Sette 2/„Heimat am Mittag“
90 Jahre im Dienste der Heimat
VON 1839 BIS HEUTE
Der Gang durch ein Jahehundert
Geschichte der Firma C. Hundt sel. Wwe.
Man schrieb das Jahr 1839, als der junge Buchbindermeister Carl Hundt nach jahrelanger Abwesenheit wieder in die Heimatstadt an der Ruhr zurückkehrte. Die Lehr= und Wanderjahre hatten ihn durch viele Städte des weiten deutschen Vaterlandes geführt, nun hatte er den Wunsch, diese vielen Kenntnisse, die er sich in der Fremde erworben hatte, in einem Geschäft zu verwerten, in dem er selbst als Meister schalten und walten konnte.
Es war vor hundert Jahren nicht ganz einfach für einen jungen Menschen, sich durchzusetzen. Das Leben in den Städten an der Ruhr ging noch ganz geruhsam seinen Weg, und nichts deutete darauf hin, daß hier in wenigen Jahrzehnten große Werke und Fabriken aus der Erde wachsen würden, um das Land an der Ruhr zum Herzen Deutschlands zu machen.
So fand der junge Buchbindermeister in den ersten Jahren nicht allzuviel Arbeit. Er mußte sich wirklich plagen, um sein kleines Geschäft weiterzubringen. Aber mit dem Optimismus und dem Arbeitseifer seiner 25 Jahre wußte er die anfänglichen Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, zu meistern. In dem väterlichen Haus am Obermarkt war die kleine Werkstatt eingerichtet. Große Maschinen oder teure Materialien waren damals noch nicht erforderlich. Eine geschickte Hand mußte alles ersetzen.
So gingen die nächsten Jahre ins Land. Der unternehmende Geist des jungen Meisters begnügte sich nicht mit den errungenen Erfolgen, er wollte weiterkommen. So faßte er schon fünf Jahre nach seiner Geschäftsgründung den Plan, der Buchbinderei eine Buchhandlung anzugliedern. Damals— es war im Jahre 1844— existierte im ganzen Kreise Bochum, zu dem auch Hattingen gehörte, nur eine Buchhandlung, und zwar die von Empfing in Bochum. Dem Plan folgte auch bald die Tat. 1844 eröffnete Carl Hundt im gleichen Hause am Obermarkt, in dem sich auch seine Buchbinderei befand, die Buchhandlung.
Wieder gingen fünf Jahre ins Land, die mit unermüdlicher Arbeit für das Geschäft am Obermarkt erfüllt waren. Da finden wir unter dem Datum des 29. Januar 1849 in den Regierungsakten beim Oberpräsidium in Münster ein Schreiben des Buchhändlers Carl Hundt, mit welchem er den Antrag stellt, ab 15. Februar 1849 in Hattingen unter dem Titel„Märkische Blätter“ eine Zeitung für die Stadt Hattingen und die umliegenden Aemter herauszugeben. Dieser Antrag fand die Genehmigung der Regierung, doch scheinen sich die Vorarbeiten zur Herausgabe des Blattes schwieriger gestaltet zu haben, als zunächst erwartet, denn erst einige Wochen später konnte die erste Nummer der„Märkischen Blätter“ erscheinen.
Die Druckerei von Carl Hundt— in der auch die„Märkischen Blätter“ gedruckt wurden— lag im hinteren Teil des Hauses 57a am Obermarkt, vorn war die Buchhandlung untergebracht. In dem„Prospekt“ der mit dem Antrag von Carl Hundt zugleich beim Obernräsidenten der Provinz, v. Flottwell, eingereicht worden war, schreibt er über die Grundhaltung der„Märkischen Blätter“ folgendes:
„Märkische Blätter“.
Mitteilungen über Politik, Gewerbe, Landwirtschaft. Gemeindeverhältnisse.
Unter obigem Titel wird im unterzeichneten Verlag eine Zeitschrift vom 15 Februar ds. Is. an erscheinen, und regelmäßig jeden Mittwoch und Sonnabend in einer Nummer ausgegeben werden. Die„Märkischen Blätter" werden zunächst:
1. Besprechungen über städtische und Gemeindeverhältnisse des Kreises liefern.
2. Durch Aufnahme von Novellen, Erzählungen, Anekdoten und Gedichten usw. für eine angenehme Unterhaltung sorgen.
3. In möglichster Kürze das Wichtigste der politischen Tagesereignisse liefern.
4. Aus dem Gebiete der Gewerbe und der Landwirtschaft gemeinnützige Mitteilungen machen.
5. Anzeigen aller Art unter der Rubrik „Oeffentliche Anzeigen“ in seine Spalten aufnehmen.
Die„Märkischen Blätter“ werden stets für Gesetz. Ordnung und Sittlichkeit in die Schranken treten.— Der Preis des Blattes ist auf 1 Thlr. 10 Sgr. jährlich festgestellt Anzeigen werden die Zeile zu 1 Sgr. berechnet.
Hattingen, 29. Januar 1849.
