Nr. 242.

##der Geschäftsstelle u. #n allen Postanstalten ., bei täglicher Zu­

Parss in Beleseh 6., durch Bries­wüger 1,42 M.

Postzeitungsliste Nr. 5381.

Bielefeld

Montag, 15. Oktober 1906.

Jahrgang

Anzeigengebühr für die einspaltige Petit­zeile oder deren Raum 12 Pf., für auswärts 15 Pf., Reklamen 40 Pf.

Erscheint

lechsmal wöchentlich

Geschäftsstelle Ritterstr. 43.

Fernsprecher Nr. 15.

Zistorischer Kalender.

15. Oktober: Birgil, lateinischer Dichter, geb. 70 v Christo.— Torricelli, italienischer Mathematiker und Physiker, geb. 1608.—

Dannecker, Bildhauer, geb. 1758.— Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, geb. 1795. — Wilhelm v. Kaulbach, Maler, geb. 1805. — Eröffnung der Berliner Universität, 1810.— Koseinsko, gest. 1817.— Turnvater Jahn, gest. 1852.— Feier der Vollendung des Kölner Doms, 1880— Hissung der deutschen Flagge auf den Marschallinseln, 1885.— Fr. Zarncke, Germanist, gest. 1891.— König Georg von Sachsen, gest. 1904.

„Denkwürdigkeiten“?!

Was aus den jitzt veröffentlichten Denk würdigkeiten des früheren Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe in den Zeitungen wieder­gegeben wird, macht einen nicht nur pein­lichen, sondern geradezu abstoßenden Ein­druck. Man begreift es, daß unser kaiser­licher Herr seinem Unwillen über die Ver­öffentlichung dieses kleinlichen Klatsches in der Depesche an den Fürsten Philipp Hohen­lohe Ausdruck gab. Gerade daß seine ge­legentlichen im Plauderton und im Ver­trauen auf Dit kection leicht bingeworfenen Aeußerungen in die breite.ffentlighkeit gebracht werden, muß dem Kaiser besonders peinlich sein. Sehr zu bedauern ist, daß Fürst Hohenlohe diese Dinge überhaupt der Aufzeichnung wert gehalten hat, denn es sind wirklich keine Derkwürdigkeiten, sondern Denkunwürdigkeiten. Der greise Fürst hat es ja offenbar ehrlich gemeint und war einer boshaften Gesinnung fern, aber man erkennt, daß er für das Große keinen Sinn gehabt hat und zwar ein geschickter 'plomat war, namentlich wo es sich um Ausgleichungen handelte, daß er aber nie­mals ein Staatsmann gewesen ist, oder, wenn man ihn doch für einen solchen halten will, dem Fürsten Bismaick nicht bis an die Schäfte seiner Kürassierstiefeln heran­reichte. Wir können deshalb nur dem „Reichsboten“ beistimmen, wenn er sagt: „Diese Denkwürdigkeiten stellen die höchsten Regierungskreise in die denkbar ungünstigste Beleuchtung, weil sie den Anschein erwecken, als behandle man dort die wichtiesten An­gelegenheiten des Staates nur in der ober­flächlichsten, plauderhaften, von persönlichen Sympathien und Antipathien beeinflußten Weise. Man hat davon gesprochen, die Erben Bismarcks sollten als Antwort auf diese Tagebücher mit ihren Ausfällen gegen den Altreichskanzler den dritten Band der „Gedanken und Erinnerungen" veröffent­lichen. Das haben dieselben aber wirklich nicht nötig; denn in all diesem Klatsch über Bismarck, der in diesen Denkwürdigkeiten erthalten ist, steht die Gestalt des ersten Kanzlers groß da und wird von keinem von denen erreicht, die sich, wie Hohenlohe sagt, „wie die Schneckönige“ freuen, daß sie seine eiserne Hand nicht mehr über ihren kahlen Häuptern fühlen. Diese Klatschgeschichten aus den höchsten Kreisen in unsere durch die Kosonialskandale, die sozialrevolutionären Umtriebe, die ungünstige internationale Lage Deutschlands und in die über alles weit verdreitete Mißstimmung unserer Zeit hin­einwerfen, daß ist ein Zeichen von politischem Unverstand oder patriotischem Leichtsinn, der bei allen errsten Patrioten Born und Ent­rüstung hervorrufen muß. Man weiß, daß Bismarck seine scharfen Ecken und Kanten hatte, aber man weiß auch, daß er ohne sie

dieser eckige Recke ihn auf seinem starken Nacken emportiug zu den Höhen des deut­schen Kaiserthrons. Wer Politik in Glace­handschuhen mit leichtem Dinerklatsch treiben und jederwanns Freund sein will, der bleibt besser davon.“

