Bezugspreis: sechsmal.— Preis monatlich.25 und B5 Bestellgebühr, beim zigenen Postamt bestelt.— Aür Aus and unter Streifband.95(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Postscheckkonto Hannover 67377. mit den Beilagen„Für Herz und „Kindergabe“ und„Anser Ziel.“ Anzeigenpreis: ##S Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30=fg. Beilagen unter Tgje tausend 15 Mer Schluß der Anzeigen=Annahme nachmittags 3 Uhr. Postscheckkonto Hannover 67377. Nr. 8. Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 10. Januar 1931. 13. Wenn es dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du es übel nimmst, geht es dir drum noch schlimmer, und tut ein Freund dir weh, vergib ihm und versteh, Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst tät er dir nicht weh. Rückert. Mlltilsniiiiiiiiing Zum Erlaß despreußischen Kultusministers über die Amgestaltung der Schulzeugnisse. In den Schulzeugnissen sollen künftig nach einem Ersaß des preußischen Ministers für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung keine Prädikate in Betragen und Aufmerksamkeit mehr erteilt werden. Damit greift der Minister nicht allein in den inneren Schulbetrieb, sondern auch in das Gebiet der Elternrechte ein. Die Schulzeugnisse, wenigstens die Halbjahrszeugnisse, sind der Eltern wegen gegeben worden, nicht der Kinder wegen. Es fragt sich darum, wie die Elternschaft sich mit der geschaffenen Tatsache abfinden wird. Als der Gedanke vor einem Jahr zum ersten Mal auftauchte, war die Entrüstung sehr groß. Vor dem zweifellos kommenden Widerstand hat das Ministerium sich bewogen gefühlt, zum Ausdruck zu bringen, daß die Maßnahme nicht die Fortnahme eines Rechtes bedeuten soll. Ueber Hemmungen, Störungen oder Gefahren in der Entwicklung des Schülers sollen die Lehrer nach gemeinsamer Besprechung den Eltern Mitteilung machen. Die Durchführung dieser Bestimmung wird nicht leicht sein; auch dürfte der Widerstand aus Elternkreisen so groß sein, daß das Ministerium sich sehr wohl zu einer Zurücknahme des Erlasses veranlaßt sehen könnte.. Trotzdem darf nicht verschwiegen werden, daß der Erlaß imstande ist, Spannungen im innern Schulbetrieb zu beseitigen. In der Schule hat sich im letzten Jahrzehnt doch vieles geändert, aber dem einzelnen Erzieher ist fast völlige Freiheit in seiner Einstellung gegeben. In fast jedem Kollegium sind darum auch Gegensätze vorhanden, und die bringen es mit sich, daß den Zensuren im Betragen und in der Aufmerksamkeit weniger Bedeutung beizumessen ist als früher. Kommt es doch vor, daß Betragen desselben Schülers von dem einen Lehrer mit „sehr gut“, von dem andern mit„befriedigend“ bewertet wird. Die Sittenprädikate haben darum von seiten der Lehrerschaft ein großes Maß von gegenseitiger Duldsamkeit verlangt; bei den Eltern haben sie trotzdem nicht selten Befremden erregt. Das Kind, das sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, hatte bislang ein Anrecht auf das höchste Prädikat im Betragen, ganz einerlei, ob sein Wohlverhalten aus stärkster Selbstbeherrschung oder aus angeborener Passivität hervorging. Die Erzieher hatten schon immer starke Bedenken bei dieser Art der Zensierung.„Wir sind gezwungen, diesem Kinde im Betragen ein Lob zu erteilen, denn es ist eine harmlose Seele, die keinem Menschen etwas zuleide tut, aber wir sind auch überzeugt, wie wenig sittliche Kraft vielleicht hinter diesem gesitteten Betragen liegt,“ so war das Urteil. Man lobt doch auch den Menschen seiner Mäßigkeit wegen nicht, der nur darum mäßig ist, weil er einen schwachen Magen hat; ebensowenig ist das Lob gerechtfertigt für den, der nicht gegen seine Triebnatur ankämpfen muß, weil die Natur ihn mit schwachen Trieben ausgerüstet hat. Nur der, der im Kampfe mit sich selber Sieger wird, hat eine sittliche Tat vollbracht, nur der trägt die Eignung zum Führer in sich. Auf diesen Standpunkt stellt sich konsequent die neue Schule. Ihr liegt nichts an dem passiven Wohlverhalten der Schüler, sondern nur an dem, das aus stärkster Aktivität hervorgeht. Die Kinder lehnen instinktiv vieles von dem ab, was das Leben aus konventionellen Gründen häufig nicht abzulegen vermag. Die großen Schreier sind in der Regel nicht oder nicht lange die Führer der Gemeinschaft. Meistens sind es ruhige, kernige Naturen, die sich die Schüler zu Führern erwählen, denen sie sich willig unterordnen, denen sie dann auch die besten Zensuren gönnen. Das Leben wird die mehr passiv gerichteten Naturen immer gebrauchen, und die Schule wird sie auch nicht entbehren können— die ganze Menschheit dürfte nicht aus Bismarcknaturen bestehen, das würde das Chaos ergeben— aber der Volksstaat hat entschieden Mangel an Persönlichkeiten. Führer sind etwas wesentlich anderes als Strebernaturen, die in unserem Volkestaat leider noch eine so große Rolle spielen. Die Kinder wissen Führer und Schreier sehr wohl zu unterscheiden. Indem die Schule dem Hervorkommen wahren Führertums zustrebt, leistet sie sich selbst und dem Staate den allergrößten Dienst. In der Aufmerksamkeit genügte früher in der Hauptsache die Bereitschaft des Kindes, das Gebotene aufzunehmen. Auch beim Frage= und Antwortverfahren war es kaum anders. Bei ihm konnte der Lehrer jederzeit feststellen, ob ein Kind abirrte, oder ob eine Sache noch nicht verstanden war. So unterschied es sich vorteilhaft vom Vortrags= oder Vorleseverfuhren. Das Unterrichtsverfahren der Arbeitsschule ist mehr auf die Selbsttätigkeit der Schüler gestellt. Die Schüler setzen sich schließlich selbst die Ziele, denen sie zustreben wollen. Der Schüler, der sich in dieser Arbeit auszeichnet, erhält in der Aufmerksamkeit die gute Note. Für den Erzieher, namentlich für den Anfänger liegt hier die ernste Gefahr vor, daß er den Schwätzer mit dem aufmerksamen Schüler verwechselt. Es ist nicht alles wertvoll, was geredet wird, und nur zu leicht kommt es dahin, daß sich gerade das tiefer schürfende, darum aber auch langsamer arbeitende Kind durch die lebhafteren, chäufig oberflächlicheren Naturen überholt sieht und an seinem Können verzweifelt. Diese Gefahr hat die Arbeitsschule erkannt, und durch die Pflege der Intuition sucht sie sie abzuwenden. Das charakteristische Merkmal der neuen Schule ist eigentlich nicht das redende, sondern das schweigende Kind. Das soll nicht heißen, daß in diesem Unterricht das Kind grundsätzlich schweigt, sondern in ihm tritt neben die Kultur des Redens die der stillen Ueberlegung, die des Hineinversetzens.„Die Seele ist weit entwicklungsfähiger nach Empfänglichkeit und schöpferischem Sein im Zustande des Ruhens, der Besinnlichkeit und des besinnlichen Anschauens als in der bewußten Reflexion. Wir sind dann am produktivsten, wenn wir am stillsten sind.“(Eberhard,„Von der Arbeitsschule zur Lebensschule.") Aus dieser kurzen Herausstellung der wichtigsten Punkte mag hervovgehen, wie schwer es ist, in einer Klasse, in der eine Reihe von Lehrern verschiedener Einstellung gemeinschaftlich am Werk der Erziehung arbeiten, in einer Zensur das Verhalten des Kindes gewissenhaft zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht vermag eine Mitteilung doch mehr zu sagen. H. Vagts Ein neuer Weltkrieg bringt uns nicht die Ludendorffs Broschüre:„Weltkrieg droht!“ O. Bungeroth. Es ist wohl kein bloßer Zufall, daß kurz vor der Eröffnung der Verhandlungen über die Abrüstung, die Mitte Januar in Genf beginnen, Ludendorff seine Broschüre„Weltkrieg droht!“ als Fanale zur Beleuchtung der Abrüstungsfrage herausgegeben hat. Es ist natürlich sehr bequem, wenn Vogel=Strauß=Politiker, wie dies geschieht, die Gedanken Ludendovffs von vornherein ablehnen und als„Quatsch“ bezeichnen. Gewiß berührt die Auslegung der gelheimnisvollen Machenschaften, die hinter den Kulissen der weltgeschichtlichen Bühne vor sich gehen sollen nach Ludendorffs Meinung, etwas eigentümlich, umsomehr, als die ganze Broschüre von einem sehr übersteigerten Selbstbewußtsein des ehemaligen Generalstabschefs in der obersten Heeresleitung des Welikrieges zeugt. Andererseits aber erscheinen uns die militärpolitischen Ausführungen dieses Meisters vom Wassenhandwerk doch außerordentlich beachtenswert und mit Recht spricht er den von ihm als politische„Eintagsfliegen“ bezeichneten deutschen Politikern zumeist jede Fähigkeit zu militärpolitischem Denken ab. Seine Behandlung der militärischen Zustände Europas macht dagegen durchaus den Eindruck nüchterner, auf amtlichen Zahlenstatistiken aller in Betracht kommenden Staaten beruberuhender Erwägung. Da wir annehmen müssen, daß die wenigsten Aufwärtsleser den genauen Inhalt der Ludendorffschen Broschüre kennen oder doch nur aus Zeitungsnotizen davon Kenntnis genommen haben, so erlauben wir uns. denselben kurz wiederzugeben, um so mehr, als, nach unserer Ansicht wenigstens, nach Oswald Spenglers„Untergang des Abendlandes“ keine Schrift von ähnlich erschütterndem Charakter erschienen ist. Ludendorff nimmt an, daß ein neuer Weltkrieg entbrennen werde und zwar schon in Kürze. Daß er den 1. Mai 1932 als den Anfang der Mobilmachung fast aller Staaten Europas ansetzt, hat seinen Grund darin, daß die Kabala, als das Gehermbuch jüdischen, freimaurerischen Aberglaubens, den., den 10. und 15. jedes Monats als besonders gtückverheißend anspricht. Daß aber bereits das Jahr 1932 als das Jahr des ausbrechenden Weltenbrandes angegeben wird, rührt daher, daß der Verfasser, wie uns scheint, nicht mit Unrecht annimmt, daß die kriegslustigen Mächte, wenn sie auch nur im geheimen darüber verhandeln können und dazu rüsten dürfen, um nicht den Unwillen der breiten Massen in allen Ländern Europas zu wecken, doch nicht ein Wiedererstarken Deutschlands und überhaupt Mitteleuropas abwarten wollen. Was uns zunächst durchaus neu und überrasche: war, war die Stellung Ludendorffs, der doch im Hitlerputsch 1923 neben Hitler im Münchener Demonstrationszug marschiert war, sich dem Nationalsozialismus gegenüber durchaus ablehnend verhält und Jesuitismus, Bolschewismus und Faschismus zusammen auf eine Stufe stellt, wobei er den Nationalsozialismus dem Faschismus gleichstellt. In dem freimaurerischen„Großorient“ von Frankreich sieht Ludendorff den Hauptschürer des Krieges, wie man ihn vor 1870 in der Kaiserin Eugenie von Frankreich sah. Diesem, auf die völlige, durch das Versailler Edikt noch nicht erreichten Vernichtung des deutschen Volkes, wie der ganzen germanischen Rasse, gerichteten Gebahren gegenüber, das z. B. Rasseschändung als besonders wirksam durch Vergewaltigungen wie im einstigen besetzten Rheingebiet, vorsieht, erhebt sich nach Ludendorff als gleich verächtlicher und gleich gefährlicher Gegner der Jesuitismus, der seine verbündeten Vertreter im Papst, in dem eigentlich noch über ihm stehenden Jesuitengeneval und, überraschenderweise, in dem beiden verbündeten Mussolini sieht. Dieser letztere Dreibund steht nach Ludendorffs Ansicht merkwürdigerweise dem von„eingeweihten" Juden geleiteten„Großorient Frankreichs feindlich gegenüber, weil der Papst der fronzösischen Regierung, die ja allerdings sicherlich nur die Puppe dieses„Großorient“ ist, es immer noch nicht verzeihen kann, daß sie anfangs des Jahrhunderts die bekannte kirchenfeindliche Politik getrieben hat. Andererseits soll Deutschland, nach dem Willen des Jesuitismus, den Kriegsschauplatz abgeben, ja, Mithelfer werden in dem Kampf mit dem französischen„Großorient", um so sicherer den deutschen Protestantismus zu vernichten, auch wenn Millionen von treugesinnten Katholiken in Deutschland diesem gefährlichen päpstlichen Machtbegehren geopfert werden. Dementsprecherd nimmt Ludendorff in der Hauptsache zweifaches Bündnissystem an: einmal ein horizontales, vom europäischen Westen zum Osten, nämlich Frankreich= Belgien, Polen, Tschechei, Rumänien und Serbien. Diesem horizontalen steht gegenüber ein vertikales oder senkrechtes Bündnissystem von Süden nach Norden: Italien, Oesterreich und Ungarn, nebenbei noch Bulgarien und die Türkei, in der Hauptsache aber das einfach zu diesem Bündnis durch die Macht der Verhältnisse gezwungene Deutschland urd vor allem England. Das Stärkeverhältnis beider Bündnissysteme ist von vornherein für Italien und seine Verbündeten sehr ungünstig nach Ludendorffs Berechnung: Gegenüber den 7·250000 Mann der Feinde treten zu den 5 000 000 Italienern nur 115000 Mann Reichswehr und Marine Deutschlands, 30000 Mann Oesterreicher, 35 000 Mann Ungarn, 180000 Mann Engländer, 150000 Mann englische Miliz. Summa: 5 510000 Mann. Gelingt es allerdings Rußland in dieses vertikale Bündnissystem hineinzuziehen, so würden sich, während sich die Kämpfe zwischen Frankreich=Belgien und Italien auf deutschem Boden abspielen würden, von Polen und Tschechen unterstützt, dann noch langsam, aber sicher 5 bis 7000000 Russen, nebst 1000000 Türken und einigen 100 000 Bulgaren gesellen. Was für uns Deutsche aber am Interessantesten, freilich auch am schmerzlichsten wäre: Deutschland würde, wie im Dreißigjährigen Kriege, wieder den Schauplatz und die Bühne für das europäische Kriegstheater hergeben müssen und, bei den heute möglichen und, trotz aller Völkerbundsbestimmungen, todbringenden Kriegsmitteln, wie es-Bootkrieg, Fliegerangriffe und vor allem Vergasung sind, zum großen Teil entvölkert und durch Hunger und Arbeitslosigkeit— Arbeitslosen=Unterstützungen könnten selbstverständlich nicht mehr gezahlt werden— wirtschaftlich lahmgelegt werden. Daß dann Bürgerkrieg und Plünderung zur Tagesordnung würden, verstünde sich von selbst, würde aber an der Gesamtlage nichts bessern, sondern nur alles verschlechtern. Welche Rolle würde nun auf der Bühne dieses Kriegstheaters unsere gewiß vortvoffliche, aber von seiten der Versailler Mäche gewollterweise ungenügend bewaffnete Reichswehr spielen, mit thren 100000 Mann, zusätzlich 15000 Marinesoldaten? Ludendorff nimmt allerdings an, daß sie alles, was in ihren Kräften stünde, zum deutschen Grenzschutz tun würde. Aber diese Kräfte sind zu schwach. Die 150000 Mann Schupoleute kommen für Grenzschutz nicht in Betracht, denn einmal sind sie militärisch zu wenig organisiert, zum andern haben sie alle Hände voll zu tun mit der Unterdrückung kommunistischer Aufstände und Sabotageversuche gegen etwaigen volkskriegsartigen Widerstand der Bevölkerung. Die unausgebildeten deutschen Mannschaften aber würden in den von Italienern, Engländern und Russen verlassenen Leerzügen, zum Zwecke ungestörter Ausbildung, in die betreffenden verbündeten Länder verladen und ausgebildet von dort zurückkehren. Soweit der Hauptinhalt der Ludendorffschen Schrift. Was bezweckt nun Ludendorff mit seiner geharnischten Broschüre?