30. Jahrgang

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Erscheint

sehhmel wüchentiich

Beschühastelle Ritterstr. 43.

Fernsprecher Nr. 16.

Montag, 8. Januar 1906.

Sisterischer Kalender.

8 Januar: Schlacht bei Deutsch Brod; leg der Hussiten über Kaiser Sigismund, 1422. + Salileo Galilei, berühmter Physiker und #athematiker, gest. 1642— Hans v. Bülow, sgezeichneter Pianist, geb. 1830— Stenograph tolze, gest. 1867.— Dorf Danjoutin bei elfort wird von den Deutschen erstümt, 1871.

Kirchlicher Quartalbericht.

Oktober=Dezember. III

Im Anschluß an unsern vorigen Artikel

ilen wir an dieser Stelle noch mit, daß se Blätter in diesen Tagen die Nachricht rachten, daß sich in mehreren Orten des heinlandes„Vereine für evangelische Frei­eit" gebildet haben, deren Mitglieder ohne weisel Anhänger der neuen Religion sind, belche eine Frucht der modernen Theologie st. Man kann diese Tatsache mit Genug­tung begrüßen. Je klarer die gegenwärtige Situation, um so besser für die Sache des Blaubens. Vielleicht kommt man auf dem Bege dieser Vereine dahin, den Versuch zu hagen, eine neue Kirche zu bilden. Wir äitten in der Tat dagegen nichts einzu­benden. Was die Herren unter evangelischer reiheit verstehen, ist stadtbekannt. Mit er Freiheit, von der Christus und seine postel sprechen, mit der Freiheit, in deren Dienst Luther die babylonische Gefangen­haft der Kirche zerbrach, hat jene Freiheit sichts gemein, denn sie kennt nicht das in Hottes Wort gebundene Gewissn.„Es st der höchste Akt menschlicher

Freiheit, daß sie sich willig dem Behorsam gegen die höchste Autorität rgibt.“— Die höchste Autorität ist

Bottes Wort und alles, was sich nicht un­sedingt darunter beugt, gerät notwendig in ine unwürdige Abhängigkeit von Menschen. Werdet nicht der Menschen Knechte!“ rust

er Apostel. 4

Aus diesem Grunde weisen wir auch die­

enigen zurück, welche es für zeitgemäß salten, der Frau eine andre Stellung in ser Kirche einzuräumen, als sie nach der heiligen Schrift haben soll. Wir haben üher Gelegenheit gehabt, uns gegen das Reden und Beten der Frauen in relig'ösen Persammlungen auszusprechen, wir siid evenso ntschiedene Gegner der Bestrebungen, die

arauf hir zielen, den Frauen das Stimmrecht,

as Wahlrecht in der Kürche zu geben. Ran sagt, die Frauen gehen am flißigsten ur Kirche, an vielen Oten fehleg, die Ränner so gut wie ganz, soll die fcrost­kändige Frau nicht Einfluß haben auf die Bahl eines Predigers, unter dessen Kanzel De jeden Sonntag sitz? soll ihre Stimme

icht gehörtwerden in Gemeindeangelegenheiter,

vo ihr Rat von großem Wert sein kunn? Lie Männer, welche mit ihrem Glauben der Schrift stehn, den Boden der Schrift

stürzen. Und zwar unter der Fahne des Evangeliums! In der strefflichen Zeitschrift „Frauer hülfe, Blätter für Frauenarbeit und evangelische Gemeinde“, die wir bei dieser Gelegenheit gein empfehlen, lesen wir:

„Machen wir Erist mit dem Wahlspruch des Thomas von Kempen: anna nesciri!— zu deutsch: laß es Deine Liebhaberei sein, verborgen zu bleiben“— das ist evingelisch. Und in einem Artikel mit der Unterschrift: „Der Frauenhülfe Herz und Hände“ werden als die Gebiete, in welchen die Frau wirken soll, bezeichnet: Armentflege, Kinde##flege, Krankenpflege, Seelenpflige, Pflege der Teauernden. Haben die.auen etwa daran noch nicht genug?

