Landwirthschaftliche Zeitung

für Westfalen und Lippe.

Pereinsschrift des landwirtschaftlichen Provinzial=Pereins für Westfalen und Lippe. Post=Zeitungs=Katalog No. 3772.

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verantwortlich: Dr. Schleh in Münster.

54. Jahrgang.

Münster i/W., Freitag den 28. Mai.

1897. Nr. 21.

Das Verziehen der Rübenpflanzen. Die 23. Berliner Mastviehausstellung. Zur Hebung der Ziegenzucht. Fragen und Antworten. Landwirt

Jühnre. schaftlicher Hauptverein für den Reglerungsbezirk Münster. Bekanntmachung. Vereinskalender. Anzeigen.

Das Verziehen der Rübenpflanzen.

Abgesehen von der Vorbereitung des Feldes zur Saat und der sorgfältigen Ausführung der Aussaat der Rübenkerne, bestehen die wesentlichsten und wichtigsten Arbeiten des Rübenbauers in dem wiederholten Hacken der Rüben und im Verziehen der Rübenpflanzen. Alle diese Arbeiten sind für das Gedeihen der Rüben höchst wichtig; besonders übt auch das rechtzeitige und gute Verziehen der Rüben einen schwerwiegenden Einfluß auf das qualitative und quantitative Ergebnis der Ernte aus.

Das Verziehen gut auszuführen, ist wichtig, aber auch schwierig. Wichtig, weil das gute Verziehen den vollen Bestand des Rübenfeldes bedingt und dieser die erste Bedingung einer normalen Ernte bildet; schwierig, weil dazu Fleiß und ein gewisser Grad von Intelligenz der Arbeiter und des Aufsichtspersonals gehören. Das Verziehen der Rübe, wenn dasselbe auch bei Drillsaat durch das sogenannte Verhauen mittelst Pferdehacke unter­stützt und erleichtert werden kann, ist und bleibt eine Handarbeit.

Im allgemeinen ist der Grundsatz aufzustellen, daß das zeitigste Verziehen auch den höchsten Ernteertrag in Aussicht stellt, während spätes Verziehen oft die üppigste Rübensaat verdirbt und eine schlechte Ernte zur Folge hat. Es sind Fälle bekannt, daß auf einem und demselben Boden die Felder, auf welchen die Rüben acht Tage früher verzogen waren, 8000 Kilogramm pro Hektar Mehrertrag gaben als solche, wo man mit dem Verziehen gezögert hatte. Das Verziehen sehr junger, kaum aufgelaufener Pflanzen wird sich allerdings nicht allein durch mechanische Hindernisse, sondern auch dadurch verbieten, daß die kräftigsten Pflanzen nicht gut zu er­kennen sind; auch Frostgefahr und Insektenschaden können solche sehr jugendliche Pflanzen noch bedrohen.

Rechtzeitiges Vereinzeln der Rübenpflanzen übt auf die Ernte einen viel größeren Einfluß aus, als von mancher Seite geahnt wird. Durch die von dem Oekonomie­beamten I. Sekerka ausgeführten Versuche, deren Er­gebnis wir im folgenden mitteilen, findet der Grundsatz: Lieber früher, als zu spät vereinzeln seine volle Be­kräftigung. Der Versuchsansteller bebaute mehrere Parzellen von gleicher Bodenart und Größe mit möglichst gleicher Düngung und gleichmäßigem Rübensamen. Dem Versuche war die Witterung durch rechtzeitigen, aus­giebigen Regen günstig. Diese dicht nebeneinander liegen­den Rübenparzellen wurden an einem Tage(22. April) bebaut, und das Verziehen der einzelnen Parzellen geschah in der Weise, daß jede folgende Parzelle eine

Woche später zum Vereinzeln gelangte. Das Resultat der Ernte war folgendes:

deutlich, daß das Verziehen der Rüben nicht nur eine der wichtigsten Arbeiten ist, sondern daß es vor allem darauf ankommt, diese Arbeit möglichst zeitig vorzunehmen, denn jede Woche, ja beinahe jeder Tag Verspätung bringt Verlust.

Leider wird hierauf noch immer zu winig Gewicht gelegt, und nur zu oft läßt man ganze Schläge ver­grasen. Selbstredend wird es keinem Praktiker einfallen, die Rüben schon bei der Entwickelung(Parzelle I), wo nur die Kotyledonen entwickelt sind, ebensowenig in dem Entwickelungsstadium der Parzelle II zu verziehen. Denn erstens könnte eine solche Arbeit nur ein sehr geübter und ganz verläßlicher Arbeiter ausführen, abgesehen davon, daß solche heikle Arbeit viel Zeit beanspruchen würde, und zweitens würden die so schwach entwickelten, schon vereinzelt stehenden Rübenpflänzchen der Gefahr später eintretender Krankheiten oder Insektenschäden preis­gegeben sein.

Unter normalen Verhältnissen wird der Zeitpunkt zum Verziehen in der Praxis günstig sein, wenn die Pflanze, welche stehen bleiben soll, die vier ersten Blätter entwickelt hat, die Wurzel die Stärke eines Strohhalmes besitzt und die ganze Pflanze eine Länge von 8 bis 10 Centimeter hat. Haben die Wurzeln die Stärke eines Gänsekiels erreicht, so hat man den günstigsten Zeit­punkt des Verziehens fast verpaßt, denn diese Stärke muß schon als die Höchstgrenze angesehen werden.

Uebrigens spielen beim Verziehen auch die Witterung und die Bodenbeschaffenheit eine gar wichtige Rolle.