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„„*„„

Nummer 272, Zweites Blatt

Herner Anzeiaer Montag, den 23. November 1931

Den gefallenen Kameraden.

Gedenkseiern an Totensanntag.

Heldenehrung der ehem. Kriegsgefangenen.

Am Nachmittag des Totensonntages ehrte zunächst die Herner Ortsgruppe des Verbandes ehem. Kriegs­gesangener die Toren des Weltkrieges durch eine schlichte Feier auf dem Ehrenfriedhof. Die Kapelle Halstenberg brachte vor einer großen Menschenmenge zu Beginn das„Niederländische Dankgebet" zu Ge­hör. Dann sang der Männergesangverein 1862 unter Lürkes Leitung„Ueber den Sternen". Nach einem Prolog hörte man von der Kapelle das Lied„Ich hatt' einen Kameraden". Die Ortsgruppe legte hierauf einen Kranz nieder, und der Chor sang bei großer Stille das„Auferstehn“".

Nunmehr ergriff

Vikar Heimbrodt

das Work zu seiner Gedäktnisansprache. Er führte

aus:

„Novemberwind weht über den stillen Friedhof die letzten Herbstblätter und weht ihn damit zu. Bald kommt der Herbststurm mit seinem Schnee und hüllt ihn ein und alles wird still, ganz still auf den Stätten der Toten und der ewigen Ruhe, auf denen es nie laut ist.

Wie wohltuend ist dieses Bild des Friedens in einer Zeid schrecklicher Zerrissen­heit! Wohl niemals im Jahre finden wir den Frie­den so tief verankert und so fest gewurzelt, wie an den Tagen, da wir der Toten gedenken, wo keiner schee auf den andern schaut wie im Alltag. wo im Gegen­teil einer mit dem andern fühlt. Ja, am Tage der Gefallenenehrung müssen alle Gedanken der Zwie­tracht ausgegeben sein, müssen wir alle in Ein­trach: und Frieden an den Massengräbern Europas stehen und denken, ehren und danken. Wäh­rend nun Friede unsere Herzen umfangen hält, wol­len wir unsere Gedenkfeier begehen.

Bei dieser Feier, da muß ich hinaus mit meinen Gedanken auf die Schlachtfelder des Krieges. Nicht das Grausige und Schreckliche will ich in der Erinnerung wecken, vor dem die Seele einst gebebt in Stunden wirklichen Erlebens, als das Jünglingsherz geweiht wurde zum Mannesherz, nicht das Ueber­menschliche der Infanterieangriffe bei Kanonendonner und Mörsergebrüll. Nein, das soll alles tief begraben sein in heimlicher Seele. Heute, jetzt, da zieht meine Seele hinaus auf den Kampfplatz, wo der Kanonen­donner verstummt und das Sterben ein Ende genom­men. Nach Ostpreußen, Polen, Galizien, nach Frank­reich ziehe ich in Gedanken und halte Totenwach! an Somme, Aisne, Oise, bei Verdun und in Flandern. Wer zählt euch, ihr stillen Schläfer, die ihr mit uns gestanden Tag für Tag? Die Flüsse, die euer Herz­blut einst getrunken und es zum Meere geführt, sie singen euch das Totenlied. Da liegt ein Grab in frem­der Erde, an dem ich länger verweile. Weißt du noch, wie du mir erzählt an schönem Sommertag:„Ich bin dran auf Urlaub!“ Wie hat dein Auge geleuchtet beim Gedenken ans Wiedersehen, beim Gedenken an die Heimat— und du hast nicht geahnt, daß dein Ur­laubsschein für die Reise in die Ewigkeit vom Ba­taillonschef da droben unterzeichnet war. Nach Mon­tauban im Süden Frankreichs gehe ich in Gedanken zu jenen Gräbern, an denen ich heute vor 12 Jahren als Kriegsgefangener stand. Einfach und

schlicht lagen sie dort gebettet, deutsche Kameraden in fremder Erde, der Kranz, den wir brachten, war der einzige Schmuck ihrer Gräber. An der Küste des Meeres stehen wir, diesem größten Grabe der Mensch­heit. Riesengroße Kränze letzter Rosen, mit brennen­den Kerzen besteckt, schaukeln hinaus auf die wogende See, ein Heimatgruß denen, denen die Heimat das Grab nie schmücken kann. Herr, laß sie ruhen in Frieden!

