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Nr. 280.
Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bielefeld), Sonnabend, den 29. November 1930.
12. Jahrgang.
Du kannst nicht sein, du kannst dich nur verschwenden, kannst bleiben nicht, die Erde wandert aller Enden; du kannst nicht wissen, denn es ward schon Trug.
Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.
Ernst Bertram.
Mng iiin
Londoner Brief.
London, im November 1930.
Die politische Saison hat nun wieder eingesetzt, und zwar gleich so gründlich, daß man gar nicht weiß, wo man anfangen soll zu berichten. Eine Konferenz geht nach Hause, die andere fängt an; das Parlament ist nervös, die große Krise steht vor der Tür, oder besser: man ist schon mitten drin. Alle Parteien sind im Aufbruch— und keine ist einig. Den Konservativen macht der faschistische Flügel der Presselords immer mehr zu schaffen; die Liberalen stimmen neuerdings in drei Gruppen ab— für die Regierung, gegen die Regierung und überhaupt nicht, also Stimmenthaltung. Und last, not least, in der regierenden Labour Party pocht der linke Flügel immer lauter auf entschieden sozialistische Politik und droht mit offener Insurrektion.
Während sich so die Herren Volksvertreter auf ihre Weise„nützlich machen“ wächst die Not draußen im Lande. Komisch wirkt es, wenn man liest, daß nach dem Arbeitsbeschaffungsprogramm der Regierung weitere 1000 Arbeitslose für Wegbauten eingestellt werden konnten und dann auf der nächsten Seite erfährt, daß die Zahl der Beschäftigungslosen sich in der letzten Woche um 10000 oder 12000 erhöht hat. So etwa ist das Verhält
nis. Wenn die Regierung zehnmal mehr täte, als sie tatsäichlich tut, würde sie gerade mit den neuhinzutretenden Arbeitslosen fertig werden. Was heißt da: das Uebel an der Wurzel anpacken? Hat irgendeine Einzelregierung der Welt überhaupt die Macht, mit dem Polypen Arbeitslosigkeit fertig zu werden? Für jeden abgeschlagenen Arm wachsen zehn neue.
Inzwischen laufen die armen Opfer dieser unvollkommenen Organisation durch das naßkalte London und betteln die Passanten an. Die Bettelei ist überhaupt furchtbar hier. Ich habe während meines ganzen Lebens in Deutschland nicht soviel Bettler gesehen, wie hier im letzten Halbjahr. Sie liegen auf dem Bürgersteig und malen Bilder aufs Pflaster, um die Aufmerksamkeit zu erregen; Gruppen Arbeitsloser ziehen als Chöre oder Musikkapellen bettelnd durch die Straßen; Artisten produzieren sich an einer Ecke, an der andern dreht ein Kriegsinvalide seine mit der Nationalfahne geschmückte Drehorgel. Verstohlen wird mir von einem recht verwilderten Alten ein Blättchen in die Hand gedrückt:„Poem by an unemployed Ex=Serviceman“(Gedicht eines arbeitslosen Kriegsteilnehmers). Ich habe immer für Poesie eine schwache Seite gehabt, aber dieses Gedicht wollen wir lieber nicht auf seine dichterischen Qualitäten hin untersuchen. In weinerlichem Ton wird da erzählt, wie sie, die jetzt arbeitslos seien, im Jahre 1914 alles im Stich ließen, um als Helden Old England zu verteidigen, das ganz plötzlich von dem„cruel Germany“(grausamen Deutschland) bedroht wurde. Ich habe zwar bisher immer geglaubt, daß England Deutschland den Krieg erklart hat, nicht umgekehrt— aber der Ex=Serviceman, der sich 1914 von unserer„Grausamkeit“ bedroht gefühlt hat, nimmt das anscheinend nicht so genau.