— Trotz seines übersteigerten Selbstbewußtseins und trotz seines leider wodanistischen religiösen Standpunktes dürfen wir ihm immerhin zutrauen, daß er ein warmfühlendes patriotisches Herz besitzt. Vor allem will er den ihm im Grunde doch nicht unsympathischen Nationalsozialismus vor einem Bündnis mit Mussolini warnen, der, wie alle Italiener, unberechenbar und unzuverlässig ist. Sagte uns doch einst an der italienischen Grenze ein Grenzaufseher oder Finanzer vor dem Weltkrieg: Die Italiener haben alle Katzenblut. Dann will er Nationalsozialisten und Stahlhelmleute davon überzeugen, daß alle Soldatenspielerei noch kein Volk wehrhaft mache, sondern nur eine kluge, völkisch=national eingestellte Politik den Boden vorbereiten müßte für eine wahrhaft erfolgreiche Landesverteidigung. Also keine zu große Hilfsbereitschaft für kriegslüsterne, egoistische Völker. Es wäre ein Spiel mit dem Feuer. Arbeitsnot und Siedlung. In den mannigfachen Vorschlägen zur Behebung der Arbeitsnot und Herabminderung der Arbeitslosenziffer wird teils von berufener oft aber auch nicht fachmännischer Seite die Siedlung als Abhilfe empfohlen. Es sei daher gestattet, kurz auf die Möglichkeiten der Hilfe durch die Siedlung einzugehen. Die bedeutsamste Erscheinung im Leben unseres Volkes ist die Bevölkerungszunahme im 19. Jahrhundert. Während bis Ausgang des 18. Jahrhunderts man nur eine ganz langsam steigende Bevölkerung von 25 Millionen in Deutschland zählte, vermehrte sich diese bis 1900 um ungefähr 40 Millionen in 100 Jahren. Fast der gesamte Bevölkerungsüberschuß des platten Landes— 30 Millionen in 50 Jahren— wanderte in die Stadt ab, bildete das Reservoir, aus dem die aufblühende Industrie immer wieder aufs neue ihre Arbeitskräfte schöpfen konnte und wanderte sogar noch ab, als die Fassungskraft der Industrie und Städte längst erschöpft war. Allein Ostpreußen hat in den letzten Jahrzehnten 750000 Menschen an Westdeutschland abgegeben. Rückgang der Konjunktur, die auch die geringsten Handgriffe ersetzende Mechanisierung der Betriebe, die Notwendigkeit, ohne Rücksicht auf Gedeih der Wirtschaft Milliarden Kapitalien als Tribute ins Ausland abzugeben, haben uns eine Zahl von 3 750000 Arbeitslosen gebracht, die sich vermutlich noch auf 5000000 erhöhen wird. Der Arbeitsmarkt wird dazu durch zirka 10000000 mehr Arbeitnehmer belastet, als 1913. Es sind dies 4,5 Millionen mehr Jugendliche, 0,7 Millionen, die früher auf zwei Jahre durch die allgemeine Wehrpflicht dem Arbeitsmarkt entzogen wurden, 1,5 Millionen Frauen und Rentner, die durch die Folgen der Inflation zur Arbeit gezwungen wurden, zirka 2,1 Millionen mehr Menschen S Ein Briefwechsel mit einem Obersekundaner. Von Fritz Kruse, Geschäftsführer des Alkoholgegnerbundes, Siegen. Sehr geehrter Herr Geschäftsführer! Die hiesige Aktienbrauerei verteilt an ihre Besucher — das sind zumeist Schulklassen— beiliegende Bierbroschüre. Sehr stolz kamen heute einige Mitschüler zu mir, dem einzigen Abstinenten in der Klasse.„Da steht es doch klipp und klar, Bier ist flüssiges Brot! Bier stärkt die Nerven!“. Was ich auch anführte, wollten sie wie immer nicht gelten lassen, und so schicke ich Ihnen das Streitobjekt und bitte um eine Widerlegung der Hauptpunkte des Heftchens. Wichtig ist mir Ihre Antwort insofern, als ich einige Mitschüler schon so halb und halb„bekehrt“ habe, aber sie glauben eben nicht, wenn sie nicht Schriftliches sehen. Allein Druckschriften genügen nicht. Mit sreundlichem Gruß Ihr 39. Antwort. Lieber Gesinnungsfreund! Haben Sie herzlichen Dank für die Zusendung der Bierbroschüre. Gern komme ich Ihrem Wunsche nach und gebe Ihnen nachstehend einige Ausklärungen: Es ist grundsalsch, wenn auf der ersten Seite behauptet wird, der moderne Nahrungsmittelchemitzer müßte bei der Bewertung der Nahrungsmittel genau so verfahren, wie der Ingenieur bei der Bewertung der Brennstoffe seiner Maschine. Die dem Körper des Menschen zugeführten Nahrungsmittel haben nicht nur die Aufgabe, die Wärmecinheiten zu erreichen, damit die erforderliche Blutwärme dauernd erhalten bleibt, sondern sie bauen auch den Körper in seinen groben, feinen und feinsten Teilen fortwährend auf. Eine Maschine aus Metall hat keine Nerven. Das Metall wird durch die Zufuhr der Brennstoffe nicht erneuert; eine Maschine hat auch kein Hirn wie der Mensch. Ist sie abgenutzt, so wird sie zum alten Eisen geworsen. Der Mensch baut mit den dem Körper zugeführten Nährstoffen alle Körperteile neu auf durch Vergrößerung der arbeitenden Bevölkerung auf dem verkleinerten Lebensraum und Hunderttausende von Flüchtlingen aus den abgetrennten Gebieten. Fast alle Berufe sind überfüllt, zählen wir doch schon heute über 50000 stellungslose Akat###miker, deren Zahl nach vorsichtiger Schätzung in 6 bis 7 Jahren das zweifache, wenn nicht das dreifache erreichen wird. Sollte es nicht möglich sein, wenigstens einem Teil dieser verzweifelten Menschen zu helfen? Siedlung soll neben der national=politischen Aufgabe der Verstärkung des Deutschtums in den Grenzgebieten der Verdichtung der Bevölkerung überhaupt dienen, besonders aber der Schaffung solcher bäuerlichen und kleinbäuerlichen Betriebe, die in der Lage sind, durch ihre Produktion die Lebensmitteleinfuhr zurückzudrängen. Schon aus diesem Grunde ergibt sich, daß eine gewisse Auswahl der Menschen notwendig ist, daß vorläufig nur das beste Menschenmaterial in der Siedlung gebraucht werden kann. Dieses ist aber in erheblichem Maße in unserer Industriebevölkerung noch vorhanden, soweit sie direkt vom Lande abgewandert ist. Die Siedlung muß aber auch andere Wege gehen als bisher. In der Vorkriegszeit und in der Nachkriegszeit bis 1929 legte man das Hauptgewicht in der Ostsiedlung auf die Schaffung vollbäuerlicher Stellen von 15 bis 20 Hektar. Man glaubte, daß diese Betriebsgrößen allein in der Lage wären, eine Familie in der Landwirtschaft zu ernähren. Auch die bäuerlichen Betriebe werden aber in der Hauptsache auf Erzeugung der nur schwer absetzbaren Getreide und Kartoffeln eingestellt sein. Deshalb sind die Siedlungen in erster Linie, soweit es die Bodenverhältnisse zulassen, auf die Markterfordernisse einzustellen: Molkereierzeugnisse, Eier, Fleisch und Gemüse. Die Umstellung der Landwirtschaft auf die Erzeugung dieser Waren ist eine Lebensfrage der Landwirtschaft und darüber hinaus der deutschen Wirtschaft in allen ihren Teilen. In den letzten Jahren ist diese Aufgabe als dringlich erkannt worden, besonders in Ostpreußen sind wertvolle Anfänge in der Schaffung. von kleinen Stellen für Geflügel= und Viehhaltung, Obst= und Gemüsebau gemacht. Bei dieser teilweise veränderten Einstellung der Siedlung ist es möglich, auch Menschen anzusiedeln, die nicht in bäuerlichen Betrieben groß geworden sind, sondern schon als Arbeiter im Westen ihr Stückchen Land bebaut und ihr Kleinvieh rationell gehalten haben. Die diesen Siedlungen mitzugebende landwirtschaftliche Fläche ist wesentlich geringer als 60 Morgen, sodaß eine erhebliche Vermehrung der Bevölkerungszahlen erreicht werden kann. Der Haupteinwand der Siedlungsgegner. daß bei Auslegung von bäuerlichen Stellen oftmals die Seelenzahl eines Dorfes gleich geblieben sei, wird dadurch entkräftet, andeverseits der Kreis der Siedlungsbewerber in wünschenswerter Weise erweitert. Die notwendigen Anzahlungen können wesentlich herabgesetzt werden. Während bisher für den Erwerb einer vollbäuerlichen Stelle und ihrer Einrichtung mit Inventar mindestens 10000,— Mark erforderlich waren, ein Betrag, den von Jahr zu Jahr weniger Bewerber aufbringen konnten, sind für kleinbäuerliche Stellen und sonstige Spezialbetriebe nunmehr nur noch 2000 bis 3500 Mark notwendig) Darüber, daß in der heutigen Finanznot des Reiches und seiner Kostgänger, der einzelnen Staaten, gänzlich Mittellosen keine Siedlerstellen überlassen werden können, so wertvoll oft die ärmsten Menschen sind, braucht an dieser Stelle nicht gesprochen zu werden. Oft besteht aber auch schon bei 1000,— Mark Kapital die Möglichkeit, ein kleines Eigenheim von 10 bis 15 Morgen zu erwerben. Dasselbe wird allein nicht zum Lebensunterhalt der Familie ausreichen, wenn es sich nicht um ganz besonders tüchtige und geschulte Bewerber handelt. Nebenarbeit, sei es in gewerblichen und industriel— auch die Knochen. Hierzu sind etwa 5 bis 7 Jahre notwendig. Die Stoffe, aus denen sich heute ein menschlicher Körper zusammensetzt, dürften in etwa 7 Jahren vollständig erneuert sein. Nunmehr möchte ich auf die Eigenschaften des Alkohols selbst näher eingehen. Nehmen Sie ein frisches Brötchen und legen die eine Hälfte in ein Glas Wasser, die andere Hälfte in ein Glas 96=prozentigen Alkohol, das Sie gut verschließen, damit der Alkohol nicht verdunsten kann. Wenn sie sich nach etwa 24 Stunden die Brötchen betrachten, so werden Sie finden, daß das Brötchen im Wasser aufgeschwemmt ist wie ein Schwamm, daß aber das Brötchen im Alkohol hart wie ein Brett geworden und ganz zusammengeschrumpft ist. Ein hartes Brötchen will niemand essen, der Wassergehalt ist heraus, der Alkohol hat die Feuchtigkeit herausgenommen. Legt man Eiweiß oder Speck in Alkohol, so werden sie hart. Bei der Verdauung entzieht der Alkohol das Wasser, die Speisen werden verhärtet und infolgedessen schwerer verdaut. Die menschliche Verdauung wird also durch Alkoholgenuß erheblich erschwert. Der Alkohol ist ebenso wie Aether und Chloroform ein Narkotikum, das in die Zellen des menschlichen Körpers eindringt und diese lähmt. Reichlicher Alkoholgenuß nimmt dem Menschen den Verstand— aber schon ein einziges Glas Bier vermindert die Entschlußkraft; es entstehen bei unserem heutigen Kraftverkehr, wo es auf eine Fünftelsekunde ankommt, unendlich viel Unglücksfälle, die nur auf den Genuß eines einzigen Glases Bier zurück zuführen sind. Ein Kaufmann, der täglich 8 Stunden seine Kundschaft besuchen soll, um Aufträge hereinzuholen, darf mittags kein einziges Glas Bier trinken, sonst wird er nachmittags müde und abgespannt, er versteht es nicht, seine Kundschaft individuell zu behandeln und erhält weniger Aufträge. Die meisten Unglücksfälle und Verbrechen geschehen unter der Einwirkung des Alkohols; etwa 2 Drittel von den Syphilitikern haben sich ihre Krankheit geholt, als sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig und die sittlichen Hemmungen durch den Alkoholgenuß ausgeschaltet waren. Reiner Alkohol wird nicht len, oder land= und forstwirtschaftlichen Betrieben, zu notwendig. Der Evangelische Siedlungsdienst, Bieleseld Altstädterkirchstr. 2, hat zur Zeit den Plan, im kommenden Frühjahr erstmalig eine größere Anzahl seiner werber aus dem Industriegebiet— Ostpreußen, beson, ders Masuren, Flüchtlinge aus Posen und Westpreußen. Mitglieder der ostpreußischen Gebetsvereine und Gemeinschaften— wieder rückzusiedeln. Wertvolle Unterstützung ist aus Ostpreußen geboten, so daß an dem Gelingen des Planes nicht zu zweifeln ist. Ein anderer Weg zum Unterbringen Tausender von Berg= und Hüttenarbeitern ist die geplante Umgebung des Industriegebietes selber mit gärtnerischen Siedlungen. Leider ist man hier aber über Anfang und Pläne noch nicht hinausgekommen. Neben der Schaffung von Kleinsiedlungen als Erwerbsmöglichkeit für die vom Lande stammende Industriebevölkerung muß aber vor allem im Osten selber die Landflucht beschränkt werden, um nicht immer wieder die Zahl der Arbeits osen aufzufüllen. Daneben aber müssen alle die Kreise seßhaft gemacht werden, die durch die Besiedlung eines Ritterguts brotlos werden, die bisherigen Landarbeiter, Handwerker, Verwalter, Hofmeister usw. Soweit für sie die Ansiedlung auf kleinbäuerlichen, Viehhaltungs= und gärtnerischen Stellen usw. nicht in Frage kommt, weil sie entweder nicht über genügend Vorkenntnisse verfügen oder der Boden nicht geeignet ist, versucht man im kommenden Jahre sie im Wege den Aufbausiedlung dem Lande zu erhalten. Stärkste Einschränkung der Gebäude, auf die bisher immer zu großer Wert gelegt wurde, möglichste Heranziehung der alten Gebäude durch geringe Um= und Einbauten, Einschränkung des für den Anfang notwendigen Inventars, stärkste Ausnutzung der genossenschaftlichen Einrichtungen(Maschinen, Brennereien, Molkereien, usw.) ermöglichen es, die Anzahlung auch für vollbäuerliche Stellen auf zirka Mk. 3000,— herabzusetzen. Wenn unsere Auswanderer in Uebersee natürlich bei geeignetem Klima im Anfang aufs primitivste wohnen, weshalb sollte unter Berücksichtigung des unbedingt Notwendigen nicht auch bei uns eine Beschränkung der bisher starken kapitalistischen Arbeitsweise möglich sein. Weshalb müssen heute in Notzeiten höhere Ansprüche an die Wohnräume gestellt werden als vor dem Kriege. Der von der„Neuen Heimat“, deren Hauptgesellschafter der Zentralausschuß für innere Mission ist, gemachte Versuch der einfachsten Ansiedlung von 30 rußlanddeutschen Flüchtlingsfamilien in Suckwitz bei Güstrow mit nur Mk. 3000,— kann schon heute als gelungen bezeichnet werden. In einfachster Form hat man diese Menschen zu glücklichen Bauern gemacht. Die evangelischen Kreise der Inneren Mission sind hier einen für die amtliche Siedlungstätigkeit bahnbrechenden Weg gegangen. 1931 werden schon weitere dieser Aufbausiedlungen in Mecklenburg, vielleicht auch in der Grenzmark und Ostpreußen geschaffen. Soviel Geld, wie zum Erwerb einer Aufbausiedlung notwendig ist, ist meistens bei unseren Landarbeitern, den Kleinbauern usw. vorhanden. Der Siedlungsdrang ist groß, bisher fehlte es an der Möglichkeit, die nun geschaffen wird. Gelingt es damit, die Landflucht wesentlich einzudämmen, dann ist eine weitere Hilfe durch die Siedlung in der Arbeitsnot gegeben. Von allen evangelischen Stellen muß daher der Ruf nach der Aufbausiedlung im Lande erschallen und als Forderung immer wieder an die zuständigen Stellen gerichtet werden. Letzten Endes dient die Siedlung auch in sehr starkem Maße der Kirche. Bodenverwurzelung schafft neuen Glauben, bringt die heimatlos gewordene Bevölkerung erneut zu den Quellen der Natur, mit denen sie unlöslich verbunden wird. Der Siedler lernt wieder mit seiner Argetrunken; sämtliche alkoholischen Getränke kann man unter drei Gruppen einordnen: Bier, Wein und Schnaps. Ihr Alkoholgehalt ist sehr verschieden. Bier enthält 4 bis 8 Prozent, Wein 10 bis 20 Prozent, Schnaps(Rum) bis 60 Prozent Alkohol. Da der Alkoholgehalt dieser Getränke ein verschiedener ist, so können von diesen Genußmitteln auch nur verschieden große Mengen vertragen werden, denn der Alkohol ist ein scharfes Gift, das die unheimliche Eigenschaft hat, die Schutzwände der Zellen des menschlichen Körpers zu durchdringen, diese Zellen zu lähmen oder sie gar zu zerstören. Ein Liter Branntwein auf einmal getrunken, kann schon den sofortigen Tod des Menschen auslösen. Viele Menschen erblinden durch übermäßigen Alkoholgenuß, trinken sie Alkohol, der aus Holz gewonnen ist, so tritt je nach der Menge schon nach wenigen Stunden Tod oder Erblindung ein. Pflanzen, die man mit Alkohol begießt, gehen zugrunde! Weshalb geben die Brauer ihren Pferden keinen Alkohol?