(Fortsetzung.) Das geheimnisvolle Bild. Von H. Buttstaedt. (Nachdruck verboten.) s war jemand im Schlosse, darüber herrschte kein Zweifel, der Leutnant vielleicht? Unsinn! Was sollte der im Schlosse herumstreichen, dazu hatte er keine Veranlassung. Plötzlich wurden die Schritte lauter, es mußte jemand die Kellertreppe herabkommen. Schöller ergriff eine fürchterliche Angst. Wenn sich der Spion im Schlosse befand und den geheimen Gang erblickte? Doch nein, darüber konnte er sich beruhigen. Die Wand, in welche der Gang einmündete, war durch ein dreiteiliges Holzgestell verdeckt, in welchem auf zwei übereinanderliegenden Etagen Weinflaschen, Obst, Kartoffeln und andre Vorräte zu liegen pflegten. Auch jetzt lagen, vom Feste übrig, einige Flaschen Rotwein in der mittelsten Abteilung. Diese, schmaler als die anderen, konnte durch einen einfachen Mechanismus berausgezogen oder gestoßen werden, so daß die dahinterliegende Tür zum Gange frei wurde. Die Schritte hielten an und jemand nahm, wie Schöller aus dem leisen Klingen hörte, eine Flasche Wein aus dem Fache. Nach einiger Zeit wurde sie wieder hingelegt und die Schritte entfernten sich.— Schöllers Gedanken jagten mit Blitzeseile durchs Gehirn. So rasch als möglich zurück, damit er seinem Herrn Hilfe bringen konnte! Im Torhaus angekommen, saß er einen Augenblick, den Kopf in die Hände vergraben. Hier mußte gehandelt werden und zwar schnell, sonst war alles verloren. Vielleicht hatte der Fahnder erst die unteren Räume abgesucht, um dann zu den oberen überzugehen. Ein Glück, daß er seinem Herrn ein Zimmer des obersten Stock s angewiesen, so blieb immerhin noch einige Zeit bis zur Entdeckung übrig. Ratlos umhergehend, blieben seine Blicke auf einem Fläschchen haften, das mit einem roten Zettel versehen war. Sein Auge begann zu leuchten, vielleicht hatte ihm ein Zufall den Retter in der Not gesandt. Er steckte es in die Tasche und eilte in den Keller, wo er aus ciner verborgenen Ecke eine Flasche Rotwein hervorholte. Mit Vorsicht entfernte er Kapsel und Pfropfen und goß den Inhalt der kleinen Medizinalflasche hinein. Dann wurde die Flasche wieder in ihren früheren Zustand versetzt und zwar so geschickt, daß kein Auge etwas von der Manipulation entdecken konnte.„So,“ meinte Schöller, nachdem er sein Admiral von Schröder, der kommandierende Admiral des Marinekorps wurde aus Anlaß der glänzend durchgeführten Abwehr des englischen Sperr= und Landungsversuches in Zeebrügge mit den Schwertern zum Roten Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub ausgezeichnet. Werk vollbracht,„hätte nie gedacht, daß mir meine Schlaflosigkeit einen solchen Dienst erweisen würde. Habe oft genug auf das Opium geschimpft, aber nun tut es gute Dienste. Doch etwas brauch' ich noch, sonst sieht die Sache so kahl aus.“ Er fand noch einen prachtvollen Apsel, ein Geschenk des Gärtners, einige Nüsse, einen kleinen Laib Brot und ein Stückchen frische Butter. Das alles packte er mit der Flasche in einen Henkelkorb. Er ließ sich nach vollbrachter Arbeit keinen Augenblick Zeit, sondern holte einen schwarzen Kasten hervor, den er mit einem kleinen, an einer Uhrkette hängenden Schlüssel aufschloß.„Nun will ich meine Kunst, die mir im Leben so wenig Gewinn gebracht hat, wenigstens zu Gunsten eines anderen verwenden," sagte er mit melancholischem Lächeln.„Wer weiß, ob mir dann nicht mehr Erfolg beschieden ist.