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9244

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Nr. 80.

Bielefeld, Montag, 5. April 1909.

20. Jahrg.

Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.

Herr von Einem auf dem Kriegspfade.

Ein früherer süddeutscher Offizier schreibt dem„Vorwärts“. aachträglich zu den Reichstagsdebatten über den Militäretat:

Untertänig und bescheiden wie das offizielle Bayerntum vor dem offiziellen Borussentum zu sein pflegt, hat der bayerische Militärbevollmächtigte am 16. März er. im Reichstage gesagt,

er wolle die Ausführungen des Abg. Häusler nicht widerlegen. Das würden die Herren der preußischen Heeresverwaltung schon besorgen, und bei ihnen sei es auch in viel besseren Händen als bei ihm selbst. Am nächsten Tage ergriff Herr von Einem das Wort und bewies wieder einmal, welch ein Lumen das jetzige Haupt der preußischen Militärverwaltung ist. Die herrlichste Blute dieser rednerischen Leistung war die Art und Weise, in der der Kriegsminister die Geheimhaltung der Qualifikationen der Offiziere zu rechtfertigen suchte. Zuerst meinte er, das bis­herige geheime Verfahren bringe die Gefahr, daß ungerechte Be­urteilungen vorkommen, nicht mit sich, denn die qualifizieren­den seien„ehrliche, anständige und nach ihrem ganzen Charakter gefestigte Menschen".(Stenogr. Bericht Seite 7536.) Einige Minuten später aber traute er diesen ehrlichen, anständigen und nach ihrem ganzen Charakter gefestigten Menschen eine Hand­lungsweise zu, die man weder offen noch ehrlich nennen kann.

Er meinte nämlich, daß, wenn den Qualifizierten ihre Qualifi­kationen mitgeteilt würden, sich eine Situation ergäbe, die er rörtlich wie folgt beschrieb., ,, 3gericht, würk Gusach

„Die Folge derartiger Qualisikationsverichte würde einfach die sein, daß neben den öffentlichen Qualifikationsberichten noch andere herliefen. Das würde die Folge sein, meine Herren! Der betreffende höhere Vorgesetzte wurde sich den Oberst heran­nehmen und einfach sagen:„Ja, Sie haben ihn ja sehr schön qualifiziert, aber wie ist er denn eigentlich?“(Stenogr. Bericht

So sehen also im Königreich Preußen nach der Anschauung des Herrn Kriegsministers von Einem, genannt Rothmaler, die Offiziere vom Regimentskommandeur aufwärts aus! Fühlt ein Regimentskommandeur die Pflicht, einen ihm untergebenen Offi­zier ungünstig zu qualifizieren, so hätte er, wenn die Qualifi­kationen öffentlich wären, nach Herrn von Einem wahrscheinlich nicht die Courage, dem betreffenden Untergebenen ehrlich ins Gesicht zu sagen:„Ich habe an Ihnen das und das beobachtet und bin daher gezwungen, Ihnen das und das in die Qualifi­kation zu schreiben“, sondern er würde— wieder nach Herrn von Einem— dem Offizier eine vorzügliche Qualifikation ausstellen, sie ihm vorlesen und dann neben dieser brillanten Qualifikation eine geheime abgeben, in der der Offizier getadelt würde. Und Regimentskommandeure, denen er ein solches Verfahren zutraut, nannte der preußische Kriegsminister, einige Minuten vorher„ehrliche(wohlgemerkt ehrliche!), anständige und ihrem ganzen Charakter gefestigte Menschen“.

Aber es kommt noch netter! Nach der Anschauung des Herrn t. Einem würden die Vorgesetzten der Regimentskomman­deure in dieses hinterhaftige Verfahren nicht mit einem Donner­wetter dreinfahren, sobald sie davon Kenntnis erhalten. Nein: sie würden ihn mit Gott für König und Vaterland dulden und ihn sogar mitmachen. Da sie— immer nach Herrn von Einem— genau wüßten, daß die Regimentskommandeure im­stande sind, mit voller Ueberlegung jalsche Qualifikationen aus­zustellen und zu unterschreiben, würden sie die Herren fragen, wie die Qualifizierten wirklich sind.