Alle, die wir im Geiste draußen im Feindesland besuchten, das waren und sind unsere Toten, die Toten unseres Volkes, die Helden unserer Heimat. Und was war es doch, was sie so gewaltige Opfer bringen und sterben ließ? Es war das, was die Hel­den dem Termopylenpasses beseelte, denen die Griechen die Inschrift setzten: Wanderer, kommst du nach Sparta, so kündige dort, du habest uns hier liegen ge­sehen, wie das Gesetz es befahl.

Das ist jener Geist treuester Pflichterfüllung, von dem immer wieder die Blätter der Geschichte künden. Auch die des Weltkrieges.„Wie das Gesetz es befahl.“ im heiligen Gehorsam zogen aus und kämpften auch jene, derer wir heute gedenken, die Opfer des Welt­krieges. Respekt vor dem Gesetz des Vaterlandes, das sie unter die Waffen rief, Respekt vor der Staats­autorität, die von ihnen große Opfer verlangte; nicht das„Ich“, sondern das ganze Volk und das ganze Land, dessen Bestand und Freiheit war das Ziel ihres Strebens. Dafür opferten sie sich, ihr junges Blut und Leben, wie das Gesetz es befahl. Das war der Gedanke, der die weitaus meisten hinausgeleitet an die Front, hinein in die furchtbaren Schlachten des Weltkrieges, ins entsetzliche Trommelfeuer, von einem Granattrichter zum andern, hinein in Schlamm und Schmutz, in Not und Tod.

Wir wissen es, ihr lieben Toten. Habt Dank, un­auslöschlichen Dank dafür. Danken wollen wir, indem wir eurem Beispiel der Pflichterfüllung folgen. Re­spekt vor dem Gesetz des Vaterlandes, Respekt vor der Staatsautorität, auch wenn wiederum wie heute Opfer von uns gefordert werden.

Das Gedenken, das wir den Gefallenen mit den bis­herigen Worten geschenkt, war ein rein menschliches, wir sind aber Christen. Und als solche stehen wir hier im Glauben an ein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes, ohne den alle Totenehrung wider­sinnig wäre. Wir wissen, daß einst der Tag kommen wird, wo der Engel Gottes all die stummen Schläfer wieder auferwecken wird.

Wir wollen an einem Gedenktag wie dem heutigen auch derer gedenken, um die niemand weint. Ach, wie weiß die Welt Dank und Anerkennung den Hel­den, die sie sich gemacht, Filmstare, Fußballkämpfer und Boxer. Wahre Helden, die starben fürs Vater­land, sollten vergessen sein, vergessen, weil der große Erfolg ihnen versagt blieb? Kameraden, vergessen wir es nie: Ueber Heldentum und Nichtheldentum ent­scheidet das Ausmaß der gebrachten Opfer, nicht das schließliche Endergebnis. Das ist festzuhalten, wenn wir gedenken der großen Katastrophe, die für Deutsch­land mit dem Verlust des Krieges hereingebrochen ist und den erhofften Erfolg ihrer und unserer Opfer vernichtet hat. Uns allen aber, die in dem Vaterlande leben, für das sie starben, möge ihr Beispiel Anregung zu treuer Pflichterfüllung sein gegen Staat und Volk und Heimat, so daß wir unter Zurückstellung aller trennenden Momente„als einig Volk von Brüdern“

am Glück und Wohle des neuen Deutschlands arbeiten. opfern, dulden und leiden, ihnen zur Ehre und zum Danke, uns zum Heile.“

In tiefer Stille hatten die Anwesenden der Ge­dächtnisrede gelauscht. Dann intonierte die Kapelle „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, nach dessen Verklingen der Chor„Reiters Morgengesang“ vor­trug. Mit der Durchführung des musikalischen „Zapfenstreich“, fand die eindrucksvolle Feier ihr Ende.

*

Gedächtnisseier des Zentralverbandes deutscher Kriegsbeschädigter.

