Ausgabe 
13 (11.1.1931) 9
Seite
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Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonntag, den 11. Januar 1931.

13. Jahrgang.

Jauchz' ihm, Menge heil'ger Knechte,

Rühmt, vollendete Gerechte,

Und du Schar, die Palmen trägt,

Und ihr Märt'rer mit der Kcone,

Und du Chor vor seinem Throne,

Der die Gottesharfen schlägt!

Mihiigiaiiigisgiihsiishisissiihiihishisiig

Die Erscheinung Christi.

Der Drache trat vor das Weib, das gebären sollte, auf daß, wenn sie geboren hätte, er ihr Kind fräße. Und sie gebar einen Sohn, ein Knäblein, der alle Heiden mit dem eisernen Zepter weiden sollte. Offb. 12, 4 u. 5.

Durch die Offenbarung Johannis läßt Gott seine Chri­stenheit einen Blick tun in die Geheimnisse seiner Welt­regierung— nicht nur in der fernen Zukunft, sondern auch in der Gegenwart, in der wir leben. Hier erfahren wir, daß Gott seinen Christus, seinen gesalbten König, in dieser Welt dazu erscheinen ließ, damit er die von Gott ihm anvertraute Herrschaft über alle Völker an­trete. Wie wenige Christen begreifen das! Sie schwär­men für den frommen und tief reltgiösen Jesus von Na­zareth. Sie feiern seine herrlichen sittlichen Grundsätze, aber das Wunder seiner Erscheinung verstehen sie nicht. Daß dieses von einer verfolgten und gehetzten Mutter ge­borene Knäblein von Gott die Vollmacht zur Weltherr­schaft erhielt und daß von dieser seiner Herrschaft das Heil der Völker abhängt, wer will das Wort haben?

Einer begriff es, der, den Johannes als ein furchtba­res Ungeheuer vor der Mutter des Knäbleins stehen sieht. Dieses vorweltliche Riesentier, von dem die vorge­schichtlichen Versteinerungen uns ein anschauliches Bild geben, dieses Wesen von ungeheurer Kraft und Bosheit, das alles Leben um sich her vernichtet, ist ein zutreffen­des Abbild von der gewaltigen Zerstörungsmacht des Sa­tans, der das Kommen des gesalbten Königs, damals wie heute, mit Hohnlachen grüßt. Es ist derselbe, der einstmals in Herodes und Pilatus Macht gewann und heute in Rußland und China seine Wut an den Christen ausläßt, Alle die, die sich gegen Gott auflehnen, sind ja mit ihm eins.

Aber gottlob fehlt es auch nicht an Hirten auf dem Felde und an Weisen aus dem Morgenlande, die dieses Kindlein als den von Gott gegebenen Herrn und Hirten freudig grüßen und sein eisernes Zepter küssen. Aber se mehr der erschienene Christus mit seinem Hirtenamt ernst macht, je mehr Gott ihm, und ihm allein, die Völ­ker anvertraut, um so gewaltiger wird der Widerstand.

Sie aber, die sich von ihm weiden lassen, sollen wis­sen, er übt sein Herrschaftsamt mit eisernem Zepter. Furchtbare Strafgerichte gehen nach seinem heiligen Wil­len über die Menschheit, die Gott widerstrebt. Der Chri­stus mit dem eisernen Zepter ist ein Herrscher, der nicht mit sich spassen läßt, den man nicht biegen und beugen kann wie ein schwankendes Rohr, der die Völkerscharen im Gefolge des Drachen mit seinem gewaltigen Arm zer­schmettern wird. Die Christenheit hat sich leider oft ein falsches verzärteltes Bild von dem gutmütigen Hirten ge­macht, der doch der wahre Hirte ist, der die störrischen Heiden und ungehorsamen Christen niederzwingen wird. Auch die Christenheit, die auf ihren Kulturbesitz stolz, durch ihre vermeintliche Bildung aufgeblasen einher­geht, wähnend, sie bedürfe des Hirten nicht, am wenigsten des Königs mit dem eisernen Zepter, auch sie wird seine Hand zu spüren bekommen, denn er, der in Gottes Auftrag in der Menschheit erschien, ist heute wie damals der Herr ohne Gleichen, den nicht die Menschen, sondern Gott auf den Thron gesetzt hat, der mit göttlicher Vollmacht regiert und dessen Herolde Schritt für Schvitt die Völkerwelt ihm unterwerfen.

