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36.

Sozialpolikit

Beim Empfange der christlichen Arbeiter=Deputation hat der Reichskanzler, wie nicht anders zu erwarten war, dasselbe betont, was schon die Thronrede sagte: Die so­zialpolitische Gesetzgebung wird unbeirrt durch politische Strömungen von der Regierung fortgesetzt werden. Im Reichstage hat Graf Bülow dann Gelegenheit genommen, sich über die sozialpolitischen Bestrebungen der Regierung noch eingehender zu äußern, indem er erklärte, daß nach der Regelung der Arbeiter=, Witwen= und Waisen=Versi­cherung die Einführung der Arbeitslosen=Versicherung geplant sei. Die Verbündeten Regierungen bekennen sich damit aufs neue zu dem Grundsatze des Rechtes auf Ar­beit und erachten den Staat für verpflichtet, Arbeitslosen einen Ersatz zu bieten.

Bedenkt man nun, daß die Arbeitslosigteit verhältnis­mäßig selten ohne eigene Schuld der Betroffenen eintritt, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber durch Streiks oder durch Nachlässigkeit der betr. Arbeiter her­beigeführt wird, so muß man sagen, daß die Fürsorge der Regierung für die Arbeiter eine geradezu schrankenlose ist, wenn selbst einer Arbeitslosen­Versicherung näher getreten werden soll. Daß Arbeitslose, die die Arbeit in einem Lohnkampfe niederlegen, vom Staate nicht noch unterstützt werden können und daß selbst­verschuldete Arbeitlosigkeit doch noch nicht mit einer Prämie bedacht werden kann, ist selbstverständlich. Es werden also von vornherein eine Menge Ausnahmen von der Regel festgestellt werden müssen, das wird gewaltige Schwierigkeiten geben. Aber doch, die Regierung will dem Versuche nicht aus dem Wege gehen!

Konnte der Reichskanzler den Delegierten der christ­lichen Arbeiter auch keine bindenden Zusagen machen in Bezug auf die Erfüllung dieses oder jenes Einzelwunsches, so war er doch in der Lage, den Abgeordneten die beruhi­gendsten Versicherungen betreffs des fortgesetzten Bemü­hens der Verb. Regierungen auf Fortführung der sozial­politischen Reformarbeit zu geben. Die Arbeiter haben durchaus Anlaß, der Regierung Vertrauen entgegenzu­bringen. Was zu ihrem Wohle geschehen kann, das wird geleistet werden. Die Arbeiterdeputation verließ denn auch das Reichskanzlerpalais in der festen Ueberzeugung, daß schließlich in Bezug auf ihre Wünsche eine geeignete Vereinbarung erzielt werden würde, wenn das auch nicht von heute auf morgen geschehen könne.

Die Zahl der Arbeiter, die sich behufs Erfüllung ihrer Wünsche an den Kaiser und an den Kanzler wenden, ist keine kleine; auf dem Kongreß in Frankfurt a. M., der die Entsendung der Deputation an den Reichskanzler be­schloß, waren mehr als 650000 Arbeiter vertreten, von enen kein einziger etwas mit der Sozialdemokratie zu in haben wolle. Man darf auch die Hoffnung

daß auch die Zahl dieser nicht=sozialdemokratischen Arbeiter immer mehr anwachsen wird, ja allgemeiner die Erkennt­nis wird, daß die Sozialdemokratie nur Unzufriedenheit säen und unerfüllbare Versprechungen machen kann. Diese Erkenntnis aber ist Dank der bekannten Ereignisse der neuesten Zeit stark im Wachsen.

Politische Uebersicht.