Eine stille Trauerfeier führte zu gleicher Zeit mi der Vereinigung ehem. Kriegsgefangener der Zentral­verband deutscher Kriegsbeschädigter und Hinterblie­bener in den Räumen des Wirtes Stemberg durch. Während dieser Heldenehrung begab sich eine Dele­gation zum Ehrenfriedhof, um hier einen Riesenkranz im Heldenhaine niederzulegen. Mitwirkende der Saal­Trauerfeier waren die Musik des ev. Jünglingsvereins und das Doppelquartett der„Schrägen Sechs". Letz­teres sang unter dem inzwischen vom Ehrenfriedhof herbeigeeilten Dirigenten Lütke„Sanktus“.„Ich hatt' einen Kameraden“ und„Ach, wie herbe ist das Schei­den". Nach einer Ansprache und einem Prolog hielt ein Kamerad eine eindrucksvolle Gedächtnisrede. Die Musik schloß die Feier mit dem Trauermarsch„Letzter Gruß“.

Gegen die Beschädigung von Munz­fernsprechern.

In letzter Zeit sind die von der Deutschen Reichs­post auf Straßen und öffentlichen Plätzen im Präsi­dialbezirk Bochum aufgestellten Münzfernsprecher in großem Umfang von Dieben und Unfugstiftern heim­gesucht worden, die mutwilligerweise die Apparate beschädigt, die Drähte durchschnitten, die Handapparate(Fernhörer) entwendet, die Teilneh­mer verzeichnisse zerrissen, die Glas­scheiben der Fernsprechhäuschen zertrümmert und die Beleuchtungsanlage zerstört ha­ben. Die Post hat die Münzfernsprecher zum Nutzen und zur Bequemlichkeit für die Allgemeinheit aufge­stellt. Es liegt daher im öffentlichen Interesse, daß die Einrichtungen erhalten bleiben und die Täter, die mit dem Allgemeinaut in so unverantwort­licher Weise umgehen, ermittelt und der gerechten Strafe zugeführt werden. Wer über die Täter An­gaben machen kann, die ihre Ermittelung und Fest­nahme zur Folge haben, erhält von der Oberpostdirek­tion Dortmund eine Belohnung, deren Verteilung unter Ausschluß des Rechtsweges erfolgt.

Zweckdienliche Mitteilungen, die auf Wunsch ver­traulich behandelt werden, nehmen sämtliche Polizei­und Landjägereidienststellen, die Postanstalten, das Telegraphenamt und die Ueberwachungsstelle der Oberpostdirektion Dortmund(Fernruf 20881) gegen.

Die Falschbuchungen bei der Harpener Bergbau=A.=G.

Es entstand nur ein Zinsenverlust von etwa 3800 Mark.— Der hauptschuldige Klocke ging wegen Ver­jährung straflos aus, sein Opfer Scheidt bekam dagegen 3 Monate Gefängnis mit Bewährungsfrist.— Der frühere Rechnungsführer Christian Möller erlebte eine glänzende Rehabilitation.

Ein mit Spannung erwarteter Prozeßz

Ein Strafprozeß, den die Herner Oeffentlichkeit seit langem mit größtem Interesse erwartete, fand Ende der vergangenen Woche in Recklinghausen statt. Eine Anzahl Harpener Rechnungsbeamter wohnte der über 7 Stunden währenden Sitzung des Erw. Schöf­fengerichts bis zum Schluß als Zuhörer bei. Ange­klagt waren drei frühere Beamte dieser Bergbaugesell­schaft, die in Dortmund ihre Hauptverwaltung und für die Zechengruppe Herne(Julia, von der Heydt und Recklinghausen 1/2 und 3/4) ein Hauptbüro im Verwaltungsgebäude der jetzt stillgelegten Schacht­anlage„von der Heydt“ hat. In den Jahren 1924 bis 1928 soll der frühere stellvertretende Rechnungsführer Klocke gemeinschaftlich mit dem zweiten Stellvertreter Scheidt die Harpener Bergbau=A.=G. durch Fälschun­schen der Lohnlisten und eigenmächtiger Entnahmen von 19 000 Mark aus der Hauptkasse geschädigt haben. Dem damaligen Rechnungsführer Christian Möller warf die Anklage wissentlichen Beistand vor, er habe beide Untergebene der Strafe entziehen wollen, indem er ihre Verfehlungen nicht zur Anzeige gebracht habe. Den Hauptschuldigen Klocke vertrat Rechtanwalt Stern. den Mitschuldigen Scheidt Rechtsanwalt Ferse und Christian Möller hatte Rechtsanwalt Dörping­haus zum Verteidiger. Außerdem waren zwei Re­visoren der Harpener Bergbau=A.=G. mit statistischen Unterlagen als Sachverständige zugegen.