— Schmetterlingssammler betupften den Schmetterling mit einem Tropfen Alkohol, worauf der Schmetterling sofort stirbt. Flüssigkeiten, die lebende Wesen töten, sind Gifte und jeder folgerichtig denkende Mensch muß den Alkohol als ein„Gift“ bezeichnen. Er wird ferner behhauptet: Der Alkohol sei nahrhaft, er wärmte und er mache stark. In den Nahrungsmitteln sind Fett, Eiweiß und Kohlehydrate enthalten. In den alkoholischen Getränken können die Nahrungsmittelchemiker aber nur ganz verschwindende Mengen von Nährstoffen finden. Bier enthält kein Fett, nur 0,5 Prozent Eiweiß und nur 4 Proz. Kohlehydrate. Schnaps enthält überhaupt keine Nährmittel, also kein Fett, kein Eiweiß und keine Kohlehydrate trotz seiner Wärmekalorien. Im vergorenen Wein ist kein Fett, kein Eiweiß und nur? Prozent Kohlehydrate. Der berühmte Chemiker von Liebig sagte:„Eine Messerspitze voll Mehl enthält mehr Nährstofse als vier Maß des besten Bieres. Alkoholst Gift und auch schon ein Glas Bier wirkt vergiftend auf den menschlichen Körper, wenn die Vergiftung auch nicht immer erkennbar in Erscheinung tritt. Ein angloger Vergleich sei gestattet: Giftige Fliegenpilze enthalten etwa heit Gottesdienst zu tun, er gewinnt wieder Vertrauen zu seiner Kirche und seinem Pfarrer. So wollen wir die Siedlung hineinstellen in die Aufgabe der Inneren Mission als Dienst am schwachen Menschen, besonders aber an dem, der einmal elend und krank werden könnte. Wenn wir in diesem Sinne herangehen an die Siedlungsarbeit, wird sie uns selber ein heiliges Werk zur Erneuerung unseres Volkes und zur Hilfe nicht nur aus seiner mateviellen, sondern auch seelischen Not werden. Sch. Bodenraub in Polen. Ein Beitrag zur Genfer Ratstagung. Zu den Maßnahmen, die der polnische Staat getroffen hat, um die Bodenbesitzverteilung und damit auch die Nationalitätenverhältnisse in Polen zu ändern, gehört das polnische Agrarreformgesetz von 1925. Es bezweckt in der Hauptsache die Zerschlagung des Großgrundbesitzes und angeblich die Vermehrung der kleinbäuerlichen Wirtschaften. In Wirklichkeit diente die Agrarreform in erster Linie dazu, den deutschen Grundbesitz in Polen zu schwächen. Infolgedessen sind auch bei der Durchführung der Agrarreform fast nur die von Deutschland losgerissenen Westprovinzen herangezogen worden, obgleich gerade in Ostpolen gewaltige Flächen noch brachliegen. Das Jahr 1927 war in der Aufteilung am ertragreichsten, denn es wurden 1927 mehr Besitzungen liquidiert, als in den acht vorhergehenden Jahren. Das Gesamtergebnis betrug 300000 Hektar: von diesen 300000 Hektar, die zur Enteignung kamen, waren 90 Prozent deutscher Besitz. Wenn in dem Jahrzehnt der geltenden Agrarreform(von 1926 bis 1936), deren Zeitraum aber beliebig verlängert werden kann, in gleicher Weise scharf zugegriffen wird wie bisher, woran leider nicht zu zweifeln ist, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß die Vernichtung des deutschen Großgrundbesitzes bereits in einigen Jahren zur Tatsache geworden sein wird. Dafür ist bezeichnend die durch den letzten Regierungswechsel erfolgte Neubesetzung des Agrarreformministeriums. An Stelle des zurückgetretenen Ministers Staniewicz, der wenigstens Fachmann war und für die rein wirtschaftliche Seite der Agrarfrage Verständnis hatte, wenn er auch ein ausgesprochener Deutschenfeind war, ist ein landwirtschaftlicher Laie, Professor Kozlowsli, getreten, der politisch aus dem Pilsuds.ilager stammt. Seine ungehemmte Ceguerschaft gegen das deutsche Bodeneigentum hat Professor Kozlowski alsbald in einer grundsätzlichen Frage bekundet. In dem Agrarreformgesetz von 1925 ist ein Artikel enthalten, der eine gewisse Milderung für Grundbesitzer vorsieht, die anerkannten Saat= oder Zuckerrübenbau treiben. Sie haben das Recht, den Minister um Ausschließung von einer gewissen notwendigen Parzellierungsfläche, die 350 Hektar nicht überschreiten darf, anzusuchen. In einer ganzen Reihe von Fällen hat man von seiten der lokalen Regierungsbehörden deutschen Besitzern gegenüber es abgelehnt, diese Vorzugsbestimmungen in Anwendung zu bringen. Infolgedessen haben bisher 14 deutsche Grundbesitzer, die sämtlich in Pommerelten, und zwar in der Nähe der strategisch besonders wichtigen Eisenbahnlinie, liegen, den Minister um Entscheidung gebeten. Der Minister hat diese 14 Anträge glatt abgelehnt. Es ist bezeichnend, daß die Entscheidung des Agrarreformministers im Widerspruch steht zu einem in der gleichen Frage gefällten Urteilsspruch des höchsten Verwaltungsgerichtes. Dies Tribunal ist nun auch von den 14 betroffenen Grundbesitzern angerufen worden. Da das Agrarreformgesetz nur eine Fläche von 180 Hektar vorsieht, die der Parzellierung nicht unterliegen, so würde den Besitzern nur ein Restbesitz verbleiben, mit dem sie angesichts der besonderen Wirtschaftsform ihres Besitzes dem Ruin entgegengingen. Die von den Polen bisher immer abgestrittene Behauptung, daß die Agrarreform als politisches Kampfmittel gegen den deutschen Bodenbesitz benutzt werde, ist in jüngster Zeit durch die in einem englischen Blatt erfolgte Veröffentlichung eines Geheimschreibens des Wojwoden von Pommerellen bestätigt worden. Auch hier spielt der Artikel 5 des Agrarreformgesetzes betreffs Gewährurg von Zusatzfreiflächen an besonders intensiv bewirkschaftete Güter mit hinein. Der Wojwode von Thorn wendet sich dagegen, daß die Vergünstigungen gemäß Artikel 5 nur auf agrarischen Motiven aufgesaut seien, wäh end politische Jedü.fnisse und Erfordernisse der Landesverteidigung nicht berücksichtigt seien. Der Wojwode erklärt sodann: Die in der Hand von Deutschen befindlichen Güter müßten in Beziehung auf den Artikel 5 strenger als andere behandelt wedden. Der Korridor genannte Teil Pommerellens müßte rücksichtslos vom deutschen Grundbesitz gesäubert werden. In der Nachbarschaft der Grenze müssen alle deutschen Güter innerhalb 20 Kilometer von der Grenze aufgeteilt werden. Die Zuteilung von Zusatzfreiflächen an Deutsche hat ohne Rücksicht auf den gegenwärtigen Wirtschaftszustand der Güter zu unterbleiben. Das englische Blatt, das dieses Dokument in auffallender Aufmachung veröffentlicht, versieht seinen Kommentar mit der Ueberschrift:„Die Klagen der Minderheit berechtigt“ und weist auf den Minderheitenvertrag hin, der Polen verpflichtet, die Minderheiten genau so zu behandeln wie Nationalpolen. Hier sei ein Gegenstand, den zu behandeln der Völlerbundsrat nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht habe. Dr. V. Entgegnung an den Zechenverdand.— Um das Ausmaß der Lohnsenkung. Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald wendet sich in einer längeren Erklärung gegen eine Verlautbarung des Zechenverbandes, in der u. a. behauptet wurde, daß der Zechenverband bei dem Ruhrkonflikt im Bergbau zweifach von der Reichsregierung enttäuscht worden sei: Einmal hatten die Bergbauunternehmer nach dem Gange der Verhandlungen über die Preissenkung im Reichswirtschaftsministerium annehmen müssen,„daß der Reichsarbeitsminister sich für eine Lohnsenkung von mindestens acht Prozent ab 1. Januar einsetzen würde, und dag er sich dabei im Einverständnis mit dem Gesamtkabinett, insbesondere dem Reichskanzler befände.“ Demgegenüber betont der Reichsarbeitsminister, daß von keiner Regierungsstelle den Unternehmern bei der Kohlluprei sentung fest in Aussicht gestellt worden sei. daß im Kohlenberabau eine LohnPeren funnten=Malerial. Die Polizei an der Arbeit.— Versängliche Fragestellung.— Vernehmung sogar an Sonn= und Feiertagen. Wie die„Ostdeutsche Morgenpost“ in Beuthen aus Ostoberschlesien erfährt, ist in diesen Tagen die polnische Polizei mit fieberhaftem Eiser an der Arbeit, Material über die deutschen Beschwerden wegen des Wahlterrors zu sammeln. Seit Beginn des Jahres werden die mißhandelten Personen in überstürzter Eile vernommen. Die Vernehmungen finden sogar an Sonn= und Feiertagen statt. Bei der Vernehmung der mißhandelten Personen werden einige Fragen besonders hervorgehoben. Die wich'igste Frage ist die, ob sich der Mißhandelte zur deutschen Minderheit rechnet. Tabei wird bei den Vernehmungen diese Frage unklar und in zweidentiger Form gestellt, so daß der Vernommene nicht sofort erschen kann, ob man ihn nach seiner Staatszugehörigkeit oder nach seinem Volkstum befragt. Taher bekennt sich zweisellos mancher, der sich den Sinn der Frage nicht extra verdeutlichen lätt, fälschlicherweise in der Annahme, es ginge um die Staatszugehörigkeit, als Pole. Außerdem ist zu beachten, daß unter dem herrschenden wirtschaftlichen und politischen Druck mancher Angehörige der deutschen Minderheit heute der polnischen Polizei gegenüber gar nicht in der Lage ist, sich als Mindetheitsangehöriger zu bezeichnen, so daß auch hier wahrscheinlich die Zahl der sogenannten Polen größer sein wird, als es den tatsächlichen Verhältnissen entspricht. Selbstverständlich ist das der Zweck dieser Fragestellung, denn Polen wird dieses Material in Genf vorlegen und dem Völkerbund erklären, daß, da ein großer Teil der mißhandelten Personen sich selber als Polen und nicht als Deutsche bezeichnet hätte, gar kein Anlaß bestehe, wegen der Wahlzwischenfälle an den Minderheitenschutz zu appellieren. Weiter scheint größtes Interesse zu bestehen für die Frage, ob der betreffende Mißhandelte jemanden beaust agt habe, eine Beschwerde beim Deutschen Volksbund oder beim Völkerbund einzureichen, und woran man die Täter als Aufständische erkannt habe. Für wie wichtig die polnische Polizei diese Feststellungen hält, beweist ein Fall, wo einer der Zeugen der deutschen Minderheit schon am Sonntag darüber vernommen worden war, und am Festtag der Heiligen Drei Könige noch einmal den Besuch eines Kriminalbeamten erhielt, der ihm dieselben Fragen vorlegte, obwohl die polnische Polizei sonst an Sonnund Feiertagen derartige Arbeiten ruhen läßt. * Der Prozeß um Golassowitz. Die Geständnisse durch Drohungen und Folterungen erpreßt. In der Verhandlung vor dem Rybnicker Burggericht gegen die acht Angeklagten von Golassowitz beteuerte der Angeklagte Korchel seine Unschuld. Er beschwerte sich darüber, daß bei den Aussagen vor dem Untersuchungsrichter durch Androhung einer fünfjährigen Kerkerstrafe auf ihn ein Druck soviel Nährstoffe wie ungiftige Steinpilze, kein vernünftiger Mensch würde es aber wagen, die giftigen Fliegenpilze ihrer Nährstoffe wegen zu essen, die die gleichen Wärmekalorien erzeugen wie ungiftige Steinpilze. Alkohol soll wärmen, sagen die Leute, ein Kind sagt, trinke ich Bier, bekomme ich heiße Backen und es wird mir ganz wirr im Kopfe. Was aber sagen die Nordpolfahrer? Nansen in„Nacht und Eis": Alkoholische Getränke sind nicht nur nicht notwendig, sondern absolut schädlich. Betrunkene erfrieren bekanntlich viel leichter. Wie erklärt sichdas? Nach dem Genuß von alkoholischen Getränken fühlen sich die Leute äußerlich auf der Hant wärmer, prüft man aber mit dem Fieberthermometer die Körpertemperatur vor und nach dem Alkoholgenuß, so findet man, daß die Temperatur regelmäßig nach dem Genuß von alkoholischen Getränken sinkt. Der Alkohol entwickelt im Körper allerdings Wärme, diese steigt sofort an die Oberfläche des Körpers und gelangt von dort aus durch die Hautporen nach außen. Gleichzeitig tritt die Giftwirkung in Erscheinung. Die kleinen Ringmuskeln der Poren werden durch den Alkohol gelähmt und können sich nicht mehr schließen. Die Körperwärme kann jetzt ungehindert ausströmen. Darum erfriert in der Nacht der Betrunkene so leicht. Alkohol treibt die Körverwärme nach außen und täuscht Wärme vor. In Wirklichkeit setzt er die innere Wärme herab. Der Alkohol ist also ein Betrüger. Alkohol soll stärken, behaupten die Brauer, Brenner und Weinlieferanten. Ein Stoff, der nicht nährt, stärkt auch nicht. Alle alkoholischen Getränke sind durch Gärung entstanden, durch die Gärung werden aber die Nährstoffe vernichtet, beim Schnaps vollständig, bei Wein und Bier fast ganz, auch bei Nähr= und Malzbier. Alkohol ist ein lähmendes Gift, viele Menschen werden schon nach dem Genuß eines einzigen Glases Bier müde. Wie verfahren Turner und Sportleute bei Wettspielen?— Sie meiden den Alkohol, denn jeder, der Leistungen vollbringen will, muß den Alkohol seiner lähmenden Wirkung wegen meiden. Nur bei ganz kurzen Leistungen von wenigen Sekunden— etwa einem Hundertmeterausgeübt worden sei. Nur deshalb habe er sich dazu bekannt, an der Schlägerei teilgenommen zu haben. Der Angeklagte Waclawik bestreitet, überhaupt am Tatort anwesend gewesen zu sein. Auf eine Frage der Verteidigung erklärt er mit großer Bestimmtheit, daß bei den evangelischen Vereinsv.ranstaltungen in Golassowitz niemals von Politik die Rede gewesen sei. Eine ähnliche Erklärung hatten auch schon andere Angeklagte abgegeben. Es ist dies besonders bedeutsam, weil schon in der ersten Meldung der Polnischen Telegraphenagentur über den Vorsall in Golassowitz folgender Satz enthalten war:„In Golassowitz ist in der Nacht vom 22. auf den 23. November von einem deutschen Stoßtrupp unter Führung des Pastors Harlfinger in bestialischer Weise der Polizeikommandant Johann Sznapka ermordet worden.