Ausgabe 
12 (6.7.1930) 156
Seite
478
 
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Nr. 156.

Bielefeld=Bethel(Verlagsort Bieleseld), Sonntag, den 6. Juli 1930.

12. Jahrgang.

Wer gibt uns hier schon Freuden,

Die niemand rauben kann?

Wer zeiget uns im Leiden Den Himmel aufgetan?

Wenn vor dem Tod wir beben, Wer gibt dem Herzen Ruh'?

Heil! Christus ist das Leben, Führt uns dem Vater zu.

gggiiigi ggisiiii

Was vorgeht.

Ewigkeit.

3. Tel.955

Das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat, das ewige Leben. 1. Joh. 2, 25.

Das Wort Ewigkeit ist der aufgehobene Finger Got­tes, der uns Halt gebietet, uns rastlos vorwärts stürmenden Menschen. Es gibt eine Ewigkeit. Gottes Wort ist ein Wegweiser in diese Ewigkeit. Es ist mehr als das. Die Schrift ist selbst ein Stück ewiges Leben. In ihr leben, heißt in der Ewigkeit leben. Christus hat uns ewiges Leben in Aussicht gestellt, ja, es ist in ihm zu uns gekom­men. Er hat ein Stück ewiges Leben in Menschengestalt. In ihm ist die Ewigkeit mitten in der Zeit sichtbar ge­worden. Die im Glauben in ihm und in dem Vater blei­ben(Vers 24), haben die Ewigkeit bereits in sich. Mitten in der Zeit ist die Ewigkeit ihr Besitz geworden. Das ist der merkwürdige Zustand der Christen. Sie leben in zwei Welten. Sie sind gleichzeitig in der Zeit und in der Ewig­keit, sind ganz und gar mit ihren Gedanken bei dem, was die Zeit von ihnen fordert, und leben doch in ihrem tiefsten Inneren bereits über die Zeit hinaus. Mit ihren beiden Füßen stehen sie fest auf dem Erdboden, aber in ihrem tiefsten Inneren wurzeln sie schon in der Ewigkeit. Christen sollen also bei dem Worte Ewigkeit nicht nur an die Zeit nach dem Tode denken. Obwohl sie wie alle Menschen ja dieser Ewigkeit schon ganz nahe sind. Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tode. Wer will das leugnen? Aber das heißt doch nichts anderes als: zwi­schen mir und der Ewigkeit. In dem Augenblick, in dem die Nacht des Todes über mich hereinbrichk, leuchtet der Tag der Ewigkeit in mir auf. Das wissen alle die, die der Verheißung ihres Herrn und Meisters Jesu Christi glau­ben. Der Glaube an ihn schließt die köstliche Gewißheit. in sich, daß er uns durch das Tor der Ewigkeit hindurch­trägt. Sie wissen, daß die Ewigkeit ihm gehört, daß er ihr eigentlicher Inhalt ist. Er hat uns mit seinem Blut er­kauft, nicht nur für die Zeit, sondern für die Ewigkeit. Er sammelt in der Zeit seine Herde und leitet sie in Ewigkeit. Sein Hirtenwerk hier aber steht unter der Losung:„Eine Herde und ein Hirt“, das erfüllt sich in der Ewigkeit. Wir sollen Könige und Priester werden. Wir sollen mit der Gesamtschöpfung und mit der Gemeinde der vollendeten Gerechten, ja, mit allen Engeln und Erzengeln Lob=, Ju­bel= und Danklieder singen. Aber das alles kommt noch, wenn die Ewigkeit hereinbricht.