“ In dem Kasten befanden sich Bärte aller Art, Schminkstifte und andere für einen Schauspieler notwendigen Utensilien. Er hatte ihn, für den Fall, daß er die Bühne nochmals betreten sollte, lange Jahre aufbewahrt und fand sich nun für diese Vorsicht belohnt. Bald stand, vermittels eines kurzen, weißen Bartes und einiger Striche mit dem Schminkstift, ein dem alten Schöller ganz unähnliches Individuum in dem alten Torläusch n. Alls er sich nochmals im Spiegel betrachtete, konnte er sich selbst seine volle Anerkennung nicht versagen. „Wenn ich nun auch der Hausmeister des Grafen nicht bin,“ meinte er schmunzelnd,„so kann ich ihn doch recht gut vorstellen und das soll allsogleich geschehen.“ Nachdem der Alte noch den Rock gewechselt und eine Laterne angezündet hatte, nahm er seinen Korb am Henkel und eilte in der Richtung des Schlosses davon. 8. Kapitel. Der Arbeiter, der Schöller so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte, ging seinem fernen Ziele en gegen. An einer Biegung der Straße, wo ein schmaler Fußsteig zum Strome hinabführte, blieb er stehen und blickte unentschlossen umher. Die Stelle schien zur Ruhe geeignet und mit einer G bärde der Ermüdung warf er sich in das hohe Gras am Wege. Vielleicht zehn Minuten hielt er sich unbeweglich, als er aber die Ueberzeugung gewann, daß ihm niemand folgte, sprang er auf die Füße und eilte, sein angebliches Ziel links liegen lassend, den abschüssigen Weg zum Strome hinab. Sein ganzes Benehmen hatte sich geändert, statt der vorherigen Schwerfälligkeit machten sich lebhaftere Bewegungen; die auf ein jugendlicheres Alter schließen ließen, bemerklich. Am Flusse angelangt, ging er in der Richtung des Schlosses Scharfeneck weiter. TODESANZEIGE. Nah Grasverkauf. Der Verkauf des 1. Grasschnitts findet statt am Montaa. 10. Juni d. J. Nachmittags 3 Uhr auf der Schafwäsche bei der GAM TodesAT Anzeige. C Die Nacht war hereingebrochen, so daß man unter dem dichten Laubdach des Parks trotz des Mondes nicht die Hand vor Augen sehen konnte. In diesem Dunkel verschwand der einsame Wanderer. Er mußte aber ein gutes Orientierungswesen besitzen, denn nach einiger Zeit tauchte er, etwas außer Atem von dem beschwerlichen Aufstieg, in der Nähe Der Fall schien ihm verdächtig, denn Kellertüren pflegt man doch im allgemeinen abzuschließen, besonders wenn sich gute Weine dahinter befinden. Mosler stieß die Tür auf und ließ das Licht der Laterne voll in den Raum fallen. Alles war leer, ein Rascheln verriet, daß Ratten und Mäuse hier ihr Wesen trieben. Außer einigen Küchengeräten und überGeneral Sixt von Arnim. Generalleutnant von Lindequist. General Sieger. Unsere siegreichen Heerführer im Westen. des Schlosses wieder auf. Lange blieb er unbeweglich im Schatten der Bäume, dann schlich er wie eine Katze auf die hintere Pforte des Schlosses zu. Man hörte kaum, wie sich die Tür öffnete und wieder schloß. Nun stand er drin im Schlößchen, der Detektiv Mosler. Zuerst legte er die hindernde Tasche ab, dann zog er eine Blendlaterne hervor, die er mit wenigen Handgriffen geschickt in Brand setzte. Das Licht derselben nur sparsam anwendend, begann er lautlos vorwärts zu schreiten. Die Küche, der eiste Raum, befand sich in bester Ordnung, nichts ließ auf menschliche Anwesenheit schließen. Eimnen Augenblick im Dunkeln stehend, rekapitulierte er nochmals seinen Kriegsplan. Erst wollte er die unteren Räume absuchen und Türen und Fenster revidieren. Letzteres schien ihm am wichtigsten. Dann würde er langsam nach oben weiterschreiten. Denn, wenn er unten niemand fand und auch während seiner Untersuchungen niemand einzudringen vermochte, behielt er den Rücken frei und konnte den Gegner nach oben zurückdrängen, wo er leicht zu überwältigen