Nr. 140.

Vierteljährlich in der Geschäftsstelle u. an allen Postanstalten 1 M., bei täglicher Zu­sellung in Bielefeld 1.20 M., durch Bries­träger 1,42 M.

Postzeitungsliste Nr. 5381.

3e Jahrgang

Anzeigengebühr

fürdie ein

Pett=

zeile oder deren Raum 12 Pf., für auswärts 15 Pf., Reklamen 40 Pf.

Erscheint

sechsmal wöchentlich

Geschäftsstelle Ritterstr. 43. Fernsprecher Nr. 15.

Bielefeld

Montag, 18. Juni 1906.

Sistorischer Kalender.

18. Juni: Kaiser Friedrich der Rot­bart, zu Rom gekrönt, 1155.— Reichsver­sammlung in Augsburg, 1530.— Schlacht bei Fehrbellin, 1675.— Schlacht bei Kolin, 1757.— Schlacht bei Waterloo, 1815.— General v. d. Tann, geb. 1815.— Gründung der Rheinisch=Westfälischen Gefängnisgesellschaft, 1826.— Ende des deutschen Rumpsparlaments, 1849.— Besetzung Dresdens, 1863.— Enthüllung des Kyfshäuserdenkmals, 1896.

Eine englische Zustimmung zu der deutschen Grenz­überschreitung in Südwest.

Aus Johannesburg, 20. Mai, wird der„Welt Korrespondenz“ geschrieben:

Die hiesige„Sundey Times“, die sich nicht gerade durch Deutschfreundlichkeit kennzeichnet, brachte am 13. d. Mis. unter der Ueber­schrift„Neutralität“ einen Aufsatz, der so unparteiisch geschrieben ist, daß es sich lohnt, seinen Inhalt näher kennen zu lernen. Es handelt sich um die Grenzüberschreitung der deutschen Abteilung bei der Verfolgung des Bandenführers Morenga. Die deutschen Truppen seien Morenga hart auf den Fersen gewesen. Dieser habe die Grenze über­schritten und sei zehn Meilen in das Kap­gebiet hineingeflüchtet.„Da erschienen die Deutschen(hot.and dusty), um sich den Mann zu langen. Aber ein Kappolizist reitet daher und warnt, sie seien auf neu­tralem Gebiete und müßten umkehren. Der deutsche Offizier, der die Führung hat, lehnt ab, was nicht unnatürlich ist(not unnaturally). Meilenweit hat er den Hottentotten verfolgt durch Graß, so hoch, daß es bis an den Pferdekopf reicht, und er geht nicht zurück, bis er Morenga hat. Dazu ist er ent­schlossen, während ihm der Grenzsoldat eine Vorlesung über die Elemente des Völker­rechtes hält.

Als diese Unruhen in Deutsch= Südwest­afrika ausbrachen, behandelte sie das Kap­ministerium als wirklichen Krieg. Es sprach über die Pflichten Neutraler und verbot die Unterstützung der Beteiligten. Es verhielt sich gegen Morenga, Witboi und andere ungewaschene Plünderer, als seien sie echte Kriegführende, statt eines Haufens farbiger Aufrührer. Es handelte sich nicht um die Befiegung eines „Volkes, das rechtlich um die Freiheit steitt“ — wie die Redensart lautet—, sondern um ein Gebiet, das durch einen Ver­trag zwischen England und Deutsch­lano viesem überlassen war. Es ist nie klar gewesen, warum Kapland den Deutschen die Hülfe versagte. Ein Trupp Irregulärer, Holländer und Briten, die im Kriege gewesen waren, hätten dort in kurzer Zeit aufgeräumt. Es wäre ein nützliches Zugeständnis an Deutschland gewesen, mit geringsten Kosten verknüpft(at a minimum cost) und es wäre das vermieden worden, was zum Unsinn und zu einem häßlichen pläzedenz geworden ist. Genau genommen ist hinfort j dem farbigen Mörder, wenn er nur im stande ist, einige Gewehre und eine Handvoll Banditen zusammenzubringen, er­laubt mit allen Rechten einer kriegführenden Macht aufzutreten. Keine Einmischung ist zulässig und„Neutralität“ muß gegen ihn beobachtet werden. Eben jetzt erleidet Südafrika die Strafe für diese Torheit. Dem Widerstande des Schwarzen gegen den Weißen in Damaraland ist sofort der des Eingeborenen in Britisch=Südafrika gefolgt. Er hat sein Nachrichtenwesen und erfährt manches über das endlose Ringen. Seit Juni 1904 sind die Kaffern im nörd­lichen Transvaal unruhig, und der jetzige Aufstand in Natal steht unmittel­dar im Zusammenhang mit den Unruhen in Deutsch= Südafrika. Welche und wie viele Fehler auch immer die deutschen Verwalter begangen haben mbgen, sie helfen doch mit am Werke des

