Begngsprets! 5 Db Gent= Ugebähr Leim eigenen Postamt bestent. dürs Ausland unter Streifband.35(inkl. Postgeld). Preis der Einzelnummer 10 Pfg. Post Jeckkonto Hannover G707. mit den Beilagen„Fär Gerz und „Rbrdengeidek uud„iöerfer giei. Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzeile oder deren Raum 10 Pfennig. Reklame 30 Pfg. Beilagen unter Wgje tausend 15 Ml Schluß der *. Pe igen=Annahme nachmittags 5 Uhr. Postscheckkouto Hannover 67377. Bielefeld=Bethel(Verlaasort Bieleseld) Mittwoch, den 1. Januar 1930. 12. Jahrgang. Der du bist A und O. Ansang und Ende, Der Herr der Zeit und auch der Ewigkeit, Dem alles steht zu seinem Dienst bereit: Zu deinem Thron, Jehova ich mich wende, Da diese Zeit ein neues Jahr uns bringt, Und Zien dir ein Halleluja singt. J. A. Freylinghausen. Men „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Pfalm 31, 16. Als Kinder lasen wir gern das Märchen von Gullivers Reisen. Wir wanderten mit ihm, dem Riesenmenschen, durch die winzigen Städtchen, in denen er mit einem Fuß die ganze Hauptstraße einnahm und sehen ihn dann wieder im Riesenland als ein kleines Wesen, das im Fingerhut der Riesentochter sein Bett machen konnte. Ganz groß und ganz klein macht uns das Wort„meine Zeit steht in deinen Händen“. Meine Zett; in den Welt, Zeit und Raum umfassenden Händen des ewigen Gottes, war ist da meine Zeit, ob sie 20 Jahre oder 80 Jahre währt? Ein einziger Wink der ewigen Augen, ja, noch weniger— weniger als nichts.„Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.“ Was sind wir, wenn wir in diesem winzigen Raum der Zeit etwas bedeuten wollen, uns selber wichtig machen? Was ist alles großartige Reden der Menschen? Das Lallen eines Kindes gegenüber dem brausenden Meer. Seid doch stille, ihr kleinen winzigen Wesen des Augenblicks! Gebraucht die kurze Spanne der Zeit zu dem einen einzigen Wichtigen für euch, nämlich, daß ihr zu hören versucht, ob ihr in der Kürze eurer dahineilenden Zeit einen Ton aus der Ewigkeit wahrnehmt! Und von dort kommt eine Botschaft, die Botschaft, die das ganze Bild verändert. Die Botschaft, welche imstande ist, den winzigen Raum der Zeit ganz groß zu machen. ja, ihn mit Ewigkeit zu füllen. Denn das ist ja Jesus, daß die Ewigkeit hineingeht in die Zeit und durch das Wunder der Gnade das vergängliche Gefäß der Zeit füllt mit himmlischem Inhalt. So kann nun durch ihn eine Stunde, ja, eine Minute voller Ewigkeit werden. Vater Bödelschwingh pflegte gern von der liebenkurzenGnadenzeit zu reden, die wir nur noch hätten. Ja, kostbar werden jetzt die Stunden der Zeit. Gott kann in ihnen und durch uns Ewiges wirken, Ewigkeit auch in den Verkehr mit dem Nächsten hineinbringen.„Meine Zeit in deinen Händen,“ das macht die Zeit und uns so groß, daß wir vor der Verantwortung zittern, die uns mit jedem neuen Jahr auferlegt ist. „Meine Zeit in deinen Händen.“ Das gilt nicht nur dem Einzelnen, es gilt auch dem Volke. Es ist eine Seite der Wahrheit, wenn Spengler(„Untergang des Abendlandes") oder Wien(„Stadt in den Wolken“) uns unser Volk zeigt mit den Zugen des Alterns und der Vergänglichkeit. Aber die andere Seite ist die, daß Gott auch die Zeit unseres Volker in seinen Händen hat und ihm durch die Kraft aus der Ewigkeit eine neue Jugend schenken hann. Pessimismus ist Verzweiflung, und Luther rechnet die Verzweiflung unter„die großen Schanden und Laster“.— Im Glauben ist der Pessimismus, der von sich selbst und von den Menschen nichts erwartet, gepaart mit dem stärksten Optimismus, der von Gott alles, aber auch alles erwartet. In diesem Glauben trauen wir es Gott zu, daß er unser Volk in seinem raschen Lauf zum Abgrund aushalten wird und ihm noch eine Bewegung der Erneuerung schenken hann, die über unser Bitten und Verstehen geht.— In diesem Glauben laßt uns für einander und für unser Volk ein gesegnetes Neues Jahr erbitten. ###-m. Das Jahr 1929. Die neudeutsche Geschichte ist um ein Jahr der Enttäuschungen reicher. Was erhofften gewisse Optimisten inmitten der eisigen Strenge des letzten Winters nicht alles vom Jahre 1929! Da war die Hoffnung auf eine vernünftige Revision des Dawesplanes; da war die Hoffnung auf eine restlose und zweifelsfreie Räumung des Saar= und Rheingebietes; da war die Hoffnung auf eine neue Wirtschaftskonjunktur, auf eine durchgreifende Finanzreform und auf weltpolitische Befriedung. Jede einzelne dieser Hoffnungen hat sich als Illusion erwiesen. Die erste große Enttäuschung brachte uns die Ersetzung des Dawesplanes durch den Youngplan, der eine Tributverpflichtung Deutschlands in Höhe von 114 Milliarden Goldmark vorsieht, so daß sich unsere gesamte Tributlast— einschließlich der Vorleistungen, aber ohne Zinsen und Zinseszinsen— auf 165 Goldmilliarden stellt. Außerdem hat sich Deutschland, wie durch das Schacht'sche Dezember=Memorandum weithin bekannt geworden ist, zu ehner ganzen Reihe von Sonderzugeständnissen bereit gefunden, von denen das Geheimabkommen Briands mit dem am 3. Oktober verstorbenen Reichsaußenminister Stresemann über die Zerstörung gewisser Rheinbahnen und das deutsch=polnische Liquidationsabkommen Rauschers wohl die betrüblichsten sind. Auch mit der Rheinlandräumung ist es leider nicht so geworden, wie weite Kreise des deutschen Volkes gehofft haben. Zwar ist am 30. November— also nur wenige Wochn vor der im Persailler Diktat vorgesehenen Frist— die zwoite Rheinlandzone von der fremden Besatzung#####eit worden;#er die berüchtigten franzözurückgeblieben. Und was es nr der nichumdüttz dor bartten Zone auf sich hät, läßt sich trotz der franzesischen Zusage vorerst noch nicht absehen. Insbesondere fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, welche„Sicherheiten“ die Franzosen für die frühere Räumung fordern werden oder— in Anbetracht der Geheimniskümerei unserer derzeitigen Regierung— vielleicht schon durchgesetzt haben. Ganz offen geblieben ist das Saaeprodiem. Gedenfalls haben die Franzosen auch die Gaarfrage zu einem sehr profitablen Sondergeschäft der französischen Schwerindustvie zu machen verstanden. Desgleichen ist aus der erhofften Wirtschaftskonjunktur nichts geworden, und die längst fällige Finanzreform bildet noch immer ein sehr gefährliches Streitobjekt der Parteien. Nachdem wir den optimistischen Neujahrsbevicht des Reparationsagenten Parker Gilbert vor nun 18 Monaten sofort als einen sehr durchsichtigen Zweckbericht gekennzeichnet hatten, ist es mit der deutschen Wirtschaft und mit den deutschen Finanzen im Laufe des Jahres rapide abwärts gegangen. Diese bedauerliche Entwicklung. fand ihren ersten sinnfälligen Ausdruck in dem Fiasko der Hilferding'schen Mai=Anleihe: es folgte das immer stärkere Drängen der Reichsbahn auf weitere Tariferhöhungen; es kam der große Krach der Fvankfurter Allgemeinen Versicherungsgesellschaft, der wegen der stark in Mitleidenschaft gezogenen ausländischen Beteiligungen den deutschen Kredit auf den internationalen Kapitalmärkten aufs schwerste erschütterte und die deutsche Börsenkrise ganz erheblich verschärfte; die Landwirtschaft brach immer offensichtlicher zusammen; die Zahl der Konkurse in Handel und Gewerbe überschlug sich von Monat zu Monat; die Korruption feierte— wie der Fall Sklareck und unzählige ähnlicher Fälle zeigen— erschütternde Orgien; die Steuereingänge entsprachen trotz rücksichtslosester Eintreibung bei weitem nicht mehr den Erwartungen; die allgemeine Kapitalnot und die Gefahr der Ueberfremdung(Opel!) zwangen führende Wirtschaftsunternehmen zu engerem Zusammenschluß(Fusion Deutsche Bank— Diskontogesellschaft!); Hilferding stellte in seiner Ratlosigkeit für eine Anleihe von 500 Millionen Goldmark den deutschen Zündholzmarkt unter die Kontrolle des schwedischen Großkapitalisten Jvar Kreuger; und gegen Schluß des Jahres stand es um die öffentlichen Finanzen derart schlimm, daß die Auszahlung der Beamtengehälter unmöglich gewesen wäre, wenn nicht eine neue Anleihe den offenen Ausbruch der Katastrophe im letzten Augenblick abgewandt hätte. Diese neue Anleihe in Höhe von 80 Dollarmillionen hatte die Annahme des sogenannten Sofort=Programmes durch den Reichstag zur Voraussetzung, da die entsprechenden Steuererträge als Sicherheit für Hilferdinge neue Verlegenhoitsanleihe dienen sollten. Der unrühmliche Parteskampf um das Sofort=Programm ist noch zu deutlich in aller Erinnerung, als daß ein näheres Eingehen darauf notwendig wäre. Hilferding ist zwar nach dem Fiasko seiner heillosen Finanzwirtschaft zurückgetreten und durch den Volksparteiler Professor Moldenhauer ersetzt worden, dafür hat aber mit dem Sozialdemokraten Robert Schmidt ein Mann das Reichswirtschaftsministerium übernommen, der alle Voraussetzungen in sich vereinigt, um das noch so reiche Können des neuen Finanzministers von vornherein wirkungslos zu machen. Die denzeitige Zusammensetzung des Reichstages und der Reichsregierung läßt eine durchgreifende Gesundung unserer Wirtschafts= und Finanzverhältnisse leider nicht zu, was auch für unsere außenpolitische Stellung nicht ohne folgenschwere Bedeutung ist. Denn unsere Mißerfolge in Paris und im Haag haben wir nicht allein unserer wehrpolitischen Ohnmacht, sondern vor allem auch unserem wirtschaftlichen Niedergang und unseren leeren Reichskassen zu verdanken. Die wirtschaftliche und finanzielle Rückendeckung der deutschen Delegation war so schwach, daß bei dem ersten leisen Widerstandsversuch gegen die maßlosen Ansprüche der Alliierten die deutsche Währung von den sogenannten Gläubigerstaaten mit leichter Mühe derart unter Druck gesetzt wurde, daß von Stund an eine erfolgreiche Geltendmachung der deutschen Interessen während der Youngverhandlungen nicht mehr zu erhoffen war. Die von gewissen deutschen Politikern so sehr beliebte Demonstration der Schwäche ist dem deutschen Volke in entscheidungsreichster Stunde wieder einmal zum Verhängnis geworden. Die BadenBadener Verhandlungen über die Tributbank haben Deutschland endgültig der Willkür der internationalen Finanz unterworfen. Den großen weltpolitischen Hintergrund dieses neuen Kapitels deutscher Leidensgeschichte bildete die englischamerikanische Verständigung, hinter der die Flamenkämpfe in Belgien, die Revolutionen in Mexiko, in Haiti, Alghanistan, Palästina und China, sowic die Regierungskrisen in Frankreich, Polen, Tschechoslowakien und Litauen(Rücktritt des Diktators Woldemaras) stark zurücktraten. Lediglich der chinesisch==russische Konflikt wegen der Mandschurei=Bahn und die wachsende Unabhängigkeitsbewegung Indiens haben die Aufmerksamkeit der politisch interessierten Welt etwas lebhafter in Anspruch genommen. Unter dem Druck der neuen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Verhältnisse hatte sich schon die konservative Baldwin=Regierung am 27. Januar bereit erklärt, den Nordamerikanern die Gleichberechtigung zur See offiziell zuzugestehen. Aber erst der MacDonaldRegierung, die nach den Unterhaus=Wahlen vom 30. Mai die Macht an sich riß, blieb es vorbehalten, mit der servilen Franzosenpolitik Chamberlains zu brechen und die englisch=amerikanische Verständigungspolitik energisch vorwärtszutreiben. Es traf sich nicht ungünstig, daß am 4. März mit Hoover ein Mann die Präsidentschaft über die Vereinigten Staaten übernommen hatte, der auch seinerseits dem Gedanken der„Pax Anglosaxonia“ durchaus sympathisch gegenüberstand. Die Amerikareise MacDonalds und seine persönliche Fühlungnahme mit Hoover hatte eine Einladung der 5 