Generalanzeiger für den Kreis Herford.
1.
Die„Hersorder Zettung für Stadt und Land“ erscheint Mentag, Mittwoch und Freirag Abend. Abonnementspreis
vierteljährlich 75 Pf. pränumerando, vom Briefträger ins Haus gebracht 1 Mark.
Dienstag, 2. Januar
Inserate werden bis vormittags 10 Uhr erbeten, und kostet die 1 spaltige Petitzeile oder deren Raum 10 Pf. Redaktion und Expedition:
Gehrenberg 320(Eingang an der Brüderstraße).
1894
Bestellungen auf die„Herforder Zeitung
u. Land“ werden
von allen Postaustalten, Landbriefträgern, Agenturen und Zeitungsboten sowie von der Expedition fortwährend noch entgegengenommen.
Lokales und Provinzielles.
g Herford, 2. Jan. In der Sylvesternacht wurde, wie es bisher üblich gewesen ist, so auch diesmal nach alter, schöner Sitte das neue Jahr mit festlichem Geläute von allen Kirchthürmen begrüßt. Auf den Straßen war es dagegen verhältnismäßig ruhig, da die Glätte zur Vorsicht mahnte. Aus demselben Grunde gestaltete sich auch der Neujahrsverkehr nicht so lebhaft wie sonst, das Gehen war in den Vormittagsstunden recht schwierig und der nachmittags eintretende Schneefall machte den Aufenthalt im Freien ungemüthlich. Die in den Kirchen abgehaltenen feierlichen Festgottesdienste waren dessenungeachtet stark besucht, wenn auch nicht in dem Maße, wie am SylvesterAbend. Der Neujahrstag ist ja auch so recht geeignet zu einer ernstlichen Sammlung, zu Rückblick und einem Ausschau in die Zukunft. Was die kommende Zeit dem Einzelnen aber bringen wird, das weiß weder Reicher noch Armer, weder Hochgestellter noch Niedriger. Ob Leben oder Tod, Krankheit und Siechthum oder Gesundheit, Wohlfahrt oder Unglück, frohe Tage oder Sorgen zu dem Einzelnen kommen, das steht lediglich in Gottes Hand und daher richtet ein Jeder am Neujahrstage die Blicke gerne nach oben. Jeder wüßte so gerne sich und die Seinigen für ein ganzes Jahr in sicherer Obhut. Da diese Gewißheit nun aber keinem Menschenkinde gegeben wird, so wünscht man sich denn wenigstens von Herzen das Beste. Unter der Last der schriftlichen Neujahrswünsche hatten denn gestern auch die Postbeamten schwer zu seufzen. Riesige Mengen von Briefen waren zu befördern. Man hat sie oft angefochten, diese Neujahrsgratulationen und doch stellen sie, wenn sie nicht übertrieben werden, eine schöne Sitte dar. Geben sie doch oft Gelegenheit, mit lieben Freunden, die den Aufenthaltsort wechselten, einen Gruß auszutauschen. Unsere hastig lebende Zeit hat nicht immer Muße zu ausführlichen Briefen. Da ist denn die Neujahrskarte ein bequemes Mittel, Gruß und Lebenszeichen zu senden. Unsern verehrten Lesern möchten wir durch diese Zeilen unsere Gratulation zum neuen Jahre aussprechen und möchten, wir wünschen, daß wir ihnen immer nur gute Nachrichten von friedlichen, glücklichen Zeiten geben können. Hoffentlich wird das neue
ZU neuem Leben..
Erzählung von Besant=Rice.
