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Sc UTTOrbUu UpUrUT

Organ der Sozialdemokratie

für das östliche Westfalen und die lippischen Fürstentümer.

Erpedition und Redaktion: Schulstraße Nr. 20.

Nr. 71. Bielefeld, Donnerstag, 25. März 1909.

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für die einspaltige Petitzeile obtr deren Raum 15 Pfg. Bei Wieder­holungen entsprechender Rabatt.

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bis ½9 Uhr vormittags. Größer­Inserate müssen bis 5 Uhr abends tags zuvor aufgegeben sein. —

Druck und Verlag per Buchdruckerei und Buchhandlung „Volkswacht“

Gerisch& Co., Nieleseld.

20.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten

Das Ende des Blocks.

Berlin, 25. März. In der Finanzkommission hatte der Vertreter der Konservativen gestern vormittag die Erklärung abgegeben, daß, wenn die Freisinnigen auf ihrem Widerstand gegen den neuen Branntweinsteuerentwurf beharren, die Kon­servativen sich eine andere Majorität suchen. Schon als diese Vorgänge aus der Kommission im Plenum bekannt wurden, war man sich in den Kreisen der liberalen Blockparteien darüber einig, daß es nicht gut möglich ist, unter diesen Umständen den Block noch lange aufrecht zu erhalten. Bald darauf wurde übri­gens erzählt, Abg. v. Normann, der Führer der Konservativen habe im Auftrag seiger Fraktion die Führer der Nationallibe­ralen und Freisinnigen Gemeinschaft aufgesucht und ihnen offi­ziell die Mitteilung gemacht, daß die Konservativen sich nunmehr gezwungen sehen, die Reichsfinanzresorm ohne die Nationallibe­ralen und die Freisinnigen und statt dessen mit den Parteien zu machen, die den Willen dazu gezeigt hätten, das heißt also mit der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Reichspartei und vor allem mit dem Zentrum. Auf Erkundigungen an unterrichteter Stelle werden diese Vorgänge dem„Berl. Tagebl.“ bestätigt, es liege in der Tat bereits eine offizielle konservative Erklärung vor. Ueber die Pläne der neuen konservativ=klerikalen Koalition weiß man noch nichts authentisches, wohl aber verlautet, der zieue Block be­absichtige, 400 Millionen indirekter Steuern zu bewilligen. Mit diesen außerordentlich bedeutsamen Vorgängen darf man wohl auch den Besuch in Zusammenhang bringen, den gestern der Führer der Agrarier, der Abg. v. Schwerin=Löwitz dem Reichs­kanzler abgestattet hat. Nach diesem Besuch wurde in den Wan. delgängen des Reichstages unter Berufung auf Aeußerungen am Bundesratstische behauptet, der Reichskanzler werde auch Kanz­ler bleiben, wenn er gezwungen sei, mit der neuen Koalition zwischen Konservativen und Zentrum zu regieren.

Die„Tägl. Rundschau“ meint, die Kündigung sei erfolgt, weil die Konservativen die Stellung Bülows für erschüttert halten und das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler sich ge­ändert habe, wenngleich nach einer zweistündigen erregten Unter­redung mit dem Kaiser der Kanzler seine Entlassung gefordert, diese jedoch der Kaiser nicht angenommen habe. Als Nachfolger des Reichskanzlers nennt das Blatt den Statthalter von Elsaß­

Lothringen.

*

Eine Untersuchung des Elends.

