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Erstes und ältestes Tagesorgan des Kreises. O Haupt-Annoncenblatt
Nr. 111
Erstes Wlatt
Deutscher Keichstag.
255. Sitzung. 12. Mai, 2 Uhr.
Auf der Tagesordnung steht die Weiterberatung der Ankräge Speck(Z.) und Dr. Roesicke auf Einführung einer gestaffelten Mühlen=Amsatzsteuer.
Abg. Molkenbuhr(Soz.): Die Antragsteller wollen mit ihrem„warmen Herzen“ die Kleinbetriebe schützen gegen die Großmühlenbetriebe. Wenn es sich um Panzerplatten und Panzerschiffe handelt, denkt Herr Roesicke über die Großbetriebe anders. Die Anträge laufen hinaus auf eine starke Verteuerung der Vermahlungskosten. Die Vermahlung stellt sich bei den Großmühlen viel billiger und schon das allein rechtfertigt sie! Vergleicht man übrigens die Zahlen der Mühlen und der in ihnen tätigen Arbeiter pro 1895 und 1907, so stellt sich sogar ein kleiner Rückgang der durchschnittlichen Arbeiterzahl pro Mühle heraus! Da kann man also auch nicht von einem eigentlichen Anwachsen des Großbetriebs sprechen. Von dem Verschwinden der Kleinmühlen befürchtet Herr Roesicke die Gefahr eines Mehl=Trusts in Deutschland. Aber ein Mehltrust könnte doch nur dann kommen, wenn die Landwirtschaft ihn mitmacht! Und wenn das geschieht, dann wird man nichts anderes tun können, als daß man— einfach die Getreidezölle aufhebt! Denn dann ist die Landwirtschaft eben am Mehltrust mitschuldig.
Abg. Gothein(Fr. Vgg.) spricht gegen die geplante Steuer. Die Zahl der Betriebseinstellungen sei nicht erheblich. Die Statistiken der Abgeordneten Speck und Neuner, die das Gegenteil beweisen sollten, beruhen auf falschen Grundlagen. Herr Neuner hat sehr übertrieben, er hat aus Einern Neuner gemacht. Nicht die Großmühlen haben sich sehr vermehrt, sondern vielmehr die mittleren Betriebe. Ein Rückgang der kleinen Betriebe ist in allen Berufen zu verzeichnen. Der Redner sucht nach den Angaben eines Auskunftsbureaus nachzuweisen, daß die mittleren Mühlen sich im allgemeinen sehr gut stehen. Petitionen, die etwas anderes behaupten, enthalten grobe Unwahrheiten. Es ist unwahr, daß von den Großmühlen hauptsächlich ausländisches Getreide verarbeitet wird. Die Königsberger, Breslauer und Liegnitzer Großmühlen haben z. B. Jahrzehnte lang kein ausländisches Getreide gemahlen. Man darf nicht unbesehen alles glauben, was die Interessenten behaupten. Die Anträge bringen uns auf eine abschüssige Bahn. Lehnen Sie sie ab.
Abg. Beck(Aichach, Z.): Praktischen Wert haben die Ausführungen des Vorredners nicht. Derjenige, der die Verhältnisse kennt, wird den Anträgen zustimmen müssen. Es gilt, die kleinen Müller vor der Großindustrie zu schützen.
Abg. Hausmann(nl.): Aus wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen lehne ich mit einem Teil meiner Fraktion die Umsatzsteuer ab. Die kleinen und mittleren Mühlen sind nicht technisch rückständig. Sie liefern ebenso gutes Mehl, wie die Großmühlen. Wenn es ihnen schlecht geht, so ist ihr gegenseitiger Streit daran schuld. An dem Rückgang der Lohnmühlen sind nicht die Großmühlen schuld, sondern die Erweiterung der landwirtschaftlichen Betriebe.
Abg. Günther(Sachsen, Fr. Vp.) bekämpft die Umsatzsteuer. Auch die Bäcker seien dagegen. Der Rückgang der Kleinmühlen datiert schon aus dem Jahre 1819. Die Konkurrenz der Großmühlen kommt dabei gar nicht in Betracht. Die Landwirtschaft bläst den kleinen Mühlen das Lebenslicht aus.
Abg. Binder(Soz.) bekämpft ebenfalls die Anträge.
Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen.
Abg. Speck(Z.) polemisiert in seinem Schlußwort gegen den Abg. Gothein und empfahl nochmals die Annahme seines Antrages. Ebenso der zweite Antragsteller, Abg. Dr. Roesicke.