10. Fortsetzung.—(Nachdr. verb.)
4. Kapitel.— Tanz und Anstand.
Ganz tief im Herzen der City steht eine Straße von Privathäusern, bei deren Anblick der selten und zufällig Lorthin kommende Fremde sich verwundert fragt, welche Art Menschen darin wohnen mögen. Die einzige Verbindung mit Londoner Plätzen und den besser situirten Gegenden wir“ Zurch den Amerika=Square hergestellt, in dessen näch
chbarschaft die Straße liegt. Nur die nahegelegene Schiffswerfte und die Themse, die in Steinwurfsweite von ihren Thüren die Frachten von Indien und China herbeirägt, bringt ein wenig Leben hinein. Ihre Bewohner haben der, Tower zu beständiger Betrachtung vor sich, und wenn sie die Thames=Street hinaufgehen, können sie auch manchmal das Aeußere derer bewundern, die von den unbekannten Herrlichkeiten des Westens kommen. Aber wenn sie auch das Unbekannte und Malerische aufsuchen können, so leben sie doch inmitten aller Unruhe in friedlicher Stille. Die Außenwelt mit ihrer Aufregung scheint sie nicht zu berühren; ihre stolzen Freuden sind ihnen fremd; die Schlacht tobt zwar um sie her, doch dringt sie nicht in ihre Mitte. Die Bürger der Yende=Street sind ein friedliches Volk, meist arm, aber faßt alle zufrieden. Linker Hand in der Mitte der Straße liegt ein Haus, welches, wenn auch im Bau den übrigen gleich, durch ein sehr reinliches Aussehen hervortritt, wodurch es ebenso wie durch den frischen, grünen Anstrich vorteilhaft von den anderen Gebäuden absticht und die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich lenkt. An der Thür sieht man ein großes Messingschild mit der Inschrift:„M. Lemire, Professor der Tanzkunst, der Callisthenie und des Anstandes", und auf einer großen Karte an dem ersten Fenster sieht man dieselbe Ankündigung und darunter die Versicherung:„Erkundigungen können bei dem höchsten Adel, den gebildeten Ständen und Schulvorstehern des Königreichs eingezogen werden.“ Neben diesem Plakat war ein anderes, kleineres, mit den einfachen Worten: „Wohnungen zu vermieten.“ Denn Professor Lemire betrieb neben seinen künstlerischen Bestrebungen das Gewerbe, möblirte Wohnungen zu vermieten, wenn Jemand auf irgend ein Gerücht hin, oder nach ruhiger Ueberlegung der vorteilhaften Nachbarschaft des Amerika=Square eine Zeit lang sich dort einlogieren wollte. Nun müssen wir allerdings bekennen, daß bis jetzt,— d. h., so lange das Plakat heraushing, das man gewissermaßen als eine Trauerfahne betrachten konnte— nur ein einziger Miether an die Thür
angetretene Jahr 1894 ein nach allen Richtungen hin befriedigendes und gestaltet es sich zu einem Jahre der Wohlfahrt nicht für unsere Leser, sondern für das ganze
Vaterland.—
* Herford, 2. Jan. In der letzten Stadtveroronetensitzung des alten Jahres teilte Herr Vorsteher Böckelmann zunächst mit, daß am 5. Januar der neue Direktor der städtischen Mädchenschule, Herr Sievert, eingeführt wird und lud zur Teilnahme ein.
Hierauf beschäftigte sich das Kollegium wieder einmal mit dem Antrag, betr. Setzung eines Merkpfahls am Bergerthor. Die Angelegenheit war nur auf die Tagesordnung gebracht, weil die letzte Vertagungsfrist abgelaufen war und wurde von neuem auf sechs weitere Monate vertagt. Aus der ziemlich langen Debatte über diese Frage gewann man den Eindruck, daß herzlich wenig Aussicht für die Stadt vorhanden ist, den bekannten Prozeß zu gewinnen.
Des weiteren handelte es sich um den zweiten Beigeordneten, der s. Z. auf Grund des veränderten Ortsstatuts betr. Zusammensetzung des Magistrats gewählt worden. Der Bezirksausschuß hat aber dem Statut die Genehmigung versagt resp. die Aenderung verlangt, daß dort nicht von einem zweiten, sondern nur von einem stellvertretenden Beigeordneten gesprochen werden dürfe. Auf Antrag des Herrn Rechtsanwalt Lsücken wurde diese Aenderung vom Kollegium gutgeheißen.— Herr Reitemeyer gab bei dieser Gelegenheit wieder dem alten Wunsch Ausdruck, man möge die Zahl der Stadtverordneten auf 30 erhöhen, was um so gerechtfertigter erscheine, als der Magistrat durch den stellvertretenden Beigeordneten ein weiteres Mitglied erhalte und außerdem die Städteordnung diese Zahl verlange. Die Herren Schönfeld, Mormann, Engel und Venghaus unterstützten den Antrag des Herrn Reitemeyer, während sich Herr Lühl dagegen erklärte; er meinte, die„Konfusion“ sei jetzt schon groß genug. Ob dieses Ausdrucks entstand ein vielseitiges Schütteln des Kopfes, welches sich erst legte, als der Vorsitzende die Vermutung ausgesprochen, Herr Lühl habe sich wohl nur einen Scherz erlaubt, und Herr Lühl dieser Auffassung zugestimmt hatte.— Bei der Abstimmung zeigte sich, daß nur 8 Mitglieder für Erweiterung des Kollegiums waren, womit diese Frage bis auf weiteres wieder einmal aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist.
