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sechsmal wöchentlich.

Geschäftsstelle Ritterstr. 43. Fernsprecher Nr. 15.

Historischer

November: Kepler, Astronom, gest. Prshersiuche mos Komenins, Bischof dir

.. beschanter Bübdegap, usft. 1670.— fr. W Herschel, Astronom, geb. 1738.— avater, Dichter, zu Zürich geb. 1741.— Gluck, Opernkomponist, gest. 1787.— Schlacht bei Arcole, 1796.— Ludwig Schwan­thaler, Bildhauer, gest. 1848.

Lielefeld

Freitag, 15 November 1907

Diebische Genossen.

„Vergehen gegen das Eigentum sind nur möglich in einer Gesellschaft, die auf der kapttalistischen Eigentums­ordnung beruht“, so orakelt die„Leipz. Voifsztg. vom 24. April 1907. Der Sozialist Proudhon ging sogar soweit, nicht den Diebstahl, sondern das Eigentum (ls verweiflich zu erklären, durch den Satz: „Eigentum is Diebstahl“. Gerade in letzter Zeit scheint eine bedenkliche Anzahl von Genossen von dieser Spitzbubenmoral angekränkelt zu sein, was die sozialdemo­kratische Presse freilich leugnet oder be­schönigt, wenn sie darüber wohl oder übel berichten muß. Es erscheint daher angebracht, einige Langfinger der Heldengenossen Revue passieren zu lassen, zumal die sozialdemo­kratische Presse demüht ist, jede Veruntreuung, die im bürgerlichen Lager vorkommt, sogleich den politischen bürgerlichen Parteien an die Rockschöße zu hängen.

In der Presse behandeln die Genossen ihre Ungetreuen nach dem großmütigen Grundsatze:„Einmal ist keinmal“. Den besten Beweis hierfür liefern die Berliner Genossen. Vom Vertrauensmann des ersten Wahlkreises waren 2000 Mark zu wenig für Wahlgelder an die Parteikasse abgeführt worden. Das Defizit ist einstweilen von der Parteikasse gedeckt worden, da es sich nur um eine„Meinungsverschieden­heit“ handeln könne, mit der sich aber merkwürdigesweise auf Anordnung der Staats­anwaltschaft die Abteilung IV der Kriminal­polizei beschäftigt. Wieviel Diebsgefindel die sozialdemokratische Wählerschaft den Stadt­verwaltungen schon als„Stadtväter“ präsentiert hat, bestätigen eine Anzahl Gerichtsurteile aus letzter Zeit. So wanderte einer der vielen Gewerkschaftsmarder in Mülhansen ins Gefängnis, weil er mit der Kasse des freien Gewerkschaftskartells durchgegangen war und zum Andenken an seine Tätigkeit als sozialdemokratischer Stabtverordneter seine zahlreiche Familie der Armenverwaltung hinterlassen datte.(„Straßburger Post“, 12. Mai 1907). Dem ebenfalls früheren Stadtverord­neten Gehrmann wurden von der Elbinger Strafkammer wegen Unterschlagung von Gewerkschaftsgeldern 6 Monate 3 Wochen Gefängnis zudiktiert.(„Freisinnige Zeitung“, 16. August 1907). Ein Mitglied des Gemeinderats von Strehla a. E. unternahm trotz seiner sehr auskömmlichen Verhältnisse mit noch einem Obergenossen nächtliche Streifzüge in benachbarte Kartoffel­seime, bis die unsauberen Patrone vom Gendarmen gestellt und dem Gericht über­geben wurden(„Deutsche Tagesztg.“, 24. April 1907). Auch auf eine ehemalige rote Ordnungsstütze war die Sozialdemokratie kurze Zeit stolz. Sie hatte den früheren Gemeindediener von Niendorf bei Altona mit der Kasse der Zahlstelle des Verbandes für Fabrik=, Land=, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen betraut. Der ungetreue Auchger offe flüchtete aber damit nach Holland, kehrte nach Deutschland zurück, wo ihn das Gericht urter seine Fittiche nahm.(„Natzeb. Tagebl.“, 5. Januar 1907).

