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Nr. 232.

Bielefeld, Dienstag, 5. Oktober 1909.

20.

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Die Kraut- und Rübenleute auf

dem„Siegeszugl

Mennighüffen, 3. Oktober. Heute tagte hier die zweite Volksversammlung, die sich, ähnlich wie ihre Vorgängerin vor 14 Tagen mit den Fragen der Reichsfinanzreform beschäftigte. Der Saal des„Tümpelkruges“ war bis auf den letzten Platz gefüllt. Vorn am Rednerplatze hatten die sogen. Christlich­Sozialen Posto gefaßt, die unter Führung ihres Reichstags­kandidaten Wilhelm Wallbaum schon lange vor Beginn der Ver­sammlung erschienen waren. Genosse Severing-Bielefeld refe­rierte. In seinen etwa zweistündigen Ausführungen besprach er zunächst die Finanzwirtschaf des Reiches, das Wesen der in­direkten Steuern und ihre Wirkungen im Arbeiterhaushalt und wandte sich dann den Vorgängen bei den Beratungen der Finanz­reform im Reichstage zu. Eine eingehende Würdigung erfuhr der Widerstand der Konservativen gegen die direkten Steuern und insbesondere gegen die Nachlaßsteuer. Bei einem Steuer­betrage von 100 Mi. erhoben von einem Nachlaß von 20000 Mk. von einer Vermögenswegnahme zu reden, sei der Gipfel der Un­verfrorenheit. Bei der Besprechung der Tabaksteuervorlage erörterte Redner ausführlich das Verhalten der Leute von der Wirtschaftlichen Vereinigung und bewies an Hand der Ab­stimmungen, daß auch bei dieser Gelegenheit die Fraktion ihren Namen„Kraut= und Rübenfraktion" durch die Tat gerechtfertigt habe. Ein Teil der Fraktion hat für, ein anderer gegen dos Gesetz gestimmt und ein Abgeordneter hat sich der Stimme enthalten. Das von christlich=sozialer Seite herausgegebene Flugblatt „Intimes über das Zustandekommen der Tabaksteuervorlage" sei ein Sammelsurium von Reichsverbandslügen und christlich­sozialem Blödsinn. Allerdings habe die sozialdemokratische Frak­tion des Reichstages am 30. Juni, zwei Tage vor der zweiten Lesung im Plenum den Antrag gestellt, die durch das Gesetz arbeitslos werdenden Tabakarbeiter aus Reichsmitteln zu ent­schädigen. Aber damit habe die Sozialdemokrarie das Zu­standekommen der Tabaksteuervorlage doch nicht im geringsten gefördert. Wer das behaupte, sei ein politisches Kind oder ein gewissenloser Verleumder. Hätte die sozialdemokratische Fraktion den Entschädigungsantrag nicht gestellt, dann wären wahrscheinlich die Tabakarbeiter ohne jede Unterstützung geblieben. Denn der Zentrumsantrag, ein abge­schwächtes Surrogat des sozialdemokratischen, sei erst am 2. Juli und zweifellos erst infolge des sozialdemokratischen Vorgehens eingereicht worden. Nach der Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags haben die Sozialdemokraten dann für den Zentrums­antrag gestimmt, um die Annahme der noch schlechteren Reso­lution der Konservativen zu verhindern. Auf Betreiben der Regierung hat das Zentrum bis zur dritten Lesung seinen eige­nen Antrag durch die Begrenzung der Unterstützungssumme auf 4 Millionen Mark verschandelt. Und die Christlich.= Sozialen haben dabei wacker mitgeholfen, diese Verschlechterung durchzuführen, die selbst von einem national­liberalen Unternehmersekretär, dem Abg. Dr. Stresemann, als arbeiterschädlich und schädigend bezeichnet worden war und die auch der freisinnige Abg. Potthoff als Schädigung der Arbeiter treffend charakterisiert hatte. Dagegen haben die Christ­lich-Sozialen gegen einzelne Teile eines so­zialdemokratischen Verbesserungsantrages gestimmt, der im wesentlichen die Wünsche von dem christlichen Tabakarbeiterverband aufge­nommen hatte. Im übrigen sei es traurig, wenn der angebliche Einfluß der christlich-sozialen Abgeordneten im Reichs­tage nicht einmal so weit reiche, um in der eigenen Fraktion über eine die vitalsten Interessen der Arbeiter berührenden Frage Einigkeit zu erzielen. Eitle Prahlerei sei es, wenn die Christlich=Sozialen mit ihrem Einfluß renommieren.