Wenn unsre Leser frazen, ob denn diese Sache wirklich so ernstlich in Ecwägung ge­zogen sei, so wollen wir nur darauf hin­weisen, doß auf der letzten sächsischen Provinzialy#ode über folgenden Antrag verhandelt worden ist:„Wahlberechtigt sind alle selbständigen, Kirchensteuer zahlen­den, über 24 Jahre alten weiblichen Mitglieder der Gemeinde, wenn sie dies schriftlich beantragen und zugleich das Ge­lübde eines religibsen und kirchlichen Lebens ablegen.“

Der Antrag ist eingebracht worden von den Vorständen von 8 evangelischen Frauen­verbänden: 1. des Deutsch= evangelischen

Frauenbundes, 2. der Berliner kirchlich sozialen Frauengruppe, 3. des Vereins

christlicher Lehrerinnen, 4. des evangelischen Diakonievereins, 5. des Frauenbundes zur Hedung der Sittlichkeit, 6. des Vereins

eim für jurge Mädchen“, Hamburg, 7. des Lehrerinnenvereins für Hinterpommern, 8 des evangelischen Fröbelseminors in Kassel. Der Antrag wurde mit nur 67 Stimmen gegen 63 abgelehnt. Demnach ist mit Sicherheit zu erwarten, deß er bei der nächsten Tagung, also in drei Jahren,

wiederholt werden wird.

erlassen können, wenn es sich um die christ­iche Sitte und um kirchliche Ordnungen andelt, näre urbegreiflich, wenn es nicht eider so viele Männer gäbe, die sich dem nglisch= amerikanischen, methodistischen süssen nicht zu entziehen vermögen, wenn es sicht eine urserer Zeitkrankheiten wäre, unter len Unständen und mit allen Mitteln twas zu schaffen, wodurch man meint der #irche aufhelfen zu köanen. Da überspringt an leichten Hergens die klaren Vorschriften es Neuen Testaments und der sorst so epriesene Apostel Paulus muß sich sagen issen, daß seine Anschauungen für unsere suit nicht mehr passen Er schckte den atlaufenen Sklaven Ouesinus, ais er ihn atte tausen können, seinem Herrn zurück

#ad sagte ihm: Thue deine Pflcht! In userer Zeit heißt es: emanzipiert auch vor

surem Herrn und fordert euer Recht. at das Weib in die Stille, in die Ver sorgenheit gewiesen, heute will man eranziehn und in den Strudel der Parteien

Wer die Wahrheit ist ein„Hochverräter an der Sache des Volkes“.

c. C. Diesen Satz stellt der„Vorwärts“ auf. der allerdings in dieser Hinsicht sich keines „Hochverrats“ schuldig macht; denn er lügt mit vollendeter Vertuosität. Es ist auch ungeheure Seitenheit, wenn ein anberes sozialdemokratisches Blatt über die russische Revolution seinen Lesern die Wahrheit sagt. Die„Proletarier“ mössen in dem Wihne erhalten bleiben, daß die russischen„Frei heitshelden“ von Sieg zu Sieg sortschreiten; denn nur auf diese Weise kann auch in Deutschland eire revolutionäre„Begeiste­rung“ erzeugt werden. Man kann es aso begreifen, daß der„Vorwärts“ außer sich geraten ist. da„Genosse“ Edmund

Fischer=Zittau in seinem Organ„Der

arme Teufel“ einmal ausspricht, was ist, daß er also rundweg die Niederlagen der russischen Revolutionäre zugibt und auch den Be hauplungen widerspricht, daß das russiiche Heer ganz zum Volke übergegangen sei. Der„Vornäts“ verspottet Fischer als „Wippchen in Zittau" und schreibt, seine Ausführungen seien vollendeter Hoch verrat an der Sache des Volkes. Die„Sache des Volkes"! Welch toller Humbug wird von der Sozialdemekcatie mit dieser Phrase getrieben! Rosa Luxembu g. Stadthagen, Medring usw. als Sachwalter des Voke:! Man braucht das bloß aus zu sprechen, um den Wider finn solcher Phrasen aufzudick n; denn nicht einmal das sozial demokratische„Volk“ ist mit dieser Art von Sachwaltern einverstanden. Die Lupziger Volkszeitung“ übrigens leugnet die Neder­lagen der russischen Reb.llen nicht so voll­ständig wie der„Vormärts“; aber sie weiß die Sache so zu drehen, daß die deutschen Sozialrevolutionäre durch diese Mißerfolge nicht entmutigt, sondern eher ermutigt

Das Mehringsche Blatt schreibt

werden.