Der Pariser„Matin“ sagt, Bismack sei zwar 1890 überwunden worden, aber seine Politik beseele und lenke gleichwohl die deutsche Politik weiter. Der Kaiser habe Bismarcks Methode zu der seinigen gemacht. Die römische Presse interessiert eben­falls die durch die Publikation in Deutsch­land entfesselte Polemik; sie äußert unver­kennbare Befriedigung über den verursachten Skandal.„Pepolo Romano“ sagt, Kaiser Wilhelm habe trotz seines jugendlichen Alters bei seiner Thronbesteigung schon in der kritischen Periode des Rücktritts Bis­maicks die tiefe staatsmännische Ein­sicht bewiesen, die später so glänzende Be­stätigung erfahren habe.

Obgleich es eine widerwärtige Arbeit ist, so behalten wir uns dennoch vor, zur Kenn zeichnung der Gattung gelegentlich etwas von diesen„Denkwürdigkeiten“ mitzuteilen.

Von der 19. General=Versamm­lung des Evangelischen Bundes in Graudenz.

(Schluß.)

An dritter Stelle begründete alsdann Pfarrer Kremers=Bonn folgende Kund­gebung gegen den Ultramonta­nismus:

„Der Essener Katholikentag hat die Losung ausgegeben: Zusammenschluß der Gott­und Chiistusgläubigen aller Konfessionen zum Kampfe wider den Unglauben und Umsturz. Demgegenüber geben wir zur 19. Togung des Evangelischen Bundes versammelte Protestanten folgende Erklärung ab: Mit den Christen aller Kirchen und Konfessionen, die in dem Herrn Christo allein das Heil sehen, fühlen wir uns im Geiste eins. Jene Essener Losung aber ist rur eine Wiederholung der seit Gründung der konf ssionellen Zentrumspartei stets von ihr erlassenen Aufforderung zum politischen Zusammenschluß der„gläubigen Christen". Dieses Anfinnen weisen wir als ver­hängnisvoll für unser Vaterland und unsere evan gelische Kirche zurück. Wir erachten es vielmehr als Gewissenspflicht, unsere evangelischen Volks. genossen und iesbesondere die von jiner Seite als „gläubig", angesprochenen Kreise vor einem Ein­gehen auf das angebotene Bündnis zu warnen. Denn bei aller Anerkennung der Ehrlichk it, mit der viele fromme Katholiken meinen, uns auf diese Weise die Hand zu bieten, können wir doch in jener Tendenz des Katholikentages nichts anderes erkennen als den geschickten Versuch, die Macht der die römischen Interessen in erster Linie ver­tretenden Zentrumspartei zu stärken und jene „Freiheit der Kirche" erobern zu helfen, die un­vereinbar ist mit den Grundlagen des souveränen nationalen Staates und eine beständige Bedrohung des konsessionellen Friedens bedeutet. Unsere evangelische Losung dagegen ist: Freie Ent­faltung der Libentkräfte der Reformation, welche sich von jiher als volks= und staatserhaltend er­wiesen haden. Zusammenarbeiten mit allen Schaffensfreudigen, wilche dem Vaterlande dienen wollen, auf allen Gebieten der cheistlichen Gesittung und Volkswohlfahrt. Aber kein Bündnis mit dem Zentrum und keinerlei politische Unterstützung dieser parlamentarischen Interessen­vertretung der römischen Kirche. Denn die römische Kirche ist kein Bollwerk gegen Revolution und Umsturz, und„noch jeder politische Ver­bündete des Ultramor tanismus war schließlich der Betrogene".

Diese Kundgebung wurde einstimmig angenommen.