Kurz besprach der Redner dann noch die Wirkungen der anderen Steuern. Wenn bisheute die Belastung der indirekten Reichssteuern auf den Kopf der Be­völkerung 19 Mk. betragen habe, so steige sie durch die neuen 310 Millionen Mark um etwa 5.40 Mk., so daß jetzt auf den Kopf der Bevölke­rungein Betrag von 24,40 Mk., auf eine sieben­köpfige Arbeiterfamilie aber etwa 175 Mk. ent­fallen. Unter lebhaftem Beifall schloß Redner seine Aus­

führungen mit der Aufforderung, für die Stärkung der sozial­demokratischen Organisation in Mennighüffen und der Umgegend zu sorgen.

In der Diskussion kam als erste Redner Herr Wallbaum zum Wort. Es ärgerte ihn offenbar, daß ihm Severing zu einer Brandrede gegen die Sozialdemokratie das Konzept verdorben hatte. Er ließ sich sogar dazu herbei, einem Teil der Aus­führungen unseres Redners zuzustimmen. Und dann tischte er der Versammlung ein ungenießbares Gericht von Kraut und Rüben auf: er sprach über den Antimilitarismus, über Inter­nationalität und Monarchie, Gewerbegerichte und Schaumwein. Als er damit bei der Versammrung keinen Resonanzboden fand, versuchte er, mit einigen längst widerlegten und einigen funkel­nagelneuen christlichen Agitationslügen die Versammlung zu provozieren, was ihm auch dermaßen gelang, daß ihm Genosse Severing Ruhe verschaffen mußte. Nach einigen weiteren Be­merkungen über die Ein- und Ausfuhr im auswärtigen Handel und über das Nationaldenkmal am Niederwald war die erste Nummer des christlich= sozialen Programms des Abends er­schöpft. Nun sollten die anderen Mannen denselben Faden von der anderen Seite abhaspeln,— so dachten sie sich wenigstens die Sache. AchtHerren, mit Notizblocks, Broschüren und Papierschnitzeln bewaffnet, wollten sich auf die Versammlung loslassen und die Ver­sammelten auseinanderöden. Daran hätte sie schließ­lich auch niemand hindern können, höchstens die Versammelten selbst. Aber sie hatten sich doch verspekuliert. Wallbaum hatte nämlich eine derartig klotzige Lüge über den Genossen Severing vorgetragen, daß Severing zur Berichtigung der Anwürfe vom Vorsitzenden das Wort erbat und erhielt. Darob erhub sich zwar ein gewaltiger Donner bei den frommen und wahrheits­liebenden Kraut- und Rübenleuten; er legte sich aber, als Seve­ring erklärte, daß er auf die sachlichen Ausführungen Wallbaums nicht antworten und nur die beleidigenden Bemerkungen Wall­baums zurückweisen wolle.

Um auf die Charakteristik, die Severing den Abstimmungs­gepflogenheiten der Leute von der Wirtschaftlichen Vereinigung zuteil werden ließ, zu antworten, hatte Wallbaum nämlich be­hauptet, er sei einmal im Reichstage gewesen, und er habe gehört, daß bei einer namentlichen Ab­stimmung der Abgeordnete Severing aufge­rufen worden, aber nicht anwesend gewesen sei, und sich daher auch schon einmal bei einer na­mentlichen Abstimmung enthalten habe. Spä­ter habe er sich im Saale umgeschaut, und da habe es ihm so geschienen, als ob in einer Sofa­ecke der Abg. Severing gesessen und geschlafen habe.“ Diese Behauptungen kennzeichnete Severing mit der Bemerkung, daß Wallbaum ein gemeiner Lügner sei. Weiter kam er zunächst nicht. Das Wallbaumsche Fähnlein erhob näm­lich einen solchen Lärm, daß kein Wort zu verstehen war. Be­sonders taten sich zwei Herren hervor, die, nachdem jede Auf­forderung des Vorsitzenden, Ruhe zu halten, vergeblich geblieben war, dann aus dem Saale gewiesen wurden.„Die Gelegenheit ist günstig,“ dachten die anderen offenbar; nun war nach ihrer Meinung es möglich, die Versammlung zu sprengen. Einige aus der Wallbaumgarde forderten wie besessen zum Verlassen des Saales auf. Als sie damit nichts erreichten, versuchten sie's mit einem infernalischen Gebrüll nach der Melodie„Deutschland, über alles" und„Heil, dir im Siegerkranz“. Aber auch das fruchtete nichts, bald war ihnen die Puste ausgegangen. und wie die betrübten Lohgerber, denen die Felle weggeschwommen waren, zogen sie ab.

