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98.

Dienstag, den 28. April 1914.

46. Jahrgang.

Das Geld in der Welt.

24 000 Millionen Mark Anleihen in zehn Jahren.

Die Franzosen haben ob des Abschlusses der türkischen Anleihe, bei der sie tüchtige Provision in niedtigen Kursen und industriellen Aufträgen herausgeschlagen haben, ein großes Triumphgeschrei angestimmt, das in den Refrain ausklang:„Frank­reich ist doch der Bankier von Europa!“. Es ist be­merkenswert, daß eine Zeitung in Paris, sogar eine ziemlich deutsch=feindliche, den Versuch unter­nimmt, ihre Landsleute eines Besseren zu belehren und ihnen klar zu machen, daß Deutschland der sranzösischen Republik erheblich voraus ist. Der Wehrbeitrag bei uns hat ja auch bestätigt, daß das Nationalvermögen gewaltig ist, mag es gleich in etwas zu hohem Maße festgelegt sein. Nach der Berechnung des französischen Blattes sind in den zehn Jahren von 1903—1912 in Frankreich für An­leihen aller Art im ganzen rund 13000 Millionen Francs ausgegeben worden, in Deutschland aber rund 29000 Millionen. Die sranzösische Republik hat also noch nicht die Hälfte der deutschen Lei­stungsfähigleit erreicht.

Unsere materiellen Aufwendungen für Kredit­Ansprüche werden nur von denjenigen in den Ver­einigten Staaten von Nord=Amerika übertroffen, die rund 39.000 Millionen betragen. Selbst das reiche, aber in Geldsachen stets sehr vorsichtige Eng­land hat Deutschland nicht erreicht, es ist nur auf 26 000 Millionen Mark gekommen, während Ruß­land, das Frankreich bereitwillig seinen Bankier spielen läßt, es bei 13000 Millionen Mark hat be­wenden lassen. Unsere Verbündeten Oesterreich= Ungarn und Italien stehen mit 4100 und 1700 Mil­lionen erheblich gegen uns zurück. Aus diesen Ziffern ergibt sich zugleich die hohe deutsche Ent­wicklung des Wirtschaftslebens, während wir alber­dings infolge der uns eigenen Noblesse in Geld=An­gelegenheiten dem Auslande gegenüber nicht so viel herausgeschlagen haben, wie die in Geldange­legenheiten kurzangebundenen Franzosen.

Nach diesen Feststellungen erscheint der neulich ausgetauchte Vorwurf, das deutsche Kapital betei­lige sich zu wenig an der internationalen Finanz­Politik, nicht gerechtsertigt. Anleihen um jeden Preis in das Ausland hinauszuschleudern, ist nicht angebracht; wir haben durch den griechischen Staats=Bankerott schwere Verluste s. Zt. gehabt, und die Regierung in Athen denkt gar nicht daran, die auf ein Drittel gekürzten Zinsen nachträglich zu bezahlen. Neuerdings hat bekanntlich die Repu­blik Mexiko durch die Einstellung ihrer Zinsenzah­lungen wirderum zahlreiche Leidtragende in Deutschland geschafsen. Das mahnt zur Vorsicht, die auch von dem soliden deutschen Bankwesen voll­auf gebilligt wird, zumal wir im Inlande selbst mehr wie reichlich Bedarf für flüssiges Geld haben. Das gilt für das Reich, für dir Staaten, für die Kommunalverbände, für die Städte, für die Ge­meinden und für die einzelnen Individuen. Es haben bei weitem nicht alle Wünsche erfüllt werden können.

Natürlich hat ein solches Anleihegeschäft auch seinen Haken, es kann zu viel des Guten worden, und das ist es zum Teil schon geworden, und darum muß die Sache etwas einbringen. In Geldange­legenheiten hört nicht bloß die Gemütlichkeit, son­dern zuweilen auch der Patriotismus auf, sonst müßlen die staatlichen Anleihen bei uns anders notieren. Von Reichswegen muß dafür gesorgt wer­den, daß das Ausland für unsere Gesälligkeiten das Höchstmögliche leistet, denn billiger wie leei uns ist Geld überhaupt nicht zu kriegen. Wozu sollen wir es also zu Ausnahmepreisen fortgeben? Jeder staatliche Schuldner renommiert mit seiner politi­schen Bedeutung und spielt auf billigere Offerten an. Daher kann einfach die Antwort erteilt werden: „Bar Celd lacht!“ Wer es gebraucht, kann es sich auch etwas kosten lassen, und wir sind, das sei noch­mals wiederholt, doch die kulantesten Geldgeber.