“ Für diese Behauptung hat die Untersuchung nicht den geringsten Anhalt bieten können. So konnte auch die Anklage auf Pastor Harlfinger nicht ausgedehnt werden, der bisher nicht einmal als Zeuge geladen worden ist. Kurt Szymik beschwert sich gleichfalls über den Untersuchungsrichter. Auch er habe nur aus Angst vor der angedrohten Gefängnisstrafe behauptet, bei der Schlägerei beteiligt gewesen zu sein. Zum Schluß teilt der Angeklagte Waclawik unter lebhafter Bewegung im Zuhörerraum mit, raß er im: Golassowitzer Haftlokal von der Polizei gezwungen worden sei, aus Kohlen zu knien. Aehnliche Angaben hatten am Vormittag auch die Angeklagten Kulla und Watut gemacht. Die Befreiung des Ostens. Der Reichskanzler in Marienwerder. Bei seiner Anwesenheit in Marienwerder erklärte Reichskanzler Dr. Brüning, seine Reise werde dem ganzen deutschen Volke zeigen, daß die Arbeit und der Zukunftswille des deutschen Volkes nach der Rheinlandräumung sich geschlossen nach dem deutschen Östen wenden müßten. In den Ausführungen der Vertreter dieser Gebiete erkenne er den Geist an, der aus ihnen spreche und an dem sich die Bevölkerung im übrigen Deutschland ein Beispiel nehmen könne. Sei es doch hier in dem Gebiet an der Weichselgrenze gelungen, in allen Fragen, in denen das Volk einig sein müsse, diese Einigkeit auch herbeizuführ u. Das sei eine wichtige Voraussetzung für die Magnahmen der Reichsregierung. Er sei überzeugt, daß der beste Weg unter sorgfältigster Wahrnehmung der Interessen der einzelnen Berufsstände sei, daß alle Berufsstände sich die Hand reichen, das Trennende zurückstellen und gemeinsam Forderungen und Wünsche an die Reichs= und Staatsregierung richten. Nach dieser Richtung hin nehme er von hier sehr günstige Eindrücke mit. Er hoffe, daß die Reichsregierung, von dem Vertrauen der bedräng en Ostgebiete##tragen, das Werk der Befreiung des Ostens durchführen könne. Hierauf traten die Herren die Weiterfahrt nach Küstrin an, wo sich noch mehrere Herren der Regierung aus Berlin dem Kanzler für die Weiterfahrt nach Oberschlesien anschlossen. K lauf— regt er vielleicht an, sollen aber nach einem solchen Lauf noch andere Leistungen vollbracht werden, so tritt schon die lähmende Wirkung in Erscheinung. Vor 38 Jahren, als man diese Erkenntnisse noch nicht hatte verordnete mir ein Arzt als Quintaner zur Kräftigung in der großen Schulpause eine Flasche Bier, die ich regelmäßig trank. Nach dem Genuß des Bieres schrieb ich, meine Arbeiten bestenfalls„mangelhaft" und meine Leistungen gingen rapide zurück. Statt der erwarteten Stärkung des Nervensystems trat das Gegenteil ein. Wer klug ist, legt also sein Geld nicht in teuren alkoholischen Getränken an. Wer aber keinen Alkohol trinkt, der wird von seinen Mitschülern leicht ausgelacht, die sagen er sei kein echter deutscher Mann. Wir aber fragen, welcher junge Mann zeigt mehr Mut, der, welcher mit der Masse geht und alles gedankenlos mitmacht ohne langes Ueberlegen, oder der, welcher selbst untersucht, wie e richtig ist und danach handelt und seinen Weg unbeirrbar geht, der gegen den Strom schwimmt und unrichtige Vorurteile überwindet, der Widerstände beseitigt und sick, durch diesen fröhlichen Kampf körperlich und geistig stärkt?— Der entschlossene Verzicht auf den Genuß alkoholischer Getränke ist aber kein großes Opfer, sondern vielmehr eine befreiende, beglückende Tat, die Gesundheit und Zuwachs an Lebensfreuden jeder Art bringt und zur inneren Wahrhaftigkeit erzieht. Dieser Verzicht ist ferner kein Zeichen einer schlappen, seigen und unmännlicher Gesinnung, sondern ein solches echter, von hohem Verantwortungsgefühl durchdrungenen Männlichkeit. In diesem Sinne unterweisen Sie Ihre Kameraden und versäumen Sie nicht, diese an ihre späteren Führerpflichten zu erinnern. Ich schließe mit einem Ausspruch Goethes, dessen Familie auch durch den Alkoholgenuß so schwer geschädigt worden ist:„Das Bier macht das Blut dick.. Wenn es so wie bisher fortgehen sollte, so wird man nach 2 bis 8 Menschenaltern schon sehen, was diese Bierdäuche und Schmauchkümmel aus Deutschland gemacht haben.“ Glückauf zum fröhlichen Kampf! Stets bin ich Ihr Fritz Kruse. eintreten wergen. Prezent 40 k. Sonnar Der Staatssekretär des Reichswirtschaftsministeriums habe lediglich erklärt, daß bei Senkung der Kohlenpreise für das Ausmaß einer Lohnkürzung drei Anhaltspunkte vorlägen: a) ein Art.kel des Reichsarbeitsministers, worin ausgeführt sei, daß, um Schlimmeres hintanzuhalten, das deutsche Volk in den ersten Jahren sich auf eine Senkung seines Lebensstandards um 5 bis 10 Prozent einrichten müsse, b) die vorgesehene Gehaltskürzung der Beamten um 6 Prozent, .59), der Schiedsspruch in der Berliner Metallmoustrie mit einer Lohnsenkung um 8 Prozent. Daraus konnte, so sagt der Reich arbeitsminister, eine Lohnkürzung im Kohlenbergbau„von mindestens 8 Prozent“ abgeleitet werden. Zudem habe er, so bemerkt Dr. Stegerwald weiter, Unternehmern am 5. Januar in Dortmund eigens gesagt, daß das Reichswirtschaftsministerium auch heute noch aus wirtschaftlichen Gründen eine Lohnkürzung von 8 Prozent im Kohlenbergbau für notwendig halte, daß aber die Gesamtregierung das Hositisecen###und daher die wirtschaftlichen und Baunschen beglitäten und Möglichkeiten auf einen Nenner zu bringen suchen müsse. * Der Standpunkt der Bergarbeiter. Nach Blättermeldungen sollen in den Lohnverhandlungen im Ruhrbergbau die Gewerkschaftsführer bereit gewesen sein, einem Abbau der Löhne bis zu fünf Prozent zuzustimmen. Dem Vernehmen nach treffen diese Angaben nicht zu. . In den Verhandlungen wurde von den Führern der Bergarbeitergewerkschaften erklärt, daß sie im Interesse der Bergarbeiter nur eine Lohuh rabsetzung von höchstens vier Prozent verantworten könnten. Gegen eine weitere Herabsetzung der Löhne haben sie sich durchaus ablehnend verhalten. . In den für Sonnabend bzw. Sonntag einberufenen Vorstandssitzungen des Bergbauindustricarbeiterverbandes bzw. des Christlichn Bergarbeiterverbandes sollen alle Maßnahmen für eine evtl. Aussperrung am 15. Januar vorbereitet werden. Annäherung in Südwales. — London, 8. Januar. Die Vertreter der streikenden Bergarbeiter in Südwales werden am Freitag vorschlagen, ein Mitglied des neuen Landesschlichtungsausschusses als neutvalen Schiedsrichter zu bestellen. Bis zur Erreichung eines Abkommens soll der 7½=Stundentag ohne Lohnherabsetzung beibehalten weiden. In Lancashier haben sich die Arbeiter und Grubenbesitzer für ein dreimonatiges Abkommen mit achtstündiger Arbeitszeit von Montag bis Freitag und fünfstündiger Arbeitszeit am Sonnabend ohne Lohnherabsetzung geeinigt. Neue Konflikte. Vor einem Lohnkampf in der Holzindustrie. Gegenwärtig besteht in der Holzindustrie kein Lohnabkommen zwischen den Parteien. Die Verhandlungen, die einen neuen Manteltarif für Deutschland und darauf aufgebaute Sondertarife für Berlin und andere Großstädte schaffen sollten, sind gescheitert. Ein Ausschuß der Arbeitg ver=Organisationen hat nun beschlossen, den Mitgliedern aufzugeben, mit dem 15. Januar einen achtprozentigen Abbau der bisherigen Löhne verzunehmen. Die Höhe der Löhne rechtsertige einen weiteren Abbau von sieben Prozent zu einem späteren Termin. Die Gewerkschaften der Holzarbeiter in Berlin und einigen anderen Großstädten bereiten sich zum Kampfe vor. Sie rechnen auch mit einer Aussperrung in den Gebieten, wo kein Streik proklamiert wird. Von einem Konflikt würden etwa 200 000 Holzarbeiter betroffen werden. * 500 Bergleuten im Siegerland gekündigt. Auf der Kruppschen Grube„Vereinigung in Katz= winkel“ in Wissen(Sieg), wurde zum 16. Januar 500 Bergleuten die Kündigung ausgesprochen. Als Grund wird Absetzmangel angegeben. Die Beschäftigungszeit für 1. üngestellten läuft am 1. Juli d. J. ab. Die Lage an der Ruhr. Ueberfall auf Arbeitswillige in Tuisburg. Im Stadtteil Caßlerfeld kam es zu schweren Ausschreitungen und Ueberfällen auf zwei arbeitswillige Bergleute, als diese nach Beendigung der Schicht ihre in der Caßlerstraße gelegenen Wohnungen aufsuchen wollten. Die Arbeits villigen wurden von Streikenden angefallen, zu Boden geschlagen und schwer mischandelt. Uuter anderem wurde auf die Ueberfaltenen ein großer Hund gehetzt. Im Augenblick hatte sich eine große Menschenansammlung gebildet, und es kam zu schreitungen, die ein Eingreisen der Polizei erso: ten. Einer der Uebersallenen trug so schwere Verletzungen davon, daß er dem Krankenhaus zugeführt werden mukte. gngeführt und Provinzialnachrichten. — Bielefeld. Neue Lesehalle. Am Mittwoch Abend wurde die neue Lesehalle in dem von den Evangelischen Gemeinden wieder hergerichteten Saal des Christlichen Hospizes, Bahnhofstr.=Zimmerstr., durch eine erste Zusammenkunft der freien Helfer in der Wohlfahrtspflege eingeweiht und am Donnerstag morgen eröffnet. Herr Pastor Pawlowski begrüßte die Helfer, die den neuen freundlichen Raum ganz füllten und erzählte von dem Werden der Sache. Die Not der Arbeitslosen ist es hauptsächlich, die die Veranlassung wurde, das Werk anzugreifen. Trotzdem man nicht wußte, wo die nötigen Mittel herkommen sollten, ist fröhlich gebaut und gearbeitet worden, und es ist zu hoffen, daß der Dienst, der hier geleistet werden soll, vielen zur Freude und zum Segen wird. Die Lesehalle steht jedermann zur Benutzung frei und es ist sehr erwünscht, daß die Sache das weiteste Interesse und willige Unterstützung findet. Kirchennachrichten für Zion. Sonntag, den 11. Januar 1931, 1. S. n. Epiph. 8½ Uhr: Pastor Tegtmeyer. 9 Uhr: Pastor Wilmanns. 10 Uhr: Pastor Schlatter. 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Montag, 20¼ Uhr: Gosen. Gemeindebibelstunde. Donnerstag, 19½ Uhr: Pastor Jungblut. Kirchennachrichten für Schildesche. Sonntag, den 11. Januar 1931: 10 Uhr vorm. Gottesdienst, Pastor Neuhaus; 1½ Uhr nachm. Kindergottesdienst. Mittwoch den 14. Januar 1931: 8 Uhr abends Bibelstunde im Gemeindehause. Bethel. — Gestrickter Herrenhandschuh liegengeblieben. Anstaltssparkasse. Schriftleitung: W. Kraa; Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. H. Huttel: Anzeigen: K. Diekmann: alle in Betbel. Bleisreid Obernstraße 35 Schls. Förstert., 27., evang, sucht passenden Wirkungskreis i. bess. Hause, bald od. 1. 4. 31. Haushaltungssch. bes., Schneider., Weißn. und Kochen gel. Fam.= Anschl. erw. Ausführl. Zuschr. m. Gehaltsang. erb. Luise Raehrig, Triesnitz, Sargan Land. Rein echien Tistter vollletikäse mit 48/52% Fett I. T. kostef eb heute nur RM .00 pro Pld. Versand erlolst nur in Posttollis unt. 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Es war einmal ein verständiger und fleißiger Landmann, schlecht und recht, der hatte Knechte und Mägde, die waren willig und geschickt und mehrten sein Gut, so daß er bald landauf, landab der Reichste unter seinesgleichen war. Wetterfest und behäbig auf sicherem Grund stand sein Haus, seine Speicher bargen Korn die Fülle und in seinen Kellern lag edler Wein. Aber jedes Glück weckt Selbstgefühl und Stolz, und von Stolz zu Hoffart, von Hoffart zu Leichtlebigkeit ist es nur ein kleiner Schritt. Er saß abends gern in den Wirtschaften, und sein Gesinde ging bald lieber auf den Tanzboden als in die Kirche. Und jedes Glück ist auch die Mutter eines Neides. Scheel und unruhig auf Hof, Acker und Vieh des reichen Mannes blickten seine Nachbarn und einst schlichen sie, schwer bewaffnet und raub= und zerstörungslustig, um die Mauern seines Hofes. Er gewahrte es und rief seine Söhne, seine Knechte:„Los und drauf! Wehrt euch!“ Und sie gingen drauf und wehrten sich, die zurückgetriebenen Neider und Hasser aber erfüllten alle Welt mit einem wüsten Geschrei:„Seht den Friedensstörer, der uns und euch nicht in Ruhe lassen kann!“. Und alle Welt glaubte der Hetze. Aber alle Welt staunte auch und duckte sich vor dem furchtbar losbrechenden Grimm des Herausgeforderten. Und doch ging der Mann als der Unterlegene aus dem Streit hervor. Und frohlockend nach seinen ertragreichsten Feldern und Wiesen, nach seinem besten Acker= und Hausgerät griffen seine Feinde. Ja, sie legten ihm eine Geldbuße auf, die er in alle Ewigkeit nicht zahlen kann. Geknechtet ist er mit allen seinen Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Und dann kam noch das Schlimmste. Seine Knechte kamen und machten sich zu Herren seines Besitzes. Ein Taumel ergriff alle, von Trauergeläut und Bußglocken wollte keiner etwas wissen. Die Predigt von Gott und Gericht und Ewigkeit wurde verlacht, und bald ging es so, wie es überall geht, wo die Menschen glauben, daß an Gottes Segen nichts, an ihrem eigenen Wollen und Können aber alles gelegen ist. Argwöhnisch und scharf auf jede Regung der edlen Tugenden, die ihren Herrn einst groß und stark gemacht haben, auf Treue und Einfalt, auf Mannesmut, Stolz und Redlichkeit achten die feindlichen Nachbarn, sie schmeicheln jeder Unterwürfigkeit und willigem Jasagen, sie wehren und drohen jedem Aufbegehren, jedem trotzenden„Nein“! Freundschaft allen Gutgesinnten, Feindschaft allen Schlechten! Und die Gutgesinnten, das sind die Knechte; die aufrechten Männer, das sind die Schlechten. Das, o Deutschland, das warst du. Und das bist du. Und nun liegt dein schweres, dunkles, jammervolles Jahr 1930 hinter dir. Was aber wird dir das neue bringen? Du schaust zurück, du blickst voraus. Und du klagst vielleicht:„Alles hat seine Grenzen, alles hat sein Ende, nur meine Not 1.—.“ Ich möchte dasselbe sagen. Vor mir liegt eine Zeitung, ein großes rheinisches Blatt. Ich studiere den Anzeigenteil, der mir immer ein untrüglicher Gradmesser für das Wirtschaftsleben unserer Zeit ist. Und auch noch für allerlei anderes. Es werben um Gunst und Geld des Lesers 8 Theater, 6 Kinos, 4 Konzerthallen, 10 Kleinkunstbühnen, 32 Wirtschaften und andere Gaststätten, 44 „Salons“ für Körperpflege, 6 herrschaftliche Wohnungen und 4 Stellen werden angeboten, eine für Bardamen, eine für einen Gesellschaftstänzer, eine für ein Hausmädchen und eine für einen Likörmixer. 16 gebrauchte Autos, teilweise wie neu, sind billig zu verkaufen. Schließlich noch 19 andere Anzeigen, darunter nur 6 Geschäftswerbungen für Handel und Handwerk. Aber 7 Zwangsversteigerungen. Dann einen Blick in den politischen Teil des Blattes. „Figaro", Paris, schreibt:„Wir Franzosen haben eine Ausnahmestellung. Wir sind nicht verdächtig, imperialistisch zu sein, also dürfen wir rüsten, soviel wir wollen und solange wir wollen, und kein Teufel in der Welt hat das Recht, da hineinzureden.“ So, so! Weiter:„Im gesamten Ruhrbergbau sind die Arbeits= und Lohnabkommen gekündigt worden.“—„Die Hörder Hütte wird stillgelegt. 4000 Arbeiter und 500 Angestellte werden brotlos.“— Ein Neujahrsgruß eines bekannten, noch immer auf Völkerverbrüderung hoffenden Parteiführers:„Wir — d. h. die Partei— sind stark in der Verteidigung. Wir müssen stärker werden zum Angriff. Das Jahr 1931 muß uns ein Jahr des Triumphs, für die Feinde der Arbeiterklasse aber ein Jahr der schmählichen Niederlage werden.“ Und so weiter! Ja, das ist wohl eine Not. Es fängt gut für uns an, das Jahr 1931. Eine schwere Hand liegt auf uns. Und doch, spüren wir es nicht, daß es eine Hand ist, die uns auch hält? Vor mir liegt noch eine Nachricht aus Rußland. Die mag ich kaum lesen. Schon das Wort Rußland trifft meine Seele wie Grabeshauch. Was muß das für eine finstere, menschenhassende Macht sein, die Gottes Wort den Argen nennt! Bei uns sind doch noch die Weihnachtsund die Silvesterglocken erklungen, über den weiten Steppen und Wäldern des Ostens aber, über den Städten mit den tollen Henkern, über den Dörsern mit den Geanechteten und Geknuteten lag und liegt das starre Schweigen des Todes. Wehe allen Russen, die sich jetzt noch des Kindes von Bethlehem freuen wollen! Das ist es, was du immer wieder bedenken magst, Deutschland! Daß du deinen Gott noch hast! Daß der noch lockend und werbend vor dir steht, von dem einst einer gesagt hat:„Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Nach Himmel und Erde! Verstehst du, was das heißen soll? Frage alle, die alt und grau geworden sind, nach ihrer in Freude und Leid gereiften Weltanschauung, nach ihrem Glauben und ihrem Trost, und glaube mir, es sind nicht die ärmsten und törichtsten, die dir sagen:„Ein nackter, frierender und hungernder Leib ist noch nicht das Schlimmste— die hungernde, verlassene Seele ist es.