Die von Herrn Chamberlain in 1903 in Bewegung gesetzte und seitdem mit allerlei demagogischen Mitteln energisch ge­triebene schutzzöllnerische Agitation hat zu einem guten Resul­tat geführt,— sie hat die Herrschaften in beiden Lagern ge­zwungen, sich mit der Lage der arbeitenden Klassen zu be­schäftigen. Während die Schutzzöllner alle Uebel der Gesell­schaftsordnung, Arbeitslosigkeit eingeschlossen, dem„wider­sinnigen“ Freihandel zuschreiben, der die ausländische Kon­kurrenz frei zulasse und damit den Beschäftigungsgrad im In­lande senke, bemühen sich die Freihändler, das Gegenteil zu be­weisen, indem sie, auf Grund vergleichender statistischer Ziffern, auf das größere Elend der ausländischen Volksmassen hinweisen und alle Vorteile, die der englische Arbeiter besitzt, auf das Konto des Freihandels setzen. Gleich beim Beginne der Kontroverse stellte das Handelsamt, das von freihändlerischen Beamten be­setzt ist, zwei dicke Blaubücher zusammen, die die industrielle Ueberlegenheit Englands gegenüber den protektionistischen Län­dern nachzuweisen suchten. Dann im Oktober 1905 unternahm es eine systematische Untersuchung über die Lage der Arbeiter­klasse in England, Deutschland und Frankreich, um zu beweisen, daß die Arbeiterklasse im freihändlerischen England viel besser lebe, als in den anderen schutzzöllnerischen Ländern. Die Er­gebnisse dieser Untersuchung in bezug auf England und Deutsch­land wurden bereits im vorigen Jahre veroffentlicht. Vorige Woche erschien der letzte Band, ein Gelbbuch über die Miets­preise, Lebensmittelpreise, und Arbeitslohn= und Arbeitszeit­verhältnisse in Frankreich. Es ist wiederum ein dicker Foliant, mehr als 400 Seiten stark, und wimmelt von Ziffern und Ta­bellen. Es enthält viel interessanten und wertvollen Stoff, der aber mit großer Vorsicht beyandelt werden muß. Internationale Verschiedenheiten können nie mit Genauigkeit statistisch zum Ausdruck gebracht werden, und wenn wir in solchen Fällen mit bloßen Ziffern zu handeln haben, so müssen wir ihre bedingte Geltung immer im Auge behalten. So zum Beispiel, wenn wir bemerken daß ein französischer oder deutscher Arbeiter für das­selbe Geld nur eine kleinere Wohnung bekommt, als der englische, so müssen wir uns hüten, daraus zu schließen, daß der letztere besser wohnt; denn in England ist, dank den klimatischen und gewissen sozialen Verhältnissen, eine geräumige Wohnung eine dringendere Notwendigkeit, als auf dem Festlande, und folglich ist der Vorteil einer größeren Wohnung für England nicht so groß wie in Deutschland oder Frankreich. Auch ist die Woh­nungsmiete keineswegs ein erschöpfender Maßstab der Billig­keit einer Wohnung. Beleuchtung und Reinigung gehören auch dazu, und auf diese Dinge muß wegen der englischen Atmosphäre weit mehr verwendet werden als auf dem Festlande. Behalten wir diese Dinge im Auge, so können wir den internationalen Ziffern nur einen begrenzten Wert beilegen, wodurch sie natür­lich noch keineswegs ihres Interesses beraubt sind.

Die typische Arbeiterwohnung in England besteht aus vier und sogar fünf Zimmern, in Deutschland aus zwei bis drei, in Frankreich dagegen aus zwei und nur in Ausnahmefällen aus drei Zimmern. Auch eine Einzimmerwohnung, die, wie in England, so auch in Deutschland selten ist, kommt in Frank­reich sehr oft vor. Dafür sind die Mieten in Frankreich niedriger als in Deutschland und sogar in England. Eine Zweizimmer­wohnung zum Beispiel, die in England durchschnittlich 3 bis 3.50 Mark pro Woche kostet, in Deutschland aber um 50 Pfg. bis