Beide Anträge werden sodann angenommen gegen Freisinnige, Sozialdemokraten und den größeren Teil der Nationalliberalen.
Morgen 2 Uhr: Kleine Vorlagen, erste Lesung des Münzgesetzes und zweite Lesung des Bankgesetzes.
Schluß gegen 7½ Uhr.
Dreußischer Landtag.
85. Sitzung. 12. Mai.
Am Ministertisch: Frhr. v. Rheinbaben, Schwartzkopff.
Haus und Tribünen sind gut besetzt.
Präsident v. Kröcher eröffnet die Sitzung um 11¼ Uhr,
Auf der Tagesordnung stehen
die Besoldungsvorlagen.
Die Beratung
gest
gestellter A überall so
sche seihe 94 uis ien Shäschkcer ie ordnetenhauses. Jusbesondere sollen auch die Zulagen 100 für erste und alleinstehende Lehrer und auch die Alterszulagen nach der Staffelung des Abgeordnetenhauses aufrechterhalten bleiben. Bei der Festsetzung der Staatsbeiträge dagegen kommt der Kompromißantrag den Beschlüssen des Herrenhauses entgegen. Der Antrag hält schließlich auch die rückwirkende Kraft vom 1. April 1908 ab aufrecht.
Donnerstag den 13. Mai 1909
Abg. Schiffer(nl.): Die Fraktionen haben für die heutige Beratung eine besondere Vereinbarung getroffen. Für jede Vorlage ist ein besonderer Redner bestellt, der im Namen sämtlicher Fraktionen die leitenden Gesichtspunkte darlegen soll, die zu gemeinsamem Vorgehen der Parteien geführt haben. Dieser Modus soll sinnfällig zeigen, daß das Haus nach wie vor in den Besoldungsfragen völlig einig ist. Diese Einigkeit ist eine Tatsache von großer politischer Bedeutung.(Lebh. Zustimmung.) Sie beweist, daß das Haus entschlossen ist, in großen Fragen die Parteiunterschiede beiseite zu stellen und den Wettbewerb der Parteien auszuschalten.(Lebh. Beifall.) Damit zeigt das Haus, daß es über ein reiches Maß staatsmännischer Mäßigung, politischer Verantwortlichkeit und patriotischen Pflichtgefühls verfügt.(Lebh. Beifall.) Hier handelt es sich in der Tat um große Fragen. Denn wenn materielle Interessen ohnehin die Leidenschaften aufstacheln, so ist das hier noch mehr der Fall, weil diese Interessen schon lange die Oeffentlichkeit beschäftigen und zu einer großen Agitation Anlaß gegeben haben. Die Einigung aller Parteien, die unter schweren Opfern, nach Ueberwindung von Schwierigkeiten allerersten Ranges, erkauft wurde, ist ein Beweis dafür, daß die von uns getroffene Lösung der Gerechtigkeit entspricht.(Sehr richtig!) Dem Eindruck dieser erneuten Einmütigkeit des Hauses wird sich auch das Herrenhaus nicht verschließen. Auch das Herrenhaus muß Opfer bringen, damit wir zu einem guten und baldigen Schluß kommen.(Lebhafter Seischt.(9) Fimmt den G.s3tühmingen bas Ghazrahners
Abg. Marx(Z.) nimmt den Ausführungen des Vorredners zu. Die Einigkeit aller Parteien beweist den großen Ernst dieses Augenblicks.
Abg. Cassel(Fr. Vp.): Auch wir halten an dem Kompromiß fest. Wir haben seinerzeit viele Wünsche im Interesse der Beamten und Lehrer zurückstellen müssen, daß wir jetzt verlangen können, daß den Lehrern wenigstens das Mögliche gewährt wird. Die Gemeinden müssen die Opfer, die die Vorlage ihnen zumutet, im Interesse der Allgemeinheit tragen. Wir hoffen auf eine baldige Einigung zwischen Stadt= und Landlehrern.(Beifall links.)
Abg. Borgmann(Soz.): Der Verurteilung der Lehreragitation schließen wir uns nicht an. Wie hat sich das Haus aufgeregt, als es sich um die freie Fahrt für die Abgeordneten handelte! Die schwankende Haltung der Regierung ist bereits in einer formvollendeten und geistbollen Rede des Grafen Eulenburg gekennzeichnet. Die Regierung hätte im Herrenhause energischer auftreten sollen.(Beifall bei den Soz.)
