Ausgabe 
12 (1.1.1930) 1
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Bielefeld=Bethel(Verlaasort Bieleseld) Mittwoch, den 1. Januar 1930.

12. Jahrgang.

Der du bist A und O. Ansang und Ende,

Der Herr der Zeit und auch der Ewigkeit,

Dem alles steht zu seinem Dienst bereit:

Zu deinem Thron, Jehova ich mich wende,

Da diese Zeit ein neues Jahr uns bringt,

Und Zien dir ein Halleluja singt.

J. A. Freylinghausen.

Men

„Meine Zeit steht in deinen Händen“.

Pfalm 31, 16.

Als Kinder lasen wir gern das Märchen von Gullivers Reisen. Wir wanderten mit ihm, dem Riesenmenschen, durch die winzigen Städtchen, in denen er mit einem Fuß die ganze Hauptstraße einnahm und sehen ihn dann wieder im Riesenland als ein kleines Wesen, das im Fin­gerhut der Riesentochter sein Bett machen konnte. Ganz groß und ganz klein macht uns das Wort„meine Zeit steht in deinen Händen“. Meine Zett; in den Welt, Zeit und Raum umfassenden Händen des ewigen Gottes, war ist da meine Zeit, ob sie 20 Jahre oder 80 Jahre währt? Ein einziger Wink der ewigen Augen, ja, noch weniger— weniger als nichts.„Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.“ Was sind wir, wenn wir in diesem winzigen Raum der Zeit etwas bedeuten wollen, uns selber wich­tig machen? Was ist alles großartige Reden der Men­schen? Das Lallen eines Kindes gegenüber dem brausen­den Meer. Seid doch stille, ihr kleinen winzigen Wesen des Augenblicks! Gebraucht die kurze Spanne der Zeit zu dem einen einzigen Wichtigen für euch, nämlich, daß ihr zu hören versucht, ob ihr in der Kürze eurer dahin­eilenden Zeit einen Ton aus der Ewigkeit wahrnehmt!

Und von dort kommt eine Botschaft, die Botschaft, die das ganze Bild verändert. Die Botschaft, welche imstande ist, den winzigen Raum der Zeit ganz groß zu machen. ja, ihn mit Ewigkeit zu füllen. Denn das ist ja Jesus, daß die Ewigkeit hineingeht in die Zeit und durch das Wunder der Gnade das vergängliche Gefäß der Zeit füllt mit himmlischem Inhalt. So kann nun durch ihn eine Stunde, ja, eine Minute voller Ewigkeit werden. Vater Bödelschwingh pflegte gern von der liebenkur­zenGnadenzeit zu reden, die wir nur noch hätten. Ja, kostbar werden jetzt die Stunden der Zeit. Gott kann in ihnen und durch uns Ewiges wirken, Ewigkeit auch in den Verkehr mit dem Nächsten hineinbringen.„Meine Zeit in deinen Händen,“ das macht die Zeit und uns so groß, daß wir vor der Verantwortung zittern, die uns mit jedem neuen Jahr auferlegt ist.

„Meine Zeit in deinen Händen.“ Das gilt nicht nur dem Einzelnen, es gilt auch dem Volke. Es ist eine Seite der Wahrheit, wenn Spengler(„Untergang des Abendlandes") oder Wien(„Stadt in den Wolken“) uns unser Volk zeigt mit den Zugen des Alterns und der Ver­gänglichkeit. Aber die andere Seite ist die, daß Gott auch die Zeit unseres Volker in seinen Händen hat und ihm durch die Kraft aus der Ewigkeit eine neue Jugend schenken hann.

Pessimismus ist Verzweiflung, und Luther rechnet die Verzweiflung unter„die großen Schanden und Laster“.— Im Glauben ist der Pessimismus, der von sich selbst und von den Menschen nichts erwartet, gepaart mit dem stärk­sten Optimismus, der von Gott alles, aber auch alles erwartet. In diesem Glauben trauen wir es Gott zu, daß er unser Volk in seinem raschen Lauf zum Abgrund aushalten wird und ihm noch eine Bewegung der Er­neuerung schenken hann, die über unser Bitten und Ver­stehen geht.— In diesem Glauben laßt uns für einander und für unser Volk ein gesegnetes Neues Jahr erbitten.

###-m.

Das Jahr 1929.

Die neudeutsche Geschichte ist um ein Jahr der Ent­täuschungen reicher. Was erhofften gewisse Opti­misten inmitten der eisigen Strenge des letzten Winters nicht alles vom Jahre 1929! Da war die Hoffnung auf eine vernünftige Revision des Dawesplanes; da war die Hoffnung auf eine restlose und zweifelsfreie Räumung des Saar= und Rheingebietes; da war die Hoffnung auf eine neue Wirtschaftskonjunktur, auf eine durchgreifende Finanzreform und auf weltpolitische Befriedung. Jede einzelne dieser Hoffnungen hat sich als Illusion er­wiesen.

