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Montag, 19. März 1906.
30. Jahrgang
Anzeigengebühr für die einspaltige Petitzelle oder deren Raum 12 Pf., für auswärts 15 Pf., Reklamen 25 Pf.
Erscheint
sechsmal wöchentlich
Geschäftsstelle Ritterstr. 43.
Fernsprecher Nr. 15.
Klurm
durchbraust nicht nur das Land, nein auch im innerpolitischen Leben braust und gährt es, unsichtbare Mächte sind am arbeiten und niemand weiß, wohin es föhrt. Wichtig ist es da, eine Zeitung zu halten, wichtiger noch eine politische, die nicht nach Sensation hascht, sondern prüft und sondiert, die Spreu vom Weizen scheidet. Eine Hauptaufgabe unseres Parteiblattes ist es von jeher ge wesen, in knapper aber klater Form ein Bild der Zeitläufte zu geben. Diese Aufgabe wird sie auch in Zukunft zu erfüllen suchen.
Bei den jetzigen unruhigen Zeiten brauchen wir eine stalte Partei als Stütze für Thron und Altar. Diese Stötze ist die konservative Partei immer gewesen! Pflcht der konservativen Männer ist es aber auch, für Nachwuchs und für Stärkurg der Partei zu sorgen! Wie ist das zu erreichen? Indem Sie neue Freunde und Leser für unser Parteiblatt suchen! Die Parteipresse ist die geistige Waffe im Kampfe! Viele Leser, viele Streiter! Viele neue Leser, viele neue Kämpfer für unsere gute und gerechte Sache! Erhaltet nicht nur Euer Parteiblatt, nein stärkt es auch, ihr stärkt dadurch die Partei, Euch selbst und Eure Sache!
Wir sind gern bereit, an jede einzelne Adresse Probenummern gratis und frar ko zu schicken, müssen aber unsere Parteifreunde auch bitten, unerwüdlich mündlich werben zu wollen. Die Zeit ist ernst, sie braucht Männer, tue ein jeder sein Teil, daß sie welche findet.
Vorwäits! Mit Gott, für König und Vaterland!
Die Geschäftsstelle.
Wisterischer
19. März: Hermann von Salza, Hochmeister des deutschen Ritterordens, gest. 1639.— Haug, Lieder und Epigrammendichter, zu Niederstolzingen geb. 1761.— Die Elbbrücke bei Dresden wird von den Franzosen gesprengt, 1813.— David Livingstone, Afrikareisender, glb. 1813— Beginn der Revolution in Baden, 1848.— Ferdinand Schmidt, (Dranmor) Dichter, in Bern gest. 1888.
Ein Sozialdemokrat als mongolischer Patriot.
A. S. K. Das Unerwartete ist ein getreten: ein sozialdemokratisches Biatt ist begeisterter Lobredner des Nationalgesühls und Nationalstolzes geworden. Und noch dazu ist dieses Blatt die„Leipziger Volkszeitung. Nur leider ist es das Nationalgefühl und der Nationalstolz der — Chinesen, dem Herr Mebring Hymnen singt. Ein Leitartikel in Nr. 56 der„Leipziger Volkszeitung“ vom 8. d. M. bespricht das japanisch chinesische Bündnis, das eben geschlossen sein soll, und setzt dabei auseinander:
„Der ostasiatische Krieg hat etwas geschaffen, was bis her unerhört war in der Geschichte des Reiches der Mitte: er hat ein chinesisches Nationalgefühl entwickelt. Noch im chtnesisch japanischen Kriege konnten die Flotten führer der jüdchinesischen Küstenprovinzen garnicht begreifen, daß die Japaner sie als Feinde behandelten. Die erklärten, ihre Flotte habe mit dem Kriege garnichts zu tun, der nur Nordchina argehe.... Die fremdenfeindlichen Bewegungen sir d in China seit 1900 nicht abgebrochen, und getade jetzt laufen wieder Nachrichten sehr beun ruhigenden Inhalts ein. Sie sind Anzeichen für das gehobene Nationalgeshl der Mongolen, die die unverschämte Art und We se nicht mehr ertragen woller, mit denen bisher Europa, und speziell Deutschland, ihr China behandelt hat. Aber ein glänzenderes Beispiel für den erwachten Volksstolz der Chinesen dietet der Boykott mit dem die chinesischen Kaufleute die amerikanischen Waren belegt haben, weil die Amerikaner die chinesischen Einwanderer zurück. weisen,“
Herr Franz Mehring aber läß: sich durch seinen mongolischen Patriotismus sogar noch
zu weiterer Einsicht bekehren und verleiten, zu der Einsicht nämlich, daß der Nationalstolz— natürlich nur der monzolische— sich nicht nur in der Luft betätigen kann, sondern sich in einer Politik nationaler, natürlich chinesisch nationaler Macht mit Hilfe zureichender militärischer Machmittel zu realisieren hat. Er schreibt nämlich:
