Herforder

tadt und Land.

eneralanzeiger für den Kreis Herford.

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Die„Herforder Zeitung für Stadt und Land“ erscheint Vontag, Mittwoch und Freirag Abend. Abonnrmentspreis

75 8j. pränumerando, vom Briefträger ins Haus gebracht 1 Mark.

Montag, 27. August.

Inserate werden bis vormittags 10 Uhr erbeten, und kostet die 1 spaltige Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Redaktion und Expedition:

Gehrenberg 320(Eingang an der Brüderstraße).

1894.

Lokales und Provinzielles.

Nachdruck unserer Originalberichte ist nur mit deutl. Quellenangabe gestattet.

* Herford, 27. Aug. Wie wir schon mitgeteilt, tritt der Programm=Entwurf der freisinnigen Volks­partei u. a. auch für Beschränkung der Borg­wirtschaft ein. Mit Bezug auf diese Forderung macht die Berl. Ztg. folgende treffende Bemerkungen:

„Borgen macht Sorgen. Das gilt für Verkäufer und Käufer, für Handwerk und Handel, für Groß und Klein. Eine Reform der Zahlungsweise könnte eine große Zahl von Schäden heilen, an denen unser Ge­schäftsleben krankt. Die Verdrängung der nachgerade unheimlich gewordenen Borgwirtschaft durch grund­sätzliche Einrichtung der Barzahlung würde die wohl­thätigsten volkswirtschaftlichen Folgen haben. Verkauft der Grossist nur noch gegen kurzes Accept, schafft der Detaillist dann den Ladenborg ab und führt der Hand­werker seiner Kundschaft gegenüber die Pflicht der Bar­zahlung ein, so wird damit eine Hauptquelle des geschäftlichen Elends verstopft sein. Im Gegensatze zu den ungeregelten Trieben ist jede Disziplin gleichbe­deutend mit Kultur. Darum ist Kredit=Disziplin das erste Erfordernis einer kulturwürdigen und kultur­fähigen Volkswirtschaft. Die Ausschweifungen der Kreditwirtschaft gleichen den Ausschweifungen einer demoralisirten Jugend, die in wilden Genüssen rasch die Kraft vergeudet, welche für den sparsamen Gebrauch eines langen Lebens bestimmt ist.“

* Das Verbandsfest der christlich=patriotischen Männervereine von Minden=Ravensberg war sehr stark besucht. Die aus Werther, Heepen, Schildesche und Dornberg teilnehmenden Mitglieder kamen mit Leiter­wagen an, während die Bielefelder mit dem Zug um 4¼ Uhr eintrafen. Letztere hatten ihre schöne Vereins­fahne, sowie ihren Posaunenchor mitgebracht und zogen, von Herforder Mitgliedern geführt, unter klingendem Spiel zum Vereinshaus. Vor demselben war eine Ehrenpforte mit einem von Herrn Mehlhopp sehr schön gemalten Schild errichtet. Der festlich dekorierte Saal war bald bis auf den letzten Platz gefüllt; wenn es auch ziemlich warm war, war der Aufenthalt doch er­träglich. Nach dem gemeinsam gesungenen„Lobe den Herren“ und dem von sämtlichen Gesangsabteilungen

Die Schwabenmühle.

Eine Volksgeschichte aus Schwaben von August Butscher.

(2. Fortsetzung.)=(Nachdr. verb.)

Sie traten über die Schwelle in die schwarzgeräucherte, getäfelte Stube, in der eine Armee von Fliegen in Schwär­men Massenbewegungen vollführte. Mit einem„Ah“ der Erleichterung stellte Xaver seine Kraxe ab, der Bildermann nestelte sein Kästchen ab, und der Fahnenfrieder brachte seine Stange hinter dem Ofen unter. Es war nur ein Gast in der Stube, ein derber, junger Mensch mit einem Kopfe voll kurzer Löckchen, einem etwas stuviden Gesicht, in dem be­sonders der Mund auf recht gewöhnliche Neigungen schließen ließ. Ueber seine aufwärts gezogene Oberlippe kroch ein dünner, blonder Schnurrbart, und das etwas zu sehr abge­stumpfte Kinn verstärkte noch den Eindruck, den der Mund machte. Die halb elegante Kleidung war von Mehlstaub überflockt und ließ leicht erraten, daß der Gast zu dem Mühlwagen gehöre, dessen Pferde vor der Thür durch lautes Schellengeklingel ihre Ungeduld kundgaben.

„Grüß' Gott,“ sagte die dicke Wirtin, deren Augen in jenem Glanz schwammen, der sehr verräterisch die vertraute Bekanntschaft mit geistigen Getränken zu offenbaren pflegt.

