Ausgabe 
13 (10.1.1931) 8
Seite
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mit den Beilagen„Für Herz und

„Kindergabe“ und„Anser Ziel.“

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Nr. 8.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 10. Januar 1931.

13.

Wenn es dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du es übel nimmst, geht es dir drum noch schlimmer, und tut ein Freund dir weh, vergib ihm und versteh, Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst tät er dir nicht weh.

Rückert.

Mlltilsniiiiiiiiing

Zum Erlaß despreußischen Kultusministers über die Amgestaltung der Schulzeugnisse.

In den Schulzeugnissen sollen künftig nach einem Er­saß des preußischen Ministers für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung keine Prädikate in Betragen und Auf­merksamkeit mehr erteilt werden. Damit greift der Mi­nister nicht allein in den inneren Schulbetrieb, sondern auch in das Gebiet der Elternrechte ein. Die Schul­zeugnisse, wenigstens die Halbjahrszeugnisse, sind der Eltern wegen gegeben worden, nicht der Kinder wegen. Es fragt sich darum, wie die Elternschaft sich mit der ge­schaffenen Tatsache abfinden wird. Als der Gedanke vor einem Jahr zum ersten Mal auftauchte, war die Ent­rüstung sehr groß. Vor dem zweifellos kommenden Widerstand hat das Ministerium sich bewogen gefühlt, zum Ausdruck zu bringen, daß die Maßnahme nicht die Fortnahme eines Rechtes bedeuten soll. Ueber Hemmun­gen, Störungen oder Gefahren in der Entwicklung des Schülers sollen die Lehrer nach gemeinsamer Be­sprechung den Eltern Mitteilung machen. Die Durchfüh­rung dieser Bestimmung wird nicht leicht sein; auch dürfte der Widerstand aus Elternkreisen so groß sein, daß das Ministerium sich sehr wohl zu einer Zurück­nahme des Erlasses veranlaßt sehen könnte..

Trotzdem darf nicht verschwiegen werden, daß der Erlaß imstande ist, Spannungen im innern Schulbetrieb zu beseitigen. In der Schule hat sich im letzten Jahrzehnt doch vieles geändert, aber dem einzelnen Erzieher ist fast völlige Freiheit in seiner Einstellung gegeben. In fast jedem Kollegium sind darum auch Gegensätze vorhanden, und die bringen es mit sich, daß den Zensuren im Be­tragen und in der Aufmerksamkeit weniger Bedeutung beizumessen ist als früher. Kommt es doch vor, daß Be­tragen desselben Schülers von dem einen Lehrer mit „sehr gut“, von dem andern mit„befriedigend“ bewertet wird. Die Sittenprädikate haben darum von seiten der Lehrerschaft ein großes Maß von gegenseitiger Duldsam­keit verlangt; bei den Eltern haben sie trotzdem nicht selten Befremden erregt.

Das Kind, das sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, hatte bislang ein Anrecht auf das höchste Prädi­kat im Betragen, ganz einerlei, ob sein Wohlverhalten aus stärkster Selbstbeherrschung oder aus angeborener Passivität hervorging. Die Erzieher hatten schon immer starke Bedenken bei dieser Art der Zensierung.„Wir sind gezwungen, diesem Kinde im Betragen ein Lob zu erteilen, denn es ist eine harmlose Seele, die keinem Menschen etwas zuleide tut, aber wir sind auch über­zeugt, wie wenig sittliche Kraft vielleicht hinter diesem gesitteten Betragen liegt,“ so war das Urteil. Man lobt doch auch den Menschen seiner Mäßigkeit wegen nicht, der nur darum mäßig ist, weil er einen schwachen Magen hat; ebensowenig ist das Lob gerechtfertigt für den, der nicht gegen seine Triebnatur ankämpfen muß, weil die Natur ihn mit schwachen Trieben ausgerüstet hat. Nur der, der im Kampfe mit sich selber Sieger wird, hat eine sittliche Tat vollbracht, nur der trägt die Eignung zum Führer in sich. Auf diesen Standpunkt stellt sich konsequent die neue Schule. Ihr liegt nichts an dem passiven Wohlverhalten der Schüler, sondern nur an dem, das aus stärkster Aktivi­tät hervorgeht.