„Nicht in der auf die Dauer doch unmöglichen Abweisung dir fremden Kultur, sondern gerade in ihrer Aufnahme und Aneignung liegt die Rettung. Europäische Wissenschaft und Technik, durch deren Nachahmung Japan so groß geworden ist, wird wird jitzt auch in China ihren Einzug halten und nicht am wenigsten— europäische Kriegskunst. Schon hat der Vizekönig Yuanschikai die G unblage zu einem nach modernen Grundsätzen bewaffneten und disziplinierten chinesischen Heere gelegt, das in sechs Jahren bereits als ein außerordentlich schwerwiegender Faktor für die ostasiatische Politik Europas ins Gewicht fallen wird.“
Herr Mehring, durch seinen mongolischen Patriotismus verleitet, findet also selbst sogar europäische Kriegskunst sehr annehmbar— wenn sie von China im portiert wird, und er beglückwünscht China zu seiner kriegerischen Importe und rühmt es, daß es sich dadurch— wie es an anderer Stelle des Artikels heißt—„zu einem selbständigen, stetig kräftiger und damit gefährlicher werdenden Gebilde erhebt“
So viel Verständnis für Nationalgesühl, wenn es das der Chinesen ist, und für eine selbst mit kriegerischen Mitteln zu betreibende und zu vollführende nationale Einheitsbewegung, wenn sie der Mongolen ist, entwickelt ein in deutscher Sprache schreibender, in Deutschland geborener und wirkender Sozialdemokrat von der Art des Heern Mehring, dieses deutschen Therfites, der nicht wild und wüst genug zu schmähen und giftig zu geifern weiß, immer dann und immer da, wann und wo es sich um deutsches Nationalgefühl, um deutsche Ehre und selbst um deutsches Dasein handelt. Als Bisma ck, der dem deutschen Volke Achll und Odyss us zugleich gewesen ist, das deutsche Nationalgefühl lebendig und wirklich werden ließ und die deutsche Einheitsbewegung in die Wege leitete, und als die deutschen Männer um des Vat rlandes willen vor dem Feinde ihr Leben ließen, da schalt ein Maix aus dem sicheren Londoner Schlupfwinkel heraus diese Helden„Schurken und Narren“. Und jetzt, da unser Volk in einer immerhin ernsten Lage sich zu behaupten und zu bewähren alle Kräfte daran setzen sollte, da lobt und verherrlicht ein Mehring den Nationalstolz der Chinesen und die mit Kriegsrüstungen verbundene Einheitsbewegung der Mongolen und fällt zu gleicher Zeit dem eigenen Vaterlande in den Rücker. Denn im selben, hier zitierten Artikel und in einem Atem erklärt Herr Mehring des weiteren bezüglich Deutsch lands:„Der Beschluß, den das internationale sozialistische Bureau zu Brüssel am Sonntag faßte, einen Krieg unmöglich zu machen, komme was da wolle, ist die welthistorische Ergänzung des mongolischen Zweibundes und der kapitalistischen'plomatenkonferenz.“ Also für China und die Mongolen eine kriegerische Politik nationaler Macht und Einheit, für das Vaterland aber und die eigenen Landesgenossen eine ehrvergessene Politik des vorzuberettenden Hoch und Landesverrats— das ist die Logik der Sozialdemokratie und ihrer Führer. Und wie Herr Mehring in der„Leipziger Volkszeitung“, so treibt es Herr Stalthagen im „Vorwärts“ und die lleinen Größen in der Pcovinz suchen diese sozialdemokratischen Meister der Legif and des Stils womöglich noch zu übertreffen, in der Weise der Dortmunder„Arbeiterzeitung“z., die den leitenden Staatsmännern unseres Vaterlandes geradezu„gemeingefährlichen Irrsinn" nachsagt. Die guten deutschen Arbeiter aber im Banne der Sozialdemokratie, die in dieser Prisse kein
Sterbenswörtchen darüber zu lesen bekommen, warum es sich in der Marokkopolitik wirklich handelt, lesen dergleichen und glauben es— weil es doch gedruckt werden darf— und werden so nach und nach stumpf in ellem Gefühl für nationalen Stolz und deutsche Ehre und begreifen schließlich den Ekel garnicht mehr, der den elementar ergreifen muß, der mit urbefangenem Blick die Therfitesgestalten der Mehring, Stadthagen und Konsorten in ihrer abscheulichen Häßlichkeit einmal geschaut hat.
