(Fortsetzung.)

Das geheimnisvolle Bild.

Von H. Buttstaedt.

(Nachdruck verboten.)

s war jemand im Schlosse, darüber herrschte kein Zwei­fel, der Leutnant vielleicht? Unsinn! Was sollte der im Schlosse herumstreichen, dazu hatte er keine Veran­lassung. Plötzlich wurden die Schritte lauter, es mußte jemand die Kellertreppe herabkommen. Schöller ergriff eine fürchterliche Angst. Wenn sich der Spion im Schlosse befand und den geheimen Gang erblickte? Doch nein, darüber konnte er sich beruhigen.

Die Wand, in welche der Gang einmündete, war durch ein dreiteiliges Holzgestell verdeckt, in welchem auf zwei übereinanderliegenden Etagen Weinflaschen, Obst, Kartoffeln und andre Vorräte zu liegen pflegten. Auch jetzt lagen, vom Feste übrig, einige Flaschen Rotwein in der mittelsten Ab­teilung. Diese, schmaler als die anderen, konnte durch einen einfachen Mechanismus beraus­gezogen oder gestoßen werden, so daß die dahinterliegende Tür zum Gange frei wurde.

Die Schritte hielten an und jemand nahm, wie Schöller aus dem leisen Klingen hörte, eine Flasche Wein aus dem Fache. Nach einiger Zeit wurde sie wieder hingelegt und die Schritte entfernten sich.— Schöl­

lers Gedanken jagten mit Blitzeseile durchs Gehirn. So rasch als mög­lich zurück, damit er seinem Herrn Hilfe bringen konnte! Im Torhaus angekommen, saß er einen Augen­

blick, den Kopf in die Hände ver­graben. Hier mußte gehandelt wer­den und zwar schnell, sonst war alles verloren. Vielleicht hatte der Fahnder erst die unteren Räume abgesucht, um dann zu den oberen überzugehen. Ein Glück, daß er seinem Herrn ein Zimmer des obersten Stock s angewiesen, so blieb immerhin noch einige Zeit bis zur Entdeckung übrig. Ratlos umher­gehend, blieben seine Blicke auf einem Fläschchen haften, das mit einem roten Zettel versehen war.

Sein Auge begann zu leuchten, viel­leicht hatte ihm ein Zufall den Ret­ter in der Not gesandt. Er steckte es in die Tasche und eilte in den Keller, wo er aus ciner verborgenen Ecke eine Flasche Rotwein hervor­holte. Mit Vorsicht entfernte er Kapsel und Pfropfen und goß den Inhalt der kleinen Medizinal­flasche hinein. Dann wurde die Flasche wieder in ihren früheren Zustand versetzt und zwar so geschickt, daß kein Auge etwas von der Manipula­tion entdecken konnte.„So,“ meinte Schöller, nachdem er sein

Admiral von Schröder,

der kommandierende Admiral des Marinekorps wurde aus Anlaß der glänzend durchgeführten Abwehr des englischen Sperr= und Landungsversuches in Zeebrügge mit den Schwertern zum Roten Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub ausgezeichnet.

Werk vollbracht,„hätte nie gedacht, daß mir meine Schlaf­losigkeit einen solchen Dienst erweisen würde. Habe oft genug auf das Opium geschimpft, aber nun tut es gute Dienste. Doch etwas brauch' ich noch, sonst sieht die Sache so kahl aus.“ Er fand noch einen prachtvollen Apsel, ein Geschenk des Gärtners, einige Nüsse, einen kleinen Laib Brot und ein Stückchen frische Butter. Das alles packte er mit der Flasche in einen Henkelkorb. Er ließ sich nach vollbrachter Arbeit keinen Augenblick Zeit, sondern holte einen schwarzen Kasten hervor, den er mit einem kleinen, an einer Uhrkette hängenden Schlüssel aufschloß.„Nun will ich meine Kunst, die mir im Leben so wenig Gewinn gebracht hat, wenigstens zu Gunsten eines anderen verwenden," sagte er mit melan­cholischem Lächeln.„Wer weiß, ob mir dann nicht mehr Er­folg beschieden ist.“ In dem Kasten befanden sich Bärte aller Art, Schminkstifte und andere für einen Schauspieler notwendigen Utensilien. Er hatte ihn, für den Fall, daß er die Bühne nochmals betreten sollte, lange Jahre aufbewahrt und fand sich nun für diese Vorsicht belohnt. Bald stand,

vermittels eines kurzen, weißen Bartes und einiger Striche mit dem Schminkstift, ein dem alten Schöller ganz unähnliches Indivi­duum in dem alten Torläusch n. Alls er sich nochmals im Spiegel be­trachtete, konnte er sich selbst seine volle Anerkennung nicht versagen. „Wenn ich nun auch der Haus­meister des Grafen nicht bin,“ meinte er schmunzelnd,„so kann ich ihn doch recht gut vorstellen und das soll allsogleich geschehen.“

Nachdem der Alte noch den Rock gewechselt und eine Laterne ange­zündet hatte, nahm er seinen Korb am Henkel und eilte in der Richtung des Schlosses davon.

8. Kapitel.

Der Arbeiter, der Schöller so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte, ging seinem fernen Ziele en gegen. An einer Biegung der Straße, wo ein schmaler Fußsteig zum Strome hinab­führte, blieb er stehen und blickte unentschlossen umher. Die Stelle schien zur Ruhe geeignet und mit einer G bärde der Ermüdung warf er sich in das hohe Gras am Wege. Vielleicht zehn Minuten hielt er sich unbeweglich, als er aber die Ueber­zeugung gewann, daß ihm niemand folgte, sprang er auf die Füße und eilte, sein angebliches Ziel links liegen lassend, den abschüssigen Weg zum Strome hinab. Sein ganzes Benehmen hatte sich geändert, statt der vorherigen Schwerfälligkeit machten sich lebhaftere Bewegungen; die auf ein jugendlicheres Alter schließen ließen, bemerklich. Am Flusse angelangt, ging er in der Richtung des Schlosses Scharfeneck weiter.