Seemächte(Amerika, England, Japan, Frankreich, Italien) zu einer allgemeinen sogenannten Seeabrüstungskonferenz zur Folge, die im Januar 1930 in London zusammentreten soll. Daß es sich indessen hierbei weniger um eine tatsächliche Abvüstung als vielmehr um eine stark interessenpolitisch bedingte Rüstungsbeschränkung handelt, haben wir im„Aufwärts“ wiederholt betont. Die Vorverhandlungen zu der Londoner Flottenkonferenz haben denn auch schon— besonders in ihrem französisch=italienischen Teilproblem— im Zeichen sehr peinlicher machtpolitischer Midersprüche gestanden. Mussolini sucht bekanntlich mit aller Entschlossenheit die italienische Nation mit einer Flotte auszustatten, die der französischen Seemacht in jeder Beziehung ebenbürtig ist. Auch seine Unterschrift unter den Lateran=Vertrag vom 11. Februar hatte für ihn ja nur den einen Sinn, den Ginfluß des Papsttums auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer den imperialistischen Interessen des neuen Italien dienstbar zu machen. Daß Frankreich Mussolinis Mittelmeerpolitik mit stärkstem Mißtrauen verfolgt und den Italienern die Flottenparität unter keinen Umständen zusprechen will, ist bei der chauvinistischen Mentalität Frankreichs nicht verwunderlich. Es hat daher in kluger Vorsorge den Jugoslawen Auftrag gegeben, sich eine schlagfertige Adriaflotte(Spitze gegen Italien) zu bauen, während es gleichzeitig seine Vormachtstellung in Europa auch anderweit tatkräftig auszudauen wußte. Es sei erinnert an die Reisen des französischen Generals LeRond zu den Generalstäben der kleinen Entente und Polens; es sei erinnert an die Wahl Le Ronds zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Danziger Werft und an die französisch=potnischen Flottenpläne, die ganz in den Rahmen der geheimen polnischen Denkschrift über die„friedliche" Eroberung Danzige passen. Es sei vor allem erinnert an die sensationelle Enthüllung des delgisch=französischen Geheimdokumentes durch das„Utrechtsch Dagblad“(24. Februar) und an die französischen Ostbefestigungen. sowie an die übrigen sieberhaften Rüstungen unseres westlichen Nachbarstaates. Weder der Tod des Marschall Foch(21. März) noch der Rücktritt Poincarés (27. Juli), noch der Tod Clémenceaus(25. November), noch der überraschende Sturz des Kabinetts Briand am 22. Oktober, dem am 2. November das Kabinett Tandieu mit Briand als Außenminister folgte, haben an der französischen Machtpolitik auf Deutschlands Kosten das geringste geändert. Daß in der stickigen Atmosphäre der französischen Europa=Diktatur natürlich auch das Minverheitenproblem keinen Schritt vorwärts gekommen ist, hat nicht nur die Genfer Minderheitentagung im März, sondern auch die ebenso ergebnislose Madrider Tagung des Völkerbundsrates im Juni augenfällig bewiesen. Leider ist auch der Anschlußgedanke weiterhin von den Alliierten gewaltsam niedergedrückt worden, so daß trotz der Wahl des ehemaligen Wiener Polizeipräsidenten Schober zum Bundeskanzler Oesterreichs und trotz der Wiener Verfassungsreform der chronische Bürgerkrieg in unserem Bruderlande, diesem unmöglichsten aller Versailler Staatengebilde, mit den letztjährigen blutigen Zwischenfällen leider noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann. So bleiben als einzige wirklich erfreuliche Ereignisse des letzten Jahres eigentlich nur die Rekordfahrt des Lloyddampfers„Bremen“, die kühne Weltumseglung des„Graf Zeppelin“ und der prachtvolle Flug des „Do. X“ mit 169 Personen an Bord zu berichten. Diese Glanztaten deutscher Technik und deutschen Wagemutes, bei deren Erwähnung auch ein kurzes Gedenken an den am 5. Februar verstorbenen„Bremen"=Flieger Hünefeld gestattet sei, vermögen indessen von sich aus das deutsche Schicksal, wie die Ueberfremdung unseres Luftwesens beweist, nicht zum Besseren zu wenden, wenn nicht endlich mit der dringend notwendigen Wirtschafts= und Finanzreform tatkräftig Ernst gemacht wird. Ja, darüber hinaus muß eine radikale Umkehr unserer gesamten Geisteshaltung Platz greifen, müssen die seelischen Produktivkräfte des deutschen Volkes eine ganz andere Stellung in Politik und Wirtschaft einnehmen, als dies bisher der Fall ist. Die innere Unruhe ist da! Das ist inmitten aller Nacht und Not ein starker Grund zur Hoffnung. Mögen die innerpolitischen Vorgänge, wie sie insbesondere durch die chvistlich=soziale Aktion in Fluß gekommen sind, das Vertrauen rechtfertigen, das weite Teile des deutschen Volkes auf sie setzen. Es ist höchste Zeit zum Handeln. Hoffen wir, daß eine rechtzeitige innenpolitische Klärung und Gesundung uns vor dem Schlimmsten bewahrt und daß nach dem verflossenen Jahr der Enttäuschungon das Jahr 1930 kein Jahr der Katastrophen werde! H. Die Adriainteressen. Um die Verbindung Spalato—Gdingen. Die französische Kriegsflotte hat der jugoslawischen ihren Besuch angesagt, was im Zeichen hartnäckiger internationaler Debatten über einen Mittelmeerblock immerhin von politischer Bedeutung ist. Jedoch sind die französisch=italienischen Marineinteressen im Mittelmeer zur Zeit allgemein noch von so gegensätzlicher Art, daß der französische Flottenbesuch eher unter der Perspektive feindseliger Demonstrationen beurteilt werden muß. Dafür spricht auch der Umstand, daß sowohl der Bau, wie auch die Projektierung zweier jugoslawischer Advia=HauptEisenbahnlinien rüstig voran geht. Von der Hauptlinie, die Belgrad über aliserbisches Gebiet mit der ehemals montenegrinischen Küste— in unmittelbarer Nachbarschaft Albaniens verlaufend— verbinden wird, ist schon ein Drittel fertig. Weitere Teile werden in den nächsten Wochen und Monaten dem Verkehr übergeben. Des ferneren hat man sich über die Richtung der zweiten Linie, die von Belgrad an die bosnische Küste führen wird, grundsätzlich geeinigt. Nach der Vollendung der Bahnbauten würde Altserbien mit dem Zentrum Belgrad also in direkte Verbindung mit der Adriaküste gelangen, ein Vorzug von größter wirtschaftlicher, aber auch strategischer Bedeutung, hat Jugoslawien doch als Kriegsgründung eine Reihe von Gebieten in sich vereinigt, die verkehrspolitisch nach ganz anderen Zentren, als dem serbischen tendierten. Trotzdem konnte der jugoslawische Seehandel in den letzten vier Jahren um 50 Prozent steigen, was jedoch insofern seine Bedenken hat, als er nur im Küstenverkehr fast ganz von jugoslawischen Schiffen besorgt wird, der Fernverkehr(mit dem Ausland) dagegen von italienischen, griechischen und englischen Schiffen abhängig ist, wobei der französische Tonnagenanteil ebenso wie der anderer Länder nur unbedeutend ist. Hinzu kommt, daß die amerikanische Blaire=Bank, die Kreditgeberin Jugoslawiens für gewisse Teile der serbisch=adriatischen Bahnen, im Frühjahr dieses Jahres mit einem amerikanischen Finanzmagnaten offensichtlich italienischer Herkunft eine Fusion eingegangen ist, die der Belgrader Regierung schwere Bedenken einflößt, weil sämtliche Bloire=Interessen an den neuen Herrn übereignet worden sind. Aus diesem Grunde auch plant die Regierung die Vergebung weiterer Bahnbauten an ein anderes Auslandskapital in Konzession und Ausbeutung zu günstigen Bedingungen, wobei aber strategisch wertvolle Strecken ausgenommen sind. Die ausgedehnte Zulassung fremden Privatkapitals würde jedoch insofern eine grundsätzliche Neueinstellung der Regierung bekunden, als bisher nur Zufuhrbahnen, hauptsächlich Kleinbahnen, an Privatunternehmer in Auftrag gegeben worden sind. Im übrigen empfiehlt die Regierung in ihrem letzten Halbjahrsbericht die weitere Heranziehung von Auslandskapital in die jugoslawische Volkswirtschaft ganz allgemein, und zwar mit der Feststellung, daß bisher gute Erfahrungen gemacht worden seien. Es liegt auf der Hand, daß man dabei vor allem französisches Kapital im Auge hat, italienischem aber die Wege versperren oder erschweren würde. Bei dieser Gelegenheit darf jedoch nicht die große Bedeutung außer Acht gelassen werden, die den jugoslawischen Adriabahnen auch in den franko=slawischen Plänen einer Verbindung Ostsee=Adria über den mitteleuropäischen Kontinent zukommt. Diesen Plänen ist aber nicht nur ein italienisches Interessement an der Adria und in der Ostsee hinderlich, sondern auch ein Anschluß Oesterreichs an Deutschland, der die„Kette slawischer Staaten von der Ostsee bis zur Adria“ recht spürbar unterbrechen würde. Andererseits lagern Italiens Interessen in Mitteleuropa gleichfalls so wenig zugunsten Deutschlands— nicht zuletzt wegen ihrer anlifranzösischen Richtung—. daß der große Wert eines österreichisch=deutschen Zusammenschlusses stets auch dann ins Auge springt, wenn es sich „nur" um einen französischen Flottenbesuch in den jugoslawischen Adriahäfen handelt. Spalato und Gdingen liegen dichter beieinander, als es für gewöhnlich ausfohen mag. :: T s c h i t s c h e r i n v e r a b s c h i e d e t s i c h v o n Der russische Volkskommissar Tschitscherin, der sich seit längerer Zeit aus Gesundheitsrücksichten in Wiesbaden aufhielt, hat sich von der Kurverwaltung verabschiedet. Tschitscherin wird in einigen Tagen endgültig nach Rußland zurückkehren. Zum neuen Jahre! Das deutsche Volk erwartet vom neuen Jahre die völlige Befreiung seiner westlichen Gebiete von fremder Besatzung und fremdem Recht, d..: die Räumung der dritten Zone am Rhein und die Rückgliederung des Saargebietes in das Reich! Etappen auf diesem Wege sind die Haager Schlußkonferenz, die gleich in der ersten Woche des Jahres 1930 beginnt, und die deutsch=französische Saartagung, die in den nächsten Tagen in Paris fortgesetzt werden wird. Mit der Befreiung der westlichen Gebiete ist freilich der Kampf um die Wiederherstellung der deu schen Freiheit noch nicht beendet. Nach wie vor lasten schwere Tributforderungen auf Deutschland, nach wie vor bluten die Grenzen im Osten, nach wie vor steht die deutsche Wehrmacht unter Ausnahmerecht, nach wie vor zeigen die Grenzpfähle an der österreichisch=deutschen Grenze, daß die Stunde des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker noch nicht geschlagen hat. Unter den Auswirkungen der Nöt, die im letzten Jahre nicht gering war— scheint es doch, als sei die Wellenlinie der Konjunktur schon nicht mehr ein Auf und Ab, sondern nur noch die stürkere oder schwächere Krümmung einer im ganzen nach unten gerichteten Kurve—, griff in Deutschland weithin Mutlosigkeit um sich. Diese Mutlosigkeit dürfen wir nicht in das neue Jahr mit hinübernehmen. Wenn wir das Schicksal meistern wollen, bedürfen wir starker Nerven und festen Willens; in der Politik nicht minder als in der Wirtschaft. Der Weg des deutschen Volkes in die Freiheit ist schwierig und voller Hindernisse. Es genügt auch nicht, wenn wir die politische Freiheit zurückgewinnen, vielmehr müssen wir auch wirtschaftlich und finanziell vom Ausland wieder unabhängig werden! Die Hereinnahme ausländischen Geldes, die Verschuldung an das Ausland also und die Beteiligung des Auslandes an deutschen Unternehmungen, war nicht zu umgehen, weil Krieg und Inflation das deutsche Eigenkapital gewaltig geschwächt haben. Notwendig ist es aber auch, durch die Stärkung der deutschen industriellen und landwirtschaftlichen Produktion neue Werte zu schaffen, damit wir auf die weitere spruchnahme des Auslandes verzichten und alte Verpflichtungen lösen können. Im Zusammenhang damit stehen die wirtschaftlichen und finanziellen Fragen gegenwärtig den politischen an Bedeutung nicht nach. Soll deshalb das neue Jahr für das