„Woher des Weges,“ fragte hierauf der Wirt, der im Gegensatz„zur theuren Last“ auffallend dünn war.

Nachdem der Kraxenmann und der Fahnenfrieder be­grüßt worden waren— von dem Bildermann nahm man keine Notiz— prüften diese mit Behagen den gar nicht üblen Stoff, den die Wirtin in der Schenke vorher einer Probe zu unterwerfen pflegte. Sie waren befriedigt, und der stets heitere Frieder schnalzte mit der Zunge vor Ver­gnügen. Die Augen in den Tisch gebohrt, hatte der andere Gast dagesessen, auf. den Sonnenbrand und Lagerbier zu­sammen eine einschläfernde Wirkung ausübten. Jetzt wachte er aus seinem Taumel auf, der Fahnenfrieder schlug ihm auf die Achsel und schrie mit seiner dünnen Stimme:„Das ist ja der Six(Sixtus) vom Erlenhof. Grüß' Gott wieder einmal, hab' Dich lang nicht gesehen! Was zum Kukuk, bist Du denn Müllerknecht geworden, so ein schmucker Soldat? 's macht nichts, aber wundern thut mich's doch.“ Der An­geredete fuhr auf und grüßte dann den Allerweltsbekannten in derber Weise, während er über die Hünengestalt des Kranitzers, den er, offenbar auch kannte, einen halb mißtrau­ischen, halb feindseligen Blick gleiten ließ.

„Auch des Wegs, Fahnenfrieder? Ja, so, Du machst einen Geschäftsgang,“ sagte er dann rasch, und— die Stange erblickend— trat er rasch hinter den Ofen und holte sie hervor. Er wog sie in der Hand und prüfte sie mit wich­tigthuender Miene... Dann sagte er mit anspruchsvoller Wichtigkeit:„Alle Achtung, Fahnenfrieder, Du hast Deine Sache gut gemacht. Die Stange paßt auf und nieder zur Fahne, das ist ein Stück, sag' ich, weitum können sie sich heimgeigen lassen. Nun, Geld haben wir ja geliefert, wie

wirksam vorgetragenen„Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ hielt Herr Lehrer Gewecke=Herford eine Be­grüßungsansprache, die mit einem Hoch auf den Kaiser schloß, worauf„Heil Dir im Siegerkranz“ folgte. In der Festrede legte Herr Schleifermeister Donner­Bielefeld die Aufgaben der christlich=patriotischen Männervereine für die gegenwärtige Zeit dar und forderte in zündender Rede zu treuer Mitarbeit auf. Nach dem Liede„Ein feste Burg ist unser Gott“ wurde eine Pause gemacht, welcher der freien Unter­haltung gewidmet war.— Den 2. Teil eröffnete das Chorlied„Stehe fest, o Vaterland“, dann folgte die im Programm vorgesehene Sedanfeier. Herr Lehrer Wittenberg=Herford sprach über„des Krieges Ursachen", Herr Pastor Philipps=Heepen über„der gerechten Sache erste Siege und die Ent­scheidung bei Sedan“, Herr Rektor Buddemeyer­Werther über„des Krieges Lorbeeren" und Herc Lehrer Bohnenkamo=Schildesche über„Jung­Deutschlands Aufgaben.“ Ohne daß man sich vorher über mehr als die Themata's verständigt hatte, fügten sich die einzelnen Reden so ineinander, daß der Zu­hörer ein gedrängtes Bild des ganzen deutsch=französischen Krieges erhielt und ihm alle hervorragenden Ereig­nisse desselben in packender Weise vor die Seele ge­führt wurden. Zwischen die verschiedenen Ansprachen waren gemeinsame, patriotische Lieder, Chorgesänge und Posaunenvorträge gelegt, letztere abwechselnd von den Posaunenchören des Bielefelder Vereins und des hiesigen Jünglingsvereins ausgeführt.— Mit dem Choral„Jyr, die ihr Christi Namen nennt“, schloß das offizielle Fest um 8 Uhr. Dann entwickelte sich eine lebhafte Unterhaltung der Anwesenden, die einzelnen Gesangsabteilungen der Vereine trugen dazwischen Lieder vor und die Posaunenchöre bliesen abwechselnd Märsche. Um 9¼ Uhr wurde wieder mit Musik nach dem Bahnhof marschiert, von wo aus die Rückfahrt erfolgte.— Von vielen Auswärtigen war zu hören, daß es ihnen in Herford sehr gut gefallen habe und auch der hiesige Verein dürfte mit dem Verlauf des Verbandsfestes zufrieden sein. Möchte dasselbe auch neue Begeisterung für die Vereinssache gebracht haben!

Heu, und der Herrgottsmüller hat allein hundert Mark gestiftet."