weißen Mannes in Südafrika. Aber sie tun es allein, und die andere Regierungen sehen sich den Spaß an, als ereigne er sich in einem anderen Weltteil. Die Kav­regierung muß mit der Torheit aufhören, die sie seit vier Jahren mit dem Völkerrecht treibt. Dieser Kampf ist ein gemeinsamer Schaden und als solcher zu behandeln.“

Solche Meinung über die Lage ist sehr beachtenswert.

Eine Rede des Kardinals

Die„Kölnische Zeitung“ meldet: Auf die Mitteilung des Reichstagsabgeordneten Nacken bei dem zu Ehren des Kardinals Fisscher in Eschweiler veranstalteten Fest­mahl, daß auch Nichtkatholiken an der Aus­schmückung und am Festmahl beteiligt seien, sprach der Kardinal diesem seinen be­sonderen Dank aus. Er dürfe von sich sagen, daß er zu allen seinen Mitbürgern, wes Glaubens sie auch seien, eine herzliche Zuneigung habe, und daß er bestrebt sei, mit ihnen im besten Einvernehmen zu leben. Immer hat es mich, so fuhr der Kardinal fort, in tiefster Seele geschmerzt, wenn ich von konfessioneller Verhetzung hören mußte. Das schmerzt mich nicht nur als Bischof, sondern es verletzt auch mein Vater­landsgefühl. Ich meine, daß in unserem gemeinsamen deutschen Vaterlande, das nun einmal durch Gottes Zulassung konfessionell gespalten ist, alle diejenigen, die auf dem pofitiven Boden des Christen tums stehen, gerade jetzt, wo ein schlimmer Geist durch unsere Gaue geht, alle Ursache haben, Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu verhetzen. Sie sollten immer darauf bedacht sein, das Gemeinsame und Einende, nicht das Trennende in den Vordergrund zu stellen und gemeinsam sich zusammenzu­finden gegen den Geist der Auflehnung und des Umsturzes, der ankämpft gegen den Gottesglauben, gegen die bürgerliche Ord­nung und unser gemeinschaftliches Vaterland.

Diese Mahnung ist lobenswert, möge sie vor allem von den Glaubensgenossen des Heren Kardinals beherzigt werden. Wie aber stimmt es mit dieser Mahnung, daß Kardinal Fischer selbst in seinem Pastoralschreiben vom 19. März 1903 seinen Geistlichen den Syllabus eingeschärft und ihn als„Prüfstein unserer Zeit" be­zeichnet hat,„an dem man erkennen könne, was mit der katholischen Wahrheit überein­stimme und was nicht!" Der Syllabus verhält sich zum konfessionellen Frieden, wie der Wolf zum Schaf; der eine frißt das andere auf. Will also Kardinal Fischer den Frieden, so darf er den Syllabus nicht zum „Prüsstein“ machen. Dieser hohe geistliche Herr meint es unzweiselhaft gut, aber wir stehen hier wieder einmal vor dem bekannten „Zwiespalt der Natur", aus dem auch die wohlwollendsten katholischen Kirchenfürsten sich nicht herauslösen können.

Freisinn u. Sozialdemokraten.

Die„Leipziger Volkszeitung“ hatte kürzlich den Urheber des verruchten Bombenattentats zu Madrid eifrig in Schutz genommen und es für begreiflich erklärt, daß der„rächende Arm“ eines der unzähligen Opfer des Aus­beutungssystems sich gegen„den spanischen Parasiten von Gottes Gnaden" gekehrt habe.„Mag man uns deshalb immerhin „verrohte Verteidiger des Madrider Mord­buben“ schelten, das soll uns wenig kümmern. Schließlich ist die Gesellschaft des Madrider Attentäters immer noch besser als die kapi­talistischen Massenmörder und ihrer Zuhälter von der bürgerlichen Presse.“. So die „Leipziger Volkszeitung“. In freisinnigen Blättern wurde diese Auslassung mit Ent­rüstung verzeichnet, dabei aber bemerkt, daß die sozialdemokratische Parteileitung der

Gemeinschaft mit den L.ipziger Ausschrei­tungen ablehnen werde. Hierauf jedoch entgegnete der„Vorwärts“, er könne die „beruhigende" Versicherung geben,„daß die „Leipziger Volkszeitung“ nur in einer beson­deren Form die allgemeine Auf fassung der Partei wiedergegeben“ habe.