deutsche Volk ein erfolgreiches werden, dann müssen wir unsere Kräfte dafür einsetzen, daß dieses Jahr uns in der Politik und in der Wirtschaft eine Entlastung bringt, ausreichend genug, um neue Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Voraussetzung für den endgültigen Wiederaufstieg ist aber, daß jeder Hand anlegt und daß sich eine geschlossene Front herausbildet. Die Kräfte, die der Parteihader verzehrt, fehlen uns an der Front das Wiederaufbaues. Innere Gegensätze hat es schon immer bei jedem Volke gegeben, nur dürfen diese Gegensätze nicht so groß werden, daß sie das allen Gemeinsame erdrücken und den Zusammenhalt gefährden. Der Weg der deutschen Politik für 1930 ist Volk und Regierung somit klar vorgezeichnet. Selbstvertrauen, Selbstvesinnung und Entschlossenheit sind die Kräfte, die uns dabei üver die Hindernisse hinweghelfen werden. Politische Freiheit mutz uns die Rückgabe des Saargebietes und die Räumung der dritten Zone bringen, wirtschaftliche Freiheit die Ordnung der Finanzen und die systematische Förderung aller Zweige der deutben st es für die Erfüllung dieser Aufgaben nicht zu spät, wenngleich wir nicht mehr viel Zeit verlieren dürfen. Anspornend müssen die Schwierigkeiten wirken, die wir in dem letzten Jahrzehnt überwunden haben, vor allem aber die Tatsache, daß die schweren Erschütterungen, die seit 1914 Jahr fur Juhr durch Deutschland hindurchgingen, uns zwar Verluste und Verwirrung bringen konnten, daß sie aber das Gefüge des Staates und der Wirtschaft nicht zu zertrümmern vermochten. Das lehrt uns, daß Volk und Wirtschaft innerlich gesund sein müssen und es daher nur eine Frage der Zeit und unseres Talents sein Die Persönlichkeit. Von Julius Hadenfeldt. Wir leben in einem sehr materialistischen Zeitalter. Alles wird nach materiellen Dingen bewertet und nach äußerlichen Erfolgen beurteilt. Ja, man kann sagen, der Wert und die Bedeutung eines Menschen an sich und für den Staat oder die Volkswirtschaft wird nach seinem Einkommen, nach seinem Vermögen oder Kapital eingeschätzt oder bemessen. Dennoch weiß jeder denkende Mensch, daß solche Einstufung, solche Klassifizierung salsch ist und das Wesen des Menschen nicht trifft. Aber es ist nun einmal so, wenn die sogenannte„Welt“, die öffentliche Meinung, einen Menschen nach seiner Bedeutung würdigen will, dann spielt heute besonders Geld und Gut die Hauptrolle. Es muß wohl zu allen Zeiten ähnlich gewesen sein. Hat doch der große Dichter das Wort geprägt:„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“— Man fürchtet die Armut, und die damit verbundene Verachtung noch mehr!——— Erfordert es nicht auch hohen Mut, arm zu sein? Anscheinend bleibt es Gold und Geld, was alle Welt sucht. Das hat wohl keiner tiefer erkannt als Goethe, aber er hat es auch erfahren und erlebt, daß Geld und Gut nicht das Glück eines Menschen macht, und daß„der Mensch in seinem dunklen Drange", etwas anderes, Besseres und Schöneres sucht und will, das jenseits von den materiellen Gütern und Genüssen liegt, wenn er nur erst zu sich selber gekommen ist und weiß, was ihm im Grunde fehlt, und worin das so sehr gesuchte Glück besteht; denn das Unendliche im Menschen kann nicht durch Endliches befriedigt werden! Auch Goethe, der in seinem Leben durch die Höhen und Tiefen menschlichen Daseins geführt wurde, hat es in der Welt„voll Pracht und Herrlichkeit“ nicht gefunden. Schreibt er doch in seinem Gartenhäuschen: „Da sind wir erst ganz still zu Haus, von Tür zu Düre sieht es lieblich aus: der Künstler froh die stillen Blicke da wo das Leben sich zum Leden regt, und wie wir auch durch ferne Lande ziehn, da muß es her, da muß es wieder hin; man wende sich, wie auch die Welt entzücke der Enge zu, die uns allein beglücke.“—— Ja, Goethe offenbart uns, daß das höchste Glück der Erdenkinder nur in der Persönlichkeit gefunden werden kann. Da lohnt es sich wohl, einmal nach dem Wesen der Persönlichkeit zu fragen. Was versteht man denn unter einer Persönlichkeit?— Daß unsere heutige Zeit arm an Persönlichkeiten ist, hört man immer wieder, daß zu einer Persönlichkeit etwas mehr als ein„guter Anzug“ gehört, fühlt auch jeder. Weiter wird man auch bald finden, daß eine Persönlichkeit nicht von Rang und Stand, von Reichtum und Pracht, von Ehr’ und Ansehen in der Welt abhängt und bedingt wird, sondern im Gegenteil nicht selten durch solche„Güter, die das Leben vergänglich zieren“, sich selbst verliert und ihr Wesen verspielt. Das Wesen einer Persönlichkeit hat also mit solchem allem nichts gemein und existiert jenseits von solchen Dingen, hat mit den Herrlichkeiten der Welt an sich nichts zu tun und bedeutet dennoch„höchstes Glück der Erdenkinder".— Dann darf man also dieses Glück der Persönlichkeit nicht in vergänglichen sichtbaren Dingen suchen und wähnen; denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber unsichtbar ist, das ist bleibend, dauernd und ewig. Das Wesen einer Persönlichkeit ist somit kein stoffliches, materielles, sondern ein seelisches, geistiges Gut, das den Wechselfällen des irdischen, vergänglichen Lebens nicht unterstellt ist, sondern nimmer vergeht und immer besteht. Wer tiefer blickt, der erkennt, daß im Grunde jeder Mensch früher oder später etwas sucht, das dleibend ist; aber er sucht es zumeist in der Außenwelt und nicht in der Innenwelt, in seiner eigenen Brust, in sich selbst.— Wenn auch die Weisen zu allen Zeiten den Innenweg zeigten, die Wegweiser wurden nicht beachtet oder die Reize der Außenwelt waren zu gewaltig und mächtig. als daß tändelnde Menschenkinder nicht abgelenkt wurden und bunte Schmetterlinge erhaschen wollten. Besonders aber ist es immer der Kampf ums Dasein gewesen der die armen Menschenseelen nicht zur Ruhe und Befinnung kommen ließ. So kommt es, daß der eine den andern zurückhält, den inneren Pfad zu den geistigen und ewigen Gütern zu gehen. Die Kultur hat den Menschen die Zeit, und damit das Beste geraubt; denn in dieser babylonischen Verwirrung kann kaum einer zu sich selbst kommen. Was also den Menschen von heute fehlt, ist im Grunde Zeit; und wer dafür sorgt, daß die Menschen wieder mehr Zeit für sich selbst haben, der gibt ihnen damit auch ein glücklicheres Lebden. Darum ist die heutige Zeit so arm an persönlichem Leben und an Persönlichkeiten, weil der furchtbare Kampf ums Dasein alle Stunden verschluckt: wir sind so verstrickt in äußeren Geschäften und besitzen eine solche Mannigfaltigkeit an Dingen und Sachen, daß unser Herz und unsere Seele leer ausgegangen ist oder von sich selber abgekommen ist. Wer kommt denn noch zu einem inneren Selbstbewußtsein, zur Erkenntnis seiner selbst?— Nur starke Heldennaturen vermögen die Flut der Wirrnisse zu teilen und die Hemmungen und Schwierigkeiten zu überwinden. Für sie ist die Not nur ein Wecker ihrer Spannkräfte und Fähigkeiten. Alles muß solchem Bahnbrecher zum Segen werden, wenn die Vorsehung ihn hat geboren werden lassen: sie sind unabhängig von menschlichen Hindernissen und Feindseligkeiten: sie tauchen auf wie Kometen am Nachthimmel, die ihren Weg gehen.— Sie sind absolut unabhängig von unserem Wollen und Nichtwollen— sie bleiben Geschenke des Himmels und leuchten uns den Pfad.——— kann, wann wir mit den Röten sertig werden, die uns gegenwärtig noch bedrücken. Das Gebot der Stunde lautet daher: Arbeiten und nicht verzweiseln. Mag uns auch das alte Jahr die Erfüllung manches Wunsches schuldig geblieben sein, das soll uns nicht hindern, mit frohen Augen in die Zukunft zu schauen und für das deutsche Vaterland zu wirken. In diesem Sinne ein frohes Neujahr! Die ersten Neujahrsgrüße! Reichsfinanzminister Moldenhauer über unsere Aufgabe im neuen Jahr. — Berlin, 31. Dezember. Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer veröffentlicht in der Nationalliberalen Correspondenz einen Neujahrsgruß in dem es heißt: Vor großen Aufgaben sieht sich jetzt das deutsche Volk im kommenden Jahr gestellt. Das Jahr beginnt sogleich mit der Haager Konferenz, die uns nicht nur die nötige finanzielle Entlastung, sondern auch die politische Entspannung bringen soll. Aber täuschen wir uns nicht: Die Atmosphäre ist nicht günstig für Deutschland! Die Widerstände im Innern und außen wachsen. Es wird äußerster Tatkraft und eiserner Nerven bebürsen, um in dieser Frage zu einem für Deutschland erträglichen Ergebnis zu gelangen. Auch unabhängig von dem Ausgang der Haager Konferenz bleibt die Aufgabe der Sanierung der Finanzen des Deutschen Reichs, aber auch der Länder und Gemeinden, bleibt die große Aufgabe der Finanzreform, die den furchtbaren Steuerdrück namentlich von den Schultern der Wirtschaft nehmen soll. Wenn diese großen Aufgaben gelöst werden sollen, ist es notwendig, daß sich die Verständigen im Lande besinnen, nicht im Kampf aller gegen alle, in der Verteidigung von Parteidoktrinen und im Besserwissen die erste Aufgabe erblicken, sondern sich bewußt werden, daß nur eine starke geschlossene Front dem Ansturm des Auslandes standhalten und die schwierigen Fragen im Innern lösen kann. Es ist gleichgültig, welche Partei und welcher Minister die Fragen löst, es ist nur notwendig, daß sie überhaupt eine verständige Lösung finden, wenn Deutschland bestehen und das Jahr 1930 nicht zu einem Unglücksjahr für uns werden soll. Neujahrsgruß an die Der bayrische Ministerpräsident Held richtete an die besetzte Pfalz einen Neujahrsgruß in dem es u. a. heißt: „Glockengeläut verkündete in mitternächtlicher Stunde des 1. Dezembers der zweiten Zone des Rheinlandes den Anbruch der Freiheit. Aber in den Jubel mischte sich der leidvolle Gedanke, daß noch immer deutsches Land, deutsches Volk unter fremdem Recht und Gericht seufzt, daß vor allem unsere opferreiche treue Pfelz noch immer von fremder Truppenmacht besetzt und beherrscht ist, daß noch immer dort auf deutschem Boden fremde Soldaten waffenstarrend marschteren und Kriegsspiele spielen. Solange dieser Zustand fortdauert, haben alle schönen Reden über Beriedung der Völker einen falschen Ton, find für uns nhaltlose Worte und leere Gesten. Wenn ich darum heute zugleich im Namen der bayrischen Staatsregierung für unsere treue Pfalz zum Jahreswechset einen Wunsch aussprechen darf, so kann es nur der sein, der uns allen heiß aus dem Herzen flammt: Möge das Jahr 1930 endlich auch die treue Pfalz von fremder Macht und Besetzung befreien und das Pfälzer Volk wieder zu einem freien Volk auf freier Scholle machen! Mögen feierlich gegebene Versprechen durch die Tat ihre Vollendung erhalten! Tann werden die Pfälzer dem dentschen Votte laut und froh bekennen: wir haben die Feuerprobe bestanden und kehren leuchtenden Auges glückvolt und stolz in den weiten Kreis unserer freien Volksgenossen zurück!“ Vorbereitungen im Haag. Die Unterbeingung der Abordnungen.