Der sozialdemokratische Fabrikarbeiterver­band scheint überhaupt besonders Pech mit seinen Kassierern zu haben, denn auch das „Haunöversche Tageblatt“ berichtet unterm 8. Oktober 1907 von einem unge­treuen Kassierer, der gleichzeitig mit einem Fabrikbetriebslassierer mit Gefängnis bestraft

wurde. Zabern blieb glückticherweise noch

vor einem ungetreuen sozialdemokratischen Stadtvater bewahrt, weil er zur Ge meinderatswahl als aufgestellter So­zialdemokratenführer wegen Unterschlagung von 1700 Mark in Haft genommen wurde („Deutsche Zeitung“, 12. Juli 1907). So­gar die Bildungsvereine der Genossen werden geschröpft. So hatte der sozialdemokratische Touristenverein„Naturfreunde" das Nach­sehen, weil ihr Kassierer, der zugleich sozial. vembtratischer Vertrauensmann war, mit der Kasse durchgebrannt war.(„Deutscher Gewerkschaftsführer“, 1. Januar 1907). Wie schnöden Undank die Genessen von ihren Vertrauensleuten ernten, beweisen die unge­zählten Unterschlagungen von Gewerkschafts­geldern, die wegen Mangel an Raum nicht aufgezählt werden können. Die Liste der sozialdemokratischen Defrau­danten wäre sicherlich doppelt oder dreimal so groß, wenn alle Ungetreuen dem Kadi überantwortet würden. Die meiste schmutzige Wäsche wird aber als interne Angelegen­heit von den Genossen unler sich erledigt, was recht deutlich aus einer Notiz der „Leipz. Neuesten Nachrichten“ vom 21. August 1907 zu lesen ist. Darin wird mitgeteilt, daß der Vertrauensmann der Steinarbeiter Deutschlands für den Gau Leipzig IV sich vor dem Gericht verantworten mußte, weil er zuwiederholten Malen Mitglieder­beiträge unterschlagen hatte. Sogar nach dem antimilitaristischen Programm des Hoch­verräters Liebknecht sind Früchtchen sozial­demokratischer Erziehung geraten. Ein Sergeant der 3. Kompagnie des Fuß=Ar­tillerie Regiments brüstete sich nämlich bei seiner Verurteilung wegen Verkaufs ge­stohlener Kommißbrote damit,„daß er sich vorgenommen habe, den Militär­staat nach Kräften zu schädigen.

(Leipz. Neueste Nachrichten“, 23. Juli 1907). Je mehr die Sozialdemokrakie ihr Gewerk schaft monspol zu verwirklichen sucht und an jedem Wegewinkel einen Vertrauensmann mit Kassengeschäften beauftragt, destomehr läuft die sozialdemokratische Arbeiterschaft Gefahr, von gewissenlosen Führern bestohlen zu werden.

Selbstachtung!

Unter dieser Ueberschrift wurde der„Täg­lichen Rundschau“ ein Artikel eingesand, den wir, da er den Finger auf einen sehr wunden Punkt legt, unsern Lesern mit voller Zustimmung nachstehend wiedergeben. Er lautet:

Wer mit den Verhältnissen und Meinungen des Deutschtums im Auslande Fühlung hat, kann immer wieder Aeußerungen des Ver­drusses vernehmen, die dem Deutschen draußen die Art oder vielmehr Unart der deutschen Witzblätter ihrer fremd­völkigen Umgebung gegenüber bereitet. Namentlich in Dinger, die in irgend einer Weise an die nationale Ehre rühren, be­währen unsere Witzblätter fast durchweg eine schier erstaunliche Taktlosigkeit. Und der Niederschlag, den zum Beispiel die betrüb­lichen Vorgänge jüngster Zeit in den deutschen Witzblättern gefunden haben, war wieder das reine Gift. Der Fremde draußen versteht es selten, deutsch zu lesen, aber er versteht ohne weiteres die gehässige, die obszöne Sprache der zeichnerischen Karikaturen. Was soll er für einen Eindruck gewinnen von einem Volk, das ein ihm widerfahrenes nationales Unglück in so unwürdiger Weise zur Zote ausschlachtet, wie es in diesen Tagen in den Spalten der deutschen Witzblätter mit ganz wenigen Ausnahmen geschah?