Einen solchen moralischen Saustall hält der dermalige kgl. preußische Kriegsminister unter den höheren und höchsten preu­ßischen Offizieren nicht nur für möglich, sondern, wie aus seiner Rede hervorgebt, sogar für unausbleiblich! Und zwar ist ihm diese reizende Schilderung nicht in der Hitze des Gefechts her­ausgerutscht. Er hatte vielmehr 24 Stunden Zeit zur Vorbe­reitung auf seine Rede. Nach dieser Glanzleistung der jetzigen preußischen Kriegsexzellenz muß man den preußischen Offizieren zu dem ausgezeichneten Advokaten, den sie in ihrem Minister be­

sitzen, wirklich gratulieren..„ gast zuasizziert wirh

Wenn übrigens jetzt so gewissenhaft quatifizier# wird, wie ist dann möglich gewesen, daß der bekannte Rittmeister v. Krosigk an der Spitze einer Eskadron blieb? Und wie ist es dann zu erklären, daß Prinzen in einem Alter, in dem andere Offiziere erst Kompagniechef sind, schon Divisionen und Armeekorps kom­mandieren? Hier sind doch nur zwei. Mögsichkeiten denkbar: entweder ist das höhere militärische Handwerk nicht so schwierig; dann können aber die Massenpensionierungen in den mittleren und höheren Charoen nur durch ungerechte Qualifikationen inszeniert werden. Oder es ist schwierig; dann aber wäre es bei einem nur auf Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit basierenden Qualifikationssystem ausgeschlossen, daß Prinzen mit 35 Jahren an der Spitze von Armeekorvs stehen.

Gänzlich unbekannt ist Herrn von Einem die Bevorzugung des Adels in der Armee. Man darf ihm mit statistischen Zahlen kommen, man darf ihm zahlenmäßig nachweisen, daß der Pro­zentsatz des Geburtsadels in den einzelnen Offiziers­chargen um so größer wird, je höher die Charge ist. Macht nichts, die Kriegserzellenz weiß von nichts, ja sie fordert den, der die Zahlen zitiert hat, entrüstet auf, seine, Behauptung, daß der Adel in der Armee protegiert werde, schleunjast zurück­zunehmen. Ein zweifellos sehr einfaches Verfahren! Es ist halt einmal so, daß der Adel von Natur aus viel gescheiter ist als Menschen bürgerlicher Herkunft. Für die Richtigkeit dieses Satzes stellt Herr von Einem selbst ein weithin leuchtendes Beispiel.

Der Kriegsminister hat bei der obenerwähnten Gelegenheit dem preußischen Adel einen Lorbeerkranz gewunden. Erstens läßt der vreußische Adel sich für die Leistungen seiner Vorfahren heute noch alänsend honorieren. Zweitens sind die berühmtesten und bekanntesten vreußischen Militärs überhaupt nicht dem preußischen Adel entsprossen. Derfflinger, dessen Herkunft nicht vellkommen feststeht, war auf jeden Fall kein preußischer Junker, Blücher war ein Mecklenburger, Gneisenau ein Sachse, Scharn­horst ein Hannoveraner. Yorks Abstammung ist ebenso wie jene Derfflingers. nicht sicher. Darüber, daß er kein vreußischer Junker war, kann freilich kein Zweifel sein. Moltke war ein Mecklenburger. Ja selbst Herr v. Einem, derzeit General und kgl. preußische Kriegserzellenz, hat nicht die Ehre, zu den preußi­schen Junkern zu gebören. Sein anerstammter— oder wie Heine sagt— angestammelter König ist bekanntlich der letzte König von Hannover gewesen. Unseres Wissens ist sein Vater für

diesen König bei Langensalza sogar gefallen, nicht ahnend, daß sein Sohn 40 Jahre später das preußische Schwert, das ihm selbst das Leben gekostet hat, schleifen werde.

Von jener sattsam bekannten Ueberhebung,

jener sattsam bekannten Ueberhebung, die preußische Offiziere manchmal zur Schau tragen, zeugten die Ausführungen, die Herr von Einem der Forderung des Abgeordneten Häusler, daß die aktive Dienstzeit der Kavallerie auf zwei Jahre reduziert werde, entgegenietzte. Die Erfahrung lehrt zur Genüge, daß die Zunftmilitärs stets ein heftiges Oppositionsgeschrei loslassen. wenn von der Abkürzung der aktiven Dienstzeit einer Waffe ge­sprochen wird. Ist die Verkürzung aber dennoch eingetreten, so lehrt die Praxis, daß sie gar nichts geschadet hat. Da jeder Blamierte das Recht besitzt, noch längere Zeit zu schimpfen und die Kassandra zu spielen, so verhalten die Zunftmilitärs sich noch einige Jahre nach der Einführung der kürzeren Präsenz­zeit skeptisch, bis auf sie niemand mehr hört. Das ist der ge­wöhnliche Lauf der Tinge. ge gf..“, Herghiehute der at