Ich führe das nur an, um zu zeigen, daß auch hier in manchen Kreisen, besonders unter den ehemaligen Kriegsteilnehmern, diese dummen Mätzchen gegen Leutschland noch nicht ausgestorben sind. Trotzdem sind das Ausnahmen. Die gastliche Aufnahme, die LettowVorbeck und erst vor ein paar Tagen Freiherr Kreß von Kressenstein hier im Kreise ehemaliger Feinde fanden, sprechen ja eine deutliche Sprache. Trotzdem hat es gerade in diesem letzten Falle an Mißklängen nicht gefehlt. deneral Kreß, der Leiter der Palästinastreitkräfte, war von der 53. Waliser Division, die ihm im Kriege gegenVerstand, zum Jahresessen eingeladen worden. Feldarschall Allenby, der Führer der englischen Palästinastreitkräfte, war„leider verhindert“. Das kann natürich ein Zufall sein. Wahrscheinlicher ist, daß auch in dieeem Falle antideutsche Ressentiments mitgesprochen haden. Aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus möchte 9 die englische Einstellung zum Krieg und zu Deutschuund etwa so formulieren: man bemüht sich, alles Käffan##e hintanzustellen, ohne daß das bisher in allen duten befriedigend gelungen ist. Aber schon dieses Bebichen ist wertvoll. Es gibt ehemalige Feindstaaten, die
sich gar nicht, aber auch gar nicht bemühen— im Gegenteil——.
Auf der Linie des Hintanstellens liegt auch der Vorschlag der englischen Regierung, zukünftig von rein formalen Kranzniederlegungen am Grabmal des unbekannten Soldaten abzusehen. Man soll dieses Gedenkzeichen als ein Denkmal ansehen lernen, als ein Erinnerungsmal, nicht als eine offene, brennende Wunde. Die öffentliche Meinung des Landes hat diese Anregung durchaus freundlich aufgenommen— man solle diesen Vorschlag einmal in Frankreich machen! Ein Schrei nationaler Empörung würde durch die Pariser Presse gehen. Schon daran sieht man die geistige Wandlung, die in England— im Gegensatz zu Frankreich— im Laufe der letzten zwölf Jahre vor sich gegangen ist.
Am kürzlich stattgehabten Waffenstillstandstag hat man allerdings von den Anregungen der Regierung noch nicht viel gemerkt. An diesen heiligen Waffenstillstandstag zu tasten wagt man noch nicht, wenngleich sich die Stimmen mehren, die gegen das kriegerische Schauspiel protestieren, das sich da alljährlich abrollt.„Zum Gottesdienst gehen unsere Soldaten ohne Waffen, aber wenn sie zu unserem Toten kommen, müssen sie sich in volle Kriegsrüstung werfen“, protestierte neulich ein Pfarrer in einer Zuschrift an eine angesehene Londoner Tageszeitung. Wenn sich die englische Mentalität weiter in der beschriebenen Richtung entwickelt, so ist wohl damit zu rechnen, daß der Armistice Day einmal zu einem Peace Day, einem Friedenstag, wird. Augenblicklich ähnelt er mehr einer Siegesfeier.
Eng gedrängt stehen Zehntausende um das Denkmal des Heldentodes, den Cenotaph, der in Whitehall, der Straße der Ministerien, wie ein Fels aus der Mitte des Fahrdammes emporragt, geschlossen, edel in seiner straffen Form. Musikkapellen spielen militärische Weisen. Der König und die Premierminister Englands, Kanadas, Irlands, Südafrikas, Australiens, Neu=Seelands sind zugegen. Das ganze britische Weltreich ist vertreten. Nicht immer, aber gerade diesesmal, weil gegenwärtig die große Reichskonferenz tagt. Alte legen Kränze am Fuß des Denkmals nieder. Punkt elf Uhr, wenn Big Ben, das große Glockenspiel des Parlaments, den ersten Schlag tut, beginnen die„Zwei Minuten Schweigen“ zum Andenken an die Toten. Man könnte ein Blatt vom Baum fallen hören, wenn welche in Whitehall ständen. Die Massen sind von wunderbarer Diszipliniertheit. Es ist ergreifend. Bis dahin ist die Feier ein ruhiges, würdiges Gefallenengedenken—; aber kaum sind die zwei Minuten um, kommt alles in beste Stimmung.„It's a long way to Tipperary“ und all die anderen wohlbekannten Weisen ertönen. Die Menge singt mit. Dudelsackpfeifer blasen ihre eigentümlichen Quetschtöne. Truppen mit aufgepflanztem Bajonett ziehen vorüber, Ex=Servicemen werden mit lauten Hurras begrüßt. Man kommt in richtig aufgeräumte Stimmung. So, nun könnte es gleich losgehen in den nächsten Krieg——.