Lob der deutschen Rettungsmannschaften.
Der„Rhein.=Westf. Ztg.“ wird aus Paris geschrieben:„Die Rettungsmannschaft hat fast 24 Stunden ununterbrochen unter Tage gearbeitet. Es sind auch aus Paris Feuerwehrleute mit Rauchhelmen angekommen, aber ihre Lüftungsapparate erwiesen sich als unzulänglich und sie konnten nicht einfahren. Die Ingenieure und Bergleute von Lens, welche die Deutschen bei der Arbeit gesehen haben, sagen bewundernd:„Das sind Helden.“ Dieselben Eindrücke finden sich auch in der Presse.„Matin“ schreibt: „Man hat aus Deutschland Retter holer müssen, wir haben keine und doch fehlt es uns nicht an Helden. Wir haben Staatsingenieure, Inspektoren,=Kontrolleure, aber diese ganze mit Orden und Titeln bedeckte Gesellschaft ist unfähig, sich zur Höhe der Deutschen zu erheben. Wir behaupten, daß wir uns um das Volk kümmern, wir geben ihnen aber nur Worte, Hilfe dagegen gibt nur in den Stunden der Betrübnis der deutsche Kaiser. Jaur és gibt dem Eingreifen der deutschen Rettungsmannschaft sogar politische Fassung.„Die deutschen Bergleute," schreibt er,„sind in die brennenden und verpesteten Schächte hinabgestiegen, sie sind in den tödlichen Abgrund eingefahren, sie haben Leichen geborgen, sie haben in Not und Gefahr mit ihren französischen Brüdern sich verbrüdert, sie haben ein neues Band zwischen den Arbeitern Frankreichs und Deutschlands geknüpft.“
Das französische Blatt„Gil Blas“ gibt seinen Empfindungen in einer ergreisenden Skizze Ausdruck. Es schreibt:
„Mehr als tausend feanzösische Bergleute sind in den Eingeweiden der Erde begraben. Tötliche Gase, lodernde Flammen durch asen das Bergwerk. An der Oeffnung der Schäckte steht angstvoll gedrängt eine stumme Menge. Die Gewalt der Katastrophe, ihre Plötzsichleit, die Zahl der Opfer, der schreckliche Tod der meisten dieser, der noch surchtbarere Todeskampf aller, die nicht sofort verbrannt oder erstickt wurden, das Elend und der Schmerz der Ueberlebenden, alles vereinigt sich zu einem furchtbaren Drucke auf die Gemüter, denen entsetzliche Bilder vorschweben. Die unbeschreibliche Schwierigklit, den vielleicht noch Ueberlebenden Hilfe zu bringen, macht die Angst noch peinigender. Da sieht man in Courriéres einen Zug Retter eintreffen, die, mit besonderen Apparaten ausgestattet, in die Schächte hinabsteigen können. Diese Retter kommen aus Deutschland. Es sind Bergleute, die ihren französischen Kameraden zu Hilse eilen. Das ist etwas Ergreisendes, Unvergeßliches. Seit einem Jahre spricht man uns nur von Krieg mit Deutschland. Wir müßten viele Deutsche löten und unsererseits müßten viele ihren Tod finden Warum? Man weiß das eigentlich nicht genau. Vielleicht weil der Offizier, der in Cisablarca, einem Orte, von dessen Existenz kaum zehn Franzosen etwas wissen, kommandieren soll, ein Belgier sein wird. Ernste Leute versichern das. Es gibt selbst Wahnwitzige, die das zu wünschen scheinen. Dann stellt man uns den Deutschen als ein Ungeheuer dar, das nach unserem Blute dürstet; und wir selbst gelten in Deuschland
als Menschenfresser. Man muß sich schlagen;
der Krieg ist notwendig, er ist gut.....