“ Sage nicht:„Alles hat seine Grenzen, nur meine Not nicht!" Denn jeder deiner russischen Menschenbrüder, die, den Kugeln ihrer Häscher trotzend und von allen Schrecken der Finsternis umlauert, durch verschneite Wälder und über gefrorene Sümpfe in der Christnacht an die Grenze eilten, nur um den Klang der Kirchenglocken zu hören— sie würden gern mit dir tauschen. Und wenn du in Lumpen gingst— deine Lumpen würden ein Feierkleid für ihn sein, könnte er das wieder haben, was du noch hast: das Wort Gottes! Könnte er nur noch in die Kirche gehen! Abseits vom Treiben der lauten Welt bin ich auf einsamen Posten gestellt— Selten seh' ich ein Schifflein landen, Zöre von fern nur das Leben branden— Weiß nur: Irgendwo— ganz in der Ferne— Blinken des Lebens verheißende Sterne. Manchmal— steh ich in Träumen am Fenster, Tauchen aus nächtlichen Tiefen Gespenster, Gaukeln mir vor, hinter jenem Zügel Rege das Glück seine goldenen Flügel— Und dann klagt meine einsame Seele, Ob sie im Dämmer den Tag nicht verfehle: Aber dann heb ich,o Ferr, meine Zände. Stille der Sehnsucht verzehrende Brände! Der du selber durch Tiefen geschritten, Einsam gelebt und einsam gelitten, Der du die Dornenkrone getragen— Räume hinweg die quälenden Fragen. Führe mich weiter den Weg der Schmerzen, Nur laß mich ruhen an deinem Zerzen! Abseits von aller irdischen Zelle Zeige mir ewigen Lichtes Quelle, Abseits vom Trubel der irdischen Gassen mich Dich selber voll Inbrunst umfassen! Luise Zaisch=Rolf. Was man hat, wird nur selten in seinem wahren Wert erkannt. Erst wenn es einem genommen wurde, weiß man, was man verloren hat. Gewiß, auch unsere Not ist groß. Jetzt hat es auch manchen bei uns getroffen, der es sich nie hätte träumen lassen. Der einst so reiche und satte und dann so arme und leidende Hiob hat jetzt in Deutschland viele Brüder. Und die Hagar, die aus geruhigem Schaffen und bescheidenem Genughaben in die rauhe Wüste Gestoßene, die das Sterben ihres Kindes nicht sehen konnte, viele Schwestern. Und der Kain, der achselzuckend sagt:„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ hat wohl noch nie so viele gleichgesinnte Genossen gehabt wie jetzt bei uns. Daß die Menschen so weltfremd werden können! Leute, die ein Schild mit der Aufschrift„Betteln verboten“ an ihrer Tür haben, ahnen es kaum, wieviel wanderndes Elend unsere Landstraßen sehen. Aber selbst solche, in deren Haus hinein tagaus, tagein der fiebernde Pulsschlag des notvollen Lebens schlägt, wissen es oft nicht, daß ganze Familien obdachlos von Ort zu Ort ziehen, dankbar, wenn eine milde Hand ihren Kindern einen Schluck Milch spendet, wenn sie für die Nacht eine barmherzige Schütte Stroh finden. Müde, in all dem Jammer stumpf gewordene Männer, vergrämte, nur noch mit den Augen klagende Mütter. An nasse Scheunenwände, an schimmelnde Balken schlägt das Wimmern ihrer Kinder. Reiche und Arme müssen untereinander sein. Nein und ewig nein! Daß die Menschen so arm werden sollten, das hat Gott nie und nimmer gewollt! Und du, der du in der letzten Stunde des vergangenen Jahres unangefochten den neunzigsten Psalm beten konntest, du solltest dich stark machen und dir nicht, zurückblickend auf Verlorenes und Verfallenes, den Kleinmut in das Herz grübeln. Es gibt genug andere, die das mit einem viel besseren Recht tun könnten und es doch nicht tun. Ich weiß zwei gute Worte, das eine von einem weltlichen, das andere von einem geistlichen Sänger. Das eine:„Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen", das andere:„Wenn du mich demütigst, machst du mich groß.“ Wetter und Dunkel sind um uns her. Aber du sollst nicht mutlos klagen; wer glaubt, der regt immer wieder schaffende, helfende, hebende Hände. Kein Gesetz kann die Menschen glücklich machen, nur die opfernde Liebe kann es. Und das Vaterland? Habe ich anfangs von einem Bauernhof gesprochen, will ich jetzt ein ähnliches Bild gebrauchen. Es brannte einmal einem waldeckschen Landwirt das Gehöft ab. Er baute Haus und Scheune wieder auf, aber als ihm dann noch die Frau starb und andere Schicksalsschläge kamen, machte das alles aus dem einst so tüchtigen und rechtschaffenen Mann einen Trinker. Er hatte drei heranwachsende Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, aber sein erster Knecht, ein geriebener, willensstarker Mensch, riß die Herrschaft über den Hof an sich, ja er trachtete danach, ihn ganz in seinen Besitz zu bringen. Er beredete den Vater, seinen Aeltesten, einen klugen, aber etwas leichten Jungen in eine Kaufmannslehre zu tun; die beiden andern fürchtete er nicht. Das waren stille, fromme Kinder, über die er sich heimlich lustig machte; das Mädchen nannte er spottend das Nönnchen. Er würde sie auch wohl um ihr Erbe betrogen haben, wenn sie nicht zäh und geduldig lange Jahre um ihr gutes Recht gekämpft hätten. Trotz aller Feindseligkeit und Mißgunst des listigen und gewalttätigen, sie hart bedrängenden Erbschleichers blieben sie in ihrem Vaterhause, in ihrem einfältigen Gottvertrauen des endlichen Sieges gewiß. Und staunend sagte eines Tages das ganze Dorf:„Nun sieh einer diese Stillen! Sie haben's wahrhaftig geschafft!“ Mir hat diese kleine Geschichte immer wieder viel zu sagen. Eine Stunde still schaffen schafft mehr als einen Tag laut reden. Halten auch wir ihn fest, den Glauben an unsere Sendung! Es sind durchaus keine verlorenen Posten, wo wir stehen. Noch immer sind es die zehn Gerechten Sodoms, die das Schicksal einer Stadt, eines Volkes bestimmen. Und ist es von jeher Gottes Art gewesen, dem Werk der Großen und Klugen seinen Segen zu versagen, aber der treuen und gläubigen Kleinarbeit seiner Stillen und Geringen ein gutes und ehrenvolles Gelingen zu geben, weshalb sollte er sich denn auch nicht einmal herrlich zu seinem kleinen Häuflein in unserm armen und lieben Deutschland bekennen? Was sagt Konrad Ferd. Meyer: „Doch es ist ein ew'ger Glaube, Daß der Schwache nicht zum Raube Jeder frechen Mordgebärde Werde fallen allezeit: Etwas wie Gerechtigkeit Webt und wirkt in Mord und Grauen, Und ein Reich will sich erbauen, Das den Frieden sucht der Erde.“ Und wenn er noch weiter schweigen würde, wenn wir noch tiefer in die Nacht und das Elend gehen müßten? Dann weiß ich nur noch eins: Dennoch! Wie auch Tod und Hölle wüten, der Sieg und das Leben bleibt Gottes. Sorgen wir nur, daß wir Gottes bleiben! Gerechtigkeit! Vor 1100 Jahren hat ein unbekannter sächsischer Mönch den Heliand geschrieben, und als er vor 100 Jahren aus langer Verborgenheit erlöst wurde, begrüßte man ihn als den schönsten Beweis für die Eindeutschung des Christentums. Hier, so sagte man, habe das Christentum mit dem Deutschtum einen guten Bund geschlossen. Man überschätzte in der ersten Freude über die Wiederentdeckung des Werkes wohl seine Bedeutung. Den echten Bund hat das Christentum mit dem Deutschtum in Luther geschlossen. Damit ist aber der hohe Wert des sächsischen Heliand nicht bestritten. Es wäre wohl schön, wenn er bekannter würde, als er trotz allen Lobes heute noch ist. Nun sind ihm aber nach 100 Jahren seiner Wiederentdeckung scharfe Gegner erstanden. Nicht heilvoll soll die in ihm vollzogene Verbindung von Christentum und Deutschtum sein, sondern unheilvoll. Das Deutschtum soll durch diesen Bund schwer geschädigt worden sein und darum sei seine Entchristung zu fordern, damit es rein und hehr wie sonst auch in seiner Religion wieder zur Geltung komme und wirke. Ein Hauptgrund für die Forderung der Entchristung des Deutschtums ist die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Alten Testament oder, wie man lieber sagt, mit dem Judentum. Man hat eine Zeitlang gemeint, diese Verbindung lösen zu können, indem man das Christentum arisch machte. Christus durfte kein Jude sein, sondern mußte arisches Blut in seinen Adern haben. Heute hat man wohl eingesehen, daß diese Behauptung eine gewaltsame Konstruktion war, die sich nicht halten läßt. So muß für die unentwegten Vertreter der deutschen Religion das Christentum mit dem Judentum zusammen abgelehnt werden... Es ist nun nicht leicht, in den Streit einzugreisen. Er wird, zumal von den Vorkämpfern für deutsche Religion, mit heißer Leidenschaftlichkeit geführt. Das bringt die Gefahr mit sich, daß man nicht mehr recht sieht. An der, deutschen Religion sieht man nur hohe Züge, am Christentum und erst recht am Judentum sieht man deren Schwächen, deren Sünden. Das ist ja überhaupt eine alte, jede Auseinandersetzung gefährdende Unsitte, daß man eine Idealgestalt einer Karikatur gegenüberstellt. Es ist dann leicht, den Gegner ins Unrecht zu setzen. Dies gilt aber keineswegs etwa nur als Gefahr für die Apostel der Deutschreligion, sondern ebensogut für die Verteidiger des Christentums und des Judentums. Man entgeht dieser Gefahr am ehesten, wenn man einmal an einem Einzelpunkte, selbstverständlich nicht an einem unwichtigen, einfach die Tatsachen reden läßt. Dann ist es am ehesten möglich, gerecht zu urteilen. Und dies ist der Sinn der Ueberschrift: Gerechtigkeit! Es soll an einem ganz konkreten Punkte zunächst festgestellt werden, was die germanische, die jüdische und die christliche Religion dazu sagen und dann ein Urteil gefunden werden, welcher in diesem Punkte der Vorzug gebührt. Damit ist nicht die ganze Frage entschieden, aber ein Beitrag zu ihrer Lösung gegeben. Nun hat aber dieser Lösungsversuch noch mit einer Schwierigkeit zu rechnen, nämlich mit der, daß schwer zu sagen ist, was die germanische oder die deutsche oder die arische Religion ist. Wir haben nicht vor, darauf die Antwort zu geben, denn wir würden sofort den ernstesten Streit entfachen. Die eindeutige Antwort auf die Frage ist bis jetzt noch nicht gegeben. Daher halten wir uns auch hier lieber im Konkreten. Der Heliand ist das Werk eines Sachsen, entstanden zu einer Zeit, die im Lichte der Geschichte liegt. Die Sachsen sind wahrlich nicht die schlechtesten Vertreter des Deutschtums. Wir wählen also ein Beispiel, dem man nicht nachsagen kann, daß es unbillig gewählt sei. Dabei sind wir in der glücklichen Lage, uns auf einen Zeugen berufen zu können, dessen Zuverlässigkeit nicht nur in theologischen, sondern auch in außertheologischen Kreisen so gut wie allgemein anerkannt ist. Es ist dies der gelehrte, feinsinnige und vorbildlich gerechte Verfasser der„Kirchengeschichte Deutschlands", Albert Hauck, einst Professor der Kirchengeschichte in Leipzig. Wenn dieses Buch fleißig von allen gelesen wäre, die in unserer Frage sich mitzureden getrauen, würde die Aussprache viel ruhiger und viel fruchtbarer geschehen, als dies meist der Fall ist. Hauck weiß von vielen Guten und Tüchtigen bei den Sachsen zu sagen. Er vermag aber nicht zu verschweigen, was Tatsache ist, noch viel weniger, es zu rechtfertigen. So erfahren wir z. B. durch ihn, daß die Sachsen zur Zeit Karls des Großen noch Menschenopfer kannten, und es ist immerhin von Wert, darauf hinzuweisen, daß er diese grausige Sitte darauf zurückführt, daß die Ueberzeugung von der unbezwinglichen Gewalt der unsichtbaren, furchtbaren Götter dazu beweg, sie durch Menschenopfer zu versöhnen und günstig zu stimmen. Das sollten alle die nicht vergessen, die von dem blutdürstigen Jahwe der Juden reden. Ihm werden doch nur Tiere nach der Gesetzgebung des Mose geopfert... Es ist aber nicht die Absicht, auf diesen Punkt näher einzugehen. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß in der Capitulatio de partibus Saxoniae im 9. Kapitel der mit der Todesstrafe bedroht wird, der„einen Menschen dem Teufel opfert oder nach Sitte der Heiden ihn den Dämonen als Opfer darbringt". Wovon hier die Rede sein soll, ist ein Anderes. In Kap. 6 desselben Gesetzes ist folgendes zu lesen:„Wer, vom Teufel betrogen, nach Weise der Heiden glaubt, daß ein Mann oder eine Frau Zauberer seien und Menschen äßen und wer infolgedessen die Frau dem Feuertode übergibt oder ihr Fleisch jemand zu essen gibt oder selbst von ihr ißt, der soll sterben.“ Wir sehen durch dieses Verbot hinein in die Welt des sogenannten Animismus, und zwar in dessen furchtbarste Form, der Menschenfresserei. Es steht durch Kap. 6 fest, daß bei den Sachsen gegen Ende des 8. Jahrhunderts nach Christi Geburt mit der Menschenfresserei gerechnet wird, und zwar mit ihr als einer Tatsache. Dabei tritt uns der animistische Aberglaube nicht nur bei denen entgegen, die in dem Geruche des Zauberns stehen, sondern auch bei denen, die selbst nicht Zauberer sind. Die zaubernden Männer und Weiber essen Menschen, um ihre Zauberkräfte zu erhöhen. Diejenigen, die sie töten und andern zu essen geben(etwa Kranken) oder selbst sie essen, sind der Meinung, daß auf diese Weise nicht nur die geheimen Kräfte der Zaubernden in sie übergehen, sondern dazu noch die Kräftevermehrung, welche jene durch Essen eines Menschen gewonnen hatten. Animismus nennt man diejenige Form von Religion, nach der in allem Seelenstoff oder Seelenkraft eingeschlossen sein soll, die man sich aneignen kann, indem man davon ißt. Es ist verständlich, daß der Mensch ganz besonders viel Seelenkraft hat und man, wenn man ihn oder von ihm ißt, ganz besonders viel davon in sich aufnimmt. Dabei ist das Furchtbare noch dies, daß man nicht den toten Menschen ißt. Von ihm ist die Seelenkraft schon gewichen. Man muß von seinem lebenden Fleisch essen oder sein Blut trinken, so lange es noch warm ist. Menschenfresserei ist wirklich eine gräßliche Sache. Es ist ein naiver Irrtum, wenn man meint, sie habe darin ihren Grund, daß das Menschenfleisch gut schmeckt. Sie hat ihren Grund im Animismus, in gewissen religiös zu bewertenden Anschauungen. Und diese Anschauungen treffen wir bei den alten Deutschen, wie schon gesagt, noch im 8. Jahrhundert nach Christus. Daran ist gar nichts zu ändern. Das ist eben Tatsache. Und es wäre unehrlich, also eines Deutschen unwürdig, wenn wir dies vertuschen wollten, weil wir's lieber anders hätten. Wie steht es nun in diesem Punkte, wir machen darauf aufmerksam, daß es sich hier lediglich um diesen Punkt handelt, bei den beiden andern Religionen! Wir beginnen mit dem Judentum. Bei ihm findet sich von Menschenfresserei keine Spur. Es ist gegen diese animistische Gräßlichkeit durch sein Gesetz gesichert. In ihm steht zwar nirgends: du sollst keinen Menschen essen, wohl aber: esset das Fleisch nicht, das noch lebt in seinem Blut(1. Mose 9,). Dabei ist selbstverständlich an Tierfleisch, und nur an dieses gedacht. Mit diesem Verbot, das später mit Beziehung auf das Blut mehrfach wiederholt wird, ist Israel geschützt gegen den Animismus und seine furchtbaren Folgen. Es ist zu beachten, daß es in dem uralten Verbot ausdrücklich heißt:„Fleisch, das noch lebt in seinem Blut, darf nicht gegessen werden.