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Nummer 2

Sonntag, den 12. Januar 1941

10. Jahrgang

Liehe im chnee

Eine Wintergeschichte von Otto Paasche

Zuerst war es nur ein kleines dunkles Pünkt­chen, das drüben, wo die Lichtung den dunklen Saum der Wälder auf dem Höhenzuge unterbrach, auftauchte. Jürgen fuhr mit seinen Skiern rüstig ausschreitend dahin, von insgeheimer Freude er­füllt, zum Sonntag der Enge und dem Lärm der Stadt entronnen zu sein. Hier draußen war Weite, der Atem unendlicher Natur, Freiheit und Freude über tausend Schönheiten, die der verzauberte Winterwald und die tiefverschneiten Fluren be­reiteten. Schon eine Stunde lang war ihm kein Mensch begegnet. Sonntägliche Stille lag über dem Land, und Jürgen freute sich seiner Einsam­keit.

Da aber tauchte jenes dunkle Pünktchen in der schneebeglänzten Ferne auf. Ein Skifahrer, dachte Jürgen, und nichts weiter. Da aber sein drüben jenseits der Wälder lag, denen er rüstig zustrebte, gingen seine Blicke immer wieder dem Pünktchen entgegen, das nun langsam zu einem Punkte erwuchs. Bald konnte man in knappen Umrissen eine Gestalt im dunklen Skianzug er­kennen, und wie es so ist, wenn sich zwei in der Einsamkeit begegnen, sann Jürgen, was für ein Mensch es wohl sein möge, den es gleich ihm hier hinaus in die weite Einsamkeit des Wintertages getrieben habe.

Die Gestalt kam nun rasch näher, jetzt war sie als zierlich zu erkennen, und Jürgen irrte sich nicht, als seinem Munde die Worte:„Ein Ski­haserl!“ entschlüpften. In der Tat, es war ein Skihaserl, und sogar ein recht reizendes, wie Jür­gen in leiser Verwunderung erkennen mußte, als die Kleine in schneidiger Fahrt den Hang, den er eben gemächlich erstieg, an ihm vorbei hinab­brauste. Und obgleich er im Grunde hinausge­fahren war, um keinen Menschen zu sehen und mit seinen Gedanken allein zu sein, so befiel ihn doch eine kleine Jägerlust, als das Skihaserl da mit roten Bäckchen und blitzblanken Augen in stiebender Fahrt zu Tal sauste, so daß er wendete, um ge­rade noch zu sehen, wie die schöne Unbekannte nach einem kühnen Kristiania Kopf stand und in einer Wolke stäubenden Schnees verschwand. Ein Sprung und schon flog Jürgen die kleine Strecke kalwärts. Ehe sich die Fremde noch aufraffen konte, stand er mit einem übermütigen Lächeln

den Augen schon neben ihr, stemmte die Arme auf die Stöcke und sagte mit leichter, freundlicher Stimme ebs nur jene beiden Worte:„Ein Ski­haserl."

Da mußte auch die kleine Schneekönigin lachen. Handumdrehen war sie wieder auf den Bei­nen und Brettern, prustete tüchtig, wehrte den sremden Kavalier ab, der ihr den Schnee vom Skianzug klopfen wollte, setzte ein etwas hoch­Mütiges Gesicht auf, das ihr, wie Jürgen heimlich demerkte, ganz reizend stand, und wollte auf und davon.

„Hallo!“ rief Jürgen hinterdrein, als sie schon einige Schritte entfernt war,„Sie haben etwas ergessen!“

Das Skihaserl stand still, schaute sich um, un­tersuchte den Inhalt einer Tasche, schaute verdutzt zurück und rief ein wenig unsicher:„Aber mir fehlt nichts. Was soll ich denn vergessen haben!“

„Mich!“ antwortete der Gefragte mit einem frechfreundlichen Lächeln und war mit raschen Schritten an ihrer Seite. Ehe sie ihm antworten konnte, fuhr er in vertraulichem Tone fort:„Sehen Sie, wenn es Zwei hinaus in die Einsamkeit zieht, indessen die anderen drin in der Stadt bei­einander hocken, so haben sich die beiden vielleicht ein Wörtlein zu sagen..."

„Ich habe Ihnen nun aber gar nichts zu sagen,“ erwiderte die Kleine keck und musterte Jürgen aufmerksam.

„Vielleicht Sie mir nicht, aber ich Ihnen?"

Das Skihaserl schüttelte den Kopf und machte Anstalten, weiterzufahren.„Schließen wir Frie­den,“ warf Jürgen schnell ein,„und fahren wir hinüber zum Burgberg, da ist eine klassische Ab­fahrt, für Ihr Temperament wie geschaffen!“

Das Haserl schwieg, schlug aber die genannte Richtung mit ein. Eine Weile waren sie schwei­gend dahingezogen, dann blieb die Unbekannte stehen, schaute nach Süden, wo jetzt Sonnenglanz über den Schneebergen blendete, deutete mit dem Stock hinüber und sagte nur:„Schön.“ Jürgen nickte, aber als sie bald darauf durch eine tief ver­schneite Schonung fuhren, wies er auf das Rauh­reifwunder zierlicher Gräser, in denen das Son­nenlicht schimmerte und, helle Freude in den Augen, bewunderten sie beide die Kunstwerke des Winters.„Wie heißen Sie mit dem Vornamen?“ fragte Jürgen, als ihn die blauen Augen seiner hübschen Gefährtin anblitzten.

„Gerda“, antwortete sie kurz und war schon dabei, weiterzufahren.