1 Mark teurer ist, kostet in Frankreich 2,16 bis 2,64 Mark pro Woche. Nimmt man Arbeiterwohnungen an, bestehend aus zwei, drei und vier Zimmern und setzt man die Mieten in Eng­land gleich 100, so lauten die entsprechenden Zahlen für Deutsch­land 99,1 und in Frankreich 81. In den englischen Mieten aber sind die Lokelsteuern eingeschlossen; zieht man sie ab, so be­kommt man für die Mieten in England, Deutschland und Frank­reich die Ziffern: 100, 123 und 98. Wie niedrig die Wohnungs­mieten in Frankreich tatsächlich sind, geht noch aus andern Tat­sachen hervor. Setzt man die Wohnungsmiete in London gleich 100, so beträgt die Wohnungsmiete in Paris 98, in Lyon 60, in 21 anderen Städten unter 50 und in zwei sogar nur 29. Da­gegen für Deutschland lauten die Zahlen: Berlin 100, dann folgt Stuttgart mit 97. und 23 andere Städte mit mehr als 50(Leipzig hat 54). Der Boden= und Hauswucherer ist in Deutschland tätiger als in Frankreich und sogar England. Deutschlands Bodenwucher in der Welt voran!

Nach der Miete kommen die Lebensmittel. Hier ist die Ehre zwischen Deutschland und Frankreich ziemlich gleich geteilt. Nimmt man elf der meistgebrauchten Lebensmittel— Zucker, Butter, Kartoffeln, Mehl, Brot, Milch, Rindfleisch, Schweine­fleisch usw.—, so ergibt sich, daß Frankreich und Deutschland nur je zwei Artikel besitzen, die billiger als in England sind, — Frankreich Butter und Milch, Deutschland Kartoffeln und Milch. Vergleicht man Frankreich mit Deutschland, so sieht man, daß in Frankreich fünf Artikel billiger und die übrigen teurer sind als in Deutschland. Das Verhältnis aber, in dem die ver­schiedenen Artikel in den verschiedenen Ländern verbraucht wer­den, ist nicht das gleiche. In Deutschland wird ein größerer Teil des Familienbudgets auf Nahrungsmittel verwendet als in Frankreich, ein kleinerer aber als in England. Wie in Deutschland, so verwendet man auch in Frankreich mehr auf Brot, Fleisch und Gemüse als in England; in Deutschland gibt man auch mehr aus für Butter, Oele und Milch als in Frank­reich; dafür gibt man dort weniger aus für Brot, Gemüse und Früchte. Auch ist bei den französischen Arbeitern der Fleisch­genuß viel mannigfaltiger. Das alles hängt von der Ge­ichmacksrichtung wie von den Preisen ab. Nimmt man aber die Art und die Quantität der Artikel, die in einem durchschnittlichen englischen Arbeiterfamilienhaushalte verbraucht werden, so er­gibt sich, daß sie in England nur 13,88 Mark pro Woche kosten, dagegen in Deutschland und Frankreich 16,50 Mark, d. h. um 18 Prozent teurer sind. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, daß der englische Arbeiter wirklich besser ißt und lebt. Das hängt noch von anderen Faktoren ab. Tatsache aber ist: wenn eine englische Arbeiterfamilie nach Deutschland oder Frankreich auswandert und dort auf dieselbe Weise lebt, wie sie in England gekeht hat, so werden ihre Lebenskosten im Verhältnis von 100 zu 118 verteuert. Umgekehrt, wandert eine deutsche oder fran­zösische Arbeiterfamilie nach England aus und bewahrt ihre gewöhnliche Lebenshaltung, so verbilligen sich ihre Unter­haltungskosten im Verhältnis von 108 resp. 106 zu 100.