Bereits ragt ein Stück Ewigkeit in diese Zeit hinein. Be­reits haben wir im Glauben Teil an dem, was die Ewig­keit erfüllt. Aber die volle Entfaltung des ewigen Lebens liegt noch vor uns. Vergeßt das nicht, Ihr Christenleute! Denkt daran, Ihr Geschäftsleute in Euren Geschäften, Ihr Arbeiter in der Arbeit und in der Arbeitslosigkeit, Du Gesunder in Deinem Leben voll Unrast und Mühe. Du Kranker in Deiner Einsamkeit, Ihr vielgeplagten Mütter, Ihr treuen Väter in Eurem harten Ringen um Eure Exi­stenz. Du Mann und Streiter mitten im Kampf und Ha­der der Parteien und Du, fröhliche, frische Jugendt Darin sind wir alle eins: wir stehen hier vor den To­ren der Ewigkeit. In Jesu Verheißung sind sie bereits geöffnet, und durch den Spalt des göttlichen Wortes er­blicken wir einen Strahl ihrer Herrlichkeit. Es währt nicht lange, dann werden die Pforten weit aufgerissen und der Glanz der ewigen Herrlichkeit wird unser Auge blen­den, daß wir nur ihn sehen, der uns diese herrliche Ver­heißung gab. Zeit und Welt liegt dann weit, weit hinter uns.„ Simon.

Auch diese Woche ist wieder dahingegangen, ohne daß

die Probieme, die unseren Politikern Sorge machen, einer Lösung näher gebracht sind. Die Schulden sind da. Nie­mand weiß, wie sie gedeckt werden sollen. Um das Pro­gramm streiten sich die Parteien weiter. Dazu werden von einigen Stellen aus Gerüchte verbreitet, die unge­deckten Beträge im Reichshaushalt seien noch viel höher als die Summen, um deren Deckung schon so viele Pläne entworfen und wieder verworfen sind. Davüber, woher nun der Reichsfinanzminister eine Mehrheit finden wird, die seinen Vorschlägen zustimmt, brauchte man sich noch nicht zu streiten. Es ist auch weniger wichtig, ob die Deutschnationalen oder die Sozialdemokraten zuletzt einem Finanzplan zur Annahme verhelfen. Unter der durch die Annahme des Youngplanes geschaffenen Zwangslage wird es kaum gelingen, Deckungsmöglich­keiten zu finden, durch die eine Belebung der Wirtschaft herbeigeführt wird, wie wir sie brauchten, und das Chaos zu verhindern, das schon immer droht und das auch von manchen herbeigewünscht wird.

Wenn man sich umhört bei den verschiedensten Leuten, wo der eine hier, der andere dort Fühlung mit dem prak­tischen Leben in seinen mancherlei Ansprüchen und Inter­essen hat, gewinnt man ein Bild, das ziemlich allenthalben den Zustand zunehmender Hoffnungslosigkeit zeigt. So gerne man dann auch ein Wort des Trostes und der Hoff­nung sagen will, wird man hingewiesen auf die sprechen­den Tatsachen, die nicht gut widerlegt werden können. Wer heute für den Haushalt des Staates,

einer Stadt oder Gemeinde, einer Anstalt oder eines Vereins oder auch einer Familie verantwortlich ist, bekommt jetzt etwas von dem Druck dieser Ver­antwortung zu spüren. Die Oberfläche zeigt auch jetzt oft noch Glanz und Schein, während es an den Stellen, die vielleicht diesen Glanz und Schein schufen, schon Sorgen genug gibt um das Notwendigste zur Erhaltung der Exi­stenz. Gewiß ist es schön, den Bürgern einer Gemeinde etwas zu schaffen, an dem sich auch das Auge erfreut. Legt sich aber auf das Geschaffene der Fluch von solchen, die die Not und die Sorge quält, so bekommen alle diese Dinge ein anderes Gesicht und es wird dann gleichgültig, ob Schloß oder Park und Anlagen unter autokratischer oder unter demokratischer Regierung geschaffen wurden. Es ist keine Nörgelsucht, wenn wir solche Dinge berühren, und wir haben in den zwölf Jahren, wo wir genötigt wa­ren, zu manchen politischen und wirtschaftlichen Vor­gängen etwas zu sagen, immer den Wunsch gehabt, die­jenigen möchten recht haben, die aus der neuen Entwick­lung der Dinge in Deutschland einen Fortschritt, bes­sere Verhältnisse emporwachsen sahen. Die Gestaltung der Lage scheint aber zu zeigen, daß der Weg, auf dem wir in diese Lage hineingewandert sind, doch vielleicht nicht der richtige Weg war und daß daher Maßnahmen nötig werden dürften, die nicht viel anders aussehen als die, die von Anbeginn die um ihre Existenz ringenden Menschen und Staaten oder Volksgemeinschaften ange­wandt haben. Auch wenn man eine fortschreitende Ent­wickelung im Leben der Völker anerkennt, ändert das am Wesen der Menschen nichts. Das beweist die Mensch­heitsgeschichte, so weit sie den Nachkommen bekannt ist.