Abg. Frhr. v. Zedlitz.(sk.): Wir stimmen dem Antrage Schiffer vollständig zu und hoffen, daß die Vorlagen bald verabschiedet werden und Beruhigung in den Kreisen der Beamten und Lehrer eintritt.(Beifall.)
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben spricht namens der Staatsregierung die volle Zustimmung zu den Beschlüssen der Kommission aus, denen sich ja auch das Plenum anschließen werde. Die Regierung wisse, was es bedeute, einen einheitlichen Beschluß aller bürgerlichen Parteien herbeizuführen, bei dem alle Parteien Opfer bringen mußten. Wenn eine Einheitlich keit des Willens aller bürgerlichen Parteien herbeigeführt sei, so werde das im Lande Eindruck machen und Beruhigung in den Kreisen der Beamten und Lehrer schaffen. Diese einheitliche Haltung des hohen Hauses wird auch eine befruchtende Wirkung auf unser ganzes staatliches, politisches und parlamentarisches Leben ausüben.(Lebhafter Beifall.)
Die Besprechung schließt. Das Gesetz wird nach dem Kompromißantrag Schiffer einstimmig angenommen.
Es folgt als zweiter Abschnitt
die Besoldungsordnung.
Das Herrenhaus hatte hier die Ausnahmestellung der Berliner Professoren im Honorarbezug beseitigt und alle preußischen Landesuniversitäten gleichgestellt. Ein Kompromißantrag sämtlicher Parteien schließt sich den Beschlüssen des Herrenhauses an und bestimmt, daß die neue Art des Kollegiengeldbezuges vom 1. April 1909 ab gilt.
Abg. v. Hennigs=Techlin(k.): Auch wir begrüßen die Einmütigkeit aller Parteien, die weit über den Rahmen dieser Vorlage hinaus Bedeutung besitzt.
Abg. Dr. v. Savigny(Z.): Wir alle haben Lieblingswünsche zurückstellen müssen, um die Einigkeit zu ermöglichen. Die nächste große Aufgabe muß sein, nun auch die staatlichen Arbeiter aufzubessern.
Abg. Hirsch=Berlin(Soz.): Auch wir verlangen Besserstellung der Staatsarbeiter. Anträge stellen wir nicht, da sie der Ablehnung sicher sind.
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Erst sind die Arbeiterlöhne gestiegen, und jetzt müssen wir die Beamtengehälter erhöhen.(Sehr richtig! rechts.) Im übrigen müssen wir auf die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung gebührend Rücksicht nehmen. Es geht nicht an, lediglich die Wünsche der Beamten zu berücksichtigen, ohne sich darum zu kümmern, wer die Kosten zu tragen hat.
Die vorliegenden Anträge werden angenommen, ebenso en bloc die Besoldungsvorlage.
Es folgt die gemeinsame Besprechung über die Novelle zum Wohnungsgeldzuschußgesetz, die Novelle zum Einkommen= und Ergänzungssteuergesetz und das Mantelgesetz.
Zur Novelle zum Einkomnen= und Ergänzungssteuergesetz
beantragt
Durch Nacht und durch Grauen, Durch Tiefen und Höh'n Führt froh das Vertrauen:
Der Herr wird's versehn.
41. Jahrg.
Abg. Gyßling(Fr. Vp.), bei der Einschätzung von Landund Forstwirtschaftsgrundstücken den Ertragswert zugrunde zu
legen. Ein Antrag Herold(Z.) will eine Bestimmung streichen, die vom Herrenhaus eingefügt ist, wonach, wenn die Grundstücke durch lästigen Vertrag erworben worden sind, der gemeine Wert bei der Einschätzung zugrunde zu legen ist. Zum Mantelgesetz liegt ein Kompromißantrag v. Hennigs vor, der die Wiederherstellung der rückwirkenden Kraft des Wohnungsgeldzuschusses vom 1. April 1908 an fordert.
Abg. König(Z.) befürwortet als Redner für die Kompromißbeschlüsse lebhaft die Wiederherstellung der rückwirkenden cchr.. ig. Tür## pteinh.k.. V.c bi. 8.