Nun konnte die Versammlung ungestört weiter tagen. Die kleine Lücke, die nach dem Abgang der Christlich=Sozialen ent­standen war, war bald von Nachdrängenden wieder ausgefüllt und Severing widerlegte nun im einzelnen die christlich=sozialen Lügen. Wallbaum habe direkt gelogen, als er behauptete, er habe gehört, wie bei einer namentlichen Abstimmung im Reichs­tage der Abg. Severing aufgerufen, aber nicht anwesend gewesen wäre. Bei namentlichen Abstimmungen werde niemand aufgerufen. Wer nur einigermaßen die Geschäftsordnung des Reichstags kenne, wisse, daß mittels Abstimmungskarten abge­stimmt werde. Diese Karten, die den Namen des abstimmenden Abgeordneten und(je nach dem Votum) den Vermerk„ja“,„nein“ und„ent­halte mich“ rragen, werden von den Schriftfüh­

rern eingesammelt, ohne daß bei der ganzen Ab­stimmung der Name auch nur eines Abgeordne­ten genannt werde. Und die amtlichen Abstim­mungslisten würden ausweisen, daß er, Seve­ring, an allen namentlichen Abstimmungen teilgenommen und sich dabei niemals der Ab­stimmung enthalten habe. Der Vorwurf des ge­meinen Lügners bleibe auf Wallbaum so lange sitzen, bis er seine Behauptung zurücknehme oder an Gerichtsstelle beweise. Auch die anderen Wallbaumschen Unwahrheiten rückte der Red­ner ins rechte Licht. In Nr. 226 der„Volkswacht“ ist schon widerlegt, was der„Vorwärts“ angeblich zum sozialdemokra­tischen Unterstützungsantrag geschrieben haben sollte. Nicht den sozialdemokratischen Antrag hat der„Vorwärts" ein elendes, blödsinniges Machwerk genannt, sondern er hat den Giesbertsschen Antrag, der den sozialdemokratischen verschlechterte, als ein elendes Surrogat des sozialdemokratischen Gedankens bezeichnet. Auch daß die Sozialdemokratie bestrebt gewesen wäre, durch Ablehnung des Zentrumsantrages auf Fest­setzung des Unterstützungsbetrages den Tabakarbeitern die Unterstützung zu entziehen, ist eine elende„christliche“ Agita­tionslüge. Die Sozialdemokraten stimmten in der dritten Lesung gegen den Verschlechte­rungsantrag des Zentrums, um die Beschlüsse der zweiten Lesung, die für die Tabakarbeiter günstiger waren, aufrecht zuerhalten.

So endete die Versammlung mit einem voulen Erfolg für die Sozialdemokratie und mit einer fürchterlichen Niederlage der „Christlichen“ und ihres Reichstagskandidaten Wallbaum. Wir sind neugierig, wie sich dieser Herr mit den in der Versammlung erfolgten für ihn so blamablen Feststellungen abfinden wird.

Parteinachrichten.