Der verantwortliche Redakteur Drucker und Verleger der„Märkischen Blätter“ Carl Hundt, Buchhändler in Hattingen.“
Die nachgesuchte Genehmigung des Buchhändlers Carl Hundt, einmal zur Einrichtung einer Buchdruckerei, zum anderen zur Herausgabe einer Zeitung fanden ihre Bestätigung durch einen Erlaß des Regierungspräsidenten in Arnsberg am 22. Februar 1849.
Nun war zwar im Gefolge der Revolution von 1848 dem Volke vom König die Pressefreiheit eingeräumt worden, doch wußte die Regierung durch zahlreiche Hemmnisse nach österreichischem Muster die erteilten Zugeständnisse illusorisch zu machen. Stempelsteuern und die Hinterlegung der Kautionssummen machten den Verlegern der Zeitungen das Leben sehr schwer, denn die Kautionssummen waren nicht gering, besonders im Hinblick auf die für heutige Verhältnisse recht dürftigen Abonnentenziffern. Die Kautionssumme richtete sich nach der Größe der Städte
und betrug 1000 bis 5000 Thaler bei mehr als dreimal wöchentlich erscheinenden Zeitungen, bei weniger häufig erscheinenden Blättern die Hälfte. Als kautionspflichtig wurden die Zeitungen angesehen, die neben einem Unterhaltungsteil auch politische Artikel, Meldungen aus aller Welt u. a. brachten. Weiter ging man gegen mißliebige Zeitungen durch den Entzug des Postdebits vor, d. h. die Regierung erließ an sämtliche Postanstalten die Verfügung, daß Nummern der betreffenden Zeitung von der Post nicht mehr zur Bestellung an auswärtige Leser übernommen werden durften. Diese Maßnahme wirkte sich stets dahin aus, daß einige Monate später die von dieser Verfügung betroffene Zeitung ihr Erscheinen einstellen mußte.
Auch Carl Hundt hat mit all diesen Schwierigkeiten schwer kämpfen müssen. Es ist wirklich kein geringes Verdienst und zeugt für seine Energie und nie ermüdende Tatkraft, daß er allen Widerständen zum Trotz seine Zeitung, die bei der Gründung nur wenige Leser besaß, durch die ersten schweren Jahre hindurchführen konnte, so daß sie schon nach fünfzehn Jahren(1863), wie die Regierungsakten ausweisen, 500 Leser zählte.
Welcher Art die Schwierigkeiten waren, mit denen Carl Hundt zu kämpfen hatte, dafür sind
die ersten Bände der„Märkischen Blätter“ der sichtbarste Beweis. So schreibt er in der Ausgabe vom 26. Juni 1850 in seiner Zeitung:„Für eine kurze Zeit, bis zur Einsendung der Kaution werden wir die Politik ausschließen." In diesen Wochen erschien eine wirklich bedeutungslose Zeitung, die lediglich aus einer Novelle und einem aus zwei Seiten bestehenden Anzeigenteil bestand. Erst einen Monat später, am 27. Juli 1850, kann er der Zeitung wieder durch Abdruck volitischer Meldungen und sonstiger Artikel ein interessanteres Aussehen geben.
In einer ähnlichen Lage wie im Juni/Juli befindet sich der Verleger der„Märkischen Blätter“ schon einige Monate später wiederum, und zwar Ende August/September 1850. Carl Hundt gibt am 28. September folgende Erklärung ab. die bezeichnend für den schweren Stand des Blattes ist. In diesem Artikel, der sich auf der ersten Seite befindet, heißt es:„Eine weitere Nachforderung von 500 Thalern zu der Kautionssumme hat uns veranlaßt, unser Blatt auf eine kurze Zeit auf einen kautionsfreien Inhalt zu beschränken. Bis zum 1. Oktober wird die zweite Zahlung von uns gemacht werden und das Blatt wie früher neben den wichtigsten Tagesbegebenheiten Beleuchtungen von Verfassungsangelegenheiten und unterhaltende Lektüre bringen.“
Es war demals nicht einfach, die Zeitung herzustellen. Es war sehr viel Zeit erforderlich.
da alles mit der Hand gemacht werden mußte, denn Schnellpressen oder Rotationsmaschinen, die heute den Druck von Tausenden von Exemplaren in kurzer Zeit bewerkstelligen können, kannte man noch nicht.