“ Diese für uns etwas merkwürdige Ausdrucksweise will eben das besagen, was den Genuß auch des Tierfleisches so grausig macht. Es handelt sich nicht um zubereitetes Fleisch, sondern um Fleisch, das von dem lebenden Tier abgeschnitten oder mit den Zähnen losgerissen ist. Es muß, ehe es erkaltet und das darin enthaltene Blut geronnen ist, gegessen werden, sonst ist das Leben ja schon aus ihm entwichen und man kann sich nicht mehr durch das Essen seiner bemächtigen..“ Von hier aus wird auch verständlich, warum die Juden, die orthodoxen bis heute, einen so großen Wert auf das Schächten legen. Sie meinen, daß die Entblutung auf keine andere Weise besser erreicht werden kann, und legen darum so großen Wert auf rituelles Schlachten. Wenn man weiß, wie weit der Animismus über die Erde verbreitet war und zum Teil heute noch ist, dann kann man ermessen, was für einen hohen Wert das Verbot des Blutgenusses für die Juden gehabt hat. Sie blieben frei von all dem, was an Furchtbarem aus ihm entstehen kann. Wenn sie es mit Tierblut so ernst nahmen, dann kann gar kein Gedanke daran sein, daß sie Menschenblut oder noch durchblutetes Menschenfleisch genossen hätten. Wir kommen zum Christentum. Ihm ist der Zusammenhang mit dem Alten Testament, der ihm heute zu so schwerem Vorwurf gemacht wird, in unserer Frage gut bekommen. Die ersten Christen waren Glieder des jüdischen Volkes, also keine Animisten. Und die Geltung. welche das Alte Testament auch für die Christenheit behielt, hat sich hier jedenfalls nur wohltätig ausgewirkt. Von Menschenfresserei läßt sich innerhalb des Christentums erst recht keine Spur nachweisen. Ja, es ist beachtenswert, daß der erste Kirchentagsbeschluß, der in der Christenheit gefaßt wurde, sich mit unserer Frage beschäftigt. Weil die Juden den Blutgenuß so sehr verabscheuten, daß ihnen sogar der Verkehr mit einem Menschen erschwert war, welcher zwar nicht lebendes Blut, aber doch das geronnene Blut, das in einem verendeten Tier enthalten ist, genossen hat, nahmen die ersten Christen darauf Rücksicht und verboten auch den Genuß von Ersticktem. Es gehört zu den alten Ladenhütern der gegenchristlichen Agitation, daß man behauptet, wenn man ein rechter Christ sein wolle, dann dürfe man heute noch keine Blutwurst essen. Mit einer solchen Behauptung vermag ein Ignorant bei Ignoranten billigen Beifall ernten. Wer im Alten Testament Bescheid weiß, kann da lesen, daß es sich bei dem Genuß von totem Blut= geronnenem Blut nicht um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, sondern um etwas, was der Jude besser läßt, was er aber dem Nichtjuden nicht verwehrt. Die Rücksicht der ersten Gemeinde auf die Juden und die Christen aus den Juden ist verständlich. Nachdem die Verhältnisse, unter denen sie Sinn und Wert hatte, aber sich geändert haben, liegen die Dinge anders. Ein Christ von heute braucht sich wahrhaftig kein Gewissen daraus zu machen, wenn ihm eine Blutwurst schmeckt. Es ist ein Zeichen der geradezu heillosen Bibelunkunde unserer Tage, daß man mit solchen Mätzchen Eindruck auf erwachsene Menschen zu machen vermag. Vom Christentum ist aber hinsichtlich der Menschenfresserei noch mehr zu sagen. Während das Judentum seit der Zerstörung Jerusalems im großen und ganzen auf seine Propaganda verzichtet hat, ist das Christentum missionierende Religion bis heute. Auf seinem Wege über die Erde hin hat es immer wieder, nicht nur bei den alten Deutschen den Animismus angetroffen und überwunden, und heute noch ist es mitten in dieser seiner segensreichen Arbeit begriffen. Wenn es uns allen, auch denen, die das Christentum und das Judentum gegenüber ihrer Deutschreligion für minderwertig erklären, etwas Grausiges ist, wogegen sich alles in uns empört, daß Menschen Menschen essen, so danken wir diesen Abscheu dem Christentum und seinem Siege über den Animismus. Das ist Tarsache, wogegen sich nichts sagen läßt. Wenn Karl der Große durch sein Gesetz die Menschenfresserei bei den Sachsen bei Todesstrafe verbot, so tat er, was seine Pflicht war. Mit Gesetz und Strafe, auch mit der Todesstrafe, rottet man aber Jahrhunderte alte religiöse Anschauungen und Bräuche nicht aus. Die Mission unter den Sachsen und die nachfolgende christliche Erziehung haben es erreicht, daß heute auch der reinblütigste Sachse und begeistertste Anhänger der Deutschreligion einen Abscheu haben muß vor dem, was vor etwa 1200 Jahren noch bei seinen Ahnen vorkam. Wir haben Gerechtigkeit gefordert in dem Kampf der Religionen. Es geht wirklich nicht an, daß man eine Idealkonstruktion auf der einen Seite, Karikaturen auf der andern Seite gegenüberstellt. Siege, die man so gewinnt, haben keinen Wert. Viel fruchtbarer ist das, was hier versucht worden ist: die Tatsachen reden zu lassen. Das Christentum hat jedenfalls dieses allein gerechte Verfahren nicht zu fürchten. Die Eindeutschung des Christentums, besser gesagt, die Vermählung des Geistes Christi, mit den Gaben, die Gott, der Schöpfer, dem Deutschen gegeben hat, ist diesem zum Segen geworden. D. Bornhäuser=Marburg Mein Freund Hans. Mein Freund Hans ist mit mir ins Feld gezogen. Mit mir hat er im Kriege in Flandern gestanden. Nach Friedensschluß haben wir uns aus den Augen verloren. Erst gestern traf ich ihn ganz zufällig in Köln. Unbeschreiblich war unsere Freude. Wir sprachen über dies und jenes. Wir konnten aber uns nicht alles vom Herzen herunterreden. Die Pflicht rief. Hör' mal Hans, sagte ich ihm. Wir müssen weg. Aber, was meinst du, wenn wir uns an einem der nächsten Abende treffen. Ich habe mit meiner Frau oft von dir gesprochen, so daß sie begierig ist, dich kennen zu lernen. Ich nehme meine Frau mit, und wir verleben einige gemütliche Plauderstunden zusammen. Ja, sagte Hans, riesig gern. Mittwochs und Freitags bin ich nicht frei. Ich besuche die akademischen Kurse. Ich kann wirklich nicht fehlen, weil ich sonst zurückbleibe. Im nächsten Jahr muß ich meine Prüfung machen. Montags.... Ja, Montags haben wir gewöhnlich sehr viel zu tun. Ich weiß niemals, wann ich frei bin. Es wäre schade, wenn du von Düsseldorf nach Köln führest und wir uns erst spät sehen würden. Wenn wir uns nach so langer Zeit wieder treffen, dann müssen wir einen ganzen Abend zu unserer Verfügung haben. In der Woche bist du also Donnerstag und Samstags frei. Sollen wir uns nächsten Donnerstag treffen? Donnerstag geht es nicht, lieber Erich. Ich gehöre einer Arbeitsgemeinschaft an, die sich Deutsch=Evangelischer Abend nennt. Wir kommen, sechs Herren und ich, jeden Donnerstag im Vereinshaus zusammen. Nach kurzer Bibelbesprechung wird von den Mitgliedern reihum ein Vortrag gehalten. Die Abende sind sehr anregend. Ich möchte sie nicht missen. Wir bekommen keinen Zufluß. Wir sied stagnierende Gewässer. Alles haben wir versucht, um Zuzug zu gewinnen. Vergeblich. Bibelbesprechungen, die uns immer wieder auf den Herrn hinweisen, der uns auch in dieser traurigen Zeit Trost und Hilfe spendet, werden bei vielen Gebildeten verpönt. Einer von uns fehlt immer. Fehlen aber zwei, dann kann der Abend infolge der geringen Beteiligung nicht stattfinden. Ich möchte nicht meine Hand dazu hergeben, einen Abend ausfallen zu lassen, so gern ich mit dir einige Stunden verleben möchte.— Wir können aber einen anderen Abend finden. Aber, was für welchen, lieber Hans. Etwa Sonnabend? Sonnabend, es ist mit dem Sonnabend so eine Sache. Ich bin, ich gesteh es offen, fast jeden Samstag besetzt. Hie und da muß ich sogar an diesen Abenden öffentlich sprechen. Sag' Hans, ich würde mich verletzt fühlen, wenn ich dich nicht so gut kennen würde. Keinen Abend hast du für mich frei. Und wie ist es mit dem Sonntag. Sonntag würde mir auch sehr zusagen. Ich könnte früh hin und zurückfahren. Meine Frau würde sich freuen, aus ihren vier Wänden herauszukommen. Hans holte seinen Taschenkalender hervor. Am 11. Januar hat meine Schwiegermutter Gebur tag. Ich kann wirklich nicht fehlen. Das wirst du sell einsehen. Am 18. Januar wird wahrscheinlich der Vo stand unserer Partei zusammentreten, um die Stellu gegen die neue Steuererhöhung festzulegen. Ich b Schriftführer und kann beim besten Willen nicht webleiben. Es könnte auch mißdeutet werden. Am 25. J nuar hat unser Verband eine Tagung in Mannhei Diese Tagungen sind mir höchst langweilig. Außerde sind sie kostspielig. Aber ich muß hin. Ich bin nämli Vertrauensmann für Köln. Am 1. Februar hat der Hau und Grundbesitzerverein eine öffentliche Versammlun Am 8. Februar findet eine Zusammenkunft ehemalig Abiturienten des Humboldt=Gymnasiums statt, das besucht habe. Wo hast du denn die Schulbank herun gedrückt, Erich? Auf der Lessing=Oberrealschule. Das war eine Zeit! Am 15. Februar... Sag' mal, Hans, geht es das ganze Jahr so weiter? Wie meinst du das? Ob du das ganze Jahr besetzt bist? Nein, bis Mitte April sind fast alle meine Sonntage besetzt, aber... Ich sehe, Hans. Es hat keinen Zweck. Solange du einer politischen Partei, einer Berufsgruppe, dem Hausund Grundbesitzerverein usw. angehörst, wirst du niemals Zeit für Frau und Kinder, für deine Freunde und dich haben. Du glaubst viel dabei zu gewinnen und verlierst in Wirklichkeit sehr viel. In 25 Vereinen war ich auch früher mal. Ich hatte kaum Zeit zu essen. Meine Frau litt darunter, meine Kinder litten darunter, ich litt darunter, meine Amtstätigkeit litt darunter. Bis eines Tages mir die Augen geöffnet wurden. Dann trat ich aus allen Vereinen und Vereinchen aus. Und jetz gehöre ich nur meiner Familie, meinem Beruf, meiner Ausbildung und mir an. Es klingt sehr egoistisch. Es ist indes altruistisch. Ich bin ruhiger, meine Familienmitglieder sind ruhiger. Es ist ein anderes Leben. Und ich bin froh darüber. Denn die Familie ist die Urzelle des Staates. Ist die Familie gesund, dann ist der Staat gesund. Was auf dem gegenwärtigen Staat besonders lastet, ist die Unruhe, die Wurzellosigkeit seiner Glieder. Wenn du wieder Zeit hast, schreib mir bitte. Ich komme herzlich gern zu dir. Dann wollen wir die Zeit des Krieges, die trotz Not und Tod uns doch noch am Herzen liegt, wiedererstehen lassen, dann wollen wir unserer lieben Kameraden gedenken, die mit uns Jugend und Gesundheit für unser geliebtes Vaterland gern geopfert haben. Auf Wiedersehen, Hans! Verblüfft verließ mich Hans. Einige Monate später schrieb er mir. Seitdem sind wir die alten und treuen Kriegskameraden von Nieuwenkerken, von Gent und von Alost. S. J. Kuhn, Mettmann. Das neutrale Ausland und die deutsche Brief an einen schwedischen Freund. Von Dr. phil. Günther Wiedemann. Sehr verehrter, lieber Herr Direktor! Wenn nun auch leider mein Brief nicht— wie beabsichtigt— bei Ihnen rechtzeitig zum Jahreswechsel eintrifft, so sind doch meine Segenswünsche für das bevorstehende Jahr nicht weniger herzlich und aufrichtig gemeint. Möchte der Herr Ihnen und Ihrem Lande so harte und fast unerträglich werdende Drangsalszeiten, wie sie uns nun schon durch eineinhalb Jahrzehnte auferlegt sind, gnädig ersparen, oder— falls auch Schweden demnächst in den Strudel des europäischen Chaos mit hineingezogen werden sollte— die Leidenszeit für Ihr Volk in Gnaden verkürzen. Das ist wohl das einzige und— wie mir scheint— keineswegs geringste, was man heute einem europäischen Freunde wünschen kann.— Ihr so überaus freundliches Schreiben vom 15. August habe ich, wennschon die Beantwortung bisher aus mancherlei Gründen unterblieb, seinerzeit richtig und mit herzlichem Dank erhalten. Mit Dank besonders darum, weil Sie sich so verständnisvoll bemühten, die Beweggründe für mein neuerliches Studium und den damit verbundenen, abermaligen Berufswechsel zu verstehen. Sie haben durchaus nicht unrecht, wenn Sie bemerken, es sei„gewiß recht eigentümlich“, wenn ein Mann in meinem Alter') und mit meiner doch nicht gerade einseitigen theoretischen und praktischen Vorbildung„sich nun wieder aufs Studieren verlegt". Noch eigentümlicher werden Sie diesen Schritt vermutlich finden, wenn ich Ihnen sage, daß die Zahl der examinierten, stellungslosen deutschen Akademiker(nach den Ermittlungen des„Deutschen Studentenwerkes") schon jetzt mehr als 65 000 beträgt und noch ständig im Wachsen begriffen ist, und daß— falls nicht in kürzester Zeit die deutsche Wirtschaftskrisis behoben werden kann — schon bald mit dem Ueberschreiten der 100000=Grenze zu rechnen ist. Bei dieser Lage der Dinge müßte man ja nun eigentlich die Ergreifung eines jeden akademischen Berufes als sinn= und aussichtslos bezeichnen. Denn die Arbeitslosigkeit erstreckt sich auf nahe zu alle akademischen Berufe, und die von ihr bisher noch nicht betroffen waren, müssen damit in allerkürzester Zeit ebenfalls rechnen.(Sogar vor dem theologischen Studium, das bislang noch immer als„aussichtsreich“ galt, wird jetzt— und m. E. durchaus mit Recht!— heftig gewarnt.) — Nun bin ich ja, falls nicht noch in letzter Stunde wieder ein unvorhergesehenes Hemmnis eintritt, in der angenehmen Lage, meine spätere berufliche Tätigkeit im Auslande, und zwar zunächst vor allem an meinen deutschen Landsleuten in Uebersee ausüben zu dürfen.