Hätte der Abgeordnete Hauster die Herabsetzung der attiven Dienstzeit der Kavallerie auf acht Wochen verlangt, so würde die Erwiderung des Kriegsministers berechtigt gewesen sein. Aber Herr Häusler tritt für eine zweijährige Präsenzzeit ein. Da Herr von Einem fragte, ob Herr Hausler selbstverständliche Dinge nicht wisse, so wollen wir ihn auch einiges fragen. Weiß er denn nicht, daß in den deutschen Manövern auch die Kaval­leristen des ersten Jahrgangs, also junge Männer, die erst seit elf Monaten auf dem Pferde sitzen, die gewagtesten Attacken und Patrouillenritte reiten? Oder wird im Manöver vor einer Attacke vielleicht befohlen:„Erster Jahrgang austreten“? Und werden in den Krieg nur die Kavalleristen, die im dritten Jahre dienen, mitgenommen? Läßt etwa Herr von Einem die Leute des ersten und zweiren Jahrgangs zu Hause? Diese Fragen mag der Kriegsminister sich selbst beantworten. Schwierig ist es ja nicht. Und wenn er die Antwort gefunden hat, mag er mit seinen Verstandeskräften darüber nachdenken, ob der Gedanke, die Präsenzzeit der Kavallerie auf zwei Jahre zu reduzieren, wirklich so blödsinnig ist, wie er ihn hinzustellen versüchte

Dir Inlanz drs bosnischen Abrnienrts.

P. Wien, 2. April.

„Alle guten Oesterreicher loben ihren Aehrenthal. Die offi­ziösen Zeitungen preisen ihn als den Sieger über Rußland und England und Serbien, und alle Schwarz=Cielben jubeln, daß Oesterreich endlich wieder eine Rolle unter den Großmächten spielt. Aber leider gibt es solcher guten Oesterreicher, solcher schwarzgelben Patrioten nicht sehr viel, und die Bevölkerung hatte in diesen Tagen nur ein Gefühl: Das Gefühl der Freude, daß der Krieg vermieden wurde. Selbst in Wien, wo die einzige patriotische Partei des Reiches, die Christlichsozialen, ihren Sitz kuren haben, herrschte dieses. Gefühl vor, und zu derselben Zeit, da die nuch 1 Christlichsozialen im Parlament mit dem Sävel rasselten und so taten, als ob das Volt keine andere Sorge habe, als den Ueber­mut der Serben zu züchtigen, konnte man beim Abmarsch der Wiener Truppen nach Bosnien nichts weniger als eine kriege­rische Stimmung bemerken. Die Soldaten wurden zu der Bahn­höfen von Tausenden von Personen begleitet, die ihrer bangen Sorge Ausdruck gaben, ob sie ihre Angehörigen, denen sie jetzt das Geleit gaben, wiedersehen würden. Nicht ein einzigesmal kam es dabei zu patriotischen Kundgebungen, wie sie wohl unver­meidlich geweien wären, wenn die Politik Aehrenthals in der Bevölkerung Widerhall gefunden hätte. Bestenfalls nahm man die letzte Phase des Konflikts, die Mobilisierung, als einen Akt der Notwehr hin, zu dem man durch die serbische Aufregung ge­zwungen wäre. Aber als die Spannung am größten war, als der Krieg unvermeidlich schien, da gab es gar wenig Begeisterung für Aehrenthal und sein Werk.

Nun kann man auch endlich genau übersehen, was Oesterreich und seine Völker von der Annektion Bosniens und der Herze­gowina profitiert haben. Selbst vom Gesichtspunkte der Groß­machtspolitik aus betrachtet hat das bosnische Abenteuer sonder­lich viele Erfolge gebracht. Ernsthaft mußte das 50=Millionen­Reich die Chancen eines Krieges gegen den 3=Millionen=Staat erwägen, mußte sich der Großstaat vor seinem Zwergnachbarn durch einen Militärkordon schützen, mußte eine viertel Million Soldaten nach Bosnien schaffen, mußte sich alle Beschimpfungen ruhig gefallen lassen und mußte es schließlich als Triumph an­sehen, daß Serbien die Annektion anerkannte. Aber immerhin mag vom Standpunkt der Prestigepolitik aus das Ende ein Er­folg Oesterreichs sein, immerhin mag die Tatsache, daß Serbien wieder einmal die Treulosigkeit der rutsischen Politik erkennen konnte, die den kleinen Staat in die Rüstungen und Schulden hineinsetzte, um es dann schmählich im Stich zu lassen, für die österreichische Balkanpolitik günstig sein— wenn auch die Ge­schichte lehrt, und wie die österreichischen Staatsmänner aus Dr. Wladen Georgewitschs Broschüre über die„Serbische Frage“ ersehen konnten, daß alle Treulosigkeiten Rußlands Serbien aus der„russischen Hypnose“ nicht zu befreien vermochten.