Uns lehrt diese Bestätigung nichts neues, die begetstert zustimmende Stellungnahme der gesamten deutschen Sozialdemokratie zur russischen Revolution mit allen ihren Scheuß­lichkeiten hat längst den Beweis erbracht, daß die sozialdemokratische Parteileitung sich mit dem revolutionären Mordgefindel der ganzen Welt identifiziert. Nicht ohne Be­deutung ist es aber, daß auch der Freisinn nun endlich über das wahre Wesen der Sozialdemokratie zur Einsicht gelangt. So schreibt die„Breslauer Zeitung" zu der Auslassung des„Vorwärts“:

„Diese Erklärung ist ganz außerordenlich wert­voll, wenn auch nicht neu. Kenner der Sozial demokratie wußten längst, daß diese Banden nur auf eine Gelegenheit lauern, mit Mord und Gewalt ihren Zukunftsstaat einzurichten, und daß nur die Ohnmacht sie davor bewahrte, ihren Neigungen freien Lauf zu lassen. Man war im Bewußtsein dieser Ohnmacht meist auch so vor­sichtig diese Neigungen nach außen nicht zu ver­raten, ja— namentlich in gerichtlichen Verhand­lungen— wurden sie direkt abgeleugnet. Seit den letzten Reichstagswahlen aber ist dieser Revo­lutionspartei der Kamm so gewaltig geschwollen, daß sie vielfach glaubt, sich keine Zügel mehr an­legen zu brauchen und frei von der Leber weg­reden zu können. Das ist hier nun wieder ein­mal geschehen, und wir haben hier einen wert­vollen, unanfechtbaren Beweis, daß die Deutsche Sozialdemokratie eine Partei ist, die Mord und Aufruhr als berechtigte Mittel zur Erreichung ihrer politischen Zwecke offiziell anerkennt. Daß diese Kundgebung weitere Folgen haben muß, liegt auf der Hand“

Die sozialdemokratische Presse schweigt im allgemeinen über diese Angelegenheit. Nur die Breslauer„Volkswacht", ein dem Meh­ringschen Blatte kongeniales Oegan, läßt an dem freifinnigen Blatte ihre Wut aus und droht, daß die sozialdemokratischen„Mord­banden“, den Freisinn bei den Stichwahlen sitzen lassen würden. Das wäre aber auch noch auszuhalten!

Die Reichstagsersatzwahl in Tarnowitz

hat dem Zentrum eine neue schwere Nieder­lage beigedracht. Solange hat diese Partei die polnisch- nationale Bewegung begünstigt, bis diese stark genug war, sich auf eigene Füße zu stellen und ihren bis herigen Gönnern einen Tritt zu versetzen. Aehnliche Erfahrungen hat in dem oberschlesischen Wahlkreise die Sozialdemokratie gemacht. Was für Mühe haben sich die„Genossen“ gegeben, die edlen Polen einzufangen. Selbst von ihren inter nationalen Grundsätzen sind sie abgewichen, um mit polnischer Hilfe Mandate zu er­schnappen. Nun hat die Sozialdemokratie im Beuthener Wahlkreise rund 4000 Stimmen, nicht weniger als 40 pCt., gegen 1908 eingebüßt. Im Lichte der Nachwahlen nimmt sich der berühmte Dreimillionenfieg nicht mehr sehr imposant aus. Woher der Umschwung in Beuthen? Die sozialdemokratische Presse gesteht es selbst ein: noch rücksichts­losere Demagogen als die Sozial­demokraten haben im Wettbewerb gesiegt. Bisher hätten die Polen— so schreibt der „Vorwärts“— keine zugkräftige Agitation und Kandidaten gehabt, deshalb hätten sie ihre Stimmen der radikalsten Partei gegeben, das sei die Sozialdemokratie. Jetzt aber, wo sie„einen Demagogen ersten Ranges“ als Kandidaten aufgestellt hätten, habe das nationale über das soziale Bewußtsein bei den polnischen Arbeitern gesiegt.— So also sieht es um einen großen, wohl den größten Teil der sozialdemokratischen Dreimillionen: Wählerschaft aus, auf welche sich die Sozial­demokratie als„stärkste Partei" stützt. Aehnlich schreibt die Breslauer„Volkswacht“