Die Christenheit, unter das eiserne Zepter ihres Heer­führers geschart, braucht sich nicht zu fürchten. Es ist ja ihr Trost und Siegeszeichen. Wenn wir nur seine Erschei­nung wirklich lieb haben, dann werden wir einst ihm, wenn er im Strahlenkranz des ewigen Lichtes erscheint, huldigen dürfen als unserem König und Herrn. Simon.

Was

Augenblicklich erfordern die Maßnahmen, die der Stabilisierung der Wirtschaft gelten, das meiste Inter­esse. Das Ruhrgebiet mit seiner gewaltigen Industrie spielt nun einmal, wenn es sich um Lohnfragen handelt, die größte Rolle. Es wird als das Schlüsselgebiet fast der ganzen deutschen Wirtschaft angesehen. Seit mehre­ren Wochen sind nun schon ernste Verhandlungen im Gange, die eine Herabsetzung der Löhne und Gehälter bringen sollen. Die Schlichtungsausschüsse arbeiten un­unterbrochen. Die amtlich bestellten Schlichter konnten nicht zum Ziel kommen. Der Arbeitsminister Steger­wald hat eingegriffen. Bis zu der Stunde, wo wir dies schreiben, ist aber eine Einigung noch nicht erzielt und eine Entscheidung noch nicht gefallen. Zeitweise herrschte unter den Arbeitern des Ruhrgebietes eine recht erregte Stimmung. Der kommunistische Einfluß war sehr stark. Die großen Gewerkschaftsverbände und die Nationalso­zialistische Partei schienen sich aber darin einig zu sein, daß die kommunistische Führung in der Bewegung ver­hindert werden sollte. Ganz bestimmt läßt es sich nicht sagen, ob das schnelle Abflauen des Streiks nur auf die geschlossene Haltung jener drei Gruppen zurückzuführen ist, oder ob die Regierungsorgane ihren Willen auch hier durchzusetzen vermochten. Tatsächlich sieht es so aus, als habe die Regierung einen Sieg errungen.

Wenn die Regierung alle Energie aufbietet, um durch die schweren und gefährlichen Maßnahmen einer Lohn­kürzung ihr Programm durchzusetzen, so tut sie es sicher in der Meinung, damit ihren allgemeinen Zielen, einer endgiltigen Besserung der politischen und der wirtschaft­lichen Verhältnisse näher zu kommen. Wie die Verhält­nisse sich aber jetzt noch entwickeln, gehört ein starker Optimismus dazu, um an dieser Hoffnung festzuhalten. Unsere nähere Umgebung hier, Bielefeld und das Ra­vensberger Land, leiden jedenfalls sehr stark unter der zunehmenden Not. In Bielefeld regeln schon Staatskommissare die Finanzen der Stadt, diktieren die Steuern und zwingen zu Gehaltskürzungen. Davon hat man aber noch nichts gehört, daß sie auch Betriebe wieder in Gang bringen, Arbeit schaffen, die Lohn, Gewinn und Steuern bringen kann, vielmehr erliegen immer mehr Betriebe dem Steuerdruck und dem Absatzmangel und man fragt sich, was werden soll, wenn nun auch noch ein rauher Winter einsetzt, Frost und Schnee jetzt noch vor­handene Arbeitsmöglichkeiten verhindern.