Die„Mitteilungen des Allgemeinen Deutschen Schulvereinz" wiesen schon früher auf den Schaden hin, den unsere Witzblätter uns auf ähnliche Weise und gerade bei be­sonders bedauerlichen Gelegenheiten in be­

sonders bedauerlichem Maße bereiteten. Schon vor der letzten, besonders drastischen Probe davon belerchtete die„Deutsche

Wochenschrift in den N ederlanden“ die Schädlichkeit dieses Unwesens. Seitdem in Holland und Belgien die Verlagsgeschäfte wie Pilze aus der Erde schössen, seien selbst in den gewöhnlichsten Kneipen beutsche Witz= und Spottblätter keine Seltenheit mehr. Bei den Holländern und Belgiern, die kein Deutsch verstehen, und die doch die Bedeutung der Zeichnungen beispielsweise eines„Simplizissimus“ erraten, entwickle sich dabei eine merkwürdige Anschauung über Deutschland und seine Bewohner, und als natürliche, nicht zu unterschätzenbe Folge davon ein Gefühl der Ueberlegenheit über eine scheinbar aus degenerierten Individuen bestehende Nation. Der Kretin, der dem Beschauer aus der Karikatur des deutschen Beamten, des Offtziers und des Bauernburschen entgegengrinst, gelte solchen oberflächlichen Beobachtern als maßgebend für die Be­urteilung des gesammten Volkes. An den gebildeten Ständen, namentlich an den Kauf leuten, gingen solche Augenblicksbilder ja rasch vorüber, aber in den Kreisen, in welchen der deutsche Handwerker und der Reisende für den Kleinhandel zu verkehren gezwungen seien, blieben sie haftei und er­schwerten diesen Deutschen das Dasein un­gemein. Wieviel Reibereien und Keilereien seien nicht auf Urteile über das Deutschtum nach der Weise von„Simplizissimus“,„Lustigen Blättern“ oder„Ulk“ zurückzuführen!

Wer aufmerken will, kann leicht der eigenen Klage begegnen, wo immer Deutsche im Ausland zwischen fremdem Volkstum sitzen. Das ist tief bedauerlich. Auch der Karikaturist sollte sich fester Grenzen bewaßt ein, jenseits deren auch das Recht der Satire in bloße Ungezogenheit und Frivolität ausartet. Der Satiriker sollte nur züchtigen, was er liebt. Wo sie aus Haß redet, hat die Satire ihr Recht verloren. Gar nicht weiter zu gedenken der traurigen Ausartungen ins Zotenhafte.

Nachrichten. bem dentschen Reiche. Berlin, 14. November.

Ueber den Kaiserbesuch in Eng land ist heute folgendes zu melden: Der Kaiser und König begaben sich vor­mittags zur Jagd nach den bei Windsor gelegenen Jagdgründen und beteiligten sich später in Virginia Water an einem Sports­verznügen. Auf den Straßen bildeten Truppen Spalier. Am Abend fand ein Bankett in dem Prunkspeisesaal statt, bei dem zwanzig Fürstlichkeiten, die im Schlosse wohnen, mit ihrem Gefolge zugegen waren. Später fand in der mit Chrysanthemen­blüten geschmückten, als Thealer einge­richteten Bildergalerie eine Aufführung statt, zu der dreihundert Personen einge­laden waren. Das Abendessen wurde in der St. Georgs=Hall eingenommen. Die Kaiserin besuchte vormittags in London das deutsche Spital, wo sie von 600 vor dem Portal versammelten deutschen Schul. kindern mit Hurra begrüßt wurde. Die Kaiserin trug ihren Namen in das Besuchs­buch ein und nahm dann noch eine Kopie der Berichte des Krankenhauses entgegen, Für den Fonds des Krankenhauses spendete die Kaiserin 1000 Mark. Der Besuch hatte eine halbe Stunde gedauert. Beim Ver­lassen des Hauses sangen die draußen auf­gestellten Schulkinder:„Deutschland, Deutsch­land über alles“, worauf die Kaiserin zum großen Entzücken der Kinder an sie herau­trat und mit den Lehrern und einigen Kindern freundliche Worte wechselte. Dann besuchte die Kaiserin das deutsche Lehrer­innenheim. Mittags kehrte sie nach Windsor zurück. Der Besuch der Kaiserin

am holländischen Hofe ist auf den 10. No­vember verschoben worden, da die Kaiserin gebeten worden ist, ihren Aufent­halt in England zu verlängern wegen Festiich­keiten, die zu Ehren der Anwesenheit des spanischen Königspaares stattfinden sollen. 2