— Der Sitzungssaal der Konferenz. — Haag, 31. Dezember. Die Vorbereitungen für die Haager Schlußkonferenz sind nahezu beendet. Die Hotels haben in den letzten Tagen soviel Telegramme erhalten, daß sie ihre Räume mehrfach hätten vermieten können. Am stärksten war die Nachfrage bei den um den Binnenhof gelegenen Hotels; Scherzeningen am Nordseestrande, der beliebteste Aufenthaltsort vom August, hat diesmal fast gar keine Anmeldungen zu verzeichnen. Die Unterbringung der Abordnungen, für die die Gesandtschaften sorgten, ist nicht ganz einfach gewesen; die meisten mußten geteilt und in verschiedenen Hotels untergebracht werden. Die französische Abordnung hat ihren Hauptsitz wieder im„Hotel des Indes“ aufgeschlagen, wo ungefähr 35 Personen wohnen werden. Hier sind die Räume für die Minister und ebenso wie im Sommer der Empfangssalon für Briand reserviert. In demselben Hotel wird die rumänische Abordnung mit neun bis zehn Personen abKern der Abordnung wird im„Central=Hotel" wohnen, ungefähr 30 Personen dagegen in dem zwei Minuten weiter gelegenen„Viktoria=Hotel“. Im Central=Hotel haben auch die Engländer und die Tschechen ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Ueber die Anzahl der Teilnehmer und besonders der Journalisten ist noch keine Uebersicht möglich. Man erwartet, daß die Presse nicht so zahlreich vertreten sein wird wie im Sommer. Ob dies an der Gesamtzahl aklerdings etwas ändern wird, ist fraglich; denn man darf nicht vergessen, daß im Haag diesmal auch die Interessen vieler kleiner Staaten zur Sprache kommen sollen, wie z. B. Deutsch=Oesterreichs, Bulgariens und Ungarns, die sicher auch mehrere Pressevertreter entsenden werden. Während für die Presse wieder der Rittersaal eingeräumt wurde, ist für die Arbeiten der Konferenz nicht wieder der Flügel der ersten Kammer gewählt worden. Die Sitzungen werden in dem gegenüberliegenden Zlügel, wo sonst die zweite Kammer des nieverländischen Parlaments tagt, stattfinden. In der Mitte zwischen den Abgeordnetenbänken ist der große ovale Konferenztisch aufgestellt worden. Neben den Abgeordneten, die an dem Tisch Platz nehmen werden, können noch 100 bis 150 Personen in dem Saal Platz finden. Die Pressetribünen sind sehr enge— 25 Personen zu beiden Seiten des Saales— doch wird es vielleicht möglich sein, einem Teil der Presse an den äußersten Enden des Saales und in der sonst für die Minister reservierten Galerie Plätze anzuweisen. Das ist aber nur für die Eröffnungssitzung von Wichtigkeit, denn es ist sicher anzunehmen, daß die übrigen Arbeiten der Konferenz ebenso wie im August unter Ausschluß der Oeffentlichkeit und der Presse stattfinden werden. Die Abreise der deutschen Delegation. — Berlin, 31. Dezember. Die deutsche Abordnung für die Haager Konferenz wird am Donnerstag den 2. Januar abends von Berlin abreisen und Freitag vormittag gegen 11 Uhr im Haag eintreffen. Wie bei der ersten Haager Konferenz werden alsbald nach der Ankunft der deutschen Abordnung die Vorbesprechungen über den technischen Verlauf der Konferenz stattfinden, worauf dann am Nachmittag um 5 Uhr im Binnenhof die Eröffnungssitzung stattfindet. neue Kabinett Bartel. Vom Staatspräsidenten bestätigt.— Bier neue Minister. Der polnische Staats Err präsident hat ein neues Kabinett Bartel ernannt. Gegenuver der vorigen von Svitalski geführten Regierung weist das neue Kabinett keine wesentlichen Aenderungen auf. Von 14 Ministern bleiben 9— darunter Pilsudski als Kriegsminister und Zaleski als Außenminister— auf ihren Posten. Immerhin werden außer dem Ministerpräsidium noch vier wichtige Ministerien neu besetzt. Vor allem wurde der bisherige Innenminister, General Skladkolski, durch den bisherigen Wojwoden von Wolhynien, Jozewski, ersetzt, einen alten Mitarbeiter Bartels der auch schon einer ukrainischen Regierung als polnischer Minderheitsminister angehört hat. Im ganzen stellt sich die neue Regierung Bartel als das Ergebnis eines Kompromisses innerhalb des Pilsudsti=Lagers dar, dessen rechter Flügel aber ausgeschaltet wird. Ob die Neubesetzung des Innenministeriums ins Gewicht fallende Rückwirkungen für die Minderheiten in Polen haben wird, bleibt abzuwarten. Hissung der indischen Auf dem Nationatkongreß in Lahore.— Unter Hochrufen auf die Revolution. — London, 31. Dezember. Der indische Nationalkongreß in Lahore begann am Sonntag mit der als Symbol gedachten Hissung der indischen Nationalflagge. Die etwa 30 000 Inder, die sich zu dem Eröffnungskongreß eingefunden hatten, brachen bei der Entfaltung der Flagge in Hochrufe auf die Revolution aus und durchbrachen die Absperrungsketten. In dem Gedränge kam es zu zahlreichen kleineren Unglücksfällen. Der Präsident des Kongresses, Nehru, hielt eine Ansprache, in der er ausführte, Indien wünsche der Ausbeutung seiner Armen ein Ende zu machen, es wolle selbst die Macht ausüben und sich nicht mit äußeren Machtabzeichen begnügen. Vöklige nationale Unabhängigkeit, sofortiger Boykott aller gesetzgebenden Einrichtungen und die Schaffung einer Massenbewegung für die Steuerverweigerung bezeichnete er als die dringendsten Aufgaben. Die Inder könnten keinerlei Verantwortung für Schulden übernehmen, die England ihnen auferlegt habe, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, deren Ertrag zum Nutzen Indiens verwandt worden sei. Der keitende Ausschuß des Kongresses hat sich mit 138 gegen 89 Stimmen für die ihm vorgelegte Entschließung ausgesprochen, die die vollständige Unabhängigkeit Indiens fordert und die Teilnahme an den Beratungen in London ablehnt. In England glaubt man aber, daß der indische Nationalkongreß damit tediglich das Gesicht wahren will, praktische Maßnahmen gegen die britische Verwaltung aber unterlassen wird. fährlicher Scherzartikel einer Bestrafung wegen fahrlässiger Körperverletzung und groben Unfugs aus:: P r o t e s t t e l e g r a m m g e g e n d a s L i q u i d a t i o n s a b k o m men. Der Reichsverband des deutschen Groß= und Ueberseehandels hat in der Frage der Freigabe des deutschen Eigentums in England an den Reichsaußenminister ein Telegramm gerichtet, in dem er darum ersucht, England nochmals ernstlich vor Augen zu führen, daß durch sein Vorgehen dauernde vertrauensvolle Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht eintreten können. Neue Erwerbslosenausschreitungen in Köln. — Köln, 30. Dezember. Am Montag zwischen 18 und 21,30 Uhr versuchten Gruppen von Erwerbslosen trotz des zur Zeit bestehenden Umzugsverbotes, geschlossene Umzüge im Stadtinnern zu veranstalten. In der kommunistischen Zeitung„Sozialistische Republik", in Flugblättern und in Versammlungen waren die Erwerbslosen von kommunistischer Seite offen dazu aufgefordert worden, sich am 30. Dezember nicht an das erlassene Umzugsverbot zu halten. Die Polizei konnte die Kundgeber vom Rathaus in die Nebenstraßen abdrängen. Einige Personen wurden dabei leicht verletzt. Insgesamt wurden etwa 50 Personen festgenommen, die sich wegen Landfriedensbruches zu verantworten haben. Die Ruhe ist wieder hergestellt worden. räumt die Am 10. Jannar Wiederaufnahme des Verkehrs auf der Ostchinesischen Bahn. In Ausführung des russisch=chinesischen Friedensprotokolls von Ehabarowsk hat das Kommando der Koten Armee in Ostasien den Befehl zum Abzug der Truppen erlassen. Die Truppenteile der Transbaikal=Gruppe haben die Stellungen geräumt, die sie in den Kämpfen gegen die chinesischen Truppen besetzt hielten. Einer Londoner Meldung zufolge wird der traussibirische Verkehr zwischen China und Europa am 10. Januar wieder ausgenommen werden. Die Nachricht beruht auf Mitteilungen russischer Beamten der Ostbahn. Der erste Zug soll die chinesischen Bevollmächtigten zur Moskauer Konferenz, die am 25. Januar beginnt, befördern. Politische Rundschau. — Berlin, den 31. Dezember 1929. — Die Reichsregierung hat sich zur Entsendung eines Vertreters für die Vorkonferenz über den Zollfrieden bereit ertüürt. 2: Preußische Warnung vor der Verwendung von Feuerwertezigarren. Häufig werden am Jahreswechsel und in der Hastnachtsgeit logenouytz, gracht, Wie ung ren und=Zigaretten in den Handet geeracht. dazu aus dem preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt geschrieben wird, sind diese Scherzartikel keineswegs harmlos. Verletzungen der Augen, Verbrennungen des Gesichts oder der Hände, auch Sachschaden wurden schon mehrfach durch solche Scherzartikel verursacht. Das Publikum wird darauf aufmerksam gemacht, daß es sich durch Verkauf, Kauf und Verwendung geRundschau im Auslande. 3 Der Präsident des Nationalrates Deutsch=Oesterreichs, Dr. Alfred Gürtler, ist an einer Gelenkentzündung erkrankt und mußte ein Sanatorium aufsuchen. : Das Gemischte Gericht in Schanghai ist auf Grund eines Sonderabkommens zwischen den Großmächten und der chinesischen Regierung von den chinesischen Behörden übernommen worden. * Schwere Tumulte auf Samoa. * In Apia auf Samoa kam es bei einem Umzug zu schweren Tumulten, die als die schlimmsten bezeichnet werden, die seit der Uebernahme des Mandats durch die neuseeländische Regierung vorgekommen sind. Den Anlaß gab ein Versuch der Polizei, mehrere Teilnehmer der Demonstration, die polizeilich gesucht wurden, aus dem Zug heraus zu verhaften. Ein weißer Polizist wurde zu Tode geprügelt, sechs Samoaner getötet, zwei Polizisten und etwa 30 Eingeborene verwundet. Das türkische Vorbild. Boykott ausländischer Waren in der Türkei. — London, 30. Dezember. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat die türkische Regierung eine Boykottbewegung gegen den Kauf ausländischer Waren, die durch einheimische ersetzt werden können, eingeleitet. Die Bevölkerung wird aufgefordert, selbst für den Fall, daß die eigenen Landeserzeugnisse teurer sind, diese zu kaufen. Vorgänge auf der„Emden“ Eine Richtigstellung des Reichswehrministeriums. Das Reichswehrministerium veröffentlicht eine Erklärung zu den kommunistischen Behauptungen von einer angeblichen Meuterei auf dem Kreuzer„Emden“. Darin hißt es, von einer vorzeitigen Rückkehr der „Emden“ von seiner Weltreise könne keine Rede sein, die„Emden“ sei vielmehr zu dem festgesetzten Termin nach Deutschland heimgekehrt. Was die„Meuterei“ betreffe, hätten sich am 13. Oktober einige dienstfreie Matrosen zusammengesetzt und beträchtlich dem Alkohol zugesprochen. In betrunkenem Zustande hätten sie dann die Internationale gesungen. Einer der Matrosen habe daraufhin ein rotes Taschenluch hervorgeholt und es an einer Stelle, die nicht zum Hissen von Flaggen bestimmt sei, mit einer Leine in die Höhe gezogen. Das Kriegsgericht, das in öffentlicher Sitzung getagt habe, habe festgestellt, daß es sich nicht um eine Meuterei gehandelt habe, sondern lediglich um Ausschreitungen in der Trunkenheit. Wegen Ungehorsams gegen den Reichswehrminister, der das Singen parteipolitischer Lieder verboten habe, und wegen Verstoßes gegen allgemeine Vorschriften seien zwei der Angeklagten alsdann zu fünf Wochen Arrest verurteilt worden, der dritte Angeklagte sei freigesprochen worden. Wilhelm Maybach F. Im Akter von 84 Jahren ist Oberbaurat Dr. Jug. e. h. Wichelm Maybach gestorden. Maybach hat zusammen mit Daimler die Erundlage zur Entwicklung des Kraftfahr= und Flugwesens gelegt. Geboren am 9. Februar 1846 in Hei bronn, wurde Maybach im Bruderhaus in Reutlingen erzogen, wo damals Gottlieb Daimker Vorstand der Maschinenfabrik war. Als dieser 1872 die Leitung der Gasmotorenfabrik Deutz übernahm, nahm er Maybach als Chef des Konstruktionsbüros mit sich. Damit war der Beginn für die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Männer gelegt.