Genau so militärisch war das Gepräge einer anderen Veranstaltung, die einen Tag vorher stattfand: der sogenannten Lord Mayor's Show. Der Lord Mayor ist der Londoner Bürgermeister. Jedes Jahr wird ein neuer gewählt, der sich kurze Zeit nach seiner Wahl den Bürgern in einer prunkvollen Umfahrt zeigt. Was gab es da nicht alles zu sehen: Fliegerabwehrabteilungen, Marinetruppen, Seekadetten auf einem beräderten Schiff, Pfadfinder, Werbewagen der Dominien und Kolonien, indische Elefanten, ein wirres Durcheinander— und immer wieder Soldaten, Soldaten! Soldaten in Khaki, Soldaten in phantastischen roten, goldbetreßten Uniformen, Soldaten mit Tropenhelmen, Soldaten mit unwahrscheinlich hohen Pelzmützen— jubelnd begrüßt von den Kindern, die sich an alle Zäune und Häuser geklemmt haben. Dann zum Schluß Lord Mayor in seiner Staatskutsche. Aber als wesentlich ist mir an der ganzen Veranstaltung nur der militärische Pomp im Gedächtnis geblieben— den Kindern, die sich das ansahen, sicher auch. Und darauf kommt es an. Ich glaube, man gibt sich in Deutschland durchaus falschen Ansichten hin, wenn man die Engländer für verhältnismäßig unmilitärisch hält. Das Gegenteil ist der Fall. Auch daß der Soldat hier nicht besonders geschätzt würde, ist unrichtig. Vielleicht traf das für die Zeit vor dem Kriege zu. Heutzutage läßt jedenfalls die militärische Propaganda an Intensität nichts zu wünschen übrig. Auch die vielen Manöver gehören hierher. Das muß seinen Einfluß auf die Jugend nicht verfehlen. England ist heute militärfreudiger als je, ohne deshalb kriegsfreudig zu sein. Ich komme hierbei auf das vorhin vom„Hintanstellen des Trennenden“ Gesagte zurück. Der englische Militarismus ist nicht aggressiv. Die ganze Art und Weise, in der die Militärs sich
hier geben, ist ruhiger, nicht so hysterisch wie die ihrer Berufskollegen jenseits des Kanals.„Kontemplativer Militarismus“ ist gewiß eine sonderbare Zusammenstellung, trotzdem möchte ich den englischen so kennzeichnen. Er verleugnet seinen Defensivcharakter nie.
Bei der Lord Mayor's Show ereignete sich übrigens ein kurioser Zwischenfall, der die englische Presse eigentlich zu ironischen Randbemerkungen hätte reizen sollen — sie hat aber lieber davon abgesehen. Die vier indischen Elefanten nämlich, die sich in dem Zuge befanden, spielten einem großen Papplöwen, den Studenten des Kings College beim Passieren des Lord Mayors froh hin und her schwenkten, übel mit. Elefanten verstehen mit Löwen keinen Spaß, sie sind Todfeinde, muß man wissen. Es war also verständlich, daß sie das böse Papptier auf die Rüssel nahmen und wütend zu Boden warfen, wenngleich dadurch unter den Zuschauern eine begreifliche Panik ausbrach. Nun, es wurde keinem ein Haar gekrümmt. Die Elefanten stiegen ganz vorsichtig über die Köpfe der Menge hinweg. Hoffentlich tut das der große indische Elefant auch, dem man jetzt in London einen neuen Käfig zimmern will.— Die Tatsache, daß es das englische Wappentier ist, das da so übel zugerichtet wurde von den Dickhäutern, ist doch eigentlich ein pikanter Auftakt zu der Konferenz, die dieses Käfigzimmern besorgen soll, zu der berühmten Round Table Conferenz, die man dieser Tage mit großem Tamtam eröffnet hat.