Auf die Huldigungsdepesche, die der schwedische Gesandte Graf Taube ge­legentlich der Gedächtnisfeier in Lützen an den Kaiser absandte, ist von diesem folgendes Danktelegramm eingegangen: „Hoch erfreut über den freundlichen Gruß der zur Einweihung der Gustav= dolf=Ge­dächtniskapelle auf dem Schlachtfelde Lützen versammelten Schweden und Deutschen spreche ich allen Beteiligten meinen wärmsten Dank aus. Die Kapelle ist der Ausdruck t­empfundener Dankbarkeit für die unvergäng­lichen geistigen Güter, welche der große Heldenkönig uns mit seinem Blute errungen hat. Möge das Andenken des hehren Mannes bei beiden Bölkern allezeit mit gleicher Treue festgehalten und durch ge­wissenhafte Pflege seines Vermächtnisses be­tätigt werden. Dann wird Sottes Schutz und Segen auch ferner mit Schweden und Deutschen sein. Wilhelm I R.“

Dem bisherigen preußischen Ge­sandten beim päpstlichen Stuhl, Frhrn. v. Rotenhau ist unter Ver­leihung des Großkreuzes des Roten Adler= ordens der erbetene Abschied bewilligt wor­den. Zu seinem Nachfolger ist der bisherige Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Wirkl. Geh. Rat Dr. von Mühlberg ernannt worden. Herrn v. Mühlberg wurben die Brillanten zum Roten Adlerorden erster Klasse verliehen.

Wenn auch die Nachrichten amerikanischer Blätter nicht zutreffen, die von einer so intenfiven Tätigkeit des Kronprinzen im Ministerium des Innern berichten, daß er sich dort, um alles keunen zu lernen,

aln zu den„oesen vomn Alten“ d. F#stige, so bleibt doch ein reiches Arbeits­maß übrig, das der Kronprinz im Ministerium mit größtem Eifer und Isteresse laufend ledigt. Er arbeitet theoretisch und praktisch mindestens dreimal wöchentlich im Ministerium, wo er sich, trotzdem er in Potskam wohnt, stets früh einfindet, oft schon vor 9 Uhr, so daß er unter Umständen auch mal eher da ist, als einer der Herren Räte. Er liest alle Eingänge; sie werden ihm vom Geh. Oberregierungsrat v. Falkenhayg vorgelegt und erläutert, wobei sich der Krouprinz sehr genau über alles informiert. Die lauferden Vorträge, denen der Kronprinz ein beson­deres Interesse entgegenbringt, sind jetzt so gelegt, daß er ihnen regelmäßig beiwohnen kann.

Die„Deutsche Tagesztg.“ befürwortet er­neut die Einführung einer Dividen­densteuer, die das Aufsuchen anderer, bedenklicher Steuerquellen unnötig mache. Auch die„Schles. Volksztg.“, das Ofgan des schlesischen Zentrums, tritt für eine gestaffelte Dividendensteuer ein, die nur konsequent sei, wenn man die Tantiemensteuer eingeführt habe. Die„Deutsche Tagesztg.“ schließt aus dem Eintreten namhafter Zentrumsblätter für die Dividendensteuer, daß mit Sicher heit eine Mehrheit im Reichstag für dieses Projekt zu erwarten sei.

Der Bundesrat hat in seiner heutigen Sitzung die Novelle zum Flotten gesetz genehmigt. Dieser enthält die Herabsetzung der Ersatzfristen der Linien schffe von 25 auf 20 Jahre. Die B.= gründung deckt sich mit den in der Presse bereits gemachten Angaben. Der Bundes­rat stimmte ferner dem Vertrage mit den Niederlanden über die Unfall­versicherung zu. Ebenso wurde dem Entwurf eines Gesetzes betreffend Rende­rung des§ 833 B. G. B.(Haftung des Tierhalters) zugestimmt.