Im Beleidigungsprozeß Mehring=Mugdan=Kopsch ist am

Sonnabend vor der Berufungsinstanz— das Schöffengericht Berlin hatte Mehring zu 250 Mark Strafe verurteilt— der folgende Vergleich geschlossen worden:

„1. Der Angeklagte erklärt, daß seine Ausführungen in Nr. 51 des„Vorwärts“ vom 29. Februar 1908, durch velche der Privatkläger, Herr Dr. Mugdan, als Verfasser des dort näher bezeichneten Gedichts gekennzeichnet wird, unrichtig seien, daß er anerkenne, daß dieses Gedicht nicht von Dr. Mugdan herrühre, und daß daher die von ihm(Mehring) an diese Tatsache ge­knüpften Folgerungen unzutreffend seien.— Im Anschluß hieran erklärt Dr. Mugdan, daß er nunmehr die im letzten Absatze seines in der Nummer 163 der„Freisinnigen Zeitung“ vom 14. Juli 1908 unter der Ueberschrift„Wie Herr Mehring sich erinnert“ mit Beziehung auf den vorerwähnten„Vorwärts“= Artikel enthaltene Wendung„corriger la fortune“ zurücknimmt.

2. Der Angeklagte erklärt: Ich erkenne an, daß Dr. Mugdan in der 151. Sitzung des Reichstages vom 6. Mai 1908 nicht davon gesprochen hat, daß die freisinnige Partei ihre früheren Ueber­zeugungen geändert hat, vielmehr hat Herr Dr. Mugdan, zu den Sozialdemokraten gewandt, sich dahin geäußert:„Als wir noch die früheren Grundsätze hatten— nach Ihrer Ansicht— ist die Sozialdemokratie ebenso über uns hergefallen wie gegenwärtig.

3. Herr Rektor Kopsch erklärt: Wenn ich in der 109. Sitzung des Reichstages vom 26. Februar 1908 bezüglich meiner Be­merkung über die Herren Dr. Mehring und Ledebour— soweit der erstere in Frage kommt— dieselbe Entgegnung gehört hätte, wie von dem Abg. Ledebour, würde ich mich bezüglich des Dr. Mehring in demselben Sinne geäußert haben, wie ich dies gegen­über Herrn Ledebour getan habe. Nachdem Dr. Mehring er­klärt hat, daß er ebenso wie Ledebour zu der Zeit, wo er Re­dakteur der„Volks=Zeitung" war, noch nicht eingeschriebenes Mitglied der sozialdemokratischen Partei war, nehme ich die da­mals aufgestellte Behauptung zurück.

4. Nunmehr erklärte Dr. Mehring noch, daß er die in dem Artikel des„Vorwärts“ vom 16. Juli 1908 enthaltenen Be­leidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt.

5. Der Angeklagte übernimmt die Kosten des Verfahrens beider Instanzen

6. Klage und Widerklage werden zurückgenommen.“

Auf dem 10. westpreußischen Provinzial=Parteitag in

Elbing, auf dem von 13 Wahlkreisen der Provinz 11 durch 22 Delegierte, darunter 2 weibliche, vertreten waren, konnte der

Sore.

Roman aus den Goldfeldern Kaliforniens „ von Friedrich Gerstäcker.

„Nun, der ist aufzufinden,“ sagte Hale.„So viel lahme Pferde wird es im Paradies nicht geben. Aber wie bekommen wir die Zeugen vom Macalome herüber, wenn Ihr selber nicht imstande seid, nur die Namen zu nennen?“

„Geben Sie mir jemanden mit hinüber und ich will selber—“ „Ja, kann ich mir denken,“ rief der Sheriff,„jetzt, wo der ganze Busch voll von Indianern steckt. Ich weiß nicht einmal, ob wir einen Boten finden würden, der hinüber reiten möchte.“

„Und was könnten die auch helfen,“ sagte Cook,„höchstens bezeugen, daß Ihr drüben gearbeitet habt, denn daß Ihr den Platz nicht einmal auf einen halben Tag oder in der Nacht ver­lassen, wird keiner imstande sein, zu beschwören.“

Und wie bewachen wir den Burschen jetzt?“ frug Hale,„lange können wir ihn nicht halten und Gefängnisse haben wir auch nicht

„Wir können nichts weiter tun, Mr. Hale,“ sagte der Alcalde, „als an Ort und Stelle erst den Tatbestand zu konstatieren und die Zeugen zu vernehmen. Halten wir ihn dann für schuldig, so müssen wir ihn an die Distrikts Court abliefern, die sein Urteil sprechen wird. Mir steht kein Recht zu über Leben oder Tod.“