Ein kleiner Beamter wollte Hausbesitzer werden.

Seit 20 Jahren befand sich der Bürobeamte Klocke. der von der Pike auf bei der Harpener Bergbau=A.= G. beschäftigt war, im Vertrauensverhältnis zum da­maligen Rechnungsführer Christian Möller, der auf eine 45jährige Dienstzeit zurückschauen konnte, wovon er allein 25 Jahre den Posten eines Rechnungsführers des Herner Hauptbüros bekleidete. Es war im Som­mer 1924, als Möller seinen Urlaub antrat. Klocke vertrat ihn für diese Zeit. Klockes Sehnsucht war, ein Häuschen sein eigen nennen zu dürfen. Während seiner Stellvertretung wurde ihm die Gelegenheit ge­boten, eines der eben neuerstandenen Familienhäuser in der Manteuffelstraße für 30.000 Mark zu erstehen. Klocke besaß angeblich noch Effektenwerte bis 12.000 Mark und wartete außerdem auf ein Darlehen der Knappschaft. Er hatte aber eigentümlicherweise schon im Monat Juni begonnen, für die Abschlags­tageder Belegschaften mehr Geldanzu­fordern. als nötig war. Die Lohnlisten ver­stand er geschickt zu verschleiern, und am 18 Septem­ber entnahm er dann der Hauptkasse 19000 Mark. Er legte allerdings dafür eine Quittung in die Kasse, auf der vermerkt war, daß er die 19000 Mark leih­weise entnommen habe. Das Geld wollte er, sobald er das Darlehen der Knappschaft erhalten und die Effekten veräußert hatte, ratenweise wieder zurück­zahlen. Der gesamte Kassenbestand der Hauptkasse

Gerpercter

am

Toten Mann

Fronterlebnisse von P. C. Ettighoffer Urheberrechtsschutr durch Verlag Oskar Meister, Werdau

23)(Nachdruck verboten.)

Der junge Pionierleutnant hielt sich gleichfalls an Graben aus, machte sich in verschiedenen Stollen zu schaffen. Kam dann wieder zu uns. Da raste ein Melder daher:„Was, ihr seid doch noch hier?! Men­schenskinder, was habt ihr Schwein gehabt. Es follte schon gezündet werden, da meldete die Artilleriebeob­achtung vom Schloßberg aus noch Bewegung im deut­schen Graben und wir haben schnell festgestellt, daß so und so viele Leute fehien." Der junge Pionier­leutnant hatte vermutlich einen Beiehl falsch ver­standen.

Nun rennen wir zurück

Zehn Minuten später gibt es zwei gewaltige Erd­erschütterungen. Wir hören keinen Knall. Nur eine schwarze Erdwolke sehen wir emporsteigen und da­zwiichen, wie viereckige Bausteinchen, die gewaltigen Betonklötze des Abschnitts. Ein ungeheurer Wind erhebt sich, als Folge des Luftdrucks, reißt halb­kelT getaute Schneeflatschen empor, zerstreut sie über das “ ganze Gelände. Dann klatschen Steine, gefrorene Sandklumpen, Eisstücke und zerbeulte Ausrüstungs­gegenstände herab. Wir liegen flach am Boden und können kaum aufblicken, so furchtvar und urgewaltig ist dies alles Und 1000 Meter dahinter zerversten zu gleicher Zeit die Eisbrocken der Düna. Die Luft ist erfüllt vom Toben und Schrecken. Die Welt will untergehen. Dann Ruhe

Der ganze Abschnitt ist verschwunden, mit Mann und Maus. Mindestens 500 Russen sind zu Fetzen zerrissen worden. Es war eine harte Notwendigkeit für uns. Nur ein gewaltiger Trichter ist übrig ge­blieben. Das Grundwasser sammelt sich schon darin. Die russische Artillerie schießt letzte Ohnmacht Fünf­hundert Menschen sind vom Erdboden verschwunden, einfach weggewischt, fort, fertig!

Stunden später schwenkt ein Parlamentär seine weiße Flagge zu uns: Der Waffenstillstand hat be­988.

36.

Zwischenspiel.

Mon läßt uns die schöne Zeit des oft erträumten Waffenstillstandes nicht genießen. Schon rücken frische, ganz junge, socben ausgebildete Truppen in unsere Stellungen, lösen uns ab. Wir sollen an die West­front.