Es ist ein ganz schlimmer Jahresanfang. Die unsi­chere Wirtschaftslage mit der zunehmenden Arbeitslosig­keit gibt der aufsteigenden Unzufriedenheit und Ratlo­sigkeit immer neue Nahrung. Dazu kommt eine hem­mungslose parteipolitische Verhetzung und es erscheint fast als Wunder, wenn es gelingt, jetzt im Ruhrgebiet die Gemüter noch so lange zu beruhigen und schlimmere Exzesse zu verhindern.

In der Neujahrsnacht waren in Berlin wieder zwei Menschen durch Mörderhand umgekommen. Beide ge­hörten der Sozialdemokratie an. Die Mörder sind bis jetzt noch nicht gefaßt. Es wird vermutet, daß es Natio­nalsozialisten sind. Das hat in Berlin einen Sturm ge­geben. Für die revolutionären Elemente eine wahre Hochzeit. Was lange nicht mehr möglich war, wurde noch einmal zur Tatsache. Es zeigten sich Verbindungslinien von der..D. zu der..D. Die„Rote Fahne", das Organ der Kommunisten, berichtet:

„Das rote Berlin gab gestern dem in der Neujahrs­nacht von nationalsozialistischen Mörderbanden erschos­senen Reichsbannerarbeiter Willi Schneider das letzte Geleit. Der Gesang der„Internationale“ eröffnete den gemeinsamen Kampfaufmarsch der Berliner Arbeiter­schaft gegen den Faschismus, als in der Bötzowstraße sich der Kampfbund gegen den Faschismus an die Spitze dieser Massenkundgebung stellte. Unter tausend­fachen Rot-Front=Rufen marschierten die Berliner Proletarier vorwärts. Die revolutionären Gesänge, von den Kameraden des Kampfbundes gegen den Fa­schismus angestimmt, griffen auf die Massen über. Kommunistische, sozialdemokratische, parteilose und christliche Arbeiter vereinten ihre Stimmen zu einem gewaltigen Massengesang des Siegeswillens.

Das Treuergefolge wurde zum Kampfaufmarsch.“

Wenn dann auch hinterher die Grzesinski und Künstler im gleichen Bericht nicht weiter geschont und in der üblichen Weise beschimpft wurden, so hatte doch die„Rote Fahne“ eine Gelegenheit, ihren Lesern einmal wieder den Sieg des Kommunismus in größere Nähe zu rücken.

Man will nicht zu schwarz malen. Wenn man aber die Zeitungen aller Parteirichtungen täglich studiert, kann