Korb=Attterika in Roten.

Präsident Wilson hat die mexikanische Politik der Unionsstaaten dermaßen verfahren, daß die Nackenschläge nicht ausbleiben. Sobald er die ge­panzerte Faust zeigt, sind Huerta und die Rebellen ein Herz und eine Seele, bläst er die Friedensschal­mei, erhebt in Mexiko die Revolution ihr Haupt, die Huertaleute verüben Ausschreitungen gegen die Amerikaner, die Nebellen sympathisieren mit der Union. Was unter diesen Verhältnissen die von den großen südamerikanischen Republiken Argentinien, Brasilien und Chile angebotene freundschaftliche Vermittlung nützen soll, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Und was aus dem amerikanischen Hexen­kessel überhaupt einmal herauskommen wird, weiß kein Mensch zu sagen. Die amerikanischen Organe suchen die Huertapartei durch mehr oder minder grundlose Anklagen im eigenen Lande unmöglich zu machen, so daß die Neuyorker Meldungen nach dieser Hinsicht hin mit Vorsicht aufzunehmen sind.

Nach Meldungen aus Neuyork wurde von Sol­daten Huertas die amerikanische Flagge beschimpft und der amerikanische Generalkonsul Hanna in Monterey im nördlichen Mexiko ins Zuchthaus geworsen, später jedoch von den Rebellen befreit.— Ein Offizier Huertas, so heißt es in der Meldung, kam dieser Tage auf das amerikanische Konsulat in Monterey und verlangte die Herabholung der amerikanischen Flagge. Als das verweigert wurde, rissen die Soldaten des Ofsi­ziers auf dessen Besehl die Flagge herab, traten sie mit Füßen und zerrissen sie. Generalkonsul Hanna wurde verhaftet, ins Zuchthaus gesperrt und sollte unter der Anschuleigung, mit den Nebellen gemein­schaftliche Sache gemacht zu haben, vor ein Kriegs­gericht gestellt werden. Eine Rebellenarmee, die gerade noch rechtzeitig heranrückte, entsetzte die Stadt und befreite den Generalkonsul, der seiner Regierung die Anerkennung der Rebellen dringend ans Herz legte.

Im Widerspruch zu den vorstehenden Meldungen steht die Washingtoner Depesche, wonach Präsident Wilson, der das Vermittlungsanerbie­ten der Südstaaten sofort und mit herzlich­stem Danke annahm, Kenntnis davon erhalten hätte, daß auch Huerta mit der Vermittlung einver­standen sei. Das kann nicht zutreffen, da die Ver­mittlung nur Erfolg haben kann, wenn Huerta von dem Präsidentensitze in Mexiko entfernt wird Huerta aber, der das Recht Mexikos gegenüber der Union vertritt und sich der Erfüllung seiner Auf­gabe mit anerlennenswerter Zähigkeit bisher ge­widmet hat, kann nicht sein eigener Totengräber sein wollen.

Das Eingreisen des deutschen Kreu­zers„Dresden“ hat amerikanische Flüchtlinge, die sich in Tampico in Sicherheit zu bringen suchten, vor schweren Ausschreitungen mexikanischer An­hänger Huertas bewahrt. Als heftige Schimpf­worte gefallen waren, und ein Mexikaner Revolver­schüsse in die Fenster des Hotels abgefeuert hatte, in dem die Amerikaner sich befanden, schickte der Kommandant des deutschen Kreuzers Offiziere an Land, die der Menge mitteilten, wenn sie sich nicht binnen sünfzehn Minuten zerstreue, würden deutsche Matrosen geländet werden. Darauf zog sich der Volkshausen zurück. Deutsche Matrosen geleiteten dann die amerikanischen Frauen aus beiden Hotels auf Booten an die Schiffe im Hafen.

Ueber Veracruz verhängte der amerikanische Flottenkommandant, Konteradmiral Fletcher, das Kriegsrecht. Niemand, außer den nordamerika­nischen Truppen, darf danach in der Stadt Wassen tragen. In Veracruz, dem schlimmsten Jiebernest auf der ganzen Erde, haben die Aerzte alle Hände voll zu tun. An die ürmere Bevölkerung, unter der eine Hungersnot ausgebrochen ist, werden Lebens­mittel verteilt.