Deutschland

Deutsche Blätter als Kostgänger Rußlands. Eine höchst seltsame Bemerkung über ausländische Subventio­nen deutscher Blätter findet sich in einem Petersburger Briefe des„Berliner Tageblattes". Dieselbe lautet:„Auch mit der an einzelne deutsche Blätter wandernden„Sub­vention“, die von seinem Vorgänger in recht hohen Be­trägen gezahlt wurde, brach Herr Pleske, der jetzige Finanzminister Rußlands." Es wäre wünschenswert, wenn das Blatt sich etwas deutlicher ausdrückte über seine Wis­senschaft, welche in dieser Form geeignet erscheint, die deut­sche Presse im allgemeinen zu diskreditieren. Das Blatt wird sich also der Pflicht nicht entziehen können, deut­licher zu werden.

Italien.

= Die Millionen des Vatikans. Kardinal Gotti über­reichte dem Papst 40 Millionen Lire italienischer Rente, die ihm Leo XIII. vor seinem Tode zur Aufbewahrung übergab mit der Order, sie fünf Monate nach seinem Tode dem neuen Papst zu übergeben. Weitere 9 Millio­nen wurden auf Gottis Anleitung in der Bibliothek ver­steckt gefunden. Damit ist anscheinend das geringe Ver­mögen Leos von nur etwa 20 Millionen Lire erklärt.

Kaseruenhof=Sprache.

In dem Prozeß gegen den Leutnant v. Arnim ist fest­gestellt worden, daß dieser Offizier dem Grenadier, wegen dessen Mißhandlung er zu 14 Tagen Stubenarrest verur­teilt worden war, zugerufen hatte:„Das Schwein schießt mich tot.“ Jeder, der gedient hat, weiß, wie verbreitet die Unsitte mancher Vorgesetzter ist, den Untergebenen belei­digende Ausdrücke zuzurufen. Herabsetzende Bezeichnun­gen aus dem Tierreich, zum Teil in einer geradezu raffi­nierten Zusammensetzung, sind gang und gäbe, aber leider werden noch weit schlimmere Ausdrücke gebraucht, die die­jenigen, welchem sie gelten, geradezu als moralisch min­derwertig— um noch den mildesten Kommnetar anzu­wenden— erscheinen, lassen. In der Kaserne und auf dem Exerzierplatze kann es nicht zugehen, wie in einem „Pensionat für Töchter höherer Stände“ und die kriegs­mäßige Erziehung von jungen Leuten im Alter von durch gehends 20 Jahren kann sich nicht immer im Salon voll­ziehen. Aber trotzdem wird niemand, der Personen und

Fur Herz und Gemüt.

In Gott ist unser Ziel; späh' nicht nach andern Wegen, Denn alle führen dich dem gleichen Ziel entgegen.

Und wandle, wie du willst, auf fernstem Pfad und Steg:

Du kommst stets nur zu Gott auf weiterm, rauherm Wg.

*

wißt nicht, wenn der Neid euch plagt,

Wie Glück und Unglück verkeltet;

denkt nicht der Dornen, wenn ihr sagt:

Der ist auf Rosen gebettet.

Unser Einziger.

Von Th. Schmidt.

(4. Fortsetzung.)

„Lotte, antworte nun endlich dem Herrn Polizeileut­ant! Sei doch nicht so entsetzlich kindisch! Sag, daß— aß Du geträumt und den Schmuck in Gedanken einge­eckt hast! Denn so nur ist Deine Tat zu erklären.“ von Gleichen winkte der Frau Konsul mit der Hand. „Lassen sie nur, gnädige Frau; ich denke, wenn Ihre räulein Tochter sich erst von dem Schreck erholt haben ird, werde ich schon von ihr die richtige Erklärung er­alten. Nicht wahr, Fräulein?“

Die hübsche Sünderin nickte kaum merklich mit dem

0e.

Er wartete eine Weile, dann fragte er höflich:

„War es vielleicht Ihr lebhafter Wunsch, den Schmuck

„Ja, ich sehnte mich nach seinem Besitz,“ antwortete

otte ehrlich. gn 4tun Lamit 6. ihn.

„Und sie zeigten in ihrer Mutler, damn sie ihn kau­u möchet

„Ja! Das tat ich: antwortete sie Aohaft.

