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Nr. 301

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Schwerte, Donnerstag den 24 Dezember 1003

Zum Weihnachtsfeste 1903!

Die frohe Weihnachtsbotschaft tönt wieder durch alle Lande:„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Er­den und den Menschen ein Wohlgefallen!" Wo nur immer Christen wohnen, begeht man festlich den Tag der Geburt des Hern und der erste Teil der Weihnachtsbotschaft wird erfüllt durch all' die Gebete, die an diesem Tage des Heils zum Himmel dringen. Auch diejenigen, die über die äu­ßeren Formen hinweggeschritten sind und nur den philoso­phischen oder ethischen Kern der Religionslehren anerken­nen wollen, wie auch jene, die sich als Freigeister fühlen und überhaupt allen Glauben an das Göttliche verwer­fen,— auch diese können sich der wunderbaren, geheim­nisvollen Macht des heiligen Weihnachtsfestes nicht ent­ziehen. und das ewige Licht, das von Bethlehem aus schon seit zwei Jahrtausenden die Welt erleuchtet, läßt auch ei­nen Strahl in ihre Herzen dringen und die Ideen und Empfindungen, die in den Herzen aufquellen, sind eben­falls Gebete, stumme, unbewußte Gebete, die zum Ohre des Höchsten dringen...

Und Friede auf Erden! In das wilde Hasten und Treiben, in den Kampf Aller wider Alle, wie ihn das moderne Wirtschaftsleben zeitigt, und in den Hader der politischen Parteien bringt das Weihnachtsfest den Frie­den, die Ruhe. Nur wenige Tage, dann beginnt der Streit in alter Weise und muß auch bginnen, denn nur im Streite wachsen unsere Kräfte, und Mensch sein, heißt Kämpfer sein. Aber es ist gut, daß solche Pausen des

allgemeinen Friedens eintreten, wo sich alle nur als Men­schen unter Menschen, als Glieder der großen christlichen Gemeinde fühlen. Wie Geist und Körper Erholungspau­sen in ihrer angestrengten Arbeit haben müssen, wenn sie nicht vorzeitig niederbrechen sollen, so muß auch das menschliche Gemüt solche Ruhepausen haben, wie sie die hohen christlichen Feste, besonders aber Weihnachten, bie­ten, um nicht zu verdorren und zu verknöchern. Und der Glanz, der an solchen Zeiten die Seele füllt, hält noch lan­ge nach, wenn auch das Leben in alter Weise uns um­bindet.

Und den Menschen ein Wohlgefallen! O du herrliche deutsche Weihnacht! Kein anderes Volk hat dieses Fest so tief und innig ausgestaltet, wie gerade das deutsche Volk, und die lichtergeschmückte Tanne und der gabenbedeckte Weihnachtstisch sind uns die schönsten Kindheitserinner­ungen, die uns noch bis ins späteste Alter in ihrem berbanne halten. Auch im Auslande, in fremden Erdtei­len, auf dem weiten Meere,— wo nur immer Deutsche wohnen, wird am heiligen Abend, ein Bäumchen ange­zündet und das Herz wieder dem frommen Glauben der Kindheit zugewandt. Uns ist Weihnachten ein Fest der Liebe und Freude. Wer den Glauben an die Menschheit, die Hoffnung auf Glück verloren hat, braucht nur in die leuchtenden Augen der Kinder zu blicken, die staunend und beseeligt zum Christtbaum emporblicken.

Für Herz und Gemüt.

Fröhlich soll mein Herze springen Dieser Zeit, da vor Freud'

Alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören Alle Luft lauter ruft:

Christus ist geboren!

*

„Hörst Du auch die leisen Stimmen Aus den bunten Kerzlein dringen? Die vergessenen Gebete Aus den Tannenzweigen singen?

Hörst Du auch das schüchternfrohe,

Helle Kinderlachen klingen?

Schaust Du auch den stillen Engel Mit den reinen, weißen Schwingen?

Schaust auch Du Dich selber wieder Fern und fremd nur wie im Traume?

Grüßt auch Dich mit Märchenaugen Deine Klarheit aus dem Baume?

Weihnachtsglanz.

Von Theodor Artopee.