„„6 Nachdem Daimker nach Cannstalt abergesiedelt war, gelang Maybach die Erfindung der Glührohrzündung, die zusammen mit dem schon in Deutz hergestellten Vergaser einen weiteren Fortschritt bedeutete, dem sich die von Daimler erfundene Kurvensteuerung, sowie der Zwei= und Vierzylindermotor anschlossen. Die größte Erfindung Maybachs war 1890 ein Spritzdüsenvergafer. Später übernahm Maybach die technische Direktion der Taimlermotorenwerke=Gesellschaft, die insbesondere mit dem von ihm konstruierten Mercedeswagen im In= und Auslande große Erfolge erzielte. Nach dem Tode Daimlers übernahm Maybach 1900 die Leitung der Maybach=Werke 1907 trat er in den Ruhestand, betätigte sich aber schon im folgenden Jahre aufs neue mit dem Bau von Flugzeugmotoren für den Grafen Zeppelin. Im Jahre 1909 wurde die Maybach=Motorengesellschaft in Friedrichshasen gegründet, die unter der späteren Führung seines Sohnes Kart die vorzüglichen Maybach=Motoren für dir Zeppekinluftschiffe herstellte. Die Lehrer zur Ferienfrage. Vorstandstagung des Preußischen Lehrervereins. Der Gesamtvorstand des Preußischen Lehrervereins tagte in Magdeburg und beschäftigte sich mit der gegenwärtigen Lage der Lehrerbildung. In einer Entschließung wurde bedauert, daß der Hochschulcharakter der pädagogischen Akademien immer mehr in Frage gestellt werde. Gegen die Errichtung neuer, nach Weltanschauungen getrennter Akademien wurde Einspruch erhoben. Eingehende Vorschläge wurden zur Regelung der Ferienfrage gemacht: Der 1. April wird für die Festlegung des Schuljahrbeginnes als der geeignetste Tag gehalten. Von ihm ab soll der Beginn des Schuljahres rechnen, und zwar auch dann, wenn wegen der Lage des Osterfestes der 1. April schulfrei sein müßte. Ueber die Lage der Osterferien ist beschlossen, daß sie vor Beginn des Schuljahres liegen müssen, etwa vom 15.—31. März. Im ersten Schulvierteljahr trete, so wünschen die Lehrer, durch Pfingsten eine Unterbrechung ein. Als Pfingstferien gelten die Tage vom Sonnabend vor bis Sonnabend nach dem Fest. Zwischen dem ersten und zweiten Schulvierteljahr sollen die Sommerferien liegen. Ihre Dauer soll höchstens sechs Wochen betragen. Im dritten Schulvierteljahr nach dem 1. Oktober möchten die Herbstferien von anderthalb bis zwei Wochen gelegt werden. Die Weihnachtsferien haben ebenfalls in der Regel zwei Wochen. Sie beginnen kurz vor dem Fest und enden etwa acht Tage nach Neujahr. Grundsätzlich soll gelten, daß die Ferien für alle Schulen, Volks=, Mittel= und höhere Schulen, gleich sind. Mit Ausnahme der Sommer= und Herbstferten müßten die Ferien zeitlich gleich in ganz Preußen liegen. Die Schulzeit zwischen zwei Ferienpausen betrage höchstens 11 Wochen. Eine Verlängerung der Gesamtdauer der Ferien(gegenwärtig 85 Tage) ist zu vermeiden. Orkan im Westen. Kirchenneubaueinsturz in Dortmund. Ueber ganz Westdeutschland, über Holland, Belgien, Frankreich und England sind schwere Stürme gebraust, die sehr ernste Schäden angerichtet haben. Dortmund stürzte gegen Mittag die im Bau begriffene Kirche der Petri=Nikolai=Gemeinde infolge des Sturmes ein. .. Der Kirchenneubau, der aus Eisenbeton ausgefuhrt wird, war bereits bis zur Höhe von 30 Metern gediehen. Man hatte gerade damit begonnen, die Holzverschalungen der seitlichen Tragpfeiler und die Dekkenverstrebungen mit Beton auszugießen. Der Rohbau des Kirchenschiffes mitsamt dem Chor ist wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und bildet einen wüsten Trümmerhaufen. Nur die Rohkonstruktion der Taufkapelle und der Sakristei blieben unversehrt. Der Schaden wird auf 50000 bis 60000 Mark geschättz. Menschenleben sind nicht zu beklagen. gesturzt und machen jeden Verrehr unmöglich. was schwere Steinkreuz auf der Kirche St. Henri in Brüssel ist herabgestürzt. Eines der Türmchen der Kirche in Gosselies bei Charleroi wurde vom Sturm glatt abgerissen. In Mouscron wurde ein Arbeiter von einem Klavier erdrückt, das er auf einen Rollwagen geladen hatte, den der Sturm umstürzte. Ueberallher wird gemeldet, daß Personen durch herabstürzende Schornsteine und Dachziegel verletzt wurden. Verwüstungen in Frankreich. In der Gegend von Lille wurde der Zugverkehr den herrschenden Sturm stark behindert. In Lille selbst hat das Unwetter zwei Menschenleben gefordert. Drei Personen, die sich zur Messe begeben wollten, wurden von einem umstürzenden 15 Meter hohen Baum so unglücklich getroffen, daß zwei Personen sofort tot waren, während die dritte mit schweren Verletzungen in das Krankenhaus eingeliefert wurde. In Anvin=Calais wurde durch den Sturm ein Eisenbahnwagen umgestürzt, wobei vier Reisende verletzt wurden. Das Dach des Wagens wurde 40 Meter weit fortgetragen. In Saint Dmer stürzte kurz vor Beginn der Hauptmesse der Glockenturm der Kirche zusammen. Aus Lorient wird gemeldet, daß der englische Segler„Pouzee“ mit 12 Mann an Bord mit zertrümmerten Masten auf dem Meere treibe und dringende Notrufe ausgesandt habe. Felssturz auf der Insel Helgoland. — Hamburg, 31. Dezbr. Am Sonntagabend stürzten an der Südseite der Insel Helgoland oberhalb des Badehauses große Felsmassen ab. Dabei wurde das Wasserbehälterhaus des Reichsfiskus und zwei Schuppen vollständig zerstört. Folgenschwerer Hauseinsturz in England. Infolge des Sturmes stürzte in Manchester ein Haus ein, wobei zwei Personen getötet und vier Personen leicht verletzt wurden. Der Sturm hat ein ganzes iusbeignßeren nit großer Wucht auf das Haus, starten##: die Vorderfront, zurückfiel. Durch die sturten Regengüsse ist die Themse erneut stark im Steigen begriffen. Der Schiffsverkehr im Kanal weist große Verspätungen auf. Der Flugverkehr nach Paris mußte eingestellt werden. Der Sturm über Belgien. allen Teilen des Landes werden schwere den. IIm Maide zum größten Teile abgedeckt worvon Soignes bei Brüssel hat der Sturm zahlreiche alte Bäume entwurzelt. An vielen Steiten sind die Telegraphenstangen auf die Gleise In der Wüste abgestürzt. Die französischen Indienflieger tot aufgefunden. In der Libyschen Wüste entdeckte ein italienisches Kundschafterflugzeug die Ueberreste des französischen Flugzeuges, das einen Postflug von Frankreich über Tunis nach Indochina unternehmen wollte. Da die ausgesandte Autoexpedition infolge Geländeschwierigkeiten nicht bis an die Unfallstelle gelangen konnte, wurde ein italienisches Flugzeug ausgesandt, das jedoch eine Notlandung vornehmen mußte, wobei es zertrümmert wurde. Die zu Fuß nach Setthe zurückgekehrten italienischen Flieger berichteten, sie hätten bei den Ueberresten des Apparates die Leichen der drei französischen Flieger vorgesunden. Die Postsäcke wurden in Sicherheit gebracht, und eine Abteilung Soldaten wurde zur Bergung der Leichen ausgeschickt. *— Die Weltraumrakete steigt nicht. — Berlin, 31. Dezember. Die„Deutsche Tageszeitung“ meldet aus dem Ostseebade Horst:„Die Weltraumrakete Professor Oberths, die bekanntlich vom Ostseebade Horst aus den Flug in den Aether antreten sollte, steigt nicht. Professor Oberth hat kurz vor Weihnachten einen Nervenzusammenbruch erlitten, der ihn zwang, alle Arbeit einzustellen und in seine Heimat Siebenbürgen abzureisen, wo er auch vorläufig zu bleiben gedenkt.“ Mutterhaus sucht Verschiedenes. Eine Weihnachtsfeier des Gasthausgewerbes. Das Gasthausgewerbe von Groß=Berlin begeht alljährlich im Berliner Dom eine Christmette. Diesmal hatten sich 19 Berufsverbände der Arbeitgeber und Angestellten vereinigt zur Einladung. Wohl an 2000 Angehörige des Gewerbes hatten sich zur mitternächtlichen Stunde dazu eingefunden. Das nächtliche Glockengeläute weckte schon in den meisten eine gewisse Stimmung. Die Kirche war angenehm geheizt und durch zwei große Weihnachtsbäume geschmückt. Herr Pfarrer Dr. Antonowitz=Lichterfelde hielt die Liturgie und Hauptansprache über Lukas 1, 35. Der gemischte Chor der Evangelischen Gemeinschaft der Erlöserkirche sang seine Lieder aus gläubigen Herzen und so wirkten sie auch. Einige Solos gab Herr Dr. Marc André Souchay. Die gewaltige Domorgel erfüllte den großen Raum des Gotteshauses und packte die Herzen der Zuhörer. Auch die alten trauten Weihnachtslieder erweckten Gedanken aus der Jugendzeit. In dem ewigen Hasten der Großstadt und der Unruhe unseres Gewerbes ist so ein nächtlicher Gottesdienst geradezu ein Erlebnis. Die Reichsarbeitsgemeinschaft für alkoholfreie Jugenderziehung hat ihren zweiten Tätigkeitsbericht herausgegeben. Er enthält eine Uebersicht über die einzelnen Organisationen, ein Verzeichnis der Wanderlehrer Deutschlands und eines der Fachberatungsstellen und der Arbeitsgemeinschaft für alkoholfreie Jugenderziehung. Die Zahl der Verbände, die sich zu gemeinsamen Unternehmungen auf dem Gebiet der Alkoholfreien Jugenderziehung zusammengeschlossen haben, war bis zum 1. Oktober 1929 auf 132 angewachsen. Zu der Arbeitsgemeinschaft gehören: 36 Reichsverbände, darunter 23 abstinente, 4 Zusammenschlüsse von Mkoholgegnern, die nicht streng den Abstinenzstandpunkt vertreten, und 10 große Wohlfahrts= und Frauenverbände, die die Alkoholbekämpfung lediglich neben ihren übrigen Aufgaben betreiben. Weitere 96 Verbände von Erziehern, Kreisen der Wohlfahrtspflege und der Jugend haben sich der Reichsarbeitsgemeinschaft angeschlossen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft hat eine Sammlung der Clubblätter der verschiedenen Verlage zusammengestellt, die den Schutz der Jugend vor den Alkoholgefahren bezwecken. Ebenso ist ein Verzeichnis der brauchbaren Anschauungsmittel und eines der Verlage für alkoholgegnerische Literatur vorhanden. Die deutsche Reichshauptstelle gegen den Alkoholismus besitzt auch eine eigene Wanderausstellung. Volksdienst Prov. Sachsen und Ein neuer Landesverband des Christlichen Volks. dienstes ist für die Provinz Sachsen und Anhalt im Aufbau begriffen. Den geschäftsführenden Vorstand bilden: Pfarrer Mosel in Rohrberg(Altmark), Buchhändler vom Baur in Erfurt und Kreissparkassendirektor Wahn in Herzberg a. Elster. Die Geschäftsstelle befindet sich bis auf weiteres bei Pfarrer Mosel, Rohrberg(Kreis Salzwedel). Alle Freunde und Interessenten des Christl. Volksdienstee im Gebiet des neuen Landesverbandes werden um Einsendung ihrer Anschrift herzlich gebeten. Volkstrauertag 1930. Auch im Jahre 1930 soll der 5. Sonntag vor Ostern, der den Namen Reminiscere(Gedenke) trägt, als Volkstrauertag würdig ausgestaltet werden. Der Sonntag Reminiscere fällt auf den 16. März. Aehnlich wie in den vergangenen Jahren sind Gedächtnis=Gottesdienste und =Feiern geplant, die von den Kirchengemeinden, Krieger=) verbänden und dem Volksbund„Deutsche Kriegsgräber= fürsorge“ gemeinsam veranstaltet werden. 2 feingeb., bewußt a. d. Grunde d. Evang'sdrbeit., .d. Mutterh. eintr. Beding: Erl Wirtsch. Führung; befähigt gütg: zeitgem. Tascheng. Oberin durch die Geschäft: liefert Ihnen gute MÖBEL Ausstellung u. Werkstätten BIELEFEID, DOppelstr. 17-19 und DekoFür ruhigen Schlaf und pünktliches Erwachen sorgt eine gute WECKUHR von H. Breder, Bielefeld Gütersloherstr. 14 7 Fernspr. 1012 Bethel. — 70. Geburtstag. Heute, am 31. Dezember, kann Herr A. Leinung, Friedhofsweg, seinen 70. Geburtstag feiern. Herr Leinung ist uns Bethelern eine gut bekannte Persönlichkeit. Ueber 20 Jahre war er als Geschäftsführer im Fuhrgeschäft tätig. Darüber hinaus galt sein Interesse allem, was dem Volkswohl diente. Er stellte seine Kraft, soweit es ihm möglich war, in den Kampf gegen den Alkohol u. im politischen Leben gerne in den Dienst der Richtungen, die am ernstesten alle sittlichen Schäden bekämpften und die für die Wirtschaft die gesundesten Methoden und Formen erstrebten. Wir wünschen Herrn Leinung Gottes Segen für den heutigen Tag und für die Zukunft noch viel Frische und Mut zur weiteren Arbeit. — Geldtasche mit Inhalt gefunden. Abzuholen im Dankort. Hoshassr Phoissraphen decken ihren Bedarf in der Gesucht zu möglichst bald christl. geb. arbeitsfreudiges ig. Mädchen, gesund und kinderlieb als bei vollem Familienanschluß. Frau Bürgermeister Kuhlo, Jevern, Kr. Lübbecke i. Westf. k Kesieser Jackenkleider Obernstr. 