Nach einem Festessen im Schützenhause sand em Abend in der Festhalle kortselbst eine Aufführung des Lutherfestspiels von Devrient statt, bei der zahlreiche Graudenzer nicht das hätte durchführen können, was er Bürger mit ihren Frauen mitwirkten. durchgeführt hat.— Keiner van; denen* Donner#tag, den 11. Oktober, zogen in

Den ig eine herzliche Begrüßung durch den Vorsitz nden des Darziger Zweigvereins, Pfarrer Brausewetter Danzig, statt, der sich eine Besichtigung der erinnerungs­reichen Stadt anschloß. Am Nackmittage entbot in der unvergleichlich gewaltigen und stin mungsvollen Marienkirche Generalsuper­intendent D. Doeblin einen„Gruß dim Evangelischen Bunde, dem Wächter im deutsch evangelischen Geistesleben“, und der viel­geliebte und vielgehaßte Führer der Los von Rom Bewegung, Kirchenrat D Meyer­Zw'ckau, schilderte in seiner machtvollen und tiefgründigen Weise„den deutsch evangelischen Geist als Krastaulle und Wegweiser für die wirtschaftliche Betätigung unseres Volkes“ Ein zwangloses Abendessen im Schützenhause schloß die Danziger und damit die Gesamt­tagung.

Garchgrfahrt hat.— Keiner von au venen, die da hinter seinem Rücken über ihn klatschen und den großen Kaiser Wilhelm bedauern, daß er diesen harten Marn so lange habe ertragen müssen, hätte durch­führen können, was Bismarck durchgeführt hat und es zeigt zugleich die Größe seines Königs Wilhelm, daß er die Selbstverleug­nung besaß, einen solchen Mann wie Bis­maick so lange zu ertragen; er wußte, daß

früher Morgenstunde die Bundesmitglieder und Vertreter der einzelnen Haupt und Z veigvereine zum Danziger Tag nach der.ovinzialhauptstadt, dem rordischen Venedig. Eine Rast wurde zur Besichtigung der hochinteressanten Marienburg gemacht, deren Schätz= und Schönheiten unter sach kundiger Führung bewundert wurden. Um 3 Uhr fand im herrlichen Artuehofe zu

Aus der Rheinischen Mission.

Ende September 1906.

(Schluß.)

Nach seiner Rückkehr leitete Inspektor Spiecker die Versammlungen der wichtigen Korf=renz der Hereromissiorare, die in Oijimbingwe vom 16. bis 23. September über die Neugestaltung und Erweiterung ihrer Arbeit in Deutsch=Südwest=Afrika berieten.

In den beiden Sammellagern Omburo und Oljihaenena hatten die Rheinischen Missionare Kuhlmann und W. Diehl bis zum 1. August 8722 Herero gesammelt; darunter waren ca. 2300 Männer mit ca. 320 Gewehren. Dieser Erfolg fand die Anerkennung der Behörden in solchem Maße, daß Gouverneur von Lindequist Ende Juli noch eine 3. Sammelstelle in Oljosongombe am Waterbera errichten ließ, die dem Missionar I. Olp(Oijimbirgwe) übertragen wurde. Schoa in den ersten Wochen fanden sich dort mit Hilfe des zurückgekehrten Groß manns Timotheus 700 Herero mit ca. 70 Gewehren ein. Da Otjosor gombe viel räher am Gebiet der noch vorhandenen Herero werste liegt, konnte Omburo aufgehoben werden. Ebenso nurde die Sammeltätigkeit in Otsihaenena eingestellt, weil der dortige Missionar von Mitte September ab eine neue Sammelstelle in dem weit im Osten bei Govabis gelegenen Ombakaha einrichten sollte. Daraus kann auch die in missio narischen Dingen auffillend einseitig berich­tende südafrikanische Presse ersehen, daß auf Veranlassung des Gouvernements das fried­liche Sammeln der zerstreuten Herero auch jtzt noch fortgesetzt wird. Omburo und O jihaenera bleiben von je 20 Herero familien besetzt, die unter Leitung eines Missionas, bezw. Sani älssoldaten die dort gemachten Gartenanlagen weiter#flegen sollen.

Die überraschende Nachricht, daß gleich­wohl vom 1. September an wieder scharfe militärische Patrouillenritte unternommen würden zur Säuberung des ganzen Feldes von allen Eingeborenen hängt mit dem Weglaufen unterworfener Herero von ihren Arbeitsplätzen, mit mehreren Diebstählen und mit der Furcht ver Ueberfällen zu sammen. Vielleicht hätten zur Herstellung der Ordnung auch polizeiliche Maßregeln genügt. Auch spielt erfahrungsgewäß beim Weglaufen die voraufgegangene Behandlung eine wichtige Rolle. Endlich muß hervor­gehoben werden, daß das militärische Vor­gehen nur für das Land westlich ron der Linie Oifihaenena=Waterberg angeordnet ist, um hier vollkommene Sicherheit her­zustellen. Die östlichen Gegenden bleiben bis auf weiteres für die friedliche Samnel­arbeit affen.