„Sie weigerten sich jedoch, Frau Konsul, den Schmuck hrer Tochter zu kaufen,“ wandte von Gleichen sich an e Mutter.

„Das grade nicht, ich flüsterte ihr nur leise zu: Da­aus kann im Augenblick nichts werden, Du weißt, Dein Vater hat in dieser Zeit schwere Vermögensverluste erlit­ten, vielleicht schenkt er Dir ihn später.“

„Hatten Sie sich schon in den Gedanken hineingelebt, daß Ihre Eltern Ihnen den Schmuck kaufen würden?" fragte der Beamte Lotte, die einen Augenblick das Ta­schentuch vor dem Gesicht weggenommen und ohne aufzu­sehen einen langen Seufzer ausgestoßen hatte.

„Ja, das hatte ich,“ sagte sie,„denn meine Eltern er­füllten mir sonst stets meine Wünsche.

von Gleichen sah gespannt auf. Sie war demnach als einzige Tochter wohl sehr verhätschelt und verwöhnt und hatte nicht gelernt, auf irgend ein Verlangen zu ver­

dichten.„„

„Hatten Sie vielleicht die Absicht, den Schmul Ihrem Vater zu zeigen und diesen zu bitten, er möge Ihnen denselben schenken? Sie vergaßen dann aber, den Verkäufer um Ueberlassung des Schmuckes für kurze Zeit

zu bitten. Ists nicht so?“ 6m

Lotte schwieg und der Beamte sah beswegen scharf zu ihr hinüber. Sie war doch noch recht kindlich befan­gen und unerfahren, dachte er. Jede andere würde diese vortreffliche Idee, die der Beamte da zu ihrer Rettung hinwarf, sofort aufgefangen und die Frage bejaht haben.

„Nun, Fräulein, was haben Sie mir auf meine Fra­ge zu antworten?“ drängte von Gleichen.

„Ich weiß nicht, wie es kam, stammelte Lotte ver­wirrt, und der Beamte sah, wie ihr eine jähe Blutwelle bei diesen Worten ins Antlitz stieg.

„Sie wissen also nicht, daß Sie den Schmuck ein­

steckten*“..... 6 14. sch munß„

„Nein, nein, ich weiß es nicht, uh— ich muß es in

Gedanken getan haben!" beteuerte sie.

Der Beamte sah sie verwundert an. Es war hm jetzt klar, daß Lotte Reuter beim Betrachten des Schmuk­

Verhältnisse kennt, uns Unrecht geben, wenn wir die Be­hauptung aufstellen: Es wird gewohnheitsmäßig im Sol­datenleben zu viel gebrüllt und geschimpft! Auf das „gewohnheitsmäßig" möchten wir dabei einen besonders starken Nachdruck legen. Es gibt Vorgesetzte, die sich daran gewöhnt haben, bei allen möglichen Gelegenheiten „Der Kerl“,„Die Kerls",„Das Schwein",„Der Esel", „Der Schafskopf“ usw. zu sagen, daß sie sich gar nichts mehr dabei denken. Wenn im Dienst angesichts einer groben Unaufmerksamkeit oder Ungeschicklichkeit einem sonst wohlwollenden Vorgesetzen ein„Dummkopf“ oder „Tölpel" entschlüpft, so erblicken wir darin mit nichten eine grobe Beleidigung. Auch der Mann selbst tut das nicht. Der Soldat hat durchgehends ein sehr feines Gefühl da­für, ob eine Aeußerung eines Vorgesetzten nur der Aus­druck des Unmutes über seine„Tapprigkeit" ist, oder der Ausdruck der Nichtachtung. Im ersteren Falle ist bei ihm von Uebelnehmen gar keine Rede, weiß er doch, daß der Vorgesetzte für ihn und seine Leistungen verantwortlich ist und auch selbst von seinen Vorgesetzten„angepfiffen“ wird, wenn nicht alles in Ordnung befunden werden sollte. Im zweiten Falle aber bleibt ein tiefes Gefühl der Kränkung zurück, weil der Mann die Empfindung hat, daß er von seinem Vorgesetzten als Angehöriger einer niedrigeren Klasse angesehen wird, den man straflos beleidigen könne. Und hier liegt unseres Erachtens der springende Punkt. Wer„des Königs Rock" trägt, und auf den erhabensten Beruf vorbereitet wird: den, das Vaterland zu verteidi­gen— der soll von niemand, ob General oder Unteroffi­zier, ungestraft beleidigt werden dürfen. Ein Schimpf­wort wie„Schwein“ brennt in der Seele eines ehrlieben­den jungen Menschen oft ebenso schmerzlich, wie ein Schlag auf der Wange! Ganz abgesehen davon, daß es schon ein Gebot der Ritterlichkeit ist einen Wehrlosen, der sich nicht zu rächen vermag, nicht zu beleidigen! Hier muß mit aller Tatkraft eingesetzt werden, und, wenn nötig, auch mit eiserner Strenge. Wir halten die Ausrottung der Mißhandlungen durch Worte für ebenso wichtig, wie die Beseitigung der Schläge, Stöße usw.