Aber für die Völker Oksterreichs stellt sich die Rechnung noch viel trauriger. Die Proklamierung der Annektion wurde von der Türkei mit dem Boykott der österreichischen Waren beant­

dieser Verlegenheit hatte entrinnen wollen, mußte lich dann doch vor der Geschicklichkeit der Jungtürken die Segel

streichen und mußte sich zu einer regelrechten Kriegsentschädi­gung von 55 Millionen Kronen(46 Millionen Mark) bequemen. nicht gerechnet die Belastung der österreichischen Industrie durch die Zustimmung zur Erhöhung der türkischen Zölle. Aber das

war nur das Vorsviel. Was der Konflikt mit Serbien gekostet hat, läßt sich vorläufig auch nicht annähernd berechnen. Nun stand Oesterreich plötzlich mitten in wirklichen Kriegsrüstungen: in Rüstungen zu einem Krieg nach zwei Fronten. An der russischen Grenze mußten alle Besatzungen verstärkt werden, in Bosnien wurde ein kolossales Kriegsheer zusammengezogen, und zugleich in ganz Oesterreich alle Garnisonen verstärkt, um jeden Augenblick genug Reserven bereit zu haben. Die österreichische Heeresverwaltung benützte die Gefahr des drohenden Krieges, um, was es in Friedenszeiten von den Parlamenten nicht be­willigt erhielt, nun ohne Parlament sich selbst zu bewilligen. Kanonen und Gewehre und sonstiges Kriegsmaterial wurden an­geschafft. und niemand fragte, wer das Geld hierfür bewilligt habe. Ein bürzerliches Blatt hat schon vor einem Monat be­

rechnet, daß eine halbe Milliarde ausgegeben und um weitere 300 Millionen Kronen Bestellungen gemacht worden seien. Vor­läufig hat man sich damit beholfen, daß man die in den Zeiten der Hochkonjunktur angesammelten Reserven in den Staatskassen ausplünderte: hat doch die Regierung gegen den ausdrücklichen Wortlaut der Gesetze in Oesterreich allein um 220 Millionen Kronen Schatzscheine ausgegeben, wofür sie allerdings unter dem Drucke der Kriegsgefahr von der Parlamentsmajorität eine still­schweigende Indemnität erhielt, da diese es ablehnte, sich in eine Prüfung der Verfassungsmäßigkeit dieser Schatzscheine einzu­lassen. Aber schließlich und letztlich wird auch der militärische Absolutismus das Parlament nicht umgehen können, und er wird nicht nur die Bewilligung der bisherigen Ausgaben, sondern auch die schon jetzt geplante Vermehrung der Rekruten­zahl vom Parlament ansprechen müssen. Dann werden die Völker dieses Staates genau berechnen können, was die Schaf­fung einer„klaren, unzweideutigen Rechtsstellung“ Bosniens und der Herzegowina, die Umwandlung der Okkupation in eine Annektion, was diese Abänderung sie gekostet hat.

Politische Uebersicht.

Deutsches Reich.

Konkurrenzkampf unter den liberalen Parteien des Blockes.

Die Nationalliberalen haben durch einige Reichstagsabgeord­nete in Stettin und der Provinz Pommern Versammlungen abhalten lassen. Darüber ist die„Liberale Korrespondenz“ (Freisinnige Vereinigung), Nr. 67 vom 1. April, sehr ent­rüstet; sie schreibt:

„Dcit Recht wird das Vorgehen der Nationalliberalen in Stettin von freisinniger Seite als Brüstierung empfunden. Es kann nur der Sozialdemokratie und der Reaktion dienen.“

Und ein pommersches Freisinnsorgan, die„Ostseezeitung",

„Bisher konnten wir leider nur erkennen, daß das Auf­tauchen der nationalliberalen Sonderbestrebungen in den Pom­merschen Wahlkreisen lediglich der Rechten Wasser auf ihre Mühlen leitete, und das kann unmöglich im Sinne der national­liberalen Parteileitung liegen...“

Zur Arbeitslosenversicherung. Im bayerischen Ministerium des Innern fand am 30. März eine von der Regierung einbe­rufene Konferenz von Vertretern bayerischer Städte, der Ge­

erkschaften und der Unternehmerverbände statt, die sich mit

be­erstatut

für eine kommunale Arbeitslosenvernicherung ausarbeiten lassen.