Aber nicht nur sind die Unterhaltungskosten in Deutschland und Frankreich teurer als in England, auch die Verdienste sind kleiner. Das Gelbbuch vergleicht die Lohnraten und Arbeits­stunden in den drei Ländern bei 13 verschiedenen Arbeiter­kategorien, die zu den allgemeinen Gewerben gehören, nämlich Baugewerbe, Metallgewerbe und Buchdruckerei, und zeigt, wie beinahe in jedem einzelnen Falle der festländische Arbeiter hinter dem englischen in der Lohnhöhe zurückbleibt. Nimmt man die englischen Lohnraten gleich 100, so schwanken die französischen Lohnraten zwischen 65 und 85— im Durchschnitt 75, und die deutschen, mit einer einzigen Ausnahme, die auch gleich 100 ist, zwischen 75 und 90— im Durchschnitt 83. Die Lohnraten stehen also in Deutschland zwar höher als in Frankreich, aber bedeutend niedriger als in England. Desgleichen in bezug auf die Ar­beitsstunden. In Deutschland sind die Arbeitsstunden in den betreffenden Gewerben kürzer als in Frankreich, aber doch viel länger als in England. Wenn die durchschnittliche Arbeitszeit in England gleich 100 ist, so beträgt sie in Deutschland 111 und in Frankreich 117. Kombinieren wir die Lohnraten mit den Arbeitsstunden, so bekommen wir für Deutschland einen Stundenlohn von 75 und für Frankreich von 64 gegenüber dem englischen Stundenlohn von 100.

Die Vorteile der englischen Arbeiter im Vergleich mit ihren festländischen Kollegen sind also ganz unverkennbar. Freilich muß man, wie gesagt, diese Ziffern mit großer Vorsicht be­nutzen. Wenn wir zum Beispiel die höheren Lohnraten und kürzeren Arbeitsstunden in England betrachten, so dürfen wir nicht außer acht lassen, daß die Ziffern nur für die ausgewählten Gewerbe gelten, die in England zu der„Arbeileraristokratie" gehören. Die Spitzen der Arbeiterklasse stehen sich in England viel besser, dafür aber ihre Tiefen wahrscheinlich viel schlechter als auf dem Festlande. Die angeführten Ziffern können des­halb für die Lage des gesamten englischen Proletariats keines­wegs maßgebend sein. Auch würde es ein großer Fehler sein, alle die Vorteile, die der englische Arbeiter besitzt, ausschließ­lich oder auch nur zum größten Teile auf das Konto des Frei­handels zu stellen. Vielmehr muß man in diesen Vorteilen das Resultat jener ganz außerordentlichen Machtstellung Eng­lands auf dem Weltmarkte sehen, die es bis vor kurzem ein­nahm. Ein Kapitalismus, der drei Generationen hindurch das industrielle Weltmonopol besaß und fabelhafte Reichtümer für die Unternehmerklasse schuf, konnte auch der Arbeiterklasse etwas zuwerfen. Auf der anderen Seite aber unterliegt es keinem Zweifel, daß der deutsche und französische Arbeiter doch unter gewissen Nachteilen leiden, die die Folge des Schutzzolls sind, und wenn es nicht andere Faktoren gäbe, die diese Folgen ab­schwächten, wie zum Beispiel ein besseres Klima oder höhere Bildung oder größere Wirtschaftlichkeit der Frauen, so hätte das französische und deutsche Proletariat sehr schlecht abgeschnitten. Der Freihandel hat dem englischen Proletariat nicht viel ge­holfen, da seine Wirkung durch andere Momente abgeschwächt wurde. Der Schutzzoll aber hat den festländischen Arbeitern viel geschadet, indem er bedeutende Vorteile ihrer Lage nahezu auf­gehoben hat.

Ersparnisse im Militäretat.

Ein alter Offizier schreibt der„Frankfurter Zeitung":

Der Militäretat für 1909/10 weist einen Rückgang von 23 Millionen auf, es könnten aber ebenso viele Millionen noch ge­spart werden, ohne der Schlagfertigkeit des Heeres irgendwie zu schaden. Eine Notiz der„Frankfurter Zeitung" erwähnte kürzlich, daß der hierbei einzuschlagende Weg von ehemaligen Offizieren gewiesen werden könnte, deren Erfahrungen der Be­

ratungskommission des Reichstags zur Verfügung gestellt wür­den. Ich glaube, neben diesen würden langgediente ehemalige Zahlmeister noch bessere Dienste leisten können; beide müßten als Richtschnur nehmen, nur das unbedingt Notwendige zur Bewilligung vorzuschlagen und zu verhindern, daß irgend eine noch so unsichtbare Hintertür offen bliebe. Von einer beab­sichtigten Ersparungskommission im Kriegsministerium erwarte ich wenig, fast scheint sie nur der parlamentarischen Einsetzung einer aus wirklichen Sachverständigen bestehenden besonderen Kommission vorbeugen zu wollen.