“) Mithin trifft auf mich die sonst mehr als berechtigte Frage nicht zu, ob denn dieser erneute Berufswechsel nicht doch wieder zum Leerlauf führen wird. Trotzdem drängt es mich, Sie noch auf einige Gesichtspunkte von grundsätzlicher Bedeutung hinzuweisen, da ich immerhin hoffe, durch meinen Briefwechsel mit Ihnen dazu beitragen, daß endlich auch im Auslande— zumal in Ihrem uns freundlich gesonnenen Lande— sich das Verständnis für die Wurzeln unserer Not(und damit auch der Not anderer Völker) Bahn brechen wird! * Man hat in den nun fast 12 Jahren, seitdem der Versailler Betrug an unserem Volke verübt worden ist, im Auslande immer wieder behauptet, Deutschland sei so gut wie ungeschädigt aus dem Weltkriege hervorgegangen, so daß es nicht mehr als recht und billig sei, wenn Deutschland— zumal uns in Versailles das(längst als unwahr dokumentierte) Bekenntnis unserer Alleinschuld am Weltkriege abgepreßt worden war— die Wiedergutmachung sämtlicher Kriegsschäden auferlegt würde. Dabei hat man wissentlich übersehen, daß kein anderes europäisches Volk durch die jahrelange, allen völkerrechtlichen und sittlichen Grundsätzen hohnsprechende Blockade körperlich und seelisch auf das schwerste geschädigt worden ist. Nun läßt sich freilich nicht leugnen, daß unsere volitischen Führer in den verflossenen 12 Jahren fast ausnahmslos des nötigen Weitblickes ermangelt haben, so daß sie die tragischen Folgen ihrer„Erfüllungs= politik“— sofern man nicht geradezu verbrecherische Absicht unterstellen will, wie dies heute von verschiedenen Seiten geschieht— nicht zu erkennen vermochten. Ich stehe auch gar nicht an, zu bekennen, daß unser Volk weder vor noch nach dem Kriege ein Recht hatte, auf seine„Sittlichkeit“ oder„Religiosität“ besonders stolz zu sein, daß mir vielmehr die jetzt auf uns lastenden Leiden und Nöte geradezu als ein wohlverdientes Strafgericht und Zuchtmittel Gottes erscheinen. Was ich aber in gleichem Atemzuge und— wie ich überzeugt bin— in Uebereinstimmung mit nahezu allen deutschen Volksgenossen weit zurückweise, das ist jene Anmaßung, mit der einige Feindbundstaaten, voran Frankreich, sich zum Rächer und Vollzugsorgan Gottes aufgeworfen haben! Und schon beginnen ja die giftigen Pfeile, die man in todbringender Absicht seit Versailles immer wieder auf uns abgeschossen hat, die hochmütigen Schützen selbst zu wichtsohelt 7 dürste m. E. gerade setzt von besonderer gnn sein. nachdem die Reichsregierung und leider(!) auch der Reichspräsident— wahrscheinlich aus tak tischen diplomatischen Erwägungen“— bei den verschiedenen Neujahrsempfängen die Revisionssrage so gut wie unerörtert gelassen haben!! 9 *) Der Verfasser ist 34 Jahre alt(verheiratet und Vater eines 2jährigen Knaben). *) Der Verfasser geht nach Abschluß seiner theologischen Ausbildung als Pastor in die„Unired Lutheren Coura“ vin Nordamerika. Schaffensfreudiger im katholischen Rheinland. Schon 1863 entstand in Köln unter der edelmütigen Anregung des alten Vater Perthes ein Heim für die wandernden Gesellen. Groß war die Not dieser Menschen, die einsam auf der Landstraße einherzogen. Niemand kümmerte sich um sie, bis einige wagemutige Menschen die Herberge zur Heimat ins Leben riefen, die bis heute vielen Hunderttausenden junger und alter Menschen schützendes Obdach und sittliche Bewahrung gewährt hat Als eine Kapelle an der Landstraße des Lebens und des Wanderstromes gereichte sie unzähligen heimatlosen Wanderern zu innerem Segen. Heute stehen wir vor einer neuen Aufgabe. Zu klein sind die Pforten des alten Heimes geworden, zu schwierig ist die Betreuung der zusammengewürfelten Menschenmassen. So mußten wir wiederum das Wagnis eingehen, ein neues Heim zu schaffen, das der heutigen großen Not und der notwendigen fürsorgerischen Betreuung gewachsen ist. Und auch heute haben sich wiederum opferbereite Kräfte ans Werk gemacht, um dieser Forderung des Tages zu genügen, die zwingend vor uns aufgestanden ist. Trotz aller schwierigen Dinge und Unübersichtlichkeiten der heutigen Zeit, hat es der Vorstand der alten Herberge zur Heimat gewagt, das große und notwendige Werk anzu fassen. Auch die ganz besonders schwierige Lage in der vorgeschobenen Position der Westmark hat uns nicht abhalten können, das neu zu gestalten, was notwendig war. Im April d. J. haben wir im Vertrauen auf die Mithilfe aller deutschen Protestanten den Grundstein gelegt. Im Herzen der alten Bischofsstadt Köln, ruhig gelegen und doch im Bereich des pulsierenden Großstadtverkehrs, entstand ein Heim mit über 300 Betten. Jedermann soll es dienen: Sowohl dem reisenden Mittelstand wie dem„Bruder der Landstraße", dem heimatlos umherstreifenden Jugendlichen, den tausend Gefahren und Verlockungen der Großstadt umgeben, wie dem Handwerksgesellen, der von Haus zu Haus geworfen wird, ohne irgendwo festen Fuß fassen zu können. Neben einem ganz modern eingerichteten Hospiz mit 85 Betten,(Hospiz Deutsches Haus, Köln, Waisenhausgasse 38a), das auch vielseitigen Wünschen angepaßt ist, erhebt sich die anschließende Herberge mit ihren 240 Betten. In beiden soll der Gast ein Heim finden, das ihm wenigstens in etwa die fehlende Häuslichkeit zu ersetzen vermag. Wie ein schützender Hafen soll es den Wanderer umgeben und ihn vor den drohenden Gefahren bewahren. Und wie es nicht eine gleichförmige Masse ist, die dort Abend für Abend ein Obdach sucht, so soll auch jedem das gegeben werden, was er braucht. Der Jugendliche findet eine gesonderte Heimstatt, wo nur seine Altersgenossen Aufnahme finden und keiner der alten Brüder, von denen er in den meisten Fällen nur Schlechtes lernt. Ein auf diesem Gebiete der Jugendarbeit schon jahrelang erprobter Mann, ein Berufsarbeiter der Inneren Mission, wird die ganz besondere Betreuung dieser Jungens übernehmen. Wie er schon vielen jungen Menschen in seinem Leben Führer und Halt geworden ist, so wird er auch hier seine ganze Kraft einsetzen, um den Jungens zu helfen. Aber auch der ältere Wanderer darf sich beruhigt der Ruhe hingeben, wo ihm christliche Liebe ein gesichertes Heim geschaffen hat. Für weibliche Personen bestehen schon überall Möglichkeiten der Unterbringung, für männliche fehlt es daran noch sehr. Und so können wir beruhigt sagen, daß es ein notwendiges und gutes Werk ist, was hier entstehen soll. Wir durften dieser brennenden Gegenwartsaufgabe nicht ausweichen, die vor uns lag. Mit ernstem Wägen und frischem Mut, gepaart mit Vertrauen auf Gott, haben wir das Werk begonnen. Allen Bewohnern unseres deutschen Vaterlandes steht es offen und so dürfen wir auch alle unsere deutschen Mitbrüder und=schwestern bitten, helft mit an diesem großen Werke. Laßt trotz der Not der heutigen Zeit unsere Bitte nicht ungehört verklingen. Das Größte und Wertvollste ist immer in Notzeiten geschaffen worden. So laßt uns auch diesmal zeigen, daß wir unserer Väter würdig sind. Schafft mit an dem Werke des Glaubens und der Liebe und seid auch Mitträger seiner Früchte. Euch allen steht es offen. Und damit jeder Gelegenheit hat, sich an dem erstandenen Werke zu sreuen, wird ihm der Betrag, den er dafür gezeichnet hat, nach der Eröffnung innerhalb von 5 Jahren zur Uebernachtung dort gutgeschrieben. Die gestempelte und unterschriebene Postquitlung gilt als Ausweis für die geleisteten Beträge, und zwar sind diese nicht nur für die Person des Spenders gültig, sondern auf jeden übertragbar, so daß man auch anderen eine Freude damit machen kann. In diesem Sinne richten wir nochmals die herzliche Bitte an jeden, soweit mitzuhelfen, wie es in seinen Kräften liegt. Auch die geringste Gabe wird mit Dank empfangen und erbeten auf Girokonto Nr. 8755(Neubau=Konto) der Städt. Sparkasse Köln oder Postscheckkonto Köln Nr. 2802 Evangelische„Herberge zur Heimat“, Köln. verwunden. Die Erkenntnis, daß es zum mindesten nicht zweckmäßig ist, die Henne zu schlachten, von der man täglich ein goldenes Ei im Werte von etwa 50 Millionen schwedischen Kronen(welche Bagatelle in den Augen Frankreichs und seiner Vasallen!!) erwartet, ist immerhin im Wachsen begriffen. Mir scheint indessen, daß man sich — sei es aus Naivität, um nicht zu sagen: Dummheit, oder aus(nicht weniger törichter) Bosheit)— mit den notwendigen praktischen Folgerungen aus dieser Erkenntnis viel zu viel Zeit läßt. Richtig ist ja nun allerdings, daß Rufe wie„Der Zusammenbruch ist nicht mehr zu verhindern“ oder„Wir stehen vor einer Katastrophe!“ in den letzten Jahren zu oft erhoben worden sind, als daß man noch ernstlich auf ste achten würde. Ich bin indessen der Meinung, daß der Bogen heute aufs äußerste gespannt ist und in allerkurzester Zeit brechen muß, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt. Glaubt denn wirklich noch jemand ernsthaft, daß unsere etwa 5 Millionen Arbeitslosen“)(das ist also fast die ganze Bevölkerung Ihres Landes!) nebst ihren 15 Millionen Frauen und Kindern zum eigenen Vergnügen(oder um Frankreich zu ärgern) feiern und frieren? Oder können Sie sich— um auf meine Standesgenossen zurückzukommen— etwa vorstellen, daß 65000 voll ausgebildete, bestens examinierte Akademiker nur darum stellungslos sind, weil ihnen das Müßiggehen Freude macht, oder— wie man allenfalls noch denken könnte— weil sie für ihren Beruf nicht taugen? Gerade diese Tatsache, daß nämlich ein unerhört großer Teil der deutschen Führerschicht im besten Mannesalter zum Nichtstun gezwungen ist, beweist am besten den völligen Widersinn des auf der Grundlage des Versailler Diktates Deutschland abgenötigten Young=Planes. Man muß nämlich wissen, daß die Universitäten und Hochschulen alljährlich eines namhaften Zuschusses bedürfen. Kostet doch dem Staat die Ausbildung seines akademischen Nachwuchses pro Kopf und pro Jahr die Kleinigkeit von 1500.— RM., was mit anderen Worten heißt, daß Deutschland heute genötigt ist, allein in seinen 65000 stellungslosen Akademikern ein Kapital von 390000000 Mark nutzlos liegen zu lassen! (Wobei noch berücksichtigt werden muß, daß der Staat daneben jährlich etwa 100 Millionen an Arbeitslosenunterstützung lediglich für diese Berufsschicht aufzubringen hat.) Angesichts dieses vollendeten wirtschaftlichen Unsinns erscheint mir Ihre Frage durchaus berechtigt, ob denn „meine gründlichen Studien und praktischen Arbeiten auf den verschiedensten Gebieten sowie mein Doktor=Diplom mir nicht in Deutschland einen Aufgabenkreis erschließen könnte, der mir zugleich auch eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit bietet“. Sie wissen ja, wie es mit den verschiedenen Arbeiten, in die ich seit Beendigung meines Studiums gestellt worden bin, gegangen ist: immer wieder brachte mich der leidige Kapitalmangel— vor dem ja nicht einmal mehr die staatlichen Einrichtungen sicher sind— um meine sauer erkämpften Stellungen, bis sich mir dann schließlich der Weg in das geistliche Amt der Lutherischen Kirche Nordamerikas öffnete. Daß ich diesen Schritt erst nach reiflicher Ueberlegung und Selbstprüfung getan habe, werden Sie mir nach Ihrer Kenntnis meiner Stellung zur Auswandererfrage gewiß ohne weitere Beteuerungen glauben. Ganz sicher werden Sie aber auch verstehen, daß ich trotz dieses Schrittes niemals aufhören werde, dafür zu kämpfen, daß meinem Vaterlande endlich Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für alle Erpressungen und Gewalttaten zu Teil wird, die es während der letzten 12 Jahre hat erdulden müssen. Und so ergeht meine Bitte an Sie und damit zugleich auch an alle Brüder im'er KFUM.“): erheben Sie doch Ihre Stimme und unterstützen Sie die nicht bloß von Deutschland, sondern in wachsendem Maße von einsichtigen Menschen aller Staaten und Kontinente vertretene Forderung einer gründlichen Revision des verderblichen Young=Planes! Wenn ich den etwas weitgehenden Optimismus Ihres hochzuschätzenden kirchlichen Führers, Erzbischof Söderblom, hinsichtlich der in Stockholm begonnenen ökumenischen Bewegung leider nicht zu teilen vermag, so bin ich doch der Meinung, daß die Stimme der schwedischen KFlM. in der Welt, zum mindesten aber in der Welt=Christenheit doch immerhin noch etwas bedeutet. Rufen Sie doch den Gesamtverband aller schwedischen KFUM. zu einem Apell gegen den politischen Aberwitz auf, wie er sich in der Weiterverfolgung der vernunftwidrigen Young=Politik zu einer immer stärkeren Bedrohung aller europäischen Nationen entwickelt. Gewiß muß und wird die politische Initiative zu einer Revision von Deutschland ausgehen, auch wenn die jetzige deutsche Regierung entgegen dem eindeutigen Willen einer gewaltigen, beständig wachsenden Minorität unseres Volkes noch immer auf der Fortführung der verderblichen „Erfüllungspolitik“ besteht. Sie werden aber gewiß zugeben, daß unsere Staatsmänner dem außenpolitischen Gegner mit einer viel größeren Sicherheit entgegentreten können, wenn sie zum mindesten das neutrale Ausland auf ihrer Seite wissen. Was aber— so könnten die Führer der schwedischen KFUM. fragen— haben wir mit dieser schwierigen außenpolitischen Frage zu schaffen? Nun,— daß diese Frage schon längst nicht mehr eine rein deutsche Angelegenheit ist, sondern daß von ihrer Lösung Gedeih und Verderb nicht bloß der Deutschland benachbarten Staaten, sondern vielleicht der gesamten abendländischen Kultur abhängt, daran dürfte auch in Ihrem Lande kaum noch ein Zweifel bestehen. Was aber diese Frage m. E. nicht bloß zu einer Angelegenheit der schwedischen KFUM., sondern darüber hinaus der gesamten Welt=Christenheit macht, das ist die Tatsache, daß es sich jetzt entscheidend darum handelt, ob Europa in einem Meer von Blut, in neuen, grauenvollen Kriegen(gegen die der Weltkrieg 1914/18 ein Kinderspiel war) versinken und der Herrschaft des Antichrist ausgeliefert werden soll. * Male ich etwa zu schwarz? Bedeutet Frankreich denn nicht Krieg, Krieg und abermals Krieg? Ist es nicht ein Aberwitz, daß Deutschland mit den sauer erworbenen Groschen seiner Arbeiter die Kanonen, Forts, Giftgas=Flugzeuge und Panzerkreuzer Frankreichs und seiner Vasallen bezahlt und damit zur Finanzierung *) Allein 4 Millionen registrierten die Arbeitsnachweise Mitte Dezember 1930. Mindestens eine weitere Million sog. schimter Armer“(zumeist aus den oberen sozialen Schichten) entziehen sich der öffentlichen Registrierung. *) Die schwedische Abkürzung für CBIM.(Christlicher Verein junger Männer), dessen Mitglied der Verfasser 1921 während seines 1½ jährigen Aufenthalteo in Schweden war, und dessen Vorsitzender der Empfänger dieses Briefes ist. des bevorstehenden größten Krieges der Weltgeschichte gezwungen wird?(Denn daß die jetzigen deutschen Reparations=Zahlungen schon längst nicht mehr zur„Wiedergutmachung“ der französischen Kriegsschäden, sondern überwiegend nur noch der Befriedigung der französischen Machtgelüste dienen, das pfeifen doch heute die Spatzen sogar schon von den Dächern in Pavis!) Oder istes für Schweden etwa gleichgültig, ob die satanische Moskauer Politik in Berlin eine gut gehende„Filiale“, genannt„Sowjet=Deutschland“ eröffnet und damit die ganze Ostsee zu einem„mare bolschevisticum" macht? Um was es— abgesehen von den welt= und wirtschaftspolitischen Zielen— der Moskauer Regierung in erster Linie geht, das zeigt der gerade jetzt von der„Gottlosen=Zentrale“, die bekanntlich vor kurzem von Moskau nach Berlin verlegt worden ist!) veröffentlichte„Fünfjahresplan“, der letztlich— wie ja gar nicht anders zu erwarten war— auf die Vernichtung jeden religiösen Lebens(gleichgültig, ob es sich um die christliche, jüdische, mohammedanische oder welche Religion sonst handelt), und die Inthronisation Satans in unbeschränkter Machtvollkommenheit abzielt.