Die Kinder lehnen instinktiv vieles von dem ab, was das Leben aus konventionellen Gründen häufig nicht abzulegen vermag. Die großen Schreier sind in der Regel nicht oder nicht lange die Führer der Gemeinschaft. Meistens sind es ruhige, kernige Naturen, die sich die Schüler zu Führern erwählen, denen sie sich willig unter­ordnen, denen sie dann auch die besten Zensuren gönnen. Das Leben wird die mehr passiv gerichteten Naturen immer gebrauchen, und die Schule wird sie auch nicht entbehren können— die ganze Menschheit dürfte nicht aus Bismarcknaturen bestehen, das würde das Chaos ergeben— aber der Volksstaat hat entschieden Mangel an Persönlichkeiten. Führer sind etwas wesentlich an­deres als Strebernaturen, die in unserem Volkestaat leider noch eine so große Rolle spielen. Die Kinder wissen Führer und Schreier sehr wohl zu unterscheiden. Indem die Schule dem Hervorkommen wahren Führer­

tums zustrebt, leistet sie sich selbst und dem Staate den allergrößten Dienst.

In der Aufmerksamkeit genügte früher in der Hauptsache die Bereitschaft des Kindes, das Gebotene aufzunehmen. Auch beim Frage= und Antwortverfahren war es kaum anders. Bei ihm konnte der Lehrer jeder­zeit feststellen, ob ein Kind abirrte, oder ob eine Sache noch nicht verstanden war. So unterschied es sich vorteil­haft vom Vortrags= oder Vorleseverfuhren. Das Unter­richtsverfahren der Arbeitsschule ist mehr auf die Selbst­tätigkeit der Schüler gestellt. Die Schüler setzen sich schließlich selbst die Ziele, denen sie zustreben wollen. Der Schüler, der sich in dieser Arbeit auszeichnet, erhält in der Aufmerksamkeit die gute Note.

Für den Erzieher, namentlich für den Anfänger liegt hier die ernste Gefahr vor, daß er den Schwätzer mit dem aufmerksamen Schüler verwechselt. Es ist nicht alles wertvoll, was geredet wird, und nur zu leicht kommt es dahin, daß sich gerade das tiefer schürfende, darum aber auch langsamer arbeitende Kind durch die lebhafteren, chäufig oberflächlicheren Naturen überholt sieht und an seinem Können verzweifelt. Diese Gefahr hat die Ar­beitsschule erkannt, und durch die Pflege der Intuition sucht sie sie abzuwenden. Das charakteristische Merkmal der neuen Schule ist eigentlich nicht das redende, sondern das schweigende Kind. Das soll nicht heißen, daß in die­sem Unterricht das Kind grundsätzlich schweigt, sondern in ihm tritt neben die Kultur des Redens die der stillen Ueberlegung, die des Hineinversetzens.„Die Seele ist weit entwicklungsfähiger nach Empfänglichkeit und schöpferischem Sein im Zustande des Ruhens, der Besinn­lichkeit und des besinnlichen Anschauens als in der be­wußten Reflexion. Wir sind dann am produktivsten, wenn wir am stillsten sind.“(Eberhard,„Von der Ar­beitsschule zur Lebensschule.")