Seit einem Jahre schwebt dieses Damoklesschwert über unseren Häuptern. Seit sechs Wochen streitet man sich in Algeciras, herum. Und Hunderte von Malen tönte der Unheilsruf: Das Einvernehmen ist unmöglich. Jetzt scheint man sich in Algeciras zu verständigen. Viel ergreifender und bezeichnender als das Geschwätz der Diplomaten ist das, was die deutschen Bergleute getan haben. Diese Männer haben die Grenze überschritten und sich auf französischem Boden in Uniform gezeigt. Sie hatten keine Waffen in der Hand, sondern Rettungswerkzeuge. Brüder, Bergleute, deren hartes Leben und Leiden sie aus eigener Gefahr kennen, waren im Bergwerk verschüttet worden. Franzosen? Deutsche? Was kommts darauf an? Menschen: Sie haben sich erboten, die zu finden, die noch lebend wären, und die Toten ihren Familien zuzuführen, unter fortwährenden Gefahren für ihr eigenes Leben. Wenn ein einziger von ihnen in dem Bergweike bliebe, so wäre die Bedeutung dieses Opfers gar nicht zu ermessen."
Politische Nachrichten.
Aus dem Deutschen Reiche.
Berlin, 18. März.
Der Kaiser ist gestern abend 9½ Uhr von Bremen hier wieder eingetroffen. Während des Frühstücks zu Ehren des Kaisers in den Senatorenräumen des Rattkellers zu Bremen wurden dem Kaiser vom Bürgermeister Dr. Barckhausen im Auftrage des Senats Bronzenachbildungen der beiden Statuen, die den Westeingang des Bremer Rathauses zieren, überreicht.
Die Kaiserin hat dem Oberpräsidenten v. Moltke telegraphisch eine Spende von 1000 Mk. zugunsten der in den Kreisen Niederung und Heydekrug von der
Ueberschwemmung Betroffenen überwiesen.
Aus Anlaß der heutigen Märzseier sind wiederum umsangreiche polizeiliche und militärische Sicherheitsmaßregeln ähnlich denen vom 21. Januar angeordnet worden. Allen Unteroffizieren und Mannschaften ist das Verlassen der Kasernen verboten worden. Die Schutzmänner werden auf den Polizeiwachen konfigniert sein.
Der Seniorenkonvent des Reichstages einigte sich dahin, die Österferien am Freitag, den 6. April, beginnen zu lassen und am Donnerstag, den 24. April, die Arbeiten wieder aufzunehmen. Die Heffnung auf rechtzeitige Fertigstellung des Etats ist definitiv aufgegeben und der Reichskanzler, bereits hiervon benachrichtigt, so daß die Vorbereitung eines Notgesetzes schon im Werke sein dürfte. Es soll versucht werden, die zweite Lesung des Etats vor Ostern zu Erde zu führen, was freilich zur Voraussetzung hätte, daß die Generaldebatte über den Militäretat nicht länger als sechs Tage dauert.
Auch das Abgordnetenhaus wird wahrscheinlich am 6. April in die Osterferien treten.
Wie der„.=.“ mitteilt, ist im Reichsschatzamt ein neuer Borschlag für die Fahrkartensteuer ausgearbeitet worden. Es soll nämlich in der zweiten Lisung der Kommission von neuem der Versuch gemacht werden, einen festen Stempel zur Annahme zu bringen, und zwar in der Form eines nach Zonen abgestuften Stempels. Edenfalls freigelassen sind der Vorortund der Nahverkehr. Der Satz ist so gegriffen, daß auf ein Erträgnis von 24 Millionen Mark gerechnet werden kann. Da aber die Steuerkommission aus der Fahrkartensteuer 50 Millionen Mark gewinnen wollte, so würde sie, wenn sie grundsätzlich mit dem Zonenstempel seinver