Die letzte Woche hat den Abzug der feindlichen Trup­pen aus dem Rheinland gebracht. Darüber herrscht im ganzen Reiche die herzlichste Freude. Nicht nur im Rhein­land, sondern auch in den Städten des Reiches sind die Flammen emporgelodert und haben die Salutschüsse ge­dröhnt. Wenn auch in einzelnen Reden und Kundgebun­gen, je nachdem die Redner einer politischen Richtung angehörten, die Rheinlandräumung reichlich stark als ein Erfolg der Friedenspolitik gerühmt wurde, so übten die Kundgebungen der offiziellen Stellen, besonders auch die des Herrn Reichspräsidenten die gebotene Zurückhaltung. Wenn aber Parteiblätter und Kundgebungen etwas höh­nisch darauf hinweisen, daß die Räumung für die natio­nalistischen Kreise eine Enttäuschung sei, weil dort im mer behauptet worden sei, ohne Anwendung von Waffen­gewalt würden die Franzosen den Rhein nie wieder ver­lassen, so versäumen es die Regierungserklärungen doch nicht, auf die schweren Opfer hinzuweisen, mit denen die frühere als die im Versailler Diktat vorgesehene Räu­mung hat erkauft werden müssen. Ueberlegt man, welche Ursachen der hinter uns liegende Krieg hatte, wie er durchgekämpft wurde und welche Folgen er hatte, so liegt für die Deutschen kein Grund vor, denen, die das Versail­ler Diktat schufen, nun auch noch zu danken für ihr durch die vorzeitige Räumung und überhaupt für die während der Besetzung gezeigte Haltung. Die fast verzweifelte Lage, in der sich die deutsche Regierung und das deutsche

Volk jetzt befindet, ist eine Folge der Gewalkpolitik, die vom Versailler Diktat bestimmt ist und es muß sich nun zeigen, ob sich eine Regierung findet, der es gelingt, die Opfer auch wirklich aufzubringen, mit denen die Räu­mung der Rheinlande hat erkauft werden müssen.