Fämich:„„Hmaigr Nr. 844

„Die Niederlage der Dezemberrampfer isr nicht die erste, die die russische Revolution erleidet, wohl aber die grötzte. Die Revolution war unbesiegbar und unwiderstehlich, solange sie mit ihren eigenen Waffen kämpfte, mit dem Generalstreik. Sie erlitt aber Niederlage auf Niederlage, sobald sie den Zarismus mit seinen Waffen zu schlagen unter­nahm, mit physischer Gewalt. Im Straßen­kampf hat die Soldateska Väterchens noch immer gesiegt. Ohne Frage: der Militarismus ist in Rußlard erschüttert und der Geist der Rebellion ist in ihm trotz Moskau sehr lebendig. Aber diese Erschütterung ist nicht durch Straßen­schlachten erfolgt. Man weiß vielmehr, daß die sogenannte russische Regierung derartige Straßen­schlachten seit langer Zeit zu provozieren suchte, um in ihnen den Geist der Truppen zu„bessern". Ob es trotz dieser Umstände klug war, das Mittel des bewaffneten Aufstandes zu ergreifen, können wir von hier aus nicht beurteilen, da sich die Meldungen im einzelnen noch zu sehr wider sprechen. Aber das eine ist gewiß: ob Sieg, ob Niederlage, die Moskauer Dezemberschlacht wird in der russischen Rivolution nur eine Episode sein.“

Mehring und mit ihm alle offiziellen sozialdemokratischen Parteistrategen sind der Meinung, der politische Massenstreik sei das Universalmittel, durch welches die Sozial­revolution siegreich sein werde. Die russische Revolution aller hat sich info'g: anfänglicher Schwäche der Regierung folgendermaßen ent­wickelt:„friedliche“ Straßendemonstrationen und Massenversammlungen, porti Ue politische Steeiks, Generalstreiks, beweffete Aufruhre. Wer kann daran zweifeln, daß angesichts der frech aufwieglerischen Sprache der sozial­demokratischen Prisse sich die Massenstreik bewegung bei uns anders entwickeln werde wie in Rußland, wofern ihr nicht gleich im Beginn mit aller Rücksichtslosigkeit entgegen­getreten würde? Die sozialdemokratischen Revolutionshetzer legen es ja darauf an, die Arbeiter zur Mißachtung der Staats gewalt und zur Widersetzlichkeit gegen sie aufzuwiegeln. Sie bleiden freilich— genau wie die eigentlichen Führer in Rußland— in Sicherheit un hüten sich, ihr kostbares Leben aufs Spiel zu setzen; das hat man in Dresden gesehen. Mögen nur die Arbeiter sich hüten, den sozialdemokratischen Hetzparolen Folge zuleisten und den ur­wahren Schilderungen der russischen„Helden­kämpfe“ in der sozialdemokratischen Presse Glauben zu scherken.

Verkündigung

des

Endes der„Fleischnot“.

Einer der lautesten und hitzigsten Rufer im Streite um die„Fleischrot", der Bres­lauer Oberbürgermeister Dr. Bender, hat vor acht Tagen die Fleischteuerung amtlich für beendigt erklärt. Die Breslauer stätt schen Arbeiter baten ihn un Gewührung von Teuerungszulagen und hatten in einer Versammlung einem sozial­demokratischen Redner zugestimmt, der ihnen empfahl, wenn sie abgewiesen würden, sollten sie mit d m Magistrat„russisch reden“. Herr Bender halte elle Ursache, über diese Agitation und auch über die Auswahl der „Deputierten“ ungehalten zu sein; drei von diesen.putierten waren#asarbeiter, deren Lohn im Laufe des vorigen Jahres zweimal erhöht worden war, die beiden Wortführer erhalten jährlich 1158 und 1260 Mk. Die

Wihl solcher Deputierten bed utete eine Herausforderung, und dem Oberbürgermeister kann es nicht verübelt werden, daß er ihnen gegerüber die Autoritä: der Stadtverwaltung zu gebührender Geltung brachte.