war. Vorausgesetzt natürlich, daß die Sache nicht auf einer Phantasie des Grafen beruhte. Demgemäß schlich er weiter und stand, nachdem er zwei Stufen emporgestiegen, im Vestibül des Schlosses. Der Mond schien durch ein über dem Portal angebrachtes Fenster und verbreitete so viel Helligkeit, daß er seine Laterne ganz gut entbehren konnte. Es waren drei Türen vorhanden, die, durch welche er eingetreten war, die zum Speisesaal und eine dritte, von der er nicht wußte, wohin sie führte, vielleicht zu einem Garderobenzimmer oder dengleichen. Eben wollte er die fragliche Tür öffnen, als ihn ein leise klagender Laut an die Stelle bannte. Er kam aus einer weniger hellen Ecke des Vorsaales. Vorwärts eilend, sah er sich einer vierten Tür gegenüber, die in die Tiefe führte. „Aha, der Keller," dachte er,„da mögen Katzen hausen.“ Einen Augenblick überlegte er, dann schloß er die drei Türen des Vestibüls ab und steckte die Schlüssel zu sich.„So.“ sagte er,„jetzt bin ich dieser Räume sicher.“" Dann schickte er sich an, die Treppe hinunter zu steigen. Auf dem ersten Absatz blieb er stehen.„Die Sache sieht nicht gerade Vertrauen erweckend aus, es ist vielleicht besser, ich sehe mich vor.“ Er griff in die Seitentasche und brachte einen niedlichen Revolver zum Vorschein.„Besser vorbedacht, als nachgeklagt.“ Je weiter er nach unten kam, um so kühler wurde die Luft, ein erfrischendes Gefühl bei der im Hause herrschenden Hitze. Leise schleichend, den Revolver in der einen, die Laterne in der anderen Hand, erreichte er die Kellertür. Zu seiner Ueberraschung stand sie offen, er hatte sich schon gefaßt gemacht, sie mit einem mitgebrachten Dietrich zu öffnen. einandergestapelten Stühlen bemerkte er nur noch ein rohgezimmertes Regal, das die Schmalseite der Kellerwand einnahm. Hier lagen auf Beettern Kartoffeln, Rüben und andere Gemüse, im mittelsten Fach sogar sechs Weinflaschen. Moslers Augen begannen zu leuchten, denn ein guter Tropfen ging ihm über alles. Er nahm eine Flasche aus dem Regal und betrachtete das Etibett. „Chateau la Rose,“ sagte er lächelnd,„gewiß eine gute Marke, aber weiche von mir, Versucher, du sollst mich nicht vom Wege der Pflicht abziehen.“ Vorsichtig legte er die Flasche auf das Brett zurück.„Hätte gern einen getrunken,“ monologisierte er weiter, „aber einer, der Spitzbuben fangen will und dabei selber stiehlt? Nichts zu machen!“ Ein letzter sehnsüchtiger Blick auf die nach seiner Meinung nutzlos aufgefahrene Batterie, dann trat er den Rückzug an. In der Tür steckte kein Schlüssel. er versuchte, sie mit einem Dietrich zu verschließen, das Schloß mochte aber beschädigt sein, es widerstand jeder Bemühung. Unzufrieden stieg er die Treppe wieder hinauf. Nun die Türen und Fenster! Vor beide Türen legte er die inneren Sicherungen, dann begann er die Untersuchung der Läden, die reichlich viel Zeit in Anspruch nahm, oft mußte er dabei auf Stühle klettern, um seine Arbeit ja recht gewissenhaft zu verrichten. Es war alles im besten Zustand und Mosler gewann die Ueberzeugung, daß auf diesem Wege niemand ins Schloß gedrungen sein konnte. Die Spitzbuben oder was sie sonst waren, mußten sich im Besitz von Nachschlüsseln befinden. Ermüdet von der Arbeit. ruhte er einige Minuten in einem Lehnstuhle des Speisesaales aus. Die Hitze war geradezu endrückend und ein heftiger Durst bogann den Aermstn zu martern. Endlich ging er nach der Küche, um nach der Wasserleitung zu suchen. Nichts war zu finden. Vielleicht stand ein Brunnen draußen im Garten. Ein Eimer mit abgestandenem Wasser flößte ihm Ekel ein.