„Aber der Jury steht es zu,“ rief Cook wild dazwischen. „Glaubt Ihr, wir werden den Mörder eines so ehrlichen, braven Burschen, wie je einer seine Büchse in den amerikanischen Wäldern geführt, den Advokaten nach Golden gate oder gar nach San Francisco hinüberschicken, daß sie ihn dort nach Guntdünken wieder laufen lassen?“

„Ihr werdet tun, Sir,“ sagte der Richter ernst,„was Euch die Gesetze gebieten.“

„Wenn Ihr das glaubt,“ lachte Cook,„dann kennt Ihr die Kalifornien noch nicht. Aber verdammt will ich sein—“

„Ruhig, Cook,“ unterbrach ihn Hale,„die Sache geht jetzt ihren Geng, und daran könnt Ihr nichts ändern, ob Ihr den lieben Hergott oder den Teufel zu Hilfe ruft. Die Hauptsache ist jetzt, den Burschen so zu bewachen, daß er nicht auskneifen kann.“„ 4%

„Ich werde Euch nicht entfliehen,“ sagte der Gefangene ruhig. „Ja. das ist alles sehr schön,“ meinte der Sheriff,„auf die bloße Versicherung hin möchte ich aber gerade nicht bauen. Noch etwas zu sagen, Mr. Heison?“

„Nein, Ihr sorgt mir dafür, daß dem Gefangenen nichts

Zu essen und zu trinken soll er hahen

„Und daß er nicht beleidigt wird—., g#g. 124 4.

„Er ist unter meiner Obhut,“ sagte Haie finster,„und bis

wir nicht bestimmt wissen, ob er schuldig ist, werd' ich ihm die Burschen schon vom Leibe halten.“

„Und wo wollt Ihr ihn bewachen?“

„In meinem eigenen Zeite, freiwillige Wachen werden sich schon dazu finden.“

„Es ist gut. Noch einmal. Mr. Golway, es tut mir leid, Sie in solcher Lage zu sehen. aber—“

„Tun Sie Ihre Plicht, Sir,“ sagte Golway,„mehr verlang' ich von Ihnen nicht.“

„Sonst noch etwas, Squire?“ frug der Sheriff.

Mr. Hetson schüttelte mit dem Kopfe, und die beiden Männer führten den Gefangenen im nächsten Augenblick weg, um ihn in des Sheriffs Zelt unter sichern Gewahrsam zu bringen, bis die Jury zusammengerufen sein würde.

Doktor Rascher hatte dem ganzen Verhör schweigend, aber als aufmerksamer Zuhörer beigewohnt. Jetzt erst, als die Männer das Zelt verlassen hatten, wandte er sich an Hetson, seine Hand ergreifend:„Mr. Hetson, meine feste Ueberzeugung nennt den Mann unschuldig.“

„Und das Gold?“

„Wie leicht kann das bei solchen Verkäufen durch den wirk­lichen Verbrecher, möglich ja auch schon wieder durch die zweite oder dritte Hand in seinen Besitz gekommen sein, und halten Sie den Mann, dem Ihre Gattin einst die Hand reichen wollte, für solcher Tat nur fähig?“

„Die Frage hat er selber schon an mich gerichtet,“ sagte Het­son mit finsterem Blick,„wer aber will ein Menschenherz er­gründen?"

„Sie haben das seine ergründet,“ sagte aber der alte Mann mit fester Stimme.„Sie so gut wie ich. Sie sind über­zeugt, daß er das Verbrechen nicht begangen hat. nicht begehen konnte, und Sie müssen alles das, was in Ihren Kräften steht, tun, ihm die Beweise zu verschaffen, die er dazu braucht, wenn nicht Ihr ganzes späteres Leben ein einziger langer Vor­wurf, ein Leben bitterer Reue werden soll"

Er steht unter dem Gesetz,“ sagte Hetson finster.