Zum Schluß sei festgestellt, daß von

haben vertrauensvell die Anordnungen des Missionars erfüllt und zum Teil mehr getan, als ein billig denkender Mensch von ihnen erwarten konte. Daß es eine aktive Friedenspartei unter den Herero gibt, ist in erster Linie der evangelischen Mission zu verdanken. Es hat sich ge­zeigt, daß trotz aller Verirrung ein guter, brauchbarer Kern im Volke vorhanden ist, der bei richtiger Behandlung zum Vorschein kommt. Die verständige Fürsorge für die Eingeborenen ist die wichtigste von allen Kolonialaufgaben. An maßgebender Stelle in Wirdhuk ist dies längst erkannt. Der Otffentlichkeit gegenüber muß dies aber stets aufs neue betont werden.

Gott helfe, daß die missionarische Arbeit in Schule und Kirche nicht aus Mangel an Arbeitskräften und Mitteln hinter dem wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau zurückbleiben muß.

G. Haußleiter

den Herero, die bisher als Boten von Om­buro aus ihre Volksgenossen aus dem Felde zurückholten, nur 5 9/0 Christen waren. Die andern waren Heiden. Aber auch sie

Aus dem Deutschen Reiche.

Berlin, 14 Oktober.

Major Fischer, der zweitälteste O fizier des Oderkommandos der Schutztruppe und ehemaliger Vorstand der Bekleidungsabtei­lung, ist, wie dem„.=.“ mitgeteilt wird, gestern, Sonnabend, aus der Untersuchungs­haft entlassen worden. Gleichzeitig ist das Strafverfahrer, das wegen des Verdachts der Bestechung Ende Juli d. J. gegen ihn anhängig gemacht worden war, eingest Ut worden, da die Ermittlungen, die nahezu ein Vierteljahr hindurch in eingehendner Weise nach dieser Richtung geführt worden sind, strafrechtlich Belastendes nicht ergeben haben. Unberührt bleibt das ehrengericht­liche.rfahren, das gegen den Major Fischer schwebt und darauf begründet wird, daß er Hindlungen vorgenommen hat, die mit seiner Stellung als Ofizier nicht.reinbar sind.

Hiefigen Blättern zufolge zweifelt man an amtlicher Stelle nicht daran, daß die Ver­öffentlichung der Memoiren des dritten Reichskanzlers, für die du Prinzen Alexander die Veranlwortung triff', dessen freiwilligen oder erzwungenen Rück­tritt von seinem Amte als Beziekspräsident in Kolmar zur Folge haben wird.

In den letzten Tagen haben wiederholt Sitzungen des Sächsischen Gesamt­ministeriums stattgesunden. Diese Be­ratungen sind besonders in der nicht sächsischen Pesse eifrig kommentiert und mit einer neuen Wendung in der Montignoso­Affaire in Verbindung gebracht worden. Wie wir zi verlässig erfahren, haben aller­dirgs verschiedene Sitzungen in dieser An geleger heit stattgefunden, es handelte sich aber nicht um eine neue Wendung, sondern lediglich um die Ausführung von zwei Haup punkten des im Mai 1905 zwischen den Vertretern des Königs und der Gräfin Montignoso geschlossenen Vertrages. Diese beiden Haupspunkte beiri ff.n eine Begegnung der Gräfin mit ihren älteren Kindern, sowie die Ueberzabe der Prinzessin Anna Monica Pa an den sächsischen Hof. Diese Ueber­gabe an einen Bevollmächtigten des Könics war schon vor einiger Zeit durch die Gräfia angeboten worden und sellte sich bereits im Mai vollziehen; sie verzöger'e sich aber zum Teil infolge des Radunfalles, den die Gräfin damals erlitt. Vollständig erfunden ist die Behauptung, daß der Gräfin eine Geld­entschädigung angeboten worden sei, ebenso, daß das Privatleden der Gräfin irgend welchen Anlaß zu Erörterungen gegeben habe.

Der nationalliberale Abgeordnete und Vizepräsident des Reichstages, Geh. Re­gierungsrat Hermann Paasche, etats mäßiger Prosessor an der Technischen Hochschule zu Czarlottenburg, hat seinen Abschied aus dem Staatsdienste genommen.

Die hessische Regierung hat, wie uns