Die erste große Enttäuschung brachte uns die Ersetzung des Dawesplanes durch den Youngplan, der eine Tributverpflichtung Deutschlands in Höhe von 114 Milli­arden Goldmark vorsieht, so daß sich unsere gesamte Tri­butlast— einschließlich der Vorleistungen, aber ohne Zin­sen und Zinseszinsen— auf 165 Goldmilliarden stellt. Außerdem hat sich Deutschland, wie durch das Schacht'sche Dezember=Memorandum weithin bekannt geworden ist, zu ehner ganzen Reihe von Sonderzugeständnissen bereit gefunden, von denen das Geheimabkommen Briands mit dem am 3. Oktober verstorbenen Reichsaußenminister Stresemann über die Zerstörung gewisser Rheinbah­nen und das deutsch=polnische Liquidationsabkommen Rauschers wohl die betrüblichsten sind.

Auch mit der Rheinlandräumung ist es leider nicht so geworden, wie weite Kreise des deutschen Volkes gehofft haben. Zwar ist am 30. November— also nur wenige Wochn vor der im Persailler Diktat vorgesehe­nen Frist— die zwoite Rheinlandzone von der fremden Besatzung#####eit worden;#er die berüchtigten franzö­

zurückgeblieben. Und was es nr der nichumdüttz dor bartten Zone auf sich hät, läßt

sich trotz der franzesischen Zusage vorerst noch nicht ab­sehen. Insbesondere fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, welche„Sicherheiten“ die Franzosen für die frühere Räu­mung fordern werden oder— in Anbetracht der Geheim­niskümerei unserer derzeitigen Regierung— vielleicht schon durchgesetzt haben. Ganz offen geblieben ist das Saaeprodiem. Gedenfalls haben die Franzosen auch die Gaarfrage zu einem sehr profitablen Sondergeschäft der französischen Schwerindustvie zu machen verstanden.

Desgleichen ist aus der erhofften Wirtschaftskonjunk­tur nichts geworden, und die längst fällige Finanzreform bildet noch immer ein sehr gefährliches Streitobjekt der Parteien. Nachdem wir den optimistischen Neujahrsbe­vicht des Reparationsagenten Parker Gilbert vor nun 18 Monaten sofort als einen sehr durchsichtigen Zweck­bericht gekennzeichnet hatten, ist es mit der deutschen Wirtschaft und mit den deutschen Finanzen im Laufe des Jahres rapide abwärts gegangen. Diese bedauerliche Ent­wicklung. fand ihren ersten sinnfälligen Ausdruck in dem Fiasko der Hilferding'schen Mai=Anleihe: es folgte das immer stärkere Drängen der Reichsbahn auf weitere Tariferhöhungen; es kam der große Krach der Fvankfurter Allgemeinen Versiche­rungsgesellschaft, der wegen der stark in Mit­leidenschaft gezogenen ausländischen Beteiligungen den deutschen Kredit auf den internationalen Kapitalmärkten aufs schwerste erschütterte und die deutsche Börsen­krise ganz erheblich verschärfte; die Landwirtschaft brach immer offensichtlicher zusammen; die Zahl der Kon­kurse in Handel und Gewerbe überschlug sich von Monat zu Monat; die Korruption feierte— wie der Fall Skla­reck und unzählige ähnlicher Fälle zeigen— erschütternde Orgien; die Steuereingänge entsprachen trotz rücksichts­losester Eintreibung bei weitem nicht mehr den Erwar­tungen; die allgemeine Kapitalnot und die Gefahr der Ueberfremdung(Opel!) zwangen führende Wirtschafts­unternehmen zu engerem Zusammenschluß(Fusion Deutsche Bank— Diskontogesellschaft!); Hilferding stellte in seiner Ratlosigkeit für eine Anleihe von 500 Millionen Goldmark den deutschen Zündholz­markt unter die Kontrolle des schwedischen Großkapi­talisten Jvar Kreuger; und gegen Schluß des Jahres stand es um die öffentlichen Finanzen derart schlimm, daß die Auszahlung der Beamtengehälter unmöglich gewesen wäre, wenn nicht eine neue Anleihe den offenen Ausbruch der Katastrophe im letzten Augenblick abgewandt hätte. Diese neue Anleihe in Höhe von 80 Dollarmillionen hatte die Annahme des sogenannten Sofort=Program­mes durch den Reichstag zur Voraussetzung, da die ent­sprechenden Steuererträge als Sicherheit für Hilferdinge neue Verlegenhoitsanleihe dienen sollten. Der unrühm­liche Parteskampf um das Sofort=Programm ist noch zu deutlich in aller Erinnerung, als daß ein näheres Ein­gehen darauf notwendig wäre. Hilferding ist zwar nach dem Fiasko seiner heillosen Finanzwirtschaft zurückge­