„Das tun wir alle,“ erwiderte der Doktor.„Ihnen aber brauche ich wohl kaum zu sagen, wie es mit den Gesetzen hier in Kalifornien steht, und wie die aufgeregte Menge, wo sie glaubt, daß ihr die Gesetze störend im Wege liegen könnten, in wildem Aufruhr Gesetz und Ordnung unter die Füße tritt, der eigenen Neigung nur im Augenblick zu folgen. Ich hätte nicht die langen Jahre in den Staaten leben, nicht dort Zeuge ihrer unwillkürlichen Lynchjustiz sein müssen.“

Hetson hatte sich in einen Stuhl geworfen und stützte den linken Ellbogen, düster dabei vor sich niedersehend. auf den Tisch. Er hörte nicht, wie seine Frau leise wieder in das innere Zelt getreten, war, wie sie auf ihn zuschritt. Erst als sie ihre Hand leise auf seine Achsel legte und seinen Namen flüsterte, hob er langsam seine Hand empor, die sie faßte, aber den Kopf drehte er nicht nach ihr um.

„„Frank,“ sagte die Frau mit flüsternder, angstbebender Stimme,„ich habe alles gehört; die dünne Zeltleinwand ist nur ein schwacher Schutz gegen das laute, zornige Wort der Männer. Sie haben Böses mit dem Unglücklichen im Sinn, und du— du wirst— ihn nicht schützen können.“

„Und wenn er den Mord wirklich verübt hätte?“ sagte Het­son, ohne zu ihr aufzuschauen.

„Frank, um Gottes willen,“ bat in Todesangst die Frau, „die Frage kam nicht aus deiner eigenen Seele.“

„Ein Stück des Goldes, das dem Toten gehörte, ist bei ihm gefunden worden.“

„Und wenn ein Engel vom Himmel niederstiege,“ rief Jenny in wilder Leidenschaft,„und sagte, er ist schuldig, ich sagte nein, nein, und tausendmal nein.“

„Jenny!“ rief Hetson, erstaunt von seinem Stuhle aufstehend und sie ansehend,„du bist außer dir.“

„Mré. Hetson,“ bat auch Doktor Rascher,„bitte, fassen, mäßigen Sie sich.“

„Und weshalb?“ rief die Frau in furchtbarer, fast krampf­hofter Aufregung.„Hab' ich meinem Herzen nicht genug Ge­walt angetan diese langen Jahre? Hab ich einen anderen Ge­danken gekannt wie dieses Mannes Frieden, einen anderen Seelenwunsch, als ihn glücklich zu sehen und von dem unglück­seligen Wahn zu heilen, der ihn befangen hielt und seine Kräfte lähmte? In diese Wildnis selbst, zwischen eine Horde von Menschen, vor deren Roheit sogar die Indianer zurückweichen. bin ich ihm gefolgt, mein ganzes Leben hab' ich ihm, nur ihm allein geweiht, wahr und ehrlich. Aber auch das Leben selbst hat eine Grenze. Es gibt einen Punkt, der mich zum Wahn­sinn treiben, es gibt eine Stelle in meinem Herzen, die ihr zu Tode treffen könnt. Wahrt euch davor, denn ich selber stehe nicht für die Folgen.“

„So liebst du deinen früheren Verlobten noch?“ frug der Mann, und seine Stimme klang hohl, fast geisterhaft.

„Lieben,“ wiederholte leise und matt die Frau, und der aus­gestreckte Arm sank an ihrer Seite nieder.„Lieben? Ja, wie man einen Toten liebt. Aber nicht noch einmal will ich ihn vor meinen Augen morden sehen,“ setzte sie rascher und heftiger hinzu.„Spiele nicht mit den Gerühlen, Frank, die Gott uns selber in das Herz gelegt und die wir selber nicht vertilgen können, ohne das Gefäß zu brechen. Dieser Mann war meine erste heiße Liebe, und wenn ich auch das Gefühl selbst mit der Wur­zel aus der eigenen Brust gerissen habe, die feinen Fasern, die es früher hielten und nährten, blieben darin zurück. Ich habe ihm entsagt, und deiner Liebe froh, Frank, soll nicht der Schatten seines Bildes mehr zwischen uns treten. Aber du kannst nicht verlangen, daß ich ihn vergessen soll, du kannst nicht glauben, daß ich seinem Mörder—“

„Jenny!“ schrie Hetson, erschreckt die Hand gegen sie aus­streckend.

„Es ist gut,“ sagte die Frau kurz abbrechend.„Wott##