„Also weiter,“ seufzte er, die Treppe hinaufsteigend. Wieder verging eine geraume Zeit, bis der erste Stock, der die Hauptzimmer des Schlosses enthielt, gründlich durchsucht war. Schon wollte er, ziemlich abgestumpft, noch weiter hinaufsteigen, als ein Klopfen, anscheinend an der hinteren Tür, die Stille der Nacht unterbrach. „Nanu,“ dachte Mosler, von aller Abspannung befreit, „was hat das zu bedeuten?“ Er schlich hinunter, schloß seine Laterne und lauschte. Das Klopfen wiederholte sich. „Herr Wachtmeister, sind Sie da?“ rief eine greisenhafte Stimme,„ich komme vom Herrn Grafen.“ „Eine Botschaft vom Grafen,“ überlegte Mosler,„da muß etwas passiert sein, es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu antworten.“ „Wer ist draußen?“ rief er leise. Dr. Ingenieur Bosch (von den badischen Anilin= und Sodafabriken in Ludwigshafen), der Ausgestalter unserer technischen Anlagen zur Nutzbarmachung des Stickstoffes der Luft, wurde in Anerkennung seiner großen Erfolge, welche die Pläne unserer Feinde zunichte machten, mit der Gold. Bunsenmedaille ausgez ichnet. „Ich, der Hausmeister des Grafen.“ Mosler öffnete ein wenig, da stand, vom Mondlicht gestreift, die Gestalt eines weißbärtigen Alten in der Livree des gräflichen Hauses und hielt dem Detektiv einen Henkelkorb entgegen. „Was soll's damit?“ fragte Mosler etwas unwirsch. „Der Herr Graf läßt sich empfehlen und.....“ „Na, na,"“ unterbrach ihn Mosler etwas milder,„soweit sind wir noch nicht.“ „Und," fuhr der Alte fort,„schickt diese kleine E frischung für die Nacht, er meint, so trocken in der alten Baracke zu sitzen, das könne man niemand zumuten, es ist übrigens eine Flasche von des gnädigen Herrn eigener Marke.“ Der Detektiv wurde immer geschmeidiger. „Empfehlen Sie mich dem Herrn Grafen,“ sagte er mit so viel Freundlichkeit, als er aufzubringen vermochte,„ich werde mir den edlen Tropfen gut schmecken lassen, Aber nun suchen Sie möglichst unbemerkt davonzukommen.“ „Keine Sorge. Der Herr Graf hat mich schon instruiert, ich habe mich immer im Dunkel der Bäume gehalten, ich werde auf die gleiche Weise wieder verschwinden, empfehle mich Herr.....“ „Mosler,“ kam ihm dieser zu Hilfe. „Ach, enschuldigen Sie, Herr Mosler, der Herr Graf ist an dem Irrtum schuld, also nochmals gute Nacht!“ Der Hausmeister verschwand und Mosler schloß die Tür. „Sapperment noch mal,“ brummte er vor sich hin,„da hat der Graf sein Wort nicht gehalten, es sollte doch keiner seiner Leute von meiner Anwesenheit im Schlosse wissen. Na, vielleicht hat er deshalb den Hausmeister selbst geschickt, ich will mir den Kopf darüber nicht zerbrechen. Jedenfalls habe ich einen Durst, daß mir die Zunge am Gaumen klebt, da kommt mir der Korb des Grafen wie gerufen.“ Er warf einen Blick auf die nach oben führende Treppe, aber der Durst siegte über die Pflicht. Im Speisesaale setzte er den Korb auf den Tisch. Das elektrische Licht wagte er nicht anzuzünden, das hätte man durch die Ritzen der Läden bemerkt, aber eine Petroleumlampe glaubte er sich leisten zu können, eine solche hatte er bei der Untersuchung der Küche gesehen. Flink wie er war, stand sie bald auf dem Tische, den Raum mit ihrem weichen Licht erfüllend. Mosler blickte sich nach allen Seiten um. Da hingen die beiden Bilder wieder zusammen: der General und die Generalin. „Hm,“ meinte er kritisch,„der Graf wird am besten tun, die Bilder so hängen zu lassen, wie sie immer gehangen haben, sie passen vorzüglich zusammen, und was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Doch genug davon, jetzt wollen wir einmal den Korb untersuchen.