An einem der kleinen Zellenfenster steht ein Straf­gefangener, ein großer, schlanker Mann. Das Fenster ist geöffnet. Er hat sich vom Aufseher die Erlaubnis erwirkt, das Fenster offen halten zu können; ein sonderbares Be­gehren, denn eisigkalt strömt die Dezemberluft in den kah­len Raum. Aber im Herzen des Gefangenen glüht es und brennt es, und die Brust schnürt es ihm zusammen

Mit starken muskulösen Fingern hält er die Eisen­stäbe umschlossen, die das Fenster verwahren. Unver­wandt hat er den Blick hinausgerichtet auf die in greller Beleuchtung scharf aus der Dunkelheit heraustretenden

Giebel und Schornsteine der Häuser jenseits der Mauer.

Welch ein Leben und Treiben überall! Als gelte es in diesen Stunden die Geschäfte langer Wochen noch rasch zu erledigen. Kein Wunder, heute feiert man Weihnach­ten!

Weihnachten!

Der starke Mann am Zellenfenster preßt die Eisen­stäbe mit furchtbarer Kraft, als wolle er sie zermalmen. Sie sind fest. Auch hat der Gefangene nicht die Absicht, einen Fluchtversuch zu unternehmen, im Gegenteil, er ge­noß das volle Vertrauen des Direktors. Aber doch ist es ihm heute zu Mute, als müßte er die Wände auseinander sprengen, damit er freier atmen könne. Zuweilen stöhnte er laut und hart, als verletze ihn jemand mit scharfer Waffe.

Jedesmal, wenn der Weihnachtsabend naht, ergreift ihn dieser wilde Schmerz, nein, kein Schmerz, ein unsag­barer Grimm. Er gilt keinem Feinde, er haßt sich selbst. Am Weihnachtsabend war es, als das Unheil über ihn hereinbrach.

Drei Jahre ist's her.

Er war damals erst einige Jahre verheiratet mit sei­ner Marianne, einem blühenden, hübschen Weibe. Zwei Kinder hatte sie ihm geschenkt, ein prächtiges Mädchen und einen Knaben. Er selbst war als kräftiger, zuverlässiger Arbeiter gesucht und geachtet.

An jenem Weihnatchstage war er ausgegangen, einen Christbaum zu kaufen und bunte Lichter, söviel nur im­mer auf den Aestchen stehen konnten. Es war ein bitter­kalter Tag. Der Heimweg führte ihn an einer Schenke vorbei. Ein Schluck Branntwein sollte ihn erwärmen. Drinnen traf er lustige Gesellschaft; es gab viel zu lachen und viel zu erzählen. Und so kam's, daß er länger blieb, als er anfangs wollte. Da witzelte einer seiner Trinkge­nossen über das Fichtenbäumchen, das er neben sich auf die Bank in die Ecke des Schankzimmers gestellt hatte.

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36.

Jur Weihnachtszeit

in Krimmitschau.

Krimmitschau, 22. Sept. Von den in dem Altenburg­ischen Städtchen Gößnitz abgehaltenen vier Versamm­lungen Krimmitschauex Weber, in denen die Verhandlun­gen des Reichstags über den Weberstreik in sehr erreg­tem Tone erörtert wurden, verfiel die eine Auflösung, da ein Redner die Geistlichkeit in höchst ungehöriger Weise kritisierte. Anlaß dazu gab das bekannte Weihnachts­verbot. Höchst ungehalten sind die hiesigen Kleingewer­betreibenden gegen den Reichstagsabgeordneten Bebel, der im Reichstag behauptet hate, hunderte und aberhun­derte von kleinen Geschäftsleuten ständen infolge der Aussperrung vor dem Bankrott, wogegen sie öffent­lich entschiedene Verwahrung einlegen. Auch weisen sie auf die Opfer hin, die sie 17 Wochen hindurch für die Ausständigen gebracht hätten. Nun dankte man ihnen damit, daß man die 8000 Weihnachtsstollen auswarts bestellt habe. Wegen der schweren Kontributionen, de­nen diese wenn auch nicht vor dem Ruin stehenden, so doch schwer geschädigten Kreise fortgesetzt von der Streik­leitung unterworfen werden, beginnt die Sympatie des Bürgertums mit den Ausständigen nachzulassen. Nach dem öffentliche Sammlungen für die Streikenden in Al­tenburg verboten worden sind„ist auch in Jena gegen den Vorsitzenden des dortigen Gewerkschafskartells in der gleichen Sache das Ermittelungsverfahren im Gange.