Fräulein Waldeyer am Gehrenberg beabsichtigt, ihr Haus umzubauen, wenn ihr eine Entschädigung für das an die Stadt abzutretende Straßenterrain gewährt
geklopft hatte, der, um es kaufmännisch auszudrücken, ein Bankerotteur gewesen war. So rechnete also der Professor, obwohl er die Ankündigung nicht zurückzog, wenig auf die Vermietungen, sondern suchte ausschließlich durch die Kunst seinen Unterhalt zu erwerben.
Die Kunst hat indessen im östlichen Teil der City ein sehr verkümmertes Leben. Des Professors Dienste wärden in einigen Pensionaten gegen mäßige Bezahlung in Anspruch genommen, und eine geringe Anzahl von Schülern bildete den Winterkursus, auf den der Professor jedes Jahr große Hoffnungen setzte, die aber immer enttäuscht wurden. Alles zusammen bildete jedoch nur ein sehr knappes Einkommen für den gewandten kleinen Tanzmeister, so daß die Familientafel das ganze Jahr hindurch sehr frugal war. Im Jahre 1855, von dem wir sprechen, stand der Professor in den Vierzigern. Sein Vater und sein Großvater waren in derselben Gegend Tanzmeister gewesen; aber damals hatten noch reiche Kaufleute hier gewohnt und das Tanzen war mit Ernst betrieben worden. Sein Sohn Rupert sollte zu einem andern Erwerbszweig greifen, für ihn selbst aber war es zu spät. Professor Lemire stammte aus einer Hugenottenfamilie und unter den Schätzen derselben befand sich das alte Schwert, das in der Belagerung von La Rochelle geschwungen worden war.
Das kriegerische Blut mußte jedoch zu der Zeit, als der Professor das Licht der Welt erblickte, schon ganz verbraucht gewesen sein, denn man konnte sich kein sanfteres, zarteres und liebenswürdigeres Geschöpf denken, als unseren Professor. Er war ein kleiner, dünner, gelenkiger Mann mit glattrasirtem Gesicht, glänzenden Augen und schwarzem Haar, trug stets schwarze Kleidung, die sich eng an seine elastischen Glieder schmiegte, und besaß nur eine Eitelkeit, — er war stolz auf seine tadellose Wäsche. Madame Lemire, eine Engländerin, hatte das Herz des jungen Professors durch eine außergewöhnliche Hingebung an seine Kunst, die sie jedoch nur mit geringem Erfolge betrieb, erobert. Ihre Ehe war gesegnet, denn es saßen nicht weniger als zwölf Kinder um den Familientisch, der manchmal in nicht ganz genügender Weise mit Speise besetzt war. Die Kinder hatten ihre Namen erhalten, wie es bei den alten Hugenotten Brauch war, entweder nach alten Heerführern oder nach der Bibel. Die Knaben hießen Rupert, Gaspard, Moise, Eli 2c., die Mädchen Antoinette, Charlotte, Rebekka und Marie. Sie wurden sorgfältig in der Religion und Sprache ihrer Vorfahren unterrichtét, so daß sie doppelzüngig wurden und französisch ebenso gut wie englisch sprachen. Ein Hauptaugenmerk, der Erziehung war, ihnen beizubringen, die Tanzkunst sei die Königin und Kaiserin aller Künste, nur wenige besäßen das Talent, gut zu tanzen, aber alle müßten es lieben; ihr Vater sei der größte
wird. Nach dem Referat des Herrn Knigge erkennd der Magistrat dies Verlangen als gerechtfertigt an unt will 1000 Mk. vergüten. Nach Befürwortung des Antrags durch den Bürgermeister wie durch die St.-V. Werner, Hülsenbeck und Mormann bewilligte das Kollegium auch diese 1000 Mk. und wird nun also der Gehrenberg bald wieder etwas erweitert werden.
Der vom Magistrat aufgestellte Tarif über Benutzung der von der Stadt erworbenen Anschlagsäulen, über den Herr Münter referierte, erfreute sich nicht des Beifalls der Versammlung und soll erst beraten werden, wenn er vollständig umgeändert ist. Herr Busse setzte besonders daran aus, daß es ein großer Fehler sei, wenn ein derartiges Publikationsmittel versteuert werde, während es durch billige Sätze der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden müsse.
Das Protokoll über die Revision der Kämmereikassen=Rechnung war noch nicht fertiggestellt und wurde dieser Punkt vertagt.
Nach dem Referat des Herrn Bexten ist das jetzige Ortsstatut über Abgaben von Lustbarkeiten am 3. April d. I. abgelaufen und will der Magistrat das neue dahin abändern, daß mit Vereinen ein Pauschquantum vereinbart und das Statut auf unbeschränkte Zeit erlassen werden soll. Die erstere Aenderung wurde gutgeheißen, die letztere dagegen auf Veranlassung der Herren Werner, Reitemeyer und Engel verworfen; das neue Statut soll auf drei Jahre Gültigkeit haben.