Kleine Chronik.

+ Mohnungen, 19. Dez. Anläßlich des hundertsten Todestages Herders fanden gestern hier, in seiner Geburts­stadt, feierliche Akte in den Schulen, am Denkmal und im Rathaussaale statt.

Lokales.

Schwerte, 21. Dezember 1903.

**(Vaterländ. Frauenverein.) Am 11. d. Mts. fand unter dem Vorsitz der Frau Medizinalrat Schulte in

kes von einer Vorstellung beherrscht wurde, die so mäch­tig auf sie einwirkte, daß sie darüber alles um sich her vergaß. War es Widerstand gegen den Willen der Mut­ter, ihr den Schmuck nicht zu kaufen— sie schien in der Tat nicht gewohnt zu sein, daß man ihr eine Bitte abschlug, oder beschäftigte sie der Gedanke, mit diesem herrli­chen Halsbande bei passender Gelengheit alle anderen Freundinnen in den Schatten stellen zu können? Irgend ein Beweggrund, bei dem die liebe Eitelkeit junger Mäd­chen mitgewirkt hatte, war zweifellos bei der Tat vor­handen gewesen. Und mit einem Male glaubte von Glei­chen klarer in die Saache zu sehen. Es fiel ihm ein, daß am nächsten Sonntage in dem Klub, dem er und auch der Konsul angehörte, ein großer Ball stattfand, über den er sich noch vor einigen Tagen mit Lotte Reuter im elterlichen Hause bei einer Tasse Kaffee unterhalten hatte. Es war ihm ferner bekannt, daß ein junger bildhübscher Archi­tekt, den er einmal mit Lotte auf einem entlegenen Wege in der Eilenriede traf, ohne daß die beiden ihn bemerkt hat­ten, zur Zeit einer anderen jungen Dame des Klubs eifrig den Hof machte. Er hatte das auf dem ersten diesjährigen Balle, der auch Lottens erster Ball war, nicht ohne ein Befremden beobachtet, sah er doch, daß das Mädchen das Benehmen des Architekten unausgesetzt mit den Augen verfolgt und auf seine, von Gleichens, Fragen zerstreute Antworten gab. Sie liebte danach den Architekten und wurde von Qualen der Eifersucht gefoltert. Au schien Lotte ihre bevorzugte Rivalin an diesem Abend scharf zu beobachten, besonders dann, wenn der Architekt mit der­selben tanzte, was auffällig oft geschah.

Offenbar schwankte Max Seckels, der junge Archi­tekt, noch in der Wahl zwischen der liebreizenden Lotte Reuter und der weniger hübschen und schon alternden, aber sehr reichen Tochter des Bankiers Bernstorff, die an die­sem Abend ein kleines Vermögen an Juwelen und Preti­osen im Haar und am Halse trug und die den von allen.