Aus dieser kurzen Herausstellung der wichtigsten Punkte mag hervovgehen, wie schwer es ist, in einer Klasse, in der eine Reihe von Lehrern verschiedener Ein­stellung gemeinschaftlich am Werk der Erziehung arbei­ten, in einer Zensur das Verhalten des Kindes gewissen­haft zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht vermag eine Mitteilung doch mehr zu sagen. H. Vagts

Ein neuer Weltkrieg bringt uns nicht die

Ludendorffs Broschüre:„Weltkrieg droht!“

O. Bungeroth.

Es ist wohl kein bloßer Zufall, daß kurz vor der Er­öffnung der Verhandlungen über die Abrüstung, die Mitte Januar in Genf beginnen, Ludendorff seine Bro­schüre„Weltkrieg droht!“ als Fanale zur Beleuchtung der Abrüstungsfrage herausgegeben hat. Es ist natürlich sehr bequem, wenn Vogel=Strauß=Politiker, wie dies ge­schieht, die Gedanken Ludendovffs von vornherein ab­lehnen und als„Quatsch“ bezeichnen. Gewiß berührt die Auslegung der gelheimnisvollen Machenschaften, die hin­ter den Kulissen der weltgeschichtlichen Bühne vor sich gehen sollen nach Ludendorffs Meinung, etwas eigentüm­lich, umsomehr, als die ganze Broschüre von einem sehr übersteigerten Selbstbewußtsein des ehemaligen Gene­ralstabschefs in der obersten Heeresleitung des Welikrie­ges zeugt. Andererseits aber erscheinen uns die militär­politischen Ausführungen dieses Meisters vom Wassen­handwerk doch außerordentlich beachtenswert und mit Recht spricht er den von ihm als politische„Eintagsflie­gen“ bezeichneten deutschen Politikern zumeist jede Fä­higkeit zu militärpolitischem Denken ab. Seine Behand­lung der militärischen Zustände Europas macht dagegen durchaus den Eindruck nüchterner, auf amtlichen Zahlen­statistiken aller in Betracht kommenden Staaten beru­beruhender Erwägung.

Da wir annehmen müssen, daß die wenigsten Auf­wärtsleser den genauen Inhalt der Ludendorffschen Broschüre kennen oder doch nur aus Zeitungsnotizen davon Kenntnis genommen haben, so erlauben wir uns. denselben kurz wiederzugeben, um so mehr, als, nach unserer Ansicht wenigstens, nach Oswald Spenglers„Un­tergang des Abendlandes“ keine Schrift von ähnlich er­schütterndem Charakter erschienen ist.

Ludendorff nimmt an, daß ein neuer Weltkrieg ent­brennen werde und zwar schon in Kürze. Daß er den 1. Mai 1932 als den Anfang der Mobilmachung fast aller Staaten Europas ansetzt, hat seinen Grund darin, daß die Kabala, als das Gehermbuch jüdischen, freimaureri­schen Aberglaubens, den., den 10. und 15. jedes Monats als besonders gtückverheißend anspricht. Daß aber be­

reits das Jahr 1932 als das Jahr des ausbrechenden Weltenbrandes angegeben wird, rührt daher, daß der Verfasser, wie uns scheint, nicht mit Unrecht annimmt, daß die kriegslustigen Mächte, wenn sie auch nur im ge­heimen darüber verhandeln können und dazu rüsten dür­fen, um nicht den Unwillen der breiten Massen in allen Ländern Europas zu wecken, doch nicht ein Wiederer­starken Deutschlands und überhaupt Mitteleuropas ab­warten wollen.

Was uns zunächst durchaus neu und überrasche: war, war die Stellung Ludendorffs, der doch im Hitler­putsch 1923 neben Hitler im Münchener Demonstrations­zug marschiert war, sich dem Nationalsozialismus ge­genüber durchaus ablehnend verhält und Jesuitismus, Bolschewismus und Faschismus zusammen auf eine Stufe stellt, wobei er den Nationalsozialismus dem Faschis­mus gleichstellt.