“ Zuerst ergriff er die Flasche.„Wahrhaftig, dieselbe Marke wie im Keller,“ sagte er überrascht,„siehst Du, Mosler, das ist der Lohn für Deine Enthaltsamkeit von vorhin, jetzt kannst Du sie genießen, ohne Dir ein Gewissen zu machen.“ Er packte weiter aus.„Wie? Aepfel und auch Nüsse? Brot und Butter? Sonderbare Zusammenstellung. Die Viktualien hätten etwas gräflicher ausfallen können. Na, gleichviel, bei mir ist der Wein die Hauptsache. Aber wie ist's mit einem Glase? Ich kann doch nicht aus der Flasche trinken und wo ist der Korkzieher? Wie soll ich die Flasche ohne Korkzieher öffnen?“ Bebend eilte er in die Küche und kam gleich darauf mit dem Gesuchten zurück. Das Glas paßte allerdings nicht für Vordeauxwein, darüber setzte er sich aber großzügig hinweg. „Das scheint ein edler Saft zu sein," meinte er schmunzelnd, als er die rote Flüssigkeit gegen das Licht hielt,„na, Prosit, Herr Graf, als Dank für diese edle Spende werde ich Sie von Ihrem Quälgeist befreien.“ Er stürzte das Glas auf einen Zug hinunter.„Hm,“ murmelte er, etwas verdutzt,„diese schweren, alten Weine haben doch einen eigentümlichen Geschmack, ganz anders, als das Zeug, das man gewöhnlich trinkt, da ist doch Inhalt und Kraft darin. Na, jetzt will ich mich wieder nach oben verfügen.“ Er nahm die Blendlaterne und ging zur Tür. Hier blieb er zögernd stehen. Sollte er die Petroleumlampe stehen lassen? Vielleicht besser, er löschte sie aus.. Als er an den Tisch trat, um seinen Vorsatz auszuführen, winkte ihm das geschliffene Glas so verführerisch zu, daß er nicht widerstehen konnte. Langsam lief der Wein aus der Flasche in das Glas, purpurne Reflexe auf die blankpolierte Tischplatte werfend. Ja, warum sollte er das Geschenk des Grafen verschmähen? Er war nicht Trinker, aber noch weniger Abstinent, die paar Gläser Rotwein würden seinem Spürsinn keinen Abbruch tun. Nur die Hitze hatte ihn müde gemacht, einen Augenblick wollte er sich noch setzen und dann seine Untersuchungen mit frischen Kräften weiterführen. Bequem in einen Sessel zurückgelehnt, schlürfte er Schluck für Schluck den feurigen Saft der Reben. Seine Blicke schweiften dabei im Saale umher, bald dieses, bald jenes Möbel mit liebevoller Aufmerksamkeit betrachtend. Endlich blieben sie an dem Bilde der Generalin hängen; sah er denn recht? Sie bewegte ja die Augen und lachte ihm zu? Er wollte aufspringen, den Spuk abschütteln, umsonst, schwer wie Blei lag es in allen Gliedern. Immer näher kam die gespenstige Erscheinung, nicht schrecklich, nein, jung und hübsch. Merkwürdig, das war gar nicht die Generalin, das war ja die Mirzl, die ihm der Franz, sein Kollege, vor der Nase weggekapert hatte. Er wollte ihr freudig entgegeneilen, unmöglich, wie gelähmt lag er in seinem Stuhle. Die Mirzl ) Kriegsbeute: Französisches Schiffsgeschütz. aber beugte sich über ihn und küßte ihn, daß er vor Freude die Besinnung verlor. Die Lampe warf ihren Schein auf ein sehr anmutiges Bild. Der Herr Detektiv saß mit weit über die Lehne hängendem Kopf und geöffnetem Munde im Lehnstuhl und schlief, laut schnarchend, den Schlaf des Gerechten. Was jetzt im Keller geschah, das hätte den guten Mosler sicher interessiert. Das Mittelstück des Verschlages begann sich langsam vorzuschieben, immer weiter, bis es endlich zur Seite klappte. Anfänglich blieb alles still, nur ein schwacher Lichtschimmer kam aus der entstandenen Lücke hervor. Der Lichtschimmer wurde intensiver, lief durch alle Winkel des Raumes, um dann plötzlich wieder zu verschwinden. An seiner Stelle trat ein Mann in den Keller, in dem