Dieser täusliche Streit der Breslauer hat aber eine politische Bedeutung, die Herrn Bender nicht in gleich günstigem Lichte erscheinen läßt. Te: amtliche Bnicht über den Empfung der Arbeiterdeputation am 30 Dez mber weiß über die von den Bitt stellern vorgetragenen Glünde nichts zu melden Das Beeslauer sozialdemokratische Blatt aber verschweigt sie nicht. Nach seiner Darstellung hat der Wortführer der

Arbeiter gesagt:„Herr Oberbürger­meister, Sie haben doch selbst auf dem Städtetage anerkannt, daß

eine Fleischteuerung vorhanden ist,

und doch wollen Sie uns eine Teuerungs= zulage nicht gewähren?" Die Rede Dr. Benders, auf die sich der Sozialdemokrat hier beruft, liegt wenige Wochen zurück. Damals forderte der Städtetag mit allen Stimmen gegen die eine des sehr ver­ständigen Weißenselser Bürgermeisters die Sus pendierung zollpolitischer und veterinär­polizeilicher Gesetze wegen angeblicher„Fleisch­not“ man wollte nach Art der Bären in der Fabel die Fliege mit einem Felsblock erschlagen. Herr Bender war damals nicht klüger als die Mehrheit. Heute dürfte er einsehen, wessen Arbeit er auf dem Städte­tage verrichtet hat: die Sozialdemokratie zitiert ihn gegen ihn selber.

Seine Antwort auf die verfängliche Frage lautete:„Ja, die Fleischpreise sind aber schon wieder billiger ge­worden und werden noch billiger werden.“

Mit dieser Eklärung ist der Städtetag, ist Herrn Benders Rede auf dem Städte­tage und ist überhaupt die ganze Fleischnot­agitation so gründlich gerichtet und abgetan, daß wir nichts mehr hinzuzufügen brauchen.

(Kreuz Zeitung.)

Marokko und das deutsche

Dem„Hann. Cour.“ wird aus Berlin geschrieben: Das deutsche Weißbuch soll be­kanntlich zu Anfang der kommenden Woche dem Reichstage zugehen. Ueber seine Gestalt und seinen verautsichtlichen Inhalt ist in den letzten Tazen schon mancherlei durch­gesickert, und soviel darf auch nach unserer Kenntnis der Dinge als sicher gelten: die Dokumente, die man der deutschen Oeffent­lichkeit vorzulegen gedeikt, werden das Er­gebnis einer sehr sorgfältigen, sehr peinlichen Auslese datstellen. Hier und da— intra muros et extra— hat man während dieser gar zu langen, schleichenden Kuisis unserer Regierung vorgeworfen, auf französische Empfindlichkeiten nicht genügend Rücksicht genommen und ohne Not die verletzt zu haben, die in einem künftigen System euro­päischer Politik(wofür man heute schon viel­leicht besser sagt: Weltpolitik) unsere eigent­lichen.fährten hätten sein mössen..e weit diese Vorwürfe berechtigt sind und ob das Kalkul überhaupt zutrifft, mag in diesem Zusammenhange auf sich beruhen. Soviel steht jedenfalls fest: gegenüber dem deutschen Marokto Weißbuch wird man solche Anklagen kaum aufrecht erhalten können. Vielmehr ist vorauszusehen, daß es seine Farben mit Recht tragen und ungemein unschuldig sein wird. Man hat an hiesizen amtlichen Stillen(und wohl nicht zu Unrecht; dem französischen Geldbuche den Vorwurf gemacht, daß seine Öff nheit nur scheinbar war; daß es an einer bestimmten Stelle plötzlich die Schleier niederwallen ließ und so kein zu­teffindes Bild der Vorgäege vermittelte Diese Mängel auszugleichen ist augenscheinlich die bevorstehende deutsche Publikation be­stimmt. Sie will gewisse Lücken autfüllen; wenn man so will: die Einseitigkeiten der französischen Dekumentensammlung ein wenig korrigieren. Aber sie wünscht sehr dringlich, alles zu vermeiden, was von neuem Oel ins Feuer gießen, Aufsehen erregen und überall Verstimmungen wecken könnte. Aus diesem Grunde publiziert die deutsche Regierung auch kaum den zehnten Teil der Skripturen, die sich in diesen unerfreu­lichen neun Monaten in ihren Schrärken angesammelt haben. Unter der Hand mag sie dann wohl vertraulich auch die anderen Dokumente, die unsere Rechtsansprüche dar­tun, der französischen„zur gefälligen Kenntnis­nahme“ unterbreitet haben.

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