treten und durch den Volksparteiler Professor Molden­hauer ersetzt worden, dafür hat aber mit dem Sozial­demokraten Robert Schmidt ein Mann das Reichswirt­schaftsministerium übernommen, der alle Voraussetzun­gen in sich vereinigt, um das noch so reiche Können des neuen Finanzministers von vornherein wirkungslos zu machen. Die denzeitige Zusammensetzung des Reichstages und der Reichsregierung läßt eine durchgreifende Gesun­dung unserer Wirtschafts= und Finanzverhältnisse leider nicht zu, was auch für unsere außenpolitische Stellung nicht ohne folgenschwere Bedeutung ist. Denn unsere Mißerfolge in Paris und im Haag haben wir nicht allein unserer wehrpolitischen Ohnmacht, sondern vor allem auch unserem wirtschaftlichen Niedergang und unseren leeren Reichskassen zu verdanken. Die wirtschaftliche und finanzielle Rückendeckung der deutschen Delegation war so schwach, daß bei dem ersten leisen Widerstandsversuch gegen die maßlosen Ansprüche der Alliierten die deutsche Währung von den sogenannten Gläubigerstaaten mit leichter Mühe derart unter Druck gesetzt wurde, daß von Stund an eine erfolgreiche Geltendmachung der deutschen Interessen während der Youngverhandlungen nicht mehr zu erhoffen war. Die von gewissen deutschen Politikern so sehr beliebte Demonstration der Schwäche ist dem deutschen Volke in entscheidungsreichster Stunde wieder einmal zum Verhängnis geworden. Die Baden­Badener Verhandlungen über die Tributbank haben Deutschland endgültig der Willkür der internationalen Finanz unterworfen.

Den großen weltpolitischen Hintergrund dieses neuen Kapitels deutscher Leidensgeschichte bildete die englisch­amerikanische Verständigung, hinter der die Flamenkämpfe in Belgien, die Revolutionen in Mexiko, in Haiti, Alghanistan, Palästina und China, sowic die Regie­rungskrisen in Frankreich, Polen, Tschechoslowakien und Litauen(Rücktritt des Diktators Woldemaras) stark zu­rücktraten. Lediglich der chinesisch==russische Konflikt wegen der Mandschurei=Bahn und die wach­sende Unabhängigkeitsbewegung Indiens haben die Aufmerksamkeit der politisch interessierten Welt etwas lebhafter in Anspruch genommen.

Unter dem Druck der neuen weltpolitischen und welt­wirtschaftlichen Verhältnisse hatte sich schon die konserva­tive Baldwin=Regierung am 27. Januar bereit erklärt, den Nordamerikanern die Gleichberechtigung zur See offiziell zuzugestehen. Aber erst der MacDonald­Regierung, die nach den Unterhaus=Wahlen vom 30. Mai die Macht an sich riß, blieb es vorbehalten, mit der servilen Franzosenpolitik Chamberlains zu brechen und die englisch=amerikanische Verständigungspolitik energisch vorwärtszutreiben. Es traf sich nicht ungünstig, daß am 4. März mit Hoover ein Mann die Präsident­schaft über die Vereinigten Staaten übernommen hatte, der auch seinerseits dem Gedanken der„Pax Anglosaxo­nia“ durchaus sympathisch gegenüberstand. Die Amerika­reise MacDonalds und seine persönliche Fühlungnahme mit Hoover hatte eine Einladung der 5 Seemächte(Ame­rika, England, Japan, Frankreich, Italien) zu einer all­gemeinen sogenannten Seeabrüstungskonfe­renz zur Folge, die im Januar 1930 in London zusam­

mentreten soll. Daß es sich indessen hierbei weniger um eine tatsächliche Abvüstung als vielmehr um eine stark interessenpolitisch bedingte Rüstungsbeschränkung handelt, haben wir im„Aufwärts“ wiederholt betont. Die Vorverhandlungen zu der Londoner Flottenkonfe­renz haben denn auch schon— besonders in ihrem fran­zösisch=italienischen Teilproblem— im Zeichen sehr peinlicher machtpolitischer Midersprüche gestanden. Mussolini sucht bekanntlich mit aller Entschlossenheit die italienische Nation mit einer Flotte auszustatten, die der französischen Seemacht in jeder Beziehung ebenbürtig ist. Auch seine Unterschrift unter den Lateran=Vertrag vom 11. Februar hatte für ihn ja nur den einen Sinn, den Ginfluß des Papsttums auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer den imperialistischen Interessen des neuen Italien dienstbar zu machen. Daß Frankreich Mussolinis Mittelmeerpolitik mit stärkstem Mißtrauen verfolgt und den Italienern die Flottenparität unter keinen Umstän­den zusprechen will, ist bei der chauvinistischen Mentalität Frankreichs nicht verwunderlich. Es hat daher in kluger Vorsorge den Jugoslawen Auftrag gegeben, sich eine schlagfertige Adriaflotte(Spitze gegen Italien) zu bauen, während es gleichzeitig seine Vormachtstellung in Europa auch anderweit tatkräftig auszudauen wußte. Es sei erinnert an die Reisen des französischen Generals LeRond zu den Generalstäben der kleinen Entente und Polens; es sei erinnert an die Wahl Le Ronds zum Auf­sichtsratsvorsitzenden der Danziger Werft und an die französisch=potnischen Flottenpläne, die