Mosler zu seinem unbegrenzten Erstaunen den Hausmeister des Grafen erkannt haben würde. Leise, nicht das geringste Geräusch verursachend, schlich er die Treppe hinauf, blieb im Hausflur stehen und legte das Ohr an die zum Speisesaal führende Tür. Ein befriedigtes Lächeln glitt über seine Züge. Da drinnen ertönte ein regelmäßiges, gesundes Schnarchen. Jetzt fühlte sich der Hausmeister, alias Schöller, jeder Besorgnis ledig, er öffnete die Tür und trat an die Seite des schlafenden Detektivs. „Zwei Gläser,“ murmelte er, die Flasche gegen das Licht haltend.„Ich denke, das wird genügen, aber nun aufräumen und dann fort, so schnell wie möglich, wer weiß, was uns noch für Ueberraschungen bevorstehen. Früher war ich unbestrittener Herrscher auf diesem Gebiet, jetzt scheint sich der Spieß umgedreht zu haben.“ (Fortsetzung folgt.) ) ANZEIGE Nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse entschlief heute plötzlich Grasverkauf. Der Verkauf des 1. Grasschnitts findet statt am Montag, 10. Juni d. J. Nachmittags 3 Uhr auf der Schafwäsche bei der Sutheimerbrücke. Des Rezensenten letzte Kritik. Skizze von Georg von Herdecke. (Nachdruck verboten:) Dre lchwermntigen Westen des Plgerchres, dis Meiste. werk eines großen Tonschöpfers, schwebten, von Künstlerhand hervörgezaubert, durch den lichterfüllten Festsaal. Unwillkürlich bemächtigte sich der Gesellschaft, die in ihm durcheinanderwogte, eine feierliche Empfindung. Geistvolle Männer hielten in ihren Gesprächen mit schönen Frauen inne; die Elegants aber abgebrüht durch die raffinierten Genüsse des Highlife, bemühten sich wenigstens, ihre mehr oder weniger witzigen Bemerkungen in gedämpftem Tone vorzubringen. „Seltsamer Kauz, unser Gastgeber!“ meinte ein junger Legationssekretär zu einem Bekannten, einem nicht mehr jungen, adeligen Weltmann gewandt.„Mich kommt das Gähnen an, wenn ich diese melancholischen Betrachtungen anhören muß. Es ist, als ob das ganze musikalische Programm heute abend von einem Büßermönch zusammengestellt wäre.“ „Das ist allerdings nichts für Sie, lieber Meerheimb“, entgegnete lächelnd der Graf.„Unsereiner aber— ich gehöre ja leider nicht mehr zu den Jüngsten— unsereiner liebt diese Mollstimmung... Es geht mir so, daß ich gerade bei der ernstesten Musik die köstlichsten Erinnerungen in mir wach fühlen muß. Abende in Sorrent und Kairo steigen vor meinem Geiste auf und ich genieße wieder, was sie meiner Jugend waren. Allerdings— auch andere Gedanken kommen einem! Sehen Sie, lieber Meerheimb, jeder hat so irgend einen dunklen Punkt in seinem Leben— einem jeden hat das Geschick in seinen schönsten Träumen ein gebieterisches Halt zugerüfen. Ach ja!— man erinnert sich an fatale Abenteuer, die einen dicht, dicht an großem Unrecht vorüberführten.... Wie sagt doch Vergil: Stat sua cuique dies!— hören Sie diese gewaltigen Töne— ich kann nicht anders, ich muß mich von ihnen fortreißen lassen...." ** „So. Sie sind fremd hier, lieber Herr Geheimrat?“ „Ich bin erst kürzlich hierberberufen. Der Minister besorgte mir eine Einladungskarte Bitte, orientieren Sie mich doch, Herr Graf— was ist denn eigentlich unser liebenswürdiger Hausherr?