Die Austritte aus der Landeskirche nehmen ihren Fortgang. Die sozialdem.„Leipz. Volksztg. behauptet, die Sozialdemokratie oder die Sreikleitung habe dabei in keiner Weise die Hand im Spiele, die Austritte erfolg ten ohne Anregung völlig freiwillig. Das genannte sozialdemokratische Blatt schreibt:„Nachdem die sächsi­schen Behörden den Streikenden die gemeinsame Abhal­tung des christlichen Festes der Liebe und des Friedens von Amtswegen verboten haben, finden diese, daß sie in dem gemeinsamen protestantischen Religionsverbande nichts mehr zu suchen haben, daß sie aus der evangelisch­lutherischen Kirche ausgesperrt sind... Nachdem die Behörden der Stadt und Amtshauptmannschaft Krimmit­schau unter Berufung auf sächsischen Ministerium und den sächsischen Landtag ihnen die Tür zum Weihnachts­saal vor der Nase zugeschlagen haben verzichten sie auf die weitere Zusammengehörigket mit der sächsischen Lan­deskirche." Das ist eine durchaus schiefe Darstellung und falsche Logik, denn einmal sind, wie die„Volksztg. sagt, die Weber freiwillig ausgetreten, also nicht aus der Kirche ausgesperrt worden, und sodann ist das Weih­nachtsverbot lediglich ein Akt politisch=administrativer Gewalt und hat mit der Beauftragung der sächsischen Mi­

Die Spottreden nahm er zuerst ruhig hin, obwohl er den

Witzbold ohnedies nicht leiden mochte, weil er einst sein Nebenbuhler gewesen, als er um die Marianne freite. Als aber der Spötter sah, daß er seine Absicht nicht erreichte, wurde er kühner. Er begann verletzende Anspielungen auf Mariannes Ehre zu machen. Wutbelebend war der Be­leidigte aufgesprungen, hatte irgend etwas Schweres, Wuchtiges vom Tisch gerissen und mit einem furchtbaren Schlage seinen Gegner zu Boden gestreckt.

Der zur Wut gereizte Mann kam erst wieder zu sich, als stahlfeste Finger seinen Arm ergriffen und eine laute, befehlende Stimme nach seinem Namen fragte.

Tonlos stand er Rede. Dann führte man ihn hinweg. Als er in der geöffneten Tür stand, fiel ihm ein, daß er etwas mitgebracht hatte. Mechanisch wandte er seinen Kopf nach dem Platze, auf dem er vorhin gesessen. Dort lehnte das kleine Fichtenbäumchen. Urplötzlich war ihm jetzt alles klar, Gedanken und Vorstellungen jagten sich — die wartende Frau daheim— sein Kind— Weihnach­ten. Er atmete tief auf und hielt seinen Schritt an.

„Tot“? fragte er den Schutzmann, mit dem Kopfe rückwärts deutend nach der Gruppe, die sich um den Nie­dergeschlagenen gebildet.

„Vorwärts!" befahl der Beamte unwirsch, ohne auf die Frage zu antworten. Auf dem nächsten Polizeibureau wurden die Personalien und der vorläufige Tatbestand festgestellt, dann führte man ihn ins Gefängnis.

Drei Jahre hatte er von seiner Strafe verbüßt, drei lange, schreckliche Jahre. Tag für Tag schlich in nieder­drückender Einförmigkeit an ihm vorüber. Schließlich kam ein Gefühl stumpfer Gleichgiltigkeit über ihn. Nur, wenn ein Brief von seiner Marianne in seine Einsamkeit gelangte, dann quälte ihn die Erinnerung, und die Sehn­sucht nach Freiheit marterte ihn. Der letzte Brief seiner Frau,— vom Oktober— lautete gar traurig. Er hat ihn hundertmal gelesen, er weiß ihn auswendig.

*