Tausende Truppentransportzüge rollen und rollen. Lauter gute, kampferprobte, wenig geschwächte Div:­sionen sind es. Nun wird der Krieg sicher bald be­endet sein. Die Elsaß=Lothringer der Division sind im Osten geblieben. Nur den Vizefeldwevel Kientz und einen Lehrer hat man mitgenommen, weil die Kom­pagnieführer für diese beiden„Kantonisten" persön­lich Bürgschaft leisteten.

Die Heimar ist müde. Je weiter wir nach Westen kommen, desto dünner wird das Winken der Menschen beim Vorbeifahren der Militärzüge. Vielleicht sind es auch zu viel Züge. Vier Tage und vi.r Nächte lang fahren wir. In Köln geht es über den Rhein, dann über Bonn, Koblenz und Trier schnurstracks an die Verdunfront.

Alles bisher Erlebte wird nun klein, nichtig. Alles schrumpft zusammen und wird schemenhaft. Alles war nur Einleitung zum großen Schrecken unserer Jugend. Alles verblaßt vor den Erlebnissen dieser kommenden 15 Monate Westfront. Jetzt kommen die düsteren Gespenster, die von unseren Seelen Besitz ergriffen haben und uns nimmer loslassen wollen.

Unsere Transportzüge rollen und rollen, führen uns einem furchtbaren Schicksal entgegen. Mit jeder Umdrehung der Räder sind wir näher am Grauen. Wir sind noch froh und wohlgemut, weil wir nicht in die Zukunft sehen können, aber wir tragen schon das Todeszeichen unsichtbar auf unterer Stirn.

Auf den Maasbügein wird eine große Abwehr­chlacht erwartet. Von allen Seiten, aus allen Rich­tungen marschieren Menschen heran, haben nur ein Streben, nur ein Ziel: Möglichst schnell jene Maas­hügel zu erreichen, sich mn die dampfenden Schluchten und ausgebrannten Wälder zu stürzen. Als wäre dort ein Paradies. Und dabei wissen alle diese Mar­schierenden, daß der Tod. vielleicht ein grausamer, ein langsamer Tod sie dort erwartet. Trotzdem mar­schieren sie.

Warum marschieren sie? Wer hat so ihren Erhal­tungswillen gelähmt? Hunderttausend Mann mar­schieren. Und würde man einen dieser Marschieren­den fragen, ob er Angst hat oder ein Bangen in der Seele, er würde dies mit Entrüstung verneinen und sich in die Brust werfen.

Hunderttausend Menschen marschieren

Der Klang ihrer Schritte dröhnt in Wäldern und Schluchten, verstummt erst, wird zum leisen Schlei­chen, da vorne, auf den umstrittenen Hügelkämmen. Zwischen diesen hunderttausend Marschierenden sind auch wir. Eine dieser farblosen, graslosen, durch­löcherten, unterwühlten Höhen heißt:„Toter Mann“. Die Generalstabskarte bezeichnet sie als„Höhe 295“.

37.

Gespenster am Toten Mann.

Seit drei Wochen liegen wir nun schon in vorder­ster Infanteriestellung am Toen Mann. Ein großer französischer Angriff wird erwartet. Vielleicht ist das auch nur so ein Gerücht, eine Latrinenparole. Jeden­falls hat man uns, lauter frische, ausgeruhte Truppen der Ostfront, hier eingesetzt. Eigentlich ist es hier eine geradezu idyllische Stellung, wäre nicht die verschla­gene Umgebung. Abgesehen von einigen Feuerüver­fällen auf die Reserestellungen, hat sich bisher aber auch gar nichts ereignet! Und das soll nun der ge fürchtete Krieg im Westen sein! Eigentlich sagt uns die untrügliche Frontwitterung, daß sich eine Sache vorbereitet, irgendeine große Sache. Wer weiß, was dort hinter jenen Hügeln am fernen, füdlichen Hori­zont vor sich geht!