In dem freimaurerischen„Großorient“ von Frank­reich sieht Ludendorff den Hauptschürer des Krieges, wie man ihn vor 1870 in der Kaiserin Eugenie von Frank­reich sah. Diesem, auf die völlige, durch das Versailler Edikt noch nicht erreichten Vernichtung des deutschen Volkes, wie der ganzen germanischen Rasse, gerichteten Gebahren gegenüber, das z. B. Rasseschändung als be­sonders wirksam durch Vergewaltigungen wie im einsti­gen besetzten Rheingebiet, vorsieht, erhebt sich nach Lu­dendorff als gleich verächtlicher und gleich gefährlicher Gegner der Jesuitismus, der seine verbündeten Vertre­ter im Papst, in dem eigentlich noch über ihm stehenden Jesuitengeneval und, überraschenderweise, in dem bei­den verbündeten Mussolini sieht. Dieser letztere Drei­bund steht nach Ludendorffs Ansicht merkwürdigerweise dem von„eingeweihten" Juden geleiteten„Großorient Frankreichs feindlich gegenüber, weil der Papst der fron­zösischen Regierung, die ja allerdings sicherlich nur die Puppe dieses„Großorient“ ist, es immer noch nicht ver­zeihen kann, daß sie anfangs des Jahrhunderts die be­kannte kirchenfeindliche Politik getrieben hat. Anderer­seits soll Deutschland, nach dem Willen des Jesuitismus, den Kriegsschauplatz abgeben, ja, Mithelfer werden in dem Kampf mit dem französischen„Großorient", um so sicherer den deutschen Protestantismus zu vernich­ten, auch wenn Millionen von treugesinnten Katholiken in Deutschland diesem gefährlichen päpstlichen Machtbe­gehren geopfert werden.

Dementsprecherd nimmt Ludendorff in der Hauptsache zweifaches Bündnissystem an: einmal ein horizontales, vom europäischen Westen zum Osten, nämlich Frankreich= Belgien, Polen, Tschechei, Rumänien und Serbien. Die­sem horizontalen steht gegenüber ein vertikales oder senkrechtes Bündnissystem von Süden nach Norden: Ita­lien, Oesterreich und Ungarn, nebenbei noch Bulgarien und die Türkei, in der Hauptsache aber das einfach zu diesem Bündnis durch die Macht der Verhältnisse ge­zwungene Deutschland urd vor allem England. Das Stärkeverhältnis beider Bündnissysteme ist von vorn­herein für Italien und seine Verbündeten sehr ungün­stig nach Ludendorffs Berechnung:

Gegenüber den 7·250000 Mann der Feinde treten zu den 5 000 000 Italienern nur 115000 Mann Reichswehr und Marine Deutschlands, 30000 Mann Oesterreicher, 35 000 Mann Ungarn, 180000 Mann Engländer, 150000 Mann englische Miliz. Summa: 5 510000 Mann.

Gelingt es allerdings Rußland in dieses vertikale Bündnissystem hineinzuziehen, so würden sich, während sich die Kämpfe zwischen Frankreich=Belgien und Italien auf deutschem Boden abspielen würden, von Polen und Tschechen unterstützt, dann noch langsam, aber sicher 5 bis 7000000 Russen, nebst 1000000 Türken und einigen 100 000 Bulgaren gesellen.

Was für uns Deutsche aber am Interessantesten, frei­lich auch am schmerzlichsten wäre: Deutschland würde, wie im Dreißigjährigen Kriege, wieder den Schauplatz und die Bühne für das europäische Kriegstheater herge­ben müssen und, bei den heute möglichen und, trotz aller Völkerbundsbestimmungen, todbringenden Kriegsmit­teln, wie es-Bootkrieg, Fliegerangriffe und vor al­lem Vergasung sind, zum großen Teil entvölkert und durch Hunger und Arbeitslosigkeit— Arbeitslosen=Un­terstützungen könnten selbstverständlich nicht mehr ge­zahlt werden— wirtschaftlich lahmgelegt werden. Daß dann Bürgerkrieg und Plünderung zur Tagesordnung würden, verstünde sich von selbst, würde aber an der Gesamtlage nichts bessern, sondern nur alles verschlech­tern.

Welche Rolle würde nun auf der Bühne dieses Kriegs­theaters unsere gewiß vortvoffliche, aber von seiten der Versailler Mäche gewollterweise ungenügend bewaffnete Reichswehr spielen, mit thren 100000 Mann, zusätzlich