man nur den Eindruck gewinnen, daß die Lage sehr ernst ist. Es wird auf einen Bürgerkrieg hingearbeitet, von dem ganz bestimmt kein Mensch sagen kann, daß er für irgendeinen Deutschen einen Zweck hoben würde. Die Nutznießer einer solchen Katastrophe würden nur dieselben sein, die seit einem Menschenalter von innen und von außen her an der Zerschlagung Deutschlands arbeiten. Es ist wirklich eine schlimme Tatsache, wenn Leute, wie der Genosse Crispien und andere, die schwie­rige Lage Deutschlands ausnutzen, um den Massen d. bedrängten Arbeiter jetzt wieder Hoffnungen auf einen goldenen Zukunftsstaat der sozialistischen Republik zu machen. Es ist doch kaum anzunehmen, daß die soziali­stischen Führer an eine solche Möglichkeit glauben. Was jetzt auf der englisch=französischen Finanzkonferenz in Paris verhandelt und beschlossen wird, macht sicher nicht den Eindruck, als sei in absehbarer Zeit eine Erleichte­rung für Deutschland durch Lockerung außenpolitischer Bindungen zu rechnen. Die krisenhafte Ratlosigkeit, die in allen Staaten in bezug auf die Ingangbringung der Wirtschaft herrscht, bringt nicht einmal auf den Gedar­ken, daß eine Revision des Youngplanes oder gar des Versailler Diktats vielleicht für alle Staaten## wün­schenswerte und segensreiche Maßnahme sein könnte. Und so wird das Deutschland der nächsten Zukunft, mag es eine Wirtschaftsform haben, wie es will, sich mit den­selben außenpolitischen Lasten abplagen müssen, die ihm diese Verträge auferlegt haben. Wer aber beobachtet hat, daß die kalte Sozialisierung, die sich bei dem starken Einfluß, den die Sozialdemokratie in allen Nachkriegs­regierungen hatte, langsam, aber dauernd stärker voll­zog, in unsere ganze Wirtschaft die jetzt bestehende Un­sicherheit und Zerrüttung gebracht hat, der wird vor­läufig weiteren derartigen Versuchen nur mit Angst und Sorge gegenüberstehen. Sicher gibt es auch Formen der sozialistischen Wirtschaft, die vielleicht der persön­lichen Initiative freieren Spielraum geben als die heu­tige„freie“ Wirtschaft, in der der Konzern und Trust jede Konkurrenz und jeden Wettbewerb ausschaltet. Aber die Vertreter der modernen politischen Sozialdemokra­tie erwarten ja nicht das Heil von einem solchen gesun­den Wettbewerb. Sie scheinen vielmehr so im Bann der Internationale zu stehen, daß sie meinen, auch das inter­nationale Weltkapital werde einmal dem Sozialismus dienstbar gemacht werden, den sie ihren Anhängern jahr­aus, jahrein predigen. In welche Sklaverei aber eben die ganze Welt dadurch gebracht wird, das könnten doch inzwischen die sozialistischen Führer wissen. Leider hat alle Aufklärung, alle Bildung, die auch den arbeitenden Massen gebracht worden ist, dieselben noch nicht dahin ge­bracht, daß sie ihren wirklichen Feind erkennen. Es wäre sehr zu wünschen, daß die augenblickliche Notlage Deutschlands in den beiden Lagern, die sich jetzt wieder so feindlich gegenüber stehen, der Arbeiter und des Unter­nehmertums, die Erkenntnis wächst, daß in einem Pro­duktionsprozeß, der die Aufgaben lösen soll, die man ihm in Deutschland stellt, nur die Zusammenarbeit aller Faktoren ein erfolgreiches Ergebnis erzielen kann.

Weil, wie die französisch=englischen Verhandlungen in Paris aufs neue wieder beweisen, vorläufig noch gar nicht daran zu denken ist, daß die Entente Deutschland die nötigen Erleichterungen von sich aus gewähren würde,(die Reden Mussolinis, in denen er Revision der Reparationsforderungen verlangt, machen dort noch hei­nen Eindruck), so sollte aller Wert darauf gelegt werden, zu sehen, ob es nicht doch trotz der Versailler Bindungen und Verpflichtungen noch Möglichkeiten gibt, die Lage in Deutschland zu meistern auf eine Weise, die sowohl der Wirtschaft auf die Beine helfen, wie auch den partei­politischen Streit mildern und die ganze deutsche Volks­gemeinschaft so stärken könnte, daß dann auch die Ueberwindung der außenpolitischen Schwierigkeiten in den Bereich der Möglichkeiten rückte. Erfreulicherweise mehren sich die Stimmen, die auf solche Notwendigkeiten hinweisen. Ganz deutlich hat auch der frühere Reichs­bankpräsident Dr. Schacht in seinen Reden im Ausland darauf hingewiesen, daß der bisherige Modus der Repa­rationserfüllung durch Anleihen im Ausland niemals zu einem befriediganden Ergebnis führen werde. Sobald Deutschland damit Schluß macht und hält sich nur an die Reparationsleistung durch Warenlieferung, beschränkt sich auch sonst in seinem Bedarf aus dem Auslande mehr auf das allernotwendigste, so daß seine Handelsbilanz ein Aussehen bebommt, wie es der allgemeinen Lage Deutschlands entspricht, so wird es gar nicht ausbleiben, daß das Ausland sich genötigt sieht, eine Revision der Verträge vorzunehmen, ohne daß Sanktionsmaßnahmen ergrifsen wenden, wie wir sie in der Ruhrbesetzung er­lebten.