12„ Stellengesuche u. Angebote haben im„Auswärts“ großen Erfolg. WDie bein ranlertr“ SechdechntehAims brsseen uu brorlte Ladenpreis: RM.20 für eine große Tube. Anzufordern in allen einschlägigen Geschäften. Falls noch nicht erhältlich, vom Hersteller zu beziehen gegen Vorauszahlung von RM.20 oder gegen Nachnahme zuzüglich 20 Pig. Nachnahmegebühren. Völlige Unschädlichkeit gewährleistet der Hersteller Karl Ludwig Löling, Werdohl in Westfalen. Postfach 81 Postscheckkonto Köln 89704 Schriftleitung: W. Kraa, Wirtschafts= und Weltpolitik: Dr. Huttel, Anzeigen: K. Diekmann, alle in Bethel. Zuschriften für die Schriftleitung: Bielefeld. Schließfach 28. Für Geldsendungen Postscheckkonto: Hannover 67377,„Aufwärts“, Christliches Tageblatt, Bethel b. Bielefeld. Fernruf 3911/3916, Amt Bielefeld. Druck und Verlag: Anstalt Bethel. Nr. 1. Neujahrsbetr Ein Jahr nei voller Not und E lastet die Erinne Gemütern; schwe das neue Jahr n Der Bruchtei Jahr von dem ar bare und doch so sorglos. Wir ar Jahren gelernt, fragen:— Was kommen?— Un dü erer, unheild stand auf diese In unseren H meisten sogar ur nung auf bessere wir, lebt unsere Was gibt uns de Hoffens zu glaut zur leuchtenden standes ihn zu er der Freudentaun Freude, die aus Jeder von uns Jahr, schiebe die erscheinen lassen, Freuden, die es g zu Werke gehen, viel reine Freude durften. Und all nahmen, stärkten halfen uns ganz Wir staunen fröhlich zu mache ins hohe Alter hi Zuruf eines liebe fröhliche Lachen ein klarer Somm des genügen, unse versetzen. Ohne schwere Lebenslas Darum woller dankbar annehm halten. Wie wir Schmerzen täglick um ihn widerstan unsere Seele, die nicht verschmachter Wie dem Kinde? muß, so muß es a schen, aus dem Genuß zu machen Ihr Eltern! Al Kindern hinterlast je— keinen feste gängliche Güter fi Wirtschaftlich jetzt und Riesengroß ist Gegenwart infolg steigerung und sch Fleiß und Umsicht Arbeitgebern und werkern bricht ein sammen, verarmt Arbeitslosen. Diese lichkeit, erschüttert rücksichtslosen Kar Kundgebung der und=bettag, und sie haben auch die Kri nicht zu reden von dessen verheerende heute, nach drei I sammenstellung der land damals an W hat. Diesen Mang uns in seinen„Bilk die Folgen jenes K für Westfalen, das wo nur in einzelnei übel gehaust hatte, sehr zu spüren. Auc altem Wohlstand fühlte man die Mür sagen, das Sinken d Ankun, Priege, wo unsung des Kriege mögen über Nacht Kriegsgewinnler,„ gutes Geld aufkau setzten, welche so le wegblasen konnte un Daher fank der We ins Ungeheure. Gentapo=TerTcchwdecg Mittwoch, den 1. Januar 1930. 12. Jahrgang. Freude. Neujahrsbetrachtung von Helene Franz, Beerberg. Ein Jahr neigt sich zu Ende. Für viele, viele ein Jahr voller Not und Sorgen, voller Angst und Kummer. Schwer lastet die Erinnerung an all das überstandene Leid auf den Gemütern; schwerer noch drückt die Angst vor dem, was das neue Jahr wohl bringen mag, uns alle nieder. Der Bruchteil einer Sekunde nur trennt das eine Jahr von dem andern. Manche überschreiten diese unsichtbare und doch so bedeutungsvolle Schwelle gedankenlos— sorglos. Wir andern haben in den letzten schlimmen Jahren gelernt, bei jedem Zeitabschnitt von neuem zu fragen:— Was soll nun werden?— Was soll noch kommen?— Und die Antwort klingt mit jedem Jahre dü erer, unheildrohender. Die Antwort, die unser Verstand auf diese Fragen gibt. In unseren Herzen aber, oft in der tiefsten Tiefe, den meisten sogar unbewußt, lebt die Hoffnung! Die Hoffnung auf bessere Zeiten; und von dieser Hoffnung leben wir, lebt unsere Seele. Was hält diese Hoffnung wach? Was gibt uns den Mut, so fest an eine Erfüllung dieses Hoffens zu glauben? Was facht den Hoffnungsschimmer zur leuchtenden Flamme an, wenn der Spott des Verstandes ihn zu ersticken droht?— Die Freude!— Nicht der Freudentaumel der lauten Welt, sondern die stille Freude, die aus bewegtem Herzen kommt. Jeder von uns überschaue noch einmal das vergangene Jahr, schiebe die schwarzen Sorgenberge, die es traurig erscheinen lassen, beiseite und forsche nach den kleinen Freuden, die es geboten hat. Je gewissenhafter wir dabei zu Werke gehen, desto erstaunter werden wir sein, wieviel reine Freude wir in diesem schweren Jahre erleben durften. Und all diese Freuden, die wir so achtlos hinnahmen, stärkten unser Herz, stärkten unseren Mut und halfen uns ganz unbemerkt, das Schwere zu ertragen. Wir staunen oft, wie wenig dazu gehört, ein Kind fröhlich zu machen, und wissen nicht, daß unser Herz bis ins hohe Alter hinein ebenso genügsam bleibt. Der frohe Zuruf eines lieben Menschen, ein mitleidiger Blick, das fröhliche Lachen eines Kindes, die hellen Vogelstimmen, ein klarer Sommermorgen, der Gruß eines fernen Freundes genügen, unser Herz in hoffnungsfrohe Stimmung zu versetzen. Ohne diese innere Erhebung würde uns die schwere Lebenslast erdrücken. Darum wollen wir die kleinen Freuden nicht nur dankbar annehmen, sondern eifrig danach Ausschau halten. Wie wir unserem Leibe trotz Kummer und Schmerzen täglich die erforderliche Nahrung zuführen, um ihn widerstandsfähig zu erhalten, so dürfen wir auch unsere Seele, die oft mehr leiden muß als der Körper, nicht verschmachten lassen. Aber auch dazu gehört Uebung. Wie dem Kinde das Essen und Trinken gezeigt werden muß, so muß es auch lernen, aus dem Umgang mit Menschen, aus dem Beobachten der Natur einen seelischen Genuß zu machen. Ihr Eltern! Alles, was ihr an irdischen Gütern euren Kindern hinterlassen könntet, hat— heute mehr denn je— keinen festen Bestand. Darum gebt ihnen unvergängliche Güter fürs Leben mit, die ihnen über schwere Großer Gott, in heilgem Jorn gib mich nimmer ganz verlorn. Jesus Christus, Gottes Sohn, bring mich zu des Vaters Chron, Zeilger Geist, voll Gnaden du, gib mir Trost zu Cat und Ruh, bis ich in dem Zimmelreich werd den Engeln Gottes gleich, Furcht und Zweifels ledig sei, sündenrein und erdenfrei, vor Gott wirke, denk und dichte und des Zerrn Gebot verrichte! Das ist Jahresend mein Flehn. Amen, Zerr, laß es geschehn.(Eise Werdermann) Zeiten hinweghelfen. Dazu gehört in erster Linie ein für bescheidene Freuden empfängliches Herz. Eine durch jahrelanges Leiden gebeugte Kranke sagte einmal:„Ich schlafe nie ein, ohne zu überlegen, welche Freuden mir der Tag gebracht hat, und noch jeden Abend konnte ich für eine, ja oft für mehrere Freuden meinem gütigen Vater im Himmel danken.“ Wollen wir es nicht ebenso machen und uns aus den Freuden des einen Tages Stärkung holen für die Lasten des folgenden Tages? Und mit dem Blick auf die Freuden des vergangenen Jahres hoffnungsfroh in die Zukunft schauen? Durchhalten ist jetzt das Losungswort des deutschen Volkes. Dazu gehören unerschöpfliche Seelenkräfte; Seelenkräfte, die aus einer unversiegbaren Quelle immer wieder erneuert werden und alle Glieder des ganzen Volkes durchdringen. Schöpfe du aus dem Freudenquell nicht nur für dich, sondern teile davon nach allen Seiten aus, bis jedes Glied deines Volkes daran erstarkt und alle sich zu einer unzerreißbaren Kette verbinden, die auch den stärksten Spannungen standhält. Oh, wie viele neben dir gehen einsam und freudlos durchs Leben. Gib ihnen, wonach sie sich sehnen. Nicht Geld und Brot. Gib ihnen Freude! Echte, innerste Herzensfreude! Durch dieses Erdental ist Einer gegangen, der konnte mit einem Wort, mit einem Blick in den verzweifeltsten Herzen himmlische Freude anzünden. Gehe bei Ihm in die Lehre, und du wirst in selbstloser Liebe die Quelle reinster Freuden finden, an der du, alle deine Lieben, dein ganzes Volk erstarken können. Wolle Gott uns im neuen Jahre zu Trägern und Hütern echter Freude machen! Spuren des Lebens. Von Dr. Jos. Albert. Es gibt Gelehrte, die sich alle Mühe geben, uns zu beweisen, wo das Paradies der ersten Menschen lag— ob an den Quellen des Euphrat oder in einem der Täler im Stromgebiete des Tigris, oder ob es am Fuße des erhabenen Himalaja lag. Sie verbringen einen guten Teil ihres Lebens mit dieser„Forscherarbeit". Und es gibt Laien, die sehr viel darum gäben, wenn sie wenigstens einmal im Leben das unzweifelhafte Tal dieses Paradieses zu sehen bekämen. Diese Aufwendung einer Lebenskraft, einer Sehnsucht im Suchen nach dem Ort des Paradieses ist töricht und überflüssig— ist ein Vergeuden von Zeit. Was würde uns solches Wissen nützen? Es kann uns völlig gleichgültig sein, ob in Mecklenburg oder Hinterpommern die ersten Menschen lebten, ob sich in dem oder in jenem Land ein solches historisches Ereignis vollzog. Interessieren kann höchstens das Ereignis selbst. Auch am Silvesterabend träumen Millionen Menschen von einem Paradies, von einem Garten voller Schönheit, in den das neue Jahr sie führen möge. Und sie werden melancholisch, wenn der Schlag der Kirchenuhr den Schluß des alten Jahres verkündet. Sie zählen in Wehmut die Augenblicke ihres Glücks. Als solche Augenblicke aber erscheinen ihnen vor allem die, in denen ihnen ganz unverhofft,„ganz von selbst“, das Schöne, das Angenehme in den Schoß gefallen ist. Nur diese glücklichen Bilder stehen unzweifelhaft vor dem Geist der meisten Menschen an der Jahreswende. Nur diese angenehmen, diese leichten Ausschnitte des Lebens steigen ihnen zu Gemüte, und sie wünschen sie gleich in vermehrter Auflage für das neue Jahr. Solche Gemütsaufwallungen sind an sich sehr gut verständlich. Aber es kommt etwas anderes hinzu: das ganze übrige Leben der Vergangenheit erscheint den meisten im Vergleich zu den wenigen Stunden des Glückes als ein Nichts, das ganze übrige Leben der Arbeit, des Schaffens ist spurlos, schwarz— ist tot. Man erachtet es für müßig, darüber nachzudenken, was man geleistet, was man erarbeitet, was man der Gesamtheit der Menschen nützte. Diesen Melancholikern und Paradiessuchern springt nur das Bequeme, das Helle, das Genußreiche in die Augen. Und wir alle sind irgendwie mit einem Teil unserer Seele dieser Melancholie verfallen; mit einem Teil unseres Herzens gehören wir zu jenen, die den Wert eines Tages immer nach den Genüssen bemessen, die sie an diesen Tagen buchen konnten. Immer wieder die Last des Tagewerks verwünschend. In der Neujahrsnacht findet dieses falsch verstandene Leben seinen klassischen Ausdruck in dem Spektakel, der auf allen Straßen, auf allen Märkten und in möglichst vielen Restaurants einsetzt. Die Helden dieser Silvesternacht wissen sehr genau: wären sie auch nur einen Augenblick still— der Schlag der Uhr um Mitternacht wäre ihnen unheimlich— unerträglich. Zwar verständen sie nicht den eigentlichen Sinn der Stunde, aber sie würden doch daran denken, wie die Zeit über die Menschen hinweggreift, wie diese Zeit die Jahrtausende geWirtschaftliche Kriegsfolgen in Westfalen jetzt und in der Vergangenheit. Riesengroß ist die wirtschaftliche Not, die in der Gegenwart infolge des Krieges, der Inflation, Preissteigerung und schweren Tribute auf uns lastet. Trotz Fleiß und Umsicht, trotz Zähigkeit und Aufopferung bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern, bei Bauern und Handwerkern bricht ein Unternehmen nach dem andern zusammen, verarmt der Landmann, wächst das Heer der Arbeitslosen. Diese wirtschaftliche Not gefährdet die Redlichkeit, erschüttert das gegenseitige Vertrauen, führt zum rücksichtslosen Kampfe aller gegen alle. So lautet die Kundgebung der evgl. Kirchenbehörde zum Landesbußund=bettag, und sie hat gewiß recht. Aber