An Tagegeldern und Reisekosten sind Unsummen zu ersparen ohne Schaden für den Dienst; hier tritt der Mißbrauch oft sehr deutlich zutage. Es ist mir z. B. noch in lebhafter Erinnerung, wie einst im Offizierkorps über einen kommandierenden General geurteilt wurde, welchem man nachsagte, er bestreite die Kosten seiner ganzen Haushaltung aus Ersparnissen an Reisediäten... Daß diese ewigen Besichtigungen aller Art nicht im Interesse des Truppendienstes sind, liegt auf der Hand; sie haben jene Nervosität verschuldet, deren Folge unmittelbar den raschen Ver­brauch an Offizieren und Unteroffizieren, mittelbar aber manche Mißhandlung— moralische noch mehr als tätliche— zeitigte.

Die Fahrgelder sollten nur auf Grund der wirklich bezahlten Eisenbahntaxe— für Generäle nebst einem Begleiter 1. Klasse, für alle anderen Offiziere usw. 2. Klasse— und einer Quittung über wirkliche Auslagen für etwaige Wagenfahrten vergütet werden. Hierbei sollte der beliebten, weil billigeren Benützung von Dienstfahrzeugen, sogen. Krümpern, gegen festzustellende Taxe nichts im Wege stehen, während sie jetzt mit Recht bei der Zivilbevölkerung scheel angesehen wird. Dasselbe gilt für Be­nützung von Dienst=Automobilen, sowie solcher— auch Wagen—“ im Besitze von Offizieren, falls diese sie selbst zu Dienstzwecken benützen oder Vorgesetzten zur Verfügung stellen. Letzteres hat bisher, weil unentgeltlich, dem Geiste der Kameradschaft ebenso geschadet, wie dem Ansehen weniger feinfühlender Herren. Er­

scheint das Verfahren, mittels einfacher Quittungen Fahrkosten zurückzufordern, ungeeignet oder unsicher, so werfe man mäßige Pauschalsummen aus für jeden zu Dienstreisen verpflichteten Offizier. Ihre Höhe, an der Hand obiger Grundsätze festgesetzt, würde etwa die Hälfte der bisherigen Reisekosten(einschließlich Tagegelder) ausmachen, und das beunruhigende allzuviel Herum­reisen würde sich bald auf das Notwendige beschränken.

Die Tagegelder sind sehr reichlich, für höhere Chargen zu reichlich bemessen: Kriegsminister oder kommandierender General täglich 27, bei mehreren Tagen je 35 Mark.— Leut­nant 7,50 bis 10 Mark. Ein so großer Unterschied ist nicht gerechtfertigt. Die üblichen Informationsreisen höherer Offi­ziere in neu überwiesenen Bezirken sind überflüssig; bei der nächsten Besichtigung lernen sie die unterstellten Truppen besser kennen, und den Offizierkorps werden durch Wegfall von Be­grüßungsessen unnötige Kosten erspart.