Politische Uebersicht

König Otto von Bayern vollendete am Montag sein 66. Lebensjahr. Er wurde am 27. April 1848 in München geboren, und die bayerische Krone siel ihm durch den trag'schen Tod seines Bruders, des Königs Ludwig II., am 13. Juni 1886 zu, als er längst ein unheilbarer Geisteskranker war. König Otto bewohnt, wie man weiß, das vor den Toren Münchens gelegene Schloß Fürstenried, über dessen Schwelle kein Unbefugter Einlaß erhält. Der körper­liche Zustand des beklagenswerten Wittelsbachers, der von großer und stattlicher Erstalt ist, läßt es möglich scheinen, daß er ein sehr hohes Alter er­reicht.

Der neue Statthalter v. Dallwitz trifst am Mitt­woch zur Uebernahme seines verantwortungsvollen Amtes in Straßburg ein. Fürst und Fürstin Wedel weilen selt Sonntag in Berlin, wo sie bekanntlich dauernden Wohnsitz genommen haben. Die Ehrun­gen, die dem Fürstenpaare zum Abschied zuteil wurden, waren schier endlos. Die Dankesworte des Fürsten auf alle die herzlichen Kundgebungen gip­selten stets in dem Wunsche, das kernige elsaß=loth­ringische Volk möge sich in allen seinen Schichten immer fester vom deutschen Bewußtsein durch­dringen lassen und sich immer mehr als ein unlös­liches Glied des großen deutschen Vaterlandes sühlen lernen, dann würde es mit des Reiches Wohl seinem eigenen am besten dienen.

Der Nachlaß des Kardinals Kopp weist durchaus nicht ein so großes Vermögen auf, wie ursprünglich wohl auf Grund der Schätzung der an sich sehr hohen Einkünfte des Breslauer fürstbischöflichen Stuhls angenommen wurde. Dr. Porsch erklärt als langjähriger Syndikus der bischöflichen Verwal­tung, daß Kardinal Kopp nicht einmal eine Million erspartes Geld hinterlassen habe, geschweige denn sieben Millionen. Seiner Familie habe er davon nur sehr wenig hinterlassen.

Der deutsche Reichstag nimmt heute nachmittag 2 Uhr mit der 243. Sitzung der gegenwärtigen Legis­laturperiode seine Beratungen nach der Osterpause

empfohlen worden. Laut„Nordd. Allg. Ztg.“ ist auf Veranlassung des Reichskanzlers ein solcher Be­amtenaustausch seit einiger Zeit in die Wege ge­leitet worden. Elsaß=lothringische Beamte mit akademischer Vorbildung sind zur vorübergehenden Beschäftigung im Reichs= oder preußischen Staats­dienst herangezogen worden. Umgekehrt haben z. B. preußische Schulamtskandidaten im elsaß=loth­ringischen Schuldienst Verwendung gefunden. Wei­tere Verhandlungen über die zeitweilige Ueber­nahme von mehreren Reserendaren, Gerichts= und Regierungsassessoren sowie Schulamtskandidaten sind zurzeit im Gange.

Die Bestimmungen über die Wehrbeitragsstati­stik sind vom Bundesrat in seiner außerordentlichen Plenarsitzung am Sonnabend festgesetzt worden. Die Veranlagungsbehörden haben über die Ergeb­nisse der Veranlagung zum Wehrbeitrag den oberen Behörden zu berichten, die Endzahlen der Ueber­sichten zu Hauptübersichten zusammenzustellen und bis zum 1. April 1915 dem Kaiserlichen Statistischen Amte einzureichen. Die Veranlagung wird verwendet, um eine amtliche Vermögensstatistik für das ganze Deutsche Reich mit eingehender Gliede­rung zu schaffen, da zuverlässige Angaben über das Volksvermägen für die Erkenntnis und Beurteilung der wirtschaftlichen, sozialen und sonstigen Verhält­nisse von großer Bedeutung sind. Die Veranlagung zum Wehrbeitrag würde auch die Aufnahme einer eingehend gegliederten Reichseinkommenstatistik er­möglichen, jedoch ist eine solche für den größten Teil des Reiches bereits vorhanden.

wieder auf. Auf der Tagesordnung stehen, wie ge­wöhnlich zum Beginn eines neuen Tagungsab­schnittes, Petitionen. Außer dem Etat sollen bis Pfingsten die Besoldungsnorelle und das Altpen­sionärsgesetz, sowie das zur Deckung bestimmte Rennwettgesetz erledigt werden. Bestätigt es sich, daß zwischen der Regierung und den Führern der bürgerlichen Parteien in der Österpause eine Ver­ständigung über die Konkurrenzklausel erzielt wurde, so wird auch der Entwurf darüber noch ver­abschiedet werden. Außerdem wünscht die Negie­rung bis zur Vertagung bezw. bis zum Schluß der Session die Verabschiedung der Novelle zum Mili­tärstrafgesetzbuch, des Spionags= und Sonntags­ruhegesetzes.