unter Bezugnahme auf verschiedene Zi­schriften aus dem Beuthener Wahlkreise, dort sei man sich klar darüber gewesen, daß die Stimmen von 1898 und 1903 die Stimmen der Unzufriedenen gewesen seien, die heute in dem Radikalpolen ihre oppositionelle Vertretung zu finden hofften. Eine recht imposante Parlei, die Sozial­demokratie, die nichts weiter darstellt als ein Sammelbecken, in das sich bei den Wahlen aller Schlamm der Unzufriedenen ergießt.

Politische Nachrichten.

Aus dem Deutschen Reiche.

Berlin, 17. Juni. Der Kaiser kam am Freitag Abend 10 Uhr in Hinnover an, nahm dort Sonn­abend vormittag eine Militärbesichtigung vor und fuhr nachmittags auf der alten Heer­straße durch die Lüneburger Heide im Automobil nach Hamburg. Abends traf er in Harburg ein, wo er nach festlicher Begrüßung an Bord der„Hamburg“ ging. Nach einer Fahrt nach Helgoland wird sich der Kaiser am 20. d. M. auf den kleinen Kreuzer„Leipzig“ einschiffen und durch den Kaiser Wilhelm Kanal nach Kiel zur Kieler Woche fahren.

Prinz Eitel Friedrich besuchte mit seiner Gemahlin die landwirtschaftliche Aus­stellung.

Obwohl der Aufenthalt des Fürsten Bülow auf Norderncy bis Ende der dortigen Saison, also bis Anfang November, dauern soll, dürften doch kurze Unter­brechungen der Kur nicht ausgeschlossen sein. Wie die„Post“ mitteilt, liegt es in der Absicht des Reichtkanzlers, dem Kaiser im Laufe des Sommers, wenn möglich, über Fragen der inneren und äußeren Politik persönlich Vortrag zu halten. Eine Reise des Fürsten in das kaiserliche Haupt­gzartier, wahrscheinlich nach Kiel oder Ham­burg, soll noch stattfinden, bevor der Kaiser die Nordlandfahrt antritt.

Die Leiche des in Afrika ermordeten Be­zirkshauptmanns Hennig v. Burgs­dorff ist am 17 d. M. in Hamburg ein­getroffen und wird am Sonnabend, den 23., in Hohenjesar(Kr. Lebus) in der Familien= grust direr v. B. beigesetzt werden. Die Leiche war von den Hottentolten in einer Höhle verborgen worden, wurde aber später von Deutschen gefunden und beerdigt. Die Hottentotten hollen den Leichnam aus dem Grabe wieder heraus und drachten ihn in die Höhle zurück Später ist er noch einmal beerdigt und noch einmal hervorgeholt, dann aber vach Eingesargung durch den Missionar Spellmeyer nach Gibeon gebracht worden, wovor seiner Absendung nach Deutschland unter geistlicher Leitung des genannten Missionars eine Leichenfeier staltfand. Ein Zweifel an der Identität des Leichnams mit v. B. ist ausgeschlossen, da sich Uhr und Zigaretten­etui noch bei der zur Mumie zusammen­getrockneten Leiche befanden. Zu der Bei­setzungsfeier wird auch der frühere Gouver­neur Leutwein erwartet.

Die„Post“ hatte gestern erzählt, daß sich ein Postbote in Haft befinde, der der ozialdemokratischen Geheim Organi­sation die Briese überliefert, die er unterschlagen hätte. Der„Vorwärts“ bemerkt dazu berichtigend: Es sei allerdings ein Briefträger Ende März in Untersuchungs­haft genommen, und zwar weil man ihn im Verdacht hatte, dem„Vorwärts“ Briefe und Drucksachen übermittelt zu haben. Die Unter­suchung hätte aber die völlige Unschuld des Postboten und die Haltlosigkeit der Anschul digung ergeben. Darauf sei der Postbote am 29. Mai aus der Untersuchungshaft entlassen. Vor wenigen Tage sei An­

klage gegen ihn erhoben worden, aber ledig­lich, weil ein paar Geschäftsdrucksachen nicht bestellt und er sich dadurch eines Vergehens schuldig gemacht habe.