Es gab ein paar schneidige Abfahrten am Burgberg, nicht minder ein paar zünftige Stürze. Jürgen meinte darauf, jetzt hätte man sich einen Kaffee mit einer gehörigen Portion Kuchen und ein gemütliches Stündchen am Ofen verdient. Gerda war einverstanden, und so ging es in flot­ter Fahrt über den Berg hinunter ins nächste Dorf, das mit seinen hellen Giebeln freundlich grüßte.

Wohlige Wärme schlug ihnen entgegen, als sie die kleine Gaststube betraten. Bald stand ein dampfender Kaffee vor ihnen. Jürgen betonte, heute schmecke der Kornfranck ebenso gut wie Boh­nenkaffee, und Gerda, die sich gütlich am guten knusperigen Kuchen tat, stimmte mit einem ent­schiedenen Nicken zu. Sie saßen auf der Ofenbank in einem wirklich behaglichen Winkel. Zuweilen strich ein schmuckes Kätzchen vorbei, das Wasser summte im Ofen, der freundliche und geziemend beleibte Wirt ging hin und zu und brachte den Dörflern, die wohlgemut am Stammtisch hockten, neues Bier.

Und dann kamen Gerda und Jürgen ins Er­zählen. Von ihrer Arbeit sprachen sie, ihren all­täglichen Sorgen und Freuden, und zwischen ihren

Aufstieg

Worten spann eine insgeheime Sehnsucht, eine Sehnsucht nach Erfüllung all ihrer jungen Ideale und Träume, ihrer Wünsche nach herzlicher Ge­meinsamkeit und stillschweigender Bestätigung des­sen, was sie an Schönem und Großem bewegte.

Sie schienen nicht mehr Fremde zu sein, als sie nach Stunden die Gaststube verließen, soviel hatten, sich beide vom Herzen gesprochen.„Seltsam“, sagte Gerda, als sie wieder auf den Brettern standen und dem Walde zufuhren,„wir wußten gestern noch nichts voneinander und nun haben wir uns soviel erzählt, was man schwer einem Menschen sagt..“

„Vertrauen ist ein Geschenk. Tausenden hat man's verschwiegen, aber einmal sieht man einem Menschen in die Augen, der so von ungefähr kommt, und dann muß man sprechen, alas wäre der andere derjenige gewesen, mit dem man all seine stillen Gespräche führte. Und mit einem Male ist ein Widerklang da.“

Sie schwiegen wieder. Es ging bergan und jeder mußte sehen, daß er bei Atem blieb. Der Wald nahm sie auf. Dämmerige Schneisen ging es entlang, bis der volle Mond aus den Wolken trat und sein weißes Licht über die Schneewelt ergoß, daß beide wie gebannt innehielten.

„Verzauberte Nacht..." sagte Jürgen leise. Sie standen still und lauschten in die hohe Stille, lauschten dem Pochen ihrer Herzen, die randvoll von Sehnsucht und Träumen waren. Einmal nur löste sich Schnee von einer mächtigen Fichte und ein silbernes Wölkchen stäubte zur Erde.

Wie lange hatten sie reglos gestanden? Mit zagenden Worten hob Jürgen dann an, als müsse er Wort um Wort mühsam aus der geborgenen Tiefe seines Herzens emportragen:„Gerda, ich muß an einen Vers denken, den ich oft sprach, aber heute erst habe ich ihn im Innersten verstan­den:„Wir träumten voneinander und sind davon erwacht...“

Er hielt ein und schaute stumm von der Höhe über die leuchtenden Hänge. Da antwortete eine leise, zärtliche Stimme neben ihm:„Wir leben, um uns zu lieben und sinken zurück in die Nacht..

Es war, als hätten sie sich in dieser Melodie ge­

(Weltbild— M.)

funden, die in ferner Zeit eines großen Dichters Herz bewegte.

Verzauberte Nacht. In großer Innigkeit neig­ten sie sich zueinander. Ging ein leises Lied durch die Welt? Klang irgendwo in himmlischer Ferne eine Stimme mit?

Sacht stieg der Mond über die Wälder empor und verströmte sein Licht in den stillen weißen Märchenwald.

Engländer- ohne Maske

Behandlung von Parlamentariern

Wenn der englische Staatsmann Robert Wal­pole im Oberhaus etwas durchsetzen wollte, lud er für gewöhnlich gerade die Mitglieder, die ihm als unsichere Kantonisten in der Frage bekannt waren, vorher zu einem großen Essen mit sehr reichlichen Getränken zu sich ein. Jemand fragte ihn einmal, warum er das täte.

„Damit sie sich besser schmiegen,“ antwortete Walpole.„Ein Korbflechter weicht seine Weiden ja auch vorher ein, um sie für den folgenden Tag biegsamer zu machen.“

Marlborough

Einer der größten Geizhälse und Geldraffer, die je gelebt haben, war der Herzog von Marlborough (übrigens ein Vorfahr unseres illustren Churchill), der in England als großer Kriegsheld gilt, seinen Ruhm jedoch ausschließlich dem Prinzen Eugen verdankt. Einst ging ihn jemand um eine einträg­liche Stelle an. Da die Geldgier des Herzogs all­gemein bekannt war, sagte er ohne Umschweife zu ihm:„Wenn ich die Stelle erhalte, so werde ich Ihnen umgehend 1000 Guineen überweisen, und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinem Men­schen was davon erzähle."„Weißt du was,“ erwi­derte Marlborough,„gib mir 2000 und erzähle es, wem du willst!“

Vielsagend

„Ich glaube," sagte einst Karl II. von England zu Lord Shaftesbury,„yr seid der größte Tau­genichts in meinem ganzen Königreich!“

„Unter Ihren Untertanen gewiß,“ entgegnete Shaftesbury mit tiefer Verbeugung.

Venedig im Schnee

Ein ungewöhnliches Bild: Schneebedeckte Gondeln in einem der Kanäle von Venedig.(Scherl

— M.)