Alle Sinekuren, welche dazu dienen,„guter Protektion sich erfreuende, im Frontdienst entbehrlich gewordene“ Offiziere jahrelang der Uniform zu erhalten, dabei namhafte Zulagen zu beziehen und ihren Pensionsbetrag von Jahr zu Jahr zu erhöhen, sind abzuschaffen. Solche sind z. B. 1. Die Gouver­neure oder die Kommandanten von Festungen; ein Stellen­inhaber genügt, hat im Frieden wohl wenig zu tun, ist aber für den Kriegsfall unentbehrlich und muß in seinem Dienstbereich auf dem Laufenden sein. Eine unbedeutende süddeutsche Festung erfreut sich des Besitzes von zwei solchen Stellen, ein Stab von zwei Platzmajors, ein Generalstabsoffizier, ein Adjutant und das notige Artillerie= und Ingenieurpersonal stehen zu ihrer Verfügung! Ein Kommandant und ein Platzmajor genügten neben dem technischen Personal vollständig. Der Adjutant wäre im Kriegsfall aus den Offizieren der Garnison sofort zu be­ziehen. 2. Die Gouverneure und Kommandanten offener Städte mit Ausnahme von Berlin, wo dieses Amt mit dem des Ober­kommandos in den Marken füglich zu vereinigen wäre. Solche bestehen in Altona, Breslau, Darmstadt, Dresden, Frankfurt am Main, Karlsruhe, München, Potsdam, Schwerin, Stuttgart und dienen fast ausschließlich zu Repräsentationszwecken bei Paraden, Monarchenempfängen und dergl. Sie haben mit der eigentlichen Truppenausbildung nichts zu tun, sind den Truppen selbst bei Beaufsichtigung des Garnisonwachdienstes häufig im Wege und vermehren den Schriftverkehr. Als Ueberbleibsel aus längst vergangener Zopfzeit, da der Wachdienst und die Parole­ausgabe die wichtigste Tätigkeit der Söldner in Friedenszeit war, passen diese Posten schlechterdings nicht für die heutigen Volksheere. Warum sollte ihre kostspielige Tätigkeit nicht, wie dies in den anderen Garnisonen der Fall, durch den dienst­ältesten Offizier mit versehen werden? Ein Leutnant aus der Truppe konnte zu dessen Unterstützung kommandiert werden, oder besser noch ein inaktiver bewährter Feldwebel mit dem Rang eines Feldwebelleutnants, welchem in größeren Orten ein ebenfalls inaktiver Schreiber zuzuteilen wäre.

Die Zahl der bei den regierenden Fürsten diensttuenden Adjutanten könnte, ohne dem Ansehen der ersteren nahe zu treten, vielleicht vermindert werden. Mancher fähige Offizier wird durch diese Verwendung dem Truppendienst entzogen und entfremdet; wenn er auch bei diesem kurze Gastrollen gibt, so passen doch beide häufig nicht mehr recht zusammen— trotzdem avanciert der Adjutant viel rascher als seine den beschwerlichen Dienst versehende Kameraden, was als gefährliche Ungerech­tigkeit bezeichnet werden muß. Die zu königlichen usw. Prinzen kommandierten Offiziere sollten alle dem Truppendienst zurück­gegeben werden, welchem sich ihre Herren doch meist selbst wid­men, während sie nebenher spazieren reiten. Die Gehälter, Zulagen, eventl. auch Pensionen aller dieser Adjutanten sollten aus der Zivilliste, den Apanagen usw. der betreffenden Fürsten und Prinzen bestritten werden und nicht der Militärkasse zur Last fallen, welche an dem Vorhandensein keinerlei Interesse, von ihnen keinerlei Nutzen hat. Es ist wohl selbstverständlich, daß die in solchen Stellen entstehenden häufigen Reisekosten nicht aus Militärkassen gezahlt werden. Der Grundsatz„nob­lesse oblige“ dürfte wohl die in etatsmäßigen Stellen befind­lichen, Apanage keziehenden Fürsten veranlassen, auf ihre Ge­hälter usw. zugunsten des Militär=Etats ganz oder teilweise zu verzichten, da sie doch häufig anderweitig abgehalten sind und vor allem viel jünger in gut bezahlte Stellen einrücken als ge­wöhnliche Sterbliche, z. B. ein süddeutscher Thronfolger mit 42 Jahren in diejenige eines kommandierenden Generals mit rund 32000 Mark, während ein Fronzoffizier in diesem Alter nicht einmal Major wäre.

Versetzungen könnten bei einiger Ueberlegung und Voraus­sicht in den meisten Fällen so verfügt werden, daß Umzugskosten vermindert, Vergütung von Wohnungsmiete ganz vermieden würden, oder es könnte die Versetzung wie bei Beamten auf ein