Finanzminister Fryr. v. Rheinbaben: Auch die Regierung tritt für die rückwirkende Kraft des Wohnungsgeldzuschusses bis 1. April 1908 ein. Wir wollen den Beamten keine Mittel für die Agitation liefern. Die eigentliche Crux der ganzen Verhandlungen ist die Regelung des Wohnungsgeldzuschusses im Reich. Da wir noch nicht übersehen können, wie dort der Wohnungsgeldzuschuß sich gestalten wird, konnten wir nur zu einer provisorischen Regelung auf einige Jahre greifen.
Abg. Dr. Schröder(nl.): Wir würden es für bedauerlich und bedenklich halten, wenn die in der Thronrede versprochene rückwirkende Kraft des Wohnungsgeldzuschusses nicht gewährt würde. Uebrigens hat das Herrenhaus vergessen, die Mittel für die erhöhten Wohnungsgeldzuschüsse für 1908 zu streichen. (Große Heiterkeit.)
Abg. Brütt(fk.): Wir werden für den Antrag Herold stimmen.
Abg. Gyßling(Fr. Vp.): Das Versprechen der Thronrede muß gehalten werden.
Abg. Herold(Z.) begründet den Antrag des Zentrums.
Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben bittet, die An
#### Gybling und Herold ah-zsohnen. Es handle sich
handle sich vor Zwecken dienen,
rrage Gyßung und peroto aozulehnen. Es han allem darum, Grundstücke, die spekulativen Zw nach dem gemeinen Wert zu erfassen.
Abg. Frhr. v. Maltzahn(k.): Die rückwirkende Kraft auch der Wohnungsgeldzuschüsse war notwendig. Sie nicht zu gewähren, wäre eine Härte gewesen.
Die Besprechung schließt. Der Antrag Herold wird angenommen, der Antrag Gyßling abgelehnt; das ganze Mantelgesetz gegen Polen und Sozialdemokraten genehmigt, ebenso die beiden Novellen.
Das Haus vertagt sich auf Donnerstag, 11 Uhr: Etat.
Schluß 5 Uhr.
Kna#p.
Politische Uebersicht.
Deutschland.
Unser Kaiser ist Mittwoch vormittag in Brindisi eingetroffen und herzlich empfangen worden. Nach der Entrevue geht dann die Fahrt weiter nördlich ins Adriatische Meer. In Wien hat man mit der Ausschmückung der Straßen zum Empfange Kaiser Wilhelms bereits begonnen. Den„Clou“ der Ausschmückung soll die Straße unter dem äußeren Burgtor bilden. Hier werden aus Blumengewinden und Flaggenstangen Rundbogen geschaffen, an deren Erbauung bereits seit fünf Tagen gearbeitet wird. Alles in allem, es wird ein außerordentlich herzlicher Empfang werden und würdig der erprobt guten Beziehungen zwischen den beiden stammverwandten Mächten.
Am preußischen Etat hat das Abgeordnetenhaus Abstriche in Höhe von 120000 Mark vorgenommen. Das ist bei einem Etat von 3 Milliarden zwar nicht viel, immerhin aber etwas, und es zeigt doch, daß gespart wird, wo sich nur sparen läßt.
An der Trauerfeier für den verstorbenen Geheimrat von Holstein nahmen der Reichskanzler und die Frau Fürstin Bülow persönlich teil, ebenso die Leiter und zahlreiche Angehörige des Auswärtigen Amts, die früheren Botschafter und Gesandten, Staatssekretäre, Minister, Generale usw. Auf Wunsch des Verstorbenen nahm der amtierende Geistliche von einer Ruhmesrede Abstand und tat auch der langjährigen Tätigkeit des Verewigten im Auswärtigen Amte keine Erwähnung.
Die Frage der Reichs=Wertzuwachssteuer ist zurzeit noch lange nicht genügend erklärt, das war das Ergebnis einer Konferenz, die Reichsschatzsekretär Sydow mit den Bürgermeistern der großen Städte, Vertretern der Wissenschaft und einer Reihe von Kommissaren der einzelnen Bundesstaaten abhielt. Die Beratungen fanden laut Voss. Ztg. nach einer eingehenden General=Debatte an Hand eines sehr umsangreichen Fragebogens statt. Man gelangte zu dem fast einmütigen Ergebnis, daß die Frage zurzeit noch lange nicht genügend geklärt sei, um mit einer Vorlage an den Reichstag heranzutreten, daß serner zweifellos die Erträgnisse der Steuer überaus großen Schwankungen unterliegen würden, und die Steuer bei günstiger Schätzung 12,5 Millionen, in besonders guten Jahren höchstens 20 Millionen bringen würde.