“ „Das ist eine berechtigte und doch schwer zu beantwortende Frage Sehen Sie— eigentlich ist er nichts und könnte doch viel sein wenn er wollte. Sein Vater. ein reicher Industrieller, hinterließ ihm ein fürstliches Vermögen. Alleiniger Erbe, ohne Anhang, zog es den jungen Mann zur Kunst. Er legte sich Sammlungen an, die wahre Kabinettstücke enthielten. Seben Sie diesen Saal: diese prachtvolle gemalte Decke, diese wunderbaren Statuen, diese kostbaren Goblins.... ist er nicht allein ein Zeugnis für den superben Geschmack Hartmanns? Aber er betreibt seine Kunstbestrebungen nicht ernst... wenn er wollte, könnte er Museumsdirektor sein; aber Gebundenbeit sagt ihm nicht zu. Die Theorie beherrscht er wie kaum einer; aber er ist zu bequem, seine Kenntnisse auszubeuten. Neuerdings interessierte er sich für Theaterwesen und schreibt in unserem konservativen Organ geistsprühende Kritiken die geradezu Aufsehen erregen.“ „Wie lange wohl— nach dem, was Sie mir sagten—!“ e haben recht, Herr Geheimrat.... doch da kommt eine Bekannte. Ich bitte, mich für einige Minuten zu entschuldigen.“ „Waren Sie gestern abend im Theater?“ „Freilich. Ich sah Sie in Ihrer Loge. Hat Ihnen das Stück gefallen?“ „Wenn ich die Wahrheit sagen soll. lieber Ruthart— ausgezeichnet! Ich war hingerissen, erschüttert... Man mag den Autor tadeln wegen seiner Tendenz— aber so lange man die Handlung da vor sich hat, kann man nicht anders als folgen, mit dem Helden leiden, straucheln, fallen.... Die Suggestion war gewaltig! Finden Sie nicht?“ „Eigentlich wohl. Aber— haben Sie Hartmanns Rezension über das Stück gelesen? Er versteht es noch besser als der Autor selbst zu suggestieren! Was mich anzog in dem Stück, das tadelt er! Die Darsteller, die mir gefielen, erregen seinen Zorn. Und das sonderbarste: wenn man seine Darlegung liest, wird man von seiner Ansicht überzeugt. Da ist ein alter Schauspieler, der Wendland— wie er den armen Kerl mitnimmt, ordentlich leid kann's einem tun! Und, wenn ich's sagen soll: mir hat der Mann gar nicht schlecht gefallen.“ Nur noch leise und immer ferner klingt das Lied der wallenden Pilger... bis es auf einmal ganz verstummt. Beifall rauscht durch den Festsaal— am lautesten applaudieren die Gäste, die sich am meisten über die melancholische Spende alterierten. Legationssekretär v. Meerheimb steht eben neben dem Hausherrn, um ihm über das Arrangement des Abends schmeichelnde Anerkennung zu spenden... Da tritt ein Bedienter auf Herrn Härtmann zu und flüstert einige Wörte. „Ich bin jetzt nicht in der Lage, Besuch zu empfangen!“ kommt es unwillig über des ernsten Mannes Lippen. „Aber er läßt sich nicht abweisen!“ bemerkte der Diener. „Er drang ungestüm darauf—“ „Ist er in Gesellschaftskleidung?“ „Ja, aber—“ „Führen Sie ihn unauffällig hier herein!“ (Schluß folgt.) Zur Belehrung und Unterhaltung. (a bcd die vier Farben; A Aß: K König; D Dame, Ober: B Bube, Wenzel, Unter;— V Vorhand, M Mittelhaud, H Hinterhand— die drei Spieler.) M spielt auf folgende Karten b-Solo: *. 4 4 8 8 Die Karten sitzen für M so günstig, daß er mit Schneider gewinnt. H hat mehr Kreuz als Herz und Eckstein. Die Karten von V, der kein Kreuz hat, haben 40 Augen. Im Skat liegen ein König und eine Dame. Wie sind die Karten verteilt? Wie ist der Gang des Spiels? Kapselrätsel. In einer zweistelligen Zahl Da ist das Wort enthalten, Mit dessen Hilfe unser Heer Dem Feinde standgehalten. Nun denke drüber nach sofort, Wie heißt die Zahl, wie heißt das Wort? Worträtsel. Vor eine Hauptstadt in Europa Setz' ein kleines Zeichen hin Und es wird ein Stoff draus werden, Viel gebraucht zur Medizin. Auflösung der Rätsel in nächster Nummer. Auflösung der Rätsel aus voriger Nummer: Wandelrätsel: Nord, Bord, Born, Bonn, Bonne, Sonne, Sonde, Sunde, Sund, Sud, Süd Gleichklangrätsel: Lot.— Homonym: Weide. Nachdruck aus dem Inhalte dieses Blattes verboten— Redigiert unter Verantwortlichkeit des Herausgebers. Herausgeber und Drucker: Chr. Münstermann in Gelsenkirchen.