Ein Vertreter der Industriellen erklärte, er müsse entschieden warnen vor allen Maßnahmen, die geeignet seien, die Sozial­demokratie zu stärken. Zu solchen„gefahrlichen“ Maßnahmen sei auch die Einführung einer staatlichen oder kommunalen Ar­beitslosenversicherung zu rechnen.

Die Verteidigung der Ministerstürzer. Den Grubenherren ist es außerordentlich unangeneym, daß ihre geheime Tätigkeit, die sich gegen den preußischen Handelsminister Delbrück richtete, an die Oeffentlichkeit gezogen worden ist. Die„Berliner Neue­sten Nachrichten“, ein Blatt, das vom Großkapital ausgehalten wird, mussen sich der Aufgabe unterziehen, die Ränkespinnerei der Grubenbarone zu rechtfertigen. Das Blatt behauptet, es sei das gute Recht der Grubenbesitzer, in vertraulichen Be­sprechungen darüber zu beraten, ob Herr Delbrück der geeignete Mann ist, ein Ministerium zu leiten, dessen Entscheidungen von weitestgehendem Einfluß auf die Wohlfahrt des gesamten Reiches sind. Das Blatt sagt dann:

„Die Maulwurfgänge, welche das Zentrum mit seinen In­triguen gegraben hat, um den Kanzler zu stürzen, die don­nernde Entrüstung der Liberalen, das wüste Geschimpfe und die unbedenkliche, skrupellose Verleumdung der Sozialdemo­kraten, alle diese schlechten Sitten kann man den Bergherren nicht zum Vorwurf machen.“

Es habe sich um weiter gar nichts gehandelt, als den Berg­herren die Autorität in ihren Betrieben zu sichern. Eine Kon­trolle von sozialdemokratischen Arbeitern konnten sie sich unter keinen Umständen gefallen lassen.

Wenn man in den Betrieben der Heeresverwaltung Kon­trolleure aus den Reihen der Soldaten wählen wollte, so würde sich die Verwaltung das sicher nicht gefallen lassen. Weshalb also sollen gerade die Bergwerksbesitzer mit einer Kontrolle ein­verstanden sein? Herr Delbrück habe als Veranlassung der neuen Berggesetznovelle das Unglück auf Zeche Radbod ange­geben, obwohl damals noch gar nicht feststand, worin die Ursache der Explosion zu suchen war. An den von der sozialdemokra­tischen Presse veröffentlichten Tatsachen wagt das Blatt der Grubenbarone nichts abzuschleifen.

Hungersnot in Deutsch=Ostafrika. Die„Deutsch=Ostafrika= nische Rundschau" teilt folgendes mit:„Von der Hungersnot am meisten heimgesucht sind die östlichen Landschaften Gaseni, Useri und Dolole; auch in Matschani, Keni und Kerua sind die Nahrungsmittel knapp. aber eine wirkliche Hungersnot ist dort nicht eingetreten. Grund der Hungersnot ist die schon seit zwei Jahren anhaltende trockene Witterung. Am östlicher Kiliman­dscharo wurden bisher nur Bananen angebaut. Die Banane hält bei mangelnder oder schlechter Feuchtigkeit zwar eine Zeit lang aus, dann aber versagt sie gründlich und erholt sich nur langsam. Die Eingeborenen haben selbst einen großen Teil ihres Viehes verkauft, und zum Teil zu Spottpreisen. Die Verteilung von Lebensmitteln hat bereits Anfang Februar be­

„Ersparnisse“ beim Etat. Der Reichstag hat bei der Etats­beratung in diesem Jahre insgesamt 15 395 155 Mark gestrichen,

und zwar rund 10 Millionen im Etat für das Reichsheer, 5 Millionen im Postetat, der Rest verteilt sich auf die übrigen Etats. Statt 2865 409 018 wurden nur 2850 018 863 Mark be­willigt.

Ueber die staatliche Pensionsversicherung der Privatange­stellten soll demnächst eine zweite Denkschrift der Reichsregierung erscheinen. Das Beitrittsalter soll— wie verlautet— auf 16 bis 60 Jahre festgesetzt werden. Von der Beschränkung der Versicherung auf Angestellte mit nicht mehr als 5000 Mk. wird abgesehen, es sollen vielmehr aus versicherungstechnischen Grün­den sämtliche Angestellte der Versicherung unterworfen werden. Ebenso soll die Hinterbliebenenpension sämtlichen, nicht nur den