzer Tagebl.“ die Eindrücke, die er als Teilnehmer an der Reise der deutschen Industriellen in Rußland empfangen hat. Ueber das Ergebnis ihrer Reise nach Rußland hätten sich die Mitglieder der Abordnung untereinander durchweg sehr befriedigt ausgesprochen. Einmütig gehe die Auffassung dahin, daß alles getan erden müsse, die bereits bestehenden Beziehungen zwischen der deutschen Wirtschaft und Rußland zu festigen und aufzubauen, denn Rußland sei der Großabnehmer, auf dessen Warenbedarf heute die Lebensmöglichkeit für ganze Zweige der deutschen Industrie beruhe. Es handele sich um Vereinbarungen für die Dauer eines Jahres. In diesem Zeitraum wolle Rußland an die deutsche Industrie über die bisherigen Auftragsmengen hinaus zusätzliche Bestellungen im Gesamtwert von 300 Millionen Mark vergeben. Eine Anzahlung in Höhe von 20 v. H. des Auftrages solle jeweils bereits bei Erteilung der Bestellung fällig sein, der Rest, wie bisher, in Raten gezahlt werden. Die Bedeutung einer so erheblichen Auftragsmenge für die darniederliegende deutsche Wirtschaft liege in der Gewißheit, daß die Ausführung so umfangreicher Bestellungen mehreren Tausend Erwerbslosen für geraume Zeit wieder Arbeit und Brot gebe. Es dürfe also erwartet werden, daß das Reich von sich aus alles daransetzen werde, die Hereinnahme dieser Aufträge möglich zu machen. Daß die deutschen Industriellen weit davon entfernt gewesen seien, bei den Moskauer Verhandlungen von der Bahn des Möglichen abzuirren, beweise die Tatsache, daß das Auftragsangebot Rußlands viel weiter gegangen sei, sowohl hinsichtlich der Vertragsdauer, wie des Umfanges der Aufträge. Man habe es aber für sicherer gehalten, sich auf eine Auftragsmenge zu beschränken, deren Uebernahme auch nach der finanziellen Seite hin unbedingt durchführbar erschienen sei, um von da aus das Rußlandgeschäft allmählich immer weiter in dem erstrebenswerten Maße auszubauen. In Rußland eröffneten sich für die deutsche Industrie nahezu unbeschränkte Möglichkeiten. Das Land habe einen Warenhunger, von dessen Ausmaß sich bei uns in einer Welt fortgeschrittener Zivilisation kaum jemand eine rechte Vorstellung mache. Festzuhalten und immer wieder zu unterstreichen sei die Tatsache, daß die Absatzaussichten der deutschen Produktion in anderen Ländern sich mit denen in Rußland im Ernst überhaupt nicht vergleichen ließen, und zwar sowohl im Hinblick auf die Masse des Absatzes, wie auf seine Dauer. Günstige Lage der Reichspost. Der Tiefstand der Depression erreicht.— Der Personalbestand gegenüber 1922 um 20,6 Prozent vermindert. — Berlin, 14. März. Der Haushaltsausschuß des Reichstags erledigte den Etat des Reichspostministeriums. Im Verlause der Debatte erstattete Minister Dr. Schätzel einen Tätigkeitsbericht, worin er den Ausbau der Verwaltungsreform und eine planvolle und vorsichtige Weiterführung der Vereinfachungsmaßnahmen ankündigte. Der Minister bezifferte die durch die bisherige Rationalisierung erzielten Ersparnisse für die Zeit von 1927 bis zur Gegenwart auf 178 Millionen. Der Personalbestand habe sich seit 1922 um rund 20,6 Prozent vermindert. Gegenüber der Vorkriegszeit sei eine Einnahmesteigerung um 140 Prozent zu verzeichnen, während sich der Personalbestand nur um 19,6 Prozent vermehrt habe. Mit Befriedigung hob der Minister hervor, daß infolge des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Reichspost rund 54 500 Arbeitskräfte vor der Arbeitslosigkeit bewahrt worden seien. Während des sehr lebhaften Weihnachts= und Neujahrsverkehrs habe man von Ueberstunden der Beamtenschaft abgesehen und dafür vorübergehend 23.000 Arbeitslose eingestellt. Zur Verkehrslage erklärte der Minister zusammenfassend, zunächst seien die Rückgänge, die auf Grund der anhaltenden Wirtschaftsdepression zu verzeichnen waren, bei den einzelnen Betriebszweigen mehr oder weniger durch Verkehrszunahme an anderen Stellen ausgeglichen worden. Erst seit Juni vorigen Jahres seien stärkere Folgen aufgetreten. Der Ziefstand der Depression sei bei der Reichspost aber seit einiger Zeit erreicht. Zur Finanzlage verwies Dr. Schätzel darauf, daß die Mittel für das vorjährige Arbeitsbeschaffungsprogramm noch für längere Zeit nicht verbraucht seien, da die meisten Lieferverträge noch laufen. Die Ersparnisse aus Kürzung der Gehälter in Höhe von rund 62 Millionen werde die Post an die Reichskasse abliefern. In der Abstimmung wurden verschiedene Entschließungen angenommen. Eine sozialdemokratische Entschließung ersucht die Reichsregierung, Härten zu beseitigen. Die durch Einführung der Altersgrenze von 35 Jahren bei Ueberführung von Lohnempfängern