ähnliche Folgen haben auch die Kriege in der Vergangenheit gehabt. Gar nicht zu reden von dem Dreißigjährigen Kriege, dessen verheerende Folgen bekannt sind, obwohl auch heute, nach drei Jahrhunderten, noch keine sichere Zusammenstellung der Verluste vorhanden ist, die Deutschland damals an Wohlstand und gesamter Kultur erlitten hat. Diesen Mangel beklagt schon Gustav Freytag, der uns in seinen„Bildern aus der deutschen Vergangenheit“ Folgen jenes Krieges zu schildern versucht hat. Auch für Westfalen, das nicht eigentlicher Kriegsschauplatz war, wo nur in einzelnen Teilen 1622 die spanische Soldateska übel gehaust hatte, waren doch die wirtschaftlichen Folgen sehr zu spüren. Auch in solchen Landstrichen, wo man von gitzis Wohlstand noch etwas hätte bewahren können, 3ute man die Münzverschlechterung oder, wie wir heute das Sinken der Valuta, die im Unterschied von dem Kriege, wo sie nachträglich erst kam, damals im Anfang des Krieges schon auftrat und altererbtes Vermögen über Nacht zerstörte. Es gab auch damals schon ler,„Kipper und Wipper“ genannt, welche Zites, Geld aufkauften und dafür Münzen in Umlauf mochlssan i“ so leicht waren, daß man sie vom Tische wegblasen konnte und daß sie auf dem Wasser schwammen. ine ungebeune. Preise stiegen Auch im Siebenjährigen Kriege trafen schwere Folgen wirtschaftlicher Art das preußische Land. Besonders die kirchlichen Stiftungen wurden sehr belastet. Noch im Jahre 1800 berichtet der Abt von Liesborn bei Lippstadt, daß sein Kloster vom Siebenjährigen Kriege her noch 23000 Taler Schulden habe. Auf der reformierten Synode der Grafschaft Mark wird ein Schreiben der Regierung mitgeteilt, daß zur Deckung der außerordentlichen Ausgaben von der protestantischen Geistlichkeit und den Mennonitengemeinden ein Vorschuß von 30000 Talern zum Besten des Landes gefordert werde. Diese Summe wurde nachher auf 10000 Taler ermäßigt, wovon die reformierte Ruhrklasse eine Quote von 546 Talern aufzubringen hatte, gewiß bei der Kümmerlichkeit dieser kleinen und armen Gemeinden für jene Zeit ein hoher Betrag. Es kamen auf Westhofen 38 Taler, auf Wellinghofen 48, auf Bodelschwingh 40, auf Castrop 30, auf Bladenhorst 40, auf Herne 38, auf Bochum 46, auf Wattenscheid 43, auf Hattingen 45, auf Schwelm 50, auf Wetter 50, auf Hagen 40, auf Gevelsberg 30, auf Herdecke 18 Taler. Die schwersten wirtschaftlichen Kriegsfolgen, welche denen in unserer Zeit am meisten ähnlich sind, traten aber vor 100 Jahren nach den Napoleonischen Kriegen ein. Sehr interessante Mitteilungen über Westfalen finden sich in den Familienbriefen des Rektors des Gymnasiums in Hamm van Haar an den Rektor des Joachimstalschen Gymnasiums in Berlin, seinen Schwager Snethlage, die Charlotte Broicher vor einigen Jahren in der Kölnischen Zeitung veröffentlicht hat. Ueber die damalige Geldentwertung schreibt er: Unsere Provinz wird jetzt mit bergischen Groschen überschwemmt. Es ist bei hoher Strafe befohlen, sie voll zu nehmen, und dann werden sie wenige Wochen später auf 2 Stüber herabgesetzt, und die ganze Provinz verliert dadurch über eine Million. Der Preis der Waren steigt, der Kaffee kostet 1811 das Pfd. 1 Taler und 8 Groschen, das Pfd. Zucker 1 Taler 4 Groschen, der Weizen ein Scheffel 2 Taler 12 Groschen, der Roggen 1 Taler 20 Groschen. Mit jedem Jahre steigt der Preis. 1812 steht schon der Weizen auf 4 Taler, 1817 auf 5½ Taler, der Roggen 1812 auf 3 Taler, 1817 auf 4½ Taler, der Hafer 1812 auf 2½ Taler, die Gerste 1817 auf 3 Taler. Fleisch, Reis, Graupen, Grütze, Erbsen, alles ist 1817 mehr als ein Drittel teurer, als das Jahr vorher. Schon 1812 haben die Bauern ihr Vieh mit Stroh von ihren Strohdächern gefüttert. Nach der Teuerung, die besonders zwischen 1813 und 1817 eintrat, berichtet er: Wir kaufen Korn und lassen es verbacken, damit die ärmsten Familien —2 Brote bekommen, aber das Brot ist schlecht und sättigt nicht. Die Kartoffeln sind verzehrt, und die Zahl der Hungernden wächst. Erwachsene bitten um Arbeit und können keine bekommen. Viele Kriegsinvaliden gehen einarmig oder schwindsüchtig oder auf Krücken umher und erwarten ihren Gnadentaler. Täglich werden hier in Hamm 180 alte Männer und Frauen, die nichts erwerben können, gespeist. Zwar ist noch niemand, soviel ich weiß, Hungers gestorben, aber das Stehlen ist so allgemein, besonders bei Lebensmitteln, daß es niemand mehr für unerlaubt hält. Das Vieh stirbt in unserer Gegend von dem nassen Gras im Sommer und dem schlechten Futter im Winter. Ein Riegel Kohlen kostet 20 Groschen, wei! sie bei den schlechten Wegen nur schwer geholt werden können. Für den Transport von 25 Riegel braucht man nicht weniger als 10 Pferde. Der stille Mensch schränkt sich möglichst ein, er legt sich unter seiner kurzen Decke krumm, der große Haufe aber jubelt und schwärmt, und wenn man ihn vor dem Abgrund warnt, ist die gewöhnliche Antwort:„Ei was, es geht ja doch alles zum Teufel, ich will, solange es währt, noch mit genießen.“ Die Lage schien damals so hoffnungslos, daß der Schreiber der Briefe zum Schluß ausruft:„Es ist zu spät. Die Axt ist dem Baum nicht nur an die Wurzel gelegt, sondern sie ist schon tief eingehauen. Der Baum neigt sich zum Sturz.“ Und doch ist wieder ein Aufstieg erfolgt, wie die Geschichte vor 100 Jahren uns zeigt. So dürfen auch wir uns heute des Wortes getrösten:„Wir heißen euch hoffen.“ Im neuen Jahr ein neues Hoffen. S. macht und kein Thron eines Königs oder Imperators vor ihr bestanden hat. Der Stundenschlag, dieser winzige Teil der Zeit, erschiene ihnen unheimlich, weil er so bestimmt und lautlos kommt und geht. Weil ihm nichts widersteht, wohl aber alles vor ihm vernichtet wird. Zu anderen Gedanken brächte es diese Art von Menschen nicht. Und doch: diese Mitternachtstunde ist weder unheimlich noch schwer und dunkel. Sie sagt nur das eine: Nütze den Augenblick! Das ist ihre ganze Weisheit. Und sie sagt es so eindringlich, wie es kein Naturereignis uns demonstrieren könnte. Denn während wir das Ende des alten Jahres gekommen glauben, hat auch schon das neue begonnen. Während wir auf den Augenblick warten, ist er schon da. Was heißt das? Wir erwarten eine Gegenwart, aber sie ist zugleich zur Vergangenheit geworden, wir erwarten, daß eine einzige Sekunde stillstände und uns die ganze Fülle des Lebens greifbar schenken würde. Nichts von dem. Solange wir warten, ernten wir überhaupt keine Zeit. Schon der Moment, den wir warten, ist als ungenützter Teil der Zeit verstrichen. Es gibt nur eins für uns: nie auf etwas, wie auf ein schön erträumtes Glück zu warten, sondern den Moment zu nützen, den wir jetzt besitzen. Oder wir sind Abenteurer, die hinter dem„Glück“ herlaufen, mittlerweile aber die Zeit vergehen ließen, mit der wir das wahre Glück uns hätten verdienen können. Das Glück will nicht„erjagt“ sein, es will von selbst aus der Last der Tage tauchen, von selbst aus den Qualen unseres Lebens geboren sein. Dann ist es echt, dann gehört es zuuns und ist in Wahrheit vom Schicksal uns zugedacht. Kommt es darauf an, ob wir am Ende des Lebens sagen:„Wieviel Glück habe ich genossen?" oder:„Was habe ich im Leben geleistet?“— Nur auf die Leistung kommt es an. Auf die Spuren, die unser Leben irgendwie zurückließ. Spuren, mit denen wir uns selbst und gleichzeitig anderen das Leben öffneten und ehneten. Es gibt mancherlei Spuren. Auch der Wucherer hinterläßt sie, der Ausbeuter, er läßt Hungernde und Gebrochene hinter sich zurück— auch der Bürokrat, der nichts anderes lernte, als nach dem Schema seine Mitmenschen abzufertigen, der Staatsmann und der Feldherr, die des Ruhmes und der Habsucht wegen Kriege inszenierten. Und mancher beginnt gerade in der Neujahrsnacht damit, seiner Lebensbahn Spuren einzuprägen. Wir lasen auf der ersten Seite einer sehr bekannten Berliner demo kratischen Mittagszeitung einen Artikel, in dem ange kündigt wurde, wie Berlin die Silvesternacht verbringen werde. Es wurden die Veranstaltungen der verschiedenen Hotels und Restaurants des näheren erörtert und dargetan, was an Genüssen und mancherlei Künsten fabriziert werde. Die Menüs, für die sich der Preis pro Person zwischen 10 und 40 Mark beläuft, werden haarklein detailliert. Es wird sehr viel geschrieben über Kaviar mit Toast, Seezungenfilets mit Hummer, Spargelspitzen, Imperialaustern, Luculluskraftbrühe, Russywaffeln usw. Wer die herrlichen Weine nicht bezahlen kann, dem wird die lange Reihe von Bierlokalen empfohlen, wo man schon mit 8 bis 12 Mark ein ganz nettes Silvesteressen bekomme. Das demokratische Blatt hat also auch an die „Bescheideneren“ gedacht, die nicht gerade 40 Mark für ein Nachtessen ausgeben können. Anpreisungen solcher exquisiten Sachen gibt es in unserer so an Gütern„reichen" Zeit auch in anderen Städten. Man fragt sich nach der Lektüre dieser für die Allgemeinheit bestimmten Artikel nur: welches Interesse hat die große Welt, zu erfahren, auf welche Art bestimmte Menschensorten die Silvesternacht zu verbringen„in der Lage sind". Oder soll diese Lektüre und die Art jener, die sie befolgen, als Mittel demokratischer Erziehung dienen, damit in jedem armen Schlucker sich eine fixe Idee bilde, auch einmal so etwas zu genießen. Nach jenem berühmten Muster, nach dem uns ehedem, als wir noch Kinder waren, in den Schulen einige sonderbare Märchen von verzauberten Prinzessinnen erzählt wurden, so daß in uns die Begierde ausgebildet wurde, uns zum reichen Prinzen zu entwickeln statt zum tüchtigen Lehrling und Gesellen oder— wenn nicht möglich— dann vielleicht die Laufbahn eines Hochstaplers einzuschlagen. Aber— um nicht etwa dem Verbitterten nahezulegen, nun von neuem seinen Haß über diese Welt auszu schütten— das Silvesterbeispiel der Großstadt ist ein Symbol für die innere Gesinnung breitester Massen. Das ist das Bedeutungsvolle und der einzige Gesichtspunkt, unter dem es hier gesehen werden soll. Es symbolisiert uns folgendes: wenn einmal wirlich(oder vermeintlich) einer uns etwas mehr besitzt als ein anderer, so fühlt er sich im gleichen Augenblick— ganz abgesehen davon, ob er es zu recht besitzt— auch schon verpflichtet, es so augenfällig wie nur möglich zur Schau zu tragen. Dem Sinne der Demokratie zuwider zeigt er dem anderen das Merkmal seiner„Ueberlegenheit". Das sind die Spuren, die er am liebsten hinterläßt. Er trifft den anderen mit dem, was er vorauszuhaben sich dünkt, aber er verbündet sich dem anderen nicht durch eine brüderliche Geste. Wer— ob arm oder reich— kann sich freisprechen von dieser Lebensart? Es gibt zweierlei Lebensspuren. Auf den einen irrlichtet und schimmert es, aber es wächst keine einzige ewig bedeutsame Tat auf ihnen. Und wenn ihre Träger aufgehört haben zu leben, bleibt nichts mehr übrig. Höchstens noch der Geruch der Verwesung. Mann wollte das Paradies irgendwie erjagen und konstruierte es sich künstlich. Nun— nachdem man tot— leuchtet nichts mohr aus irgendeinem Winkel ihres Lebens auf. Keine Spur zieht sich aus ihrem Dasein herüber in biesen. Loo hinein. Ewig leuchtende Spuren aber können sich durch das Leben des Einfachsten unter uns hindurchziehen. Wir können sie prägen: bisweilen mit einem einzigen Wort, mit einer schnellen hilfsbereiten Tat— auch oft mit einem einzigen Groschen. Niemand braucht ein Gebildeter zu sein, ein Hochbegabter, ein erwählter Gesellschafter, er kann rauhe, ganz unförmliche Hände haben, kann unter seiner Arbeit schwer gebeugt gehen. Und wenn er nur einem einzigen Menschen einen neuen Hoffnungsschimmer gab— er tat hundertmal mehr als jene Genußsüchtigen. Nicht das Glück, das wir genossen, sondern die Pflicht, die wir erfüllt, wird einmal die Wage unseres Lebens schwer oder leicht bewegen. Das Paradies, das am Silvesterabend in unseren Träumen vor uns steht, wird nie an irgendeinem Ort der Erde, nie durch irgendeine List zu finden sein. Wir wollen es von selbst aus unserer Hände und aus unseres Geistes Arbeit auferblühen lassen. Voran! Es brach mit Sturm und Wettergrauen Das neugeborne Jahr herein. Zerr, gib uns Glauben und Vertrauen, Und rechte Braft, dir treu zu sein. Es loht die Welt in Ilammenbränden, Es wankt der Erde Fundament. Jedoch in deinen starken Zänden Liegt doch des Zeitlaufs Regiment. Drum mag sich auch die Lüge regen Und dreist sich blähn die Finsternis, Wir sind, o Ferr, auf allen Wegen Der Führung deiner Zand gewiß. Nur müssen wir dir Treue halten, Die sich in größter Jot bewährt Und nicht in Rleinigkeit zerspalten, Was felsenfest in eins gehört. Zerr, gib uns Führer, die uns leiten Durch alle Trübsal, Angst und Rot! Erweck uns Zelden, die da streiten Mit Zirtentreue bis zum Tod. Laß uns an deinem Werke bauen Mit Relle und mit Schwert zugleich, Und hilf uns felsenfest vertrauen: Den Sieg gewinnt dein ewges Reich. Martin Ulbrich. Gedenktage des vergangenen Jahres. Ein Rückblick. Von Margarete Zander. „Die Sonntage", sagt Rosegger,„sind die hellen Fensterlein, durch die man hineingucken kann in die weite Welt, ja, sogar ein wenig in die Ewigkeit hinein.