„Was Du sagst?“ schmeichelte Frieder.„Das giebt doch morgen ein Fest, wie noch nie und Du wirst als Fähn­rich einhersteigen, wie ein Pcinz. Die Festjungfrauen werden ganz weg sein über Dich, laß nur eine Halbe auf­fahren, es ist so höllisch heiß,'s macht nichts, Du schlägst's auf's Heiraten.“

Der Geschmeichelte lächelte und die Wirtin meinte:„Da ist gut daraufschlagen, wenn man der Schwiegersohn vom Herrgottsmüller wird.“

„Pfeift der Wind aus dem Loch,“ sagte der Frieder und zog die Augenbrauen empor, während, er einen leisen Pfiff ausstieß.„Alle Achtung, Du bist ein Glückskind. Darum also fährst Du für den Müller!"

„Gefälligkeitshalber,“ war die etwas gezierte Antwort.

Der Kraxenmann war bis in die Lippen erbleicht, der Bildermann aber murmelte:„Herrgottsmüller auf und nieder, wird man denn den Namen nicht mehr los?“

„Laß nur zwei Halbe auffahren, Six, es mag's austragen, der Xaver thut auch mit, kennst Du ihn nicht mehr? Bist überhaupt nicht so hell auf, wie ich's wäre. Hat's vielleicht noch einen Haken? Es kommt hie und da so was vor in der kuriosen Welt!" versetzte der ausgetrocknete Fahnenfrieder.

„Einen Haken? Wie so denn?“ meinte Six mit einem raschen Seitenblicke auf Xaver.„Warum sollt“ es einen Haken haben? Der Alte will, ich will auch, und die Junge muß wollen, dafür wollen wir schon sorgen.“ Er biß sich auf die schwulstigen Lippen, denn er schien zu fühlen, daß er zu viel gesagt. In Xavers Gesicht war die schwermütige Ruhe zurückgekehrt, die ihm eigen war, und der alte Bilder­mann, der keinen aus den Augen ließ, machte im Stillen seine Glossen.

Die zwei Gläser wurden gebracht, und die Pferde draußen läuteten noch lange umsonst. Das Glas des Erlen­hofers berührte nur widerwillig das Kavers, der es ihm übrigens auch gar nicht aufdrängte. Er saß ein wenig ein­gebückt, und in seinem Kopfe schienen schwere Gedanken zu kreisen, während Six eine laute, erzwungene Lustigkeit zur Schau trug.

„Könnt Alle mitfahren nach Strudelbach“, rief er und schlug auf den Tisch.„Der Schwiegersohn des Herrgotts­müllers nimmt zu seinen Säcken gern noch drei Wanders­leute mit ihrem Krimskrams.“

„Ich danke, wir gehen zu Fuß“, sagte der Kraxenmann, dessen Kraxe leichter geworden zu sein schien, als seine Ge­danken. Auch der Alte lehnte ab, denn er war ein Todfeind des bäuerischen Uebermuts. Nur der Fahnenfrieder, der sich einen tüchtigen Spitz angeschnallt hatte, nahm gern an, sagte:„'s macht nichts, auf Wiedersehen!" und fuhr mit dem peitschenknallenden Six davon. Die beiden Wanderer aber folgten schweigsam und achteten nicht der sengenden Hitze.

* Nach dem Waldfrieden zog gestern bei dem schönen Wetter eine wahre Völkerwanderung. Auch von auswärts her, namentlich aus Salzuflen, Schöt­mar 2c., hatten Vereine die neue Waldschenke zum Ziel­punkt genommen. Es waren unter diesen Ausflüglern wohl recht viel Neugierige, welche sich die neue Anlage mit dem poetischen Namen ansehen wollten. Auf einen derartigen Besuch ist aber die junge Wirtschaft noch nicht eingerichtet und so mußten wohl Hunderte es beim Ansehen bewenden lassen und weiterziehen. Es mag bei einem derartigen riskanten Unternehmen recht schwer sein, gleich das richtige zu treffen. Daher kommt es wohl, daß die ganze Anlage in so kleinen Verhältnissen errichtet ist. Hoffentlich erhält sich das Unternehmen in der Gunst des Publikums, so daß der Wirt es wagen kann, Vergrögerungen vorzunehmen.

* Heute Abend wird„Der Herr Senator“ gegeben, worauf wir hiermit nochmals aufmerksam machen.

* Verhaftet wurde am Sonnabend eine Frauens­person wegen nächtlichen Umhertreibens. Montag früh wurde sie auf den Schub gebracht.