Wird etwas herauskommen dabei, und was? Nun, es ist mit einigen wichtigen Reformen zu rechnen. Einige Minister werden zukünftig der indischen Nationalversammlung verantwortlich sein, aber nur einige, natürlich die unwichtigsten. Auch sonst wird es an derartigen halben Maßnahmen, die nach viel aussehen und wenig bedeuten, nicht fehlen. Volles Dominialstatut wird das Land jedenfalls nicht bekommen. Man wird sicher mehvere Monate zusammensitzen und sich furchtbar wichtig vorkommen, und doch ist alle diese Zeit vertan und alle Mühe umsonst, wenn man sich nicht mit dem nationalindischen Kongreß verständigt(wozu es mittlerweile zu spät sein mag). Geben wir uns doch keinen Täuschungen hin: Diese Konferenz hat einfach keine Autorität in Indien. Will man Verständigung, muß man Gandhi und die Nehrus nicht im Gefängnis, sondern im St. James's Palast am Konferenztisch sitzen haben. Will man Gewalt, kann man sich das Verhandeln ganz schenken. Trotzdem ist diese Konferenz natürlich außerordentlich interessant, weil sie aufzeigen wird, wozu England in Indien bereit ist, wozu die Arbeiterregierung in Indien bereit ist, nur glaube man ja nicht, daß die Revolution, die augenblicklich in Indien tobt, dadurch abgeschlossen wird.
Während sich im St. James's Palast die Herren mit und ohne Turban zusammensetzen, geht die große Reichskonferenz sang= und klanglos auseinander. Was hat man nicht alles von dieser Konferenz erhofft! Die Güter der Dominien sollten von England im Großen abgenommen werden(bulk purchase); besondere Einfuhrausschüsse sollten alles, was aus dem Empire kommt, auf dem englischen Markt forcieren; Quoten, in denen kanadischer Weizen in England verwandt werden muß, sollten dem großen Weizenüberschuß dieses Dominions ein sicheres Absatzgebiet schaffen— kurz, die wirtschaftlichen Bande zwischen den einzelnen Gliedern des Weltreiches sollten auf alle nur denkbare Art verstärkt und befestigt werden. Und nun hat man sich auf ein Jahr vertagt. Es ist ein„Begräbnis erster Klasse". Wenn England weiterhin auf seinem Freihandelssystem beharrt, die Dominien aber verlangen, daß es hohe Schutzzölle auf jede fremde Einfuhr legt und nur die Empire=Güter frei oder möglichst wenig belastet, hereinläßt, ist nicht einzusehen, wie es im nächsten Jahr in Ottawa zu einer Einigung kommen soll. Das Problem ist das: Die Mominien verlangen vom Mutterlande Aufgabe seines ganzen— freihändlerischen— Wirtschaftssystems. England oder wenigstens ein von der Arbeiterpartei regiertes England wird diesen Schritt wegen der Verteuerung, die er für den Konsumenten mit sich bringt, nie unternehmen.
Fragt sich nur, wie lange es die Herren MacDonald, Snowden und Thomas noch machen. Eine konservative Regierung käme den Kanadiern und Australiern sicher mehr entgegen. Wahrscheinlich kommt es Anfang nächsten Jahres über die Trade=Union=Bill, durch die die Regierung den Gewerkschaften wieder größere Rechte geben will, zur innerpolitischen Krise in England. Denn es ist kaum anzunehmen, daß diese Maßnahmen, die von den Gewerkschaften mit aller Macht gefordert werden, im Parlament genügend liberale Stimmen finden. Die ganze Taktik der Regierung MacDonald besteht jetzt darin, diesen Schritt— die kritische Gesetzesvorlage einzubrin