„In drei, spätestens in fünf Tagen werdet ihr abgelöst,“ hat es geheißen, und nun sind es schon einundzwanzig Tage geworden, einundzwanzig Tage und zwanzig unendlich lange Nächte. Wenn doch nur irgend etwas mol los wäre, aber diese Ruhe! Nur das Quietschen der lehmgelben Ratten ist zu hören Manchmal schreien die Biester wie kleine Kinder. manchmal wie zankende Spatzen. Man wirft auch schon mal eine Handgranate dazwischen, wenn der Zank der Ratten um irgendeine vertrocknete Leiche im Niemandsland zu toll wird. Das schafft Ruhe für

zwanzig Minuten.

Unser Zug liegt in einem tiefen Stollen mit drei Ausgängen. Eigentlich hatte dieser Stollen früher vier Ausgänge, aber von diesem vierten Ausgang sprechen wir nicht gern. Wir vermeiden sogar, so gut es eben geht, jenes Grabenstück, dorin er mündet, zu betreten. Dort liegen nämlich mindestens fünfzig Tote, fünfzig Verbrannte Der Flammenwerfer hat sie hier erreicht und getötet. Die Stollenbretter sind ausgebrannt und die gewaltige Hitze der Oelflamme hat die Erde ausgeglüht und gefestigt. Hart wie Ziegelstein ist nun der tief in die Erde reichende Schlauch des ehemaligen Eingangs Numner 4. Die fünfunddreißig Treppenstufen sind noch gut abge­zeichnet, und darauf, übereinander, kreuz und quer,

liegen die Toten. Nur weiße, bröcklige Gerippe hat die Flamme noch gelassen. Wo noch etwa ein Fleisch­setzen hing, da haben die Ratten uppige Mahlzeit ge­halten. So wie die Flamme sie erreichte, so ruhen die Toten. verborgene, geschmolzene Eisenteile von Gewehren und sonstigen Waffen dazwischen. Die vor­dersten Verbrannten liegen fast am Ausgang. Bei­nahe ist es ihnen gelungen, den rettenden Graben zu erreichen, bevor der Flammenwerfer ankam. Die an­deren mögen sich wohl gegenseitig gestoßen und ge­drängt haben. Es wird eine große Panik in diesem Stollen gewesen sein.

Wir haben unten im Quergang mit Sandsäcken eine Absperrung zwischen uns und diesem Ausgarg 4 gelegt. Nein, die Nachbarschaft behagt uns keines­wegs.

Seit einigen Tagen läuft der Stellmacher ganz be­drückt herum. Nichts mehr von seinem bisherigen Uebermut. Versucht seine Angst in Schnaps zu er­tränken. Die Feldküchen bringen doppelte Getränke­portionen. Es gibt täglich pro Kopf fast einen viertel Liter Fusel oder Kümmel. Das ist viel Zeug, aber der Stellmacher kann nicht genug davon bekommen Trinkt das Gesöff wie Wasser und wird dann mung Nachher, wenn die Wirkung verpufft ist und die gräß­liche Ernüchterung kommt, zieht sich der Bedauerns­werte in das tiefste Eckchen des Stollens zurück und ist voller Angst. Seine Augen sind irr. Er versucht die Wirkung des Alkohols zu heben durch Pfeffer­mischung. Wärmt das Ganze auf über einer Hand­granate oder einer kleinen Flamme aus einem Stück Hactspiritus. Trinkt es ganz heiß und wird furcht­bar betrunken. Und so naht die einundzwanzigste Nacht am Toren Mann

Um Mitternacht kommt Kientz in den Stollen Seine vier Stunden Grabendienst sind vorbei. Der Stellmacher hat ihn abgelöst. Schon seit zwei Tagen hat es keinen Schnaps mehr gegeben. Der„Stell­macher“ ist verzweifelt.

Am Himmel steht ein Gewitter. Es ist eine un­heimliche, drückende Stimmung. Eine Schweinerei! Eine Schweinerei! Wenn man doch mal so schreien könnte und laut brüllen, ganz laut! Aber das geht nicht. Alles im Flüsterton, denn der Gegner liegt uns auf dreißig Schritt gegenüber. Nur die Getrof­fenen, die Sterbenden dürfen schreien, so laut sie wollen. Es ist ihr autes Recht, zu schreien, da sie bald für immer stumm sein werden. Dann weiß der Geg­ner auch, daß die Schüsse gesessen haben und der Artilleriebeobachter kann zurückmelden:„Hallo, so­undsovielte Batterie, nach der vorletzten Salve haben sie drüben gebrüllt. Mit derselben Einstellung weiter­jeuern!" Fortsetzung folgt.

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