* Für Lehrlinge, die die Lehrzeit nicht innehalten, ist folgender von Berlin berichteter Fall von Interesse. Ein Handwerker wurde durch gericht­liches Urteil gehalten, an einen Spezereihändler, bei dem sein Sohn als Lehrling war, eine Entschädigung dafür zu zahlen, daß sein Sohn ohne triftigen Grund nach einem halben Jahre die Lehre verlassen hat, obwohl eine dreijährige Lehrzeit ausgemacht war. Die Entschädigung wurde auf 50 Pfennig für jeden nicht eingehaltenen Tag der Lehrzeit festgesetzt.

* Falsche Zinsscheine. Vor kurzem wurde gemeldet, daß in Bremen falsche Zinsscheine über je 15 Mark, welche anscheinend durch Steindruck hergestellt, in den Verkehr gebracht worden seien. In der letzten Zeit sind gleiche Zinsscheine, die dieselbe Bezeichnung und Nummer wie jene tragen, verschiedentlich in Bielefeld ausgegeben und von der Reichsbankstelle an­gehalten worden. Es sind dies Zinsscheine, der 3pro­zentigen Anleihe des Deutschen Reichs von 1892 Ltr. A. Nr. 195910 über 1000 Mark, zahlbar am 1. April 1894 mit 15 Mark. Bei Annahme von Zins­scheinen ist deshalb zur Vorsicht zu raten.

2. In der„Schwabenmühle".

Der ganze Westen flammte in Feuersglut, und kleine Wölkchen schwammen wie verstreute Flammen langsam durch den abendlichen Himmel. Ein leichter Wind hatte sich er­hoben und zog erfrischend durch das müde Laub der Bäume und über die Stirn der arbeitsmüden Landleute. Unsere zwei Wanderer hatten mit langen Unterbrechungen, die sie im Waldschatten verbracht, endlich ein kleines Seitenthal der Donau erreicht, aus dem sich wellenvoll und stark brausend ein zorniger Bach nach dem Strom zu rang: dort begann er einen kurzen, ungleichen Kampf mit dem Riesen, um dann, rasch gebändigt von seiner ruhigen Kraft, gehorsam mit fortzuziehen ins ferne Grab des Meeres.

Das erste Dorf vom Flusse aus im kleinen Bachthal war Strudelbach, in das die beiden Wandersleute jetzt ein­bogen. Die einzige Straße, die wie ein Scheitel die Häuser­reihen trennte, war heute sehr belebt. Es war ja Sonn­abend und zugleich der Vorabend der Fahnenweihe. Ueber­dies waren die Leute, wenn auch müde, so doch festtäglich gestimmt von ihrer Wallfahrt heimgekehrt und kamen in ganz ungezwungener Weise in das Fest und in den Sonn­tagstrubel hinein. Wenn der Bauer einmal seine besseren Kleider anthat, so legt er sie nicht gleich wieder ab; heute gab es ja einen halben Feiertag, wie von selbst, und diese sind fast noch anziehender, als die ganzen.

Ueberall vor den Häusern saßen Mädchen und Frauen und arbeiteten eifrig an Kränzen und Guirlanden. Sie trugen über den besseren Kleidern, die sie auf die Wall­fahrt angezogen, eine rauhe Schürze und gefielen sich recht gut darin. Verschiedene hatten auch ihre etwas störrischen Haare aufgerollt und in Papiloten unter einfachem Netze gezwungen. Das waren die Festjungfrauen, die Beneideten ihres Geschlechtes. Sie wollten morgen mit wehenden Locken gehen, sahen aber heute eher komisch, als feierlich aus und mußten daher manchen„Treff" von ihren Kameradinnen hinnehmen. Die ledigen Burschen machten sich viel bei ihnen zu schaffen und wurden des morgigen Tanzes wegen mit besonderer Gnade angesehen.

Die Männer arbeiteten in Hemdärmeln an den Triumph­bögen, die aus Tannenreisern hergestellt wurden, oder auf dem„Festplatze" neben dem Gasthaus zum„Blauen Bock“, das sich ertra auf den Festtag ein neues Schild hatte malen lassen. Der Bock duftete schon von ferne nach Oelfarbe, und aus dem Hause, das er bewachte, ertönte ein ziemlich lauter Lärm, denn der sich Stärkenden waren sehr Viele.

Der Bildermann betrachtete sich hämisch lächelnd die Vorbereitungen, während seines Sohnes Auge nur zerstreut über all den bunten Tand hinwegstreifte. Die Mädchen begrüßten zutraulich den schönen Mann, der so ganz anders war, als die jungen Burschen vom Strudelbach, aber er schickte sein Auge immer vorwärts, dem Dorfende zu, denn dort lag ja die Schwabenmühle, wo ihn eine Lagerstatt er­wartete und vielleicht noch etwas Süßeres; er hoffte es, aber sein Mund redete nichts. Aus dem blauen Bock ertönte