“ Demselben Zweck sollten auch jene einzelnen leuchtenden Tage des Jahres dienen, die der Erinnerung an einen der Großen unseres Volkes gewidmet sind. Durch irgendeinen Ewigkeitswert ihres Werkes oder ihres tiefsten Menschentums einen Blick tun durch alle krause Verworrenheit der Welt hindurch, über sie hinaus— von ihrem Wertvollsten kräftig Besitz ergreifen, daß es uns leuchtender Begleiter wird im Lebensdienst— das muß letzter Sinn der Gedenktage sein! Lessings Name, der fast verstaubt und vergessen nur noch hinter Glasscheiben stand, klang im ganzen Deutschland auf zu seinem 200. Geburtstag im Januar. Man sprach von einem Lessing=Goethe=Jahr, das sich durch den wilden Flimmer= und Gaukeltanz unseres jagenden Heute einen Weg suchen würde. Wir wissen nicht, wieviel Erfolg diese Bemühungen, der Stimme echter Kultur Gehör zu schaffen, gehabt haben. Aber der Mensch Lessing, der Sucher, in dem die ewig alte Frage nach Wahrheit brannte, der Einsame, der aus dem Becher des Leids tief geschlürft und als letzte Lebensweisheit uns ein mildes, humanes Evangelium der Liebe und das Wort des alten Johannes: Kindlein, liebet euch! weist, der edle Kämpfer, der durch viel Not und Wirrnis sein Menschentum zur Reife brachte— er ist vielleicht vielen wieder lebendig geworden. Von ihm bis zu jenem Dichter, der im vergangenen Jahr seinen 125. Geburtstag hatte, bis zu Eduard Möricke, ist ein weiter Weg. Lessing träumte nicht vom„Land Orplid, das ferne leuchtet“, er, der hellwache Tagmensch, hörte nicht die Gesänge der Nacht und der „schlafenden Wasser uralt, altes Schlummerlied“. Kein Klang aus sagenhaft gewaltiger Volksvergangenheit, aus innerster Tiefe der Romantik tönte in ihm, kein dunkel schweres Raunen und Künden„alter, unnennbarer Tage“ Und doch verbindet beide eins: der Kampf zwischen „Kopfgedanken“ und„Herzgedanken“, das tragische Wissen um das ewige Abschiednehmen des Lebens. Keiner von ihnen war„ein ausgeklügelt Buch“, jeder„ein Mensch mit seinem Widerspruch". Möricke, der uns für immer in seinen Gedichten und seinen Novellen nahe bleiben sollte, ist ein Stück deutschen Volkes, das durch seinen Mund sich äußert. Erdgebundenheit und Erdferne sind sein glück= und leidvolles Menschenschicksal. Er hängt sein Herz an einen klingenden Lerchenpsalm und belauscht die im Schlafe murmelnden Quellen. So deutsch dies alles— und der es lebte, träumte und dichtete, war ein menschenscheuer, meist unverstandener Sonderling. Das ferne leuchtende Land Orplid, dies Märchenland der Seele, trug auch ein anderer Deutscher in sich, spiegelte es aber in Farben und Linien, zauberte es in immer neuer, ernster und lächelnder, humorvoller und tiefergreifender Weise auf die Leinwand. Es ist Moritz von Schwind, der in demselben Jahr wir Möricke geboren ist, und dem es wie jenem gegeben war, Klang aus der innersten Tiefe der deutschen Romantik aufzufangen und wieder erklingen zu lassen. Aus dem fast verschütteten Erinnerungsbrunnen des Volkes holte er Märchen und Sagen, ordnete all die lieblichen Kinder der Phantasie in deutsches Naturleben, seinen Wald und seine Felsen, klüfte, seine trauten, alten Städte und ragenden Burgen ein, daß sie nun unlösbar an das deutsche Volksherz gekettet sind. Drum lieben wir unsern Schwind, und solange das vielverspottete deutsche Gemüt leben wird, werden seine Bilder erfreuen und über den Alltag erheben. sehr in ihm deutsches Wesen sich verkörperte, geht aus einem Wort hervor, das er in Rom schrieb:„Ich ging in die Sixtina, schaute mir den Michelangelo an und wanderte nach Hause, um an Ritter Kurts Brautfahrt. dem deutschen Märchen, zu arbeiten. Viel entscheidender wurde ein anderer Maler von Roms klassischem Boden beeinflußt, Heinrich Wilhelm Tischbein. Wir gedachten seiner zu seinem hundert. jährigen Todestag im Juni. Nicht nur um des berühmten Goethebildes wegen, nicht nur um all der klassischen Gestalten willen, die er uns in tiefer Verbundenheit mit der Antike lebendig machte und in streng edlen Formen malte. Sondern auch um einer verborgenen seltsamen Tragik, die den alternden, viel bewunderten Maler umschattet: Das Bild, für das er den heißesten Dank bekam. einen Dank, der, nach seinen eigenen Worten, ihn in allen Gliedern rührte, Dank aus dem Munde einfacher Landleute, die noch spät im Dunkeln weither kamen, um das Bild zu sehen, da sie nie so etwas gesehen hätten, dieses Bild, das das Höchste darstellt, das Menschen zu malen vermögen,„Jesus segnet die Kinder",— er hatte es in innerem Widerstreit mit sich selbst gearbeitet; es konnte ihn, obwohl er es mit unendlicher Sorgfalt und Hingabe gemalt hatte, nicht befriedigen. Seine Zeit schien so fern dem religiösen Erleben— und wie stark war das Sehnen danach in der Seele des Volkes! Wie Tischbein wurzelte Anselm Feuerbach im klassischen Boden. Er, der Hundertjährige, der neben dem deutschesten Maler, Albrecht Dürer, auf dem Nürnberger Johannisfriedhof ruht, fand erst Anerkennung, lange nachdem er einsam und zermürbt in der Fremde gestorben war. Zum Glücklichsein war sein Dasein auch nicht bestimmt, aber er reifte in seiner Kunst und durfte nach all den edelstrengen, erhabenen Gestalten der Antike ein Bildnis schaffen, dessen zeitlose Schönheit ergreifender als alle andern zu uns spricht, weil in ihm nichts als Güte und Opferbereitschaft liegt. Es ist das Bild seiner Stiefmutter, der er wohl in tiefer Dankbarkeit erkennend in das gütige, gläubige Herz geblickt hat. So schuf er das Denkmal seiner Sohnesliebe. Wie reich ist mein Deutschland! Es blickt an Gedenktagen nicht nur zurück auf die, die einst unser waren; es kreist von ihnen allen etwas in Deutschlands Adern! Und immer wieder stehen von Gott besonders Begnadete unter uns.—„Glüh, Sonne, glüh, die Welt braucht soviel Glanz“, ruft Walter Flex aus, und Licht und Glanz sind es, die eine Fünfundsiebzigjährige, eine Siebzigund eine Fünfzigjährige mit ihren Werken ausströmen dürfen. Es sind Isolde Kurz, Frieda Schanz und AgneMiegel. In jeder von den dreien spielt die ewige Hars Gottes anders, aber eins eint sie: Sie blicken über das Menschliche hinaus suchend und tiefschürfend nach dem aus, was letztgültigen Wert, was ein Emporringen zum Licht erhoffen läßt. Sie wissen, daß aller Sternenglanz höchster Ideen kalt bleibt wie glitzerndes Siriuslicht, das niemals Leben wecken kann. Und sie fanden und finden hin zu der beseelten Kunst gläubiger Menschen, deren Seele Verbindung mit dem Höchsten sucht. Isolde Kurz, in wohllautenden, feingeschliffenen Versen und Prosa, klassische Formen meisternd, leuchtet hinein in ewige Rätsel des Menschengeschicks. Frieda Schanz und Agnes Miegel, beide in Heimaterde fest verwurzelt, lassen Verse aufklingen wie Musik, Balladen voll glutvoller Kraft, die zum wertvollsten Gut unserer Dichtkunst gehören, die Tausenden zu einer feinen Besinnlichkeit und zu einem frohen Mitschwingen der Seele verholfen haben. Feuerbach sagte einmal:„Wenn die Kunst nur das Leben kopiert, brauchen wir sie nicht.“ Die Dichtungen von Frieda Schanz und Agnes Miegel, voll stärkster Konzentration auf das Tiefste, Wesentlichste, sind wie ein reinigender Strom, der die Niedrigkeiten des Tages hinwegspült. Von den Dichterinnen, die wir noch unter uns lebend grüßen, eilt mein Gedenken weit, weit zurück zu der Mystikerin Hildegard von Bingen. Dichterin, Naturforscherin und Seherin— ein gothischer Mensch mit emporschwingender Lichtsehnsucht in rauhester Zeit des beginnenden Mitelalters, eine sich in Menschenliebe verzehrende Kraft voll Trost und Hilfsbereitschaft, das war jene Frau, von der es gleich einer fernen stolzen Sage nach achthundert Jahren zu uns Frauen herüberklingt. Nicht nur als Erkenntnisquelle für das Seelenbild der frühen Mystik hat ihre Erscheinung geistesgeschichtliche Bedentung. Sie ist, rein menschlich gesehen, in ihrem Glauben an die Harmonie der Weltschöpfung, in ihrer magischen Kraft und ihrem Schauen des Lichts für uns rastlos und kraftlos Umhergetriebene erhebend und trostreich. Ich will diese kleine Rückschau auf die, derer wir voll Dank gedachten, nicht abschließen, ohne den Namen einer Frau zu nennen, die keine begnadete Künstlerin, keine Prophetin war, sondern nur eine Frau mit selten warmem, mütterlichem Herzen für ihre leidenden Schwestern, und die im August von uns gegangen ist— Margarete Behm. Sie war nicht nur die Begründerin und Führerin der Heimarbeiterinnen=Bewegung, sie war„Muttet Behm", obwohl sie nie ein Kind ihr eigen genannt. Hal Frieda Schanz, die kinderlose Frau, die innigsten Kinderballaden gedichtet und in all ihr Werk Mütterlichkeit einströmen lassen, so Margarete Behm in ihr ganzes Leben und Tun. Was sie mit Aufopferung ihres Selbsts an den im schwersten Existenzkampf stehenden Frauen getan hat, ihre geduldige und treu helfende Liebe für die Schwachen soll nicht vergessen sein! Nicht, wie Ibsen einmal meint, wie tief einer leiden kann, bestimmt die Rangordnung, sondern wie tief einer im Lebensdienst mitleiden kann. Dies bestimmt auch den Wert derer, an die wir rückblickend gedenken. Erscheint wöch es gelgeb unte Cinzelnumm Nr. 2. Mg Will man zember in Ro sehen von der den Vorbereitt eignisse besond Person des Pe 5. Dezembe aber immer Vatikan statt. halben Jahr? söhnung zwisch dem Papst und druck. Wenn nung an den Ironisierungr dete, so wurde richtet, und n historischen Au 7 Autos durch tikan. König strichs, der A folge politisch nicht, denn wo Gouverneur d men geheißen. beim Papst. dem päpstliche Besuch, verwei kehrte dann in alsbald von E wurde. Am Na kinder, des Kr beim Papste de lich wurden bei schenke gegebe Schrein aus n in Leder gebu Savoyen gesch dung der Med mit drei großer Erinnerung an Die Königin donna della S aus Gold mit lichkeiten wurd sie nur in Wor Realitätswert h Das zweite lischen Christen sterjubiläum auch die römisch erlebt. 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