Im Reichstage sind die Kolonialsachverständigen dünn gesät, d. h. die Anzahl derjenigen Abgeord­neten, die unsere Schutzgebiete aus eigener An­schauung kennen, ist recht gering. Da ist die soeben in Braunsberg=Heilsberg erfolgte Wahl des Zen­trumskandidaten Freiherrn v. Rechenberg für den verstorbenen Zentrumsabgeordneten Preuß beson­ders zu begrüßen. Es ist das um so mehr der Fall, als Generalleutnant v. Liebert, dessen Wahl für ungültig erklärt worden war. in Pegau=Borna bei der im März stattgesundenen Ersatzwahl dem sozial­demokratischen Gegenkandidaten unterlag und da­mit aus dem Reichstage ausschied. Herr v. Liebert war bekanntlich von 1896 bis 1900 Gouverneur von Deutsch=Ostafrika, Freiherr v. Rechenberg waltete als Gouverneur desselben Schutzgebietes von 1906 bis 1912. Der gründlichste Kenner der Schutzgebiete unter den Reichstagsabgeordneten ist der Abg. Paasche(nt.), der Ostafrika durch eine Studienreise gründlich kennen gelernt hat. Die Insormations­reisen der wenigen anderen Volksvertreter waren zu kurz, als daß sie den Herren ein erschöpfendes Bild hätten vermitteln können.

Beamtenaustausch zwischen Elsaß=Lothringen und dem Reich. Zur Förderung des Reichsgedankens in Elsaß=Lothringen ist ein regerer Beamtenaus­tausch zwischen Elsaß=Lothringen und dem Reiche

Frankreich.

Das Ergebnis der sranzösischen Kammerwahlen,

die am Sonntag vollzogen wurden, wird sich im einzelnen erst nach der Vornahme der am 10. Mai stattfindenden Stichwahlen feststellen lassen. Ob­wohl eine erhebliche Anzahl neuer Mitglieder in die Kammer eintritt, ist die Stärke der Parteien im groben und ganzen doch unverändert geblieben. Die bekannten Parteiführer sind alle wieder ge­wählt worden. Auch Herr Caillaux, der sich nach dem Revolverattentat seiner Frau auf den„Figaro"­Direktor Calmette und nach den Enthüllungen vor der Rochette=Kommission ganz vom politischen Leben zurückziehen wollte, ist wieder im Parlament erschienen. In das Ministerium wird er vorläufig nicht wieder gelangen. Er weiß aber ganz genau, daß er als Abgrordneter seiner und seiner Frau Sache besser dienen kann, als wenn er der Regie­rung angehörte.

Türkei.

Rückzahlung des deutsch=österreichischen Vor­

schusses. Der türkische Finanzminister Dschavid Bey hat dem Konstantinopeler Vertreter der Deutschen Bank mitgeteilt, daß er den von dem bekannten deutsch=österreichischen Konsortium für die Anleihe vom Jahr: 1911 der türkischen Regierung im Jahre 1911 gewährten und wiederholt erneuten Vorschuß von drei Millionen türkischen Pfund im Laufe des Monats Mai zurückzahlen werde. Die Rückzahlung erfolgt aus dem Erlös der in Paris abgeschlossenen neuen ottomanischen Anleihe und steht in einem ge­wissen Zusammenhang mit den deutsch=französischen Abmachungen über die türkischen Eisenbahnfragen, insbesondere mit der in Aussicht genommenen Zu­rücknahme der französischen Beteiligung an dem Unternehmen der Bagdad=Eisenbahn durch die Gruppe der Deutschen Bank.

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Landtag.

65. Sitzung vom 26. April.

Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Kultusetats.

Beim Titel„Ministergehalt“ steht mit zur Be­ratung ein Antrag Porsch(Ztr.) v. Heydebrand(ks.) auf Aufhebung der Beschränkungen in der Aus­übung der Krankenpflege durch Mitglieder katho­lischer Orden und der weitere Antrag Porsch(Ztr.), den nicht mit Korporationsrechten versehenen katho­lischen Ordensniederlassungen die Erlangung der Rochtsfähigkeit zu ermöglichen. Der Antrag Schiffer (nl.), betreffend die religiöse Erziehung der Kinder