Ein wirklich interessantes, zeitgeschichtliches Dokument enthält eine Prüfungsarbeit des Buchdruckgehilfen Heinrich Matthay aus dem Jahre 1851, der sich vor der Regierung in Arnsberg über die Befähigung, Drucker und Redakteur zu werden, ausweisen mußte. Heinrich Matthay schreibt nämlich über den Druck einer Zeitung, wobei ohne weiteres angenommen werden kann, daß auch die„Märkischen Blätter“ auf diese Weise entstanden, folgendes:„Die einzelnen Buchstaben werden, vermittels Aneinandersetzens in einem Winkelhaken, zu Wörtern, Zeilen und Seiten geformt; letztere werden auf ein Brett gestellt, und zwar in der Weise, daß beim Zusammenfalten die Seiten ordnungsmäßig aufeinanderfolgen. Nach der Größe des Papiers wird das Format bestimmt, welches aus Bleioder Holzstäbchen besteht, und nachdem dieses zwischen den Columnen oder Seiten angebracht ist, werden dieselben aufgelöst, d. h. von den Schnüren befreit, welche die Seiten zusammenhalten. Das Ganze, das den Namen Form be
hält, wird in einem Nahmen durch Schrauben oder Keile festgeschlossen und in die Presse gebracht. Der abzudruckende Bogen wird in Deckel gelegt, das Rähmchen zugeklappt welches das Beschmutzen der Stellen, welche weiß bleiben müssen, verhindert und nachdem die Form eingeschwärzt, wird der Deckel zugelegt, es wird eingefahren und mittels Zuges der Druck bewerkstelligt.“
Es ist selbstverständlich, daß unter diesen Umständen der Druck der„Märkischen Blätter“ recht viele Stunden in Anspruch nahm. So ist es denn nicht zu verwundern, daß es in einer Nummer der„Märkischen Blätter“(23. April 1851) heißt: „Da wegen der zahlreichen Verbreitung der auswärtigen Abonnenten der Druck des Blattes Dienstags und Freitags gleich nach Mittag begonnen werden muß, so bitten wir freundlichst, die einzurückenden Anzeigen an genannten Tagen spätestens morgens 10 Uhr uns zukommen zu lassen!" Mit dem Druck wurde also schon vierundzwanzig Stunden vor der Ausgabe der Zeitung begonnen.
Viel zu früh für sein junges Geschäft und auch für seine Familie starb Corl Hundt im Sommer des Jahres 1860. Die Kinder, die er hinterließ, waren noch nicht in der Lage, tatkräftig im Geschäft mitzuarbeiten. So blieb die schwere Last, das Geschäft weiterzufuhren, auf den Schultern seiner Frau liegen. Tapfer und
Carl Hundt gründete die Firma im Jahre 1839
unverzagt übernahm die junge Witwe jedoch das Geschäft, wobei ihr der damalige Redakteur I. Wehren hilfreich zur Seite stand. Zehn Jahre hat Friederike Hundt die Zeitung und das Geschäft allein geleitet. Für die damaligen Zeiten gewiß ein recht seltener Fall.
Bei all der Mühe und Sorge, die die Führung des Betriebes für die alleinstehende Frau mit sich brachte erzog sie ihre vier Kinder— fünf waren schon in jungen Jahren gestorben— schlicht und streng und gab ihnen, solange sie noch im Elternhaus waren. Beschäftigung im Betriebe. Eine große Stütze war ihr der älteste Sohn Heinrich, der schon recht früh im technischen Betrieb am Setzkasten und an der Presse Hand anlegen mußte. Zwei Jahre nach dem Tode seines Vaters zog er zur weiteren Ausbildung in die Fremde, um in Iserlohn seine Kenntnisse im Buchdruckerhandwerk zu erweitern. Friederike Hundt hat während dieser Zeit in nicht leichtem Kampf mit der Konkurrenz es durch ihre Tüchtigkeit und ihren Fleiß verstanden, das Lebenswerk ihres Mannes nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern und auszubauen. Auch später, nachdem sie ihrem ältestem Sohne, Heinrich Hundt, die Leitung des Geschäftes übergeben hatte, blieb sie ihm in schwierigen geschäftlichen Fragen und Entscheidungen stets eine treue und verantwortungsbewußte Ratgeberin.
Mit 25 Jahren übernahm der älteste Sohn, Heinrich Hundt. die Leitung des Geschäfts. Nach der Lehr= und Gehilfenzeit, die mit„gut“ bestandener Prüfung am 5. und 6. Juni 1868 vor der kgl. Regierungskommission in Arnsberg beschlossen wurde, kehrte er nach Hause zurück, um nun tatkrästig im väterlichen Betriebe mitzuarbeiten.
Die veränderten Zeitverhältnisse, der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach dem Kriege gegen Frankreich brachte auch dem Zeitungsgewerbe eine starke Belebung. Im alten Hause am Obermarkt waren die Räume schon lange zu klein geworden. Die Firma— die in den 60er Jahren den Namen„C Hundt sel. Wwe." angenommen hatte— erwarb 1872 die dem bisherigen Geschäftshaus schräg gegenüberliegende Besitzung von Friedrich Wiesmann die hinten bis zum alten Stadtgraben reichte, und führte im Garten ein zweistöckiges Druckereigebäude auf.
Heinrich Hundt war in den langen Jahrzehnten, in denen er das Geschäft ausbaute, die Seele
Eine in den ersten Jahren nach der Gründung der„Märkischen Blätter“ benutzte Handpresse
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Der Antrag des Gründers der Firma Carl Hundt an den Oberpräsidenten der Provinz
Westsalen auf Herausgabe einer Zeitung