ius Beamtenverhältnis entstanden sind. Der Kirchen=Vertrag. Im Hauptausschuß des Preußischen Landtags teilte Ministerpräsident Braun mit, daß die Verhandlungen mit der evangelischen Kirche bis auf einen strittigen Punkt, der hoffentlich demnächst ausgeräumt sein werde, soweit gefördert sein wird, daß der Vertrag alsbald dem Landtage vorgelegt werden könne. Schüsse auf Nationalsozialisten. Drei Verletzte. — Berlin, 14. März. In Wilhelmsaue wurden am Freitag abend Anhänger der NSDAP, die sich auf dem Wege zu einer Versammlung befanden, von politisch Andersdenkenden(Reichsbanner?) beschossen. In einem Fall wurde aus einer Gruppe von vier Männern auf des Weges kommende Nationalsozialisten gefeuert. Zwei Männer und ein junges Mädchen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Polizei konnte die Täter festnehmen, denen zwei Pistolen abgenommen wurden, während eine dritte Waffe auf der Erde liegend gefunden wurde. An einer anderen Stelle ereignete sich der gleiche Vorfall. Ein einzelner Mann gab auf Nationalsozialisten mehrere Schüsse ab, durch die aber niemand verletzt wurde. Ein Polizeibeamter, der den Schützen festnehmen wollte, wurde von diesem mit der Pistole bedroht. Die Waffe versagte aber, so daß der Täter festgenommen werden konnte. Reichsrat erhebt Einspruch. Gegen das Gefrierfleischkontingent und die Novelle zum Brotgesetz. — Berlin, 14. März. Der Reichsrat beschäftigte sich mit der vom Reichstag verabschiedeten Novelle zum Brotgesetz und dem Gesetz über die Wiedereinführung eines zollfreien Gefrierfleischkontingents. In der Abstimmung wurde durch Mehrheitsentscheidung beschlossen, Einspruch gegen die Inkraftsetzung der Vorlagen einzulegen. erwartet Gandhi. Zur Teilnahme an einer neuen englisch=indischen Konferenz im Herbst. — London, 14. März. Die englische Regierung hat auf die sofortige Einberufung einer neuen englisch=indischen Konferenz nach Delhi verzichtet und sich entschlossen, im Herbst eine neue Round=Table=Konferenz in London zu eröffnen. Der Vizekönig von Indien ist bereits aufgefordert worden, geeignete Schritte nach dieser Richtung hin zu tun. Der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Gandhi, wird zur Teilnahme an der zweiten Konferenz eingeladen werden. Inzwischen sollen vorbereitende Arbeiten für die neue Konferenz getroffen werden; vor allem will man die Beziehungen zwischen den Hindus und den Mohammedanern klären. Das Schwergewicht der Konferenzpolitik wird somit bis auf weiteres nach Indien verlegt. Das stimmt auch mit der Meldung überein, daß Gandhi jetzt seine Aufmerksamkeit hauptsächlich der Einigung zwischen Hindus und Mohammedanern widmen werde. In England ist eine Klärung jetzt insofern eingetreten, als im Verlaufe eines reinigenden Gewitters im Unterhaus der Führer der Konservativen, Baldwin, nachdrücklichst anerkannt hat, daß die indische Frage nur durch Zusammenarbeit aller Parteien gelöst werden kann. Das ist ein politisches Ereignis ersten Ranges, wird Baldwin nunmehr doch an der neuen, nach London zurückverlegten Konferenz teilnehmen. — Im Leipziger Waffendiebstahlsprozeß wurden zwei Angeklagte zu Zuchthaus, die übrigen größtenteils zu Gefängnis= und Festungsstrafen verurteilt. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 15. März 1931, 10 Uhr vorm.: Konfirmation, Pastor Neuhaus; 2½ Uhr nachm.: Prüfung der Konfirmanden von Pastor Dahlmann; 5 Uhr nachm.: Abendmahlsfeier, Pastor Neuhaus.— Freitag, den 20. März 1931, 5 Uhr nachm.: Passionsgottesdienst mit Abendmahlsfeier, Pastor Neuhaus. Bethel. — Oratorienchor. Wichtig! Die Probe am Sonntag im Jünglingssaal des Assapheums beginnt um ½2 Uhr pünktlich. Beide Kantaten mitbringen! Generalprobe Mittwoch, den 18. 8. abends 8 Uhr in Zion. Christlicher Verein junger Männer. Heute und morgen, Sonntag, den 15., in der Volkshalle Bundesschulungskursus. Heute 4 Uhr: Wo steht der Feind?(Dr. Wilkes). Sonntag 10 Uhr Predigt v. Bundeswart P. Juhl. Nachm. Vorträge. Wir nehmen an dem Kurs teil. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitia: Dr H. Huttel; Anzeigen: K. Diekmann; alle in Bethel. Zionskirche Bethel Musikalische Nachfeier zum 100. Geburtstag Friedrich v. Bodelschwingbs Donnerstag, den 19. März 1931, abends 8 Uhr Freitag, den 20. März 1931, Wiederholung Ausführende: Der erweiterte Kirchen= und Oratorienchor, Frau Elisabeth Schroiff(Sopran), Gerard Bunk(Orgel) Leitung J. P. Seiler. Dortragsfolge: I. Cantate, Selig sind die Barmherzigen J. P. Seiler 2. Orgelsolo, Prael. und Fuge(Es dur) I. S. Bach 3. Cantate, Ich hatte viel Bekümmernis J. S. 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