Nach Erledigung dieser Tagesordnung gab der Vorsteher noch einen Geschäftsbericht über die Thätigkeit des Kollegiums im Jahre 1893. In 17 Sitzungen wurden 146 Vorlagen erledigt, die bis auf 6 vom Magistrat stammten.
*<space> K i r c h l.<space> S t a t i s t i k.<space> I n<space> d e r<space> J a c o b i= G e <space> meinde wurden im Jahr 1893 getauft 42 Kinder(18 Knaben, 24 Mädchen), konfirmiert 34 Kinder(18 Knaben, 16 Mädchen), getraut 11 Paare, kirchlich beerdigt 18 Personen: Zum heil. Abendmahl gingen 338 Personen. — In der Johannis=Gemeinde wurden getauft 71 Kinder, konfirmiert 46, getraut 17 Paare, kirchlich beerdigt 28 Pers. Zum heil. Abendmahl gingen 375 Personen.— In der Petri=Gemeinde wurden getauft 74 Kinder, konfirmiert 49, getraut 12 Paare, kirchlich beerdigt 23 Personen. Zum heil. Abendmahl gingen 5 1 2 Personen.— In der Stiftberger Gemeinde wurden 241 Kinder geboren, getraut 57 Paare, es starben 152 Personen.
lebende Meister dieses Mysteriums. Rupert, der älteste Sohn, schien seinen Vater übertreffen zu wollen; er konnte schon tanzen, ehe er noch gehen konnte; und ehe er ein Wort hervorbcachte, zeigten seine Beine Fähigkeiten, die den Vater zu Thränen rührten. Lange bevor er wußte, daß die Sprache, die zur Ueberredung, zu Geschichten, Listen und Liebkosungen benutzt wurde, aus eigentümlichen Zeichen, die man das Alphabet nennt, besteht, konnte Rupert Lemire ebensowohl mit der rechten als auch mit der linken Hand einen und einen halben Fuß über seine eigene Höhe emporreichen; jedes Bein— nicht etwa nur eins— über die Köpfe.von Knaben, die so groß wie er waren, fortschwingen und jedes der Glieder seines Körpers, wenn es ihm gerade einfiel, in Stellungen bringen, als ob es ein unabhängiges Organ wäre, wobei ihn die gewöhnlichen Gesetze der Anatomie durchaus nicht beschränkten. Mit achtzehn Jahren war er vier oder fünf Zoll größer als sein Vater, von dem er in der Tanzkunst nichts mehr lernen konnte, und bei den Weihnachtsspielen gab es keinen Harlequin, den er nicht heimlich verspottet hätte, wenn er an seine eigene Geschicklichkeit dachte. Wie wir schon vorher sagten, betrachtete er infolge seiner Erziehung die Tanzkunst als die erhabenste aller Künste: aber trotz aller Liebe für dieselbe stand ihm die See höher.— d. h., er sehnte sich, sie zu lieben; denn er hatte sie noch nicht gesehen und es ging seinen Eltern zu Herzen, daß ber Knabe, der so günstig beanlagt war, in einem blauen Flanellanzuge zu den Schiffswerften unter die Schiffe und Matrosen eilte und dort wie ein gewiegter Seemann aussehen wollte.
Nach Ruppert kam Antoinette. Man kann von Fräulein Lemire nur mit der größten Achtung sprechen, denn sie stand Rupert nicht nach, was Elastizität und Herrschaft über ihre Glieder anbetrifft. Sie war siebzehn und hatte das Amt, mit ihrem Vater nach dem Damenpensionat zu gehen und ihm beim Unterricht zu helfen. Dort war sie sehr beliebt, denn wenn sie einen freien Platz fand, und nur Mädchen sie sehen konnten, führte sie die unmöglichsten Dinge aus. Die Natur hatte ihr ein frisches, hübsches Gesicht gegeben, das genau dem des ersten Lemire, des„vertriebenen Hugenotten glich, der an der Wand hing und dem der Schalk aus den Augen sah, trotzdem er sich bemühte, recht grimmig drein zu schauen. Antoinette war wirklich ebenso wie Rupert für den Tanz geboren. Die übrigen Kinder bewährten sich auch eins wie das andere als leidenschaftliche Freunde des Tanzes. Wenn keine Schule war, unterrichtete der Professor seine Kinder; dann schallte den ganzen Tag über der Lärm der Geige und das Trappeln der Kinderfüße aus dem professorlichen Klassenzimmer, wenn sie nacheinander übten, was sie gelernt hätten.
(Fortsetzung folgt.)