„Wer es noch irgendwie ermöglichen kann, verläßt das sinkende Schisf des derzeitigen Reichska­binetts. Dieser in stürmischer Brandung noch verzwei­felt worwärtsstrebende Kahn ist aber nicht eine neue Kon­struktion von Männern wie Brüning, Schiele usw., son­dern er ist ein altes klappriges Fahrzeug, mit dem die Genannten nur einen letzten, allerdings von vornherein ziemlich aussichtslosen und waghalsigen Versuch machten, in einen sicheren Hafen zu gelangen. Man hat Molden­hauer über Bord geworfen, um nach einem alten Aber­glauben durch dieses Opfer die tosende See zu beruhigen. Es zeigt sich aber, daß das Schiff einen schweren Ruder­schaden haben muß, denn es kommt auch so nicht vorwärts und wird niemals vorwärtskommen, sofern man sich nicht zu einer gründlichen Ueberholung entschließt. Dieses Schiff fährt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit— mag der Steuermann heißen, wie er will— einen falschen Kurs, weil es falsch gebaut ist. Die Frage ist heute nur noch die, ob wir jene schwerwiegenden Ereignisse, die notgedrungen dieser Fortwurstelei ein Ende setzen müssen, noch in diesem Hochsommer oder erst im kommen­den Herbst erleben werden. Vor wenigen Wochen schien es, als ob wir mit einer großen Parlaments= und viel­leicht sogar Staatskrise erst in den Herbstmonaten zu rechnen hätten. Inzwischen hat sich aber die Ohn­macht des ganzen parlamentarischen Sy­stems und die Unproduktivität der Partei­wirtschaft in so eindringlicher Weise dokumentiert, daß man, besonders nach den sächsischen Wahlereignissen schon in naher Zukunft mitsehrernsten Din­gen zu rechnen hat. Wohin wir auch sehen, überall hemmt die öffentliche und die Verbandsbüro­kratie eine gründliche Erneuerung unseres öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Das größte Unglück des jetzi­gen Kabinetts besteht darin, daß keine der Parteien, die dahinter stehen, eine Verantwortung mehr tragt will. Nachdem die Sozialdemokratie sich der Verantwor­tung für die Folgen ihrer früheren jahrelangen Regie­rungspolitik durch einen Sprung ins oppositionelle Lager entzogen hat, äugen die Demokraten und weite Kreise des Zentrums nach einem ähnlichen rettenden Absprung. Wer Deutschland in diesem Augenblicke retten will, muß wie ein Ritter Georg den Drachen des deutschen Bürokratis­mus erschlagen. Der Kampf gegen die Bürokratie und nicht zuletzt gegen ihre parteipolitischen Hintermänner ist die große staats= und wirtschaftspolitische Aufgabe unserer Tage. Wo ist der Ritter Georg?“

Diese Ausführungen entstammen dem Richard Cal­werschen Wirtschaftlichen Tagesberichten, einer Kor­respondenz, deren Gründer der sozialistische Schrift­steller R. Calwer war, also einer Quelle, die nicht ver­dächtig ist, ein Feind derer zu sein, die unsere heutigen staatspolitischen Verhältnisse herbeigeführt haben. Dort wird die Lage nicht anders angesehen als da, wo man die ganze Nachkriegspolitik für falsch und unglücklich gehal­ten hat, Wird es auch die heutige Sozialdemokratie ab lehnen, solche Calwerschen Ansichten als Meinung der Partei gelten zu lassen, so ist es doch bezeichnend, daß von einer Stelle aus, die sicher auch einmal rein sozia­listische Wirtschafts= und Parteitheorien vertrat, der in der Nachkriegszeit weitgehend unverantwortlichen und maßgebenden Politik der Sozialdemokratie ein solches Zeugnis ausstellt. Es ist kein böser Wille und braucht keine Miesmacherei zu sein, wenn immer wieder auf die Folgen einer Politik hingewiesen wird, die kaum krasser und deutlicher zu schildern sind, als es Calwer in seiner Korrespondenz tut.

Der Reichsrat hat nun am Donnerstag nach 1½=stün diger Beratung die von der Regierung aufgestellten Steuer= und Deckungsvorlagen angenommen. Am Montag soll die erste Beratung im Reichstag stattfinden. Reichs­finanzminister Dietrich wünscht eine schnelle Verabschie­dung der Vorlagen und hofft damit die Ordnung der Fi­nanzen zu erreichen. Dem gewöhnlichen Staatsbürger bleibt es allerdings vorläufig noch schleierhaft, woher bei der zunehmenden Wirtschaftskrise und den bis jetzt schon ausgeschöpften Steuerquellen die erhöhten Steuern doch noch kommen sollen. Calwer, der doch sicher über wirtschafts= und finanzpolitische Dinge gut unterrichtet ist, scheint nicht an die Möglichkeit einer ausreichenden Sa­nierung zu glauben und man muß nun abwarten, ob sich die Hoffnungen des Finanzministers Dietrich, oder ob sich die Befürchtungen Calwers erfüllen werden. Die„Vos­sische Zeitung“ schreibt:„Je größer die Sorge weiter