“) Zwischen diesen beiden Gewalten steht Deutschland, und es ist gewiß nur noch eine Frage von Wochen, höchstens Monaten, ob unser Staat sich noch länger gegen diese gefährlichen Nachbarn: Frankreich und Rußland— Krieg und Bolschewismus, wird halten können. Man ist ja, wie ich nicht verkenne, heute bereits etwas abgestumpft gegen solche„Unkenrufe“. Wenn man aber die ernsthafte Buch= und Zeitschriften=Literatur der letzten Monate überblickt, so mehren sich die warnenden Stimmen gerade solcher Persönlichkeiten, die bisher in diesen Fragen sehr zurückhaltend gewesen sind. Nun meine ich aber, daß letztlich davon gar nichts abhängt, ob diese düsteren Prophezeiungen sich erfüllen werden oder nicht(gäbe Gott, daß ihre Erfüllung uns erspart bleibt!). Entscheidend ist m. E.(für Menschen christlicher Prägung) allein: daß die jetzige Ordnung der Dinge den elementarsten Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit ge nauestens widerspricht. Deutschland hat— dem völkerrechtlich verbindenden Angebot Wilsons folgend— im(m. E. törichten) Vertrauen auf einen„Frieden ohne Sieger und Besiegte“ die Waffen gestreckt. Dem waffenlosen deutschen Volk ist dann in Versailles das unwahre Bekenntnis von Deutschlands Alleinschuld am Ausbruch des Weltkrieges abgepreßt worden. Und auf dieses, in sachlicher Hinsicht von den Historikern aller Länder in vollem Umfange widerlegte Schuldbekenntnis gestützt, wagt heute Frankreich, das reichste europäische Land, noch immer auf seinem Schein zu bestehen und unter Androhung erneuter militärischer Gewaltmaßnahmen von Deutschland die Fortsetzung der Reparationszahlungen(mit denen ja in Wahrheit schon längst nichts mehr„repariert“ wird) zu verlangen. Kannes nun noch einen Zweifel geben, daß die schwedischen KFUM. zu einem Appell an die Christenheit der ganzen Welt und an die Regie rungen der beteilicten Staaten zu grundlegender Aenderung der auf Versailles beruhenden europäischen Politik berechtigt sind? Europa steht heute ohne Frage an einem entscheidenden Wendepunkt seiner Geschichte. Unendlich viel hängt von der einsichtsvollen und dabei energischen, zielbewußten Haltung der deutschen Außenpolitik ab. Tagtäglich vereinigen sich die Gebete von Millionen deutscher Christen, daß Gott unseren politischen Führern rechte Weisheit in ihrem schweren, verantwortungsvollen Amt verleihen möge. Christen sind aber— das darf ich abschließend in aller Bescheidenheit als meine Ueberzeugung aussprechen— nach dem Willen ihres Herrn und Meisters gesetzt, einander in Liebe zu helfen, zumal wenn der Bruder„unter die Mörder gefallen“ ist(Luk. 10, 36. 37.). So ist es meine Bitte und meine Hoffnung, daß der schwedische Bruderbund, der KFUM., in dieser, auch für Ihr von mir stets hochgeschätztes Volk und Land so überaus wichtigen, entscheidenden Frage nicht zurückstehen, sondern die Christen und dadurch mit Gottes Hilfe vielleicht auch die Regierungen anderer Länder zu einer grundlegenden Abkehr von der bisherigen unwahren, ungerechten, verderblichen europäischen Politik aufrufen möchte, die nicht zuletzt auch Ihrem Lande eines Tages zum Unglück gereichen muß. Kropp(Kr. Schleswig), Silvester 1930. „Für Christus und seine Gemeinde“ Eine Erklärung der Freunde des reformierten Bekenntnisses am unteren Niederrhein.“) Das reformierte Bekenntnis hat im Gebiet des unteren Niederrheins in ganz besonderer Weise Heimatrecht, denn hier entstanden in der Reformationszeit die reformierten, das heißt: nach Gottes Wort erneuerten Gemeinden. Die rheinische Kirchengeschichte berichtet ausführlich von den Kämpfen und Siegen des Evangeliums in jenen Tagen, aber auch von viel Not und Verfolgung, welche den junStelle sei auf die vorzügliche kleine Schrift von Hans Pförtner.„Das Satanische in Wirtschaft Politik“(Verlag Paul Müller, München; kartoniert.50 RM.) hingewiesen. *) Leser vom Niederrhein baten um Abdruck dieser Bekenntnisschrift. Wir tun das gern, da wir annehmen, daß das nicht nur für die die sich zur reformierten Kirche zählen, wichtig und wertvou ist. sondern für alle, die es wünschen, daß sich die Kirchen immer besser dessen bewußt werden, was sie an ihrem Glaubens= und Bekenntnisgut haben.90 gen Gemeinden den Namen der„Kirchen unter dem Kreuz“ gegeben haben.— Aus diesen Gemeinden ist unsere heutige niederrheinisch evangelische Kirche hervorgegangen. Ihre ursprüngliche Wesensart ist jedoch im Lauf der Jahrhunderte immer mehr verloren gegangen, hauptsächlich wohl durch das Eindringen des Zeitgeistes und durch eine immer stärker werdende Bindung an den Staat. Unsere Freunde bilden keinen Verein oder Bund, sondern wollen als schlichte Glieder ihrer Gemeinden für ihr Anliegen eintreten. Durch das freundliche Entgegenkommen des reformierten Bundes für Deutschland hoffen wir hin und wieder Zusammenkünfte haben zu können. Sie sollen die uns bewegenden Fragen unter das Licht des Wortes Gottes stellen. Zu diesen Zusammenkünften wird durch die kirchlichen Sonntagsblätter eingeladen. Um was es uns geht. 1. In Uebereinstimmung mit dem Worte Gottes lehren die reformierten Bekenntnisschriften: Daß der Mensch, geschaffen im Bilde Gottes und berufen zur Erkenntnis und zum Dienste Gottes, durch den Sündenfall in Ungehorsam und Empörung Gott gegenüber steht— untüchtig zu allem Guten, unfähig durch eignes Wollen und Können etwas zu seiner Errettung beizutragen. Daß Gott innerhalb der Menschheitsgeschichte in den Verheißungen und im Gesetz des alten Bundes seine Gnadenabsicht kundgemacht hat, welche, als die Zeit erfüllt war, in Christus dem ewigen Sohn Gottes herrlich, vollkommen und endgültig offenbart wurde. Daß Gott nach dem ewigen Ratschluß seines Willens den Erwählten durch die Predigt des Evangeliums und durch die Wirkung des heiligen Geistes den seligmachenden Glauben schenkt,— während er die Nichterwählten nach seinem gerechten Urteil in ihrer Sünde und Unbußfertigkeit dahinfahren läßt, daß also der Glaube ein freies Geschenk göttlicher Gnade ist,— der Glaube, der von allen Kreaturen, von allen Möglichkeiten des Menschen absieht und allein auf den lebendigen Christus traut. Daß die Erwählten(Gläubigen) in Christus eine neue Schöpfung sind, ihr altes Wesen ist mit Christus gestorben und begraben— mit ihm sind sie auferstanden zu einem neuen Leben. Calvin lehrt: Beides schenkt uns Christus und beides eignen wir uns durch den Glauben persönlich an, ein neues Leben und die Versöhnung durch freie Gnade. Von der gnädigen Zurechnung der Gerechtigkeit soll deshalb die wirkliche Heiligkeit des Lebens nicht getrennt werden. Weil diese biblisch=reformatorische Lehre von der Rechtfertigung und Erneuerung durch den Glauben in unsern Gemeinden— christlichen Vereinen und Gemeinschaftskreisen vielfach nicht mehr, oder nur unvollständig oder unklar gelehrt wird— halten wir ihre rechte Verkündigung für das dringendste Anliegen und die Rückkehr zur Schrift in dieser evangelischen Hauptlehre für den einzigen Rettungsweg in der Lage unserer Kirche. 2. In Uebereinstimmung mit dem Worte Gottes lehren die reformierten Bekenntnisschriften: Daß der Sohn Gottes aus dem ganzen menschlichen Geschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und durch sein Wort, in Einigkeit des wahren Glaubens, von Anbeginn der Welt bis an ihr Ende sammelt, schützt und erhält. Diese Gemeinde(oder Kirche) ist der Leib Christi, er besteht im Geiste und umfaßt die triumphierende Schar im Himmel und die streitende auf Erden. Die Kirche ist berufen in der Sprache unserer Zeit dem heutigen Geschlecht die großen Taten Gottes zu verkünden. Ihre Hauptaufgabe, die Predigt, darf deshalb nicht ein religiöser Vortrag sein, sondern muß proklamieren, was das Wort Gottes sagt. Ihre Gottesdienste und Versammlungen dürfen nicht nach menschlichem Gutdünken eingerichtet werden, sondern sind unter Beobachtung des 2. Gebotes so zu gestalten, daß die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit möglich ist. Die Kirche macht Ernst mit dem biblischen Grundsatz des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. In der Gemeinde pflegen ihre Mitglieder Gemeinschaft. Letztere ist nicht etwa wie in unsern Tagen Liebhaberei besonderer Kreise(Gemeinschaftskreise), sondern notwendige Lebensäußerung der Gemeinde.(Die für die reformierte Kirche bedeutende Synode in Wesel 1568 hat für das Gemeinschaftsleben in der Kirche vorbildliche Wege gezeigt. Leider sind dieselben zum größten Schaden der Kirche später wieder verlassen worden.) Die Kirche ist, wenngleich sie durch ihr Bekenntnis im Gegensatz zur Welt steht, trotzdem durch die Liebe mit dem Leid der Welt verbunden. Die christliche Liebestätigkeit darf deshalb nicht von ihrer Wortverkündigung getrennt werden. Die sichtbare Kirche kann nie eine fehlerlose Offenbarung des Leides Christi sein, sie weist immer über sich hinaus, doch muß sie alle Kraft daran setzen, Jesu Christi Leib so rein wie möglich zu offenbaren. Sie ist durch ihren König Jesus Christus verpflichtet, seinem königlichen Willen in ihrer Mitte Geltung zu verschaffen. Lehre und Leben sind eins in ihr. Calvin lehrt: Die heilsame Lehre ist die Seele der Kirche, die Zucht ist ihr Lebensnerv.(In der nach Gottes Wort reformierten Gemeinde ist weder Raum für das aus dem Geist der Volkssouveränität stammende Verhältniswahlrecht, noch ist sie ein Haus, in welchem Glaube— Halb= und Unglaube— friedlich beieinander wohnen können.) Die sichtbare Einheit der Kirchen ist ein Ziel, das erst kommen wird mit der Wiederkunft des Herrn. Die geschichtlich gewordenen Kirchen offenbaren einerseits di. Mannigfaltigkeit der Gaben Christi, andererseits zeigt sich in ihnen(in der einen mehr, in der andern weniger) toteg Formenwesen, Irrtum und Ungehorsam. Die rechte Union und Allianz der Kirchen besteht in der demütigen Anerkennung dieser Tatsache und in dem Bestreben, in den von Gott gesetzten Grenzen treu zu sein. Auch die Kirche, die das reinste Bekenntnis hat. muß immer wieder die Hilfe anderer Kirchen anrufen. damit ihre nie zu leugnende Einseitigkeit ergänzt wird. Wir Reformierte nennen die im Glauben mit uns verbundenen Lutheraner und Freikirchler unsere Brüder. wenngleich wir im Gehorsam gegen Christus andere Wege gehen wie sie. Wir verwerfen jede Union oder Allianz auf Kosten des Glaubens und unter Preisgabe der von Gott gewirkten Eigenart. Unsere Väter haben aus dem Wort Gottes dies Bild der Kirche kennengelernt, einer Kirche nicht sündlos oder vollendet, aber in Demut und Glaubensgehorsam unter ihren Herrn stehend. Im Vergleich mit diesem Bild können wir von unserer heutigen Kirche nur bekennen, daß sie an tiefen Schäden krankt. Darüber darf uns das wirkliche und scheinbare Leben in ihr(Pflege der Tradition, Betrieb aller Art) nicht hinwegtäuschen. Ihre Krankheit besteht darin, daß der Zeitgeist, der den Menschen und sein Tun verherrlicht(verabsolutiert) in der Gemeinde des Herrn Eingang und Macht gewonnen hat. Das hat dahin geführt, daß es allenthalben zu einer schlimmen Vermischung von menschlichem Denken und nienschlicher Kultur mit dem Evangelium gekommen ist. Die Spannung des christlichen Lebens ist dadurch aufgehoben — es wird zum Bestandteil der Welt und muß untergehen. Die eigentliche Ursache dieses Verfalls liegt im Verlassen des göttlichen Wortes— die Schrift und ihre Lehre ist durch Menschenweisheit verdrängt. Im Blick auf die Gesamtlage unserer Kirche bekennen wir, daß wir Gottes Gericht verdient haben. Deshalb bitten wir Gott um die Erneuerung unserer Kirche, sie ist, wie Calvin lehrt, sein Werk allein. Gott gebe unserer Kirche Zeugen der Wahrheit, die sie wieder zurückführen zu den Maßstäben der Schrift. 3. In Uebereinstimmung mit dem Worte Gottes lehren die reformierten Bekenntnisschriften: Daß Gott, der Schöpfer und Erhalter der Welt, diese so regiert, daß ohne seinen Rat und Wollen im Himmel und auf Erden nichts geschehen kann. Gottes Wort gibt Licht auch für die Schöpfungsordnung der Welt und lehrt, daß kein Gebiet des menschlichen Lebens der Herrschaft Gottes entzogen werden darf. Für das Zusammenleben der Menschen in Familie, Volk und Staat gelten Gottes Gebote, die nicht den Zeitverhältnissen entsprechend geändert werden dürfen. Die Erziehung der Jugend in Haus und Schule soll in Uebereinstimmung mit dem Worte Gottes geschehen, welches lehrt: Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang. Die Wirtschaft ist um der Menschen willen da, nicht der Mensch um der Wirtschaft willen, deshalb darf die Wirtschaft keine absolute Eigengesetzlichkeit beanspruchen, sondern erfordert Verantwortlichkeitsbewußtsein, welches in dem Maße, wie die Wirtschaftsmöglichkeiten wachsen, auch größer werden muß. Gottes Wort sagt: Es trete ab von Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennt. In der Gemeinde Christi dürfen Geiz und Verschwendung, Spekulation und unsoziales Verhalten nicht geduldet werden. Gegenüber dem Zeitgeist, der auf allen Gebieten die Loslösung von Gott und die Erhebung des Menschen aus eigner Kraft versucht, gegenüber diesem eigentlichen Geist der Revolution wollen wir die Rückkehr zu den in der Schrift gezeigten Schöpfungsnormen Gottes, welche dem Prinzip der Revolution das Prinzip der Reformation gegenüberstellen. Zusammenfassung: Rückkehr zur Schrift, das heißt Erneuerung durch die Schrift. Gottes Wort ist Gottes Tat, deshalb geht es uns nicht um Wiederherstellung der Vergangenheit, das wäre Unglaube, wir hoffen vielmehr, daß Gott uns für unsere Zeit neu seine Gnade offenbaren und uns das Bekenntnis des Glaubens neu schenken wird. Rückkehr zur Schrift ist keine einmalige, sondern eine immerwährende Aufgabe: Wer reformiert ist, muß immer wieder reformieren. Das heißt nicht, die geschichtliche Führung verneinen, sondern sie ihrem Wesen nach verstehen, jede geschichtliche Bewegung kann nur aus dem sie ursprünglich gestaltenden Prinzip weitergeführt werden. Rückkehr zur Schrift bedeutet endlich nicht Rückzug oder Verteidigung, sondern Angriff. Christus siegt, sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit. Der Ruf: zurück zur Schrift ist deshalb die Kriegserklärung an Satan und sein Reich, an alle Macht die sich erhebt gegen unsern Herrn und König Jesus Christus. Gott gebe, daß wir den Ruf zurück zur Schrift vernehmen und ihm gehorchen. Der Herr gedenkt an sein Erbarmen Und seine Wahrheit stehet fest. Er trägt seih Volk auf seinen Armen Und hilft, wenn alles uns verläßt. Bald schaut der ganze Kreis der Erden Wie unsers Gottes Huld erfreut. Gott will, daß sie ein Eden werde——— Rühm Erde Gottes Herrlichkeit. Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolltik: H. Huttel. Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postschechkonto: Hannover 67377.„Auswärte“,. Christliches Tageblatt, Bethel b. Bielefeld. Fernruf 3911/3919. Am Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel.